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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

5. Februar 2020

Sambia: Eine Geschichte von Wetterextremen

Der drastische Rückgang der Niederschläge und die steigenden Temperaturen in Sambia haben die landwirtschaftliche Produktivität um etwa 16 Prozent reduziert und in der Folge das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Während Sambia weiterhin seine sozioökonomischen Entwicklung voranzutreiben versucht, ist es sich der Tatsache bewusst, dass eine gesunde Umwelt für nachhaltige Entwicklung unabdingbar ist.

Planeta Hatuleke, eine Kleinbäuerin aus dem südsambischen Distrikt Pemba, in ihrem Maisfeld. In diesem Jahr hofft sie, dass sie dank der klimafreundlichen Landwirtschaftstechniken, die sie beim Anbau ihrer Ernte im November angewendet hat, nicht zu den 2,3 Millionen Menschen im Land gehören wird, Hunger leiden müssen. (Foto: Friday Phiri)
Planeta Hatuleke, eine Kleinbäuerin aus dem südsambischen Distrikt Pemba, in ihrem Maisfeld. In diesem Jahr hofft sie, dass sie dank der klimafreundlichen Landwirtschaftstechniken, die sie beim Anbau ihrer Ernte im November angewendet hat, nicht zu den 2,3 Millionen Menschen im Land gehören wird, Hunger leiden müssen. (Foto: Friday Phiri)

Es ist früher Samstagmorgen, und Planeta Hatuleke, eine Kleinbäuerin des Distrikts Pemba in Südsambia, erwacht zu tröstendem Regen. Wie die Einheimischen sagen, hat sich der Himmel geöffnet und endlich regnet es nach einer längeren Trockenperiode. „Das Niederschlagsmuster war bisher nicht konsistent. Wir sollten uns auf eine Wiederholung der letzten Saison gefasst machen“, seufzt sie pessimistisch.

Hatuleke und ihre 8-köpfigen Familie ernteten in der letzten Landwirtschaftssaison nur fünf 50-kg-Säcke Mais, was lediglich 10% ihres jährlichen Nahrungsbedarfs deckte. „Es war nicht einfach, meine Familie zu ernähren, nachdem die fünf Säcke aufgebraucht waren. Die Hilfsrationen der Regierung reichten für große Familien wie meine nicht aus. Wir haben vom Verkauf unserer Gartenerträge überlebt“, sagt die 55-jährige Witwe.

70.000 Tonnen Hilfsnahrung

2018/19 waren von Dürre bzw. ausgedehnten Trockenperioden geprägt. Nach Angaben der staatlichen Disaster Management and Mitigation Unit (DMMU) waren 2,3 Millionen Menschen von unzureichender Nahrungsmittelversorgung betroffen und brauchten humanitäre Hilfe. Zwischen September 2019 und Januar 2020 wurden mehr als 70.000 Tonnen Hilfsnahrung (Maisgetreide und Maismehl) an die Betroffenen verteilt.

Chiwaza, Ostsambia: Margarete Phia und ihre Enkelin Merxis tragen Mais (Foto: Christian O. Bruch)
Chiwaza, Ostsambia: Margarete Phia und ihre Enkelin Merxis tragen Mais (Foto: Christian O. Bruch)

Laut Jennifer Bitonde, der Länderdirektorin des Welternährungsprogramms (WFP) für Sambia, „benötigt die Ernährungsagentur der Vereinten Nationen 36 Millionen US-Dollar, um die sambische Regierung wirksam bei der Krisenintervention zu unterstützen.“ Die US-amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung (USAID) hat 3,39 Millionen US-Dollar zur Deckung des unmittelbaren Nahrungsmittelbedarfs der von Dürre betroffenen Menschen in Sambia zur Verfügung gestellt. „Das entspricht ungefähr 10 Prozent des Gesamtbedarfs und ermöglicht dem WFP, sicherzustellen, dass von Dürre betroffene Menschen während der diesjährigen mageren Jahreszeit nicht hungrig ins Bett gehen.“, fügt Bitonde hinzu.

Im vergangenen Oktober forderten die drei UN-Lebensmittelagenturen – die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) und das WFP – dringend Finanzmittel, um eine große Hungerkrise abzuwenden. Zudem forderten sie die internationale Gemeinschaft auf, stärker in langfristige Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimaschockfolgen zu investieren und die Stabilität von Gemeinschaften und Ländern intensiver zu unterstützen.

Spätregen, Trockenperioden, Wirbelstürme und wirtschaftliche Herausforderungen: ein Katastrophenrezept

Der Süden Sambias leidet unter den Regenausfällen (Foto: KNH)
Der Süden Sambias leidet unter den Regenausfällen (Foto: KNH)

Sie gaben an, dass mehr als 11 Millionen Menschen in neun Ländern von einer „Krise“ oder einer „Notsituation“ der Ernährungsunsicherheit (Integrierte Phase der Ernährungssicherheit, Klassifizierungsphasen 3 und 4) betroffen waren: Angola, Simbabwe, Mosambik, Sambia, Madagaskar , Malawi, Namibia, Eswatini und Lesotho. „Spätregen, längere Trockenperioden, zwei große Wirbelstürme und wirtschaftliche Herausforderungen haben sich als Katastrophenrezept für die Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt im gesamten südlichen Afrika erwiesen“, sagte Alain Onibon, subregionaler FAO-Koordinator für das südliche Afrika. „Da viele Bauerngemeinschaften mindestens zwei bis drei Vegetationsperioden benötigen, um zur normalen Produktion zurückzukehren, ist eine sofortige Unterstützung von entscheidender Bedeutung. Jetzt ist es an der Zeit, die Reaktion auf landwirtschaftliche Notfälle zu verstärken. Wir müssen sicherstellen, dass Landwirte und Agro-Pastoralisten die prognostizierten guten Regenfälle nutzen, sofern sie eintreten. Dies für den Wiederaufbau ihres Lebensunterhalts von entscheidender Bedeutung ist.“

Sie warnten weiters, dass ein Rekord von 45 Millionen Menschen in der südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft mit 16 Nationen ab Oktober 2019 in den nächsten sechs Monaten von einer schweren Ernährungsunsicherheit betroffen sein würden.

