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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

8. Januar 2020

Verkauft und ausgebeutet – arbeitende Kinder in fremden Haushalten

In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)
In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)

Neugierige Blicke begleiten uns, als wir in der Mittagshitze durch das ein Labyrinth aus engen Gassen in dem kleinen und staubigen Straßendorf Kuch im Norden Äthiopiens laufen. Wir sind mit einer Familie verabredet, die laut den Informationen unserer Partnerorganisation Facilitator for Change ein gekauftes Mädchen als Haushaltshilfe beschäftigen soll. Der Handel mit Kindern als billige Arbeitskräfte ist in Äthiopien nach wie vor verbreitet. Und das obwohl auch hier Kinderhandel und Kinderarbeit verboten sind.

Die Häuser an, denen wir vorbeilaufen, sind typisch für Äthiopien aus Holz mit lehmverputzen Wänden. Ich hätte jedenfalls gedacht, dass die Familie, die wir treffen wollen, wohlhabender sein müsste. Schließlich kann sie sich ein Haushaltsmädchen leisten. Dies soll jedoch nur eines von vielen Vorurteilen bleiben, die ich an diesem Tag noch revidieren muss. Ein weiteres ist die Vorstellung von der Person, die uns empfängt, als wir schließlich die einfache Lehmhütte in den verwinkelten Gassen gefunden haben. Die Frau des Hauses wirkt jedenfalls sehr freundlich und offen. Und so jemand kauft Kinder, um sie danach als Haushaltssklaven auszubeuten?

Bereitwillig werden wir in die kleine Hütte gebeten, wo ganz nach der äthiopischen Tradition erst einmal eine Kaffeezeremonie stattfindet. In der Ecke sitzt ein sehr junges und schüchternes Mädchen, das ich für die Tochter der Frau halte. Abeba* geht in den Nebenraum und kommt mit Tassen für uns zurück. Sie ist höchsten sechs Jahre alt.

Mithilfe des Dolmetschers erklären wir der Frau noch einmal, warum wir hier sind. Sie nickt und sagt, dass wir jetzt gerne mit den Fotos und Filmaufnahmen beginnen können. Es entsteht eine kurze Verwirrung. Wir versuchen noch einmal klar zu machen, dass wir nicht sie filmen und fotografieren wollen, sondern das Mädchen, das bei ihr beschäftigt sein soll. Nur langsam wird mir klar, dass Abeba dieses Mädchen ist. Ich wusste, dass das Mädchen jung sein soll, aber nicht, dass sie noch so jung ist.

Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)
Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)

Langsam beginnt sie mit den Möglichkeiten einer Sechsjährigen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hatte vorher bei ihrer Großmutter gelebt. Von ihrer Mutter spricht sie nur kurz. Auch einen Vater scheint es in ihrer Welt nie gegeben zu haben. Als der Großvater starb, konnte die Großmutter sie nicht mehr ernähren. So landete Abeba bei der Familie in Kuch. Wie genau, ob die Großmutter dafür Geld bekommen hat und ob eine Rückkehr zu ihrer Familie vereinbart wurde, weiß sie nicht. Die Frau sagt, dass sie eine gute Christin ist. Deshalb hätte sie Abeba aufgenommen. Andererseits sagt sie uns ganz offen, dass zwei ihrer drei leiblichen Kinder in die Schule gehen, Abeba aber zu Hause bleiben muss, um sich um das jüngste Kind und den Haushalt zu kümmern. Einen Widerspruch zur zuvor geäußerten christlichen Nächstenliebe scheint sie in dieser Ungleichbehandlung nicht zu sehen. Vielmehr wird klar, dass Abeba sich das Dach über dem Kopf und die warme Mahlzeit verdienen muss.

