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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

11. November 2019

Wenn Ehe zum Gefängnis wird

In Kaschmir, nördlich von Indien, gibt es tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft werden. Das Leben, das dann auf sie wartet, ist von Einschränkungen bestimmt und gleicht nicht selten einem Gefängnisaufenthalt.

Ein häufiger Hilferuf von Frauen in Kaschmir: Stoppt die Gewalt gegen Mädchen (Foto: Stella Paul/IPS)
Ein häufiger Hilferuf von Frauen in Kaschmir: Stoppt die Gewalt gegen Mädchen (Foto: Stella Paul/IPS)

Haseena Akhtar lebte mit ihren Eltern und beiden Schwestern im ostindischen Westbengalen in Ostindien. Sie war erst 13 Jahre alt, als eine Heiratsvermittlerin ihren Eltern sagte, dass sie eine Menge Geld verdienen könnten, wenn sie ihre Tochter einen Kashmiri-Mann verheiraten ließen. Da die Familie in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebte und die Verheiratung ihrer Töchter traditionsgemäß mit fast unerschwinglichen Kosten verbunden gewesen wäre, stimmten sie der Ehe mit dem dreimal älteren Unbekannten zu und ließen Akhtar mit der Heiratsvermittlerin ziehen.

Das junge Mädchen landete in Kaschmir – der Binnenregion im Norden Indiens, die in den letzten 30 Jahren zum Synonym von Gewalt und Konflikten geworden ist. Die Heiratsvermittlerin brachte Akhtar in einen alten Teil Srinagars, der Hauptstadt der Region, und wurde mit einem behinderten Kashmiri-Mann mittleren Alters verheiratet. „Das war in keiner Weise eine Ehe. Das war reine Geldmacherei. Ich wurde an einen Mann verkauft, der in Kaschmir keine Braut für sich finden konnte, weil sein rechtes Bein nach einer Bombenexplosion amputiert worden war“, erzählt die mittlerweile 20-Jährige.

Zu viele Töchter und keine Söhne

Ein Jahr nach der Heirat brachte Akhtar ein Mädchen zur Welt. Und dann noch drei weitere Töchter und konnte so das brennende Verlangen sowohl ihres Mannes als auch ihrer Schwiegereltern nach einem Sohn und einem Enkel nicht erfüllen. Mit 18 Jahren war sie Mutter von vier Töchtern, und die Beziehungen zu ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern hatten sich verschlechtert. „Ich war nichts als eine Sexsklavin für meinen Ehemann, der wollte, dass ich einen Jungen zur Welt brachte. Da das nicht geschah, wurde ich zuerst verspottet, dann geschlagen und dann zusammen mit meinen Töchtern aus dem Haus gezerrt“, sagte Akhtar. Einer der Nachbarn griff ein, gab ihr Schutz und bot an, mit ihrem Mann und seiner Familie zu sprechen. Auch eine Freiwilligenorganisation kam ihr zu Hilfe und unterstützte sie dabei, eine Stelle als Reinigungskraft in einer privaten Firma zu finden. Sie verdiente 100 Dollar im Monat. Da die Bemühungen, die Situation mit ihren Schwiegereltern zu bereinigen, scheiterten, zahlte Akhtars Ehemann ihr 550 USD und ließ sie scheiden. Mit dem mageren Einkommen und ihren vier zu unterstützenden Töchtern wirkt der Weg für Akhtar voller Hürden. „Ich weiß nicht, was ich tun und wohin ich gehen werde. Ich frage mich manchmal, warum arm zu sein dich für alle Arten von Ausbeutung anfällig macht “, sagte sie.

Weit verbreitet und sozial akkzeptiert

Akhtars Geschichte ist kein trauriges Einzelschicksal. Es gibt tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft wurden und heute ein Leben führen, das eher einem Gefängnisaufenthalt gleichkommt. Dominiert von Gewalt und Militanz ist Kaschmir zu einem Umschlagplatz für Menschenhändler geworden.

Bei dem drei Jahrzehnte dauernden Aufstand gegen die indische Herrschaft sind mindestens 100.000 Menschen ums Leben gekommen, und haben nach offiziellen Angaben in den letzten 30 Jahren durchschnittlich 1.500 Menschen pro Jahr getötet. Doch der Konflikt hat nicht nur unzählige Todesopfer gefordert, viele Folteropfer und traumatisierte Kriegsveteranen haben im traditionell heiratsfähigen Alter zwischen 25 und 35 Jahren nicht geheiratet. Inzwischen viel älter, wenden sich diese abgelehnten Bräutigame an Heiratsvermittler, die ihnen junge, nicht einheimische Frauen beschaffen, die sie heiraten können – alles für den Preis von nur ein paar tausend Dollar. Aabid Simnanni, ein bekannter Gelehrter und Sozialarbeiter, der eine Organisation leitet, die sich auf den Menschenhandel in Kaschmir konzentriert, berichtet, dass ein Großteil der Ehen zwischen Männern aus Kaschmir und nicht einheimischen Frauen im Teenageralter aufgrund der generationsbedingten und kulturellen Unterschiede dramatisch enden. „Neben der großen Generationenkluft gibt es die kulturellen, sprachlichen und viele andere Barrieren, die für eine erfolgreiche Ehe überwunden werden müssten.“, so Simnanni. Seine Organisation hat in den letzten fünf Jahren Frauen dabei geholfen, rechtliche und finanzielle Hilfe zu erhalten, aber „es sei eine Herkulesaufgabe, diese Praxis zu beenden“.