Norden und Süden erleben unterschiedliche Wetterextreme zur gleichen Zeit

Während sich die Landwirte im Südwesten des Landes Sorgen über das immer unberechenbarere Niederschlagsmuster machen, kämpfen die Menschen im Nordosten mit Sturzfluten. Berichten zufolge sind über 300 Familien von Überschwemmungen in den Distrikten Mambwe und Lumezi in der Ostprovinz Sambias betroffen. Das erhöht den Druck auf die ohnehin stark geschwächte Ressourcenbasis.

Überschwemmung sind in Nord-Sambia keine Seltenheit (Foto: KNH)
Überschwemmung sind in Nord-Sambia keine Seltenheit (Foto: KNH)

Nachhaltige Lösungen sind gefordert

Weltweit ist man sich einig, dass der Klimawandel auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist, die die Umwelt (direkt oder indirekt) schädigen. Solche Aktivitäten umfassen unter anderem die Übernutzung natürlicher Ressourcen, Verschmutzung und Entwaldung. Ein kritisches Energiedefizit bei über 2 Millionen Menschen, die aufgrund von klimabedingten Dürren und Sturzfluten nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden können, ist eine wichtige Lehre.

Auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP25) im Dezember hob Sambias Landwirtschaftsminister Ndashe Yumba die nachteiligen Auswirkungen des Klimawandels auf die rohstoffsensiblen Sektoren seines Landes wie Energie und Landwirtschaft hervor. „In der jüngeren Vergangenheit haben drastische Niederschlagsreduzierungen und steigende Temperaturen in Sambia zu einer Verringerung der landwirtschaftlichen Produktivität um rund 16 Prozent geführt und unser Wirtschaftswachstum gebremst.“ Während Sambia weiterhin seine sozioökonomischen Entwicklung voranzutreiben versucht, ist es sich der Tatsache bewusst, dass eine gesunde Umwelt für nachhaltige Entwicklung unabdingbar ist. „Das Rezept für ein gesundes Klima ist eine gesunde Umwelt“, fügte er hinzu.

Zurück im südsambischen Distrikt Pemba hofft Hatuleke, dass die klimafreundlichen und nachhaltigen landwirtschaftlichen Techniken, die sie kürzlich umgesetzt hat, ihr in diesem Jahr eine bessere Ernte bringen werden. „Ich habe mein Feld gerissen und früh gepflanzt. Kurz nach den ersten Regenfällen Mitte November, und jetzt ist mein Mais in der Raufbude“, sagt sie. „Vielleicht wird es ja eine gute Ernte, vorausgesetzt, es regnet in der verbleibenden Hälfte der Saison konstant.“

Der drastische Rückgang der Niederschläge und die steigenden Temperaturen in Sambia haben die landwirtschaftliche Produktivität um etwa 16 Prozent reduziert und in der Folge das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Während Sambia weiterhin seine sozioökonomischen Entwicklung voranzutreiben versucht[...]

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27. Januar 2020

Globale Ungleichheit wächst weiter

Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tragen und höheren Risiken ausgesetzt sind. (Foto: Manipadma Jena)
Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tragen und höheren Risiken ausgesetzt sind. (Foto: Manipadma Jena)

Mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung leben derzeit in Teilen der Welt, in denen die Einkommensungleichheit zugenommen hat. Dies geht aus dem World Social Report 2020 der Abteilung für Wirtschaft und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen (DESA) hervor. Er identifiziert zudem die vier „Megatrends“, die diese Ungleichheit beeinflussen: technologische Innovation, Klimawandel, Urbanisierung und internationale Migration.

„Der Bericht unterstreicht, dass diese Megatrends für eine gerechtere und nachhaltigere Welt genutzt werden können, oder – außer Acht gelassen – uns weiter trennen werden“, so Elliott Harris, Chefvolkswirt und stellvertretender Generalsekretär für wirtschaftliche Entwicklung bei DESA. Er betont, dass ein Gleichtgewicht zwischen den Ländern insbesondere durch die derzeitige Klimakrise verlangsamt wird, die generell „ein großes Hindernis für die Verringerung der Armut darstellt.“ Indigene Gemeinschaften sind nach wie vor die Hauptbetroffenen, da sie überdurchschnittlich unter den Folgen der klimatischen Veränderungen zu leiden haben und höheren Risiken ausgesetzt sind. Er betont außerdem, dass „sich diese auch auf die Ungleichheit zwischen den Generationen auswirkt.“

Technologische Innovation, digitale Zweiteilung

Im Bereich technologischer Innovationen betont Harris, dass dieser Fortschritt „die Lohnungleichheit nach oben treibt. Denn trotz seiner immensen Aussichten schafft er Gewinner und Verlierer, und sein rasantes Tempo bringt zusätzliche neue Herausforderungen mit sich“, so der Ökonom. Diese „digitale Kluft“ entsteht vor allem durch den Zugang zu Technologie und technologischen Geräten (oder deren Fehlen). Dem Bericht zufolge haben fast 90 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten Zugang zum Internet, während es in den Entwicklungsländern nur 19 Prozent sind. Laut den Daten des U.N.-Komitees für Entwicklungspolitik (CDP) aus dem Jahr 2018 sind vor allem afrikanische Staaten betroffen. Und das obwohl der Kontinent für sein massives technologisches Wachstum gelobt wird. In einem PwC-Bericht über Afrika heißt es: „Disruptive Innovation verändert das wirtschaftliche Potenzial Afrikas, schafft neue Zielmärkte und beispiellose Wahlmöglichkeiten für Verbraucher.“ Das wirft dann aber die Frage auf, wie die technologische Kluft die Ungleichheit in diesen Ländern aufrechterhält. Harris bestätigt dieses Wachstum, betont jedoch, dass jene Länder, die hinterherhinken, viel „Nachholbedarf“ haben. „Aufgrund des raschen Fortschritts ist die Zeit, die für den Aufbau einer digitalen Infrastruktur benötigt wird, jene Zeit, in der die Industrieländer ihrerseits immer schneller vorankommen“, so der Chefvolkswirt. „Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer“, sagt er und fügt die hypothetische Rechnung hinzu, dass in einem Industrieland bereits 8G zur Verfügung stehen, wenn in einem Entwicklungsland gerade mal 5G genutzt werden. „Es ist gemeinsames, auf einander abgestimmtes Engagement nötig, um wirklich schnell aufzuholen“, sagt er, „wir brauchen einen großen Sprung; wir können nicht in dem bisherigen Tempo voranschreiten.“

Ein Teufelskreis?

