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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Kinderhandel in Peru: Gemeinsam gegen „trata“!

Weltweit zwölf Millionen Menschen wurden 2016 Opfer einer sogenannten „trata“ – einer Entführung mit dem Ziel, sie kommerziell sexuell auszubeuten. Die meisten waren minderjährig. In Peru kämpft der Kindernothilfe-Partner Paz y Esperanza gegen das organisierte Verbrechen.

Die Einladung war einfach unwiderstehlich: Direkt ins Studio, zu Cuéntamelo todo („Erzähl’ mir alles“) mit tollen Fernsehstars. Einmal Show- Ambiente schnuppern und dazu eine Reise nach Lima, in die Hauptstadt! Wochenlang hatte ihr Freund ihr vorgeschwärmt, wie toll das wäre, wenn sie mitkommen würde. Nur erzählen dürfe sie niemandem von dem Plan, vor allem nicht zu Hause, weil dann alle nur neidisch sein würden. Am Ende war es dann ganz einfach: Er wartete vor der Schule in Moyobamba auf sie. Am Omnibusbahnhof, stiegen sie in den Überlandbus. Aber in Lima kamen sie nie an. Das Mädchen war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, ihr angeblicher Freund, der Mann, der sie entführte, 24.

Zaida Márquez redet sich regelrecht in Rage, als sie diese Geschichte erzählt. Die 14-jährige Schülerin aus Lamas ist Klassensprecherin und Trata-Präventions-Aktivistin. Immer wieder hat sie miterlebt, wie Kinder aus ihrer Umgebung verschwunden sind und welche Katastrophe das für die Familien bedeutete: „Die Polizei nimmt“, sagt Zaida, „ganz oft die Hinweise und Warnungen von Kindern und Jugendlichen nicht ernst – oder reagiert erst, wenn es zu spät ist. Trata wird verharmlost und runtergespielt!“ Der Begriff trata  steht im Spanischen für Menschenhandel, für die Entführung von Personen – ganz oft mit dem Ziel, sie kommerziell und unter Anwendung von Gewalt sexuell zu missbrauchen. Im Durchschnitt sind die meisten Opfer gerade einmal zwischen zwölf und 17 Jahren alt.

„Trata“ ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür

Schluss mit sexueller Ausbeutung und Menschenhandel. (Jürgen Schübelin)

„Trata“, pflichtet Karol Vela, Projektverantwortlicher im Regionalbüro des Kindernothilfe-Partners Paz y Esperanza in Moyobamba im Nordosten von Peru, Zaida bei, „das ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür, das die Provinz Alto Amazonas und die Region San Martin und Loreto befallen hat.“ Selbst die offiziellen Zahlen der peruanischen Generalstaatsanwaltschaft und des Innenministeriums in Lima untermauern diesen Befund: Waren es zwischen 2009 und 2015 insgesamt 3.130 Fälle von Entführungen und Menschenhandel, die den Behörden angezeigt wurden, so stieg diese Zahl 2016 bereits auf über 1.000 und im vergangenen Jahr sogar auf 1.433 dokumentierte Fälle an. Aber alle Fachleute weisen darauf hin, dass diese offiziellen Zahlen höchstens die Spitze des Eisbergs erahnen lassen. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) mit Sitz in Wien hat für 2016 errechnet, dass weltweit mehr als zwölf Millionen Menschen Opfer von trata geworden sind – und beziffert die jährlichen Gewinne der Menschenhändler auf atemberaubende 28 Milliarden Euro.

Warum gerade die eindrucksvolle, dichtbewaldete Berglandschaft am Osthang der Anden, dort, wo die drei Quellflüsse Marañón, Huallaga und Ucayali den Amazonas-Strom entstehen lassen, zu einer Art Epizentrum des trata-Problems in Peru geworden ist, hat für Karol Vela mit Geographie und Politik zu tun: „Das hier ist eine Transit-Region. Hier führen alle wichtigen Straßenrouten in das Amazonas-Tiefland und nach Brasilien durch. Und von hier aus geht es nach Westen in die großen urbanen Zentren Perus, nach Lima oder nach Chiclayo. Und hier war die Präsenz von Polizei und Justiz historisch immer sehr ausgedünnt, weil die Region wirtschaftlich einfach keine große Rolle spielte.“

Kontaktaufnahme per Smartphone und die Social Media

Durch intensive Präventionsarbeit werden Kinder und Jugendlichen auf die Gefahren und Risiken der trata aufgeklärt. (Jürgen Schübelin)

