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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

22. Oktober 2020

Was uns Entwicklungsländer über den Umgang mit Pandemien lehren können

Während die Industrieländer stark mit der Corona-Pandemie zu kämpfen haben, hat ein Großteil der Entwicklungsländer in aller Stille ein bemerkenswertes Maß an Bereitschaft und Kreativität gezeigt. Die Industrieländer schenken jedoch wenig Aufmerksamkeit. Doch das liegt nicht an fehlender Einsicht dafür, dass es Wissen und Know-how außerhalb der entwickelten Welt gibt. Es ist nur so, dass dieses Wissen angesichts der strukturellen Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nicht als relevant angesehen wird.

Zehn der 20 Länder mit der höchsten COVID-19-Sterblichkeitsrate pro Million Menschen sind in Europa. Die anderen zehn sind in Amerika. Dies schließt die USA ein, die die weltweit höchste Anzahl bestätigter Fälle und Todesfälle aufweisen. Der größte Teil Afrikas und Asiens scheint dagegen immer noch verschont zu sein. Von den Ländern mit gemeldeten COVID-Todesfällen befinden sich die zehn Länder mit der niedrigsten Todeszahl pro Million in diesen Teilen der Welt. Obwohl Fehler und Fehleinschätzungen die anhaltende Kritik Großbritanniens am Umgang mit der Pandemie angeheizt haben, bleibt der Erfolg eines Großteils der Entwicklungsländer unerwähnt.

Natürlich können eine Reihe von Faktoren ein geringeres Krankheitsniveau in den Entwicklungsländern erklären: unterschiedliche Ansätze zur Erfassung von Todesfällen, das junge demografische Profil Afrikas, eine stärkere Nutzung von Außenräumen oder möglicherweise sogar ein hohes Maß an potenziell schützenden Antikörpern, die durch andere Infektionen gewonnen wurden. Doch statistische Unsicherheit und günstige Biologie sind nicht die ganze Geschichte. Einige Entwicklungsländer haben sich deutlich besser geschlagen, indem sie früher und entschiedener gegen COVID-19 reagiert haben. Viele haben das Erbe von Sars, Mers und Ebola in ihrem institutionellen Gedächtnis.

Bei der Betrachtung erfolgreicher Strategien werden die Erfahrungen anderer Industrienationen – wie Deutschland und Neuseeland – vorwiegend von Journalisten und Politikern zitiert. Es besteht eine offensichtliche Abneigung, von Entwicklungsländern zu lernen – ein blinder Fleck, der nicht erkennt, dass „ihr“ lokales Wissen für „unsere“ Probleme in den Industrieländern genauso relevant sein kann. Dies muss sich ändern, da infektiöse Ausbrüche weltweit häufiger auftreten. In Bezug auf Führung, Bereitschaft und Innovation gibt es von den Entwicklungsländern viel zu lernen. Die Frage ist: Was hindert die Industrienationen daran, die Lehren der Entwicklungsländer zu beachten?

Afrikas Reaktion auf COVID-19

Wenn es um den Umgang mit Infektionskrankheiten geht, zeigen afrikanische Länder, dass Erfahrung der beste Lehrer ist. Das wöchentliche Bulletin der Weltgesundheitsorganisation zu Ausbrüchen und anderen Notfällen zeigte, dass die Länder in Afrika südlich der Sahara Ende September mit 116 laufenden Ereignissen bei Infektionskrankheiten, 104 Ausbrüchen und 12 humanitären Notfällen zu kämpfen hatten.

Für afrikanische Nationen ist COVID-19 kein einzigartiges Problem. Es wird neben Lassa-Fieber, Gelbfieber, Cholera, Masern und vielen anderen behandelt. Dieses Fachwissen macht diese Länder wacher und bereit, knappe Ressourcen einzusetzen, um Ausbrüche zu stoppen, bevor sie sich verbreiten. Ihr Mantra lässt sich am besten zusammenfassen als: entschlossen handeln, zusammen handeln und jetzt handeln. Wenn die Ressourcen begrenzt sind, sind Eindämmung und Prävention die besten Strategien. Dies zeigt sich darin, wie die afrikanischen Länder auf COVID-19 reagiert haben, von der raschen Schließung der Grenzen bis hin zum starken politischen Willen zur Bekämpfung des Virus.

Während zum Beispiel in Großbritannien zögerlich auf den Ausbruch der Pandemie reagierte, begann Mauritius (die zehntgrößte Nation der Welt), Flughafenankünfte zu überprüfen und Besucher aus Hochrisikoländern unter Quarantäne zu stellen. Dies war zwei Monate, bevor der erste Fall überhaupt entdeckt wurde. Und innerhalb von zehn Tagen nach der Bekanntgabe des ersten Falles in Nigeria am 28. Februar hatte Präsident Muhammadu Buhari eine Taskforce eingerichtet, die die Eindämmungsreaktion des Landes leiten und ihn und das Land über die Krankheit auf dem Laufenden halten sollte. Die afrikanischen Staats- und Regierungschefs haben auch den starken Wunsch gezeigt, bei der Bekämpfung des Virus zusammenzuarbeiten – ein Erbe des westafrikanischen Ebola-Ausbruchs 2013-2016. Diese Epidemie unterstrich, dass Infektionskrankheiten die Grenzen nicht respektieren, und führte dazu, dass die Afrikanische Union die Afrika-Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) einrichtete.