Der Bericht hebt eine weitere Beobachtung hervor: „Disparitäten in Gesundheit und Bildung machen es für die Menschen schwierig, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen, was zur Übertragung von Benachteiligungen von einer Generation zur nächsten führt“. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der die Welt eine wachsende massive Flüchtlingsbevölkerung hat. Die U.N. Refugee Agency (UNHCR) gibt an, dass die derzeitige Flüchtlingskrise mit insgesamt 70,8 Millionen Menschen, die gewaltsam vertrieben wurden, „beispiellos“ ist. Für jene, die auf der Flucht bleiben, ist der Zugang zu Gesundheitsystem und Bildung eine große Herausforderung. Dies wiederum erschwert das Ausbrechen aus des Armutszyklus und hält somit die Kluft zwischen Arm und Reich aufrecht. Laut Harris ist dieser Teufelskreis „ein sehr ernstes Problem, das wir haben. Erschwerdend kommt hinzu, dass sich das Flüchtlingsaufkommen häufig auf Orte konzentriert, die nicht über ausreichende Ressourcen für die Versorgung von Flüchtlingen verfügen, und daher sehr auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft angewiesen sind.“ Er fügt hinzu, dass „es relativ weniger schwierig ist, Hilfe zu Beginn der Krise zu mobilisieren.“ Die große Herausforderung liegt in der Fortsetzung der Unterstützung, die notwendig ist, da sich viele Flüchtlinge jahrelang in Lagern befinden. Gleichzeitig lobt er die Bemühungen der Aufnahmeländer, ihr Bestes bei der Versorgung der Flüchtlinge zu geben, und fügt hinzu, dass die internationale Gemeinschaft die Verantwortung habe, „diese Aufnahmeländer zu stärken und ihnen zu helfen“.

Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tra[...]

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20. Januar 2020

Klimawandel verschärft das Risiko der Kinderehe

Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)
Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)

Filomena (15), eine Fischerstochter aus einem Dorf in der Provinz Nampula in Mosambik wurde mit einem 21-jährigen Mann aus demselben Dorf verheiratet. Denn obwohl ihr Vater Antonio (50) der Meinung war, dass sie noch zu jung für eine Ehe war, konnte er das Angebot für seine Tochter nicht auszuschlagen: 2000 Mozambican Metical (kanpp 29 Euro) und das Versprechen, dass Filomena auch nach der Eheschließung ihr Ausbildung fortsetzen dürfte. Der 6fache Familienvater, der seit Mitte der 90er Jahre in der Fischerei tätig ist, hat dramatische Geschäftseinbußen als Folge veränderter klimatischer Bedingungen zu beklagen: „Wir sehen, dass es zu heiß ist. Wir reden darüber und sind uns alle einig, dass es aufgrund der hohen Temperaturen schwierig ist, genügend Fisch zu fangen. In den Gegenden, in denen wir früher unterwegs waren, steigt der Meeresspiegel und die Wellen sind viel stärker.“ Filomena ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater der frühen Verheiratung nicht zugestimmt hätte, wenn sein Fischereigeschäfte gut laufen würden.

Ein unausweichlicher Zusammenhang

Die Kinderehe ist ein globales Problem, das viele verschiedene sozioökonomische Gründe hat. Es zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass sich der bereits bestehende weltweite Trend der Kinderehe aufgrund des Klimawandels weiter verschärft.

Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)
Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)

Der Klimawandel führt zu steigenden Temperaturen, sich verändernden Niederschlagsmustern und zunehmenden Extremereignissen. Menschen, die von natürlichen Ressourcen, Viehbestand, Fischerei und Landwirtschaft leben, sind folglich am stärksten betroffen.

In Simbabwe ist extreme Dürre eines der am häufigsten durch den Klimawandel verursachten Phänomene. „Nach der Dürre kämpfte Emmanuel darum, seine Familie zu ernähren. Daraufhin stimmte er einer Mitgift von ein paar Ziegen für seine 15-jährige Tochter zu. Es bedeutete, einen Mund weniger zu füttern und Nahrung und Vieh für den Rest der Familie zu haben“, heißt es in einem UNICEF-Bericht, der sich der Frage widmet, wie der Klimawandel das Leben und die Zukunft unserer Kinder gefährdet und wie wir Klimarisiken in Politik und Dienstleistung integrieren müssen.

Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)
Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)

Ebenso ist in Kenia ein dramatischer Anstieg der Kinderheirat aufgrund schwerer Dürreperioden zu verzeichnen. Denn aufgrund der alarmierenden Schrumpfung des Viehbestands wird der Kinderheirat im Austausch mit Ziegen immer häufiger durchgesetzt wird.

Die AMREF Health Africa (Stiftung für Medizin und Forschung in Afrika), die größte gemeinnützige Organisation für das Gesundheitswesen in Afrika, möchte Eltern dazu bewegen, sich gegen die Verheiratung ihrer Töchter zu entscheiden und sie weiter in die Schule zu schicken. „Denn wenn sie mit der Schule fertig sind, werden sie einen Job bekommen und können dir mehr als vier Ziegen kaufen.“Stattdessen verheiratet die Mehrheit der Eltern im von Armut betroffenen Südsudan ihre Töchter im Gegenzug für Vieh im Rahmen des Bieterverfahrens. „Wer mit der höchsten Anzahl Kühe bietet, nimmt das Mädchen“, so Dorcas Acen von CARE.

