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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

2. März 2021

Kinderehe: Frühverheiratung nimmt Mädchen die Zukunft

Jährlich werden weltweit 12 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Diese Kinderehen haben oft mit Armut und Hunger zu tun – eine verheiratete Tochter bedeutet eine Esserin weniger im elterlichen Haushalt. Oft spielen aber auch Traditionen eine Rolle. Fakt ist, dass sie schädlich für Mädchen und junge Frauen sind. Die Frühverheiratung verhindert ihre persönliche Entwicklung und verletzt ihre Grundrechte auf Bildung, Gesundheit und Sicherheit.

Eine Eheschließung gilt als Kinderehe, sobald einer der beiden Partner noch nicht 18 Jahre alt ist. Dies ist problematisch, weil Minderjährige oft noch nicht die nötige körperliche und emotionale Reife besitzen. In vielen Ländern ist die Eheschließung mit Minderjährigen deshalb illegal. Außerdem werden Mädchen oft dazu gedrängt oder gar gezwungen, früh zu heiraten, Kinderehen sind also oft eine Form der Zwangsheirat. Häufig müssen junge Mädchen zudem viel ältere Männer heiraten und erleiden so ein abruptes Ende ihrer Kindheit. Das kann  verheerende Auswirkungen auf ihr körperliches und psychisches Wohlergehen haben. Weil Frühverheiratung die Gesundheit von Minderjährigen gefährdet und oft durchgesetzt wird, ohne die Betroffenen zu fragen, handelt es sich um eine schwere Form der Kinderrechtsverletzung.

23 Kinderehen pro Minute

Jährlich werden auch heute noch rund 12 Mio. minderjährige Mädchen verheiratet – das sind 23 Kinderehen pro Minute! Anders als oft unterstellt betrifft das nicht vordergründig muslimisch geprägte Länder. Kinderehen gibt es überall auf der Welt. Das Problem zieht sich durch die verschiedensten Länder, Kulturen, ethnischen Gruppierungen und Religionen. Besonders stark betroffen sind die Länder südlich der Sahara und Südasien. Bangladesch etwa zählt zu den Ländern mit der höchsten Heiratsrate von minderjährigen Mädchen. Laut einer UNICEF-Studie werden 59 % von ihnen unter 18 und fast 22 % sogar unter 15 Jahren verheiratet. Weltweit ist jedes fünfte Mädchen vor seinem 18. Geburtstag eine Ehe eingegangen – dieses Schicksal teilen mittlerweile insgesamt 650 Mio. Mädchen und junge Frauen!

Viele junge Mütter müssen sich um Haushalt und Kinder kümmern und können ihre Bildung nicht fortsetzen, wie Thelma in Guatemala. (© Jakob Studnar)
Viele junge Mütter müssen sich um Haushalt und Kinder kümmern und können ihre Bildung nicht fortsetzen, wie Thelma in Guatemala. (© Jakob Studnar)

Ursachen von Frühverheiratung

Viele Familien verheiraten ihre jungen Töchter aus großer Not heraus, etwa weil die Familie in extremer Armut lebt. Oft ist einfach nicht genug da, um alle Kinder satt zu bekommen. Auch fehlende Aufklärung und unzureichender gesetzlicher Schutz junger Mädchen spielen eine Rolle. So wollen viele Familien ihre Töchter vor sexueller Belästigung schützen. Sie nehmen an, dass die Mädchen durch eine Heirat in Sicherheit sind. Natürlich steht Frühverheiratung auch im Zusammenhang mit sozialen und kulturellen Gepflogenheiten, herabsetzenden Rollenbildern und Bevormundung. In Gegenden, wo Mädchen üblicherweise früh verheiratet werden, lastet ein großer gesellschaftlicher Druck auf den Familien, selbst wenn sie ihre Töchter eigentlich noch für zu jung halten. Umgekehrt haftet nicht verheirateten älteren Mädchen schnell der Ruf an, unfruchtbar und nicht heiratsfähig zu sein.

Im Young Voices National Report wird noch ein anderer Grund hervorgehoben. Der Bericht wurde im Jahr 2020 in Indien erstellt. Er behandelt die Frage, ob das legale Heiratsalter angehoben werden sollte. Mit 28 Prozent landeten begrenzte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten unter den 2.500 befragten Jugendlichen auf Platz Eins der Gründe für Frühverheiratung. Auch die Angst der Eltern, ihre Töchter könnten eine unangemessene Liebesbeziehung eingehen, spielten eine Rolle, ebenso wie die sexuelle Belästigung von Mädchen in der Öffentlichkeit.

Der Bericht schildert deutlich, dass Mädchen oft glauben, sie hätten keine andere Wahl. Sie nehmen sich selbst als Belastung für ihre Familie war. Fehlende Bildungschancen, keine Aussicht auf Arbeit und die systematische Zurücksetzung von Frauen und Mädchen treiben sie in die frühzeitige Heirat. Außerdem beklagen die Mädchen, dass sie keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und sexueller Aufklärung haben. Das führt zu vielen ungewollten Schwangerschaften. Wird ein unverheiratetes Mädchen von ihrem Freund schwanger, dann werden die Jugendlichen von allen Seiten zur Heirat gedrängt. Den jungen Männern droht sogar eine Strafanzeige.