Kinderhandel als Win-win-Situation

Worku Asenegr von unserer Partnerorganisation Facilitator for Change (FC) erläutert mir, dass viele Familien in dem Kinderhandel nach wie vor eine Win-win-Situation für beide Seiten sehen. Eltern finden in ihrer existentiellen Not oft keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder an wohlhabendere Familien zu verkaufen. Diese Praxis ist seit vielen Jahren Normalität und mit dem Irrglauben verknüpft, dass man den Kindern so etwas Gutes tun kann. Immerhin ist bei den neuen „Besitzern“ des Kindes Nahrung und Unterkunft vermeintlich gesichert. Diese verkauften Kinder werden Qenjas genannt, und mitnichten ist dieses System der ausbeuterischen Kinderarbeit förderlich für die Mädchen und Jungen, die für fremde Familien schuften müssen, ohne eine Chance auf Bildung. Ob auch Abeba eine Qenja ist oder wirklich aus christlicher Nächstenliebe aufgenommen wurde? Mir wird klar, dass es bei dieser Thematik nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern viele Graubereiche. Vielleicht ist gerade deshalb die Arbeit im Haushalt nicht nur in Äthiopien eine kaum wahrgenommene Form der Kinderarbeit, die vor allem Mädchen betrifft. Da die Arbeit in der Regel versteckt und hinter geschlossenen Türen stattfindet, gibt es keine Zahlen über das Ausmaß dieses Problems. Die International Labour Organization (ILO) geht davon aus, dass es die häufigste Beschäftigungsform für Mädchen unter 16 Jahren weltweit ist. Im Englischen werden Kinder, die in fremden Haushalten arbeiten, als „child domestics“ bezeichnet. Im Deutschen entspricht die Bezeichnung Dienstbotin oder Dienstbote am ehesten diesem Begriff. Unter diese Kategorie fällt nicht die Arbeit im Haushalt der eigenen Familie, wie zum Beispiel auf Geschwister aufzupassen, Tiere versorgen, putzen oder andere Tätigkeiten. Mit diesen Arbeiten tragen die Kinder zu den familiären Aufgaben bei und erlernen elementare Fertigkeiten. Am Schulbesuch werden sie dadurch nicht gehindert.

Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)
Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)

Dagegen leben und arbeiten child domestics unter ausbeuterischen Bedingungen in Privathaushalten. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Die meisten werden wie Abeba nicht für ihre Arbeit entlohnt. Freie Tage oder Ferien werden oft verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Die Mädchen sind vielen Risiken ausgesetzt, wie mir Daniel Gizaw von unserer Partnerorganisation OPRIFS erzählt. Er leitet ein Schutzhaus für Straßenmädchen in Bahir Dar. „Viele Mädchen, die im Schutzhaus einen sicheren Aufenthaltsort finden, waren selbst vorher Qenjas im ländlichen Raum und wurden von ihren Besitzern so schlecht behandelt, dass sie sich für die Flucht entschieden haben. Oft werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Zukunftsperspektive in den Städten, wo sie häufig auf der Straße landen. Viele Mädchen im Schutzhaus sind aber auch vor einer drohenden Frühverheiratung oder von ihren Ehemännern davon gelaufen.“

Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)
Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)

Die Bewohnerinnen sind im Durchschnitt zwölf Jahre alt. Neben einem Bett, Essen und Sicherheit vor der Straße bekommen sie auch Schul- und Handwerksunterricht. Langfristig ist aber eine Zusammenführung mit den Herkunftsfamilien geplant. Dies klappt natürlich nicht immer. Dann sollen die Mädchen aber zumindest genug gelernt haben, um selbst für sich sorgen zu können. Ich bin sehr angetan von den engagierten Mitarbeitern und der ruhigen und angenehmen Atmosphäre im Schutzhaus. Wenn man die vielen Straßenkinder sieht, die sich außerhalb der schützenden Mauern durchschlagen müssen, wird jedoch auch klar, wie groß die Aufgabe ist, vor denen Daniel Gizaw und seine Mitarbeitenden stehen. Eine Aufgabe, die vor allem durch Praktiken wie den Kinderhandel oder die Frühverheiratung immer neue Nahrung erfährt.

Wege aus der Sklaverei

Doch wie kann Kindern wie Abeba überhaupt geholfen werden? Wie lässt sich sicherstellen, dass Abeba später nicht selbst als Straßenkind in Addis Abeba oder Bahir Dar landet? Dass es überhaupt möglich ist, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, zeigt die Geschichte von Bosena Dememe. Die 38-jährige Frau stammt aus ärmlichen Verhältnissen und war selbst früher ein Qenja-Kind. Sie heiratete, bekam einen Sohn, Simachew, konnte aber nach der Scheidung und einem weiteren Kind die Familie nicht mehr alleine versorgen. Sie beschloss daher, den damals achtjährigen Simachew an einen Bauern zu verkaufen. Das war im Jahr 2013. Im November 2014 schloss sich Bosena im Ort der von FC initiierten Selbsthilfegruppe an. Die Gruppe hat strenge Kindesschutzregeln und forderte Bosema auf, ihren Sohn zurückzuholen. Bosema hatte aber immer noch Angst, nicht für ihre Kinder sorgen zu können. „Mit dem ersten Kredit aus der Selbsthilfegruppe habe ich Hühner für eine Hühnerzucht angeschafft“, erzählt sie stolz. „In den Schulungen habe ich gelernt, wie ich die Eier gewinnbringend verkaufen kann.“ Bald verdiente sie genug Geld, um Simachew zurückzuholen. Bereits Anfang 2015 war Bosenas Sohn wieder zu Hause.

Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)
Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)

Heute hat Bosena neben der Hühnerzucht auch ein kleines Feld und ist in der Lage, ihren Lebensunterhalt und die Schulmaterialen für ihre Kinder selbstständig zu bestreiten.

Der Alltag von Kinderarbeitern in Äthiopien. (Malte Pfau)

*Name von der Redaktion geändert

In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau) Neugierige Blicke begleiten uns, als wir in der Mittagshitze durch das ein Labyrinth aus engen Gassen in dem kleinen und staubigen Straßendorf Kuch im Norden Äthiopiens laufen. Wir sind mit einer Familie v[...]

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18. Dezember 2019

Ein Jahr der humanitären Not

2019 gerieten dramatisch mehr Menschen in humanitäre Not als von den Vereinten Nationen erwartet, so der aktuelle Global Humanitarian Overview (GHO) 2020-Bericht.

Der tropische Wirbelsturm Idai landete am 14. und 15. März und zerstörte Berichten zufolge rund 90 Prozent von Beria, der Hauptstadt der Provinz Sofala in Mosambik. Ein Großteil der Betroffenen lebte während der Wiederaufbauarbeiten in provisorischen Lagern. (Foto: Andre Catuera / IPS)

Der Bericht, der Anfang Dezember vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) veröffentlicht wurde, identifizierte Klimawandel, unvorhergesehene Ausbreitung von Infektionskrankheiten und regionale Konflikte als die drei Hauptursachen, die Millionen von Menschen 2019 in den humanitären Notstand gedrängt haben.

Zu Beginn des Beobachtungszeitraumes des GHO Anfang 2019 erreichten Katastrophenhilfe-Maßnahmen rund 93,6 Millionen der 131,7 Millionen Bedürftigen. Bis November 2019 waren die Zahlen auf dramatische 117,4 Millionen bzw. 166,5 Millionen gestiegen.

Klimawandel

„Klimaschocks, die unerwartete Ausbreitung von Infektionskrankheiten und die Auswirkungen von langwierigen und sich häufig verschärfenden Konflikten haben in diesem Jahr zu einem beispiellosen Bedarf geführt“, sagte Zoe Paxton, Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfe. „Der aktuelle Stand der Geopolitik führt dazu, dass Konflikte immer länger und intensiver werden. Zudem wird das humanitäre Völkerrecht in kriegerischen Auseinandersetzungen zunehmend missachtet “, so Paxton weiter. Auch fügte sie hinzu, dass Kriegsopfer vielschichtigen Belastungen ausgesetzt sind, die einen „normalen“ Alltag unmöglich machen: Vertreibung, Hunger, psychosoziales Trauma sowie Verlust von Lebensunterhalt, Ausbildungsmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung. „Das ist zusätzlich zu den direkten Auswirkungen von Kämpfen, Bombenangriffen und anderen Gewalttaten, die sich auf ihre physische Sicherheit auswirken“, sagte sie.

Der Klimawandel mit seinen immer häufiger auftretenden Dürreperioden, Überschwemmungen und tropischen Wirbelstürmen stellt das wohl brisanteste Problem in diesem Zusammenhang dar. Laut Paxton sind die ohnehin bereits armen und schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen davon überproportional betroffen. „Elf der 20 am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder haben in den vergangenen sieben Jahren um humanitäre Hilfe angesucht“, bezifferte sie diese prekäre Entwicklung. „Wir müssen die durch klimatische Veränderungen erfoderlichen Maßnahmen als Teil der humanitären Hilfe besser priorisieren.“

Darüber hinaus seien ein langsames Wirtschaftswachstum und die nationale Verschuldung maßgebliche Faktoren für den Bedarf an humanitärer Hilfe, so Paxton. 2019 seien fast 60 Millionen Menschen, die Katastrophenunterstützung benötigten, aus 12 der 33 Länder gekommen, „die sich in einer Schuldenkrise befinden oder von einer solchen bedroht sind“, sagte sie.

