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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

10. Dezember 2020

Die Menschenrechte müssen in den Mittelpunkt der Wiederherstellung nach COVID-19

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert ein Spektrum von Menschenrechten, die jedem von uns gleichermaßen gehören, und vereint uns als globale Gemeinschaft und unterstützt unsere Menschlichkeit. Dieses Jahr, 2020, war eine der beispiellosen Herausforderungen und hat die Notwendigkeit erneuter Maßnahmen zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte unterstrichen.

Recover Better - Stand Up for Human Rights (Foto: Defenders Coalition, IPS)
Recover Better – Stand Up for Human Rights (Foto: Defenders Coalition, IPS)

Die COVID-19-Pandemie hat Gesellschaften auf der ganzen Welt auf die Probe gestellt und die Menschenrechtsgewinne und Fortschritte bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung beeinträchtigt. In Kenia haben die vielfältigen Auswirkungen der Pandemie – auf die Gleichstellung der Geschlechter, Gesundheit, Bildung, Lebensgrundlagen, Rechtsstaatlichkeit und Wirtschaft – die Bemühungen der Regierung, der Vereinten Nationen, der Entwicklungspartner und der Zivilgesellschaft auf die Umsetzung der Agenda 2030 geprüft, Vision 2030 und die Big 4-Entwicklungsagenda und forderte uns auf, dafür zu sorgen, dass wir niemanden zurücklassen. Die Krise hat die ärmsten und am stärksten gefährdeten Gemeinden am härtesten getroffen und bestehende Ungleichheiten, Diskriminierungen und Menschenrechtsprobleme verankert. Geschlechtsspezifische Gewalt ist in die Höhe geschossen. Der Verlust von Arbeitsplätzen und Lebensgrundlagen hat die Familien weiter belastet. Das Recht auf Bildung ist für viele Kinder, insbesondere für Mädchen, gefährdet. Ungleichheiten beim Zugang zu Wasser, angemessenem Wohnraum und Gesundheitsdiensten haben die Verwundbarkeit erhöht.

Wiederaufbau nach COVID-19

In diesem Zusammenhang lautet das Thema des Menschenrechtstages 2020 „Besser erholen – Für Menschenrechte eintreten“ und unterstreicht die Notwendigkeit, die COVID-19-Krise besser zu bewältigen, indem die Menschenrechte in den Mittelpunkt der Wiederherstellungsbemühungen gestellt werden. Dies ist ein Aufruf zum Handeln und zur Vereinheitlichung des Zwecks, um Diskriminierung zu bekämpfen, Ungleichheiten zu beseitigen, Partizipation und Solidarität zu fördern und eine nachhaltige Entwicklung zum Nutzen aller zu fördern. Wie der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, einmal bemerkte: „Die Pandemie hat die Zerbrechlichkeit unserer Welt bewiesen.“ Die Krise hat tiefe Ungleichheiten, fest verwurzelte Diskriminierungen und Lücken im Schutz der Menschenrechte aufgedeckt und verschärft. Nur Maßnahmen zur Schließung dieser Lücken und zur Förderung der Menschenrechte können sicherstellen, dass wir uns vollständig erholen und eine Welt wieder aufbauen, die widerstandsfähiger, gerechter und nachhaltiger ist.

COVID-19 hat die Gelegenheit geschaffen, eine gleichberechtigte und nachhaltigere Welt wieder aufzubauen – basierend auf einem „neuen Gesellschaftsvertrag“, der die Rechte und Freiheiten aller respektiert und die durch die Pandemie aufgedeckten Ungleichheiten beseitigt. Dieser „neue Gesellschaftsvertrag“, der Regierungen, Bevölkerung, Zivilgesellschaft und Privatsektor vereint, ist der einzige Weg, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. In dieser Aktionsdekade zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 ist es unerlässlich, Partizipation und Inklusion zu priorisieren, um sicherzustellen, dass wir niemanden zurücklassen.

Erfolgreiche COVID-19-Wiederherstellungsbemühungen erfordern eine solide Beteiligung der Zivilgesellschaft und die Einbeziehung von Gemeinschaften, um sicherzustellen, dass die Stimmen und Prioritäten der am stärksten betroffenen, schutzbedürftigen und marginalisierten Menschen die Wiederherstellungsbemühungen beeinflussen. Die Beteiligung der Öffentlichkeit ist ein zentraler Grundsatz und spielt eine Schlüsselrolle bei der Wiederherstellung von COVID-19. Es ist klar, dass diese Pandemie nicht von einem einzigen Akteur überwunden werden kann. Vielmehr muss durch einen auf Menschenrechten basierenden Ansatz getragen werden, der Gleichheit und Nichtdiskriminierung, Partizipation und Inklusion sowie Rechenschaftspflicht priorisiert. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass Solidarität der einzige Weg nach vorne ist. Jeder hat eine Rolle beim Aufbau einer besseren Post-COVID-Welt für heutige und zukünftige Generationen zu spielen, und wir müssen die aktive Beteiligung von Gemeinschaften, Zivilgesellschaft, Privatsektor, Regierung und internationaler Gemeinschaft nutzen.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert ein Spektrum von Menschenrechten, die jedem von uns gleichermaßen gehören, und vereint uns als globale Gemeinschaft und unterstützt unsere Menschlichkeit. Dieses Jahr, 2020, war eine der beispiellosen Herausforderungen und hat die Notwendigk[...]

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27. November 2020

Chile: „Jetzt erwartet uns der steilste Teil des Weges“

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem „estallido social“, dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzwungen hatten, die Erwartung, endlich in einem Land leben zu können, in dem Menschenrechte garantiert, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchgesetzt, bürgerschaftliche Teilhabe ermöglicht und die Rechte der indigenen Bevölkerung anerkannt werden.

Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: "Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause." (Foto: Kindernothilfepartner)
Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: „Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause.“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Gerade einmal viereinhalb Wochen ist es her, seit fast 80 Prozent der Wahlberechtigten in Chile in einem Referendum für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung – und somit für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten und bis heute geltenden Magna Carta stimmten. Ein ähnliches Erdrutschergebnis gab es auch bei dem zweiten Votum vom 25. Oktober, der Entscheidung, dass es ausschließlich ein eigens für diese Aufgabe demokratisch zu wählender Konvent sein soll, der die neue Verfassung innerhalb von zwölf Monaten erarbeitet – und eben nicht, wie von Präsident Piñera favorisiert, eine Mischstruktur aus bereits amtierenden Parlamentariern, ergänzt durch zusätzliche Delegierte.

Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)

Die Kindernothilfe-Partner in Chile hatten in den Monaten vor dem Plebiszit klar Position bezogen und für die Teilnahme an dem Volksentscheid mobilisiert. Darüber, wie sich die Lage vor Ort jetzt darstellt, sprachen wir mit José Horacio Wood und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE.

Kindernothilfe: Auf der ganzen Welt waren die Menschen beeindruckt, mit welcher Entschlossenheit und vor allem, wie eindeutig die Chileninnen und Chilenen am 25. Oktober für einen Neuanfang votierten – und somit einen Bruch mit dem alten System wollten. Wie nehmt Ihr die Stimmung heute, einen Monat nach diesem historischen Tag, wahr?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten, die Menschen in den Armenvierteln, auf die sich das Engagement der Kindernothilfe-Partner konzentriert, die Jugendlichen und auch die Kinder erlebten diesen geschichtlichen Moment sehr intensiv, voller Hoffnung, voller Enthusiasmus. Einen Monat danach ist immer noch der Stolz darüber zu spüren, hier dabei gewesen zu sein. Aber der Optimismus dieser magischen Nacht vom 25. auf den 26. Oktober schlägt mittlerweile in Ernüchterung um. Den Menschen wird bewusst, dass der steilste Teil des Weges noch bevorsteht. Mir persönlich wäre es sehr wichtig gewesen, bei diesem Volksentscheid gerade in den Vierteln der ärmeren Menschen eine deutlich höhere Wahlbeteiligung zu erreichen. Das ist leider nicht gelungen: Am Ende mussten wir uns eingestehen, dass fast die Hälfte der Chileninnen und Chilenen nicht an der Abstimmung teilnehmen wollte.

Claudia Vera: Und mit jedem Tag wird jetzt auch deutlicher, mit welcher Strategie sich die Parteien, die historisch bis zum bitteren Ende hinter dem Pinochet-System standen, das zum Teil bis heute tun und die jetzt seit März 2018 erneut die Regierungskoalition hinter Präsident Sebastian Piñera bilden, für den Verfassungsprozess aufstellen. Sie haben erreicht, dass die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 11. April 2021 nach ihren Regeln und mit einem sie begünstigenden Auszählverfahren ablaufen werden. Weil sie mit einer gemeinsamen Liste antreten, sind die Chancen groß, dass es ihnen gelingt, die Sperrminorität zu bilden, die sie benötigen, um alle tiefgreifenden Veränderungen abzublocken. Die Mittel-Links-Parteien der Opposition sind hingegen – wie üblich – zerstritten. Hinzu kommt, dass sie über ihren Schatten springen müssten, um den sozialen Bewegungen, Stadtteilorganisationen und engagierten Basisgruppen eine faire Teilhabe und entsprechende Listenplätze für die Wahlen zum Verfassungs-Konvent anzubieten. Was wir in dieser Phase ebenfalls schmerzhaft vermissen, ist eine heilsame Selbstkritik eben dieser „Concertación“-Parteien beim Blick auf ihre eigene Rolle während der drei Jahrzehnte seit dem Ende des Pinochet-Regimes. Ganz viele Menschen misstrauen der politischen Klasse zutiefst. Und das macht es jetzt, wo es so entscheidend darauf ankommt, Bündnisse zu schmieden, gemeinsame Wahllisten zu erstellen und am 11. April 2021 mit dem Rückhalt durch eine ganz breite zivilgesellschaftliche Basis die Wahlen zur „constituyente“ zu gewinnen, so unendlich schwer, einander zu vertrauen.

Kindernothilfe: Das klingt aber nicht sehr ermutigend! Gibt es denn irgendwelche Perspektiven, um den Enthusiasmus rund um das Plebiszit vom 25. Oktober doch noch bis in den nächsten April zu tragen? Was wären die Voraussetzungen dafür?

Claudia Vera: Ganz viel hängt jetzt von der Zivilgesellschaft und dabei ganz besonders von Organisationen wie den „cabildos“ und „asambleas territoriales“ (Nachbarschaftsversammlungen) ab; davon, ob es ihnen gelingt, den Parteien, die in Chile nicht zum Lager der Pinochet-Apologeten und Verteidigern der „alten Ordnung“ gehören, ein Bekenntnis zu den unveräußerlichen Elementen, die in der neuen Verfassung stehen müssen, abzuringen. Ganz entscheidend wird es darauf ankommen, das Prinzip eines „subsidiär“ handelnden Staates, der eben nur dann unterstützend einspringt, wenn alle anderen – privaten – Ressourcen aufgebraucht sind oder nicht greifen, durch einen echten Rechts- und Sozialstaat zu ersetzen, in dem Bürgerinnen und Bürger nicht Bittsteller sind, denen je nach politischer Konjunktur und Kassenlage irgendwelche „Wohltaten“ zugestanden werden, sondern die Beziehung zwischen Staat und Bürgern auf verbrieften Rechten beruht, die notfalls vor ordentlichen Gerichten eingeklagt werden können. Die rechten Parteien benutzen in ihrem Diskurs seit Neuestem den Begriff des „solidarischen Staates“. Aber das ist nur ein Euphemismus, weil es ihnen erneut genau nicht darum geht, dass Menschen Rechte haben. Stattdessen lässt der „solidarische Staat“ einem Untertan bestenfalls eine Wohltat zukommen – oder eben auch nicht.

Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)
Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Gab es während den langen Monaten der Corona-Pandemie in Chile Beispiele für diesen Grundkonflikt?

José Horacio Wood: Mir fällt da als Allerersten die öffentlichkeitswirksam inszenierte Verteilaktion von Kartons mit etwas Lebensmitteln und ein paar Hygiene-Artikeln in den Armenvierteln ein. Das war eine typische Regierungsaktion für die Fernsehkameras. Der Staat schenkt Familien einen Karton mit etwas zum Essen. Und, wer leer ausgeht, hat eben Pech gehabt. Das Ganze dauerte dann ja auch gerade mal zwei Wochen. Danach hat die Regierung das Interesse schnell wieder verloren. Viel nachhaltiger und wirkungsvoller wäre gewesen, den Familien durch die monatliche Überweisung eines Geldbetrags auf das Basiskonto, das alle Chileninnen und Chilenen bei der Staatsbank haben, etwas Luft zu verschaffen und die Möglichkeit zu geben, selbst darüber zu entscheiden, welche Ausgaben in der deprimierenden Lockdown-Situation am dringendsten ist. In Europa haben die Menschen ein Recht auf Grundsicherung. So etwas kennt das „Modell Chile“ nicht. Angesichts der verzweifelten Situation gab es dann auch nur ein einziges Mal in über sechs Monaten doch noch einen Scheck über 60.000 Pesos (rund 65 Euro) für die Familien mit den niedrigsten Einkommen. Und nach erbitterten Auseinandersetzungen im Kongress stimmte die Regierung am Ende zu, dass diejenigen, die es während ihres Arbeitslebens geschafft hatten, Beiträge in die privaten Pensionsfonds einzuzahlen, 10 Prozent ihrer eigenen Ersparnisse abheben durften. Wer über keine Rentenfonds-Guthaben verfügt, blieb bei dieser Aktion außen vor. Zusammengefasst: Was die Menschen während dieser schrecklichen Pandemie so schmerzhaft vermissten, ist eine aktive, systematische Sozialpolitik – auf der Grundlage von Gesetzen.

Kindernothilfe: Spielt bei all diesen Diskussion auch das Thema der Kinderrechte eine Rolle? Gibt es Überlegungen, wie die Kinderrechte in die neue Verfassung einfließen sollen?

Claudia Vera: Was als Erstes erreicht werden muss, ist 30 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur endlich auch in Chile ein Kinderrechte-Statut zu verabschieden! Und ja, die Kinderrechte müssen unbedingt in die neue Verfassung! Wir haben den Eindruck, dass es darüber unter den demokratischen Kräften im Land einen breiten Konsens gibt. Kinder und Jugendliche spielen in den Diskussionen der Nachbarschaftsversammlungen eine relativ prominente Rolle, weil die dramatischen Zahlen von über 1300 Todesfällen, sowie 2071 Vergewaltigungen und anderer schwerer Sexualdelikte, die es nach einer Untersuchung der Kriminalpolizei in den zurückliegenden zwölf Jahren in Einrichtungen der staatlichen Kinder- und Jugendbehörde SENAME gegeben hat, regelrechte Schockwellen auslösten. Das hat, zusammen mit der andauernden, systematischen Polizeibrutalität gegen Kinder und Jugendliche ganz viele Menschen aufgerüttelt.

José Horacio Wood: Und es gibt die Forderung, in Chile eine nationale Kinderrechtskommission zu schaffen, die an allen Gesetzgebungsverfahren beteiligt wird. Wir erhoffen uns aber auch einen Durchbruch bei der Entwicklung einer neuen Bildungspolitik. Es geht um einem Paradigmenwechsel, um die Forderung nach einer Bildung mit Qualität für alle Kinder, einer Schulbildung, die aufhört, in den Klassenzimmern wie seit 40 Jahre extreme soziale Unterschiede zu reproduzieren und dadurch das neoliberale System zu verewigen. Aber es geht auch darum, dass Politikerinnen und Politiker in diesem Land endlich aufhören, Jugendliche zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Eine ganz wichtige Komponente im neuen Verfassungstext muss das Wahlrecht ab 16 Jahren sein – verbunden mit ernsthaften, echten Beteiligungsmöglichkeiten für Kindern und Jugendliche bei der Debatte über die Themen, die ihnen politisch wichtig sind. Und dann dürfen wir, die Erwachsenen, nie vergessen, dass es Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche waren, die mit ihren Protesten beim „estallido social“ ab dem 18. Oktober 2019 unglaublich mutig genau die Bresche geschlagen haben, durch die am Ende diese Volksabstimmung vor einem Monat erst erzwungen wurde.

Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben "Quarantäne - aber mit Würde". (Foto: Kindernothilfepartner)
Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben „Quarantäne – aber mit Würde“. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Um noch einmal ein anderes, wichtiges Thema anzusprechen: Bei den Protesten seit Oktober 2019 spielte auch die prekäre Situation älterer Menschen in Chile eine ganz wichtige Rolle. Wie wirkte sich die Covid-19-Pandemie auf diese Diskussion aus?

José Horacio Wood: Corona hat das noch einmal überdeutlich gemacht: Wir brauchen in diesem Land ganz, ganz dringend ein neues, gerechtes Rentenversicherungssystem! Das derzeitige, ausschließlich auf Zwangsbeiträgen von Versicherten, die in Aktienfonds investiert werden, gestützte Kapitaldeckungs-System der AFPs (Administradoras de Fondos de Pensiones) produziert nicht Altersarmut, sondern Alterselend. Deswegen muss am Ende dieses verfassungsgebenden Prozesses ein Vorschlag für ein neues System stehen, das sich auf einen vom Staat finanzierten Grundrentenanteil, ergänzt durch Arbeitgeberbeiträge und freiwillige Sparleistungen der Versicherten stützt.