Und die Polizei greift nicht ein, denn die Frauen sind legal verheiratet

Der Polizei in Kaschmir ist es fast unmöglich geworden, Menschenhändler zu fassen. Das Opfer ist normalerweise per Gesetz mit dem Mann verheiratet, und es ist schwierig, das Alter des Opfers zu bestimmen, da die Dokumente bereits von den Heiratsvermittlern gefälscht wurden. Es gibt kaum Aufzeichnungen über die Anzahl der nach Kaschmir gehandelten Bräute, da die Praxis in Kaschmir gesellschaftlich anerkannt ist. „Die Hochzeit findet in einem hellen Tageslicht statt. Obwohl es ein offenes Geheimnis ist, dass diese Mädchen von ihren Eltern für eine hübsche Summe verkauft werden, ist die Beziehung, in die sie geraten, absolut legitim und legal im Einklang mit dem Gesetz.“

Meine Ehe – mein Gefängnis

Vor vier Jahren wurde die 14-jährige Ulfat Bano aus dem nordindischen Bundesstaat Bihar von ihrer entfernten Cousine, die selbst mit einem Kashmiri verheiratet war, nach Kaschmir gebracht. Bano’s Familie erhielt ungefähr eintausend Dollar und die Zusicherung, dass sie in eine gute Familie heiraten würde. Hier wurde sie einem 50-jährigen Mann übergeben. „Ich war schockiert, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er war älter als mein Vater und ich war gewaltsam mit ihm verheiratet. Ich hatte keine andere Wahl “, sagte Bano. Ihr Ehemann war Anfang der neunziger Jahre gefoltert worden, sein linkes Auge war verletzt und er konnte jahrelang keine Frau vor Ort finden, die ihn heiratete. Seine Familie wandte sich an Banos Cousine und bat sie, eine Braut für ihren Sohn zu finden. Heute ist Bano Mutter einer dreijährigen Tochter und eines zweijährigen Sohnes und sehnt sich jeden Tag nach Zuhause. In den vier Jahren seit ihrer Heirat durfte sie kein einziges Mal nach Bihar zurückkehren, um ihre Familie zu besuchen. „Kaschmir ist für mich nichts anderes als ein Gefängnis. Wozu ist dieses Leben gut, wenn du deine Eltern nicht sehen und ein paar Momente der Freude mit ihnen teilen kannst? Mein Mann befürchtet, dass ich nicht zu ihm zurückkehren würde, wenn er mir erlaubt, meine Eltern zu treffen. Er hat wahrscheinlich recht.“

Das Global Sustainability Network (GSN) verfolgt das Ziel Nr. 8 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf Ziel 8.7, das sofortige und wirksame Maßnahmen zur Beseitigung der Zwangsarbeit, zur Beendigung der modernen Sklaverei und des Menschenhandels sowie zur Gewährleistung des Verbots und der Beseitigung des Menschenhandels ergreift schlimmste Formen der Kinderarbeit, einschließlich Rekrutierung und Einsatz von Kindersoldaten, und bis 2025 Beendigung der Kinderarbeit in all ihren Formen “. Die Ursprünge des GSN beruhen auf den Bemühungen der am 2. Dezember 2014 unterzeichneten Gemeinsamen Erklärung der Religionsführer. Religionsführer verschiedener Glaubensrichtungen haben sich versammelt, um zusammenzuarbeiten, um „die Würde und die Freiheit des Menschen gegen die extremen Formen der Globalisierung zu verteidigen Gleichgültigkeit, wie Ausbeutung, Zwangsarbeit, Prostitution, Menschenhandel “und so weiter.

In Kaschmir, nördlich von Indien, gibt es tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft werden. Das Leben, das dann auf sie wartet, ist von Einschränkungen bestimmt und gleicht nicht selten einem Gefängnisaufenthalt. Ein häufiger Hilferuf von Frauen [...]

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22. Oktober 2019

Chile im Zeichen der Gewalt

Einige wenige Tage reichten aus, um das über drei Jahrzehnte lang propagierte Image vom vermeintlich stabilen lateinamerikanischen Vorzeigeland zerbersten zu lassen: In Santiago und allen anderen größeren chilenischen Städten patrouilliert wieder das Militär – das hatte es zuletzt 1987, zu Zeiten der Pinochet-Diktatur, gegeben. Doch die Wut der Menschen hat tiefe Wurzeln.

