(Mai 2011) Guayaquil ist Ecuadors wichtigste Hafenstadt und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Lebhafte Geschäftigkeit und eine moderne Architektur prägen das Erscheinungsbild des Stadtkerns. Früher wurde die Stadt im Südwesten Ecuadors hauptsächlich von Geschäftsreisenden besucht, sie galt als gefährlich und unsicher. Heute bemüht sich die Stadtverwaltung vermehrt, die Schönheiten Guayaquils auch für Touristen ansprechend zu präsentieren. Fassaden werden hergerichtet, Cafes und Restaurants eröffnet.

Pedro Widler besuchte sein Patenkind und dessen Familie in Ecuador. Foto: privat
Verlässt man den Stadtkern jedoch, zeigt sich ein gänzlich anderes Bild: grau, schmutzig und gefährlich sind Armenviertel wie Cristo del Consuelo an den äußeren Rändern der Stadt. Die Wege sind unbefestigt, die Familien haben kaum sauberes Wasser und Elektrizität. Die Mieten sind dennoch extrem hoch. Hierher kommen vor allem Zuwanderer aus ländlichen Gegenden auf der Suche nach Arbeit. Viele dieser Familien leben hier schon seit Generationen unter schwierigsten Lebensbedingungen. Wer hier aufwächst, dessen Aussichten für die Zukunft sind düster. Die öffentlichen Schulen sind schlecht, die Lehrer vielfach überfordert und die Chancen auf eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz gering. Ein Leben in Armut scheint vorausbestimmt.
Die Kinder werden aufs Leben vorbereitet
Die 14-jährige Violeta ist eine von ihnen. Sie bewohnt mit ihrem Vater, einem arbeitslosen Tischler, ihrer Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern zwei Zimmer in einem bescheidenen Häuschen. Ihr Lebensweg scheint vorausbestimmt, aber doch unterscheidet sie sich von vielen Altersgenossen in Cristo del Consuelo. Denn wenn sie als ihren Berufswunsch „Zahnärztin" angibt, spricht sie nicht von einem unerreichbaren Ziel. Violeta erhält seit ihrem siebten Lebensjahr Unterstützung im Projekt der Kirchengemeinde „Cristo del Consuelo". Im Mittelpunkt der Arbeit des Kindernothilfepartners stehen eine Schule und eine Kindertagesstätte für insgesamt über 2.000 Mädchen und Buben. Hier werden die Kinder aufs Leben vorbereitet, erhalten Schulbildung, Nachhilfe und ganzheitliche Betreuung.
Ungleiche Chancenverteilung ausgleichen
Violeta wird seit 2005 von Pedro Widler aus Wien durch eine Patenschaft unterstützt. Schon dreimal besuchte der Pastoralassistent der Gemeinde Vösendorf während Lateinamerikareisen sein Patenkind in Ecuador und konnte sich ein Bild über die Lebensumstände der Familien machen: „Guayaquil ist eine große Hafenstadt, wo es natürlich auch viel Reichtum gibt. Aber die reichen Viertel sind für Kinder wie Violeta oder ihre Eltern nicht zugänglich. Es gibt einfach Gegenden, wo man hingeht, wenn man Geld hat und wenn man keines hat, bleibt man fern. Auch Kinder bekommen diese Ungerechtigkeit und das soziale Gefälle mit. Ohne Unterstützung ist es schwierig, aus diesen Milieus auszubrechen." Die ungleiche Chancenverteilung ein bisschen auszugleichen, das war die Motivation von Pedro Widler, sich für eine Patenschaft bei der Kindernothilfe zu entscheiden: „Es ist dies eine Chance, zumindest einem Kind eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Die staatlichen Schulen in Ecuador haben oft einen schlechten Ruf, die Ausstattung ist mangelhaft. Eine Patenschaft ist eine gute Möglichkeit zu sagen, man schafft zwar nicht alles, aber man kann doch punktuell ansetzen. Ich bin überzeugt davon, dass das einen Unterschied macht."
Ausbruch aus einem Leben in Armut
Die Arbeit im Projekt des Kindernothilfepartners hilft Kindern wie Violeta, aus einem scheinbar vorgegebenen Leben in Armut auszubrechen und eigene Träume zu verwirklichen. Davon ist auch Pedro Widler überzeugt: „Schon als kleines Kind interessierte sich Violeta für Naturwissenschaften und beeindruckte durch gute Noten. Im Projekt werden Kinder wie sie, die aus den ärmsten Verhältnissen kommen, gezielt schulisch gefördert. Ich glaube, Violeta hat eine realistische Chance, ihre Ziele zu erreichen. Dass sie es ohne Unterstützung schaffen würde, halte ich für unwahrscheinlich. Diese Kinder brauchen Chancen."
Bis zur nächsten Reise nach Ecuador schreiben sich Pedro Widler und Violeta weiterhin Briefe. „Ich wünsche mir, dass wir regelmäßigeren Kontakt haben." sagt Pedro Widler und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und dass sich meine Spanischkenntnisse weiter verbessern." Außerdem überbrückt der Pastoralassistent die Wartezeit mit Vorträgen über seine bisherigen Reisen: „Die Leute in der Gemeinde Vösendorf wissen, dass ich oft unterwegs bin und fragen, ob ich mal was zeigen kann. Das mach ich natürlich gerne. Und ein wichtiger Bestandteil meiner Vorträge sind natürlich Violeta und ihre Familie."
Das Gespräch führte Kindernothilfe-Mitarbeiterin Isabelle Mennig
Isabelle Mennig