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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

17. April 2020

Philippinen: „Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern“

Ysrael C. Diloy aus den Philippinen ist auf den Themenbereich Kinderschutz spezialisiert. Im Interview geht er auf die Gefahren ein, die häusliche Quarantäne durch Covid-19 für Mädchen und Buben mit sich bringt.

Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippinen (Foto: Christiane Dase)
Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippinen (Foto: Christiane Dase)

Gegenwärtig erlebt die Welt eine beispiellose Krise. Infektionsrisiko und Quarantänemaßnahmen haben die gesundheitliche und soziale Situation in vielen Ländern verschlechtert, vor allem für Kinder. Auch in den Philippinen?
Das überlastete Gesundheitssystem hat die Krankenhäuser des Landes gezwungen, ihre Ambulanzen zu schließen und die Bettenkapazität der Krankenhäuser drastisch zu verringern. Dies hat dazu geführt, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung für Nicht-Covid-19-Fälle eingeschränkt ist. Die Quarantänemaßnahmen wirken sich in den Gemeinden auf das Familieneinkommen aus: Dadurch erhalten die Kinder weniger hochwertige Nahrung. Daneben schränken Schulschließungen und Quarantänemaßnahmen die Möglichkeiten von Familien ein. Davon sind 27 Millionen schulpflichtige Kinder im ganzen Land betroffen. Mädchen und Buben haben kaum Zugang zu Freizeit- und Spielmöglichkeiten mit Gleichaltrigen. Die psychische Gesundheit ist in allen Altersgruppen gefährdet.

Sehen Sie eine Zunahme der Gewaltbereitschaft gegenüber Kindern in Zeiten von Covid-19?
Die Pandemie hat weniger neue Probleme verursacht, sondern bestehende Risiken verstärkt. In Asien gehören dazu kulturelle Überzeugungen und Praktiken wie die Tabuisierung rund um das Thema Sexualität als auch die Sexualität selbst dazu. Wir nennen das „eine Kultur des Schweigens“. Die Auswirkungen, verursacht durch die Covid-19-Pandemie, verstärken sich nun: Mädchen und Buben werden zu Hause schneller zu Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs, sind häufig mit dem oder den potenziellen Tätern eingeschlossen. In den meisten Fällen handelt es sich um Väter oder Stiefväter. Üblicherweise erfahren Hilfspersonen wie Lehrer oder Schulberater im Schulalltag zuerst von den Übergriffen. Das ist wegen der Quarantänemaßnahmen nun nicht mehr möglich.
Aber natürlich lauert die Gefahr auch in häuslicher Gewalt selbst: Kinder werden als Eigentum oder als weniger menschliche Wesen betrachtet. Es kommt häufig zu körperlicher Bestrafung und einem Kreislauf familiärer Gewalt.

Die Armut verschärft diese Notlage aktuell…?
Geringere Einkommensmöglichkeiten in den Familien erhöhen nun das Risiko der sexuellen Ausbeutung von Kindern. Denn die Familien befinden sich derzeit in einer Art Überlebensmodus, versuchen alles Mögliche, um ihre Familie ernähren zu können. Eine mögliche Konsequenz: Der Kinderschutz hat eine niedrigere Priorität. Beispiel Online-Live-Streaming: Weil Mädchen und Jungen jetzt noch mehr Zeit vor den digitalen Medien verbringen, erhöht sich die Gefahr unangemessener oder gar schädlicher Online-Inhalte und die mögliche Interaktion mit Online-Tätern. Aber auch Jugendliche, die sich in der Regel auf romantische Beziehungen mit Gleichaltrigen einlassen, haben aufgrund der Quarantäne nur begrenzte Möglichkeiten der körperlichen Interaktion. Deswegen suchen sie den Online-Austausch und tauschen intime Bilder, die möglicherweise fremdverwertet werden.

Gibt es dazu bereits Zahlen, welche die Entwicklung unterstreichen?
Leider liegen derzeit noch keine Daten vor, um die genaue Zahl der Fälle während der Quarantänezeit zu bestimmen. Frühere Pandemien oder Katastrophenfälle haben aber bereits gezeigt, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern in solchen Situationen drastisch zunehmen.

Lassen sich Online-Medien während der Covid-19-Pandemie auch als Hilfsmittel nutzen?
Ja! Weil wir mit den Familien nicht direkt kommunizieren können, nutzen wir selbst umso mehr die sozialen Medien. Wir tauschen uns dort zum Thema Gewaltprävention aus oder teilen Informationen, wo man Zugang zu genauen Informationen über Covid-19 erhält. Unsere E-Learning-Maßnahmen zum Thema Kinderschutz sind für uns darüber hinaus eine große Hilfe. Hier erhalten Erwachsene und Kinder mitten in der Corona-Pandemie Zugang zu kostenlosen Veranstaltungen rund um Kinderschutz. Wir informieren die Menschen darüber, dass sie mehr darüber lernen können, auch wenn sie in ihren eigenen vier Wänden isoliert sind.