Panzer und Soldaten sollen die Gewalt in Chile unter Kontrolle bringen (Foto: Jürgen Schübelin)
Panzer und Soldaten sollen die Gewalt in Chile unter Kontrolle bringen (Foto: Jürgen Schübelin)

Fünfzehn Menschen starben, Hunderte wurden verletzt und über 2500 Personen seit dem Freitag, 18. Oktober, im Zusammenhang mit den heftigsten Protesten, die es in Chile in den zurückliegenden Jahrzehnten gegeben hat, verhaftet. Die Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten und Multimilliardärs Sebastian Pinñera verhängte am Freitag über die Hauptstadt Santiago den Ausnahmezustand, der inzwischen auch auf zahlreiche andere Städte im Land ausgeweitet wurde. Erstmals seit dem Ende der Pinochet-Diktatur (1973 – 1990) wurde in Santiago der Einsatz des Militärs zu „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“ angeordnet, Schützenpanzer patrouillieren in der Innenstadt. Bereits für die dritte Nacht in Folge wurde von Montag auf Dienstag eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Gewalt steht an der Tagesordnung (Foto: Jürgen Schübelin)
Gewalt steht an der Tagesordnung (Foto: Jürgen Schübelin)

Gewaltsame Proteste und friedliche Demonstrationen

Auslöser für die erbitterten Proteste war in der zurückliegenden Woche die zweite Preiserhöhung in diesem Jahr bei den Tarifen für das Santiagoer Metro- und Bussystem – sowie ein zehnprozentiger Aufschlag auf die Strompreise – gewesen. Was zunächst mit der spontanen Aktion von Schülern und Studenten begann, die die Drehkreuze in den Metrostationen einfach – ohne zu bezahlen – übersprangen, entwickelte sich im Verlauf des Freitags zu massiven und gewalttätigen Protesten mit der Verwüstung und Zerstörung  von über 40 Metrostationen, brennenden U-Bahnzügen und Bussen – sowie zahlreichen geplünderten Geschäften und Supermärkten.  

Den augenfälligen Kontrast zu diesen Ausschreitungen und dem nach Einschätzung mehrerer chilenischer Analysten gezielt orchestrierten Verwüstungen, die sich vor allem auf die ärmeren Stadtteile Santiagos – sowie einige Mittelschichtsviertel der Hauptstadt – konzentrierten, aber die Stadtbezirke der Reichen und Wohlhabenden kaum tangierten, bildeten seit dem Wochenende zahlreiche friedlich verlaufende Demonstrationen mit Zehntausenden von Teilnehmenden im ganzen Land.

Die friedlichen Demonstranten gingen trotz massiver Polizei- und Militärpräsenz auf die Straße, um gegen die extreme soziale Ungleichheit in Chile, die auch im Vergleich zu Europa sehr hohen Lebenshaltungskosten – bei niedrigen Löhnen – und die völlig unzureichenden Renten zu protestieren. Darüber hinaus ging es bei den Kundgebungen – wie bereits bei den vorausgegangenen Protestwellen von 2011 und 2015 – erneut um den katastrophalen Zustand des öffentlichen Bildungssystems und des unterversorgten Gesundheitswesens – sowie um die auch im internationalen Kontext extrem hohen Studiengebühren der Universitäten – mit der Konsequenz der chronischen Überschuldung vor allem von Mittelschichtsfamilien, um das in Chile endemische Problem von Machtmissbrauch durch Wirtschaftsunternehmen und den Finanzsektor – und nicht zuletzt um Korruption und Nepotismus in der derzeitigen Regierung und zwar vor allem in der Polizei und den Streitkräften.

Wasserwerfereinsatz in Chile: Das Bild entstand bei Schülerprotesten im Jahr 2011, die sich gegen das ungleiche Bildungssystem in Chile richteten (Foto: Jürgen Schübelin)
Wasserwerfereinsatz in Chile: Das Bild entstand bei Schülerprotesten im Jahr 2011, die sich gegen das ungleiche Bildungssystem in Chile richteten (Foto: Jürgen Schübelin)

„Jahrelang aufgestaute Wut“

José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation ANIDE, schrieb am Wochenende: „Was wir hier gerade erleben, ist der kollektive Ausbruch einer jahrelang aufgestauten Wut gegenüber dem ständigen Missbrauch und der perfiden Dauer-Manipulation, denen wir in diesem Land mit seinem extrem ungerechten Wirtschafts- und Sozialsystem ausgesetzt sind. Am 18. Oktober war die Geduld der Chileninnen und Chilenen gegenüber der Gewalt, die von diesem neoliberalen Modell seit den Zeiten der Pinochet-Diktatur ausgeht, einfach aufgebraucht!“