Im April startete die Africa CDC ihre Partnerschaft zur Beschleunigung von COVID-19-Tests (PACT), mit der die Testkapazität erhöht und Gesundheitspersonal auf dem gesamten Kontinent geschult und eingesetzt werden soll. Das Unternehmen hat Nigeria bereits Laborgeräte und Testreagenzien zur Verfügung gestellt und Mitarbeiter des African Health Volunteers Corps auf dem gesamten Kontinent eingesetzt, um die Pandemie zu bekämpfen. Die Afrikanische Union hat außerdem eine kontinentweite Plattform für die Beschaffung von Labor- und Medizinprodukten eingerichtet: die Africa Medical Supplies Platform (AMSP). Damit können die Mitgliedstaaten zertifizierte medizinische Geräte – wie Diagnosekits und persönliche Schutzausrüstung – mit größerer Kosteneffizienz durch Großeinkäufe und verbesserte Logistik kaufen. Dies erhöht auch die Transparenz und Gerechtigkeit zwischen den Mitgliedern und verringert den Wettbewerb um wichtige Lieferungen. Es ist jetzt geplant, den Zugang zu Krankenhäusern und lokalen Behörden, die von den Mitgliedstaaten genehmigt wurden, zu erweitern und zusätzliche Unterstützung von Spendern zu erhalten. Auch hier hat sich die Entscheidung, sich auf die Installation einer starken Führung zu konzentrieren, ausgezahlt.

Asiens Nationen ziehen an einem Strang

Eine starke Führung bei COVID-19 war nicht auf afrikanische Länder beschränkt. Die vietnamesische Regierung wurde weithin für ihre klare und engagierte Kampagne im Bereich der öffentlichen Gesundheit gelobt. Dies wurde dafür verantwortlich gemacht, das Land zusammenzubringen und eine breite Beteiligung an den Bemühungen zur Bekämpfung des Virus zu erhalten. Vietnam hat auch gezeigt, dass gute Führung bedeutet, auf die Lehren aus der Vergangenheit zu reagieren. Der Sars-Ausbruch 2003 führte zu starken Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur mit einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben um 9% zwischen 2000 und 2016. Dies verschaffte Vietnam in den frühen Phasen der Pandemie einen Vorsprung.

Die Erfahrungen Vietnams mit Sars trugen auch zur Entwicklung wirksamer Eindämmungsstrategien bei, die Quarantänemaßnahmen umfassten, die eher auf dem Expositionsrisiko als auf den Symptomen beruhten. Vietnam hat eine der niedrigsten COVID-19-Todesopfer.

Zwischen Anfang April und Ende Juni hat die Stiftung für ländliche Entwicklung mit Sitz in der pakistanischen Provinz Sindh die Ausbreitung von Infektionen in der Region um mehr als 80% verringert. Dies geschah, indem Gemeinden durch Informationskampagnen und Hygienemaßnahmen einbezogen wurden. Diese Strategien auf Gemeindeebene wurden von Experten aus Industrieländern befürwortet. Trotz des klaren aktuellen Bedarfs werden solche bewährten Low-Cost-Ansätze in Ländern mit hohem Einkommen nach wie vor nicht ausreichend genutzt. Sie wurden zugunsten von High-Tech-Lösungen ignoriert, die sich bisher nicht als effektiver erwiesen haben.

Mittel- und Südamerikas starke Führung

Uruguay hat den höchsten Prozentsatz an über 65-Jährigen in Südamerika, eine überwiegend städtische Bevölkerung (nur 5% der Uruguayer leben nicht in Städten) und eine schwer zu polizeiliche Landgrenze zu Brasilien, sodass es sich wahrscheinlich um einen Infektionsherd handelt . Dennoch ist es gelungen, den Ausbruch einzudämmen, ohne die Sperrung zu erzwingen. Frühe aggressive Teststrategien und die Demut, die WHO um Informationen über bewährte Verfahren zu bitten, gehörten zu den Bestandteilen ihrer erfolgreichen Reaktion. Zusammen mit Costa Rica führte Uruguay auch eine vorübergehende Senkung der Gehälter für seine bestbezahlten Regierungsbeamten ein, um die Pandemie zu finanzieren. Die Maßnahme wurde im Parlament einstimmig verabschiedet und trug zu einem hohen sozialen Zusammenhalt bei. Natürlich beschränkt sich eine starke Führung nicht nur auf den globalen Süden (Deutschland und Neuseeland erhalten Bestnoten), noch haben alle südlichen Länder eine effektive Führung (denken Sie an Brasilien). Die obigen Beispiele zeigen jedoch, dass eine gute Führung – jetzt handeln, entschlossen handeln und gemeinsam handeln – einen großen Beitrag zum Ausgleich des relativen Ressourcenmangels der Länder leisten kann.

