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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Kältewelle in den Andendörfer in Peru

Während Europa in den Sommermonaten eine extreme Hitzeperiode erlebte, litten ganze Andenregionen unter einem ungewöhnlich harten Winter – und hatten kaum Möglichkeiten, sich vor den wochenlangen Eisestemperaturen zu schützen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige. Die Folgen: Erkrankungen, fehlende Medikamente, Schulausfall. Wie immer leiden besonders die Kinder unter der Kälte.

 

Die Kältewelle in den peruanischen Hochanden stellt die Bauern vor existentielle Probleme. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Rund 3.500 Meter hoch liegen die Dörfer der Gemeinden Pampachiri, San Miguel de Chaccrampa und Tumay Huaraca in der peruanischen Hochandenprovinz Andahuaylas. Die Menschen dort sind niedrige Temperaturen gewohnt. Doch in diesem Winter fiel das Thermometer über Wochen auf bis zu minus acht Grad. Besonders nachts und in den frühen Morgenstunden war es klirrend kalt.

 

Die Witterung verschärft die Armut, in der die Bauernfamilien leben. Gerade unter Klein- und Grundschulkindern sind Mangelernährung und Blutarmut weit verbreitet. Derart geschwächt, hatten sie den Minustemperaturen wenig entgegenzusetzen. Dazu kommt, dass es in vielen Familien schlicht an warmer Kleidung fehlt. Auch bieten die Hütten und Behausungen mit ihren Strohdächern und Mauern aus Stein und Lehm keinen ausreichenden Schutz vor der Kälte. Öfen gibt es keine, allenfalls Feuerstellen zum Kochen. Die Schulräume sind ebenfalls ungeheizt.

Die Kältewelle hat zu einer massiven Zunahme von schweren Erkrankungen bei Kleinkindern geführt, bis hin zu Lungenentzündungen. Das ist umso gefährlicher, als die Gesundheitsversorgung in der Region zu wünschen übrig lässt. Angesichts dessen hat sich unser Partner „Paz y Esperanza“ entschieden, eine Humanitäre-Hilfe-Aktion im Umfang von knapp 10.000 Euro zu starten, bei der es darum geht, besonders die Kinder der betroffenen Gemeinden mit warmer Kleidung, Schuhen, aber auch mit Medikamenten und proteinreichen Lebensmitteln zu versorgen.

Öfen gibt es in den einfachen Behausungen keine, allenfalls Feuerstellen zum Kochen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Diese Maßnahmen sind bereits angelaufen. Zusätzlich ist vorgesehen, mit den lokalen und regionalen Behörden einen Plan zur dauerhaften Ernährungssicherung zu entwickeln. Erneuerbare Energien und natürlichen Ressourcen sollen dabei helfen, die Felder der Bauern unter anderem vor Frost- und Hagelschäden zu schützen.

Während Europa in den Sommermonaten eine extreme Hitzeperiode erlebte, litten ganze Andenregionen unter einem ungewöhnlich harten Winter – und hatten kaum Möglichkeiten, sich vor den wochenlangen Eisestemperaturen zu schützen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige. Die Folgen: Erkrankungen, fehlende [...]

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8. September 2018

Nicht mit uns! Mittelamerikanische Musikerinnen wehren sich gegen den Machismo (Teil 1)

In Guatemala sind frauenverachtende Politik und sexualisierte Gewalt „normal“. Doch immer mehr Frauen wehren sich, darunter Künstlerinnen, die sich mit ihrer Musik humorvoll und mitreißend dagegen auflehnen.

Frauen gegen Machismo (Marcela Lara)

Guatemala City. Ein kleines Café in einer der touristischen Ausgehzonen der guatemaltekischen Hauptstadt. An einem der Tische breitet sich eine junge Frau aus, blumig-gepunktetes Shirt, rundes Gesicht, Piercings an den Lippen, große auffällige Brille. Rebeca Eunice Vargas, Jahrgang 1984. Eine guatemaltekische Rapperin, bekannt unter dem Namen Rebeca Lane. Mehrere Termine hat sie an diesem Tag im Café verabredet. Zu Hause bei ihr ist dafür kein Platz, und sie hat weder ein eigenes Büro noch Studio.

Rebeca Lane lebt zusammen mit ihrem Mann Zaki und ihren zwei Katzen in einer Mietwohnung in einem Hinterhaus ein paar Straßenblöcke vom Zentralplatz Guatemala Citys entfernt. Der lange schlaksige Zaki ist ebenfalls Rapper und kommt aus dem Nachbarland El Salvador.