Größte Sorge bereitet indes den Menschenrechtsorganisationen im Land die exzessive Brutalität, mit der Polizeikräfte, aber auch Militärs gegen Protestierende vorgehen. Der größte Teil der in Krankenhäusern behandelten schweren Verletzungen geht auf den Schusswaffeneinsatz durch Polizei und Militär zurück. Das Nationale Chilenische Institut für Menschenrechte (INDH) informierte in der Nacht zum 22. Oktober darüber, dass sich unter den Verhafteten auch 131 Kinder befinden würden. Beim INDH angezeigt wurden seit dem Wochenende auch mehrere Fälle, in denen Polizisten Schülerinnen und Schüler – sowie Studierende nach den Verhaftungen zwangen, sich nackt auszuziehen. In den verschiedenen sozialen Medien in Chile ist inzwischen von zahlreichen Fällen von Folter und brutalen Misshandlungen in Polizeiwachen die Rede.

„Die Kinder haben große Angst“

Die von Kindernothilfe unterstützten Projekte in Chile, so José Horacio Wood in seinem Bericht weiter, konnten zum Wochenbeginn ihre Arbeit nur sehr eingeschränkt – und dann auch lediglich mit den Mitarbeitenden, die in unmittelbarer Umgebung der Projekte wohnen – aufnehmen. Da die Versorgung der Kindergärten mit Lebensmitteln nicht möglich war, konnten für die Mädchen und Jungen keine Mahlzeiten zubereitet werden. Mehrere Partner verteilten Notrationen mit Nahrungsmitteln an Familien, die keinerlei eigene Vorräte mehr zu Hause hatten. Im Armenviertel La Victoria brannten in unmittelbarer Nähe des Projektes Barrikaden und kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizeispezialkräften und Jugendlichen: „Die Kinder haben große Angst“, schrieb José Horacio Wood, „sie verstehen nicht, was vor sich geht. Aber auch unter den Erwachsenen, in den Familien herrscht Panik.“ In dem mit Migrantenkindern arbeitenden Projekt „Niñas y Niños sin Fronteras“ im Stadtteil Independencia (Nord-Santiago) wurde ein Junge in einer Polizeiaktion – ohne Begründung – verhaftet und auf einer Wache misshandelt. Die Projektverantwortlichen dokumentierten die Blutergüsse und Verletzungen des Kindes und prüfen die Möglichkeit, Strafanzeige zu stellen. „Aber das wird sehr schwierig“, schreibt José Horacio Wood lakonisch.

Für die gesamte Woche haben in vielen chilenischen Städten Gewerkschaften, Schüler, Studierende, Nachbarschaftsorganisationen und Berufsverbände zu Streiks und weiteren Widerstandsaktionen und Protesten aufgerufen, während die Regierung einerseits die in der vergangenen Woche verfügten Metro-Fahrpreis-Erhöhungen zurücknahm, aber andererseits die nächtlichen Ausgangssperren weiter verlängerte – und Präsident Piñera in einer Fernansprache behauptete: „Es herrscht Krieg in Chile“.

Inzwischen äußerte sich Piñera etwas differenzierter, erklärte, die Botschaft der Protestierenden „verstanden zu haben“, kündigte verschiedene Reformen und Maßnahmen an, wie die moderate Erhöhung des Mindestlohns und der Kleinstrenten sowie eine Rücknahme der verhängten Strompreissteigerungen, was aber bislang nicht zu einem Abflauen der täglichen Demonstrationen geführt hat. José Horacio Wood formuliert in seiner Email an Kindernothilfe lakonisch: „Die Leute haben nach 30 Jahren ein für alle Mal genug!“

Einige wenige Tage reichten aus, um das über drei Jahrzehnte lang propagierte Image vom vermeintlich stabilen lateinamerikanischen Vorzeigeland zerbersten zu lassen: In Santiago und allen anderen größeren chilenischen Städten patrouilliert wieder das Militär - das hatte es zuletzt 1987, zu Zeit[...]

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14. Oktober 2019

Aus dem Versteck hinein ins Leben

Kinder mit Behinderungen trifft in Sri Lanka ein hartes Schicksal: Sie werden oft ausgegrenzt, haben keinen Zugang zu Bildung oder Förderung, die ihr Leben erleichtern könnte. In fünf Dörfern im Norden des Landes werden Kinder mit Beeinträchtigungen speziell betreut.