Wie können Hilfsorganisationen Kinder in dieser Pandemie unterstützen? 
Entwicklungsorganisationen, die direkt in den Gemeinden arbeiten, können während der Pandemie Fragen rund um Gewalt an Kindern mit folgenden Maßnahmen begegnen: 
Gewaltprävention: Sie lässt sich vor allem über nicht-traditionelle Kanäle wie die sozialen Medien vermitteln. So sind die Familien besser in der Lage, eine sicherere Umgebung für Kinder zu schaffen; die Kinder lernen selbst, welches Verhalten richtig und falsch ist. Sofern der Zugang zur Technologie nicht möglich ist, müssen NGOs über andere Wege der Verbreitung nachdenken. 
Aufdeckung und Meldung von Gewalt: Organisationen sind ein wichtiges Bindeglied zwischen offiziellen Meldesystemen und -strukturen und den Betroffenen. Kümmert sich eine NGO bereits konkret um eine Familie, haben Mitarbeiter es leichter, auf diese Weise potenzielle Missbrauchsfälle aufzudecken und bei der Weiterleitung an offizielle Kanäle zu unterstützen.
Lobbyarbeit für die Aufrechterhaltung von Kinderschutzmaßnahmen: Weil sich Regierungen im Moment im Krisenmodus befinden, besteht die Gefahr, dass der Schutz der Kinder kaum Priorität hat. Deswegen sollten Kinderrechtsorganisationen mit Regierungen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Kinderrechte und Kindesschutz in die Regierungsmaßnahmen im Rahmen von Covid-19 mit einbezogen werden.

Wissen Sie, wie sich die Gewalt an Kindern im gesamten asiatischen Raum in den vergangenen Wochen verändert hat?
Noch gibt es dafür zu wenige Daten. Aber Länder wie Thailand und Kambodscha haben ebenfalls bereits Befürchtungen geäußert, dass der Online-Missbrauch von Kindern aufgrund der Quarantäne zunimmt. In Südasien, vor allem in Indien, hat der Zugang zu Notfallnummern für Kinder und Jugendliche zugenommen.

Ysrael C. Diloy aus den Philippinen ist auf den Themenbereich Kinderschutz spezialisiert. Im Interview geht er auf die Gefahren ein, die häusliche Quarantäne durch Covid-19 für Mädchen und Buben mit sich bringt. Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippine[...]

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13. April 2020

Lateinamerika hat kaum Abwehrkraft gegen das Coronavirus

Überfüllte öffentliche Krankenhäuser sind in Lateinamerika auch ohne Epidemien weit verbreitet. Lange Wartezeiten und die Notwendigkeit, medizinische Ausgaben aus der eigenen Tasche zu decken, sind erschreckende Normalität.

Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind stark gefährdet. (Foto: Integralatampost / IPS)
Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind stark gefährdet. (Foto: Integralatampost / IPS)

Die Gesundheitssysteme in Lateinamerika, die bereits jetzt kaum ausreichende Versorgung speziell der ärmeren Bevölkerungsschichten gewährleisten können, sind bei der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie stark gefährdet. Geringe Gesundheitsbudgets und eine relative Knappheit an Krankenhausbetten sind Indikatoren dafür, dass die meisten Länder in der Region keinen universellen Zugang zu medizinischer Versorgung garantieren und Gefahr laufen, von dem neuartigen Coronavirus überwältigt zu werden. „Selbst in gut organisierten und robusten Gesundheitssystemen sind die Herausforderungen einer Pandemie schnell zu spüren. Dies gilt umso mehr für schwache Strukturen so wie sie in weiten Teilen Lateinamerikas zu finden sind.“, sagte der frühere venezolanische Gesundheitsminister José Félix Oletta (1997-1999).

Wenn man in einer Epidemie zurückfällt, wird es zum Chaos kommen.

José Félix Oletta

Laut Pan American Health Organization (PAHO) haben von den 630 Millionen Menschen in Lateinamerika und der Karibik rund 30% keinen regelmäßigen Zugang zu Gesundheitsdiensten, hauptsächlich aufgrund von geografischen oder Einkommensrestriktionen. Diese Zahl entspricht dem Anteil der in Armut lebenden Menschen in der Region, den die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) mit 185 Millionen beziffert. Davon sind über 10% – 68 Millionen Menschen – von extremer Armut betroffen.

Geben die Staaten zu wenig für medizinische Versorgung aus?

Aktuell entspricht der regionale Durchschnitt der Gesundheitsausgaben nach Angaben von ECLAC und PAHO weniger als 4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. rund 2,2% der Staatsausgaben. Und das, obwohl sich die Regierungen der Region 2014 dazu verpflichtet haben, ihre Gesundheitsbudgets auf mindestens 6% des BIP anzuheben. Aber nur Kuba (10,6%), Costa Rica (6,8%) und Uruguay (6,1%) haben dieses Ziel erreicht. Während die Staatsausgaben für medizinische Versorgung in den Industriestaaten bei 8% des BIP (3.000 und 4.000 Dollar pro Einwohner und Jahr), werden in Lateinamerika nur etwa 1.000 Dollar pro Person ausgegeben. In Argentinien, Chile, Kuba und Uruguay sind es rund 2.000 Dollar pro Person, in Haiti, Honduras und Venezuela jedoch weniger als 400 Dollar. Der Betrag, den Menschen direkt für eine Dienstleistung ausgeben, ist in Kuba, Costa Rica oder Uruguay mit 10 bis 20% geringer als in anderen Ländern wie zB der Dominikanische Republik (45%), Guatemala (54%) oder Venezuela (63%). Diese Belastungen des Einzelnen veranschaulichen die Unzulänglichkeit der staatlichen Gesundheitsversorgung und sozialen Sicherheit, aber auch des privaten Versicherungssystems. Außerdem verdeutlichen sie die prekäre Situation der in Armut lebenden Bevölkerung, die oft aus finanziellen Gründen keine adäquate medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

Zu wenige Krankenhausbetten für zu viele Menschen?

