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Eine Schülerin geht auf einem steinigen Weg zur Schule. (Quelle: Jakob Studnar)

Der steinige Weg zur besseren Bildung

Text: Jürgen Schübelin, redaktion@kindernothilfe.de

Das verheerende Erdbeben in Haiti vor fünf Jahren tötete 250.000 Menschen, machte 1,5 Millionen obdachlos und zerstörte 80 Prozent aller Schulgebäude. Die Kindernothilfe hilft mit ihren lokalen Partnern bis heute mit, den Bildungsnotstand im Land zu verringern. Wie weit sie auf diesem steinigen Weg gekommen sind: Jürgen Schübelin, Leiter des Referates für Lateinamerika und die Karibik, zieht Bilanz.

Es war ein bitterer Gang, zehn Tage nach dem Erdbeben: vier Stunden steiler Aufstieg nach Coupeau, einem winzigen Dorf auf einem der Bergkämme südwestlich von Port-au-Prince, vorbei an unzähligen eingestürzten kleinen Häusern und Hütten. Die Menschen kauerten im Schatten der Bäume auf dem Boden, viele mit schweren, kaum versorgten Wunden. Dann die letzte Wegbiegung, zwischen Bananenstauden und Maniokpflanzen hindurch, und es öffnete sich der Blick auf die Ruine der Schule von Coupeau. Unter der Wucht des Bebens war der größte Teil der Mauern eingestürzt. Das Wellblechdach hing mehr schlecht als recht auf den beschädigten Eckpfeilern.

Die Schule ist vor den Augen der Kinder eingestürzt

Obwohl auch hier viele Familien ihre eigenen Behausungen verloren hatten, war es die Zerstörung ihrer Schule, die den größten Schmerz auslöste: „Sie ist vor den Augen der Kinder in sich zusammengebrochen“, berichtete Armand, der Lehrer. Er hatte die Mädchen und Jungen gegen 16.30 Uhr für einen Moment zum Spielen nach draußen geschickt, um Unterrichtsmaterial für den nächsten Tag vorzubereiten. Deshalb kam in Coupeau bei dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 auch niemand ums Leben, und auch Armand konnten Nachbarn zum Glück nur leichtverletzt mit ein paar Schürfwunden aus den Trümmern befreien.

Kinder und Erwachsene stehen vor einem blauen Schulgebäude.(Quelle: Jürgen Schübelin)
Einweihung der neuen Schule in Daveau.

Dieses Projekt funktionierte auf dem Prinzip strikter Gegenseitigkeit: Die Gemeinden organisierten den Bau der Schulen und die Ernährung der Kinder, die zum Teil täglich weite und sehr beschwerliche Wegstrecken zurücklegen mussten, um zum Unterricht zu kommen. Die Kindernothilfe steuerte die Arbeitsmaterialien und das Gehalt der Lehrer bei. Das sogenannte „BergschulProgramm“ wurde in den Jahren vor dem Erdbeben zu einer Art Symbolprojekt der Kindernothilfe in dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre.

„Seit den frühesten Anfängen des Kindernothilfe-Engagements in Haiti“, erinnert sich Alinx Jean-Baptiste, „also bereits vor dreieinhalb Jahrzehnten, bildete das Recht von Kindern auf Bildung den Dreh- und Angelpunkt der gesamten Kindernothilfe-Projektarbeit.“ Ob das die Kooperation mit der Heilsarmee und ihrem College Verena, der Fort National-Schule in den Armenvierteln Delmas Deux und Impasse Terrasse war oder später die Förderung einer agroökologischen Modellschule in dem ländlichen Gebiet bei Carice: Immer ging es darum, Kindern in einem Land, in dem nur die Hälfte aller Mädchen und Jungen jemals in ihrem Leben ein Klassenzimmer von innen sieht, zu ihrem Menschenrecht auf Bildung zu verhelfen.