Ideale Bedingungen für kriminelle Strukturen, Menschenhändler und ihr Unterstützerumfeld. Aber es kommen noch vier weitere, in dieser Kombination verhängnisvolle Faktoren hinzu: Die chronische Armut im Alto Amazonas, der hohe Anteil an indigener Bevölkerung, ein auch im Vergleich zu anderen Landesteilen niedriger Bildungsstand und das Fehlen von Zukunftsperspektiven für junge Menschen. Zaida, die 14-jährige Anti-trata-Aktivistin, erklärt sehr präzise, was dann passiert: „Die Typen, die sich an die Mädchen heranmachen, haben sich genau umgeschaut. Sie suchen sich Mädchen heraus, die das Bedürfnis haben, mal im Rampenlicht zu stehen, die davon träumen, an Kindershows im Fernsehen mitzumachen oder die Produkte im Internet vorstellen wollen, also berühmte Influencerinnen werden möchten. Neulich hat jemand sogar einer Freundin versprochen, dass er ihr helfen würde, als Stewardess in einem Flugzeug zu arbeiten.“

Diese Versprechen sind wie ein schleichendes Gift. Ganz viel spielt sich dabei mittlerweile über das Smartphone und die Social Media ab: YouTube, Instagram, Snapchat, Facebook, Twitter, WhatsApp und andere Messenger-Dienste werden auch im Alto Amazonas intensiv genutzt. Sie erleichtern das Geschäft von Kriminellen, Kontakte zu Kindern und Jugendlichen zu knüpfen, sie psychologisch zu manipulieren, unter Druck zu setzen. Durch Techniken wie sexting (die Aufforderung, per Selfie erotische Aufnahmen von sich zu machen und zu versenden) oder grooming (Erwachsene erschleichen sich über Social-Media-Seiten und gefälschte Profile das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen) machen sie sie gefügig– und bewegen sie so zum Mitkommen. „Wenn ein Kind erst einmal mit einem fremden Erwachsenen in einen Bus oder einen Pickup eingestiegen ist“, räumt Karol Vela , „haben wir so gut wie keine Chance mehr, um die Katastrophe abzuwenden.“ Überlandbusse werden nur ganz selten kontrolliert, Privatfahrzeuge gar nicht.

Im Fall des Mädchens, das vor seiner Schule in Moyobamba verschwunden ist, angeblich, um zu einer Fernsehshow zu reisen, waren es Verwandte, die das Kind zufällig nach Monaten im 350 Kilometer entfernten Jaén entdeckten. Ihr Entführer hatte sie in ein vor allem von Lastwagenfahrern frequentiertes Bordell verschleppt. Weil die  traumatisierte Familie keine Strafanzeige stellte, blieb das Verbrechen ohne rechtliche Konsequenzen.

Theaterstücke zur Aufklärung über „trata“

Peru: Theaterstücke zur Aufklärung über „trata“ (Jürgen Schübelin)

Das Regionalteam von Paz y Esperanza hat sich angesichts der Dramatik des Problems für eine konsequente Doppelstrategie entschieden. Deren erste Komponente ist eine flächendeckende, 30 Schulen in der Region zwischen Tarapoto und Moyobamba umfassende Präventionsarbeit, an der sich Kinder und Jugendliche, mehr als 200 Lehrer und zahlreiche Eltern beteiligen. „Am Anfang gab es sehr viel Nichtwissen, aber auch Hemmschwellen, um über Probleme in den Familien zu sprechen“, räumt Eugenio Silva, der Schulleiter der Grund- und Sekundarschule von Barranquita, ein: „Aber genau diese Probleme zwischen Erwachsenen und Kindern, das fehlende Vertrauen oder auch die Erfahrung von Gewalt in der Familie sind die Sollbruchstellen, die Kriminelle nutzen, um sich an die Kinder ranzumachen.“ Aber auch  Lehrer mussten lernen, sorgfältiger hinzuschauen und zu reagieren, etwa dann, wenn sie bemerken, dass Kinder plötzlich über mehr Geld als üblich verfügen – oder über ein neues, teures Smartphone, obwohl es der Familie insgesamt wirtschaftlich nicht besser geht.

Den wohl wichtigsten Beitrag zur Prävention im Alto Amazonas leisten jedoch die Kinder und Jugendlichen selbst: Aktivistinnen wie  Zaida, die mittlerweile jede Menge anderer Schulen besucht hat, um über ihre Erfahrungen und Beobachtungen in Sachen trata zu sprechen, oder aber die mehr als 20 Schultheatergruppen, die während eines ganzen Schuljahres Stücke geschrieben und eingeübt hatten, in denen es um trata geht. In Barranquita spielen sie auf dem Schulsportplatz vor allen Mitschülern die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die einwilligt, ihre beiden Töchter einem überaus chic angezogen und eloquent auftretenden Cousin aus Lima anzuvertrauen, der vorgibt, ganz dringend zwei Mitarbeiterinnen für ein vornehmes Restaurant zu benötigen. Die Geschichte im Stück geht nicht gut aus: Der Cousin verkauft die beiden Mädchen in ein Bordell, wo sie brutal misshandelt werden. Und am Ende töten die Peiniger nach einem Fluchtversuch eines der beiden Kinder. Die  Mädchen und Jungen spielen das alles so eindrucksvoll, dass zum Schluss allen Zuschauenden, Kindern und Erwachsenen, die Tränen in den Augen stehen.