Ein weiterer Indikator ist die Anzahl der in Krankenhäusern verfügbaren Betten, die allerdings keine Auskunft über Qualität der Infrastruktur, des Personals oder der Effizienz dieser Einrichtungen geben: Der regionale Durchschnitt liegt bei 27 Betten pro 10.000 Einwohner. Ein – teilweise sehr kleiner – Teil davon sind Intensivpflegebetten.

Es reicht nicht aus, Krankenhäuser und Gesundheitszentren zu haben. Eine qualitativ hochwertige Versorgung kann erst durch das richtige Zusammenspiel aus medizinischem Personal, Infrastruktur und Ausstattung, Medikamenten und erforderlichen Gesundheitstechnologien gewährleistet werden.

Carissa Etienne, PAHO

Wenn sich die COVID-19-Pandemie in der Region weiter ausbreitet, sind Bolivien, Guatemala, Haiti, Honduras, Nicaragua, Paraguay und Venezuela laut PAHO „die am stärksten gefährdeten lateinamerikanischen Länder“.

Brasiliens chronisches Ungleichgewicht

In den letzten drei Jahrzehnten hat das größte Land Lateinamerikas mit 211 Millionen Einwohnern ein einzigartiges öffentliches Gesundheitssystem mit Programmen wie Mais Médicos, Farmácia Brasil Poupa Lar und Estratégia Saúde da Família entwickelt. Letzteres ist eine Strategie, die es einem Team von Ärzten, Krankenschwestern und Assistenten ermöglicht, bis zu 3.000 Menschen auf lokaler Ebene zu betreuen. Mais Médicos entsandte bis zu 18.000 Ärzte, mehr als die Hälfte davon Kubaner, in abgelegene Dörfer und isolierte ländliche Gemeinden in Brasilien. Aber seit Dezember 2018 schrumpft das Programm, nachdem Brasilia die Beziehungen zu Havanna abgebrochen hatte und tausende kubanischer Ärzte gezwungen waren, nach Hause zurückzukehren. Zudem muss das staatliche Gesundheitssystem mit 44% der Krankenhausbetten 75% Prozent der Bevölkerung versorgen (die Hälfte davon in vier seiner 27 Bundesstaaten im reicheren Südosten), während Privatkliniken für 25% der Einwohner mehr als die Hälfte aller Betten bereit halten. Von den 47.000 Intensivpflegebetten für alle sind 90% belegt.

Brasilien ist nicht gerüstet, sich der Coronavirus-Epidemie zu stellen, nicht so sehr wegen mangelnder Ressourcen, sondern wegen magelhafter Verteilung, ungerechtem Zugang zu Gesundheitsleistungen, Mißwirtschaft und Mangel an Gerechtigkeit“

Eduardo Costa, Epidemiologe

Chile ist vorbereitet, obwohl es nie genug ist

In Chile, einem Land mit 18,7 Millionen Einwohnern, ist die Krankenversicherung für 14 Millionen öffentlich und für drei Millionen privat. Zudem gibt es ein eigenes System für die 400.000 Militärangehörigen, das unter der Pinochet-Diktatur (1990) eingeführt worden war. Alle Arbeitnehmer müssen 7% ihres Lohns an die Gesundheitseinrichtung ihrer Wahl zahlen. Dennoch sind wochen- bis monatelange Wartezeiten auf einen Arzttermine die Norm, bis zu einem Operationstermin kann es sogar mehrere Jahre dauern. Diese Mißstände waren einer der Auslöser für die Massenproteste im Oktober 2019. Chile hat 22 Krankenhausbetten pro 10.000 Einwohner. Das sind insgesamt rund 32.000, davon 3.300 für Notfälle, die die Regierung angesichts der Pandemie auf 5.200 erhöhen will.

Das Gesundheitssystem hat für diese unerwartete Situation keinesfalls aureichend Kapazität.

Nelly Alvarado, Professorin an der Diego Portales University und Spezialistin für öffentliche Gesundheit

Die Professorin an der Diego Portales University und Spezialistin für öffentliche Gesundheit wies darauf hin, dass Intensivpflegebetten „weder in Chile noch im Rest der Welt reichlich vorhanden sind. Sie sind teuer und hochkomplex, da anspruchsvolle Geräte und spezialisiertes Personal erforderlich sind.“

Gesundheitsinvestitionen zahlen sich aus

Lateinamerika, das in Bezug auf Gesundheitsversorgung und Ausgaben hinterherhinkt, sollte dem Aufruf von Maria Neira, WHO-Direktorin des Ministeriums für öffentliche Gesundheit, Umwelt und soziale Determinanten von Gesundheit, folgen: „Wir alle haben vergessen, dass Investitionen in die öffentliche Gesundheit und die Gesundheitssysteme nicht bereut werden sollten … sie werden sich immer auszahlen.“

Überfüllte öffentliche Krankenhäuser sind in Lateinamerika auch ohne Epidemien weit verbreitet. Lange Wartezeiten und die Notwendigkeit, medizinische Ausgaben aus der eigenen Tasche zu decken, sind erschreckende Normalität. Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind stark gefährdet. (Foto: Int[...]