"Eine Tochter für ein paar Ziegen." (Foto: Christian Nusch)
„Eine Tochter für ein paar Ziegen.“ (Foto: Christian Nusch)

In südasiatischen Ländern verheiraten Familien, die aufgrund der Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren, Flusserosion und Stürmen mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert sind, ihre Töchter. Laut Heather Barr von Human Rights Watch (HRW) ist der Klimawandel einer der Hauptgründe, die Mädchen in südasiatischen Ländern dazu zwingen, vor dem 18. Lebensjahr zu heiraten. Besonders dramatisch gestaltet sich die Situation in den ohnehin sehr armen Gebieten, die zudem überproportional stark von Naturkatastrophen betroffen sind. „Viele der Familien hatten bereits vor der Katastrophe nicht genug zu essen. Überschwemmung oder Wirbelsturm drängten sie in einen fast unüberwindbaren Überlebenskampf, der ihnen keinen anderen Ausweg ließ, als ihre Familiengröße zu reduzieren, indem sie Ehen für junge Töchter arrangierten.“

Kinderehe weltweit

Aktuelle UNICEF-Daten zeigen, dass 59% der Mädchen in Bangladesch mit 18 und 22% mit 15 verheiratet sind, während nur 4% der Buben vor dem 18. Lebensjahr heiraten. Dies ist die höchste Rate in Asien und auch eine der höchsten auf der ganzen Welt. Auch wenn Kinderehen in den letzten zehn Jahren weltweit zurückgegangen sind*, sind sie nach wie vor weit verbreitet. Weltweit wird alle 2 Sekunden ein Mädchen verheiratet, und die Gesamtzahl der in ihrer Kindheit verheirateten Mädchen beläuft sich auf 12 Millionen pro Jahr.

Eines der in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDG 5.3) festgelegten Ziele ist die Beendigung der Kinderheirat bis 2030, ohne jedoch die Fortschrittsrate zu erhöhen werden allerdings bis 2030 „mehr als 150 Millionen zusätzliche Mädchen vor ihrem 18. Geburtstags heiraten.“

Der Plan adressiert den Zusammenhang zwischen Klimawandel bzw. Naturkatastrophen (und andere Katastrophen wie Konflikte, Vertreibungen, etc.) und Eheschließung von Kindern, und umfasst Maßnahmen zur Minderung dieses Risikos.

Es gibt Hoffnung

Barr appelliert an die betroffenen Regierungen, die für die Bekämpfung des Klimawandels und Naturkatastrophenschutz zuständigen Stellen an der Entwicklung und Umsetzung des nationalen Aktionsplans zur Beendigung der Eheschließung von Kindern bis 2030 zu beteiligt. Sie fordert die Regierungen außerdem auf, den Schutz vor Kinderehe in alle Regierungspläne zur Reduzierung des Katastrophenrisikos und Klimaschutzmaßnahmen mit einzubeziehen.

Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)
Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)

Aber auch auf individueller Ebene ist Initiative gefragt: „Wenn wir kleine Schritte unternehmen, wie zum Beispiel das Bewusstsein der Einzelpersonen und der Gemeinschaft zu stärken, um die gängigen Best Practices zum Schutz der Umwelt anzuwenden, könnte dies den Fortschritt der größeren Veränderungen, die wir auf globaler Ebene sehen wollen, dramatisch beschleunigen.“

So wie Smriti (19) aus dem Bezirk Barisal in Bangladesch, die mit YouthNet for Climate Justice zusammenarbeitet. Die junge Frau ist in ihrer Gemeinde unterwegs, um ein Bewusstsein für die globale Erwärmung und den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kinderehe-Risiko. „Es ist schwer, Leute zu finden, um darüber zu sprechen, aber oft gehe ich in einen Teeladen oder halte eine Gruppe von Leuten auf und engagiere sie auf diese Weise.“

* Die größten Fortschritte wurden in Südasien beobachtet, wo das Risiko, dass ein Mädchen im Kindesalter heiratet, von etwa 50% auf 30% gesunken ist.

Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny) Filomena (15), eine Fischerstochter aus einem Dorf in der Provinz Nampula in Mosambik wurde mit einem 21-jährigen Mann aus demselben Dorf verheiratet. Denn obwohl ihr Vater Antonio (50) der Meinung war, [...]

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15. Januar 2020

An der Seite des haitianischen Volkes

Kindernothilfe-Mitarbeiterin Julia-Dradzil-Eder sprach mit Pierre Hugue Augustin, dem Leiter des Kindernothilfe-Büros in der Hauptstadt Port-au-Prince, über die Jahre nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar 2010.

Kindernothilfe-Referatsleiter Jürgen Schübelin bei den „Kleinen Schwestern“, deren von der Kindernothilfe geförderte Schule in Carrefour völlig zerstört wurde.
Kindernothilfe-Referatsleiter Jürgen Schübelin bei den „Kleinen Schwestern“, deren von der Kindernothilfe geförderte Schule in Carrefour völlig zerstört wurde.

Drazdil-Eder: Wie hat sich das Leben in Haiti nach dem Erdbeben verändert?

Die Ergebnisse sind durchwachsen – und auf der staatlichen Ebene können wir zum heutigen Zeitpunkt kaum von echten großen Erfolgen sprechen. Trotzdem gibt es einige gute Entwicklungen seit dem Erdbeben:

Ein Architekt von Habiterra erklärt den Dorfbewohnern, wie die zerstörte Schule erdbebensicher wiederaufgebaut wird. (Foto: Nélida Pohl)
Ein Architekt von Habiterra erklärt den Dorfbewohnern, wie die zerstörte Schule erdbebensicher wiederaufgebaut wird. (Foto: Nélida Pohl)

Es wurde in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass unser Land aufgrund seiner geografischen Lage und der Umweltschäden verwundbar ist: Trotz der zahlreichen Warnungen des sehr bekannten haitianischen Geologen und Ingenieurs Claude Preptit, vor allem im Jahr 2009, lebten die Politiker und die Bevölkerung in den besonders gefährdeten Gebieten völlig gedankenlos – obwohl die Bedrohung wirklich sehr real war. Erst nach dem 12. Januar haben die politischen Verantwortlichen und die lokalen Gemeinschaften erkannt, wie wichtig es ist, auf die Bauweise und die Standorte unserer Siedlungen zu achten. Es gab eine breite Sensibilisierungskampagne in den Medien. Viele Gebäude wurden erdbebensicher wiederaufgebaut.