Folgen für die jungen Ehefrauen

Frühverheiratung kann verheerende Auswirkungen auf die jungen Mädchen haben. Häufig sind sie für den Rest ihres Lebens finanziell von ihrem Ehepartner abhängig. Nach der Eheschließung wird meist schnell Nachwuchs erwartet. Eine frühzeitige Schwangerschaft geht jedoch mit einem hohen Gesundheitsrisiko für die junge Mutter und das Neugeborene einher.

Zudem brechen die Mädchen oft die Schule ab und kehren danach nur sehr selten zurück. Von ihnen wird vielmehr erwartet, den Haushalt zu machen und die Bedürfnisse ihrer Ehemänner zu befriedigen. Sexueller Missbrauch und Gewalt sind weit verbreitet. Nicht selten stehen Kinderehen auch im Zusammenhang mit weiteren gesundheitlichen Folgen für die Mädchen. Sie stecken sich zum Beispiel mit schweren Krankheiten wie HIV/Aids an oder leiden an psychischen Erkrankungen.

Die junge Afar-Nomadin in Äthiopien ist Opfer einer verheerenden Dürreperiode geworden und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Klimawandel ist hier deutlich zu spüren und wirkt sich auch negativ auf die Frühverheiratung aus.
Die junge Afar-Nomadin in Äthiopien ist Opfer einer verheerenden Dürreperiode geworden und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Klimawandel ist hier deutlich zu spüren und wirkt sich auch negativ auf die Frühverheiratung aus.

COVID-19 und der Klimawandel verschärfen das Problem

Kinderehen sind in den letzten zehn Jahren weltweit zurückgegangen. Doch der Trend könnte sich  durch die großen globalen Krisen in Zukunft umkehren. Wegen des Klimawandels treten zum Beispiel mehr Extremwetterereignisse wie Dürreperioden und Flutkatastrophen auf. Sie gefährden die Ernährungssicherheit und verstärken die finanziellen Nöte vieler Familien noch zusätzlich.

Im östlichen Afrika zum Beispiel kommt es vor, dass Familien ihre Töchter gegen Ziegen tauschen, um die Existenz zu sichern. Ähnliches trifft auf Familien in Konflikt- und Kriegsregionen zu sowie auf Bevölkerungsgruppen, die von Flucht und Vertreibung betroffen sind. Auch hier ist die Not oft so groß, dass sich die Eltern gezwungen sehen, ihre Töchter möglichst früh zu verheiraten.

Die weltweite COVID-19-Pandemie droht die Lage der betroffenen Mädchen zusätzlich zu verschlimmern. Bedrohlich ist nicht nur das Virus selbst, sondern auch Gegenmaßnahmen wie monatelange Schulschließungen. Untersuchungen in Bangladesch zeigen, dass die Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht vor allem Kinder und Jugendliche in ärmeren, ländlichen Gebieten benachteiligt. Oft fehlen die nötige technische Ausstattung und der Internetzugang.

Besonders Mädchen sind betroffen, weil sie im Gegensatz zu ihren Brüdern weniger Freizügigkeit genießen. Sie sitzen zu Hause, langweilen sich und verlieren jede Zukunftsperspektive. Den einzigen Ausweg sehen sie in einer frühen Heirat. Unter diesen Umständen sind es sogar mitunter sogar die Mädchen selbst, die eine Heirat anstreben – Tendenz steigend. Diese verheerende Entwicklung stellt uns alle vor neue globale Herausforderungen. Die Zukunftsaussichten und Entfaltungsmöglichkeiten von Mädchen weltweit sind dabei, sich zu verschlechtern.

Durch COVID-19 erhöhen sich auch die Risiken für junge Frauen in der Ehe. Die Ehemänner haben oft ihre Arbeit verloren oder müssen wegen des Lockdowns tagsüber zu Hause bleiben. Die finanziellen Probleme sorgen für Spannungen und Konflikte im familiären Umfeld und führen leicht zu häuslicher und sexualisierter Gewalt.

Das Problem bei der Wurzel packen

Im „Young Voices National Report“ aus Indien betonen die befragten Jugendlichen, dass es nicht hilft, einfach das gesetzliche Heiratsalter anzuheben, solange sich nicht auch die gesellschaftlichen und kulturellen Normen ändern. Auch weisen sie darauf hin, dass Heirat nicht die einzige Möglichkeit ist, um Mädchen in der Gesellschaft zu schützen und abzusichern. So meint die jugendliche Aktivistin Uttar Pradesh: „Mädchen können ohne Ehe glücklich sein. Sie können auf eigenen Füßen stehen und trotzdem sicher und glücklich leben.“

Als zentrales Element in der Bekämpfung von Kinderehen sehen sie bessere und bezahlbare Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Mädchen brauchen Anreize, damit sie die Schule nicht abbrechen und frühzeitig heiraten. Die Ungleichheit der Geschlechter muss abgebaut werden – Mädchen brauchen eine echte Chance auf Selbstverwirklichung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die junge Inderin Gujarat drückt das so aus: „Wenn man als junger Mensch in der Lage ist, zu träumen, dann wird man hart arbeiten und alles dafür tun. Da darf man auch den Konflikt mit den Eltern nicht scheuen. Aber dafür müssen sich die Jugendlichen über ihre Träume im Klaren sein. Wenn sie die nicht haben, werden sie einfach tun, was die Eltern ihnen sagen, ohne dabei viel über das eigene Leben nachzudenken.“

Die befragten Mädchen fordern außerdem mehr Mitspracherecht, wenn es um ihren Körper, ihre Gesundheit und ihre Sexualität geht. Sie setzen sich für die Bekämpfung von sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit ein und wünschen sich eine echte Gleichstellung im Alltag und Räume für Empowerment.