Bei der Erdbebenkatastrophe im Jahr 2010 verloren 250.000 Menschen ihr Leben, 15 Prozent aller Haitianer – also 1,5 Millionen Personen – wurden obdachlos. Die Zerstörung von 80 Prozent aller Schulgebäude in den vom Beben betroffenen Gebieten war die Tragödie in der Tragödie. Im Fall der Kindernothilfe traf es neun der zehn in Haiti unterstützten Schulen, die unter der Wucht des Bebens einstürzten oder unrettbar beschädigt wurden, darunter auch alle von den Eltern selbst errichteten Schulen in den Bergen südlich von Rivière Froide. „Wir konnten gar nicht anders“, erinnert sich Alinx an diese dramatische Zeit nach dem Jahrhundertdesaster, „wir mussten alle unsere Energie darauf verwenden, um mitzuhelfen, diese Infrastruktur wieder herzustellen.“

Mädchen sitzen auf dem Boden und malen. (Quelle: Jakob Studnar)
Eines der vielen Kinderzentren, die die Kindernothilfe nach dem Beben einrichtete.

Nach der Tsunami-Katastrophe rund um den Indischen Ozean 2004 oder auch dem Peru-Erdbeben vom 15. August 2007 bestand für die Kindernothilfe die erste Aufgabe zunächst darin, über sogenannte Kinderzentren sichere Räume für Mädchen und Jungen zu schaffen, die traumatisiert waren und beim Kampf der Erwachsenen um das eigene Überleben extremen Gefährdungen ausgesetzt waren. Das erste Kinderzentrum in Haiti startete acht Tage nach dem Beben auf dem Areal des schwer beschädigten Collège Verena. Am Ende waren es dann 16 solcher Kleinprojekte, geographisch verteilt auf fast das gesamte Katastrophengebiet, die der Arbeit mit Tausenden Kindern eine Struktur und ein Gesicht gaben.

Kinderzentren als Schutzräume mitten im Chaos

In einer zweiten Phase folgte die Organisation von Notschulprogrammen. Erneut war es der Partner Heilsarmee, mit dem genau einen Monat nach dem Erdbeben, Mitte Februar 2010, in den Ruinen des Collège Verena der erste Unterrichtsbetrieb gestartet werden konnte.

Die extrem prekären Bedingungen dieser Monate, das Fehlen von Material, von Infrastruktur – gearbeitet wurde mit den Kindern unter Zeltplanen oder manchmal auch nur im Schatten eines Mangobaumes – brachten eine erstaunliche Kreativität und pädagogischen Erfindungsreichtum hervor, der den Kindern in Erinnerung geblieben ist. „Wir haben mit Steinchen und Mango-Kernen gerechnet und mit Kreide auf einer dunklen Zeltplane gemalt und geschrieben“, erinnert sich die heute zwölfjährige Celine, die damals in Léogâne täglich in eines der Kinderzentrum des Kindernothilfepartners Acrederp zum Essen, Spielen und zum Lernen kam.

Nicht alles von diesem Reichtum an Improvisationskunst und kreativer Pädagogik konnte in die nächste Phase gerettet werden, als es nach und nach darum ging, die Infrastruktur-Bedingungen zu schaffen, um wieder regulären Schulbetrieb zu ermöglichen und dabei auch die bürokratischen Vorgaben des haitianischen Bildungsministeriums zu erfüllen.

Schule ohne brüllende Lehrer oder Schläge

Ein Mädchen spielt mit einem bunten Band. (Quelle: Jakob Studnar)
Spielender Zugang zu Bildung.

Hier kollidierten zwei Welten: Auf der einen Seite ein Staat, der in den zurückliegenden Jahrzehnten nie in der Lage gewesen war, das in der Verfassung des Landes und in zahlreichen internationalen Konventionen, die Haiti ratifiziert hatte, verbriefte Recht von Kindern auf Bildung umzusetzen. Stattdessen überließ er diese Aufgabe mehrheitlich privaten Schulträgern. Zudem gab ein extrem starres Korsett für Lehrpläne und eine am französischen Bildungssystem orientierte Unterrichtsstruktur einen Rahmen vor, der wenig Raum für Kreativität, die Stärkung sozialer Fähigkeiten der Kinder und das, was man life skills - (Über)Lebenskompetenzen - nennt, lässt. Demgegenüber wollten die Kindernothilfe und ihre Partner die historische Chance des Neubeginns nach der Katastrophe nutzen. Sie wollten mit anderen Unterrichtsformen und der Einbeziehung neuer Themen, etwa zur ökologischen Nachhaltigkeit, sehr viel mehr praktischen Fertigkeiten und vor allem der Stärkung der Kinderrechte Mädchen und Jungen besser auf die Lebenswirklichkeit nach der Schule vorbereiten.