Kindernothilfe: Neben dem von Euch genannten Fehlen von kohärenten sozialpolitischen Antworten auf diese Krise, an was lassen sich die Schleifspuren dieser furchtbaren Covid-19-Monate in Chile mit 550.000 Infizierten und 15.131 Verstorbenen (Stand 25.11.2020) dort, wo die Kindernothilfe-Partner in den Armenvierteln engagiert sind, am deutlichsten ablesen?

Claudia Vera: Die sicherlich gravierendste Konsequenz der Pandemie-Krise besteht darin, dass in Chile seit März mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Und das sind eben, wie immer in wirtschaftlich schwierigen Momenten, vor allem die Beschäftigungsmöglichkeiten der Geringverdienenden, der Menschen in den prekärsten Arbeitsverhältnissen, im Einzel- und Straßenhandel, auf Baustellen, bei informellen Dienstleistungen. Diejenigen, die es hier am allerhärtesten getroffen hat, sind Migrantinnen und Migranten aus anderen lateinamerikanischen Ländern: Peru, Bolivien, Haiti, Venezuela. Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Projekt „Niños sin Fronteras“ im Santiagoer Stadtteil Independencia berichten, dass unter den Familien, mit denen sie arbeiten, sieben von zehn komplett sämtliche Einkommensmöglichkeiten verloren haben. Im Armenviertel La Victoria, im Südwesten von Santiago, wo ein großer Teil der aus Haiti eingewanderten Familien lebt, ist die Situation zum Teil noch verheerender. Hier herrscht blanke Not, Hunger und Verzweiflung. Anders lässt sich die Situation nicht beschreiben. Aber nicht nur in den Armenvierteln, bis weit in die Mittelklasse hinein, kämpfen die Menschen darum, mit einem Bruchteil ihrer bisherigen Einkommen über die Runde zu kommen. Covid-19 hat die bereits zuvor dramatische Überschuldungskrise Hunderttausender privater Haushalte weiter verschärft. Und diese Existenzsorgen machen die Menschen krank, verursachen extremen Stress, innerfamiliäre Gewalt und Depressionen.

Die Kinder aus "La Victoria" in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kinder aus „La VicDie Kinder aus „La Victoria“ in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Kindernothilfe: Die chilenische Regierung plant, erst im März 2021, nach den Sommerferien, wieder vollständig in allen chilenischen Schule mit dem Präsenzunterricht zu beginnen. Was hat die Covid-19-Pandemie mit dem Recht der Kinder auf Bildung gemacht?

José Horacio Wood: In Chile waren bereits vor Corona nirgendwo die Unterschiede zwischen Arm und Reich so extrem und so manifest, wie beim Blick in die Schulen. Und die Pandemie wirkte auf dieses Problem wie ein Brandbeschleuniger. Dadurch, dass es in den Armenvierteln der großen Städte, aber auch in vielen ländlichen Gemeinden immer noch nur ganz schlechte Zugangsmöglichkeiten zum Digitalunterricht gab und gibt, sprechen glaubwürdige Untersuchungen inzwischen davon, dass während der Lockdown-Monate der Kontakt zu über 100.000 Schülerinnen und Schülern komplett abgerissen ist. Unser Bildungssystem hat diese Kinder einfach verloren. Das ist eine Katastrophe in der Katastrophe!

Kindernothilfe: Aber was ist mit diesen Kindern passiert? Gibt es irgend eine Chance, sie doch wieder in die Schulen zurück zu holen?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten berichten – und sozialwissenschaftliche Untersuchungen untermauern diese Beobachtung -, dass sich ganz viele Kinder, zum Teil Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige, irgendwelche Jobs suchen, um etwas Geld zu verdienen. Und weil 59 Prozent aller Familien in Chile angeben, dass sich durch Corona ihre Einkommen empfindlich verringert haben, ist natürlich jeder Peso willkommen, um die finanzielle Lage zu verbessern. Die Erfahrungen aus Phasen früherer wirtschaftlicher Einbrüche in Chile zeigen, dass es ungeheuer schwierig ist, Kinder, die die Unterrichtsroutine verloren haben, die aus der Struktur des täglichen Lernens – und aus dem sozialen Gefüge, das Schule ermöglicht, herausgefallen sind, zu motivieren, wieder in ein Klassenzimmer zurück zu kehren. Hier erwächst den Partnerprojekten von ANIDE und Kindernothilfe eine fundamental wichtige Aufgabe.

Kindernothilfe: Wie gehen die Kolleginnen und Kollegen in den Projekten vor? Welche Strategien entwickeln sie?

Claudia Vera: Ganz entscheidend ist, so intensiv es irgendwie möglich ist, den Kontakt zu den Kindern zu halten! Denn genauso wie die Schulen in den Armenvierteln sind natürlich auch die Räumlichkeiten der Partnerorganisationen Corona-bedingt geschlossen. Deshalb spielt sich ganz viel über Handys – und dort, wo es Glasfaserverbindungen gibt, über das Internet, über social media-Kanäle ab. Alle Teams arbeiten von zu Hause aus, größtenteils nach klar strukturierten Aufgabenplänen, mit Priorität auf diejenigen Kinder, deren Situation am problematischsten, deren Bedingungen am prekärsten sind. Aber zu allen Mädchen und Jungen, zu allen Jugendlichen aus den Kindernothilfe geförderten Programme gibt es kontinuierlichen Kontakt. Hier ist die zusätzliche Unterstützung, die Kindernothilfe zur Verfügung stellt, von entscheidender Bedeutung: Da können Telefonkarten bezahlt werden, einfache Handys angeschafft, Unterrichts- und Schulmaterial heruntergeladen – und dort, wo es in den Familien keine Tablets und Computer gibt, Arbeits- und Unterrichtsblätter ausgedruckt und verteilt werden. Die psychologische Sicherheit für die Kinder, sich darauf verlassen zu können, dass die Projektteams selbst in den schwierigsten Momenten präsent sind, niemand vergessen wird, ist unendlich wichtig, Ansprechpartner zu haben, wenn die Erwachsenen die Kontrolle verlieren, der Stress aus dem Ruder läuft, nur noch herumgebrüllt wird. Aber dann gibt es auch ganz elementare Interventionen, etwa für Migrantenfamilien aus den Armenvierteln La Victoria und Independencia Unterstützung, um die Miete, die Strom- oder die Wasserrechnung bezahlen zu können – und nicht inmitten der Pandemie auf der Straße zu landen. Wichtig ist natürlich auch, den Kontakt mit den Eltern zu halten, auch mit ihnen im Gespräch zu bleiben, am Thema „buen trato“, guter Umgang mit den Kindern, weiter zu arbeiten.

Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)
Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Und wie motivieren sich die Teams aus den Projekten in dieser schwierigen Situation? Wie verarbeiten sie die Kriseninterventionen, die sie zu schultern haben?

Claudia Vera: Wir beobachten, dass die Kolleginnen und Kollegen aus den Projekten in dieser Zeit enger zusammengewachsen sind, die Arbeit im Team noch wichtiger geworden ist. So erstaunlich es klingt, es hat in diesen schweren neun Monaten, die hinter uns liegen, praktisch keine Kündigungen und Personalwechsel gegeben. Das Bewusstsein, den Kindern wirkungsvoll helfen zu können, weil eben die Unterstützung durch die Kindernothilfe und auch den chilenischen Kindergartenverband JUNJI weitergeflossen ist, hat ganz viele Kräfte mobilisiert. Und durch die zusätzlichen Humanitäre Hilfe-Projekte der Kindernothilfe gelang es in vielen Familien, die extremsten Krisensituationen zu entschärfen. Wir nehmen in den Teams ein ganz hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und eine beeindruckende Motivation wahr! Und dann gibt es ja auch die tollen Momente, in denen es gelingt, die Kinder – und sei es am Handy – zum Lachen zu bringen, mit ihnen über das Internet zu spielen, online-Techniken für witzige, kreative Aktionen, an denen mehrere Kinder beteiligt sind, auszuprobieren.

Kindernothilfe: Was wäre denn für Euch ein positiver Aspekt, der sich diesen heftigen, belastenden Monaten seit März abgewinnen ließe?

José Horacio Wood: Wir sehen uns, so kurios das klingt, deutlich mehr mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Projekt-Teams als vor der Pandemie. Natürlich nur im Internet, aber das ist schon eine neue Erfahrung, über Monate hinweg ganz, ganz intensiv und nahe an der Situation der Kinder, der Familien und der Nachbarschaften rund um die Projekte dran zu sein – und dabei eben auch gefordert zu werden. Unsere Arbeit hat sich in diesen Monaten stark verändert, sie ist intensiver, herausfordernder geworden – und es fällt oft noch schwerer als früher, sich auch wieder ausklinken zu können. Trotzdem sind wir fest entschlossen, diese motivierende Nähe zu den Teams auch in die Zeit nach Corona zu retten!

Das Interview führte Jürgen Schübelin mit Claudia Vera und José Horacio Wood vom Kindernothilfepartner in Chile Fundación ANIDE: Kindernothilfe-Partner zwischen Zuversicht und Ernüchterung / Corona und die Folgen.

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem "estallido social", dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzw[...]

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23. November 2020

Ruanda: Aus Feinden wurden Freunde

Murekatete hat eine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Perspektivlosigkeit, Isolation, Bitterkeit und unbeschreiblicher Gewalt. Aber noch mehr von Hoffnung, Versöhnung und Solidarität. Und von einer Gruppe von Frauen, die sich mit etwas Anleitung auf beeindruckende Weise selbst geholfen hat.

Murekatete (3.v.l.) und die SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)
Murekatete (3.v.l.) und die SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)

Ruanda, das Land der tausend Hügel. Und Heimat von Murekatete, einer der Frauen aus der Selbsthilfegruppe Duterimbere.

Heute ist Ruanda Musterbeispiel für Aufschwung, für Sicherheit und Versöhnung. Mit mehr als 60 Prozent ist es das Land mit dem weltweit höchsten Anteil von Frauen im Parlament, Musterbeispiel in Sachen Antikorruption und Touristen-Hotspot. Doch das war nicht immer so. Vor 25 Jahren wütete in dem kleinen Land ein Völkermord, der mit rund einer Million Menschenopfer zu einer der größten menschlichen Katastrophen der jüngeren Geschichte zählt. Auch nach dem Ende des Mordens hinterließ er Millionen Geflüchtete, zerstörte soziale Beziehungen und tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis der Überlebenden.

Landschaften im Norden Ruandas (Foto: Jakob Studnar)
Landschaften im Norden Ruandas (Foto: Jakob Studnar)

Die Rückkehr nach Ruanda

Murekatete kehrte 1995 mit leeren Händen nach Ruanda zurück, mit zwei Kindern, einem dritten im Bauch und niemandem, an den sie sich wenden konnte. Wie viele andere hatte sie in das Nachbarland DR Kongo fliehen können und war so dem Grauen des Völkermords entkommen. Ihre Beschreibungen sind eindrücklich. „Die Gewalt fing klein an, doch es kam eine Zeit, in der sich die Gewalt ausbreitete wie ein Feuer, das kein Gras, sondern Leben verzehrte und unvergesslichen Schmerz und Elend für jene hinterließ, die dem Tod entkamen.“ Noch heute fühle sich die Erinnerung frisch an, sagt sie.

Jeder trug den Schmerz der Erinnerungen in sich und lebte in Angst vor dem nächsten Tag. Ich trug Bitterkeit in mir. Ich hatte Nachbarn, doch sah sie als Feinde, als Menschen, die zu meinem Leiden und dem Verlust geliebter Menschen beigetragen hatten. Wir waren alle arm.