Am Morgen danach verabschieden sich Rebeca und Zaki von ihren Katzen und packen einen Stapel gerahmter Familienfotos ins Auto. Die Reise beginnt, Ziel ist die Bergstadt Quetzaltenango. Dort will Rebeca mit einem Frauenfilmkollektiv ihren nächsten Videoclip zum Song Alma Mestiza produzieren. Am Stadtrand steigen die Stylisten Danilo und Jefersson dazu. Das Auto ist völlig überfüllt und auch die Straßen. Die vier stört das nicht. Sie unterhalten sich angeregt über die kommenden Dreharbeiten, über Banalitäten und Weltpolitik. Noch am Abend treffen sie die Produzentinnen des Clips und beginnen im Innenhof mit einer Einstimmung auf den gemeinsamen Produktionsprozess mit Elementen aus Zeremonien der Mayakulturen. Quetzaltenango gehört zu den Städten mit überwiegend indigener Bevölkerung.

Am nächsten Tag beginnt die Produktion. Mehr als zehn Frauen und Mädchen sind mit am Set, werden im Clip auftreten. Danilo und Jeferson schminken im Innenhof erst aufwändig Rebeca, danach alle weiteren Frauen. Unter ihnen ist Alejandra Zapata, eine der Tänzerinnen im Videodreh. Alle Frauen werden zur Probeaufstellung in den Aufnahmeraum gebeten. Ein farbenfroh gestaltetes Wandbild ist dort als Filmkulisse gemalt in dessen Zentrum eine Gesichtshälfte von Rebeca mit der Hälfte eines Pumas zusammenfließt. Die älteste Darstellerin, eine Mayafrau, stellt überall Kerzen auf und lädt zu einer weiteren Zeremonie ein. Dieses Mal hinter verschlossener Tür nur für direkt am Dreh Beteiligte. Zaki und die Stylisten bleiben im Innenhof.

Alma Mestiza, die Mestizen Seele, so heißt das Stück, für das der Videoclip gedreht wird. Ein Stück, in dem sich Rebeca auf die Anteile ihrer indigenen Herkunft besinnt, und über indigene kulturelle, spirituelle Weltanschauungen reflektiert und sich in dieser Vielfalt einzuordnen sucht. Damit stellt sie sich dem Rassismus der Mehrheitsbevölkerung gegen die Menschen indigener Herkunft entgegen.

In der Drehpause debattieren einige der Frauen über die beeinflussende Kraft der Musik auf das alltägliche Leben. Alejandra macht die mittelamerikanische Mainstreammusik für die in der Gesellschaft vorhandene frauenverachtende Grundhaltung mitverantwortlich.

Este cuerpo es mio – Mein Körper gehört mir

Rebeca Lane (Foto: USC Visions&Voices)

„Estos ojos son míos – este cuerpo es mío – esta vida es mía – ni tus golpes ni tus palabras me lastiman. Este vientre es mío – estos pies son míos – esta boca es mía – ni tus golpes ni tus palabras me lastiman.“ (Das sind meine Augen, ist mein Körper, ist mein Leben. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich. Es ist mein Bauch, sind meine Füße, ist mein Mund. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich.)

Rebeca Lane: Mein Körper gehört mir hab ich geschrieben, weil ich zwei gewalttätige Beziehungen hatte. Im Stück erzähle ich davon, wie ich aus dieser Beziehung raus kam. War nicht einfach. Viele Frauen hier in Guatemala bringt so eine Beziehung letztlich um. Nur wenige schaffen es, sich zu trennen. Deswegen wollte ich im Lied davon erzählen. Viele denken man könnte einfach sagen: Meine Beziehung ist gewalttätig, er schlägt mich, ok, da gehe ich. Doch so läuft das nicht.

Rebeca erzählt von ihrer ersten gewalttätigen Erfahrung als junges Mädchen. Schon als 10-jährige wurde sie auf dem Heimweg von der Schule im Schuluniformrock das erste Mal von einem Mann betatscht. Dann später die gewalttätige Beziehung: Er war zweieinhalb Jahre lang mein Freund. Es fing an mit Beleidigungen, mit übler Behandlung und damit, dass er mich nicht mit anderen reden ließ, mich darin einschränkte, was ich anziehen sollte und bestimmte, mit wem ich ausging und wer mit mir reden durfte. Dann folgten Schläge und sexualisierte Gewalt. Ich war 15 und verstand das damals alles nicht. Aber er war 21, war erwachsen und wusste, was er tat. Ich dagegen wusste nicht was da passierte. Sexualerziehung gab es für uns nicht. Ich wusste nicht, was ich da machte.
Mit 17 Jahren war Rebeca schwanger: Ich habe abgetrieben, obwohl es in Guatemala illegal und extrem riskant war. Heute denk ich: was ein Glück, dass ich das überlebt habe. Aber damals hatte ich keine Informationen. Wusste nur: ich will das Kind nicht. Auch wenn es verrückt klingen mag: ich war darauf nicht vorbereitet! Hatte keine Ahnung, wie ich hätte verhüten können. Und der Person, mit der ich zusammen war, war es ziemlich egal, wie es mir mit meinem Körper ging. Vermutlich dachte er, durch die Schwangerschaft könne er mehr Besitz von mir ergreifen. Das waren zwei schwierige Jahre. Aus dieser Beziehung rauszukommen habe ich nur durch eine starke innere Kraft geschafft. Mir war klar: so geht es nicht weiter! DAS will ich nicht!