Ein Netzwerk gegen die “trata“

Kinder und Jugendliche entwickeln ein Bewusstsein für ihre Rechte. (Jürgen Schübelin)

Die zweite Komponente dieser erbittert geführten Auseinandersetzung und dem mühsamen Engagement gegen trata hat mit den handelnden staatlichen Akteuren zu tun. Seit sechs Jahren kämpft das Paz y Esperanza-Team darum, die Verantwortlichen der verschiedenen Behörden und Institutionen an einen Tisch zu bekommen. 2013 erlies die Regionalregierung immerhin ein Dekret, um im Alto Amazonas ein regionales Netzwerk gegen trata zu konstituieren. Kompetenzstreitigkeiten und wohl auch fehlendes Vertrauen zwischen den handelnden Personen verhinderten, dass die Initiative Erfolg hatte. Erst mit dem zweiten Anlauf kam 2015 la Red Regional contra la Trata schließlich zustande: Jetzt finden regelmäßige Treffen zwischen den verschiedenen Polizeibehörden, der Staatsanwaltschaft, den Schulämtern, der Regionalverwaltung, den Krankenhäusern und Organisationen aus der Zivilgesellschaft wie Paz y Esperanza statt. Das Netzwerk hat drei Unterkommissionen konstituiert: für Vorbeugung, Strafverfolgung der Täter und für die medizinische und psychologische Hilfe für die Opfer und ihre Familien.

Karol Vela räumt ein: „Das Thema ist endlich in der Region angekommen. Die Verantwortlichen sind aufgewacht.“ Zu spüren bekommen das auch die Täter: Anders als in früheren Jahren gibt es in der Region San Martin inzwischen 37 laufende Strafverfahren gegen Personen, die Kinder und Jugendliche entführt und sexuell ausgebeutet haben. In immerhin 42 Fällen wurden Ermittlungen eingeleitet. Einige der Kinder mussten mit ihren Familien in ein Zeugenschutzprogramm, um die Verfahren gegen Schlüsselpersonen aus Strukturen des organisierten Verbrechens überhaupt einleiten zu können – aber noch immer gibt es die Fälle, in denen die Entführer völlig straffrei davonkommen. Das Paz y Esperanza-Team ist deshalb davon überzeugt, dass es dringend noch mehr internationalen Druck auf die peruanische Zentralregierung in Lima braucht, um wirklich den Durchbruch zu schaffen.  Das nächste Etappenziel besteht darin, das Leiden der trata-Opfer in der Amazonas-Region beim nächsten Universal Periodic Review-Verfahren zu Peru vor dem UNO-Menschenrechtsrat in Genf zu thematisieren. „Was wir brauchen“, sagt Karol Vela, „sind keine weiteren Versprechen – sondern die konsequente Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen und verabschiedeten Aktionspläne“. Zaida wünscht sich nur eines: „Alle Kinder und Jugendlichen müssen sich der Gefahren und Risiken, die trata für sie bedeutet, bewusst sein – und gegenseitig viel sorgfältiger aufeinander aufpassen!“

Weltweit zwölf Millionen Menschen wurden 2016 Opfer einer sogenannten „trata“ – einer Entführung mit dem Ziel, sie kommerziell sexuell auszubeuten. Die meisten waren minderjährig. In Peru kämpft der Kindernothilfe-Partner Paz y Esperanza gegen das organisierte Verbrechen. Die Einladung [...]

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Philippinen: Eine Heimat für die Mananwa

Willkommen sein, das Gefühl kannten die Mananwa lange Zeit nicht. Als Angehörige einer kleinen Volksgruppe gehören sie auf den Philippinen zu den Außenseitern. Für einige Mananwa-Familien, die seit drei Generationen versuchen, auf der Insel Samar Fuß zu fassen, ändert sich das gerade: Sie haben endlich eine Heimat gefunden. Erreicht haben das die Frauen: In einer Selbsthilfegruppe nehmen sie die Zukunft ihrer Familien beherzt in die Hand.

Ende einer Odyssee: In Lohero haben die Mananwa-Familien endlich eine Heimat gefunden. (Foto: Lorenz Töpperwien)

Erst vor wenigen Wochen sind die Mananwa-Familien in Lohero vor Anker gegangen. Vier Pfahlhütten stehen schon, eine fünfte ist im Bau. Es gibt ein paar sorgfältig angelegte Beete, ein niedriger Zaun umschließt das Gelände, an der Leine hängt Wäsche. Ganz normaler Alltag in einem ganz normalen philippinischen Dorf, so sieht es jedenfalls aus. Aber als die Frauen anfangen zu erzählen, wie sie hierhergekommen sind, wird schnell klar, dass diese Familien einen langen Weg hinter sich haben.