Murekatete

Ihre Unterkunft bestand aus einer blauen Plane des UN-Flüchtlingshilfswerks; Nahrungsmittelhilfen und kleine Jobs hielten sie über Wasser. Auch als sie später in eine richtige Unterkunft ziehen konnte, mangelte es an allem. Murekatete beschreibt ein Leben in extremer Armut, geprägt von den vergifteten Beziehungen.

Ein Neuanfang in der Selbsthilfegruppe

Vor nunmehr sechzehn Jahren kam eine Mitarbeiterin vom Kindernothilfe-Partner African Evangelistic Enterprise in ihr Dorf. Sie machte Murekatete und die anderen zum ersten Mal mit dem Konzept einer Selbsthilfegruppe bekannt. Es basierte auf den drei Säulen der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Befähigung und richtete sich besonders an Menschen am Rande der Gesellschaft – wie Murekatete. Sie sollten nach und nach in die Lage versetzt werden, ein selbstbestimmtes Leben als Teil einer Gemeinschaft zu führen, die eigenen Rechte erfolgreich einzufordern und somit nachhaltige Veränderungen der Lebensbedingungen für sich und die sie umgebenden Gemeinschaften herbeiführen. Das klang erstmal gut, doch was bedeutete es konkret?

Bei einer SHG geht es zunächst einmal ganz schlicht darum, den Mitgliedern zu ermöglichen, sich und ihre Familien materiell zu versorgen. Von zentraler Bedeutung war die Erkenntnis, dass die Mitglieder selbst am besten wissen, was sie am nötigsten brauchen. Sie können deshalb auch am besten beurteilen, wofür Geld ausgegeben werden soll. Es ging also nicht um übergestülpte Pläne von außen, sondern um die Unterstützung eines Prozesses; eigene Entscheidungen zu fällen über eigenes Geld und für selbst gewählte Ziele. Hilfe zur Selbsthilfe eben.

Murekatete (links) in der SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)
Murekatete (links) in der SHG Duterimbere (Foto: Felix Kaloki)

Eine Selbsthilfegruppe besteht meist aus 20 Frauen aus der ärmsten Bevölkerungsschicht eines Dorfes oder Bezirks, die sich regelmäßig treffen, ihre Anliegen und Probleme diskutieren, und: Gemeinsam Geld sparen und sich daraus gegenseitig Kredite vergeben. Diese Kredite ermöglichen es den Mitgliedern, kleine Investitionen in ihre Geschäftsideen zu machen. Mithilfe dieser Investitionen ist es nun möglich, die Lebenssituation der Familie aus eigener Kraft Stück für Stück zu verbessern, was wiederum weitreichende Folgen für die Ernährungssituation, Bildung und Gesundheit der Kinder hat.

Die SHG als Ort der Versöhnung

Murekatete und die anderen waren zunächst wenig überzeugt, das Ganze schien ihnen nicht geeignet, ihre Probleme zu lösen. Vor allem aus Mangel an Alternativen entschlossen sich dann aber 19 von ihnen doch dazu, dem Vorschlag eine Chance zu geben, und gründeten die SHG Duterimbere („mit Begeisterung vorangehen“). Sie sparten zunächst geringe Beträge, nahmen kleine Kredite für unmittelbare Bedürfnisse auf. Vor allem jedoch begannen die Frauen, in den wöchentlichen Meetings zusammenzuwachsen.

Durch die SHGs fanden wir Freunde und wurden wie Verwandte, die ihre Probleme diskutieren und sich gegenseitig im Falle von Krankheit oder anderen Herausforderungen helfen. In der SHG bist du niemals allein, und jedes wöchentliche Treffen war Therapie.

Murekatete

Doch damit nicht genug. Das ganzheitliche Konzept der SHGs umfasste eine ganze Bandbreite an Initiativen und Bildungsangeboten. So lernten die Frauen nicht nur über Buchhaltung und erfolgreiche Geschäftsmodelle, sondern auch über Gesundheit, Kinder- und Menschenrechte, kommunale Entwicklung, Führungs- und Versöhnungsarbeit und vieles Weitere.

Foto: Ralf Krämer
Foto: Ralf Krämer

Und es ging dabei nicht nur um individuelle Befähigung. Ein wichtiger Pfeiler für nachhaltige Veränderungen sind funktionierende Institutionen, die den Mitgliedern einer Gesellschaft erlauben, ihre Interessen und Bedürfnisse bei den jeweiligen Autoritäten vorzubringen und ihre Rechte einzufordern. Die Selbsthilfegruppen schließen sich deshalb in Dachverbänden zusammen, um genau dies zu tun: politische Entscheidungsträger auf die Probleme ihrer Gemeinschaften hinzuweisen und durch ihre Forderungen dann Veränderungen in ihrer Region oder ihrem direkten Umfeld zu erwirken. Der Selbsthilfeansatz ist damit nicht nur nachhaltiger als kurzfristige finanzielle Hilfen, er geht auch weit über die ökonomische Seite hinaus. Neben der materiellen Verbesserung strahlt er in viele weitere Lebensbereiche der Mitglieder und der sie umgebenden Lebensgemeinschaften aus.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Gruppe nun auch wirtschaftlich. Sie sparte immer größere Beträge, nahm Kredite für Investitionen auf. Heute vermietet Murekatete neun Zimmer und hat ein gutes und regelmäßiges Einkommen. Sie hat ihre Kinder zur Schule und dann auf die Universität schicken können und freut sich, dass sie es einmal besser haben werden, als sie es hatte. Die meisten Frauen aus ihrer Gruppe haben heute ein geregeltes Einkommen; alles dank der Investitionen, die sie über die Jahre machen konnten.