Ein Architekt von Habiterra begutachtet die Schäden an einem Gebäude. (Foto: Jürgen Schübelin)
Ein Architekt von Habiterra begutachtet die Schäden an einem Gebäude. (Foto: Jürgen Schübelin)

Es gab Verhaltenstraining in den Schulen: Der Großteil der Schulen hat nach der Wiederaufnahme des Unterrichts nach dem Erdbeben begonnen, sein Personal, die Eltern und die Schüler über die Naturkatastrophen und die Umweltgefahren aufzuklären. Die Kinder wurden angeleitet, wie sie sich im Falle einer Katastrophe verhalten sollen. Einige Schulen simulierten zu Übungszwecken sogar eine schnelle Evakuierung im Erdbebenfall.

Koordinierung der internationalen Hilfe: Das Erdbeben vom 12. Januar, das als verheerendstes Erdbeben des Jahrhunderts bezeichnet wurde, hat das Augenmerk mehrerer internationaler Akteure auf Haiti gelenkt. Schnell zeigte sich die Solidarität mit dem Land. Unter der Ägide der Vereinten Nationen und der haitianischen Regierungsstellen wurden Koordinationsplattformen ins Leben gerufen, und zwar je nach Art der Hilfeleistung. Dadurch konnten sich alle Akteure auf die Soforthilfebereiche verteilen und später nach der Nothilfe dann auch im Wiederaufbauplan verorten. 

Zeltlager für obdachlos gewordene Menschen. (Foto: Jürgen Schübelin)
Zeltlager für obdachlos gewordene Menschen. (Foto: Jürgen Schübelin)

Umsiedlung der obdachlos gewordenen Menschen: Die Menschen, die ihr Zuhause verloren und anfangs in Zelten untergebracht worden waren, wurden über das Land verteilt umgesiedelt. Einige haben sich in Dörfern niedergelassen, die nach dem Erdbeben auf vom haitianischen Staat zur Verfügung gestellten Boden neu gegründet und aufgebaut wurden, andere haben finanzielle Hilfe erhalten, um neue, einfache Unterkünfte zu mieten. Trotzdem leben bis heute Familien in einigen Gegenden in notdürftigen Zelten. 

Dradzil-Eder: Was hat die Kindernothilfe in Haiti geleistet?

Die Kindernothilfe war über ihre Partnerorganisationen sehr präsent an der Seite des haitianischen Volkes, vor allem in ihren Projektgebieten, die sich über 8 geografische Departements erstrecken. Sie hat schnell verstanden, dass dieses Land einer möglichst  grundlegenden Reformierung bedarf. Für sie ging es nicht nur darum, die durch das Erdbeben zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen, sondern auch und vor allem darum, das Recht auf Bildung, den Kinderschutz und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Familien zu stärken.

Die nach dem Erdbeben neu gebaute Schule in Carrefour. (Foto:Jürgen Schübelin)
Die nach dem Erdbeben neu gebaute Schule in Carrefour. (Foto:Jürgen Schübelin)

Mit Stolz können wir die Erfolge der Kindernothilfe nennen:

Den Bau von 13 Schulgebäuden, die internationalen Standardnormen und dem Recht von Kindern auf Bildung in einer gesunden Umgebung entsprechen: In den stark benachteiligten und gefährdeten Gebieten wie Delmas 2, Cité Soleil, Fort National und Rivière Froide hat die Kindernothilfe beim Bau der Schulgebäude Maßstäbe vorgegeben, die die Sicherheit und den Schutz der Kinder gewährleisten, aber auch adäquate Lernbedingungen schaffen sollen. Diese von der Kindernothilfe gebauten und geförderten Schulen sind heute Referenzschulen, nicht nur für die lokalen Gemeinschaften, sondern für das ganze Land.

Das neue Collège Verena in Port-au-Prince. (Foto: Jürgen Schübelin)
Das neue Collège Verena in Port-au-Prince. (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein integriertes Bildungsangebot: Für die Kindernothilfe ist Bildung mehr als nur Lese- und Schreibunterricht, Mathematik und andere Fächer der klassischen Schulausbildung. Vor allem nach dem Erdbeben hat sie sich für eine integrierte Bildung in Haiti ausgesprochen, die es den Schülern ermöglicht, ihre Rolle als Bürger zu gestalten, während sie handwerkliche Berufe und ihre Rechte als Kinder kennenlernen. Alle Schulen haben eine Richtlinie zum Kinderschutz eingeführt, die sicherstellt, dass sich die Kinder in einer geschützten Umgebung voll entfalten und entwickeln können – befreit von der Gewalt, die eine der größten Probleme in ihren Vierteln und Nachbarschaften darstellt. 

Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe (Foto: Kathrin Meindl)
Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe (Foto: Kathrin Meindl)

Die wirtschaftliche Selbstständigkeit von Familien: Seit 2012 haben sich 312 Frauenselbsthilfegruppen in 7 Departements im ganzen Land gebildet. Durch das Selbsthilfegruppenprogramm der Kindernothilfe, das sie gemeinsam mit kleinen Grassroot-Partnerorganisationen durchführt, ist es gelungen, das Selbstbewusstsein der Frauen deutlich zu stärken, Geld anzusparen und kleine Geschäfte aufzubauen, über die die Frauen eigene Einnahmen erzielen. Hierdurch lernen die Frauen Buchhaltung und wie man ein Geschäft abwickelt. So tragen sie nicht zuletzt durch die Stärkung ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft zur Versorgung ihrer Familien und zum sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften bei.

Drazdil-Eder: Welches sind die nächsten Schritte?

Die Kindernothilfe wird ihre drei wichtigsten Programmschwerpunkte (Bildung, Kinderschutz und Stärkung der wirtschaftlichen Selbstständigkeit von Familien) verstärken und nachhaltige Lösungen fördern. 