Die beeiträchtigte Nilani und ihre Geschwister werden seit kurzem im Kindernothilfe-Projekt in Sri Lanka betreut. (Foto: Manfred Fesl)
Die beeiträchtigte Nilani und ihre Geschwister werden seit kurzem im Kindernothilfe-Projekt in Sri Lanka betreut. (Foto: Manfred Fesl)
Die Kuh ist der ganze Stolz der Familie: Sie liefert nicht nur Milch, sondern auch Dünger. (Foto: Manfred Fesl)
Die Kuh ist der ganze Stolz der Familie: Sie liefert nicht nur Milch, sondern auch Dünger. (Foto: Manfred Fesl)

Wenn Nilani neben ihrer Kuh im Gras sitzt, ist sie glücklich. Die Kuh ist mager, hat kaum Fett an den Rippen – wie die meisten Kühe im Norden von Sri Lanka. Aber sie gibt Milch. Und sie gibt der Familie Sicherheit. Die Kuh ist Nilanis ganzer Stolz und die Lebensgrundlage ihrer Familie. Ohne die Milch der Kuh, die auch auf dem Markt verkauft wird, ohne den Kuhdung, der die Böden düngt, ohne die Kälber, die zwar unregelmäßig, aber doch immer wieder zu einem Zusatzeinkommen führen, könnte Nilanis Familie nicht überleben. Trauriger Alltag hier im Norden Sri Lankas im ehemaligen Kriegsgebiet.

26 Jahre lang wurde das kleine Land im Indischen Ozean von einem Bürgerkrieg zerrüttet. Am stärksten betroffen war der tamilische Norden, Zehntausende Zivilisten starben bei Kämpfen oder wurden verletzt, darunter auch zahllose Kinder. Jahrelang lebten viele Tamilen in Flüchtlingscamps – katastrophale hygienische Bedingungen, fehlende medizinische Versorgung, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser beherrschten dort das Leben. Nun sind die meisten nach Hause zurückgekehrt. Geblieben sind viele Narben: An den Körpern kriegsversehrter Kinder, die von ihren Eltern aus Scham versteckt werden, aber auch an ihren Seelen. Die weit verbreitete Mangelernährung führt zusätzlich zu schwerwiegenden Auswirkungen auf die Gesundheit von Neugeborenen und Kleinkindern.

Auch bei Nilani und ihre Schwester sind Narben geblieben. Ob durch Krankheit oder Unterernährung, Komplikationen während der Geburt oder die Kriegshandlungen, die ihre Mutter während der Schwangerschaften miterleben musste – so genau kann uns das niemand mehr sagen. Die Zahl von Menschen mit Behinderungen ist im Norden Sri Lankas überdurchschnittlich hoch, deren Förderung besonders schlecht. Es gibt zu wenige Schulen und Krankenhäuser, staatliche Dienstleistungen sind für viele unerreichbar, die wenigsten öffentlichen Bereiche sind behindertengerecht ausgestattet, die wenigsten Lehrer wissen Kinder mit Beeinträchtigung entsprechend zu fördern. Und viel zu oft noch werden Kinder mit Behinderung aus Scham zu Hause versteckt und gesellschaftlich ausgegrenzt, können schon auf Grund fehlender Transportmöglichkeiten nicht in die Schule gehen und sind Zeit ihres Lebens auf Almosen angewiesen.

Nilani streichelt gedankenverloren ihre Kuh. Im Hintergrund steht das kleine Haus ihrer Familie. Die Fenster sind notdürftig mit Fetzen verhängt, im kargen Wohn- und Schlafraum der winzigen Hütte stehen ein paar Plastikstühle – sie sind die einzige Sitzmöglichkeit der Familie. Gekocht wird mit offenem Feuer, die wenigen Küchenutensilien haben auf einem schmalen Holzbrett Platz. Aber Nilanis Eltern sind glücklich. Ihre beiden Töchter werden seit kurzem durch den Kindernothilfe-Projektpartner SEED (Social Economical and Environmental Developers) betreut, bekommen im Kindernothilfe-Förderzentrum die Unterstützung, die sie brauchen. Und ihr Sohn kann nun ebenfalls in die Schule gehen – er hat durch das Projekt die für seine Familie unleistbaren Schulmaterialien zur Verfügung gestellt bekommen.

Förderung im Alltag

Nilani und ihre Schwester freuen sich auf den Schultag (Foto: Manfred Fesl)
Nilani und ihre Schwester freuen sich auf den Schultag (Foto: Manfred Fesl)

Nilanis Familie ist nur eine von vielen, die durch das Kindernothilfe-Projekt betreut werden. Mehr als 1.000 Kinder erhalten hier, in der Nähe der Stadt Vavuniya im ehemaligen Kriegsgebiet, die notwendige Förderung, medizinische Versorgung, die Möglichkeit, endlich in die Schule zu gehen. Und Hilfsmittel, um den Alltag mit Behinderungen einfacher zu gestalten.

Denn viele der Beeinträchtigungen – Hörbehinderungen oder kleine Fehlstellungen der Füße etwa – wären leicht zu behandeln. Mit dem passenden Hörgerät, einem kleinen operativen Eingriff, Gehbehelfen und entsprechender physiotherapeutischer Förderung wären viele Betroffene nahezu ohne Beeinträchtigung. Dafür fehlt es aber vor allem im Norden Sri Lankas an finanziellen Mitteln. Investiert wird eher in die touristisch attraktiven Regionen im Süden. Der Norden wird von Regierung und Behörden vernachlässigt, zu instabil ist die politische Lage seit Jahrzehnten, berichten uns die Projektverantwortlichen.