Rebeca Lane ist 1984 geboren. Ihre ersten 12 Lebensjahre herrschte Krieg in ihrem Land. Ein Bürgerkrieg, der insgesamt 36 Jahre dauerte. Gut 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben, Hunderttausende flüchteten. Tausende verschwanden gewaltsam. Auch Rebecas Tante. Sie war Guerillera und Poetin. 1991 ließ sie das guatemaltekische Heer verschwinden.

Rebeca Lane fing 2011 mit Rap an. Damals schrieb sie viele Gedichte und hörte viel Rap. Nach und nach bekamen ihre Verse Rhythmen, sie packte ihnen spezielle Musik bei. So fing sie an, die Gedichte rhythmisch zu gestalten. Dass daraus dann Rap wurde, lag daran, dass ihr jemand ein Instrumentalstück gab und sagte, sie solle doch darauf ihr Poesie packen. Heute rappt Rebeca Lane nicht nur über Gewalterfahrung. Sie will Grenzen setzen. Und sie will Mut machen, sich als Frau zu wehren: Als ich mit dem Singen anfing, wurden wir Rapperinnen in Guatemala als weibliche Rapper bezeichnet. Das hat mich genervt, denn damit sollten wir von der eigentlichen Hip Hop Szene abgetrennt werden. So im Sinne von: hier läuft der Hip Hop und ihr seid was anderes, seid femininer Hip Hop. Damit wurde eine Trennung markiert zwischen den Männern und uns. Eines meiner ersten Lieder war dann “Bandera negra”, die schwarze Fahne. Im Chor singe ich da: Mein Rap ist nicht weiblich sondern feministisch. Mir war wichtig, mich mit diesem Stück zu positionieren. Ich war schon Feministin, bevor ich zu rappen anfing. Alles was ich dann in dieser ersten Zeit mit meinem Schreiben ausprobierte, war sehr feministisch. Meine Stücke spiegelten die Diskussionen wieder, die mir durch den Kopf gingen, die ich mit Freundinnen, aufgrund meines Körpers und meiner Geschichte und meinen ureigenen Erfahrungen führte. Es war neu im Rap all das zu thematisieren, was es bedeutet Frau zu sein in Guatemala und Zentralamerika.

Im Frühsommer 2018 ist Rebeca Lane zum 4. Mal in Europa unterwegs und erstmals nicht mehr allein von Solidaritätsgruppen organisiert, sondern mit professionellen Bookern. Auf die Frage, ob sie gerne auch in ihrer Heimat bekannter sein würde, antwortet sie sehr zögerlich: Manchmal wünsch ich mir, ich würde in Guatemala mehr gehört, und manchmal macht mir genau das Angst. Hier gibt es viele gewalttätige Menschen oder sehr rassistische. Menschen die ungestört straffrei agieren können und sehr extreme Positionen einnehmen in ihrer Nichtakzeptanz von Diversität. Bedauerlicherweise ist mit der jetzigen Regierung die Trennung zwischen einem laizistischen und einem religiösen Staat etwas verloren gegangen und extreme religiöse Positionen haben Oberwasser und können straffrei agieren. Manchmal macht mir der Gedanke Angst, dass ich hier gehört werde und irgendein Fanatiker, ein machistischer, ein religiöser, ein konservativer und gewalttätiger mich dann auf einem der Auftritte angreifen will. So gerne ich das hätte, mehr gehört zu werden: es macht mir tatsächlich auch Angst.

Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut

Vicky Romero & Alejandra Zapata (Foto: Chordify)

Alejandra Zapata: Auszugehen ist für eine Frau sehr kompliziert. Wir müssen dabei schauen, wer ist auf der Straße unterwegs und wir müssen immer auf der Hut sein. Ich bin immer sehr ängstlich. Wenn man rausgeht, weiß man nie, ob man wieder zurückkommt, oder wie man zurückkommt. Aber man kann ja auch nicht immer nur zu Hause bleiben. Was heute am meisten gehört wird ist Reggaeton oder Rancheras. Eine dermaßen machomässige Musik. Frauen sind Sexualobjekte und werden darin runtergemacht. Zufällig habe ich so ein Musikvideo gesehen, darin schlägt der Mann die Frau. Die Frau kommt dann zu ihm zurück und bittet um Verzeihung. Solche Bilder laufen im Fernsehen. Jeder kann sie sehen. Wenn da ein Junge zuschaut, bleibt bei ihm hängen: Ich kann die Frau verprügeln und sie kommt dann zu mir zurück und bittet mich um Verzeihung. Das nervt. Es ist traurig, dass man hier solche Dinge hören und sehen kann. Nach ihrem Erfolg mit Bandera negra schrieb Rebeca etliche weitere Stücke, in denen sie sich gegen die machistische Alltagsgewalt stark macht, wie „Ni una menos!“ (Keine weniger!). Es entstand aus einer Wut: Viele Frauen erzählten darin von ihren Erfahrungen und wann sie das erste Mal von machistischer Gewalt angegriffen wurden. Das zu lesen war heftig. Bei einigen ging das schon mit 3 oder 4 Jahren oder dann mit 10 oder 12 los. Rebeca hatte viele der Briefe gelesen aus dem 2016 initiierten Hashtag-mi primer acoso, meine erste Belästigung. Anfang April 2016 mobilisierten Frauen in Mexiko zu landesweiten Demonstrationen unter dem Motto „ni una menos“ gegen die Frauenmorde. Parallel dazu startete der Hashtag – mi primer acoso – in dem in Windeseile tausende Frauen über die ersten sexuellen Belästigungen, Übergriffe und Misshandlungen gegen sie berichteten.