Mentale Gesundheit

Eines der anderen dringenden Probleme, die in dem Bericht auftauchten, ist die Sorge um die psychische Gesundheit der Bedürftigen. Der Bericht besagt, dass einer von fünf Menschen in Konfliktgebieten an einer psychischen Erkrankung leidet.

Die Zunahme von „heftigen Konflikten“ – von 36 im letzten Jahr auf 41 in diesem Jahr – verschärfte Probleme wie Hunger, sexuelle Gewalt und Verlust des Lebensunterhalts. Gleichzeitig wuchs die Besorgnis um die psychische Gesundheit der Menschen in humanitärer Not. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom Juni wird von etwa 11 Prozent der Menschen, die in den letzten 10 Jahren in Konflikten gelebt haben, eine mittelschwere oder schwere psychische Erkrankung erwartet.

Obwohl die psychische Gesundheit der Betroffenen im Bericht thematisiert wird, ist sie in einigen Regionen immer noch nicht oder nur unzureichend dokumentiert. In Afghanistan heißt es beispielsweise in dem Bericht, dass „mindestens 11 Prozent der Bevölkerung eine körperliche Behinderung aufweisen, während eine unbekannte Anzahl von Menschen aufgrund andauernder Konflikte an psychischen Problemen leidet“.

Wie so oft in Humanitären Notsituationen sind Kinder am stärksten betroffen. Der Bericht schätzt, dass 24 Millionen Kinder, die derzeit in Konflikten leben, unter verschiedenen psychischen Erkrankungen leiden, die entsprechende Unterstützung benötigen würden. Es bleibt jedoch eine Herausforderung, diesen Bedarf zu decken.

„Obwohl der Schwerpunkt zunehmend auf der psychischen Gesundheit liegt, hat die überwiegende Mehrheit der Überlebenden keinen Zugang zu medizinischer Versorgung“, sagte Dr. Mark van Ommeren, Autor einer Analyse von psychischen Störungen in Konfliktsituationen. „Ob Unterstützung zur Verfügung gestellt wird oder nicht, hängt oft von den Schwerpunkten der Geberorganisationen bzw. der Organisationen vor Ort ab.“

In seinem Vorwort identifizierte der stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und die Koordinierung der Soforthilfe, Mark Lowcock, die Bedeutung der Bewältigung von seelischen Traumata als Problem. „Wir verstehen zunehmend die Notwendigkeit, mit mentalen Traumata und der körperlichen Gesundheit der Menschen umzugehen“, schrieb er. „Wir begegnen immer mehr Krisen, indem wir vorausschauende Maßnahmen ergreifen.“

2019 gerieten dramatisch mehr Menschen in humanitäre Not als von den Vereinten Nationen erwartet, so der aktuelle Global Humanitarian Overview (GHO) 2020-Bericht. Der tropische Wirbelsturm Idai landete am 14. und 15. März und zerstörte Berichten zufolge rund 90 Prozent von Beria, der Hauptsta[...]

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4. Dezember 2019

Äthiopien: Birhane und ihre Kinder

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein Beispiel dafür, wie der KNH-Selbsthilfegruppen-Ansatz Menschen dabei unterstützt, sich aus eigener Kraft eine Zukunft aufzubauen.

Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)
Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)

Birhane Niguse lebt in Fiche in der äthiopischen Verwaltungsregion Oromia. Nach dem Tod ihrer Schwester nahm sie ihre acht Nichten und Neffen von heute auf morgen mit in die Familie auf. Dabei war das Überleben vorher schon hart genug: Manchmal gab es nicht genug zu essen für alle, als Bett diente der blanke Lehmboden des Hauses und Birhane hatte keinerlei Ersparnisse. Für eine alleinstehende Frau, die in bedrückender Armut lebte, war die Aufnahme von acht Kindern eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

„Licht der Liebe“: Eine Selbsthilfegruppe als Starthilfe

Die Wende kam 2011, als Birhane der Selbsthilfegruppe Birhan Fiker („Licht der Liebe“) beitrat. In der Gemeinschaft mit anderen Frauen, die genauso arm waren wie sie, lernte sie, wie man mit geringen Mitteln ein kleines eigenes Geschäft aufbaut sowie Geld und Kleinkredite verwaltet.