Mit weniger mehr erreichen

Die Not ist angeblich die Mutter aller Erfindungen – wo Geld knapp ist, gibt es viel Einfallsreichtum. Dies war während COVID-19 genauso wahr wie zu jeder anderen Zeit und ist eine weitere Lektion, die die Industrieländer gut in Betracht ziehen sollten. Zu Beginn der Pandemie begann Senegal mit der Entwicklung eines zehnminütigen COVID-19-Tests, dessen Verwaltung weniger als 1 US-Dollar kostet und für den keine hoch entwickelten Laborgeräte erforderlich sind. Ebenso entwickelten Wissenschaftler in Ruanda einen cleveren Algorithmus, mit dem sie viele Proben gleichzeitig testen konnten, indem sie sie zusammenlegten. Dies reduzierte die Kosten und die Durchlaufzeiten und führte letztendlich dazu, dass mehr Menschen getestet wurden und sich ein besseres Bild von der Krankheit im Land machte. In Lateinamerika haben die Regierungen Technologien zur Überwachung von COVID-19-Fällen und zur Übermittlung von Informationen zur öffentlichen Gesundheit eingesetzt. Kolumbien hat die CoronApp entwickelt, mit der Bürger täglich Regierungsnachrichten empfangen und sehen können, wie sich das Virus im Land verbreitet, ohne Daten zu verbrauchen. Chile hat einen kostengünstigen, nicht patentierten Coronavirus-Test entwickelt, mit dem andere ressourcenarme Länder von der Technologie profitieren können. Beispiele für Unternehmertum und Innovation im globalen Süden sind nicht auf den biomedizinischen Bereich beschränkt. In Ghana hat ein ehemaliger Pilot, dessen Unternehmen auf das Sprühen von Pflanzen spezialisiert ist, seine Drohnen für andere Zwecke verwendet und sie Open-Air-Märkte und andere öffentliche Räume desinfizieren lassen. Dies erledigte schnell und kostengünstig einen Job, für den normalerweise mehrere Stunden und ein halbes Dutzend Menschen benötigt worden wären. Und in Simbabwe bieten Online-Lebensmittel-Start-ups Lebensmittelverkäufern neue Möglichkeiten, Kunden zu halten, die sich vor persönlichen Einkäufen hüten. Dies sind zwar handverlesene Beispiele, sie veranschaulichen jedoch die Bedeutung der Innovationsfähigkeit unter Bedingungen der Knappheit – der so genannten „sparsamen Innovation“. Sie beweisen, dass einfache, kostengünstige oder improvisierte Lösungen komplizierte Probleme lösen können und dass sparsame Lösungen keine Reparaturen von Kaugummi und Pressdraht beinhalten müssen. Die Fähigkeit, komplexe Probleme unter Ressourcenbeschränkungen zu bewältigen, ist eine Stärke, die für alle von Nutzen sein kann, insbesondere angesichts der tränenden Auswirkungen der Pandemie auf Volkswirtschaften mit hohem Einkommen. Lösungen aus Entwicklungsländern bieten möglicherweise ein weitaus besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als die aufwändigen und teuren „Moonshot“ -Lösungen, die in Ländern wie Großbritannien diskutiert werden.

Warum folgen wir diesen Beispielen nicht?

Diese Pandemie ist ein weiterer Weckruf. Seit Ebola und Zika wissen Regierungen auf der ganzen Welt, dass sie die Agenda der „globalen Bereitschaft“ verbessern müssen. Es wird oft gesagt, dass die Welt in Bezug auf Pandemien so schwach ist wie ihr schwächster Punkt. Globales Handeln erfordert jedoch, über die nationalen Interessen hinauszugehen, um sich mit den Bedürfnissen anderer zu identifizieren. Wir nennen das „globale Solidarität“. Im Gegensatz zu Solidaritätsbeziehungen innerhalb von Nationalstaaten, die auf einer gemeinsamen Sprache, Geschichte, ethnischen Zugehörigkeit usw. beruhen, müssen globale Beziehungen die gegenseitige Abhängigkeit verschiedener Akteure anerkennen. Globale Solidarität ist so schwer zu erreichen, weil sie Unterschiede berücksichtigen muss, anstatt sich auf Gemeinsamkeiten zu stützen. Die Pandemie hat gezeigt, warum wir globale Solidarität brauchen. Die Globalisierung hat die Länder nicht nur wirtschaftlich, sondern auch biologisch voneinander abhängig gemacht. Und doch haben sich in den letzten Monaten isolierte Positionen durchgesetzt. Von den USA, die Mittel von der WHO beziehen, bis zur Weigerung Großbritanniens, am gemeinsamen Beschaffungsabkommen der EU teilzunehmen, verfolgen die Länder stattdessen Do-it-alone-Strategien. In diesem nach innen gerichteten Kontext ist es kein Wunder, dass die Industrienationen die Lehren aus Afrika, Asien und Lateinamerika nicht nutzen können. Es ist kein Mangel an Anerkennung, dass es Wissen und Know-how außerhalb der entwickelten Welt gibt. Es ist nur so, dass dieses Wissen angesichts der strukturellen Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nicht als relevant angesehen wird. Das Versäumnis Europas, von Entwicklungsländern zu lernen, ist die unvermeidliche Folge historisch tief verwurzelter Erzählungen über Entwicklung und Unterentwicklung, die die Idee aufrechterhalten, dass die sogenannte entwickelte Welt alles zu lehren und nichts zu lernen hat. Wenn uns COVID-19 jedoch etwas beigebracht hat, müssen wir in diesen Zeiten unsere Wahrnehmung von Wissen und Know-how neu kalibrieren.