Deswegen gefällt Alejandra Rebecas Musik, in der sie Gewaltszenarien beschreibt und Frauen aufruft, sich dagegen zu wehren: Es sind Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut. Und darüber könnten sich Männer und aber auch machistisch geprägte Frauen langsam aber sicher verändern.

Bei Live-Auftritten singen die Frauen lauthals mit, wie in der Nacht der Mondfrau Anfang März auf dem Vorplatz des guatemaltekischen Staatstheaters: So viele Frauen wurden von ihren Partnern ermordet, und niemand macht etwas dagegen. So viele Menschen beschuldigen uns. Und es gibt so viele Anzeigen, aber niemand hört sie. Wir wollen keine weitere Frau in diesem Kampf verlieren. Löse dich aus der Gefangenschaft und brich das Schweigen gegen diese Liebe die in deiner Brust festsitzt und dich davon abhält, als Kämpferin deinen Körper zu verteidigen! Wir wollen sie lebend! Keine Weniger! Wir wollen sie lebend!

Gewalt gegen Frauen in Guatemala

Die letzte Untersuchung der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Frauen in Guatemala resümierte, dass Guatemala ein Land mit einer der höchsten Frauenmordrate weltweit ist und 3 von 5 Frauen Gewalterfahrungen erlebt haben. Und Untersuchungen nationaler Nichtregierungsorganisationen schlussfolgern, dass innerfamiliäre und häusliche Gewalt alltäglich ist. Im Büro der GIZ, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit stellt Argelia Chilín Arbeitsmaterialien zusammen. Sie koordiniert ein Programm mit Titel: Cartas de mujeres, Briefe von Frauen: Dabei werden Frauen eingeladen, über erlebte Gewalt in unterschiedlichen Lebensetappen zu schreiben. Es ist eine befreiende Übung. Sie verhilft dazu, das Schweigen über Gewaltverbrechen gegen Frauen und auch Mädchen aufzubrechen.

Bisher führen sie dieses Programm in den nördlichen Regionen des Landes durch, im Quiché und Alta sowie Baja Vera Paz. Argelia Chilín: Achtzig Prozent sind dort Indigene und vielleicht 20 Prozent Mestizen. Wir arbeiten in diesen 3 Departments in den lokalen Sprachen. Die Frauen schreiben und die Analphabetinnen unter ihnen malen anonym. Die Auswertung dieser Briefe ermöglicht uns die verschiedenen Gewaltformen, die Tatorte, das jeweilige Umfeld und Alter zu identifizieren.

Durch Übermittlung der allgemeinen Untersuchungsergebnisse an staatliche Stellen, erhofft sich Argelia Chilín wirksamere Präventivmaßnahmen. Vor allem aber auch den Ausbruch aus dem vermeintlich „Normalen“: Da spielen Verhaltensweisen, Gewohnheiten eine Rolle. Ich will es nicht Kultur nennen. Manchmal wird gesagt: Gewalt sei Teil einer Kultur. Nein. Es sind Verhaltensweisen und Einstellungen, die schon den Kleinsten zu Hause beigebracht werden. Oft spielte ein aggressiver Vater eine Rolle und der Alkohol: der Alkoholiker, der seiner Familie Gewalt antut. Davon erzählen viele Briefe. Und sie rechtfertigen in gewisser Weise damit sein Verhalten. Der Alkohol ist schuld! … Um der Gewalt Einhalt zu gebieten muss diese als erster Schritt als solche anerkannt werden. Und zwar von der Überlebenden der Gewalt, um dann überhaupt erst dagegen handlungsfähig zu werden. Für sich selbst als Frau und für ihre Kinder. Für bessere Lebensbedingungen.  

 

Ein Feature von Erika Harzer, zuletzt ausgezeichnet mit dem Peter Scholl-Latour Preis 2016.

In Guatemala sind frauenverachtende Politik und sexualisierte Gewalt "normal". Doch immer mehr Frauen wehren sich, darunter Künstlerinnen, die sich mit ihrer Musik humorvoll und mitreißend dagegen auflehnen. Guatemala City. Ein kleines Café in einer der touristischen Ausgehzonen der guatem[...]