In Selbsthilfegruppen können sich junge Frauen zusammentun. Sie sind füreinander da und setzen sich gemeinsam für ihre Anliegen ein, wie diese jungen Frauen aus Nepal. (© Christian Nusch)
In Selbsthilfegruppen können sich junge Frauen zusammentun. Sie sind füreinander da und setzen sich gemeinsam für ihre Anliegen ein, wie diese jungen Frauen aus Nepal. (© Christian Nusch)

Initiativen gegen Frühverheiratung

Auch die Initiative Girls not Brides setzt sich dafür ein, dass jedes Mädchen sein eigenes Leben selbstbestimmt gestalten kann. Dahinter steht eine 2011 gegründete globale Vereinigung von mehr als 1.300 zivilgesellschaftlichen Organisationen aus über 100 verschiedenen Ländern. Ihr Ziel ist die vollständige Abschaffung der Kinderehe. Daran arbeiten sie unter anderem mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF, denn auch die Vereinten Nationen streben das Ende der Kinderehe bis 2030 an.

Auch wir kämpfen mit unseren lokalen Partnerorganisationen für eine soziale, wirtschaftliche und politische Stärkung von Mädchen und Frauen. Dank der Organisation in Selbsthilfegruppen sind sie in der Lage, sich auszutauschen und ihrer gemeinsamen Stimme Gehör zu verschaffen: gegen Frühverheiratung und für ein selbstbestimmtes Leben mit echten Zukunftsperspektiven.

Jährlich werden weltweit 12 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Diese Kinderehen haben oft mit Armut und Hunger zu tun – eine verheiratete Tochter bedeutet eine Esserin weniger im elterlichen Haushalt. Oft spielen aber auch Traditionen eine Rolle. Fakt ist, dass sie schädlic[...]

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27. Februar 2021

Lasst uns mitreden – Kinderarbeit in den Fokus rücken

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Steinbrüchen oder auf Tabakplantagen. Die Vereinten Nationen haben daher 2021 zum Jahr der Abschaffung der Kinderarbeit ausgerufen. Das ist gut! Noch besser ist es, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen mitreden dürfen. Die Kampagnen „Time to Talk“ und „Dialogue Works“ stellen deshalb Partizipation in den Mittelpunkt.

Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.
Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.

Kinder und Jugendliche sollen bei allen gesellschaftlichen und politischen Themen, die sie betreffen, Mitspracherecht haben. Das sagt Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention. Tatsache jedoch ist, dass gerade besonders gefährdete Gruppen – etwa arbeitende Kinder und Jugendliche – dieses Recht oft nicht in Anspruch nehmen können. Schon 2016 startete deshalb die Kindernothilfe gemeinsam mit der deutschen Sektion von „terre des hommes“ die internationale Kampagne It´s Time to Talk! – Children’s Views on Children’s Work“, die 26 lokale Kinderkomitees in 19 Ländern bei ihren Aktivitäten und Veranstaltungen zur Verwirklichung ihrer Rechte unterstützt.

Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.
Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.

Vier Jahre lang diskutierten Kinder und Jugendliche über Bedingungen, Probleme und Perspektiven von Kinderarbeit. Mit gemeinsam entwickelten Empfehlungen für politische Programme und Strategien wandten sie sich an Entscheidungstragende und klärten die Öffentlichkeit über die ihnen zustehenden Rechte auf. Die im Juli 2020 beendete Kampagne markiert mit ihrem innovativen Ansatz einen großen Schritt auf dem Weg zur Stärkung des Rechts auf Teilhabe.

Positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen

Aber nicht nur auf der politischen Ebene konnte die Kampagne „Time to Talk“ wichtige Ziele erreichen. Auch im Leben der einzelnen Komitee-Mitglieder hat sich vieles verändert. Eine globale Evaluation des Projekts wies eindeutig nach, dass sich die Möglichkeiten sinnvoller Partizipation positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken. Auch vermittelte die Teilnahme an den Kinderkomitee-Treffen den Beteiligten fundiertes Wissen über Rechte wie Kinderschutz oder Bildung.

Damit konnte einmal mehr verdeutlicht werden, dass Partizipation grundlegend ist. Sie öffnet Kindern und Jugendlichen die Augen dafür, wie sie sich wirksam für ihre Interessen einsetzen und welche politischen und demokratischen Prozesse sie nutzen können. Aktive Beteiligung stärkt außerdem das Selbstbewusstsein und den Mut, Themen anzusprechen und Forderungen zu stellen, die Kinder und Jugendlichen selbst wichtig sind. Kommunikationsfähigkeiten werden gefördert, um sich gegenüber anderen, auch Erwachsenen, auszudrücken und für eigene Bedürfnisse einzustehen. Nicht zuletzt unterstützt Teilhabe die Fähigkeit, sich der eigenen Situation bewusst zu werden und für die Zukunft und spätere Herausforderungen gewappnet zu sein.

AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt
AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt

Dialogue Works – die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig stärken

Im Oktober 2020 startete quasi als Nachgfolge die internationale Kampagne Dialogue Works/Dialog wirkt – Die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig in gesellschaftlichen und politischen Prozessen verankern. Die Kampagne basiert auf den Ergebnissen und Empfehlungen des Vorgängerprojekts „Time to Talk“ und knüpft an die Erfolge und Lernerfahrungen an. Überdies ist sie eine Reaktion auf die COVID-19-Pandemie, die Kinderarbeit und ausbeuterische Verhältnisse zusätzlich begünstigt.

