
Kinderarbeiter mit Sozialarbeiterin
Foto: Alena Sirka
Sechs Monate waren Alena Sirka und Sebastian Bred aus Österreich in Mittel- und Lateinamerika unterwegs, um Projekte zur Armutsbekämpfung kennen zu lernen. Im Juli 2006 machten sie Station bei einem Kindernothilfe-Projekt in Peru, in dem Kinderarbeiter Hilfe erhalten. So schildern Alena und Sebastian ihre Eindrücke von ganz besonderen Begegnungen in Cajamarca/Peru.
An einem sonnigen Julitag flattert eine Postwurfsendung der Kindernothilfe Österreich ins Haus: ein Spendenaufruf zum Thema Kinderarbeit, unter anderem für Kinder in Peru. Neugierig geworden, lese ich das Blatt genau und bin - na, sagen wir mal - verunsichert: Das Projekt steht nicht unter dem Motto „Abschaffung von Kinderarbeit", sondern unterstützt im Gegenteil die auf der Straße arbeitenden Kinder und Jugendlichen noch bei ihrer Arbeit! Was ist DAS denn?, denke ich. Kinderarbeit pfui, das weiß doch jeder, da muss man doch dagegen sein. Wie immer ist die Angelegenheit bei genauerem Hinsehen nicht so einfach. Daher denke ich, also gut, das will ich mir genauer ansehen. Und schreibe gleich eine E-Mail an die Kindernothilfe mit der Bitte, das Projekt besuchen zu können. Die Antwort folgt prompt und freundlich: Sehr gern, melden Sie sich bei der Partnerorganisation vor Ort, jederzeit willkommen.
Und hier sind wir nun, ein paar Monate später, an einem trockenen Herbstmorgen in Cajamarca in Nordperu, einer der ärmsten Gegenden Perus. Wir treffen Marcela Rabanal, Projektkoordinatorin, und eine der Educadoras (Sozialarbeiterinnen), Jacqueline Arribasplata. Beide arbeiten für IINCAP (Instituto de Investigacion y Capacitacion Profesional), die Partnerorganisation der Kindernothilfe Österreich vor Ort.
IINCAP arbeitet mit so genannten NATs: „Niños/Niñas y Adolescentes Trabajadores de la calle", also mit Kindern und Jugend-lichen, die als Straßenarbeiter für ihr Überleben sorgen. Sie sind zumeist von Kindesbeinen an als Autowäscher, Schuhputzer, Straßenverkäufer oder Lastenträger auf dem Markt tätig. Außerdem helfen sie zu Hause, bei der Feldarbeit oder passen auf ihre jüngeren Geschwister auf. Da bleibt keine Zeit, in die Schule zu gehen – auch das Schulgeld können sich nur wenige Familien leisten. Ca 60 Prozent der Kinder in und rund um Cajamarca besuchen keine Schule.
Jetzt verstehe ich, dass man Kinderarbeit nicht einfach abschaffen kann – sie ist eine Realität, der man nicht mit einer Einzelmaßnahme beikommen kann. IINCAP verfolgt einen breiten Hilfsansatz in vier Bereichen: der Erziehung und Ausbildung, der beruflichen Schulung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Ernährung und Gesundheit sowie der Stärkung von Organisation und Bürgerbeteiligung.
Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, wurden auf der Straße bei ihrer Arbeit angesprochen. Und die Arbeit ist es auch, die aus ihnen im Laufe der Zeit eine Gemeinschaft machte. Die Kinder werden auf der Straße betreut, wo sie regionale Gruppen oder Gruppen nach Berufssparten bilden. Um jede Gruppe kümmert sich eine Sozialarbeiterin und es gibt regelmäßige Treffen direkt vor Ort auf der Straße. Die Kindergruppen haben im Projekt gelernt, sich zu organisieren. Sie bilden eigene Komitees, mit einem gewählten Präsidenten und einem Vizepräsidenten.

Kindertanzgruppe mit Alena Sirka
Foto: Sebastian Bred
Die Kinder lernen, wie sie effizienter und organisierter arbeiten können. Sie erstellen einfache Geschäftspläne und sind nun besser in der Lage, in weniger Zeit und mit weniger Energie zum Überleben der Familie beizutragen. Viele der Kinder fahren die Einkäufe der Marktbesucher gegen Entgelt nach Hause. Früher fuhren die Mädchen und Buben Lasten mit für sie viel zu großen Karren. Die Sozialarbeiter stellen ihnen kleinere Leiterwagen zur Verfügung, mit denen sie schneller und wendiger durch das Markttreiben kommen und nebenbei auch nur Lasten, die für ihre Größe „tragbar" sind, tranportieren.
Die Sozialarbeiterinnen besuchen auch die Familien der Kinder und erarbeiten gemeinsam, welche Hilfe benötigt wird, um den Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die Familie gibt dazu, was sie kann, und IINCAP steuert den Rest bei. Viele der Eltern sind Analphabeten oder haben keinen Schulabschluss. Trotzdem wird ihnen schnell klar, wie wichtig die Ausbildung für ihre Kinder ist. Die Mädchen und Buben erhalten auch bei den Hausaufgaben Unterstützung. Die Kinder nehmen an Kursen zur Stärkung der sozialen Fähigkeiten und zur Aufklärung über Kinderrechte teil. In einer Tanzgruppe und einem Fußballteam können sie ihre künstlerischen und sportlichen Fähigkeiten weiterentwickeln.
Bei unserem Besuch in Cajamarca haben wir sehr viele schwierige Einzelschicksale kennen gelernt. Dabei haben wir erkannt, dass es Sinn macht, Kindern die Arbeit zu erleichtern und nicht Kinderarbeit sofort zu verbieten, da die Familien auf diese Einkünfte angewiesen sind. Die von IINCAP betreuten Kinder, Jugendlichen und ihre Familien haben jedenfalls die Möglichkeit erhalten, sich auf vielen Ebenen weiterzuentwickeln – und dadurch langfristig aus der extremen Armut auszubrechen.