Seit rund 50 Jahren sind sie auf der Wanderschaft. Damals flohen ihre Eltern und Großeltern aus Mindanao, der großen Insel ganz im Süden der Philippinen. Dort lebte die Volksgruppe der Mananwa schon, lange bevor der erste spanische Eroberer seinen Fuß in das Land setzte. Doch seit einem halben Jahrhundert ist Mindanao Schauplatz eines bewaffneten Konflikts zwischen muslimischen Rebellen und der Armee. Die Mananwa hatten Angst, in den Strudel der Gewalt hineingezogen zu werden. Manche suchten deshalb ihr Heil in der Flucht – eine Odyssee mit ungewissem Ausgang.

Raketenstart in die Zukunft

„Als wir sie das erste Mal trafen, haben sie kein Wort geredet“. (Foto: Lorenz Töpperwien)

„Als wir sie das erste Mal trafen, haben sie kein Wort geredet“, sagt Ken Cacao. Für die Kindernothilfe koordiniert er die Hilfsmaßnahmen nach den verheerenden Zerstörungen durch den Taifun Haiyan 2013. Auch die Mananwa-Familien waren betroffen. Vor fünf Jahren lebten sie noch in einer abgelegenen Siedlung im hügeligen Hinterland von Marabut. Ein Streit mit einem Dorfbewohner zwang sie, wieder hinunter in die Ebene zu ziehen.

Seither geht es bergauf mit ihnen. Das hat vor allem mit der Selbsthilfegruppe zu tun, die die Frauen der Gemeinschaft gründeten. Die wirkte wie ein Raketenstart in die Zukunft. Unter der Anleitung des Kindernothilfe-Partners PKKK (die philippinische Abkürzung steht für „Nationale Koalition der Landfrauen“) entdeckten sie etwas, wovon sie vorher keinerlei Vorstellung hatten: ihre Rechte. Sie erkannten den Wert von Bildung. Und sie hörten auf, sich minderwertig zu fühlen und unsichtbar zu machen, wenn andere in ihre Nähe kamen.

Und siehe da, man hört ihnen zu. Der Bürgermeister von Marabut stellte ihnen Land zur Verfügung, zum Wohnen und für die Feldarbeit. Und nicht nur das – sie hatten bei der Auswahl des Grundstücks sogar ein Mitspracherecht. Es liegt nicht weit von der Stadt entfernt. Früher wäre das ein Grund zur Vorsicht gewesen, heute erleichtert die stadtnahe Lage die Organisation des neuen Lebens. So kommen die Mananwa erstmals in den Genuss der öffentlichen Gesundheitsversorgung und müssen nicht wie bisher auf ihre Kräutermedizin vertrauen. Auch Ehen mit Partnern außerhalb der Familiengemeinschaft sind jetzt denkbar.

Padayon – „Weiter so“!

Sie haben allen Grund zum Lachen: die Frauen der Selbsthilfegruppe aus dem Mananwa-Dorf in Lohero. (Foto: Lorenz Töpperwien)

Aber wer verhandelt mit dem Bürgermeister? Mit dem lokalen Amt für Landwirtschaftsfragen? Mit den Gesundheitsdiensten? „Wir!“, sagen die Frauen wie aus einem Mund. Sie sind nicht mehr sprach- und rechtlos. Die Selbsthilfegruppe ermutigt sie, selbstbewusst ihre Interessen zu vertreten. In nur vier Jahren haben sie das Kunststück fertiggebracht, sich und ihre Familien erfolgreich zu integrieren – nachdem sie ein halbes Jahrhundert lang versucht hatten, bloß nicht aufzufallen. Sie sind zu Recht stolz auf das Erreichte. Und sie können wieder lachen. Padayon – „Weiter so“!

Willkommen sein, das Gefühl kannten die Mananwa lange Zeit nicht. Als Angehörige einer kleinen Volksgruppe gehören sie auf den Philippinen zu den Außenseitern. Für einige Mananwa-Familien, die seit drei Generationen versuchen, auf der Insel Samar Fuß zu fassen, ändert sich das gerade: Sie hab[...]

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Kältewelle in den Andendörfer in Peru

Während Europa in den Sommermonaten eine extreme Hitzeperiode erlebte, litten ganze Andenregionen unter einem ungewöhnlich harten Winter – und hatten kaum Möglichkeiten, sich vor den wochenlangen Eisestemperaturen zu schützen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige. Die Folgen: Erkrankungen, fehlende Medikamente, Schulausfall. Wie immer leiden besonders die Kinder unter der Kälte.

 

Die Kältewelle in den peruanischen Hochanden stellt die Bauern vor existentielle Probleme. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Rund 3.500 Meter hoch liegen die Dörfer der Gemeinden Pampachiri, San Miguel de Chaccrampa und Tumay Huaraca in der peruanischen Hochandenprovinz Andahuaylas. Die Menschen dort sind niedrige Temperaturen gewohnt. Doch in diesem Winter fiel das Thermometer über Wochen auf bis zu minus acht Grad. Besonders nachts und in den frühen Morgenstunden war es klirrend kalt.