Mit der neuen Kampagne werden weltweit rund 30 Kinderkomitees gestärkt, deren Mitglieder ihre Erfahrungen mit Kinderarbeit in der Gruppe teilen und dadurch voneinander lernen. Indem sie ihre Rechte und Bedürfnisse gegenüber Politik und Gesellschaft einfordern, entsteht ein globaler Austausch zwischen arbeitenden Kindern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Entscheidungstragenden. Erst dieser Austausch ermöglicht politische Maßnahmen und Eingriffe, die nachhaltig zur Verbesserung der Lebensumstände arbeitender Kinder beitragen.

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Stei[...]

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25. Februar 2021

Wie der Junge Tongo und der Löwe Simba Freunde wurden

In jedem Land der Erde erzählen Großmütter ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten – sei es in einer Berghütte am warmen Kachelofen, auf einem gemütlichen Sofa in einer Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses in einer Groß­stadt oder auf einer Terrasse am Meer, wo sich die Geschichten mit dem Rauschen der Wellen vereinen … oder aber auch an einem Lagerfeuer im Hoch­land in Afrika, wenn die untergehende Sonne den Himmel tieforange färbt und die Akazien und Dornensträucher lange Schatten auf den trockenen Boden der Savanne werfen.

Unsere Geschichte führt uns in ein Kikuyu-Dorf in Kenia. Nach getaner Tagesarbeit sammeln sich die Kinder und ihre Familien im Schein des abendlichen Feuers, wo – wie jeden Abend – die Großmütter ihre Geschichten erzählen, die von Generation zu Gene­ration weitergegeben werden. Sie handeln oft von Tieren, die sich gegenseitig überlisten, die andere Gestalten annehmen, von Furcht einflößen-den Ungeheuern oder auch von Begegnungen zwischen Menschen und Tieren. Dann beginnt die Älteste der Großmütter mit dem Hinweis: „Ich meine nicht wirklich …, ich meine nicht wirklich, dass das, was ich jetzt erzählen werde, auch wahr ist, aber es könnte sich doch so zugetragen haben …“

Nach einer Erzählung von Nelson Mandela

Vor langer Zeit lebte hier in der Nähe ein Löwe namens Simba. Er hatte sich einen dicken, langen Dorn des Dornenstrauches so tief in seine Tatze getreten, dass er nicht mehr laufen und sich auch nichts mehr zu fressen besorgen konnte. Schnell sprach sich diese Neuigkeit bei den Tieren der Savanne herum. Auch Kandulu, der listige Hase, und die feige Hyäne Nyangau hörten davon und machten sich auf den Weg zu seiner Höhle.


Jeder der beiden dachte aller­dings für sich: „Wenn ich ihm helfe, könnte ich viel­leicht sein Freund werden, und es ist gut, so einen starken Gesellen als Freund zu haben“ – aber gleich­zeitig überlegten sie auch, wie sie den anderen am besten mit einer List ausstechen könnten. Kandulu, der Mutigere der beiden, schaute vorsichtig in die Höhle des Löwen hinein. Jämmerlich lag Simba auf seinem Lagerplatz. Er hatte starke Schmerzen, aber noch schlimmer war sein unbändiger Hunger. Sein Magen knurrte so laut, dass man es schon von Weitem hören konnte.
Noch etwas ängstlich fragte Kandulu den Löwen vom Eingang der Höhle her: „Du armer Simba, wie kann ich dir helfen?“
Der antwortete schwach: „Bring mir etwas zu essen, ich habe entsetzlichen Hunger, und der Dorn in meinem Fuß tut sooo weh!“
Der Hase machte sich gleich auf, um etwas Essen für den Löwen zu besorgen. Eigentlich sind Hasen ja Pflanzenfresser, aber er wusste, dass ausgewachsene Löwen wie Simba reichlich frisches Fleisch benötigen, um wieder zu Kräften zu kommen. Also machte er sich auf die Jagd und schleppte allerlei Essbares herbei, so viel er nur tragen konnte. Langsam kam Simba wieder zu Kräften, aber die Tatze wollte und wollte nicht heilen.

Die Hyäne Nyangau hatte sich die ganzen Tage im Hintergrund gehalten und alles neidisch aus der Ferne beobachtet. Sie war neidisch auf Kandulu und ärgerte sich, dass die beiden so gut miteinander auskamen. Als der Hase wieder einmal unterwegs war, um etwas Essbares für den Löwen zu holen, schlich sich Nyangau vorsichtig an seine Höhle heran. Sie schnüffelte an den Knochenresten, die Simba von den Mahlzeiten übrig gelassen hatte, und hätte so gern die Knochen weiter abgenagt. Die hatten schon einige Zeit in der Sonne gelegen und rochen daher für sie besonders lecker! Doch Simba fuhr sie an: „Was suchst du hier? Das ist mein Essen gewesen, scher dich weg!“

Aber die gemeine Hyäne winselte: „Lieber Löwe, großer Herrscher der Savanne, warum hast du denn noch immer solche Schmerzen? Kann dir der dumme Hase nicht helfen? Ich kenne das richtige Heilmittel für deine Tatze: eine gute Scheibe Fleisch, die du zwei Tage auf die Wunde legst und danach sogar noch aufessen kannst!“

Gesagt – getan. Die Hyäne machte sich sogleich auf den Weg, um ein gutes Fleischstück zu besorgen. Inzwischen war Kandulu wieder zurück zur Höhle gekommen, allerdings hatte er nur wenig zu fressen gefunden. Außer sich vor Hunger und dem schmer­zenden Dorn in der Wunde brüllte Simba: „Scher dich weg! Du hast mir nicht geholfen! Sei froh, dass ich dich nicht auffresse, obwohl ich riesigen Hunger habe!“ Erschrocken sah Kandulu auf Simbas gewaltige Zähne, machte kehrt und – wie es Hasen so tun – schlug einige Haken und war froh, heil davongekommen zu sein.