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29. August 2018

“Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.” *

Geburtsurkunde, Führerschein, Reisepass … Dokumente, mit denen wir uns ausweisen können, sind für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit, und sie nicht zu besitzen, ist nur schwer vorstellbar. Doch leider ist genau das die harte Realität für ca. 10 Millionen Menschen rund um den Globus (Schätzung der UN Refugee Agency, UNHCR). Sie sind staatenlos, können kein Land offiziell als ihre Heimat bezeichnen und verfügen über kein Zeugnis ihrer Identität bzw. keinen Nachweis ihrer Existenz. In den meisten Fällen gab es diese einfach nie und wird es auch nie geben. Dieser Umstand bewirkt, dass sich Staatenlose praktisch im “rechtsfreien Raum” befinden. Sie werden durch nationale Gesetze nicht ausreichend geschützt, da kein „rechtlicher Bund zwischen einem Staat und dessen Gesetzen und einer Einzelperson“ besteht, der „politische, wirtschaftliche, soziale und andere Rechte und Pflichten von Staat und Bürger umfasst“ (Übereinkommen über die Rechtsstellung der Staatenlosen, 1954, UNHCR).

Staatenlosigkeit ist nicht einfach nur eine abstrakte Theorie

Ganz im Gegenteil, das Fehlen der Staatszugehörigkeit ist mit erheblicher Beeinträchtigung der Chancen und Handlungsmöglichkeiten im Leben verbunden. Für viele bedeutet es eine Beschneidung ihrer Rechte auf Bewegungsfreiheit, Eigentum und politische Teilnahme, einen unzureichenden Zugang zu grundlegenden staatlichen Sozialleistungen und medizinischer Basisversorgung sowie zu Bildung und Arbeitsmarkt. Und nicht zuletzt ist „Staatenlosigkeit ein Seinszustand, ein Bewusstheitszustand. Es ist die menschenunwürdigste Einschränkung, die ein Mann, eine Frau oder ein Kind erfahren kann“ (Scott Norman, Kindernothilfe-Partnerorganisation BAAN DOI, Thailand).

Staatenloser, der im Grenzfluss zwischen Myanmar und Thailand fischt. (Foto: Guido Brüggen)

Thailands Staatenlose

Im südostasiatischen Länderdreieck Thailand – Laos – Myanmar  ist das Problem der Staatenlosigkeit besonders stark verbreitet. Vor allem in den Bergen der nordthailändischen Provinz Mae Hong Son leben ethnische Minderheiten, die aufgrund ihrer Herkunft staatenlos sind. Rund 500.000 von ihnen besitzen keine Dokumente, die beweisen, dass sie oder ihre Eltern in Thailand geboren wurden. Zudem kommen Einwanderer aus Laos und Myanmar, die aufgrund der politischen oder wirtschaftlichen Situation ihre Heimatländer verlassen haben. Da sie keine thailändischen Bürger sind und weder auf die normalen Dienstleistungen noch die Unterstützungen des Staates hoffen können, sind sie meist von extremer Armut und Hoffnungslosigkeit betroffen. Am schlimmsten ist die Situation für die Kinder, die durch die starke Verbreitung von HIV/AIDS in Thailand ihre Eltern verloren haben und gleichzeitig staatenlos sind. Laut Schätzungen der UNIDAS leben derzeit in ganz Thailand 440.000 Menschen mit HIV, davon mehr als 8.000 Kinder bis 14 Jahre.

Lösungsansätze

In den letzten Jahren hat sich sowohl auf Regierungsebene als auch im nichtstaatlichen Organisationsbereich ein verstärktes Bewusstsein entwickelt, prekären Situationen entgegenzuwirken. 2005 wurde eine rechtliche Grundlage für die Beantragung der thailändischen Staatsbürgerschaft mit der „National Strategy on Administration of Legal Status and Rights of Persons“ erarbeitet, 2008 kam es zu weiteren Gesetzesnovellierungen. Zusätzliche Initiativen beschäftigen sich mit der Vereinfachung des Anerkennungsprozesses für Kinder im Schulalter und besonders Schutzbedürftigen sowie einem leichteren Zugang zu Gesundheitswesen und Bildung (UNHCR).