 

Die Witterung verschärft die Armut, in der die Bauernfamilien leben. Gerade unter Klein- und Grundschulkindern sind Mangelernährung und Blutarmut weit verbreitet. Derart geschwächt, hatten sie den Minustemperaturen wenig entgegenzusetzen. Dazu kommt, dass es in vielen Familien schlicht an warmer Kleidung fehlt. Auch bieten die Hütten und Behausungen mit ihren Strohdächern und Mauern aus Stein und Lehm keinen ausreichenden Schutz vor der Kälte. Öfen gibt es keine, allenfalls Feuerstellen zum Kochen. Die Schulräume sind ebenfalls ungeheizt.

Die Kältewelle hat zu einer massiven Zunahme von schweren Erkrankungen bei Kleinkindern geführt, bis hin zu Lungenentzündungen. Das ist umso gefährlicher, als die Gesundheitsversorgung in der Region zu wünschen übrig lässt. Angesichts dessen hat sich unser Partner „Paz y Esperanza“ entschieden, eine Humanitäre-Hilfe-Aktion im Umfang von knapp 10.000 Euro zu starten, bei der es darum geht, besonders die Kinder der betroffenen Gemeinden mit warmer Kleidung, Schuhen, aber auch mit Medikamenten und proteinreichen Lebensmitteln zu versorgen.

Öfen gibt es in den einfachen Behausungen keine, allenfalls Feuerstellen zum Kochen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Diese Maßnahmen sind bereits angelaufen. Zusätzlich ist vorgesehen, mit den lokalen und regionalen Behörden einen Plan zur dauerhaften Ernährungssicherung zu entwickeln. Erneuerbare Energien und natürlichen Ressourcen sollen dabei helfen, die Felder der Bauern unter anderem vor Frost- und Hagelschäden zu schützen.

Während Europa in den Sommermonaten eine extreme Hitzeperiode erlebte, litten ganze Andenregionen unter einem ungewöhnlich harten Winter – und hatten kaum Möglichkeiten, sich vor den wochenlangen Eisestemperaturen zu schützen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige. Die Folgen: Erkrankungen, fehlende [...]

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8. September 2018

Nicht mit uns! Mittelamerikanische Musikerinnen wehren sich gegen den Machismo (Teil 1)

In Guatemala sind frauenverachtende Politik und sexualisierte Gewalt „normal“. Doch immer mehr Frauen wehren sich, darunter Künstlerinnen, die sich mit ihrer Musik humorvoll und mitreißend dagegen auflehnen.

Frauen gegen Machismo (Marcela Lara)

Guatemala City. Ein kleines Café in einer der touristischen Ausgehzonen der guatemaltekischen Hauptstadt. An einem der Tische breitet sich eine junge Frau aus, blumig-gepunktetes Shirt, rundes Gesicht, Piercings an den Lippen, große auffällige Brille. Rebeca Eunice Vargas, Jahrgang 1984. Eine guatemaltekische Rapperin, bekannt unter dem Namen Rebeca Lane. Mehrere Termine hat sie an diesem Tag im Café verabredet. Zu Hause bei ihr ist dafür kein Platz, und sie hat weder ein eigenes Büro noch Studio.

Rebeca Lane lebt zusammen mit ihrem Mann Zaki und ihren zwei Katzen in einer Mietwohnung in einem Hinterhaus ein paar Straßenblöcke vom Zentralplatz Guatemala Citys entfernt. Der lange schlaksige Zaki ist ebenfalls Rapper und kommt aus dem Nachbarland El Salvador.

Am Morgen danach verabschieden sich Rebeca und Zaki von ihren Katzen und packen einen Stapel gerahmter Familienfotos ins Auto. Die Reise beginnt, Ziel ist die Bergstadt Quetzaltenango. Dort will Rebeca mit einem Frauenfilmkollektiv ihren nächsten Videoclip zum Song Alma Mestiza produzieren. Am Stadtrand steigen die Stylisten Danilo und Jefersson dazu. Das Auto ist völlig überfüllt und auch die Straßen. Die vier stört das nicht. Sie unterhalten sich angeregt über die kommenden Dreharbeiten, über Banalitäten und Weltpolitik. Noch am Abend treffen sie die Produzentinnen des Clips und beginnen im Innenhof mit einer Einstimmung auf den gemeinsamen Produktionsprozess mit Elementen aus Zeremonien der Mayakulturen. Quetzaltenango gehört zu den Städten mit überwiegend indigener Bevölkerung.