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6. April 2020

UNO Bericht beleuchtet sozioökonomischen Auswirkungen des Coronavirus

Mit Zunahme der Coronavirus-Fälle wächst auch die Sorge über aktuelle sowie langfristige Auswirkungen, die diese weltweite Pandemie auf bestimmte Bevölkerungsgruppen haben wird – insbesondere auf Frauen, Jugendliche, Gastarbeiter und viele Arbeitnehmer auf der ganzen Welt. In ihrem aktuellen Bericht “Shared Responsibility, Global Solidarity: Responding to the socio-economic impacts of COVID-19” gehen die Vereinten Nationen auf die Frage ein, wie die aktuelle Pandemie und Quarantäne genau diese Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig trifft.

Die Belastung der Frauen

Frauen tragen in der gegenwärtigen Situation wohl die Hauptlast. „Die Tatsache, dass Frauen 70 Prozent des weltweiten Gesundheitspersonals ausmachen, erhöht das Risiko einer Infektion für sie“, heißt es in dem UNO-Bericht. Dennoch erhalten sie trotz ihrer entscheidenden Rolle im öffentlichen Gesundheitswesen nicht die gebührende Anerkennung. Laut einem Bericht der WHO vom März 2019 sind Frauen weiterhin verschiedenen Arten von Missbrauch oder Diskriminierung in der Gesellschaft ausgesetzt, unter anderem geschlechtsspezifischen Vorurteilen oder Belästigungen.

Die aktuelle Krise droht, die begrenzten Fortschritte in der Geschlechtergleichstellung zunichte und Frauen anfälliger für Armut, Gewalt und berufliche Diskriminerung zu machen.

UN Bericht “Shared Responsibility, Global Solidarity: Responding to the socio-economic impacts of COVID-19

Anlässlich der Veröffentlichung des Berichts forderte UN Generalsekretär António Guterres nicht nur Maßnahmen, um die Pandemie zu bekämpfen und ihre Ausbreitung einzudämmen, sondern auch Vorkehrungen zur Bewältigung der langfristigen Auswirkungen der Krise. „Es braucht eine Steuer- und Geldpolitik, die die direkte Bereitstellung von Ressourcen zur Unterstützung von Arbeitnehmern und Haushalten, die Bereitstellung von Kranken- und Arbeitslosenversicherungen, die Ausweitung des Sozialschutzes und die Unterstützung von Unternehmen zur Verhinderung von Insolvenzen und massiven Arbeitsplatzverlusten ermöglicht.“

Die Misere der Gastarbeiter

Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die infolge der Pandemie stark betroffen ist, sind laut Bericht Gastarbeiter. Migranten machen fast 30 Prozent der Arbeitnehmer in einigen der von der Krise am stärksten betroffenen Sektoren der OECD-Länder aus, heißt es in dem Bericht. „Massive Arbeitsplatzverluste unter Gastarbeitern werden Auswirkungen auf Volkswirtschaften haben, die stark von genau jenen Einkommen abhängig sind, wie El Salvador, Haiti, Honduras, Tonga, Tadschikistan, Kirgisistan oder Nepal. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt zum Beispiel die in Indien arbeitenden Nepalesen auf rund 700.000 bis 800.000. Seit dem Ausbruch von COVID-19 und den Regierungsmaßnahmen zur Risikominimierung hat das Land seine Grenzen geschlossen. „Die wirtschaftliche Produktion ist zum Stillstand gekommen und viele nepalesische Saisonarbeiter mussten aufhören zu arbeiten“, so Lorena Lando von IOM Nepal. Tausende sind vor der Grenzschließung nach Nepal zurückgekehrt, andere sind nach wie vor in Indien, können aber nicht arbeiten. Viele der Gastarbeitnehmer sind Tagelöhner, die nun kein Einkommen mehr haben, um ihre Familien zu ernähren. Und für diejenigen, die nach Hause zurückkehrten, gab es bereits vor der Krise kaum Beschäftigungsmöglichkeiten in ihrer Heimat, ebendeshalb sie nach Indien ausgewichen sind. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 werden in Ländern wie Nepal daramtischer sein als in anderen. Und während einige Maßnahmen kurzfristig gut sind, müssen andere den sozioökonomische Wiederaufbau auf lange Sicht ermöglichen“, so die IMO Nepal Beauftragte.

Abgesehen von der Gastarbeitersitaution schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), dass in der gegenwärtigen Krise zwischen fünf und 25 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen könnten. „Die aktuelle Krise verschärft die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an der Erwerbsbevölkerung“, heißt es in dem UN-Bericht, der eine überproportionale Arbeitslosigkeit bei Frauen erwartet.

Das Online Dilemma

Darüber hinaus kommt dem Zugang zum Internet eine zentrale Bedeutung bei, insbesondere in Anbetracht dessen, dass arbeiten und studieren immer stärker online erfolgen wird. Dem Bericht zufolge sind derzeit schätzungsweise 3,6 Milliarden der Weltbevölkerung ohne digitalen Zugang, und das in einer Zeit, in der genau dieser für Kommunikation mit anderen essentiell ist. Darüber hinaus wird ihnen durch das Fehlen die Möglichkeit auf Bildung, Gesundheitsinformationen und Telemedizin erheblich erschwert.

Mit Zunahme der Coronavirus-Fälle wächst auch die Sorge über aktuelle sowie langfristige Auswirkungen, die diese weltweite Pandemie auf bestimmte Bevölkerungsgruppen haben wird - insbesondere auf Frauen, Jugendliche, Gastarbeiter und viele Arbeitnehmer auf der ganzen Welt. In ihrem aktuellen Ber[...]