Im „Kinderhaus am Schönen Berg“ bekommen staatenlose Waisen medizinische Versorgung. (Foto: Baan Doi)

BAAN DOI – Das Kinderhaus am Schönen Berg

Seit 2008 nimmt sich die Nichtregierungsorganisation BAAN DOI in Mae Sai, der nördlichsten Stadt Thailands im goldenen Dreieck an der Grenze zu Myanmar und Laos, der Waisen der Region an. Mit dem Ziel, diesen benachteiligten Kindern eine gesunde Entwicklung und gute Bildung zu ermöglichen und ihnen damit die Chance auf Selbstbestimmung und finanzielle Eigenständigkeit zu geben. Unter der Obhut der Salzburgerin Barbara Meisl und ihrem Team finden Mädchen und Buben, die keine Angehörigen mehr haben, wieder eine Familie und ein Zuhause im „Kinderhaus am Schönen Berg“. Und – was besonders wichtig ist – einen geregelten Tagesablauf, medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Ausbildung. „Bei uns erfahren die Kinder wieder Sicherheit und Zusammenhalt und haben Menschen um sich, die sie so lieben, wie sie sind. Ohne Berührungsängste“, betont die Projektleiterin.

 

 

Weitere Informationen zum Projekt „Thailand: Kinderhaus am schönen Berg“

 

* Menschenrechtserklärung von 1948

Geburtsurkunde, Führerschein, Reisepass ... Dokumente, mit denen wir uns ausweisen können, sind für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit, und sie nicht zu besitzen, ist nur schwer vorstellbar. Doch leider ist genau das die harte Realität für ca. 10 Millionen Menschen rund um den Glo[...]

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Äthiopien: Trotz neuem Hoffnungsträger mehr gewaltsame Konflikte

Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed steht für Veränderung. Seine Reformen haben viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt und für eine neue Aufbruchsstimmung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung gesorgt. Doch die ethnischen Konflikte im Land gehen weiter und könnten zu einer humanitären Katastrophe führen.

Äthiopien: Menschen auf der Flucht (Foto: Dietmar Roller)

Am Horn von Afrika bewegt sich etwas. Die Friedensanstrengungen zwischen Äthiopien und Eritrea lassen viele Bewohner in der Region hoffen. Anfang Juli haben die Staatschefs der beiden verfeindeten Nachbarländer ihren 20 Jahre lang schwelenden Konflikt beigelegt und eine Friedenserklärung unterschrieben. Die Aussöhnung ging von Äthiopiens neuem Ministerpräsidenten Abiy Ahmed aus, der kurz nach seinem Amtseintritt ankündigte, die äthiopischen Truppen aus dem Gebiet zurückzuziehen, auf das beide Länder Anspruch erhoben .

Abiy Ahmed gilt als Hoffnungsträger für Äthiopien und die Region. Mit ihm wurde die Vorherrschaft der Tigray, einer Minderheit im Vielvölkerstaat, gebrochen. Um ihre Macht im Land trotz der Minderheit zu sichern, setzten die Tigray während der 27-jährigen Amtszeit der Einheitspartei Ethiopian Peoples Revolutionary Democratic Party (EPRDF) auf gezielte Propaganda, die Feindseligkeiten zwischen den vielen verschiedenen ethnischen Gruppen aufgebaut hat – vor allem zwischen den Amharen und den Oromo, den beiden größten Gruppen. Besonders die vergangenen drei Jahre waren von schweren Menschenrechtsverletzungen und Folter geprägt. Es kam immer wieder zu Massendemonstrationen gegen die autoritäre Regierung, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Hunderte Menschen wurden getötet und Tausende festgenommen.

Staatliche Medien: Nachrichten statt Propaganda

Abiy Ahmed ist nun der erste Ministerpräsident seit mehr als zwei Jahrzehnten, der zu der Volksgruppe der Oromo gehört. Direkt nach seiner Wahl entließ er die Hardliner aus seinem Kabinett und setzte stattdessen auf Vielfalt– so sind die drei größten Ethnien in der Staatsführung vertreten. Unter der neuen Regierung wurden politische Gefangene wieder freigelassen, darunter auch Journalisten, die seit Jahren ohne Prozess inhaftiert waren. Fast alle erzählen, dass sie mit grausamen Methoden gefoltert wurden. Einige haben davon dauerhafte körperliche Verletzungen und Behinderungen erlitten. Die staatlichen Medien können unter der neuen Führung wieder frei berichten anstatt Propaganda zu verbreiten. Die äthiopische Bevölkerung nutzt das Radio und Fernsehen auch wieder, um Nachrichten zu hören und nicht mehr nur zu Unterhaltungszwecken.

Doch trotz der vielen positiven Entwicklungen seit Ahmeds Amtseintritt im April 2018 und dem Friedensschluss mit Eritrea gibt es immer noch zahlreiche Konflikte im Land, die humanitäre Hilfe erfordern. Vor allem ethnische Gruppen geraten immer wieder aneinander. Die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Ethnien – verursacht durch die jahrzehntelange Propagandapolitik der Tigray – sind immer noch enorm und führen zu teils heftigen Auseinandersetzungen. Streitgründe sind oftmals die knappen Ressourcen und die Nutzung von Weideland. Hinzu kommt, dass lokale Beamte, Polizisten und Oppositionelle die Konflikte zusätzlich weiter befeuern und zur Eskalation dieser beitragen. Sie befürchten durch den Kurswechsel ihre politische Stellung zu verlieren und provozieren immer wieder Kämpfe zwischen den ethnischen Gruppen, um ihre Position halten zu können.