Am nächsten Tag beginnt die Produktion. Mehr als zehn Frauen und Mädchen sind mit am Set, werden im Clip auftreten. Danilo und Jeferson schminken im Innenhof erst aufwändig Rebeca, danach alle weiteren Frauen. Unter ihnen ist Alejandra Zapata, eine der Tänzerinnen im Videodreh. Alle Frauen werden zur Probeaufstellung in den Aufnahmeraum gebeten. Ein farbenfroh gestaltetes Wandbild ist dort als Filmkulisse gemalt in dessen Zentrum eine Gesichtshälfte von Rebeca mit der Hälfte eines Pumas zusammenfließt. Die älteste Darstellerin, eine Mayafrau, stellt überall Kerzen auf und lädt zu einer weiteren Zeremonie ein. Dieses Mal hinter verschlossener Tür nur für direkt am Dreh Beteiligte. Zaki und die Stylisten bleiben im Innenhof.

Alma Mestiza, die Mestizen Seele, so heißt das Stück, für das der Videoclip gedreht wird. Ein Stück, in dem sich Rebeca auf die Anteile ihrer indigenen Herkunft besinnt, und über indigene kulturelle, spirituelle Weltanschauungen reflektiert und sich in dieser Vielfalt einzuordnen sucht. Damit stellt sie sich dem Rassismus der Mehrheitsbevölkerung gegen die Menschen indigener Herkunft entgegen.

In der Drehpause debattieren einige der Frauen über die beeinflussende Kraft der Musik auf das alltägliche Leben. Alejandra macht die mittelamerikanische Mainstreammusik für die in der Gesellschaft vorhandene frauenverachtende Grundhaltung mitverantwortlich.

Este cuerpo es mio – Mein Körper gehört mir

Rebeca Lane (Foto: USC Visions&Voices)

„Estos ojos son míos – este cuerpo es mío – esta vida es mía – ni tus golpes ni tus palabras me lastiman. Este vientre es mío – estos pies son míos – esta boca es mía – ni tus golpes ni tus palabras me lastiman.“ (Das sind meine Augen, ist mein Körper, ist mein Leben. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich. Es ist mein Bauch, sind meine Füße, ist mein Mund. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich.)

Rebeca Lane: Mein Körper gehört mir hab ich geschrieben, weil ich zwei gewalttätige Beziehungen hatte. Im Stück erzähle ich davon, wie ich aus dieser Beziehung raus kam. War nicht einfach. Viele Frauen hier in Guatemala bringt so eine Beziehung letztlich um. Nur wenige schaffen es, sich zu trennen. Deswegen wollte ich im Lied davon erzählen. Viele denken man könnte einfach sagen: Meine Beziehung ist gewalttätig, er schlägt mich, ok, da gehe ich. Doch so läuft das nicht.

Rebeca erzählt von ihrer ersten gewalttätigen Erfahrung als junges Mädchen. Schon als 10-jährige wurde sie auf dem Heimweg von der Schule im Schuluniformrock das erste Mal von einem Mann betatscht. Dann später die gewalttätige Beziehung: Er war zweieinhalb Jahre lang mein Freund. Es fing an mit Beleidigungen, mit übler Behandlung und damit, dass er mich nicht mit anderen reden ließ, mich darin einschränkte, was ich anziehen sollte und bestimmte, mit wem ich ausging und wer mit mir reden durfte. Dann folgten Schläge und sexualisierte Gewalt. Ich war 15 und verstand das damals alles nicht. Aber er war 21, war erwachsen und wusste, was er tat. Ich dagegen wusste nicht was da passierte. Sexualerziehung gab es für uns nicht. Ich wusste nicht, was ich da machte.
Mit 17 Jahren war Rebeca schwanger: Ich habe abgetrieben, obwohl es in Guatemala illegal und extrem riskant war. Heute denk ich: was ein Glück, dass ich das überlebt habe. Aber damals hatte ich keine Informationen. Wusste nur: ich will das Kind nicht. Auch wenn es verrückt klingen mag: ich war darauf nicht vorbereitet! Hatte keine Ahnung, wie ich hätte verhüten können. Und der Person, mit der ich zusammen war, war es ziemlich egal, wie es mir mit meinem Körper ging. Vermutlich dachte er, durch die Schwangerschaft könne er mehr Besitz von mir ergreifen. Das waren zwei schwierige Jahre. Aus dieser Beziehung rauszukommen habe ich nur durch eine starke innere Kraft geschafft. Mir war klar: so geht es nicht weiter! DAS will ich nicht!

Rebeca Lane ist 1984 geboren. Ihre ersten 12 Lebensjahre herrschte Krieg in ihrem Land. Ein Bürgerkrieg, der insgesamt 36 Jahre dauerte. Gut 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben, Hunderttausende flüchteten. Tausende verschwanden gewaltsam. Auch Rebecas Tante. Sie war Guerillera und Poetin. 1991 ließ sie das guatemaltekische Heer verschwinden.