Am weitesten auf diesem steinigen Weg ist in den zurückliegenden fünf Jahren der Kindernothilfe-Partner Amurt mit seinem Modellschulprojekt im Stadtteil Delmás gekommen, das aus zwei großen Kinderzentren hervorgegangen war. Hier gibt es keinen Frontalunterricht, kein Gebrüll von Lehrern und keine Schläge, hier eignen sich Kinder, angereichert mit ganz vielen spielerischen Elementen, Wissen und Selbstbewusstsein an. An einem der beiden Projektstandorte entstand ein eindrucksvoller Schulgarten samt Komposttoiletten. Der haitianischer Bildungsminister ließ sich für diese Modellschule, bei deren Förderung die Kindernothilfe auch durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wird, vor den Vereinten Nationen in New York feiern und erklärte, dass in spätestens zwei Jahrzehnten die pädagogische Qualität des Amurt-Projektes in ganz Haiti Standard sein würde.

die Sineas-Schule in Delmas vor ihrer Zerstörung (Quelle: Jürgen Schübelin)
Die Modellschule in Delmàs
Zerstörtes Schulgebäude. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Die zerstörte Schule im September 2014

All diese Lorbeeren konnten jedoch nicht verhindern, dass genau diese Modellschule in den frühen Morgenstunden des 5. September 2014 vor den Augen der entsetzten Eltern und Kinder mit Bulldozern und anderen schwerem Gerät zerstört wurde. Die Eigentümer des Geländes, eine der reichsten und mächtigsten Familien Haitis, hatte sich in einem Rechtsstreit gegenüber anderen ehemaligen Besitzern durchgesetzt. Die monatelangen Verhandlungen mit dem Schulträger Amurt über den Kauf des Areals der kleinen Schule waren seitens dieser Familie offenbar nur zum Schein geführt worden. Am Ende war es ein Dekret, unterzeichnet von Haitis Ministerpräsidenten Laurent Lamothe, das die gewaltsame Beseitigung der in Leichtbauweise errichteten Schule anordnete.

Den auch durch die Partner der Kindernothilfe in den zurückliegenden fünf Jahren ins Rollen gebrachten Prozess einer allmählichen Veränderung der Bildungs- und Schulsituation in dem kleinen Karibikstaat werden derartige – zugegeben extrem bitteren – Rückschläge nicht zum Stoppen bringen. An einem zweiten Projektstandort, drei Kilometer von der zerstörten Schule entfernt, geht die Amurt-Arbeit mit den Kindern weiter. Derzeit wird fieberhaft überlegt, durch welche intelligenten baulichen Lösungen die Mädchen und Jungen, weiter unterrichtet werden können.

 "Wir brauchen endlich ausreichend Mittel für Bildungsinvestitionen"

Trümmer und Bänke der Schule von Carrefour (Quelle: Benjamin Weinkauf/ BILD)
Die Schule in Carrefour nach dem Erdbeben im Januar 2010.
Kinder gehen ie Treppe vor einem orangefarbenen Schulgebäude hoch. Quelle: Jürgen Schübelin)
Die neue Schule Anfang 2014.

In dem kleinen Dorf Coupeau in den Bergen südlich von Rivière Froide haben die Menschen indes längst wieder Vertrauen in ihre althergebrachte Combit-Tradition gefasst und die eingestürzte Schule in nur sechs Monaten neu errichtet – diesmal allerdings mit der Fachunterstützung eines Architekten und Spezialisten für erdbebensicheres Bauen.

Jürgen Schübelin in einem Zeltlager der Hauptstadt mit einer Kinderarbeiterin. (Quelle: Jakob Studnar)

 Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik. Der Autor arbeitete nach der Erdbeben-Katastrophe vom 12. Januar 2010 zwölf Monate als Kindernothilfe-Koordinator in Haiti.

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