Mehr als eine Million Menschen wurden in Folge der bewaffneten Konflikte innerhalb ihres eigenen Landes bereits heimatlos, und es ist nicht sicher, ob sie jemals in ihre Heimatregion zurückkehren können. Unter den Flüchtlingen sind auch viele Kinder, die durch die Vertreibung nicht zur Schule gehen können. Die betroffenen Städte und die Regionalregierung sind mit der Vielzahl an Binnenflüchtlingen überfordert und können den Flüchtenden nur notdürftige Unterkünfte zur Verfügung stellen. Viele müssen in öffentlichen Gebäuden auf engstem Raum übernachten. Es fehlt an Nahrungsmitteln und angemessener Kleidung. Vor allem in Südäthiopien wird die Lage zunehmend kritisch.

Die Kindernothilfe und ihre Partner helfen

Die Kindernothilfe leistet über ihre lokale Partnerorganisation humanitäre Hilfe in den betroffenen Regionen im Süden Äthiopiens. Im Zuge dessen wurden unter anderem Nahrung und die gesundheitliche Versorgung für 1.160 Kinder sichergestellt. 750 Kinder erhalten außerdem Schulmaterial, Schuluniformen und Kleidung, 230 unterernährte Kinder unter fünf Jahren bekommen Zusatznahrung und ihre Mütter Ernährungsberatung. Außerdem werden ein Kinderschutzzentrum errichtet und Wasser und Sanitäranlagen bereitgestellt.

Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed steht für Veränderung. Seine Reformen haben viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt und für eine neue Aufbruchsstimmung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung gesorgt. Doch die ethnischen Konflikte im Land gehen weiter und könnten z[...]

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Honduras‘ Frauen wehren sich gegen zunehmende Gewalt

Honduras-Frauenrechtlerinnen zu Besuch in Duisburg (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Frauen und Mädchen sind in Honduras vielfach Opfer von Gewalt, auch und gerade innerhalb der Familien. Der Staat schaut weg und setzt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Betroffenen einsetzen, massiv unter Druck. Vier Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen – darunter zwei von unserem Partner CASM (Comisión de Acción Social Menonita) – haben bei ihrem Besuch der Kindernothilfe Duetschland ihre Arbeit geschildert. Ihr Bericht macht deutlich, wie wichtig es ist, gemeinsam ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen.

Wenn es um Honduras‘ Maras geht, stehen meist minderjährige Jungen im Fokus. Sie werden von den berüchtigten Jugendbanden im großen Stil für Verbrechen aller Art rekrutiert. Dass sich die Bandenchefs gerne mit jungen Mädchen schmücken und sie sexuell ausbeuten, ist weniger bekannt. Merly Clereth Eguigure Borjas von der Frauenorganisation Visitación Padilla erzählt von einer Mutter, die eigens in ein anderes Stadtviertel gezogen ist, um ihre Tochter vor den Besitzansprüchen der Bandenbosse zu schützen. Doch der Arm der Maras ist lang: Das Mädchen wurde auf offener Straße erschossen, als es mit seiner Mutter und einigen Nachbarinnen vor dem Haus beisammen saß.

Gewalt auf der Straße ebenso wie zuhause ist in den Armenvierteln von Honduras eines der drängendsten Probleme. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schwerpunkt häusliche Gewalt

Die Gewalt, die den Alltag in Honduras prägt, richtet sich vor allem gegen Frauen und Mädchen. Das betrifft alle Lebensbereiche. Sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz sind an der Tagesordnung, Entlassungen aufgrund einer Schwangerschaft die Regel. Besonders hoch ist das Gewaltpotential innerhalb der Familie. CASM und Visitación Padilla, so erzählen die vier Aktivistinnen, haben jedes Jahr mit rund 750 Strafanzeigen zu tun, die bei der Polizei eingehen. Bei mehr als einem Drittel der Fälle geht es um häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Vernachlässigung, Misshandlung, Vergewaltigung.

„Darauf liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit“, sagt Cristina del Carmen Alvarado Lara. Die Zahlen, die sie nennt, sind alarmierend. Laut Statistik gab es zwischen 2008 und 2014 rund 18.000 Strafanzeigen wegen Vergewaltigungsdelikten – die Dunkelziffer liegt deutlich höher. In mehr als 15.600 Fällen waren Frauen und Mädchen betroffen. Erschreckend ist besonders deren Altersstruktur: 40 Prozent der Vergewaltigungsopfer waren jünger als 14 Jahre, weitere 30 Prozent hatten das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet.

