
PR-Bild-Award 2011, zweiter Platz in der NGO-Kategorie. Foto: Manfred Fesl
Die Zeit ist gnädig, an Tagen wie diesen. Seit Wochen gab es keinen starken Regen. Der Capulong River führt einen niedrigen Wasserstand, somit braucht Antonio mit seiner Familie keine Angst haben. Jene schlimme Angst davor, um von den plötzlich steigenden Wassermassen des verdreckten Flusses wieder fliehen zu müssen.
Seit vier Jahren lebt Antonio mit seiner Mutter, Großmutter und seinen vier Geschwistern in einem filigranen Holzverschlag unter einer maroden Brücke. Tausende von schweren LKW's donnern täglich die stark befahrene Straße über sie hinweg. Dabei beginnt jedes Mal die gesamte Bretterkonstruktion unweigerlich zu vibrieren, die nur mit Seilen an die Brückenunterseite gehängt ist. Auf etwa sechs Quadratmetern Holzboden, durch dessen breite Ritzen einen halben Meter tiefer die stinkige, graubraune Brühe des Flusses träge vorbeizieht, wird gelebt, existiert.
Antonios Vater erkrankte vor einem halben Jahr an einer schweren Magen-Darm-Infektion und verstarb. Medizinische Hilfe für Menschen unter der Brücke gibt es nicht, denn sie müsste bezahlt werden. Nun versucht Antonio, die Vaterrolle in der Familie zu übernehmen. Schwer krank zu werden, so wie sein Vater, davor hat Antonio am meisten Angst. Denn niemand wird ihm dann helfen. Wer würde sich gar seiner Familie annehmen? Wer würde täglich auf fahrende LKW's aufspringen, um damit zum großen Markt am anderen Ende der Stadt zu gelangen. Und das nur, um dort weggeworfenes Gemüse oder manchmal auch Obst zu finden?
Doch sie ist gnädig, die Zeit. Vor kurzem lernte Antonio bei seiner „Marktfahrt" einen Jungen kennen, der ihm von den Müllbergen in Patayas erzählte. Dort sei mit dem Sammeln von Metallen und Kunststoffen Geld zu verdienen, berichtete ihm der. Ein wenig Geld, das seine Mutter so dringend bräuchte, um die kleinen Geschwister durch zu füttern. 40 Peso (knapp 1 Dollar) wird dort von den Zwischenhändlern für fünf Kilogramm transparente, gewaschene Kunststoff-Folie bezahlt, lässt ihn der Junge wissen. Diese Chance auf ein paar Dollar in der Woche nützt Antonio. Auch wenn er somit tagelang am Rande des scheußlich stinkenden Müllbergs, inmitten anderer „Dumpsite-People", so wie die Menschen dort genannt werden, leben und schlafen muss.
Aus ein paar Stöcken und Folien ist schnell eine Art Zelt gebastelt, welches ihm für die Tage in Patayas als Schlafplatz dient. Jene Freude, die er mit dem dort verdienten Geld seiner Mutter macht, lässt ihn über viele widrige Umstände hinwegsehen. Er weiß, dies ist seine derzeit einzige Möglichkeit um seine Familie über Wasser zu halten. Über dem Wasser des grausigen Capulong River. Im Smokey-Mountain, wie der Müllberg noch genannt wird, da er ständig irgendwo zu brennen beginnt, sieht Antonio eine weitere Hoffnung. Jener Gruppe anzugehören, welche nach Metallen suchen, wäre sein nächstes großes Ziel. Metall - oder noch einträglicher - Kupfer, welches aus gesammelten Kabeln geschnitten wird, bringt den Topverdienst am Müllhaufen.
Doch den Zugang zu dieser Gang muss Antonio erst finden. Die Regeln der Müll-Mafia sind auch am Smokey-Mountain einzuhalten. Kupfer darf nicht jeder sammeln, und Antonio ist derzeit nur ein „Jeder", wie so viele tausende andere Sammler auch. Mit Sicherheit wird er eines Tages auch nach Metallen im riesigen Misthaufen graben, und damit vielleicht so viel verdienen, um sich irgendwann seinen großen Traum zu erfüllen - ein eigenes Tricycle. Ein Motorrad mit angebauter Beiwagenkabine, mit dem er in Metro-Manila Menschen durch die verstopften Straßen chauffieren wird. Dann nämlich würden die Pesos sogar für einen Schulbesuch seiner kleinen Schwester Chava reichen, und für Medizin und für... und... und... Chava lächelt. Sie mag Ihren Bruder sehr. Er gibt ihr Hoffnung, lässt sie träumen. Träumen von einer Zukunft, in der sie zur Schule gehen wird, und dort täglich ein Mittagsmahl bekommt. Davon träumen hunderttausende Kinder in Manila - und sie lächeln dabei. Sie träumen nur, haben nichts als Elend um sich, aber sie lächeln...
Manfred Fesl,
Fotograf und freier Redakteur, besuchte das Kindernothilfe-Projekt 29052 im Frühjahr 2010 und gibt in diesem Bericht seine Eindrücke wieder.
Link: Weitere Infos zum Projekt 29052
Gottfried Mernyi