„Ich hatte einen Traum und wusste, dass ich Kraft und Ausdauer habe. Aber erst die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. Dadurch habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen.“

Birhane Niguse

Genau wie die anderen Frauen der Gruppe zahlte sie in regelmäßigen Abständen kleineund kleinste Geldbeträge in die gemeinsame Kasse ein. Aus dieser Kasse werden bei Bedarf Kredite an die Mitglieder ausgezahlt. Ihr erstes Darlehen nahm Birhane gleich 2011 auf. Mit den gerade mal 70 Birr (umgerechnet ca. vier Dollar), füllte sie ihren kleinen Hausladen auf. Der Gewinn, den sie damit machte, ermutigte sie, weitere Kredite aufzunehmen und damit nacheinander drei Kühe zu kaufen. Die Milch verkaufte sie oder verarbeitete sie weiter zu Butter. So erhöhte sie beständig das Familieneinkommen und zahlte die Kredite ohne Probleme zurück. Mit einem weiteren Darlehen kaufte sie Schafe für die Zucht. Mittlerweile sind daraus elf geworden, die mitsamt den Kühen auf Weideland grasen, das sie mit ihrem jüngsten Selbsthilfegruppen-Darlehen erworben hat.

Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)
Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)

Dank Birhanes Erfolg können die Kinder studieren

In den acht Jahren ihrer Mitgliedschaft in der Selbsthilfegruppe hat Birhane sechs Kredite für insgesamt erstaunliche 50.000 Birr (ca. 1.660 Dollar) aufgenommen. Damit konnte sie nicht nur ihren Laden auf Erfolgskurs bringen, mit der Viehhaltung hat sie auch ein neues und gewinnbringendes Geschäftsfeld aufgetan. Vor der Gründung der Selbsthilfegruppe wäre das nicht möglich gewesen. Da waren die Dorfbewohner gezwungen, Kredite von einem lokalen Geldverleiher aufzunehmen, der Wucherzinsen von bis zu 15 Prozent verlangte.

Heute ist Birhane Sekretärin ihrer Selbsthilfegruppe und strahlt das Vertrauen aus, das die finanzielle Sicherheit bietet. Weil sie so erfolgreich gewirtschaftet hat, lebt sie in einem renovierten Haus (einschließlich Kühlschrank) und kann ihrer Familie Lebensbedingungen bieten, von denen sie vorher nicht einmal zu träumen wagte.

Das Wichtigste ist jedoch für sie, dass ihre Nichten und Neffen jetzt eine gute Schulbildung erhalten und sogar studieren können. Sie kann es sich sogar leisten, ein wenig zu feiern: Kürzlich verkaufte sie eine ihrer Kühe, um damit das Fest für den Universitätsabschluss ihrer Nichte zu bezahlen. Dafür ist sie sehr dankbar.

„Das alles habe ich der Selbsthilfegruppe zu verdanken!“

Birhane Niguse

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein B[...]

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27. November 2019

Haiti: Überleben als heroischer Akt

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview.

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen auf dem Subkontinent erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie seit den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gegeben hat: Unruhen und Massenproteste in Bolivien, Chile, Venezuela, Honduras, Nicaragua, Puerto Rico, Ecuador, Peru – zuletzt Kolumbien – und eben Haiti. So unterschiedlich die jeweiligen Ursachen sind – Wut über extreme Ungleichheit, Empörung gegenüber schamloser, systemischer Korruption und Machtmissbrauch, bis hin zum offenen Verfassungsbruch, Protest gegen exzessive Polizeigewalt und die Verweigerung politischer Rechte –, so verheerend sind die Folgen für die direkt betroffenen Menschen, die Auswirkungen vor allem auch auf den Alltag von Kindern. In keinem lateinamerikanischen Land stellt sich die Lage dabei so katastrophal dar wie in Haiti – und gibt es gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit.

In Haiti reißen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident Jovenel Moïse nicht ab, bei denen es im Kern um die Anschuldigung geht, dass er, seine Leute und sein Vorgänger Martelli Hunderte Millionen US-Dollar aus dem Petrocaribe-Hilfsfonds unterschlagen haben. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass bereits über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da, ihren Alltag zu hinzubekommen?

Caridade: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu Essen zu kommen, irgendwie Wasserflaschen zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden… Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fußgänger beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen - wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)
Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen – wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt, das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250.000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt „Matthew“ Ende September 2016. Jedes Mal haben sich die Haitianerinnen und Haitianer gegen die Zerstörungen und die Hoffnungslosigkeit aufgebäumt. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Caridade: Das Erdbeben von vor zehn Jahren zerstörte Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Und auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt ist es das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen, das leidet. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgendwo mehr funktionieren die Strukturen. Die Straßenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

Was ist dabei das größte Problem?