Rebeca Lane fing 2011 mit Rap an. Damals schrieb sie viele Gedichte und hörte viel Rap. Nach und nach bekamen ihre Verse Rhythmen, sie packte ihnen spezielle Musik bei. So fing sie an, die Gedichte rhythmisch zu gestalten. Dass daraus dann Rap wurde, lag daran, dass ihr jemand ein Instrumentalstück gab und sagte, sie solle doch darauf ihr Poesie packen. Heute rappt Rebeca Lane nicht nur über Gewalterfahrung. Sie will Grenzen setzen. Und sie will Mut machen, sich als Frau zu wehren: Als ich mit dem Singen anfing, wurden wir Rapperinnen in Guatemala als weibliche Rapper bezeichnet. Das hat mich genervt, denn damit sollten wir von der eigentlichen Hip Hop Szene abgetrennt werden. So im Sinne von: hier läuft der Hip Hop und ihr seid was anderes, seid femininer Hip Hop. Damit wurde eine Trennung markiert zwischen den Männern und uns. Eines meiner ersten Lieder war dann “Bandera negra”, die schwarze Fahne. Im Chor singe ich da: Mein Rap ist nicht weiblich sondern feministisch. Mir war wichtig, mich mit diesem Stück zu positionieren. Ich war schon Feministin, bevor ich zu rappen anfing. Alles was ich dann in dieser ersten Zeit mit meinem Schreiben ausprobierte, war sehr feministisch. Meine Stücke spiegelten die Diskussionen wieder, die mir durch den Kopf gingen, die ich mit Freundinnen, aufgrund meines Körpers und meiner Geschichte und meinen ureigenen Erfahrungen führte. Es war neu im Rap all das zu thematisieren, was es bedeutet Frau zu sein in Guatemala und Zentralamerika.

Im Frühsommer 2018 ist Rebeca Lane zum 4. Mal in Europa unterwegs und erstmals nicht mehr allein von Solidaritätsgruppen organisiert, sondern mit professionellen Bookern. Auf die Frage, ob sie gerne auch in ihrer Heimat bekannter sein würde, antwortet sie sehr zögerlich: Manchmal wünsch ich mir, ich würde in Guatemala mehr gehört, und manchmal macht mir genau das Angst. Hier gibt es viele gewalttätige Menschen oder sehr rassistische. Menschen die ungestört straffrei agieren können und sehr extreme Positionen einnehmen in ihrer Nichtakzeptanz von Diversität. Bedauerlicherweise ist mit der jetzigen Regierung die Trennung zwischen einem laizistischen und einem religiösen Staat etwas verloren gegangen und extreme religiöse Positionen haben Oberwasser und können straffrei agieren. Manchmal macht mir der Gedanke Angst, dass ich hier gehört werde und irgendein Fanatiker, ein machistischer, ein religiöser, ein konservativer und gewalttätiger mich dann auf einem der Auftritte angreifen will. So gerne ich das hätte, mehr gehört zu werden: es macht mir tatsächlich auch Angst.

Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut

Vicky Romero & Alejandra Zapata (Foto: Chordify)

Alejandra Zapata: Auszugehen ist für eine Frau sehr kompliziert. Wir müssen dabei schauen, wer ist auf der Straße unterwegs und wir müssen immer auf der Hut sein. Ich bin immer sehr ängstlich. Wenn man rausgeht, weiß man nie, ob man wieder zurückkommt, oder wie man zurückkommt. Aber man kann ja auch nicht immer nur zu Hause bleiben. Was heute am meisten gehört wird ist Reggaeton oder Rancheras. Eine dermaßen machomässige Musik. Frauen sind Sexualobjekte und werden darin runtergemacht. Zufällig habe ich so ein Musikvideo gesehen, darin schlägt der Mann die Frau. Die Frau kommt dann zu ihm zurück und bittet um Verzeihung. Solche Bilder laufen im Fernsehen. Jeder kann sie sehen. Wenn da ein Junge zuschaut, bleibt bei ihm hängen: Ich kann die Frau verprügeln und sie kommt dann zu mir zurück und bittet mich um Verzeihung. Das nervt. Es ist traurig, dass man hier solche Dinge hören und sehen kann. Nach ihrem Erfolg mit Bandera negra schrieb Rebeca etliche weitere Stücke, in denen sie sich gegen die machistische Alltagsgewalt stark macht, wie „Ni una menos!“ (Keine weniger!). Es entstand aus einer Wut: Viele Frauen erzählten darin von ihren Erfahrungen und wann sie das erste Mal von machistischer Gewalt angegriffen wurden. Das zu lesen war heftig. Bei einigen ging das schon mit 3 oder 4 Jahren oder dann mit 10 oder 12 los. Rebeca hatte viele der Briefe gelesen aus dem 2016 initiierten Hashtag-mi primer acoso, meine erste Belästigung. Anfang April 2016 mobilisierten Frauen in Mexiko zu landesweiten Demonstrationen unter dem Motto „ni una menos“ gegen die Frauenmorde. Parallel dazu startete der Hashtag – mi primer acoso – in dem in Windeseile tausende Frauen über die ersten sexuellen Belästigungen, Übergriffe und Misshandlungen gegen sie berichteten.