Ana Raquel Lopez Paz und Karla Rosario Erazo Vasquez von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Comisión de Acción Social Menonita (CASM) (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Unzureichende Strafverfolgung

Aufgrund der laschen Rechtsprechung bleiben viele Täter straffrei. Häusliche Gewalt gilt gar nicht als Straftat, nur Vergewaltigungen werden geahndet. Allerdings sind die Strafen dafür so gering, dass sie das Klima der Gewalt noch fördern. Ein bis drei Jahre Gefängnis drohen Vergewaltigern im schlimmsten Fall. Alternativ verhängte Geldstrafen werden gestundet und sind so gering, dass sie sich auf kaum mehr als umgerechnet 50 Eurocent pro Tag belaufen.

Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der angezeigten Vergewaltigungen gar nicht weiterverfolgt wird, weil die Behörden nicht reagieren oder die Familien sich untereinander einigen. In manchen Fällen bedrohen die Täter die Opfer so massiv, dass diese die Anzeige zurückziehen.

Trotzdem gibt es Erfolge. „Früher wurden Vergewaltigungen nur verfolgt, wenn ein Strafantrag vorlag. Seit 1997 ist die Staatsanwaltschaft in jedem Fall verpflichtet zu ermitteln“, erklärt Ana Raquel Lopez Paz. Erreicht haben das Organisationen wie CASM und Visitación Padilla, die sich gezielt für Frauenrechte einsetzen. Dass es sie überhaupt in so großer Zahl gibt, ist schon als Erfolg zu werten. Andererseits zeigt sich daran der große Bedarf an zivilrechtlichem Engagement.

Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich

„Fehlende Gesetze sind nicht so sehr das Problem, es hapert vielmehr an der Umsetzung“, weiß Karla Rosario Erazo Vasquez. Seit einigen Jahren entwickelt sich die Rechtsprechung sogar wieder zurück. Gewaltdelikte innerhalb der Familie werden durch eine Herabsetzung der Strafen entkriminalisiert. Demgegenüber verschärft der Gesetzgeber die Strafen für terroristische Gewalt und zieht auch im Demonstrationsrecht die Schrauben an – bis zu 40 Jahren Haft drohen Demonstrationsteilnehmern neuerdings.

„Die Unruhen und Proteste nach den Wahlen haben unsere Arbeit sehr erschwert“, so Cristina del Carmen Alvarado Lara vom Movimiento Visitación Padilla (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Die Entwicklung verschärft sich seit den Präsidentschaftswahlen Ende letzten Jahres, die der Amtsinhaber Juan Orlando Hernández mit hauchdünnem Vorsprung gewann. Manipulationsvorwürfe bügelte er ab, gegen demonstrierende Bürger schickte er das Militär auf die Straße. „Wegen der Unruhen und Proteste nach den Wahlen haben wir kaum noch die Dörfer und Gemeinden erreicht, in denen wir tätig sind“, erinnert sich Cristina del Carmen Alvarado Lara, „das hat unsere Arbeit sehr erschwert“.

Auch in anderer Hinsicht verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen. Nichtregierungsorganisationen werden als Nestbeschmutzer beschimpft, und die Behörden denken sich immer neue bürokratische Hürden aus, um zivilgesellschaftliches Engagement zu behindern. Selbst Leib und Leben sind zunehmend in Gefahr. Die vier Frauen berichten von einem vorgeblichen Schutzprogramm für Menschenrechtsaktivisten, das von den Betroffenen detaillierte Persönlichkeitsdaten erhebt – mit dem Ergebnis, dass danach auch die Familie Drohungen erhält.

Eine Selbsthilfegruppe (SHG) in Honduras bei der Arbeit. Die SHG sind ein wichtiger Grundpfeiler für die Durchsetzung der Rechte von Frauen und Mädchen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Zeichen gegen die Gewalt

Das Klima der Gewalt und Unterdrückung macht die Arbeit der Frauenrechts-Organisationen noch dringlicher. Ihrem Engagement etwa ist es zu verdanken, dass es Programme zur Betreuung von Vergewaltigungsopfern gibt – der Staat hat sich darum bislang nicht gekümmert. Gerade für minderjährige Mädchen sind derartige Hilfsangebote überlebenswichtig.

Der Anteil der Minderjährigen an den Schwangerschaften beträgt in Honduras mittlerweile mehr als zehn Prozent. Mindestens die Hälfte dieser Mädchen ist Opfer einer Vergewaltigung. Vermutlich liegt ihr Anteil aber noch viel höher, weil die Krankenhäuser keine genauen Zahlen erheben. Hier macht sich das Fehlen einer ausreichenden Kindesschutz-Gesetzgebung besonders schmerzhaft bemerkbar.

Diese Lücke wollen wir nun gemeinsam mit unseren Partnern schließen – mit einem Projekt zum Aufbau eines staatlichen Kindesschutzsystems. Der Schutz von Kindern vor häuslicher Gewalt wird darin eine bedeutende Rolle spielen.

 

Frauen und Mädchen sind in Honduras vielfach Opfer von Gewalt, auch und gerade innerhalb der Familien. Der Staat schaut weg und setzt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Betroffenen einsetzen, massiv unter Druck. Vier Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen – darunter zwei von un[...]

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