Mit umso mehr Herzblut sind die Projektmitarbeiter engagiert. Bei regelmäßigen Hausbesuchen üben sie mit den Kindern und ihren Familien in den eigenen vier Wänden einfache Alltagstätigkeiten, geduldig und liebevoll, wieder und wieder. Und zeigen den Familien physiotherapeutische und hygienische Maßnahmen, um die Gesundheit der Kinder zu verbessern. Allein im Vorjahr wurden 238 solcher Hausbesuche durchgeführt.

Oft sind die Lebensumstände schon schwierig genug. So wie bei Abisan. Zu Hause bei seiner Familie sehen wir große Armut. Und wie beschwerlich es sein muss, in solch einfachen Verhältnissen das Leben mit Behinderung zu meistern – wenn nicht einmal Küche oder sanitäre Einrichtungen wie Toilette oder Waschbecken zur Verfügung stehen und Wege und Böden uneben sind. Dafür hat Abisan vom Projekt einen eigenen Rollstuhl erhalten, wird regelmäßig medizinisch versorgt, ein Physiotherapeut kommt zu ihm ins Haus. Stolz zeigen seine Schwester und Oma die Fortschritte, die er mittels der Übungen schon gemacht hat. Er kann den Kopf alleine halten und hat Wege gefunden, seine Bedürfnisse auszudrücken.

Das ganze Dorf feiert mit

Selbstständig zu essen, sich anzuziehen, sich zu waschen oder ein paar Schritte zu gehen, sich mit Zeichensprache zu verständigen oder mit dem eigenen Hörgerät wieder am Alltag teilhaben zu können – all diese Fertigkeiten werden mit den Kindern mit Therapeuten geübt. Die neu gewonnene Eigenständigkeit entlastet auch die meist hart arbeitenden Familien. Und die Kinder sind stolz auf ihre Fortschritte. Bei öffentlichen Feiern zeigen alle, was sie gelernt haben – einstudierte Lieder und kleine Theaterstücke. Gut besucht seien diese Feste, erzählen uns die Projektmitarbeiter. Und daher ein wichtiges Instrument zur Aufklärung der Gemeinden über die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen. Vorurteile können bei den gemeinsamen Feierlichkeiten oder jährlich stattfindenden Sportwettbewerben, an denen die ganze Dorfgemeinschaft teilnimmt, abgebaut werden. Bei Geschicklichkeitsspielen zeigen auch Kinder mit Gehbehinderung der zuschauenden Gemeinde, wie mobil sie schon geworden sind.

Inklusives Lernen wird sowohl in den Schulen als auch am Wochenende im Gemeindezentrum in praktiziert. (Foto: Manfred Fesl)
Inklusives Lernen wird sowohl in den Schulen als auch am Wochenende im Gemeindezentrum in praktiziert. (Foto: Manfred Fesl)

Apropos Mobilität: Für die Kinder im Rollstuhl oder mit Gehbehelfen scheitert der Schulbesuch oft bereits am unüberwindbaren Weg zur Schule. Für sie wird daher ein Transport organisiert. In den Schulen selbst werden Spezialkassen eingerichtet. Die Klassenräume müssen auch mit Rollstuhl zugänglich sein. Wir sehen dafür eigens installierte Rampen, behindertengerechte Möbel, Spezialtische und Stühle. Jedes Jahr werden an verschiedenen Schulen weitere Spezialklassen eingerichtet, die inklusives Lernen ermöglichen.

Trainings für die Lehrkräfte

Dazu braucht es natürlich auch eine intensive Schulung der Lehrkräfte. Oftmals überfordert sie die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, da diese komplett neu für sie ist. Bei Workshops zu alternativen Unterrichtsmethoden lernen und verstehen die Lehrer, wie erfolgreiche Inklusion aussieht, wie Kinder mit Beeinträchtigung in den Unterricht miteinbezogen werden können. In 10-Tages-Training konnte mittlerweile ein Großteil des Lehrpersonals die Zeichensprache erlernen. Wovon die Wände der Klassenzimmer zeugen: Viele davon sind liebevoll mit Symbolen der Gebärdensprache bemalt.

Gemalt wird auch im Gemeindezentrum in Vavuniya, und das sogar an Wochenenden und Feiertagen – um die Kinder von der Straße zu holen und vor Missbrauch und Kriminalität zu schützen, erzählen uns die Projektpartner. Bei einem dieser Treffen dürfen wir dabei sein. Es sind viele Kinder gekommen. Sie sitzen im Kreis, zeichnen, lachen und klatschen. „Ranwan patai samanalaya“ singen die Mädchen und Buben – „ein bunter goldener Schmetterling“. Es ist das Lieblingslied von Nilani. „Rosamale pani beela giya“, er trinkt den Nektar der Rose und fliegt davon, summt das kleine Mädchen fröhlich mit. Die Melodie bleibt uns noch lange später im Ohr.