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2. April 2020

Salima muss nicht mehr Müll sammeln

Müllberge, so weit das Auge reicht. Tausende Kinder verdienen in Neu-Delhi ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Sortieren von Abfall. Dafür bezahlen die meisten von ihnen früh mit ihrem Leben. Ein Kindernothilfe-Projekt gibt ihnen Schutz und Bildung – und Hoffnung auf ein Leben abseits der Müllhalde.

Der Gestank ist bestialisch – am Fuße des 60 Meter hohen Müllberges. Ein kleiner brauner See blubbert inmitten der Abfallmassen vor sich hin. Es ist Methangas vom gärenden organischen Müll. Vor allem im Sommer, wenn das Thermometer mehr als 40 Grad misst, kommt es immer wieder zu kleinen Explosionen und Bränden. Die schlechte Luft hier lässt die Augen brennen, den Atem stocken. Unbeeindruckt davon scharen sich Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer in den Müllmengen, durchwühlen sie, warten auf die Ankunft des nächsten Lastwagens, der wiederum Berge von Abfall bringt, 6.500 Tonnen täglich. Und das, obwohl die Bhalswa Deponie – eine der größten Müllhalden der Welt – schon vor Jahren offiziell geschlossen wurde, weil ihre Kapazität völlig ausgeschöpft war.

Hier auf dem „Black Mountain“ – dem schwarzen Berg – landet, was in der indischen Millionenmetropole Neu-Delhi achtlos weggeworfen wird. Haarbänder, der Arm einer Schaufensterpuppe, die Gedärme eines verwesenden Tieres. Und Plastikflaschen. Unmengen an Plastikflaschen. Alles hier hat seinen Wert. Für einen Kilo gebündeltes Altpapier gibt es sechs Rupien (acht Cent), für ein Kilo altes Eisen fünf Rupien (sechs Cent), ein entsorgter Ziegelstein ist eine Rupie wert, am wertvollsten sind Haare. Dafür bekommen die Müllsammler 800 Rupien (rund zehn Euro) pro Kilo. Perücken und Extension werden daraus gemacht.

Auf der Bhalswa Mülldeponie in Neu-Delhi kommen täglich 6.500 Tonnen neuer Abfall an. (Foto: Kindernothilfe)
Auf der Bhalswa Mülldeponie in Neu-Delhi kommen täglich 6.500 Tonnen neuer Abfall an. (Foto: Kindernothilfe)

Der durchschnittliche Tageslohn der Müllsammler liegt bei maximal 150 Rupien, etwa zwei Euro – für eine Hauptstadt wie Neu-Delhi ist das zu wenig. Die Menschen, die in einer der Siedlungen rund um die Bhalswa Deponie wohnen, leben unter prekären hygienischen Bedingungen, weit unter der Armutsgrenze. Zwischen und neben Müll wird gekocht, geschlafen und gespielt.

Doch kann man sich jemals an den Gestank, an die Ratten und kreisenden Greifvögel, an den dauernden Brechreiz gewöhnen? Für Salima stellt sich diese Frage nicht. Sie ist eines von mehr als tausend Kindern, die hier im und vom Müll leben. Dafür bezahlen die meisten von ihnen früh mit ihrem Leben. Müllsammler werden nicht alt. Sie atmen giftige Dämpfe und schädlichen Rauch ein, schneiden sich an scharfen Gegenständen und leiden an entzündeten Wunden. Viele sind unterernährt und anfällig für Krankheiten oder HIV-positiv. Viele schnüffeln Klebstoffe, um der brutalen Realität zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Viele werden Opfer von Gewaltverbrechen, die niemals jemand melden, geschweige denn aufklären wird. An einen Schulbesuch ist meist nicht zu denken, zu hart ist der tägliche Kampf ums Überleben.

„Die Müllhalde ist genau vor unserem Haus und es ist das erste, was ich sehe, wenn ich in der Früh aufwache“, sagt Salima, während sie auf die notdürftige Unterkunft ihrer Familie am Fuße des schwarzen Bergs zeigt. Diebstähle, Vergewaltigungen und Alkohol stünden in den Slums hier an der Tagesordnung. „Wir Mädchen werden schlecht behandelt. Ich mag diesen Ort überhaupt nicht.“, betont das kleine Mädchen.

Wenn ich nur die geringste Chance bekäme wegzugehen, würde ich rennen!

Salima, 10
Bildung ist für die indischen Müllkinder die einzige Chance auf ein Leben abseits der Deponie. (Foto: Kindernothilfe)
Bildung ist für die indischen Müllkinder die einzige Chance auf ein Leben abseits der Deponie. (Foto: Kindernothilfe)

Diese Chance hat Salima nun endlich. Seit der Kindernothilfe-Projektpartner Deepti Foundation ein Nachbarschaftszentrum nahe der Bhalswa Deponie errichtet hat, finden Kinder wie Salima dort Zuflucht, medizinische wie psychologische Betreuung und schulische Förderung. Dafür nimmt sie viel Mühe auf sich. Salima steht morgens um fünf Uhr auf und erledigt all ihre Aufgaben im Haushalt. Erst danach geht sie ins Kinderzentrum, lernt uns spielt, musiziert und nimmt an sportlichen Aktivitäten teil. Holt all das nach, was ihr bisher an kindgerechter Förderung verwehrt geblieben ist. Was ihre Träume sind? „Ich möchte Lehrerin werden. Möchte mein Geld anders verdienen als meine Eltern, die täglich nur im Müll wühlen.“