Ihr Ansatz, die Kapazitäten der einheimischen zivilgesellschaftlichen Akteure zu stärken, hat bereits Früchte getragen. Heute sind sich die Partnerorganisationen ihrer Rollen als Garanten für die Einhaltung der Kinderrechte bewusster. Einige Partner, wie z. B. FEPH (Fédération des Ecoles Protestantes d’Haïti) in Cité Soleil und Cabaret, engagieren sich in der Advocacy-Arbeit für ein gutes Bildungssystem in Haiti. Andere, wie RESEDH (Réseau Sud-Est de Défense des Droits Humains), arbeiten an besseren Maßnahmen zum Schutz von hilfsbedürftigen Kindern.

An der Seite des haitianischen Volkes. (Foto: Jürgen Schübelin)
An der Seite des haitianischen Volkes. (Foto: Jürgen Schübelin)

Die Mehrheit der Projekte, die von der Kindernothilfe begleitet werden, haben eine Bildungs- und Umweltkomponente, wie etwa im Fall von SJM (Service Jésuite aux Migrants – Solidarité Fwontalye Haiti) m Nordosten Haitis. Die Kindernothilfe weitet ihre Kooperation weiter aus und plant, drei andere zivilgesellschaftliche Organisationen in den Süd-Departements der Grand-Anse zu unterstützen. Im Norden sollen Aktivitäten in den Departements der Küstenstädte gefördert werden, die permanent Umweltgefahren und Naturkatastrophen ausgesetzt sind.

Die Kindernothilfe wird die Menschen in Haiti in ihrem Prozess der Neuordnung weiterhin begleiten. Wir bemühen uns, gemeinsam mit ihnen das notwendige Fundament dafür zu schaffen, indem wir auf Partizipation, Bildung (Schulbildung und Stipendien sowie alternative Bildungsmöglichkeiten), die Stärkung der Kinderrechte, den Schutz der Kinder vor Gewalt, auf die Stärkung von Frauen und die Förderung ihrer finanziellen Unabhängigkeit setzen.

Kindernothilfe-Mitarbeiterin Julia-Dradzil-Eder sprach mit Pierre Hugue Augustin, dem Leiter des Kindernothilfe-Büros in der Hauptstadt Port-au-Prince, über die Jahre nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar 2010. Kindernothilfe-Referatsleiter Jürgen Schübelin bei den „Kleinen Schwester[...]

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8. Januar 2020

Haiti 10 Jahre nach der Erdbebenkatastrophe

Auch zehn Jahre danach fehlen immer noch Worte, um die entsetzlichen Wunden zu beschreiben, die die verheerendste Katastrophe Lateinamerikas am 12. Jänner 2010 um exakt 16:53 Uhr gerissen hat. (Foto: Jürgen Schübelin)

Es war 16:53 Uhr, als in der dichtbesiedelten Hauptstadtregion von Haiti am 12. Januar 2010 die Erde bebte. Keine Katastrophe in der an Desastern reichen Geschichte Nord- und Südamerikas forderte derartig viele Menschenleben (laut UN-Angaben mehr als 230.000), machte so viele Personen (1,85 Millionen) obdachlos und richtete in dem mit Abstand ärmsten Land des Kontinents großflächig derartige Verwüstungen an.

Für die Kindernothilfe begann wenige Stunden nach dem Beben die umfangreichste und zugleich komplexeste Humanitäre-Hilfe-Kooperation in ihrer 60-jährigen Geschichte. Am Ende waren es mehr als 17 Millionen Euro an Spenden und Unterstützungsmittel, die für den Wiederaufbau von insgesamt 13 Schulen und zahlreiche weitere Projekte mobilisiert werden konnten.

Der Versuch einer Bilanz von Lateinamerikareferatsleiter Jürgen Schübelin

Der Anruf aus Duisburg kam am 12. Januar 2010, spätnachts, am gefühlt entferntesten Ort Südamerikas auf fast 4.000 Meter Höhe, im Urlaub mit der Familie im Lauca-Parinacota-Nationalpark im äußersten Nordosten Chiles. Am Telefon Dietmar Roller, damals Kindernothilfe-Vorstand für die Programm- und Projektarbeit. Er sagte nur ganz wenig: „In Haiti hat es ein schweres Erdbeben gegeben, offenbar mit Tausenden von Toten, und wir können keinen Kontakt zu unserem Team im Kindernothilfe-Büro in Port-au-Prince herstellen. Wir wissen nicht, ob die fünf Kollegen am Leben sind … Du bist von uns allen am nächsten dran. Versuch bitte, dich dorthin durchzuschlagen…“

Bilder der Verwüstung: Die Hängen von Carrefour Feuilles (Foto: Jürgen Schübelin)
Bilder der Verwüstung: Die Hängen von Carrefour Feuilles (Foto: Jürgen Schübelin)

Leichter gesagt als getan: Am Ende gelang das nur nach einer komplizierten, langen Odyssee auf dem Umweg über die Dominkanische Republik. Das US-Militär hatte den Flughafen von Port-au-Prince wenige Stunden nach dem Beben, außer für eigene Maschinen, komplett gesperrt. Die erste komplexe Herausforderung bestand deshalb zunächst darin, ein 20-köpfiges Ärzte- und Helferteam, das mit einem AirBerlin-Sonderflug zusammen mit einer Gruppe von Journalisten und 30 Tonnen an Hilfsgütern im dominikanischen Badeort Puerto Plata gelandet war, sicher nach Haiti zu lotsen. Von dort hatten wir nach bangen 72 Stunden endlich erfahren, dass die Kollegen vor Ort am Leben waren, sich leichtverletzt aus dem kleinen Kindernothilfe-Büro, in dem eine Mauer eingestürzt war, hatten befreien können. Aber das war dann auch schon das Ende der guten Nachrichten.