Doch nicht nur das. Sie haben Selbstwirksamkeit, Autonomie und Gemeinschaftsgefühl wiedererlangt, wurden höchst erfolgreiche „Schmiedinnen ihres Glückes“. Und übten Versöhnung an einem Ort, der dafür wohl schwerer nicht sein könnte. Durch die vielseitigen Weiterbildungen im Rahmen der SHG sind sie hoch angesehene Mitglieder und Repräsentanten ihrer Gemeinden geworden. Viele Frauen sitzen in diversen Führungspositionen und Entwicklungskomitees, vertreten deren Interessen nach außen. Sie sind in gemeinsamen Dachverbänden mit anderen SHGs organisiert und damit eine selbstbewusste politische Kraft geworden, die Probleme aufzeigt und ihre Rechte einfordert.

So wirkt das Konzept der Selbsthilfegruppen weit in die sie umgebende Gesellschaft hinein, als „mächtiger und ganzheitlicher Wandlungsprozess für die gesamte Gemeinschaft und die Region“, wie John Kalenzi, Teamleiter von AEE resümiert.

Murekatete hat eine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Perspektivlosigkeit, Isolation, Bitterkeit und unbeschreiblicher Gewalt. Aber noch mehr von Hoffnung, Versöhnung und Solidarität. Und von einer Gruppe von Frauen, die sich mit etwas Anleitung auf beeindruckende Weise selbs[...]

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17. November 2020

„Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte“

Die schrecklichen Bilder der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut gingen unmittelbar um die Welt. Genauso schnell folgte eine Welle der Solidarität – mit weltweiten Spendenaufrufen für die Menschen im Libanon. Mit den eingenommenen Spendengeldern unterstützt die Kindernothilfe die Arbeit ihrer Partnerorganisationen vor Ort. Damit können sie Kindern und ihren Familien in dieser Notsituation helfen und sie schützen. So etwa auch Marc, neun Jahre alt, der die traumatisierenden Minuten in Beirut miterlebt hat und nun therapeutische Hilfe bekommt.

Grauschwarze Rauchwolken steigen am Hafen von Beirut empor. Sie kommen aus einer großen Lagerhalle. Blitze sind zu sehen. Es brennt. Wenige Sekunden später dann die schreckliche Katastrophe: Eine gewaltige, ohrenbetäubende Explosion erschüttert Beirut. Eine pilzförmige Rauchwolke bedeckt den blauen Himmel. Die Videos und Bilder von Augenzeugen, die diese Explosion am frühen Abend des 4. August gefilmt haben, gingen sofort um die Welt. 

Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)
Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)

„Ich habe im Zimmer meiner Eltern Videospiele gespielt. An dem Tag war es sehr heiß. Deswegen waren alle Fenster geschlossen, und die Klimaanlage war eingeschaltet. Als dann die erste Explosion kam, dachte ich, es sei ein schweres Erdbeben. Das Gebäude wackelte hin und her. Bei der zweiten Explosion sind alle Fenster zersprungen. Das kaputte Glas lag überall auf dem Boden und dem Bett. Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte. Ich wusste nicht, was los war. Meine Mutter und meine beiden ältesten Schwestern haben mich gepackt, und wir sind schnell zu unseren Nachbarn im Erdgeschoss gerannt, um uns zu verstecken. Aber auch in der Wohnung lag überall Glas, die Türen und Möbel waren kaputt. Als mein Vater später am Abend nach Hause kam, sind wir zurück in unsere Wohnung gegangen und haben angefangen, aufzuräumen.“

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land

190 Menschen haben an diesem Abend ihr Leben verloren, über 6.000 wurden verletzt. Viele Menschen gelten weiterhin als vermisst. Etwa 300.000 Einwohner haben in wenigen Sekunden ihr Zuhause verloren. Auch 120 Schulen, die von 55.000 libanesischen und nicht-libanesischen Kindern genutzt werden, wurden stark beschädigt. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass 2.750 Tonnen konfisziertes Ammoniumnitrat explodiert sind, die bereits seit sechs Jahren dort kaum gesichert gelagert wurden.

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land. Covid-19 wütet seit Monaten im Libanon, und schon vor der Explosion stiegen die Zahlen der Infizierten und Toten in die Höhe. Die Gesundheitsversorgung war labil, und die Intensivstationen der Krankenhäuser waren ohnehin schon an ihren Kapazitätsgrenzen. Die Explosion hat nun viele Kliniken teilweise oder komplett zerstört. In der Notsituation konnten draußen auf den Straßen die Abstandsregeln kaum noch eingehalten werden. Hinzu kommt eine schon lange herrschende starke Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Menschen in die Verzweiflung treibt. Die Wut über die Regierung ist groß – das zeigten auch die unmittelbaren Proteste in der Stadt gegen die Regierung, die nach einigen Tagen zurücktrat.

Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)
Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)

Wichtige Hilfe für traumatisierte Kinder

„Ein paar Nächte konnte ich nicht alleine in meinem Bett schlafen. Ich hatte sehr viel Angst. Ich habe dann bei meinen Eltern geschlafen, bin aber immer wieder aufgewacht, weil ich schlecht geträumt habe. Meine Familie hat sich ein paar Tage später dazu entschieden, ein Haus in einem Dorf in den Bergen zu mieten, damit ich nicht mehr so viel Angst habe. Die Stimmung in der Stadt war sehr traurig. Seit ich im Dorf bin, geht es mir ein bisschen besser. Ich habe ein paar Narben. Jedes Mal, wenn ich ein lautes Geräusch höre, zittere ich am ganzen Körper und renne zu meinen Eltern.“

„Ich versuche, mehr und mehr von diesem Tag zu vergessen. Das Leben der Kinder, die ich in Disney-Filmen sehe, scheint viel einfacher zu sein als meins. Vergangenes Jahr haben wir noch im Park gespielt und geschaukelt. Ich vermisse meine Freunde. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. In der Stadt konnte ich mit meinen Freunden immer noch per WhatsApp schreiben. Aber hier ist das Internet sehr schlecht.“

Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)
Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)

