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Literaturtipps

Der Kampf ist noch nicht zu Ende – China Keitetsi bei der Kindernothilfe

Von Gunhild Aiyub

Mit neun Jahren rennt China Keitetsi von zu Hause weg. Sie gerät in die Hände der National Resistance Army (NRA) und wird für den Bürgerkrieg in Uganda zur Soldatin ausgebildet. Irgendwann ist das Töten für sie alltäglich. Erst mit 19 Jahren gelingt China die Flucht. Heute lebt die 26-Jährige in Dänemark und setzt sich für den Schutz und die Befreiung von Kindersoldaten ein. Im  Februar 2003 stellt sie in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle ihr Buch "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" vor.

China KeitetsiFoto: Ralf Krämer Als die zerbrechlich wirkende, schüchterne junge Frau anfängt zu reden, wird es mucksmäuschenstill. Offen und schonungslos erzählt sie aus ihrer Vergangenheit. Immer wieder kämpft sie mit den Tränen. Sie wusste schon vorher, dass sie auch dieses Mal weinen wird, wenn sie über ihre Erinnerungen spricht. Trotzdem sucht sie öffentliche Auftritte. Denn Reden ist Teil ihrer Therapie. “Als ich Soldatin war, wurde uns gesagt: ‚Ein Soldat weint nicht! Ein Soldat gibt nicht auf!‘ Alles, was passierte, musste man für sich behalten. Man musste immer so tun, als wäre nichts geschehen. Wenn wir unsere Feinde folterten, fühlten wir tief in uns drin Mitleid mit ihnen, aber nach außen mussten wir lächeln. Aber seit ich in Dänemark bin, kann ich endlich weinen, und das hat mir geholfen. Mein Psychologe sagte zu mir: ‚Natürlich weint ein Soldat.‘
Es tut weh, über früher zu reden, natürlich, und es wird auch nie aufhören, weh zu tun. Aber es hilft mir auch, mich besser zu fühlen, alles rauszulassen. Es hilft mir zu lernen, mit der Vergangenheit zu leben. Ich rede auch darüber, weil ich damit meinen Freunden, die immer noch Kindersoldaten sind, helfen will.”
Auch das Schreiben ist Therapie, um die entsetzlichen Erlebnisse, die sich ins Gedächtnis der 26-Jährigen gebrannt haben, zu verarbeiten. Sie hat ein Buch geschrieben, das 2002 auch in Deutschland veröffentlicht wurde: ”Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr. Mein Leben als Kindersoldatin” (Ullstein Verlag).

Vom Prügelobjekt im Elternhaus...
China Keitetsi ist erst neun, als sie von zu Hause wegläuft. Sie kann die Misshandlungen von Vater, Stiefmutter und Großmutter nicht mehr aushalten. “Sie haben mich verprügelt, bis ich blutend am Boden lag. Einmal hat mein Vater mir eine Rippe gebrochen. Im Krankenhaus sollte ich erzählen, ich wäre vom Baum gefallen. In Uganda ist es normal, dass Kinder so behandelt werden. Sie werden nicht wie hier in Deutschland als eigenständige Personen angesehen. Kinder zählen als Besitz, als Eigentum. Ein Vater kann sein sogar Kind totschlagen, und ich kenne solche Fälle.”
Irgendwann hält das kleine Mädchen die Situation zu Hause nicht mehr aus. Es irrt umher und wird von der National Resistance Army (NRA), die gegen den damaligen Staatspräsidenten Milton Obote kämpft, aufgegriffen. Ihr Anführer ist Yoweri Museveni, seit 1986 Regierungsoberhaupt Ugandas. Gemeinsam mit anderen Kindern wird China für den Bürgerkrieg zur Soldatin ausgebildet. Hier erhält die Neunjährige den Namen China. “Mein nordugandischer Ausbilder konnte meinen westugandischen Namen nicht aussprechen. Wegen meiner ‚ chinesischen Augen‘ nannte er mich China.”

China Keitetsi, Ex-Kindersoldatin aus Uganda, bei der KNHFoto: Ralf Krämer ... zum Kanonenfutter der Armee
Zunächst hält das Mädchen den militärischen Drill für ein Spiel, doch schon bei ihrem ersten Einsatz wird daraus blutiger Ernst. “Wir Kinder sollten uns auf eine Straße setzen und spielen. Unsere Einheit hatte sich im Gebüsch versteckt. Dann kam ein Konvoi der Regierungstruppen. Die Wagen hielten an und die Soldaten stiegen aus. Unsere Soldaten sollten erst schießen, wenn wir uns in Sicherheit gebracht hatte. Doch sie eröffneten schon vorher das Feuer."
China wird Zeugin von Folter und Mord und irgendwann selbst zur Täterin. “Wir waren unseren Anführern gegenüber absolut loyal. Und wir gehorchten ihnen mit der Zeit wie Roboter. Deshalb wurden auch am liebsten Kinder als Bodyguards eingesetzt. Kinder sind schnell, absolut loyal und vertrauenswürdig. Wir rannten 24 Stunden hinter unseren Chefs her. Egal, was sie uns antaten. Wir haben nie an morgen gedacht. Mein Chef war für mich wie ein Gott, der alles sieht, was ich denke.
Unsere Vorgesetzten waren stolz auf uns und erzählten den Zivilisten immer wieder, wie gefährlich wir waren. Wir begingen unzählige Gräueltaten, nur um unseren Chefs eine Freude zu machen. Ich fühle mich schuldig, weil ich jahrelang das Leben anderer Menschen beendet habe. Vielleicht hatten diese Menschen einen Sohn, eine Tochter. Ich frage mich immer wieder, wo diese Kinder heute sind.”