Bilder, die sich für immer ins Gedächtnis einbrennen

Die Bilder von der Ankunft unserer Gruppe in Port-au-Prince wenige Tage nach dem Beben werden ein ganzes Leben lang bleiben: zehntausende, völlig erschöpfte, staubbedeckte Menschen auf den kaum passierbaren, von Schutt übersäten Straßen; viele von ihnen mit bloßen Händen und um den Mund gebundenen Tüchern zwischen den Trümmern eingestürzter Häuser noch immer auf der Suche nach Angehörigen oder irgendwelchen Habseligkeiten; der penetrante, süßliche Gestank nach Leichen – oder dem, was unter Mauern und heruntergebrochen Betonplatten von den Körpern übriggeblieben war; der verzweifelte Versuch der Menschen, an Wasser, an Essen zu kommen; endlose Schlangen, von schwerbewaffneten US-Soldaten bewacht, überall dort, wo irgendetwas verteilt wurde…   

Foto: Jürgen Schübelin
Foto: Jürgen Schübelin

Bis heute ist es noch immer nicht möglich, die präzise Zahl der Todesopfer zu benennen. In den Monaten nach dem Beben sprachen die Vereinten Nationen von mehr als 230.000 verstorbenen Menschen. Etwa genauso viele wurden schwer verletzt, und in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince sowie den Nachbarkommunen Carrefour, Léogâne und Jacmel hatten fast zwei Millionen Menschen ihr Zuhause verloren.

Schweres Erdbeben trifft auf extreme Armut

Von der Magnitude, der Stärke der seismischen Erschütterung auf der Richterskala, her, war das Beben mit 7,0 – andere Quellen sprechen von 7,2 – nicht einmal besonders extrem. Aber in seiner Kombination mit extremer Armut, einer nicht vorhandenen Zivilschutzstruktur und vor allem der Art und Weise, wie die Menschen in den bidonvilles, den Armenvierteln, ihre Häuser ohne ausreichende Armierungen, mit Baumaterialien in schlechter Qualität viel zu dicht aufeinander und ohne Fluchtwege errichtet hatten, verursachte das Goudougoudou, wie dieses Jahrhundertbeben im haitianischem Kreyòl genannt wird, eine derartig zerstörerische Wucht, dass sich das Land davon bis heute nicht erholt hat. Deutlich wird das beim Blick auf den IHDI (den Index für menschliche Entwicklung, der den Faktor „Ungleichheit“ miteinbezieht – in seiner aktuellsten Version von 2018): Hier rangiert Haiti als eines der zehn ärmsten Länder der Welt. 80 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, die Hälfte sogar mit weniger als einem Dollar.

10. Januar 2011: Schulbetrieb in Carrefour 2 Tage vor der Grundsteinlegungen für eine neue, erdbebensichere Schule. (Foto: Benjamin Weinkauf)
10. Januar 2011: Schulbetrieb in Carrefour 2 Tage vor der Grundsteinlegungen für eine neue, erdbebensichere Schule. (Foto: Benjamin Weinkauf)

Dass bei der Erdbebenkatastrophe auch 80 Prozent aller Schulgebäude in den von dem Beben betroffenen Teilen des Landes zerstört wurde, war die Tragödie in der Tragödie. Im Fall der Kindernothilfe traf es neun der zehn in Haiti unterstützten Schulen, die unter der Wucht des Bebens einstürzten oder unrettbar beschädigt wurden, darunter auch alle von den Eltern selbst errichteten Schulen in den Bergen südlich von Rivière Froide. „Wir konnten gar nicht anders“, erinnert sich Alinx Jean-Baptiste, damals Leiter des Kindernothilfe-Büros in Port-au-Prince, an diese dramatische Zeit nach dem Jahrhundertdesaster, „wir mussten alle unsere Energie darauf verwenden, um mitzuhelfen, diese Infrastruktur wiederherzustellen.“

Der erste Schulunterricht bereits einen Monat nach dem Beben

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem Engagement nach der Tsunami-Katastrophe rund um den Indischen Ozean 2004 oder auch dem Peru-Erdbeben vom 15. August 2007, bestand die erste Aufgabe jedoch zunächst darin, über sogenannte Kinderzentren sichere Räume für Mädchen und Jungen zu schaffen, die durch das Desaster traumatisiert worden waren und sich beim Kampf der Erwachsenen um das eigene Überleben extremen Gefährdungen ausgesetzt sahen. Der erste Child Friendly Space (CFS), das erste Kinderzentrum, startete acht Tage nach dem Beben auf dem Areal des schwer beschädigen Collège Véréna, jener Schule, mit der 1973 die Kindernothilfe-Arbeit in Haiti begonnen hatte. Am Ende waren es dann 28 derartiger Kleinprojekte, geographisch verteilt über fast das gesamte Katastrophengebiet, die der Arbeit mit Tausenden Kindern eine Struktur und ein Gesicht gaben. In einer zweiten Phase folgte die Organisation von Notschulprogrammen. Erneut war es der Partner Heilsarmee, mit dem genau einen Monat nach dem Erdbeben, Mitte Februar 2010, in den Ruinen des Collège Véréna der erste Unterrichtsbetrieb gestartet werden konnte.

In sogenannten Childfriendly Spaces bekommen Kinder einen sicheren Ort, ihr Trauma zu verarbeiten. (Foto: Erhard Stückrath)
In sogenannten Childfriendly Spaces bekommen Kinder einen sicheren Ort, ihr Trauma zu verarbeiten. (Foto: Erhard Stückrath)