Förderung und Schutz für Müllsammler

Bis 2013 wurde das Förderzentrum Deepti Ashram noch von der Regierung unterstützt. Seit 2017 führt die Deepti Foundation das Schutzzentrum nun mit Unterstützung der Kindernothilfe. Im gesamten Einzugsgebiet rund um die Müllhalde gibt es mehr als 1.000 betroffene Kinder, von denen 250 derzeit im Projekt aufgefangen sind. Manche von ihnen konnten auf Intervention der Deepti Foundation hin in Schulen außerhalb des Deponiegeländes aufgenommen werden, die anderen werden im Schutzzentrum oder einer der Kindertagesstätten gefördert, 58 besonders schutzwürdige Mädchen und 16 Aidswaisenbuben wohnen in einem eigens geschaffenen Deepti-Wohnhaus, dem Hostel, listet Vater Santhoshmon Garvadis die aktuellen Zahlen des Projekts. Der Deepti-Direktor erzählt weiter, dass die nächste staatliche Schule etwa zwei Kilometer entfernt ist. Da die Straßen, falls überhaupt vorhanden, in einem desaströsen Zustand sind, weigern sich aber viele Eltern aus Angst vor Gewalt und Vergewaltigung, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Auch der Transport zu und von der Schule wird daher im Rahmen des Projekts organisiert.

Im Schutzzentrum lernen die Kinder einen sicheren, fürsorglichen und geregelten Alltag abseits des Müllberges kennen. (Foto: Kindernothilfe)
Im Schutzzentrum lernen die Kinder einen sicheren, fürsorglichen und geregelten Alltag abseits des Müllberges kennen. (Foto: Kindernothilfe)

So steigt auch Santosh täglich in eine Autorikscha, um in seine entlegene Schule gebracht zu werden. Während er lernt, arbeiten seine jüngeren Brüder als Müllsammler. „Als ich noch ein Kind war, konnte ich die frische Luft fühlen, es gab sogar einen Park hier. Die Menschen hatten andere Dinge zu tun“, erinnert sich der 15-Jährige an vergangene, bessere Zeiten. Von diesen kann auch Saakix erzählen: Ganz anders hätte die Gegend hier früher ausgesehen. Es gab keine Straßen, dafür viel Grün und gute Luft. Dann kamen die Züge und Menschen luden ihren Müll ab. Das war der Zeitpunkt, als die Einwohner in der Umgebung mit dem Müllsammeln begannen. So wie der Black Mountain rasant anwuchs, nahm auch die Kriminalität zu, weiß der 13-Jährige. Heute gibt es nur noch Gangs, Drogen und Gewalt. Bereits Kinder ab vier Jahren trinken, rauchen, fluchen derb, brechen Autos auf, stehlen Zigaretten und schnüffeln Klebstoff.

Besonders Mädchen sind in Gefahr

„Ich fühle mich hier gar nicht sicher. Vor allem Mädchen sind nicht sicher“, fürchtet sich Khusboo Kumari. Sie und ihre sechs Schwester leben und arbeiten seit vier Jahren in Bhalswa. Eine ihrer Nachbarinnen hätte vor kurzem beobachtet, wie der Kopf eines Mädchens auf dem schwarzen Berg zugedeckt und weggebracht wurde., berichtet die 12-Jährige aus ihrem tristen Alltag. Dass sie nun endlich wieder lernen darf – im Deepti Ashram – und so vielleicht Hoffnung auf ein Leben jenseits der Müllhalde hat, stimmt Khusboo freudig und optimistisch.

Mädchen wie Kushboo, die besonders schutzbedürftig sind, werden in einem eigenen Mädchenwohnheim der Deepti Foundation untergebracht und betreut. Durch regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten, gute hygienische Bedingungen und medizinische Betreuung verbessert sich der Gesundheitszustand der Kinder erheblich. Bei Bedarf können die Mädchen jederzeit auf psychologische Beratungen und ein Therapieangebot zurückgreifen – was ihnen hilft, erlittene Traumata zu überwinden. Die Kinder besuchen eine Schule ganz in der Nähe des Zentrums und können am Förderunterricht und non-formalen Bildungsangeboten teilnehmen.

Geborgenheit abseits der Müllhalde

Im Innenhof tollen die jüngeren Mädchen herum, spielen Fangen oder Klatschspiele, springen Seil oder tanzen singend herum. Die älteren stehen in kleineren Gruppen zusammen und unterhalten sich. Die Atmosphäre ist gelöst und unbeschwert, die Kinder genießen ihre Pause zwischen den Lerneinheiten. Eines davon ist Kajal, die nun seit zwei Jahren im Mädchenwohnheim der Deepti Foundation wohnt. Das 12-jährige Mädchen, eine von sechs Schwestern, wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf der Bhalswa Deponie auf, wo ihr Vater als Anstreicher und ihre Mutter als Müllsammlerin arbeiten. Da das Einkommen nicht ausreichte, mussten auch sie und zwei ihrer Schwestern mit auf die Müllhalde, um ein bisschen Geld für Lebensmittel zu verdienen. Was sie auf dem schwarzen Berg erlebt haben? Kajal erzählt nicht viel. Erwähnt nur nebenbei die Themen Menschenhandel, Vergewaltigung und Prostitution und den Handel mit menschlichen Organen. Aus großer Sorge um die Sicherheit ihrer Töchter wandte sich Kajals Mutter an die Deepti Foundation, bat um die Aufnahme ihrer vier älteren Mädchen.