Maru Mormina ist Senior Researcher und Beraterin für globale Entwicklungsethik an der Universität Oxford und Ifeanyi M Nsofor, Senior Atlantic Fellow für Gesundheitsgerechtigkeit an der George Washington University. Dieser Artikel wird von The Conversation unter einer Creative Commons-Lizenz erneut veröffentlicht.

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21. Oktober 2020

Jetzt ist alles anders

Armut und Hunger sind noch immer für Millionen Menschen auf der Welt bitterer Alltag – besonders für Kinder haben Mangel- und Unterernährung oft lebensbedrohliche Folgen.

Die Corona-Pandemie verschärft die weltweite Armutssituation: gerade benachteiligte Familien, die sowieso schon jeden Tag von der Hand in den Mund leben, haben durch Ausgangssperren ihre Jobs verloren und kämpfen ohne Einkommen ums Überleben.

Umso wichtiger ist es, dass Familien die Chance bekommen, den Teufelskreis von Armut und Hunger zu durchbrechen. Genau hier unterstützen wir mit unseren Selbsthilfegruppen. Wie wirkungsvoll diese Arbeit ist und wie Kinder davon profitieren

Armut und Hunger sind noch immer für Millionen Menschen auf der Welt bitterer Alltag – besonders für Kinder haben Mangel- und Unterernährung oft lebensbedrohliche Folgen.Die Corona-Pandemie verschärft die weltweite Armutssituation: gerade benachteiligte Familien, die sowieso schon jeden T[...]

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15. Oktober 2020

Mädchen wehren sich gegen Gewalt – laut und bunt

Das Leben in Lateinamerika ist von Gewalt geprägt. Besonders Mädchen sind gefährdet. Doch unser bolivianischer Partner PASOCAP packt mithilfe des Projektes Time 2 Talk dieses Problem an der Wurzel und unterstützt die Betroffenen dabei, sich zu wehren – zum Beispiel mit einem Karnevalsumzug durch die Straßen von Potosí!

Karnvelasumzug in Bolivien. (Foto: Kindernothilfepartner)
Karnvelasumzug in Bolivien. (Foto: Kindernothilfepartner)

Gewalt in Lateinamerika

Wie in anderen Ländern Lateinamerikas bestimmt auch in Bolivien Gewalt das Leben der Menschen. Besonders Kinder leiden darunter. Oft können sie der Gewalt nicht entkommen – ob zu Hause, in der Schule oder sogar auf dem Spielplatz. Für viele Kinder ist Gewalt Teil des täglichen Lebens, auch gegenüber Gleichaltrigen.

Zum Beispiel Evelin. Die 16-Jährige lebt zusammen mit ihren Eltern und kleinen Brüdern. Doch zu Hause gab es oft Spannungen: Sie sprachen nicht miteinander, und oft stritten die Eltern und schlugen sich auch gegenseitig. Evelin fühlte sich hilflos und wusste nicht, wie sie das unterbinden sollte. Das Verhalten der Eltern färbte auf Evelin ab und sie fing an, ihre kleinen Brüder schlecht zu behandeln. Sie wusste selbst, dass es nicht richtig war, Probleme mit Gewalt zu lösen, weil es, wie sie sagt, „absurd und schmerzhaft ist“. Sich selbst beschreibt sie als „zähes Kind“. Die ständige Gewalt brachte sie dazu zu glauben, sie müsste jeden Schlag, den sie erhält, mit beiden Händen zurückgeben.

Besonders für Mädchen und junge Frauen ist die Gewalt in Lateinamerika eine tägliche Bedrohung. (Foto: Kindernothilfe)
Besonders für Mädchen und junge Frauen ist die Gewalt in Lateinamerika eine tägliche Bedrohung. (Foto: Kindernothilfe)

Zeit zu reden!

Der bolivianischer Kindernothilfe-Partner PASOCAP will den Kindern und Jugendlichen aus der Spirale aus Armut und Gewalt heraushelfen. Deshalb hat er – wie viele andere Partnerorganisationen – an der erfolgreichen Kampagne Time 2 Talk – Zeit zu reden (T2T) mitgewirkt. Eines der Ergebnisse war die Gründung eines Kinderkomitees. Dessen Teilnehmer entschieden sich dafür, das Thema häusliche Gewalt genauer unter die Lupe zu nehmen, und organisierten verschiedene Workshops dazu.

Lernen und Wissen weitergeben

Auch Evelin nahm an den Trainingsworkshops teil – und begriff allmählich, dass sie sehr gewalttätig war. Doch es war noch nicht zu spät! Und das Beste: Sie konnte das Problem selbst lösen. Die 16-Jährige begann also, an sich zu arbeiten und mit ihren Eltern über das Gelernte zu sprechen. Sie erklärte ihnen, dass Schläge, aber auch Beleidigungen und fehlende Rücksichtnahme Gewalt wären.

„Wir verbrachten einen ganzen Nachmittag mit Entschuldigungen, und zwischen den Tränen beteuerten wir, dass wir uns ändern wollten“, berichtete Evelin beim nächsten Treffen des Kinderkomitees. Doch dabei blieb es nicht: Alle Eltern sollten erfahren, wie sehr Gewalt die Beteiligten schädigt und verletzt.