Kinder mit Behinderungen trifft in Sri Lanka ein hartes Schicksal: Sie werden oft ausgegrenzt, haben keinen Zugang zu Bildung oder Förderung, die ihr Leben erleichtern könnte. In fünf Dörfern im Norden des Landes werden Kinder mit Beeinträchtigungen speziell betreut. Die beeiträchtigte Ni[...]

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25. September 2019

Wassermangel verschärft Katastrophenrisiko

Der WeltRisikoBericht wird seit 2o11 jährlich vom Bündnis Entwicklung Hilft herausgegeben. Der darin enthaltene WeltRisikoIndex wurde gemeinsam mit dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) entwickelt.

Wasser, ein kostbares Gut (Foto: Jakob Studnar)
Wasser, ein kostbares Gut (Foto: Jakob Studnar)

Hitzerekorde weltweit und zunehmende Dürren: Der Klimawandel verschärft die Probleme rund um die Wasserversorgung und erhöht damit die Verwundbarkeit von Gesellschaften. Das zeigt der WeltRisikoBericht 2019, erstellt vom Bündnis Entwicklung Hilft und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum (IFHV). Der heurige Bericht legt einen starke Fokus auf das weltweite Problem der Wasserversorgung.

Tritt ein extremes Naturereignis wie eine Überschwemmung oder ein Wirbelsturm ein, entsteht in Ländern mit schlechter Wasserversorgung wahrscheinlicher eine Katastrophe. „Gerade in Entwicklungsländern muss die Politik dringend handeln und allen Haushalten sicheren Zugang zu sauberem Wasser verschaffen“, sagt Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnis Entwicklung Hilft. „Nach extremen Naturereignissen muss die Wasserversorgung schnell wiederhergestellt werden, um Überleben zu sichern und die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern“. Besonders armen Menschen fehlt häufig ein eigener Wasseranschluss im Haushalt und sie müssen zum Beispiel an öffentlichen Wasserstellen Gebühren zahlen. „Oft zahlen ausgerechnet die Ärmsten am meisten für Wasser“, so Mucke.

Naturkatastrophen wie Hurrican Matthew in Haiti 2016 nehmen drastisch zu (Foto: Jürgen Schübelin)
Naturkatastrophen wie Hurrican Matthew in Haiti 2016 nehmen drastisch zu (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein wesentlicher Bestandteil des Berichts ist der jährliche WeltRisikoIndex, der seit 2018 vom IFHV berechnet wird. Er gibt für 180 Länder das Risiko an, dass ein extremes Naturereignis zu einer Katastrophe führt. Damit erfasst er acht Länder mehr als im Vorjahr. Der WeltRisikoIndex berücksichtigt die Gefährdung eines Landes gegenüber extremen Naturereignissen sowie dessen gesellschaftliche Verwundbarkeit.

Die drei Länder mit dem höchsten Katastrophenrisiko sind die tropischen Inselstaaten Vanuatu, Antigua und Barbuda und Tonga. Deutschland liegt mit einem sehr geringen Katastrophenrisiko auf Rang 163. Insgesamt befinden sich die Hotspot-Regionen des Katastrophenrisikos in Ozeanien, Südostasien, Mittelamerika sowie in West- und Zentralafrika. „Erstmals seit 2012 konnten auch neue Daten für die

Gefährdung gegenüber extremen Naturereignissen verwendet werden“, sagt Katrin Radtke, Professorin am IFHV und wissenschaftliche Leiterin des WeltRisikoBerichts. Für Vanuatu und Tonga hat sich die Gefährdung weiter erhöht.

Der WeltRisikoBericht wird seit 2o11 jährlich vom Bündnis Entwicklung Hilft herausgegeben. Der darin enthaltene WeltRisikoIndex wurde gemeinsam mit dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) entwickelt.

Der WeltRisikoBericht wird seit 2o11 jährlich vom Bündnis Entwicklung Hilft herausgegeben. Der darin enthaltene WeltRisikoIndex wurde gemeinsam mit dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) entwickelt. Wasser, ein kostbares Gut (Foto: [...]

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Macht Schule in Pakistan Spaß?

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreicht.

Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: Sparc)
Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: SPARC)

„Hey, Mariam, nimm mich mit, ich möchte auch schaukeln!“ Ayesha und Mariam stürmen aus dem Schulgebäude der Mädchenschule Gheba in Haripur, einer Stadt in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Sie ist eine von 60 pakistanischen Volksschulen, die am Programm „Learning is fun“ (Lernen macht Spaß) teilnehmen. Seit vier Jahren engagiert sich die pakistanische Organisation SPARC (Society for the Protection of the Rights of the Child) im Nordwesten Pakistans, um die Schulsituation an den Volksschulen zu verbessern und eine kinderfreundliche Lernumgebung zu schaffen. „Früher sind wir nicht gerne in die Schule gegangen“, berichten Mariam und Ayesha. „Die Lehrer haben uns angeschrien, der Unterricht war langweilig, und wir hatten kaum Bücher.“