Im Kindernothilfeprojekt hat Kajal ein sicheres Zuhasue gefunden. (Foto: Kindernothilfe)
Im Kindernothilfeprojekt hat Kajal ein sicheres Zuhasue gefunden. (Foto: Kindernothilfe)

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es einen anderen Ort als die Deponie, ein Leben außerhalb der Bhalswa Müllhalde geben konnte, seufzt Kajal. Aber hier im Wohnheim liebt sie vor allem die Sauberkeit, die Dusche, das Essen und die Sicherheit und Geborgenheit, die sie verspürt. „Die Schwestern sind wie Mütter zu uns und Nana Didi“, wie Kajal eine der Betreuerinnen liebevoll nennt, „ist wie eine große Schwester für mich. Ich kann immer zu ihr gehen und ganz offen mit ihr reden.“ Auf der Deponie war sie ständig mit Alkohol, Drogen und Missbrauch konfrontiert. Niemals mehr wieder möchte sie dorthin zurück, wird die 12-Jährige plötzlich laut und energisch. „Warum auch? Es gibt ja so viele andere Orte auf der Welt.“

Ähnlich klingen die Träume von Saakix. Der 13-Jährige besucht seit ein paar Monaten die Förderstunden im Deepti-Zentrum und kann endlich wieder träumen. Von einer besseren Zukunft.

Ich möchte Ingenieur werden, ein großes Haus bauen und mit meinen Eltern dort leben. Weit weg von Bhalswa.

Saakix, 13

Müllberge, so weit das Auge reicht. Tausende Kinder verdienen in Neu-Delhi ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Sortieren von Abfall. Dafür bezahlen die meisten von ihnen früh mit ihrem Leben. Ein Kindernothilfe-Projekt gibt ihnen Schutz und Bildung – und Hoffnung auf ein Leben abseits de[...]

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29. März 2020

Entwicklungsländer brauchen Corona-Hilfe von außen

Kontinuierlich steigen die Fälle in afrikanischen Nationen und auch auf den anderen Kontinenten werden in Ländern mit endemischer Armut immer mehr Infektionen registriert. Damit wächst die Befürchtung, dass einigen Staaten bald große Ausbrüche bevorstehen, mit denen sie nicht fertig werden können. Eine mögliche Lähmung bereits schwacher Gesundheitssysteme hätte nicht nur drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, sondern könnte die Menschen noch weiter in die Armut treiben, so Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Außerdem besteht die Gefahr, dass eine Corona-Epdemie in den Entwicklungsländern ein Wiederaufflammen des Virus in Nordamerika und Europa auslösen könnte, selbst nachdem er bereits unter Kontrolle gebracht worden ist. Um ein solches Szenario zu vermeiden, dürfen reiche Staaten Länder mit schwachen Gesundheitssystemen trotz ihres eigenen Kampfes gegen die Krankheit nicht außer Acht lassen, sagen Experten. „Wohlhabende Nationen sind momentan gänzlich mit der Situation im eigenen Land beschäftigt, es wäre aber auch wichtig, dass sie ärmere Länder im Kampf gegen das Coronavirus mitbedenken“, so Amanda Glassman, Executive Vice President des in Washington ansässigen Global Center for Development.

Wenn die Dinge in weniger entwickelten Ländern nicht unter Kontrolle gebracht werden, könnte dies später den Industrieländern schaden.

Amanda Glassman ( Global Center for Development )

In der vergangenen Woche kam es zu einem beispiellosen Lock-Down in Europa und den Vereinigten Staaten mit weit verbreiteten Schließungen von Schulen, Restaurants, Kinos und Museen. Mehrere Länder in ganz Europa haben ihre Grenzen geschlossen und alle nicht wesentlichen Reisen eingestellt. Und obwohl in den Ländern Afrikas und Südamerikas weitaus weniger Fälle von Krankheiten registriert wurden, glauben viele Gesundheitsexperten, dass diese Zahlen sehr schnell dramatisch ansteigen wird.

Den Gesundheitssystemen in vielen armen Ländern, insbesondere in Afrika, fehlt es bereits jetzt an ausreichend Finanzmitteln und Ressourcen. Versorgungsmöglichkeiten in Krankeneinrichtungen und insbesondere Intensivstationen sind im Allgemeinen viel geringer als in Industrieländern. Studien zufolge hat weniger als die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung Zugang zu modernen Gesundheitseinrichtungen.

Einige Länder haben zudem andere endemische Krankheiten, die Folgen jüngster Naturkatastrophen oder große Flüchtlingsströme zu bewältigen. „Südlich der Sahara kämpft man bereits mit dem Ebola-Virus und der Heuschreckeninvasion sowie den damit verbundenen Hungersnöten. Jetzt kommt auch noch der Kampf gegen das Coronavirus hinzu. In vielen Ländern sind die Ressourcen voll ausgeschöpft“, so der internationale Politikexperte Dr. Dan Steinbock. Dr. Ambrose Talisuna vom WHO-Afrikabüro ergänzt, dass jeder größere Covid-19-Ausbruch unweigerlich Einfluss auf das Auftreten und Behandlung anderer Krankheiten hätte.

Wir befürchten, dass die Gesundheitssysteme in einigen afrikanischen Ländern vollständig zum Erliegen kommen könnten.