Also organisierte das Kinderkomitee eigene Workshops. An einem dieser Workshops nahm auch der Vater der 15-jährigen Magaly teil. Und tatsächlich: Auch er sah ein, dass Gewalt und Erziehung nicht zusammenpassen und dass Schläge keine Probleme lösen. Für Magaly und ihre Geschwister ist das eine Riesenerleichterung: Sie freuen sich, dass der gemeinsame Alltag nun viel leichter ist.

Die beiden Mädchen vom Kinderkomitee bereiten sich auf den Karneval vor, um für mehr Schutz vor Gewalt zu demonstrieren. (Foto: Kindernothilfepartner)
Die beiden Mädchen vom Kinderkomitee bereiten sich auf den Karneval vor, um für mehr Schutz vor Gewalt zu demonstrieren. (Foto: Kindernothilfepartner)

Karnevalsfest gegen Gewalt

Krönender Höhepunkt war die Teilnahme vieler Schüler am traditionellen Karnevalsfest, um so auch die breite Öffentlichkeit gegen Gewalt an Kindern zu mobilisieren. Mit Bannern, Luftballons und bunten Masken ausgestattet zogen rund 1.200 Mädchen und Buben samt Lehrern durch Potosís Straßen und sangen dabei ihre selbst getexteten Lieder gegen Gewalt. Das war nicht nur laut und bunt, es hat ihnen auch einen Riesenspaß gemacht!

Advocacy Action des CAC/Kinderkommittee in Bolivien bei unserer Partnerorganisation Pasocap. Demonstration/Lauf an Karneval für mehr Schutz vor Gewalt. (Foto: Kindernothilfepartner)
Advocacy Action des CAC/Kinderkommittee in Bolivien bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Pasocap. Demonstration/Lauf an Karneval für mehr Schutz vor Gewalt. (Foto: Kindernothilfepartner)

„Nein zu häuslicher Gewalt“!

Die Aktionen der Kinder waren also ein großer Erfolg und zeigen, was Beteiligung und Mitsprache bewirken. „Im Kinderkomitee haben wir viele Aktivitäten durchgeführt, die uns und unseren Familien geholfen haben. Gewalt kann uns ins Gefängnis bringen oder unser Leben ruinieren“, erzählt Magaly. „Jetzt ist mein Weg besser, dank der Workshops und Time to Talk.“

Auch Evelin ist zufrieden und sogar stolz auf die Erfolge der Gruppe. Mit ihrem Programm haben die Mädchen das Gefühl, dass Gewalt keine dominierende Rolle mehr in den Familien spielt. Evelin kann wieder lächeln und genießt den neuen Umgang miteinander in ihrer Familie. Und sie geht noch einen Schritt weiter. „Ich kann jetzt meinen Freunden helfen, kann sie beraten, mit ihnen reden und mit ihnen scherzen. Ich helfe gerne den Menschen, die meine Unterstützung brauchen“, berichtet sie.

Die Mitglieder aus dem Kinderkomitee sind fest entschlossen: Nein zu häuslicher Gewalt und Nein zu sozialer und kultureller Gewalt!

Das Leben in Lateinamerika ist von Gewalt geprägt. Besonders Mädchen sind gefährdet. Doch unser bolivianischer Partner PASOCAP packt mithilfe des Projektes Time 2 Talk dieses Problem an der Wurzel und unterstützt die Betroffenen dabei, sich zu wehren – zum Beispiel mit einem Karnevalsumzug dur[...]

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9. Oktober 2020

„Es reicht nicht, sich nur zu beklagen“

Umweltverschmutzung und Klimawandel sind in Südindien allgegenwärtig. Im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts haben sich daher Jugendliche zu eigenen Umweltschutzgruppen formiert – und kämpfen für sich und ihre Gemeinden für eine klimafreundlichere Zukunft.

Die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, kurz CMCJ, setzt sich in mehreren südindischen Bundesstaaten für Umweltschutz ein. (Foto: Kindernothilfe)
Die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, kurz CMCJ, setzt sich in mehreren südindischen Bundesstaaten für Umweltschutz ein. (Foto: Kindernothilfe)

„Praise the environment and nature, for what it brings to us, ehren wir die Natur für das, was sie uns bringt“, singen die elf Mädchen und Buben mit lauten Stimmen. „Denn es ist unsere Verantwortung, sie zu erhalten.“ In einem Sitzkreis beginnen sie ihr monatliches Treffen. „Children Movement for Climate Justice“, kurz CMCJ, nennt sich die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, der sie angehören – angeleitet werden sie von zwei Projektmitarbeitern. Es geht um Umweltschutz, um Klimawandel, um Maßnahmen, die jeder treffen kann, selbst Kinder. Und es geht um das aktuell sehr brisante Thema Wasser.