Abwechslungsreicher, kinderfreundlicher Unterricht

Die Situation im Bildungsbereich in Pakistan ist prekär: Nur 41 Prozent der Kinder im Volksschulalter gehen auch tatsächlich in die Schule, Mangel an qualifizierten Lehrern, unzureichendes Lehrmaterial und die Benachteiligung von Mädchen kennzeichnen das Bildungssystem. Durch das Engagement von SPARC haben die Lehrer alternative Lehrmethoden kennengelernt und wissen, dass es auch ohne Gewaltanwendung möglich ist, die Schüler zur Ordnung zu rufen und den Lernstoff zu vermitteln. Schulungen und regelmäßige Beratungen durch die Mitarbeiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation bilden die Grundlage für die Lehrer, ihren Unterricht abwechslungsreicher und kinderfreundlich zu gestalten. Als Hilfestellung wurde etwa ein Zusatzmodul für die Lehrerausbildung entwickelt – es leitet die Pädagogen an, wie sie die Mädchen und Buben verstärkt in die Unterrichtsgestaltung einbinden und das Unterrichtsklima verbessern können. Auch kreative Ideen und Anregungen zur Gestaltung einzelner Unterrichtsstunden werden vermittelt. „Anfangs war es sehr ungewohnt, dass wir Kinder das Material für den Unterricht selbst mitgestalten können“, erläutert Mariam. „Manchmal spielen wir auch Theater und machen Sketche, um Dinge zu lernen und besser zu verstehen.“

Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor
Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor

Zur Verbesserung der Schulsituation ist auch eine entsprechende Infrastruktur erforderlich. So hat SPARC alle 60 Projektschulen besucht und aufgelistet, was bei der Ausstattung noch fehlt. Nach drei Jahren verfügen nun alle Schulen über eine ausreichende Anzahl an Tischen und Bänken, die Klassenräume sind mit Material ausgestattet. Zeichenfiguren lachen die Schüler von den gestrichenen Wänden an. Es stehen Trinkwasser und Toiletten zur Verfügung. Das Größte für die Kinder aber ist der Schulhof: Wippe, Schaukel und andere Kleingeräte machen die Pausen zum Highlight der Schultage.

Herausforderung „Gewaltfreies Unterrichtsmodel“

Auch für die Lehrer war die Umstellung anfangs eine Herausforderung, wie die Programm-Koordinatorin Asiya Arif berichtet. „Insbesondere den älteren Lehrern ist es schwergefallen, sich auf diese Veränderungen einzulassen. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie sie Kinder erziehen sollen, ohne ihnen zu drohen und sie auch gelegentlich zu schlagen.“ Inzwischen wird das gewaltfreie Unterrichtsmodell gut angenommen und kommt auch bei den Eltern gut an. In Eltern-Lehrer-Komitees unterstützen sie die Lehrer und engagieren sich in der Schule. Dazu gehört auch der Umgang mit Beschwerden. Gesammelt werden diese in jeder Schule in einer Beschwerde-Box, die zentral im Schulgebäude angebracht ist. Sie wird regelmäßig geleert, und die Fälle werden vom Komitee diskutiert. Lehrer, Eltern und Schüler sprechen anschließend über Maßnahmen, die zur Verbesserung der Situation führen sollen.
Kommt es zu Meldungen über die Verletzung von Kinderrechten, hilft SPARC bei der Aufklärung, unterstützt das Opfer und dessen Familie und leistet Rechtsbeihilfe. Durch die Schulungen der Lehrer ist die Zahl der Gewaltanwendungen in den Projektschulen erfreulicherweise rückläufig, wie die soeben durchgeführte Evaluierung des Projektes bestätigt. Lehrer jedoch, die noch nicht mit dem neuen Unterrichtsmodell vertraut sind, neigen weiterhin dazu, Gewalt anzuwenden.

Der Erfolg gibt ihnen Recht

Pakistan: Schule macht Spaß! (Foto: Sparc)
Pakistan: „Lernen macht Spaß“ (Foto: SPARC)

Es hat sich unter den Eltern herumgesprochen, dass die 60 Schulen in den Distrikten Haripur und Abbottabad kinderfreundlicher geworden sind. Dies wird vor allem auch deutlich an der Steigerung der Einschulungsquoten um durchschnittlich zehn bis 30 Prozent im Vergleich zum Projektbeginn vor vier Jahren. Davon profitieren insbesondere die Mädchen. 2017 wurden mit 1.248 Schülerinnen fünfmal so viele Mädchen eingeschult wie 2014 mit 256 Einschulungen. Das Projekt „Lernen macht Spaß“ leistet so einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildungssituation in der politisch instabilen Region, und die gute Kooperation des pakistanischen Partners der Kindernothilfe mit den regionalen Bildungsministerien stellt auch nach dem Ende des Projektes seine Nachhaltigkeit sicher.

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreich[...]

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