Weibliche Bodyguards bevorzugt
China sieht, wie ihre Freunde im Kampf fallen oder sich selbst töten, weil sie den Wahnsinn nicht mehr ertragen können. Schikane und Vergewaltigungen von Vorgesetzten sind an der Tagesordnung. “Unsere Chefs wollten lieber Mädchen als Bodyguards haben, damit sie mit uns schlafen konnten. Viele Mädchen sind bei einer Abtreibung gestorben. Wir haben unsere Chefs als unsere Väter angesehen, und sie haben uns missbraucht. Noch heute fühle ich mich beschmutzt, versuche bei jedem Duschen, diesen Schmutz abzuwaschen, aber es geht nicht. Diese Männer haben mir die Würde genommen, ein Mädchen, eine Frau zu sein.” Lieutenant Colonel Moses Drago ist der erste Mann, bei dem sie sich geborgen fühlt. Sie ist erst 14, als sie zum ersten Mal schwanger wird. Sie bekommt einen Sohn, der auch heute noch in Uganda lebt.  “Ich habe ihn acht Jahre lang nicht gesehen. Ich hatte nie eine Chance, mit ihm zusammenzusein. Er war sieben Monate alt, als ich wieder in den Norden an die Front geschickt wurde. Erst seit ich in Dänemark bin, habe ich wieder Kontakt zu ihm. Ich liebe ihn, natürlich, aber ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl, das ich nicht beschreiben kann, wenn er am Telefon “Mutter” zu mir sagt. Die Vereinten Nationen versuchen jetzt, ihn nach Dänemark zu holen.”
Trotz der Brutalität, der Vergewaltigungen, der Intrigen wird die Armee elf Jahre lang ihr Zuhause. Die Schuld daran gibt sie ihrem Vater und ihrer Stiefmutter. Sie haben sie von zu Hause vertrieben. Dorthin wollte sie auf keinen Fall wieder zurück. Und wohin hätte sie sonst flüchten sollen?

Auf Umwegen in die Freiheit
Erst mit 19 Jahren gelingt ihr die Flucht. Ihr Weg durch vier afrikanische Länder führt sie schließlich nach Südafrika. Noch immer ist sie nicht in Sicherheit – der ugandische Geheimdienst kidnappt sie und foltert sie monatelang. “Diese Leute haben mir Narben zugefügt, die mein ganzes Leben lang bleiben werden. Bei jedem Duschen fühle ich sie. Ich wünschte, ich könnte sie abwaschen.
Als mir endlich die Flucht glückte, wollte mich die südafrikanische Ausländerbehörde nicht im Land behalten, weil sie nicht für meine Sicherheit garantieren konnte. Sie schickte mich zu den Vereinten Nationen und die fragten mich, wo ich gerne hin wollte. Ich sagte: Deutschland. Eines Tages erfuhr ich, dass Dänemark mich aufnehmen wollte. Darüber war ich zuerst nicht begeistert – ich dachte, Dänemark, das liegt irgendwo in Afrika. Erst als sie mir sagten, dieses Land sei noch weiter von Afrika entfernt als Deutschland, war ich beruhigt!
Ich habe jetzt einen dänischen Vater, und ich fühle mich in Dänemark wirklich zu Hause, zum ersten Mal im Leben. Ich hatte nie gedacht, dass es ein Land geben könnte, in dem ich mich sicher fühlen könnte. Dänemark ist das erste Land, das mir Hoffnung gegeben hat, das meine Sicht, die Welt zu sehen, verändert hat. Ich habe hier das erste Mal erfahren, was es heißt, angenommen und geliebt zu werden.
In Uganda habe ich keine Verwandten mehr. Mein Vater, meine Mutter und meine Schwestern sind tot. Eine Schwester starb beim Völkermord in Ruanda, die anderen beiden an Aids. Mein Vater und meine Stiefmutter sind an unserem Schicksal schuld, denn wir alle liefen von zu Hause fort, als wir noch sehr jung waren.”