Seit Monaten hat es hier in Poondi Block im südöstlichen Indien nicht mehr wirklich geregnet, die Bevölkerung der 15 umliegenden Dörfer leidet schwer unter dem akuten Wassermangel. Die elf Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren haben sich daher seit vielen Wochen ganz diesem Thema gewidmet. Und einen Lösungsansatz entwickelt: Der See der Umgebung wurde in einer Gemeinschaftsaktion gesäubert. Nun werden die Familien der umliegenden Dörfer mit einem Straßentheaterstück dafür sensibilisiert, den kleinen See in Zukunft sauber zu halten, keine Abfälle oder sonstigen Unrat mehr hineinzuwerfen. So soll das Wasser für die Trinkwasserversorgung und den täglichen Hygienebedarf genutzt werden können.

Der See ist endlich wieder sauber. (Foto: Kindernothilfe)
Der See ist endlich wieder sauber. (Foto: Kindernothilfe)

Warum mit einem Theaterstück kommuniziert wird? „Weil uns dann jeder zuhört“, lachen die Kinder der Umweltschutzgruppe. Aufgeregt beschreiben sie einzelne Szenen des Aufklärungsstückes, das ihre Eltern, die anderen Kinder und die übrigen Dorfbewohner von der Dringlichkeit des sauberen Sees überzeugen will. Es wird laut im Sitzkreis, alle reden durcheinander, gestikulieren, lachen. Und freuen sich auf die Umsetzung ihres Planes. Auf Bezirksebene soll zudem ein offizieller Antrag auf Errichtung eines dorfeigenen Wassergrabens als Regenauffangbecken eingebracht werden. So hoffen die Jugendlichen, das immer wiederkehrende Problem der Wasserknappheit dauerhaft zu mildern.

Immerhin 410 Kinder ab zwölf Jahren sind hier, in den 15 Dörfern des Kindernothilfe-Projektgebiets im indischen Bundesstaat Tamil Nadu, mittlerweile Teil solcher Kindergruppen. Sie treffen sich in Gemeinderäumen, Kirchen oder im Schatten eines Baumes, monatlich und unter Anleitung von Projektmitarbeitern. In den Umweltschutzgruppen erfahren die vorwiegend aus sehr armen Familien stammenden jungen Leute über die Bedeutung von Klimawandel und Umweltschutz für ihre eigene Zukunft. Sie lernen, Probleme und Missstände zu identifizieren, sich eine Meinung zu bilden, dafür einzustehen und letztendlich durch gezielte Aktionen Veränderung zu bewirken.

und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird. (Foto: Kindernothilfe)
und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird. (Foto: Kindernothilfe)

Von bereits erzielten Veränderungen erzählen uns Anbumjaa und Sasikale. Die beiden Jugendlichen sind schon seit Projektbeginn Mitglieder der Umweltgruppe in ihrem Dorf Devandhavakaam – und stolz darauf. Gemeinsam mit ihrer Gruppe und dem Kindernothilfe-Projektpartner CCRD (Centre for Child Rights and Development) haben sie schon einiges in Sachen Umweltschutz erreicht, erzählt der 15-jährige Sasikale begeistert und wortgewandt. Innerhalb eines Jahres sei es gelungen, ihr Dorf Plastiksackerl-frei zu machen und gleichzeitig ein Mülltrennungssystem zu etablieren. Wie? „Wir haben regelmäßig die lokalen Märkte besucht und den Menschen erzählt, was Plastik mit unserer Umwelt macht. Und wir haben Papierbeutel als Alternative verteilt“, erinnert sich Sasikale an die gemeinsame Kampagne vor einem Jahr. Eine „Stop-Plastik“-Petition bei der zuständigen Bezirksstelle sowie ein Antrag auf Bereitstellung von Mülltonnen, um Trocken-, Nass- und Bioabfall voneinander getrennt sammeln zu können, war ebenfalls erfolgreich. Das Ergebnis: Heute sammeln sich die leeren Metalldosen, Plastikflaschen, Stofffetzen und verwesten Obst- und Gemüsereste nicht mehr auf den Straßen von Devandhavakaam, sondern in den in regelmäßigen aufgestellten Mülltonnen. „In unserer Gemeinde gibt es jetzt ein deutliches Bewusstsein für Abfallvermeidung und Mülltrennung“, freut sich Anbumjaa.

Ein Blick in die Zukunft

Was die beiden Jugendlichen auf ihrem Weg zu einem Leben ohne Plastik und bei den vielen Treffen ihrer Umweltschutzgruppe gelernt haben, ist jedenfalls für ihre Zukunft von unschätzbarem Wert. Hier geht es um Kinderrechte, um die gemeinsame Gestaltung der Zukunft, darum, gehört zu werden, eine Stimme zu haben. Auch dann, wenn man aus ärmsten Verhältnissen kommt und noch nicht erwachsen ist. „Ich habe erkannt, dass ich Dinge verändern kann, dass ich etwas bewegen kann. Auch wenn es eine große Herausforderung ist, die Erwachsenen davon zu überzeugen, dass wir unsere Umwelt schützen und für Klimagerechtigkeit kämpfen müssen“, sagt Sasikale. Später will er einmal Premierminister des indischen Bundeslands Tamil Nadu werden – und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird.