Dr. Ambrose Talisuna (WHO-Afrikabüro)

Die jüngsten Ebola-Ausbrüche haben gezeigt, dass die Umverteilung der Ressourcen zur Bekämpfung des Virus und seiner Folgen die nationalen Gesundheitssysteme (wie zB in der Demokratischen Republik Kongo) überforderte. „In der Folge starben Menschen an Malaria oder konnten nicht gegen Tuberkulose behandelt werden“, so der WHO Afrika-Beauftragte. Selbst auf Länder mit vergleichsweise besser entwickelten Gesundheitssystemen könnten ähnliche Probleme zu kommen. Südafrika zB hat die weltweit schlimmste HIV/AIDS-Epidemie und die Auswirkungen eines schwerwiegenden Ausbruch des Coronavirus sind derzeit nicht abschätzbar, weder auf den Verlauf einer Covid-19 Infektion bei Menschen mit HIV/AIDS noch auf deren Behandlung. „Wir wissen nicht, was im Zusammenhang mit Covid-19-Infektionen und anderen Erkrankungen wie HIV/AIDS passieren könnte“, bestätigt auch Glassman.

Wenn Menschen nicht mehr reisen und ihren existenzsichernden „kleinen Handel“ betreiben können, stehen sie vor dem Nichts.

Dr. Ambrose Talisuna (WHO-Afrikabüro)

In Lateinamerika, wo mehr als zwei Drittel der Menschen in extremer Armut leben, haben Ärzte bereits vor der Herausforderung gewarnt, die weit verbreitete Coronavirus-Infektionen für Krankenhäuser und Gesundheitspersonal bedeuten könnten. Der brasilianische Arzt und Autor Drauzio Varella schrieb letzte Woche in der Folha de São Paulo: „…. Abhängig von der Geschwindigkeit, mit der sich die Epidemie ausbreitet, kann die Belastung für unser Gesundheitssystem brutal sein.“ Es würde auch zu ernsthaften wirtschaftlichen Konsequenzen kommen. Nicht nur weil die Gesundheitsversorgung mit massiven finanziellen Mittel unterstützt werden müsste, sondern weil Präventionsmaßnahmen wie Reisebeschränkungen, Geschäftsschließungen und Quarantänen sich unmittelbar auf das Einkommen der Menschen auswirken würde. „Wie wir bei Ebola gesehen haben, kann dies dramatische Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft und das Einkommen der Bevölkerung haben.

Dennoch haben nun auch einige der ärmsten Nationen der Welt strenge Maßnahmen eingeführt, um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Unter anderem kam es auch in Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas zu Grenzschließungen und obligatorischen Quarantänen, und das obwohl sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass der Preis für die einzelnen Volkswirtschaften enorm hoch sein kann. „Die drakonischen Maßnahmen, für die sich China entschieden hat, waren sehr kostspielig. Aber alle Alternativen wären viel schlimmer gewesen.“, analysiert Steinbock. Die chinesische Führung hatte sich entscheiden müssen: umfangreiche wirtschaftliche Schäden für ein bis zwei Quartale in Kauf nehmen, um den Virus höchstwahrscheinlich einzudämmen. Oder weitaus größere wirtschaftliche Verwüstungen in Verbindung mit einer drastischen Zunahme von Fällen und Todesfällen.

In ihren Bemühungen, die globale Krise einzudämmen, können es sich entwicklte Volkswirtschaften nicht leisten, die Entwicklungsländer außer Acht zu lassen.

Politikexperte Dr. Dan Steinbock

Aber laut Experten können, und sollen, Entwicklungsländer diese Kosten nicht alleine tragen. Während Kommunalverwaltungen Unternehmen und Einzelpersonen bei Maßnahmen wie Steuererleichterungen, finanzieller Unterstützung durch Kredite und Befreiungen von Zahlungen für Gesundheits- und Sozialversicherungen helfen können, bedarf es darüber hinaus der Unterstützung von außen, argumentieren sie. Anfang dieses Monats stellte die Weltbank 12 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, um den Ländern bei der Bewältigung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des globalen Ausbruchs zu helfen. Der Internationale Währungsfonds kändigte an, 10 Milliarden US-Dollar für Kredite an Länder mit niedrigem Einkommen zur Bekämpfung des Virus zu mobilisieren. Am 13. März haben die WHO und ihre Partner den Covid-19 Solidarity Response Fund ins Leben gerufen, der darauf abzielt, Spenden von Privatpersonen und Unternehmen zu sammeln, um zu globalen Hilfsmaßnahmen beizutragen. In der Zwischenzeit werden Gelder aus bestehenden Mitteln umgeleitet: Beispielsweise kann ein Teil des „Global Fonds for HIV, TB and Malaria“ verwendet werden. Auch der Globale Nothilfefonds der Vereinten Nationen hat 15 US-Dollar zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus haben einzelne Länder ihre Unterstützung im weltweiten Kampf gegen den Coronavirus zugesagt, entweder direkt an andere Staaten und Gesundheitsgruppen, über multilaterale Organisationen oder an die WHO.

Experten sind sich einig, dass Entwicklungsländern jede Hilfe gewährt werden muss, die zur Eindämmung der Krankheit erforderlich ist, unabhängig davon, wie sie finanziert wird. Denn „wenn Infektionen [in armen Ländern] unentdeckt bleiben, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kombination aus schwachem Gesundheitssystem, vorherrschender Armut und sozialer Instabilität zu einer sekundären Epidemie weltweiten Folgen führen könnte.

Kontinuierlich steigen die Fälle in afrikanischen Nationen und auch auf den anderen Kontinenten werden in Ländern mit endemischer Armut immer mehr Infektionen registriert. Damit wächst die Befürchtung, dass einigen Staaten bald große Ausbrüche bevorstehen, mit denen sie nicht fertig werden kö[...]

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