Nach einigen Tagen kam die Hyäne zurück mit einem großen Stück Fleisch. Aber feige wie sie und ihre Artgenossen so waren, hatte sie es von einer Antilope abgerissen, die schon einige Tage tot in der Sonne gelegen hatte. Dieses schon verdorbene Fleisch legte sie auf Simbas Wunde. Schon am nächsten Tag schmerzte die Wunde höllisch, und der Löwe schrie: „Was hast du getan, Hyäne? Meine Tatze sieht schlimmer aus als vorher! Die Schmerzen und mein Hunger machen mich rasend!“

Er wollte sich auf die Hyäne stürzen, konnte ihr aber nur einen schmalen Hautstreifen vom Rücken abreißen. Die zurückbleibenden Haare entlang der Wunde sträubten sich auf, aber die Hyäne war froh, dem Löwen entkommen zu sein. Seitdem jedoch haben Nyangau und ihre Artgenossen bis heute lange, borstige Haare, die am Nacken ihres Körpers abstehen.
Jetzt hatte der einst große, starke Löwe niemanden mehr, der ihm helfen könnte. Laut brüllte er seinen Hunger und Schmerz in die Savanne hinein, aber sein Rufen wurde zunehmend schwächer.

In der Nähe der Löwenhöhle lag unser kleines Kikuyu-Dorf. Dort lebte der Junge Tongo mit seiner Familie. Die Kinder wussten, dass in der Umgebung des Dorfes viele wilde Tiere lebten und es gefährlich war, in den Busch hinauszulaufen.

Eines Nachts konnte Tongo nicht schlafen und hörte das jämmerliche Klagen des Löwen in der Ferne. Gleich am nächsten Morgen schlich er sich fort und fand den kranken Simba in seiner Höhle. Simba versuchte sich aufzurichten, aber er war schon zu schwach dazu. Kläglich erzählte er ihm von seinem Hunger und den quälenden Schmerzen, den der Dorn in der Tatze verursachte.

Tongo tat der Löwe sehr leid, und er beschloss, ihm zu helfen! So oft er konnte, brachte er ihm etwas zu fressen, und nach ein paar Tagen erlaubte Simba es ihm, auch den Dorn aus der schmerzenden Tatze zu ziehen, auch wenn es furchtbar wehtat! Langsam fassten sie Vertrauen zueinander, ja sie freundeten sich sogar ein wenig an!
Tongo erzählte ihm von seinem Dorf, seiner Schwester und seinen Freunden – auch Simba berichtete von seiner Löwenfamilie, seiner Frau und den Löwen­jungen. „Warum bringst du nicht einmal deine Schwester mit? Ich würde sie auch gern kennenlernen.“ „Meine Schwester? Die ist doch ein Mädchen, die hilft meiner Mutter und meiner Großmutter im Haus und im Garten, beim Saubermachen und Essenzube­reiten. Dazu arbeitet sie fast jeden Tag nachmittags bei unserer Nachbarin und hilft ihr, Gemüse und Obst auf dem Abendmarkt zu verkaufen.“ Simba ist erstaunt. „Aber meine Kinder essen und spielen immer zusammen, die Mädchen und die Jungen, auch die älteren. Und sie lernen auch die gleichen Dinge, auch die Mädchen lernen, auf die Jagd zu gehen. Bei uns sind alle gleich, die Mädchen und die Jungen. Ist das bei euch Menschen nicht so?“ Tongo überlegt. „Na ja, eigentlich ist das in manchen Familien schon so – aber nicht bei allen. Es wird gesagt, alle Kinder hätten das Recht, in die Schule zu gehen und etwas zu lernen, auch für später. Und sie sollten auch nicht arbeiten müssen. Und Jungen und Mädchen sollten gleich behandelt werden. Aber bei uns ist das nicht so. Meine Schwester muss mitarbeiten, auch wenn sie etwas jünger ist als ich. Ohne das zusätzliche Geld, das sie verdient, könnten wir das Schulgeld nicht bezahlen. Sie hat deswegen schon oft geweint. Ich glaube, sie würde auch gern mit mir in die Schule gehen und etwas lernen, statt arbeiten zu müssen. Du hast recht!“

Nach diesem langen Gespräch ging Tongo nachdenk­lich nach Hause. Am Abend berichtete er seiner Familie von seinen Ausflügen zu Simba, der ihm inzwischen fast so etwas wie ein Freund geworden war. Seine Eltern waren zuerst erschrocken, als sie hörten, wo Tongo in der letzten Zeit immer wieder gewesen war, aber die Worte des Löwen gingen ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht sollten sie doch versuchen, über eine zusätzliche Arbeitsstelle oder einen Verkauf von mehr selbst angebautem Gemüse das Schulgeld auch für ihre Tochter zu verdienen?

Sie hatten schon gehört, dass es in manchen Dörfern Leute gab, die ihnen vielleicht weiterhelfen könnten. Tongos Mutter war fest entschlossen, auch ihrer Tochter den Schulbesuch zu ermöglichen, schließ­lich hatte sie selbst als Mädchen immer davon geträumt, in die Schule gehen zu dürfen. Dafür würde sie sorgen!