Anbumjaa ist schon seit Jahren Mitglieder der Umwelt-gruppe in ihrem Dorf – gemeinsam haben schon viel erreicht. (Foto: Kindernothilfe)
Anbumjaa ist schon seit Jahren Mitglieder der Umwelt-gruppe in ihrem Dorf – gemeinsam haben schon viel erreicht. (Foto: Kindernothilfe)

Auch Anbumjaa hat große Ziele für ihre Zukunft. „Es reicht nicht, sich nur zu beklagen, wir müssen Verantwortung übernehmen und aktiv werden“, fordert die 13-Jährige. Als Verwaltungsbeamtin auf Bezirksebene möchte sie „Dinge verändern und eine umweltbewusstere Einstellung der Menschen“ mitgestalten. Das Rüstzeug dafür, ist sie sich sicher, hat sie hier in der Jugendgruppe für Klimagerechtigkeit erhalten.

Die Kindergruppen in Zeiten von Corona

Es ist schon viel geschafft, es gibt aber auch noch viel zu tun. Obwohl Klimawandel und Umweltschutz nach wie vor die Hauptthemen der Kindergruppen sind, richtet sich natürlich alle Aufmerksamkeit – auch in Indien – momentan auf die Corona-Pandemie. Bei eigens mit den Kindergruppen einberufenen Treffen wurden hauptsächlich wissenschaftliche Informationen über das Corona-Virus ausgetauscht und die Kinder dazu befähigt, der Pandemie-Bedrohung ohne Angst und mit mehr Wissen und Selbstvertrauen zu begegnen. „Soziale Distanz“ und Hygieneregeln wurden ebenso besprochen wie Maßnahmen zur Stärkung der individuellen Immunität gegen Krankheiten. Die Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners waren in den Projektdörfern unterwegs und verteilten Corona-Präventionskits – mit Mund-Nasenschutz und Desinfektionsmitteln.

Umweltverschmutzung und Klimawandel sind in Südindien allgegenwärtig. Im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts haben sich daher Jugendliche zu eigenen Umweltschutzgruppen formiert – und kämpfen für sich und ihre Gemeinden für eine klimafreundlichere Zukunft. Die Kinderbewegung für Klimage[...]

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30. September 2020

Gewalterfahrungen teilen, Rechte einfordern – gemeinsam!

Das Kommunikationsprojekt in Rio Vermelho in Salvador da Bahia, Brasilien, fängt die Jugendlichen des Elendsviertels auf und unterstützt sie bei der Verarbeitung ihre Gewalterfahrungen und der Einforderung ihrer Rechte. Mit Medien-Workshops, Selfies und Videoclips stärkt der Kindernothilfe-Partner CIPÓ Comunicação Interativa das Selbstbewusstsein der jungen Erwachsenen, die von einem Ort ohne Angst, Drogen und Polizeigewalt träumen.

Im Projekt selbst produziert, thematisiert das Dokumentarvideo das allgegenwärtige Problem „Gewalt in der community“ und zeigt auf, mit welche Techniken und Strategien die Jugendlichen eben dieser Gewalt entgegentreten.

2017 beschrieb die Kindernothilfe-CEO Katrin Weidemann ihre Eindrücke aus dem Projekt, das Jugendliche in ihrem Kampf für ihre Träume (Anm.: für uns Selbstverständlichkeiten!) begleitet. Heute, fünf Jahre nach Aufnahme der Projektarbeit, spricht das selbst produziertes Video für sich. Und für den Erfolg des Workshop-Konzepts, das zusammen mit jungen Erwachsenen entwicklet wurde und mittlerweile in mehreren städtischen Brennpunktschulen zum Einsatz kommt.

Selfies fürs Selbstbewusstsein

Jeden Nachmittag treffen sich mehr als 20 Jugendliche zum Workshop „Medien und Kommunikation“. Am Tag von Katrin Weidemanns Besuch warten die sie besonders ungeduldig, denn geht es um Selfies!

Selfies als Statement: Medien-Workshop für das Empowerment (Foto: Jürgen Schübelin)
Selfies als Statement: Medien-Workshop für das Empowerment (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein Viertel, eng wie ein Schuhkarton

85.000 Menschen leben in dem Viertel rund um die Schule, viele von ihnen haben afrikanische Wurzeln. Während nur ein paar Straßen entfernt strahlend weiße Hochhäuser mit Meerblick in den Himmel ragen, drängen sich hier Häuser, die mit einfachsten Mitteln erbaut wurden, in engster Nachbarschaft. Bei der Fahrt durch die verwinkelten Straßen des Viertels kann man nicht die kleinste Freifläche, keinen einzigen unbebauten Platz entdecken. Spiel- und Sportmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche gibt es schlichtweg nicht. Dabei ist die Hälfte der Bewohner des Viertels jünger als 25 Jahre.
Unter welch bedrückenden Umständen sie leben, tragen die Buben und Mädchen im Workshop, um es später in Selfie-Videoclips zu präsentieren. Intensiv diskutieren sie ihre Gedanken zu Fragen wie „Wozu gehöre ich?“ „Was soll in meinem Stadtteil besser werden?“ und „Was ist mein Beitrag dazu?“

Im Workshop diskutieren die Jugendlichen darüber, was nicht gut ist in ihrem Viertel und was sie verändern wollen. (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Workshop diskutieren die Jugendlichen darüber, was nicht gut ist in ihrem Viertel und was sie verändern wollen. (Foto: Jürgen Schübelin)

