
Mädchen in Pakistan ein Jahr nach der großen Flut. Foto: Kindernothilfe/Großmann(August 2011) Die Jahrhundertflut in Pakistan im August 2010 hat enorme Verwüstungen hinterlassen. Rund ein Fünftel des gesamten Landes stand zeitweise unter Wasser und hat rund 1,6 Millionen Häuser zerstört. Rund 14 Millionen Menschen sind seither auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Seit dem Beginn der Flutkatastrophe im August 2010 konnte die Kindernothilfe über ihre lokalen Partner 140.000 Menschen erreichen und deren Überleben sichern. Doch die Langzeitfolgen der Flut sind vor allem für die Kinder dramatisch. Viele von ihnen haben ihre Familienangehörigen auf der Flucht vor den Wassermassen verloren. Diese Kinder leiden ganz besonders unter dem Mangel an sozialer Absicherung. Ernährung, Bildung und Gesundheitsvorsorge sind in weiten Teilen Pakistans nicht sichergestellt.
Unmittelbar nach der Flut errichtete die Kindernothilfe in den Überschwemmungsgebieten insgesamt 87 Kinderzentren. Hier werden zahlreiche Buben und Mädchen mit ausreichend Essen und sauberem Trinkwasser versorgt. Die Zentren ermöglichen ihnen auch schulischen Unterricht, sorgen für einen geregelten Tagesablauf und stellen psychosoziale Betreuung sicher. Zu ihrem Schutz und um Kinderhandel zu vermeiden, wurden alle Kinder zudem ordnungsgemäß registriert.

Regelmäßiger Unterricht und Freizeitgestaltung in provisorischen Schulen. Foto: Kindernothilfe/Großmann
Da in den ländlichen Gebieten Pakistans noch immer eine geringe Alphabetisierungsrate vorherrscht und viele Bildungseinrichtungen durch die Flut zerstört waren, wurden inzwischen etliche der Kinderzentren in provisorische Schulen umgewandelt. Diese Zentren spielen im Alltag der Mädchen und Buben nach wie vor eine besondere Rolle. Hier fördern wir die Kinder durch regelmäßigen Schulunterricht und helfen ihnen durch spielbetonte Freizeitgestaltung ihre Erlebnisse besser zu verarbeiten. Die Zuwendung des Mitarbeiterteams gibt den sonst oft auf sich allein gestellten Kindern Sicherheit, stärkt ihr Selbstwertgefühl und lässt sie zumindest für ein paar Stunden am Tag wieder Kind sein.
Die Flutkatastrophe in Pakistan hat die bereits davor schwierige Situation für Kinder im ganzen Land weiter verschärft. Viele der Kinder sind vor der Armut in den Überflutungsgebieten oder wegen der verbreiteten häuslichen Gewalt in die Großstädte geflohen. Dort landen viele in der Nähe der Busbahnhöfe auf der Straße und versuchen, sich mit Müll sammeln, Hilfsarbeiten oder Betteln durchschlagen. Für diese Kinder hat die Kindernothilfe ihre Kapazitäten in den drei Städten Rawalpindi, Peshawar, Hyderabad ausgeweitet und errichtet ein viertes Zentrum in Multan. Auch hier sind diese Drop-In-Center für viele Straßenkinder die einzige Anlaufstelle, wo sich Erwachsene liebevoll um sie kümmern. Die Mädchen und Buben finden Schutz vor der drohenden Gewalt auf der Straße und erhalten Mahlzeiten, sauberes Trinkwasser und Bildungsmöglichkeiten. Die Mitarbeiter der Zentren bemühen sich aber auch um die Wiedereingliederung und Begleitung der Kinder in ihre Herkunftsfamilien. Falls dies nicht gelingt, werden Pflegefamilien gefunden, die bereit sind, die Mädchen und Buben aufnehmen.
Eine langfristig erfolgreiche Bekämpfung von Kinderarmut in Pakistan muss Ernährung, Bildung und Gesundheitsversorgung sicherstellen. Der lokale Partner SPARC stellt dazu in seinem von der Kindernothilfe geförderten umfassenden Bericht zur Lage der Kinder in Pakistan 2010 fest: „Die Gesundheits- und Ernährungslage von rund 3,5 Millionen Kindern ist durch Ernteausfälle und Wasserverunreinigung weiterhin kritisch. 10.407 Schulen und andere Bildungseinrichtungen wurden zerstört, ein schneller umfassender Wiederaufbau ist nicht in Sicht." Die Untersuchungen von SPARC weisen nach, dass die gestiegene Armut viele Familien zwingt, jedes Mitglied arbeiten zu schicken, auch Kinder.
Um diese Probleme langfristig zu lösen, muss vor allem die durch die Flut verschärfte Armut in Pakistan bekämpft werden. Deshalb baut die Kindernothilfe nicht nur Schulen wieder auf, sondern versucht in begonnenen Entwicklungsprojekten auch die wirtschaftliche und rechtliche Lage der Familien zu stärken. So werden Selbsthilfegruppen gefördert, die durch gemeinsame Vermarktung ihrer landwirtschaftlichen Produkte und durch Sparprogramme schrittweise die Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern zu verringern. Auf diese Weise können sie sich selbst aus der Armut und der in Pakistan noch immer weitverbreiteten Schuldknechtschaft befreien.
Gottfried Mernyi