Am nächsten Tag durfte Tongo gemeinsam mit seiner Schwester Kayuni zu Simba gehen. Kayuni hatte von ihrer Großmutter eine Mischung aus verschiedenen Kräutern bekommen, die sie auf seine Wunde legte, und sie umwickelte die Tatze mit großen feuchten Blättern. Simba wurde gesund und kam durch die gute Pflege schnell wieder zu Kräften. Er wurde wieder der stolze König der Savanne, sodass er eines Tages wieder die Höhle verließ, um zu seiner Löwenfamilie zurückzukehren – allerdings nicht, ohne Kayuni und Tongo von Herzen zu danken und ihnen zu versichern, dass er sie und ihr Dorf immer vor wilden Tieren schützen würde!

Und so kam es, dass alle im Dorf nachts beruhigt schlafen konnten. Und wenn Tongo oder Kayuni nachts wirklich einmal wieder wach waren, konnten sie das leise Brüllen ihres Freundes hören und wussten dann, dass er auf sie und alle Familien im Dorf gut aufpasste.

In jedem Land der Erde erzählen Großmütter ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten – sei es in einer Berghütte am warmen Kachelofen, auf einem gemütlichen Sofa in einer Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses in einer Groß­stadt oder auf einer Terrasse am Meer, wo sich die Geschichten [...]

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21. Februar 2021

Wer schützt die Kinderrechte in Honduras?

Die Menschenrechtslage im zentralamerikanischen Honduras ist besorgniserregend. Das bescheinigte auch die Überprüfung im jüngsten UPR-Verfahren der Vereinten Nationen. Vor allem die Jüngsten leiden unter den Auswirkungen von Armut, Gewalt und der Verletzung der Kinderrechte. Deshalb hat unser Partner COIPRODEN zusammen mit Kindern und Jugendlichen Empfehlungen erarbeitet, wie die Situation in Honduras verbessert werden kann.

In Honduras ist für die Betroffenen Eines klar: Sie wollen etwas verändern, indem sie sich Gehör verschaffen.
In Honduras ist für die Betroffenen Eines klar: Sie wollen etwas verändern, indem sie sich Gehör verschaffen.

„Als Kind gehe ich nicht allein auf die Straße, weil ich entführt und vergewaltigt werden kann.“ Solche Ängste sind für junge Menschen in Honduras bittere Realität. Denn Morde und Menschenhandel sind an der Tagesordnung. Gerade mit Blick auf die Kinderrechte zeichnet sich ein düsteres Bild: Kinder und Jugendliche sehen oft nur einen Ausweg aus der Armut: den Eintritt in die Maras. Das sind ursprünglich kriminelle Jugendbanden, die vor allem in Mittelamerika operieren, aber auch in den USA aktiv sind.

„Die Kinder, die in die Maras eintreten, haben keine Alternative“, sagt die fünfzehnjährige Maylin. „Für sie gibt es weder Schule noch Arbeit. Sie würden alles tun, um zu überleben.“ Und ein anderes Mädchen fügt hinzu: „Sie werden gezwungen, Drogen zu verkaufen, weil niemand ein Kind verdächtigen würde. Wer nicht mitmacht, setzt das Leben der Eltern und Geschwister aufs Spiel.“

Wo bleiben die Kinderrechte?

Eins ist klar: Die Betroffenen wollen etwas verändern, indem sie sich Gehör verschaffen. Denn Kriminalität und Migration sind keine Zukunftsperspektiven. Wo bleiben da die Kinderrechte? Der Kindernothilfe-Partner COIPRODEN hilft ihnen dabei. Das Netzwerk hat betroffene Kinder und Jugendliche im ganzen Land gefragt, wie sie ihren Alltag und die ständige Bedrohung und Gewalt erleben. Gemeinsam haben sie Empfehlungen und Forderungen erarbeitet, damit die Regierung endlich ihre Rechte anerkennt und schützt.

Wer seine Rechte einfordern will, muss sie erst kennenlernen.
Wer seine Rechte einfordern will, muss sie erst kennenlernen.

Kinder bringen sich ein

Teil der COIPRODEN-Initiative war es, den Kindern den UPR-Prozess zu erklären. So erfahren sie, dass sich die UN-Mitgliedstaaten alle fünf Jahre gegenseitig überprüfen. Ziel des Verfahrens ist es, durch Empfehlungen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation Druck auf die Regierung auszuüben. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen können sich beteiligen und Empfehlungen aussprechen.

Genau dafür hat COIRPDEN die Umfrage unter den Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Ihre schlechten Erfahrungen mit den Kinderrechten machen sie zu Experten für Verbesserungsvorschläge. Die haben sie in einem interaktiven Dialog gesammelt. Zum Schluss haben sie selbst eine UPR-Sitzung (englisch für Universal Periodic Review) nachgespielt und sind dafür zum Beispiel in die Rolle der honduranischen Regierung oder anderer UN-Mitgliedsstaaten geschlüpft.

UPR-Verfahren in einem UN-Sitzungssaal in Genf
UPR-Verfahren in einem UN-Sitzungssaal in Genf

Gewalt trifft besonders Minderjährige

„In dem Viertel, in dem ich wohne, haben sie einige Nachbarn getötet, nur weil sie der dort herrschenden Mara nicht beigetreten sind“, erinnert sich eines der teilnehmenden Kinder. Die straff organisierten Gangs verüben Morde, handeln mit Menschen, Waffen und Drogen, betreiben Prostitution und Autoschieberei und bedienen sich dabei vor allem Minderjähriger.

