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Alinx Jean-Baptiste unterhält sich mit einer Frau. (Quelle: Jürgen Schübelin)

„Weil es Freude macht!“

Alinx Jean-Baptiste, 44 Jahre, Landesdirektor, Kindernothilfe-Büro Port-au-Prince, Haiti

Wie kommt ein haitianischer Bauingenieur mit einem Hochschulabschluss aus Hannover dazu, nun schon seit fast 15 Jahren für die Kindernothilfe zu arbeiten?

Alinx Jean-Baptiste: Weil es einfach Freude macht! Meine Ausbildung ist doch eine ordentliche Grundlage, um hier meine Aufgabe gut schultern zu können. Seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 stehen wir vor der gewaltigen Herausforderung, auch unseren Beitrag dafür zu leisten, dass für Kinder wieder genügend Unterrichtsräume zur Verfügung stehen. Deswegen haben wir in vier Jahren neun Schulen wieder aufgebaut. Nach meinem Studium in Deutschland arbeitete ich zunächst für eine andere Entwicklungsorganisation, ehe mich die Kindernothilfe fragte, ob ich die Leitung ihres Haiti-Programms übernehmen wolle. Jahrelang war ich in der Szene der internationalen Entwicklungswerke in Haiti der einzige Einheimische in einer solchen Funktion. Aber die Ausnahme von der Regel zu sein, ist ja nichts Schlechtes: Unter all meinen haitianischen Studienkollegen, die mit mir an der Uni in Deutschland waren, bin ich der Einzige, der nach dem Abschluss nach Haiti zurückgekehrt ist. Darin liegt aber auch ein Teil unserer Tragödie, dass nämlich junge, gut ausgebildete Leute viel zu selten für sich eine Perspektive sehen, um in Haiti zu bleiben und hier zu arbeiten.

Ganz oft liest man in Deutschland, dass gerade im Fall von Haiti ein nicht unerheblicher Teil der internationalen Hilfe, die etwa nach dem Erdbeben ins Land floss, relativ wirkungslos blieb...

Jean-Baptiste: Da muss man schon etwas genauer hinschauen und differenzieren. Hier ist in den zurückliegenden fünf Jahren eine Menge geschehen. Bis auf einen kleinen Rest konnten die 1,5 Millionen Menschen, die nach dem Erdbeben in Zelten und Notunterkünften Zuflucht suchten, diese Camps in der Zwischenzeit wieder verlassen. Und schon am Stadtbild von Port-au-Prince sieht man, was sich verändert. Nach und nach wird wieder aufgebaut, entsteht erneut ein Stadtzentrum, gibt es Verbesserungen im Straßen- oder beim Stromnetz. Natürlich bleibt noch unendlich viel zu tun, der Staat muss sich noch viel stärker engagieren, beispielsweise bei der Schaffung von öffentlichem Schulraum und kommunaler Infrastruktur.

Worin besteht in der Rückschau dieser fünf Jahre die wichtigste Veränderung?

Jean-Baptiste: Die Menschen, die das Erdbeben und die Monate danach überlebt haben, sind heute mental stärker. Sie haben nach und nach den Schock überwunden und ihre Trauer bearbeitet. Die Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen, die ich beispielsweise in den von uns geförderten Projekten erlebe, haben wieder Mut gefunden. Sie haben für sich die Entscheidung gefällt, neu anzufangen, obwohl Haiti immer noch ein extrem armes Land ist. Dabei geht es auch um die Entscheidung, dafür zu kämpfen, ein Leben in Würde zu führen. Natürlich mangelt es nach wie vor an großangelegten öffentlichen Programmen, die Arbeit schaffen, trotzdem entwickeln die Leute jede Menge Initiativen, um voran zu kommen.

Und wie fällt die Bilanz im Blick auf die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen aus?

Jean-Baptiste: Auch hier gibt es Licht und Schatten. Wir haben immer kritisiert, dass viele Organisationen, vor allem aus den USA, nach dem Erdbeben und der großen internationalen Aufmerksamkeit für Haiti hierherkamen und ihr Ding durchgezogen haben. Es wurde in improvisierte, schlecht durchdachte Projekte investiert, vieles einfach verteilt, zu wenig koordiniert, teilweise dupliziert - und vor allem das meiste immer wieder nur auf Port-au-Prince konzentriert. Das war schon sehr ernüchternd. Die meisten dieser Organisationen haben Haiti längst wieder verlassen - und, um ehrlich zu sein - wir weinen ihnen auch keine Träne nach.

Aber es gibt auch seriöse Organisationen, vor allem unter denen, die wie die Kindernothilfe seit vielen Jahrzehnten in Haiti arbeiten. Unsere Strategie bestand von Anfang an darin, auf langfristige Projekte zu setzen. In 30 Jahren wird es die Schulen, die Kindernothilfe wiederaufbauen half, immer noch geben. Kindern zu ermöglichen, ihr Recht auf Bildung zu verwirklichen, verändert ganze Stadtviertel. Generationen von Kindern gehen in diese Schulen, das, was sie an Selbstbewusstsein, Kenntnissen und sozialer Kompetenz erwerben, kann ihnen niemand mehr nehmen.

Was haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre vorgenommen?

Jean-Baptiste: Wir wollen die Qualität der Projekte weiter steigern und dafür auch die professionellen Fähigkeiten unserer Partner stärken. Dazu gehört, dass auch über die Orte und Projekte hinaus, mit denen Kindernothilfe in Haiti engagiert ist, Kinder in ihren Rechten respektiert werden. Wir kämpfen darum, dass an allen Orten, an denen unsere Partner und wir arbeiten, sich die Lebensbedingungen der Kinder verbessern. Eine Voraussetzung dafür ist, wie im Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen-Programm in Haiti, ein besseres Einkommen für die Mütter - und eine Konsolidierung der Situation in den Familien, was unmittelbar dazu beitragen wird, die Gewalt zu reduzieren.

Woher nehmen Sie jeden Tag die Ausdauer für all diese Herausforderungen?

Jean-Baptiste: Was mich antreibt, ist die Überzeugung, dass im Verwirklichen des Rechtes auf Bildung der Schlüssel für die Überwindung der Armut in meinem Land liegt. Die Kinder in Haiti mit all ihren Erfahrungen, wie hart und brutal das Leben sein kann, bringen aber auch jede Menge Potentiale, Kreativität und Überlebensfähigkeiten mit. Darin besteht der eigentliche Reichtum Haitis.

Die Fragen stellte Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik       

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