Grafik: purwerk Immer noch Kinder an der Front
Heute setzt sich China Keitetsi für den Schutz und die Befreiung von Kindersoldaten ein. Am 12. Februar 2002 traten neue internationale Richtlinien für den Einsatz von Kindern in Kriegen in Kraft. 45 Staaten haben dieses sogenannte Zusatzprotokoll zur Kinderrechtskonvention inzwischen ratifiziert. Auch Uganda. Doch noch immer werden dort Kindersoldaten eingesetzt.
“In Norduganda gibt es seit fast 17 Jahren Rebellengruppen. Seitdem wurden Hunderte von Kindern rekrutiert, die meisten der 13-, 14-jährigen Mädchen sind schwanger oder haben schon Kinder. Ich habe diese Kinder gesehen – viele hatten keine Arme, anderen hatte man die Lippen durchstochen und mit einem Vorhängeschloss den Mund verschlossen.
Im Jahr 2001 verschleppte Musevenis Regierung fast 700 Kinder aus dem Kongo. Sie wurden in einem Militärcamp in Uganda ausgebildet und zu den Rebellengruppen im Kongo geschickt, die von der ugandischen Regierung unterstützt wurden. Viele dieser Kinder haben die Ausbildung nicht überlebt. Ich war so traurig, dass Museveni immer noch Kinder benutzt, und dann noch aus einem anderen Land. Dies alles wurde im Fernsehen gesendet. Die Welt konnte es sehen, aber ich glaube, dass sie nicht wirklich wissen will, was die Regierung in Uganda macht. Denn nie hat irgendjemand etwas zu Museveni gesagt.”

Museveni verleumdet seine Ex-Soldatin...

Chinas Keitetsis Buch hat in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt. Jetzt reagierte die ugandische Regierung und stellte die ehemalige Kindersoldatin als Lügnerin hin. “Wie kann ich lügen, wenn es Menschen gibt, die mich kennen? Ich habe gerade eine E-Mail von einem ehemaligen ugandischen Kindersoldaten bekommen. Wir hatten beide gedacht, der andere wär‘ tot.. Er lebt heute in England. Ich war so froh, von ihm zu hören. Als ich in den USA war, habe ich einen anderen ehemaligen Kindersoldaten wiedergetroffen. Ich hatte ihn neun Jahre lang nicht gesehen. Wenn Museveni sagt, ich lüge, was ist dann mit den Menschen, die mich von früher kennen und meine Geschichte bestätigen?
1986 erlebten die Bewohner von Kampala, wie wir Kinder in die Stadt einmarschierten und die Kontrolle übernahmen. Es war das erste Mal, dass die ugandische Zivilbevölkerung Kinder und Frauen sah, die ein Gewehr trugen. Ich erinnere mich, dass sie uns “Killer” nannten. Sie behaupteten, wir Kinder seien die gefährlichsten Soldaten in der Armee.
Mein Freund Fred war Musevenis Bodyguard, bis er starb. Alle Bodyguards von Museveni waren Kinder. Auf meiner Website gibt es ein Foto von Fred, aufgenommen vor Musevenis Haus in Entebbe. Und der Junge trägt eine Pistole...”

... um vor der Welt sein Gesicht zu wahren
“Erwarten Sie nicht, dass Museveni ja zu dem sagt, was ich geschrieben habe. Er will sein Gesicht wahren, will gut vor der Welt darstellen. Von seinem Standpunkt aus muss er mich als Lügnerin darstellen. Die Welt muss wählen, ob sie mir oder ihm glaubt.
Sie sehen heute eine junge Frau vor sich. Aber ich weiß nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Und das tut weh. Ich war elf Jahre in der Armee. Ich habe immer Militäruniform getragen. Meine Art zu gehen und zu denken ist die eines Jungen. Andere Mädchen in meinem Alter tragen Lippenstift, ziehen sich schön, sie verbringen 30 Minuten vor dem Spiegel im Badezimmer – ich habe Angst, in mein eigenes Gesicht zu blicken.
Museveni hat mir meine Kindheit genommen, mein Frausein. Ich lebe, als hätte ich keine Organe, als wäre ich innerlich leer.
Jeden Tag muss ich irgendetwas finden, das mich zum Lachen bringt. Denn wenn ich nur weine und an das denke, was geschehen ist, werde ich aggressiv. Ich gehe immer noch zum Psychologen, vielleicht noch für eine lange Zeit. Aber es hilft mir zu denken, dass ich mein Bestes gebe, damit kein anderes Kind das fühlen muss, was ich heute fühle.”

Appell an Museveni und an uns
Im Nachwort ihres Buches ruft China Keitetsi ihren ehemaligen Befehlshaber Museveni dazu auf, den ersten Schritt zu tun und in seiner Armee auf Kinder zu verzichten. Die Kindersoldaten waren immerhin seine Erfindung – er war der erste afrikanische Anführer, der Minderjährige einsetzte: “Aber du kannst es wieder gutmachen. Es muss dich nicht einmal das Leben kosten, nur ein winziges bisschen deiner kostbaren Zeit. Andere werden deinem Beispiel folgen, wenn du bereit bist, der Mutter ihr Kind zurückzugeben.”
Und an uns appelliert sie: “Die Welt muss endlich wahrnehmen, was sie uns angetan hat. Die Erwachsenen sind für all das Böse verantwortlich, nicht wir Kinder. Wir haben nur gehorcht. Jeder, der ein Kind in irgendeiner Weise missbraucht, muss bestraft werden. Die Welt hat die Verantwortung, jedes Kind auf dieser Erde zu retten.”

 


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