„Meine Schule wurde durch die Explosion schwer beschädigt. Die Wände sind eingestürzt und Fenster zerbrochen. Eine Lehrerin war ausgerechnet am Abend der Explosion in der Schule. Eine Mauer ist auf sie gefallen, und sie ist gestorben. Die Schulen sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Wäre sie geöffnet gewesen, wären viele von uns gestorben. Ich weiß noch nicht, wie das nächste Schuljahr sein wird. Ich hoffe, ich darf dann wieder zum Unterricht gehen und meine Freunde wiedersehen.“

Unser Partner ALPHA Association erhält Unterstützung für seinen Solidaritätsfond, damit 300 Familien ihre zerstörten Wohnungen und Häuser soweit reparieren können, dass diese wieder bewohnbar sind. Unser Partner AMEL bekommt von uns eine finanzielle Unterstützung für seinen Solidaritätsfonds, aus dem medizinische Beratung, Erstversorgung, Medikamente sowie Wasser und Nahrungsmittel inklusive Obst und Gemüsekörbe finanziert werden.
Die Organisation AMURT Lebanon, mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten, nutzt das Geld für ein Projekt zur psychosozialen Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. Außerdem stellt dieser Partner zielgruppengerechtes Lehrmaterial wie Videos zu mentaler Gesundheit und Traumabewältigung für eine Online-/TV-Sensibilisierungskampagne zur Verfügung.
Der vierte Partner Connect Children Now (CCN/DCI) ermöglicht individuelle, psychosoziale Therapie für traumatisierte Kinder. Zudem zeigen Mitarbeitende des Projektes den Eltern, wie sie nach der Katastrophe die psychische Gesundheit ihrer Kinder schützen können. Außerdem klären sie über Covid-19 auf und wie sie eine Ansteckung vermeiden können.

Die schrecklichen Bilder der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut gingen unmittelbar um die Welt. Genauso schnell folgte eine Welle der Solidarität – mit weltweiten Spendenaufrufen für die Menschen im Libanon. Mit den eingenommenen Spendengeldern unterstützt die Kindernothilfe die Arbeit ih[...]

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12. November 2020

Kinderarbeit in Zeiten von COVID-19

Eine aktuelle Studie der Kindernothilfe zeigt die folgenschweren Auswirkungen der Corona-Pandemie für arbeitende Kinder und Jugendliche weltweit: Die Mehrzahl der befragten Mädchen und Buben befürchtet durch das sinkende Familieneinkommen, nie mehr zur Schule gehen zu können, sondern noch stärker als bisher ausgebeutet zu werden.

Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)

Angst vor noch mehr Ausbeutung

Nach offiziellen Angaben sind etwa 1,6 Milliarden schulpflichtige Kinder in mehr als 190 Ländern von den Schulschließungen durch die Corona-Pandemie betroffen. Nach den Lockdowns, so Schätzungen der UNESCO, werden von ihnen etwa 24 Millionen Buben und vor allem Mädchen nicht wieder in die Schule zurückkehren können. Diese Entwicklung bestätigt auch die Kindernothilfe-Studie.

Darüber hinaus hat die altersgerechte und aufwendige Befragung weitere Erkenntnisse hervorgebracht: Kinder aus den ärmsten Teilen der Bevölkerung, die als Kleinhändler, Müllsammlerinnen oder Straßensänger arbeiten, sind besonders betroffen. Viele haben ihre Arbeit verloren, und ihre Einkünfte, die vor der Krise für lebensnotwendige Ausgaben für die Familie bestimmt waren, fallen nun weg. Mangelnde Ernährung und Gewichtsverlust sind gesundheitliche Folgen.

In Bolivien lindern Lebensmittelhilfspakete die größte Not. (Foto: Kindernothilfepartner)

Ich habe Angst, Corona zu bekommen und zu verhungern, weil es kein Essen gibt

15-jähriges Mädchen aus Kenia

Diese Angst bedeutet für viele Kinder eine zusätzliche enorme mentale Belastung und kann zu gesundheitlichen Schäden führen.

In Kenia wird ein Anstieg der Suizidrate bei arbeitenden Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Viele der Befragten müssen noch schwerere Arbeit leisten und sind von ausbeuterischer Kinderarbeit bedroht. In manchen Fällen steigt zudem die häusliche Gewalt. Durch Schulschließungen und fehlende technische Möglichkeit haben die Mädchen und Jungen kaum Zugang mehr zu Bildung.

Die Schulschließungen in Peru bedeuten nicht nur aktuell eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Die Schulzukunft vieler Kinder aus armen Familien ist in Gefahr. (Foto: Kindernothilfepartner)
Die Schulschließungen in Peru bedeuten nicht nur aktuell eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Die Schulzukunft vieler Kinder aus armen Familien ist in Gefahr. (Foto: Kindernothilfepartner)

Mit sechs Kinderrechtsorganisationen aus Bolivien, Guatemala, Indonesien, Kenia, den Philippinen und Sambia führte die Kindernothilfe die Studie mit kindgerechten Methoden durch. Die 46 Mädchen und Jungen konnten zum Teil unter anderem per Telefon teilnehmen. In Ländern wie Indonesien und den Philippinen konnten sie bei Workshops unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen mitmachen.

Wir müssen Kinder und Jugendliche in diesen Zeiten unterstützen: Mit konkreter und schneller Nothilfe, einem funktionierenden Kinderschutzsystem und Bildungsmöglichkeiten

Kathrin Weidemann, Kindernothilfe Vorstandsvorsitzende

Hier geht es zu der umfassenden Studie mit allen Ergebnissen der altersgerechten Befragung sowie und Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen.

Eine aktuelle Studie der Kindernothilfe zeigt die folgenschweren Auswirkungen der Corona-Pandemie für arbeitende Kinder und Jugendliche weltweit: Die Mehrzahl der befragten Mädchen und Buben befürchtet durch das sinkende Familieneinkommen, nie mehr zur Schule gehen zu können, sondern noch stärk[...]

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