Mehr Schusswaffen als Waschmaschinen

Die meisten von ihnen haben Rio Vermelho noch nie verlassen, ihr Viertel und seine Probleme kennen sie bestens. Sie wissen, dass hier mehr Menschen eine Schusswaffe besitzen als eine Waschmaschine. Sie erleben, dass kaum eine Woche vergeht, in der es nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Das scheinbar unaufhörliche Sterben von Mitschülern und Freunden ist brutaler Teil ihres Alltags.
„Hier in diesem Stadtteil aufzuwachsen bedeutet, ein Schild vor sich herzutragen, auf dem steht „Ich bin ein Gangster“. Viele aus der Workshop-Runde klatschen, als Paulo, ein schmaler Vierzehnjähriger, das mit ruhiger Stimme sagt. Sie nicken, weil sie wissen, dass alle Bewohner mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Wer sich von hier aus auf eine Stelle bewirbt, wird im Bewerbungsverfahren meist allein aufgrund seiner Anschrift gar nicht erst berücksichtigt.

Ständige Angst, auch vor der Polizei

Zu ihrem Leben im Viertel, auch da sind sich alle einig, gehört die Angst. Laura zählt an ihren Fingern auf, was ihr im Stadtteil am meisten Angst macht. Erstens: Selbst zu sterben. Zweitens, dass ihre Mutter, ihr Vater und ihre Geschwister erschossen werden. Und drittens, dass sie alle Opfer eines Polizeieinsatzes werden.
Elf Polizei-Einsatzstellen gibt es im Stadtviertel. Die Polizisten als Freund und Helfer zu sehen, darauf käme hier allerdings niemand. Die Männer in Uniform sind dafür berüchtigt, überfallartig in die Armenviertel einzufallen. Eine Nachbarschule, erzählt Workshop-Teilnehmerin Rebecca, wurde vor kurzem von Polizisten komplett verwüstet. „Sie kamen ganz plötzlich und haben alles kurz und klein geschlagen.“ Eine Woche lang sei das Viertel danach komplett von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Sieben Tage lang hätte die Polizei Razzien durchgeführt, unzählige Jugendliche verhaftet, sie gefoltert. „Am Ende waren zwölf Jugendliche tot.“

Ein Medien-Workshop als Empowerment

Solche erschreckenden Geschichten von massiver Gewalt sind in den Großstädten Brasiliens immer wieder zu hören. Kinder und Jugendliche erleben sie zu Hause, in der Schule, durch Drogenhändler, die ganze Stadtviertel in rechtsfreie Räume verwandeln, und auch durch staatlichen Institutionen.
Medien-Workshops wie der in Rio Vermelho sind Teil eines Projekts, um das Selbstbewusstsein und die Eigenwahrnehmung der Jugendlichen zu stärken. Allein zu erkennen, dass die traumatisierende Gewalt um sie herum nicht normal ist, sondern eine grobe Verletzung ihres Rechts auf Schutz und Unversehrtheit, ist ein erster großer Lernschritt.

"Hier wird gedreht!" - Im Cipo Projekt machen sich die Jugendlichen gemeinsam stark gegen Gewalt. (Foto: Jürgen Schübelin)
„Hier wird gedreht!“ – Im Cipo Projekt machen sich die Jugendlichen gemeinsam stark gegen Gewalt. (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein Viertel ohne Angst

„Wir wollen in einem Viertel leben, in dem die Rechte von allen gewahrt sind, egal ob sie alt oder jung sind“, fasst Paulo die Diskussion in seiner Workshop-Kleingruppe zusammen. „Wo wir uns frei bewegen können, egal welche Hautfarbe wir haben. Wo alle sicher sind.“ Reihum ergänzen sie das Zukunftsbild vom Zusammenleben in ihrem Viertel. In jedem Wunsch, den die Jugendlichen nennen, steckt die Information über eine jetzige Rechtsverletzung. Rebecca ist als letzte an der Reihe: „Ich wünsche mir ein Viertel, in dem Frauen keine Angst vor Männern haben müssen, wo keine Drogenbanden herrschen. Ein Viertel ohne Angst.“

Gewalterfahrungen teilen, Rechte einfordern – gemeinsam!

Im nächsten Schritt erarbeiten Paulo, Rebecca und die anderen gemeinsam mit den Mitarbeitern des Kindernothilfe-Partners, was sie dafür tun können. Sie lernen die möglichen Anlauf- und Beschwerdestellen kennen und erfahren, welche Mechanismen dort jeweils greifen. Sie entwicklen Strategien, wie sie im Dialog mit politisch Verantwortlichen ihre Rechte einfordern und ausüben können. Und bei all dem wächst ihre psychische Widerstandsfähigkeit, mit den massiven Gewalterfahrungen umzugehen. Sie werden persönlich ermutigt und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt.

Das Kommunikationsprojekt in Rio Vermelho in Salvador da Bahia, Brasilien, fängt die Jugendlichen des Elendsviertels auf und unterstützt sie bei der Verarbeitung ihre Gewalterfahrungen und der Einforderung ihrer Rechte. Mit Medien-Workshops, Selfies und Videoclips stärkt der Kindernothilfe-Partne[...]

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