Von den 3.733 Mordfällen, die Honduras für das Jahr 2018 verzeichnet, treffen 51,5 Prozent Kinder und Jugendliche. 2019 wurden jeden Monat 14 Personen Opfer von Menschenhandel, die meisten von ihnen waren zwischen 14 und 16 Jahren alt. Die Aufklärungsrate ist erschreckend gering – 2018 etwa erreichte sie nicht einmal ein Viertel. Solche Zahlen schüren Angst und werfen ein Schlaglicht auf die fortwährende Verletzung der Menschen- und Kinderrechte.

Kinder und Jugendliche sind der Gewalt in Honduras in besonderem Maße ausgesetzt.
Kinder und Jugendliche sind der Gewalt in Honduras in besonderem Maße ausgesetzt.

„Wächter des Vaterlands“

Armut, fehlende Bildung, Chancenlosigkeit und die Gewalt der Maras – das alles führt dazu, dass sich ganze Familien, aber auch unbegleitete Minderjährige gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. Statt den Problemen mit dem Ausbau von Schulen oder Sozialprogrammen zu begegnen, treibt die Regierung eine Initiative zur Werteerziehung voran, das den Namen „Wächter des Vaterlandes“ trägt. Es fördert die Militarisierung von Kindesbeinen an und verstößt gegen zahlreiche Kinderrechte. „Die Menschen gehen weg, weil es in anderen Ländern bessere Möglichkeiten gibt als in Honduras“, erklärt Maylin. Deshalb hält sie es für so wichtig, die Lebensbedingungen zu verbessern, auch und gerade für Kinder und Jugendliche.

Bildung ist der Schlüssel

Eine gute Schulbildung ist zentral für den Ausbau und Schutz der Kinderrechte in Honduras. 2018 besuchten gerade einmal 53,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine Schule. Und selbst die haben es oft mit schlecht ausgebildeten Lehrern zu tun.

„Schafft die Verwendung von Uniformen in Schulen ab und stattet sie mit Büchern und Schreibtischen aus!“, fordern die Teilnehmer der COIPRODEN-Initiative. Und: Bildung für alle muss kostenfrei und allgemein zugänglich sein, und es muss allen Schülern möglich sein, in Ruhe zu arbeiten und zu lernen. Denn je früher Kinder begreifen, dass sie eine Stimme haben, die zählt, desto besser können sie ihre Kinderrechte verteidigen und gegen Rechtsverletzungen vorgehen – so wie Maylin und die anderen, die COIPRODEN so erfolgreich für das heutige UPR-Verfahren aktiviert hat.

Kinder halten Spielzeugpistolen in die Höhe: Übung zur Gewaltprävention in einer Grundschule in Tegucigalpa. Kinderrechte kommen hier meist zu kurz.
Übung zur Gewaltprävention in einer Grundschule in Tegucigalpa. Gemeinsam lernen die Kinder, dass Gewalt und Waffen keine Lösung sind. Am Ende tauschen sie ihre Spielzeugwaffen gegen ein Schul-Kit ein.

Die Menschenrechtslage im zentralamerikanischen Honduras ist besorgniserregend. Das bescheinigte auch die Überprüfung im jüngsten UPR-Verfahren der Vereinten Nationen. Vor allem die Jüngsten leiden unter den Auswirkungen von Armut, Gewalt und der Verletzung der Kinderrechte. Deshalb hat unser Pa[...]

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17. Februar 2021

Kinderrechte – verschwiegen, ignoriert, missachtet

Seit zehn Jahren gibt es das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern. Allerdings hapert es immer noch an der Umsetzung – und Recht wird oft mit Moral oder Betroffenheit verwechselt. Regierung, Parlament und Rechtsprechung müssen sich endlich mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen, fordern Kinderrechtsorganisationen.

Die Abschiebung von Minderjährigen rückte Kinderrechte in den Mittelpunkt. Im Regierungsprogramm ist die Evaluierung des Verfassungsgesetzes verankert. Passiert ist aber wenig. (Foto: Getty Images)
Die Abschiebung von Minderjährigen rückte Kinderrechte in den Mittelpunkt. Im Regierungsprogramm ist die Evaluierung des Verfassungsgesetzes verankert. Passiert ist aber wenig. (Foto: Getty Images)

Der „Präsident schwächelt. In der Abschiebe-Causa hat sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen exponiert, und zwar für die Kinder. Fazit: Im aktuellen Politbarometer rutscht er um vier Punkte auf 20 Prozent ab“, heißt es in einer Österreich-Umfrage. Was genau hat das Staatsoberhaupt in der Beliebtheit bei der Bevölkerung sinken lassen? Er hatte sich doch „für die Kinder“ starkgemacht. In seiner Videobotschaft sagte er: „Was ist mit den Rechten der Kinder, den Kinderrechten, die gewährleistet sind? Wurden die Kinder ausreichend gehört? […] Und ich appelliere an alle, die hier Verantwortung tragen: Geben wir dem Wohl von Kindern und Jugendlichen Vorrang.“

Van der Bellen hat schlicht und einfach auf das „Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern“ verwiesen, das heute vor zehn Jahren, am 16. Februar 2011, in Kraft getreten ist. Doch nicht wortwörtlich. Er mag das BVG Kinderrechte im Kopf gehabt haben, er, der glühende Verfechter der „Eleganz unserer Verfassung“. Aber er hat das Kind nicht beim Namen genannt. Selbst der Bundespräsident hat „seine klare Haltung“ nicht mit der Verfassung untermauert. Hoch anzurechnen ist ihm aber, dass er als Einziger zumindest den Begriff der Kinderrechte bemüht hat.

Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher und privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein. Jedes Kind hat das Recht auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in allen das Kind betreffenden Angelegenheiten, in einer seinem Alter und seiner Entwicklung entsprechenden Weise.

Aus Artikel 1 und 4, Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern

Unbekanntes Gesetz

Was soll’s? Wen juckt die Verfassung, ist man verführt zu entgegnen. Es hätte einen Unterschied gemacht, doch! Dem Reigen der Entrüstung zu den Abschiebungen von Kindern, aus welchen Gründen auch immer, hätte von Beginn an Wind aus den Segeln genommen werden können. Auf den immer selben Tenor von „Politik und Verwaltung müssen auf Basis der Gesetze agieren!“ hätte reflexartig von allen Menschen besseren Wissens aus Politik und Medien die Klarstellung folgen müssen:

„Ja, richtig, wir leben in einem Rechtsstaat mit Regeln. Nur sind auch die Kinderrechte Teil dieser Regeln, die einzuhalten sind. Noch dazu Verfassungsrecht, also ganz oben im Stufenbau der Rechtsordnung. Und dieser Teil unserer Verfassung wurde hier nicht beachtet, nicht im Asylverfahren und nicht bei der Form der Abschiebung.“ So hat das aber niemand gesagt. Also drehte sich schnell alles nur noch um Begriffe wie Menschlichkeit, Betroffenheit, Moral, Nächstenliebe, Vernunft oder Verhältnismäßigkeit. Dabei ging es um Recht, um das BVG Kinderrechte, das in den vergangenen zehn Jahren seiner Gültigkeit verschwiegen, ignoriert und missachtet wurde. In einem Gespräch mit dem STANDARD hat Verfassungsexperte Heinz Mayer erst kürzlich analysiert, dass vor allem das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern aus dem Jahr 2011 dem Gericht (Anm. dem Bundesverwaltungsgericht) offenbar unbekannt war.

Schell, schnell

Wie kann das sein? Dazu ein Blick in die Historie: Die UN-Kinderrechtskonvention war 1992 im Zuge der Ratifikation vom Nationalrat nicht als Verfassungsgesetz genehmigt worden wie zum Beispiel die Europäische Menschenrechtskonvention. Ihre unmittelbare Anwendbarkeit vor Gericht und Behörden war 19 Jahre lang, von 1992 bis 2011, ausgeschlossen. 2011 schließlich wählten die beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP einen selektiven Ansatz für das BVG Kinderrechte: Ein allgemeiner Anspruch auf Schutz und Fürsorge, Kindeswohl und Partizipation, das Verbot von Kinderarbeit und Gewalt und ein Diskriminierungsverbot von Kindern mit Behinderung schafften es in den Verfassungsrang. Dafür wurde ein weitreichender, der UN-Kinderrechtskonvention nicht entsprechender Gesetzesvorbehalt eingefügt.

Es ging alles schnell, schnell damals. Bedenken wurden vom Tisch gewischt. Also keine Aufnahme von sozialen Rechten bezüglich Armutsbekämpfung, Gesundheit, Freizeit und Spiel. Was sich aber schon 2011 als besonders problematisch abzeichnete, war das Fehlen von wirksamen Garantien zur effektiven, an den Bedürfnissen von Kindern orientierten Umsetzung und Geltendmachung der Kinderrechte. Schulungen von Richtern und Richterinnen zum BVG Kinderrechte? Fehlanzeige. Wurden in den vergangenen zehn Jahren Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit dem BVG Kinderrechte explizit geprüft? Keine Antwort. Auch zur „Evaluierung des Grundrechtsschutzes im BVG Kinderrechte“ aus dem Regierungsprogramm 2020–2024 hat niemand bisher öffentlich aufgezeigt. Bleiben ja noch drei Jahre.

Unbeliebtes Thema

Zehn Jahre BVG Kinderrechte, und niemand in der Regierung brannte je für Kinderrechte. So wurde Anfang des Jahres zum Nachfolger einer scheidenden Ministerin für Arbeit, Familie und Jugend ein Ökonom bestellt – und die übrig gebliebenen Agenden wurden dem Frauen- und Integrationsressort zugeschoben. Wie es jungen Menschen geht, was sie belastet, was sie brauchen, wie sie ticken, Stichwort Recht auf Mitbestimmung – wer schert sich darum? Erst Hilferufe zur belasteten psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise müssen die Regierung wachrütteln, dass sie sich den Schulöffnungen widmet.

Nein, es ist nicht der Präsident, der schwächelt. Es schwächeln vielmehr alle in Regierung, Parlament und Rechtsprechung, die sich nicht endlich umfassend mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen.

Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez, Koordinatorin des Netzwerkes Kinderrechte, einer Plattform von 45 österreichischen Organisationen, die sich für die Umsetzung und Einhaltung der UN-Kinderrechtskonvention einsetzt.

Seit zehn Jahren gibt es das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern. Allerdings hapert es immer noch an der Umsetzung – und Recht wird oft mit Moral oder Betroffenheit verwechselt. Regierung, Parlament und Rechtsprechung müssen sich endlich mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen[...]

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