Caridade: Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet, die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Straßen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil – wiegesagt – die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert.

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Caridade: Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die seit Anfang September zu beklagen sind, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt und stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)

Die UN haben im Oktober 2017 die Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat…

Caridade: Das sehen wir auch so! Es zirkulieren große Mengen Waffen im Land. Und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebrachte haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem, die daran beteiligt sind, die Menschen an den Straßenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung von Jovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber Niemandem rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6097 Frauen in 314 Gruppen und – konservativ gerechnet – mindestens 11.300 Kindern – das von seiner Reichweite her größte Kindernothilfe-Projekt in Haiti. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Caridade: Natürlich ist an ein normales Funktionieren der „groupes d’entraides“ – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen größeren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert und versuchen, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilfte ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)
Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilft ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Caridade: Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber ein Problem besteht derzeit darin, dass ja in allen Gruppen und den 15 „Cluster Level Associations“ (CLAs) mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht große Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch, das heißt, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, sind weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig – wie irgend möglich – weiter zu treffen.

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Graswurzel-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Caridade: Doch, genau darum geht es! Die „groupes d’entraides“ schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs, das Alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive: Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.

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Marie Caridade Valcourt ist Haitianerin, von ihrer ersten Ausbildung her Sozialarbeiterin, mit einem Masterstudium in Strategie-Management und nachhaltiger Entwicklung. Seit sechs Jahren koordiniert sie das Kindernothilfe-Selbsthilfe-Gruppen-Programm in Haiti (84993) und ist in dieser Funktion Teil des KNH-Haiti-Teams in Port-au-Prince. Seit dem Start des SHG-Programms in dem Karibikstaat 2011 haben die Frauen aus den 314 Gruppen ein Kapital von 183.905 Euro aufgebaut – und Darlehen über 476.150,00 Euro vergeben.

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview. [...]

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20. November 2019

Kindertraum? Kinderrecht!

Was braucht ein Kind, um ein gutes Leben führen zu können? Auf diese Frage gibt es eine klare Antwort. Nämlich gewaltfreie Erziehung, Bildung, Freizeit und alles, was es schützt, stärkt und beteiligt. Und noch eine weitere: jemanden, der darauf schaut, dass dieses Recht gewahrt wird, immer und überall.

Kinder haben ganz besondere Rechte (Foto: Malte Pfau)
Kinder haben ganz besondere Rechte (Foto: Malte Pfau)

Vor 30 Jahren bewertete man das „Wohl des Kindes“ und seine besonderen Bedürfnisse weltweit sehr unterschiedlich. Die große Armut in Südindien rechtfertigte Kinderarbeit und Kinderehen waren sozial akzeptiert. In den gewaltgeprägten Slums in Bolivien wurden Kinder als schwächstes Glied der Gesellschaft auf keine besondere Weise vom Staat geschützt. In Malawi galten körperlich und geistig beeinträchtigte Söhne und Töchter als Schande und mussten von ihrer Umwelt abgeschottet werden. Währenddessen verfolgte man in der westlichen Welt eine eher antiautoritäre und Kind fokussierte Haltung, die Chancengleichheit für Mädchen und Buben zu verwirklichen suchte.

Die UN-Kinderrechte sind kein Traum

Am 20. November 1989 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-Kinderrechtskonvention – und legte damit fest, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sondern Menschen, die besonderen Schutz, besondere Förderung und besondere Beteiligung brauchen. In diesem Sinne sind sie alle gleich – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, etc. – und haben alle den gleichen Anspruch auf die Wahrung ihrer ganz besonderen Rechte.