Rechnen mit Mango-Kernen

Die extrem prekären Bedingungen dieser Monate, das Fehlen von Material, von Infrastruktur – gearbeitet wurde mit den Kindern unter Zeltplanen oder manchmal auch nur im Schatten eines Mangobaumes – brachten eine erstaunliche Kreativität und pädagogischen Erfindungsreichtum hervor, der den Kindern in Erinnerung geblieben ist. „Wir haben mit Steinchen und Mango-Kernen gerechnet und mit Kreide auf einer dunklen Zeltplane gemalt und geschrieben“, erinnert sich die heute 17-jährige Céline, die damals in Léogâne täglich in eines dieser CfS zum Essen, Spielen und zum Lernen kam. Nicht alles von diesem Reichtum an Improvisationskunst und kreativer Pädagogik konnte in die nächste Phase gerettet werden, als es nach und nach darum ging, die Infrastruktur-Bedingungen zu schaffen, um wieder regulären Schulbetrieb zu ermöglichen und dafür auch die bürokratischen Vorgaben des haitianischen Bildungsministeriums zu erfüllen. Hier kollidierten zwei Welten: Ein Staat, der in den zurückliegenden Jahrzehnten nie in der Lage gewesen war, das in der Verfassung des Landes und in zahlreichen internationalen Konventionen, die Haiti ratifiziert hatten, verbriefte Recht von Kindern auf Bildung umzusetzen und stattdessen diese Aufgabe mehrheitlich privaten Schulträgern überlies; auf der anderen Seite ein extrem starres Korsett für Lehrpläne und eine am französischen Bildungssystem orientierte Unterrichtsstruktur, die wenig Raum für Kreativität, die Stärkung sozialer Fähigkeiten der Kinder und das, was man life skills, (Über)Lebenskompetenzen, nennt, lässt. Demgegenüber wollten die Kindernothilfe und ihre Partner die historische Chance des Neubeginns nach der Katastrophe nutzen, um mit anderen Unterrichtsformen und der Einbeziehung neuer Themen – etwa zur ökologischen Nachhaltigkeit, sehr viel mehr praktischen Fertigkeiten und vor allem der Stärkung der Kinderrechte – die Mädchen und Jungen in den Projekten besser auf die Lebenswirklichkeit nach der Schule vorzubereiten.

Juni 2015: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, berichtet vom Wiederaufbau in Haiti. Nach dem schweren Erdbeben 2010 hat die Kindernothilfe in abgelegenen Bergregionen des Karibikstaates Schulen wieder aufgebaut, unter anderem in Daveau.

Unterricht ohne schlagende und brüllende Lehrer

Zehn Jahre danach sind auf diesem steinigen Weg einige wichtige Etappen geschafft: Im Rahmen einer engen Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Quisqueya-Universität gelang dem Kindernothilfe-Partner AMURT der Aufbau eines Modellprogramms für Hunderte von Grundschullehrerinnen und -lehrer, die nie zuvor eine pädagogische Ausbildung erhalten hatten. In ganz vielen öffentlichen Schulen, auch in abgelegenen ländlichen Départments, wurden die Lernerfahrungen aus der Arbeit mit den Kinderzentren nach dem Erdbeben aufgegriffen. Hier gibt es keinen Frontalunterricht mehr, kein Gebrüll von Lehrern und keine Schläge, hier eignen sich Kinder, angereichert mit ganz vielen spielerischen Elementen, Wissen und Selbstbewusstsein an.

Schule in Leveque bei Cabaret (Foto: Juergen Schuebelin)
Schule in Leveque bei Cabaret (Foto: Juergen Schuebelin)

Heute leitet Pierre-Hugue Augustin, ein junger Sozialwissenschaftler, das Kindernothilfe-Büro in Port-au-Prince. Seine Bilanz dieser zehn Jahre, die seit der Erdbebenkatastrophe vergangen sind, fällt eindeutig aus: „Es ist uns gelungen, neun zerstörte Schulen, teilweise unter schwierigsten Bedingungen, wiederaufzubauen und zusätzlich vier neue Bildungszentren zu errichten.“ An allen Vorhaben waren und sind Kinder, Eltern und Nachbarn intensiv beteiligt. „Unsere Strategie war es immer, einen nachhaltigen Beitrag zu leisten. Diese Schulen“, ist sich Pierre-Hugue sicher, „wird es auch in 20, 30 Jahren noch geben. Sie werden durch die Generationen von Kindern, die hier gemeinsam lernen und Selbstbewusstsein tanken, dazu beitragen, das Gesicht ganzer Armenviertel und ganzer Dörfer zu verändern.“ Aber – und auch das ist für Pierre-Hugue Augustin und das Kindernothilfe-Team vor Ort eine der Lernerfahrungen dieser zurückliegenden zehn Jahre: „Wir brauchen dringend einen funktionierenden, engagierteren Staat, gute öffentliche Krankenhäuser, viel mehr staatliche Schulen – endlich ausreichend Mittel für Bildungsinvestitionen. Nur so kann die extreme Armut in Haiti überwunden werden.“

Bilanz der Kindernothilfe-Arbeit seit 2010

Und worin liegt für die Kindernothilfe insgesamt die wichtigste Lernerfahrung aus diesen intensiven, ereignisreichen zehn Arbeitsjahren seit 2010 in Haiti? Überdeutlich wurde, von welch geradezu existentieller Bedeutung in humanitären Krisen- und Extremsituationen ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für humanitäre Hilfseinsätze beschäftigen, müssten das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre-Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Das Erdbeben in Haiti vor zehn Jahren zeigte überdeutlich, wie extrem verletzlich und gefährdet Kinder und Jugendliche im Gefolge von derartigen Katastrophen sind und wie dringend notwendig es gerade der konsequenten Perspektive und Instrumente der Kinderrechte bedarf, um ihren Bedürfnissen und ihrem Schutz Priorität einzuräumen.

Haiti: In der wieder aufgebauten Ecole Saint Francois de Salle ist Lernen wieder möglich. (Foto: Jürgen Schübelin)
Haiti: In der wieder aufgebauten Ecole Saint Francois de Salle ist Lernen wieder möglich. (Foto: Jürgen Schübelin)

Zum Schluss eine knappe Bilanz in Zahlen: Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und den Aufbau des Selbsthilfegruppen-Programms. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet.

Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschultraktes des Collège Verena in Delmás. Ermöglicht haben all das Zehntausende von Einzelspenderinnen und -spendern, Institutionen und Unternehmespartner der Kindernothilfe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg in einem atemberaubenden Kraftakt, für den wir bis heute unendlich dankbar sind.

Auch zehn Jahre danach fehlen immer noch Worte, um die entsetzlichen Wunden zu beschreiben, die die verheerendste Katastrophe Lateinamerikas am 12. Jänner 2010 um exakt 16:53 Uhr gerissen hat. (Foto: Jürgen Schübelin) Es war 16:53 Uhr, als in der dichtbesiedelten Hauptstadtregion von Haiti am[...]

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