Kinder haben ganz besondere Bedürfnisse. (Foto: Kindernothile)
Kinder haben ganz besondere Bedürfnisse. (Foto: Kindernothile)

Das von allen Ländern – mit Ausnahme der USA – unterzeichnete Menschrechtsabkommen trat am 4. September 1990 in Kraft und formuliert die Kinderrechte verbindlich in 54 Artikel. Österreich ratifizierte sie am 26. Jänner 1990 und verpflichtet sich dadurch, die Rechte der Mädchen und Buben national umzusetzen. Seitdem wurde dieser starke völkerrechtliche Rahmen zur weltweiten Verbesserung der Lebenssituation von Kindern durch Zusatzprotokolle ergänzt und gefestigt, wie im Bereich des Schutzes von Kindern in bewaffneten Konflikten, Prostitution und Pornographie. Zuletzt im November 2011 durch das dritte Fakultativprotokoll über das Individualbeschwerdeverfahren für Kinder, das eine einzigartige Möglichkeit zur Thematisierung und verbesserten Durchsetzung der Kinderrechte bietet. Österreich zählte 2012 zu den Erstunterzeichnenden, seither ist seine Ratifikation aber weiterhin ausständig.

Für viele ist ein Traum in Erfüllung gegangen

In den letzten 30 Jahren hat sich einiges getan. In unterschiedlichsten Teilen der Welt konnten kleinere und größere Veränderungen erzielt werden, um Kindern und Jugendlichen tatsächlich zu den ihnen zustehenden Rechten zu verhelfen. So haben die Mädchen und Buben heute bessere Lebens- und Entwicklungschancen als jede Generation zuvor.

Kinder brauchen besondere Fürsorge. (Foto: Manfred Fesl)
Kinder brauchen besondere Fürsorge. (Foto: Manfred Fesl)

Seit der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention wurden in vielen Ländern die nötigen staatlichen Rechtsgrundlagen geschaffen beziehungsweise verbessert, die ein gesundes und sicheres Aufwachsen sowie eine kindgerechte Entwicklung ermöglichen (sollen). So konnte das Risiko, vor dem fünften Lebensjahr zu sterben, weltweit halbiert, das Risiko, als Kind an einem gewaltsamen Tod zu sterben, um 20% gesenkt und das Risiko, statt lernen arbeiten zu müssen, um 70% verringert werden. 92% aller Kinder haben Zugang zu Grundbildung (2018) – damit kann trotz zunehmender Weltbevölkerung die historisch größte Anzahl von Kindern eingeschult werden. Die Bildungsausgaben pro Kopf haben sich in 30 Jahren um 20% erhöht. Erfolgreiche Armutsbekämpfung für Kinder wird durch den Rückgang der Anzahl arbeitender Kinder um 1/3 seit 1990 durch Schutzgesetze und bessere Lebensperspektiven der Familien deutlich.

Außerdem wurde Mädchen und Buben vielerorts der Zugang zum Justizsystem ermöglicht sowie den Kinderrechten allgemein ein größeres Augenmerk auf politischer Ebene eingeräumt. Auch konnte eine weltweite Bewusstseinssteigerung erreicht werden, was sich unter anderem an zusätzlichen Ausgaben für die Entwicklungschancen von Kindern in staatlichen Haushalten messen lässt.

Damit Kinderrechte kein Traum bleiben

Bis zur konsequenten Verwirklichung und Wahrung der Kinderrechte ist es aber noch ein weiter Weg: Immer noch leben eine Milliarde Mädchen und Buben in Armut. Mehr als 171 Millionen werden ausgebeutet, über 200.000 in Kriegen und Konflikten eingesetzt.

Und obwohl die Meinung von Kindern und Jugendlichen bei gesellschaftspolitischen Entscheidungen etwas mehr berücksichtigt wird, ist gerade die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen eine der größten Herausforderungen. Bis alle Kinder sich überhaupt über ihre Rechte informieren können und zu allem, was sie betrifft, miteinbezogen werden, ist noch ein weiter Weg.

Kinder beteiligen: Kinder malen ihre Wünsche auf das neue Gebäude. (Foto: Fabian Strauch)
Kinder beteiligen: Kinder malen ihre Wünsche auf das neue Gebäude. (Foto: Fabian Strauch)

Anlässlich des heurigen Jubiläums der Kinderrechte hat die Kindernothilfe eine weltweite Studie zu „30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention“ durchgeführt. Das Ergebnis: Kinder müssen stärker beteiligt werden – Kinderrechte und Schutz vor Gewalt sind die wichtigsten Themen.

Studie der Kindernothilfe zu 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

Was braucht ein Kind, um ein gutes Leben führen zu können? Auf diese Frage gibt es eine klare Antwort. Nämlich gewaltfreie Erziehung, Bildung, Freizeit und alles, was es schützt, stärkt und beteiligt. Und noch eine weitere: jemanden, der darauf schaut, dass dieses Recht gewahrt wird, immer und [...]

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