Deswegen gefällt Alejandra Rebecas Musik, in der sie Gewaltszenarien beschreibt und Frauen aufruft, sich dagegen zu wehren: Es sind Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut. Und darüber könnten sich Männer und aber auch machistisch geprägte Frauen langsam aber sicher verändern.

Bei Live-Auftritten singen die Frauen lauthals mit, wie in der Nacht der Mondfrau Anfang März auf dem Vorplatz des guatemaltekischen Staatstheaters: So viele Frauen wurden von ihren Partnern ermordet, und niemand macht etwas dagegen. So viele Menschen beschuldigen uns. Und es gibt so viele Anzeigen, aber niemand hört sie. Wir wollen keine weitere Frau in diesem Kampf verlieren. Löse dich aus der Gefangenschaft und brich das Schweigen gegen diese Liebe die in deiner Brust festsitzt und dich davon abhält, als Kämpferin deinen Körper zu verteidigen! Wir wollen sie lebend! Keine Weniger! Wir wollen sie lebend!

Gewalt gegen Frauen in Guatemala

Die letzte Untersuchung der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Frauen in Guatemala resümierte, dass Guatemala ein Land mit einer der höchsten Frauenmordrate weltweit ist und 3 von 5 Frauen Gewalterfahrungen erlebt haben. Und Untersuchungen nationaler Nichtregierungsorganisationen schlussfolgern, dass innerfamiliäre und häusliche Gewalt alltäglich ist. Im Büro der GIZ, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit stellt Argelia Chilín Arbeitsmaterialien zusammen. Sie koordiniert ein Programm mit Titel: Cartas de mujeres, Briefe von Frauen: Dabei werden Frauen eingeladen, über erlebte Gewalt in unterschiedlichen Lebensetappen zu schreiben. Es ist eine befreiende Übung. Sie verhilft dazu, das Schweigen über Gewaltverbrechen gegen Frauen und auch Mädchen aufzubrechen.

Bisher führen sie dieses Programm in den nördlichen Regionen des Landes durch, im Quiché und Alta sowie Baja Vera Paz. Argelia Chilín: Achtzig Prozent sind dort Indigene und vielleicht 20 Prozent Mestizen. Wir arbeiten in diesen 3 Departments in den lokalen Sprachen. Die Frauen schreiben und die Analphabetinnen unter ihnen malen anonym. Die Auswertung dieser Briefe ermöglicht uns die verschiedenen Gewaltformen, die Tatorte, das jeweilige Umfeld und Alter zu identifizieren.

Durch Übermittlung der allgemeinen Untersuchungsergebnisse an staatliche Stellen, erhofft sich Argelia Chilín wirksamere Präventivmaßnahmen. Vor allem aber auch den Ausbruch aus dem vermeintlich „Normalen“: Da spielen Verhaltensweisen, Gewohnheiten eine Rolle. Ich will es nicht Kultur nennen. Manchmal wird gesagt: Gewalt sei Teil einer Kultur. Nein. Es sind Verhaltensweisen und Einstellungen, die schon den Kleinsten zu Hause beigebracht werden. Oft spielte ein aggressiver Vater eine Rolle und der Alkohol: der Alkoholiker, der seiner Familie Gewalt antut. Davon erzählen viele Briefe. Und sie rechtfertigen in gewisser Weise damit sein Verhalten. Der Alkohol ist schuld! … Um der Gewalt Einhalt zu gebieten muss diese als erster Schritt als solche anerkannt werden. Und zwar von der Überlebenden der Gewalt, um dann überhaupt erst dagegen handlungsfähig zu werden. Für sich selbst als Frau und für ihre Kinder. Für bessere Lebensbedingungen.  

 

Ein Feature von Erika Harzer, zuletzt ausgezeichnet mit dem Peter Scholl-Latour Preis 2016.

In Guatemala sind frauenverachtende Politik und sexualisierte Gewalt "normal". Doch immer mehr Frauen wehren sich, darunter Künstlerinnen, die sich mit ihrer Musik humorvoll und mitreißend dagegen auflehnen. Guatemala City. Ein kleines Café in einer der touristischen Ausgehzonen der guatem[...]

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29. August 2018

“Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.” *

Geburtsurkunde, Führerschein, Reisepass … Dokumente, mit denen wir uns ausweisen können, sind für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit, und sie nicht zu besitzen, ist nur schwer vorstellbar. Doch leider ist genau das die harte Realität für ca. 10 Millionen Menschen rund um den Globus (Schätzung der UN Refugee Agency, UNHCR). Sie sind staatenlos, können kein Land offiziell als ihre Heimat bezeichnen und verfügen über kein Zeugnis ihrer Identität bzw. keinen Nachweis ihrer Existenz. In den meisten Fällen gab es diese einfach nie und wird es auch nie geben. Dieser Umstand bewirkt, dass sich Staatenlose praktisch im “rechtsfreien Raum” befinden. Sie werden durch nationale Gesetze nicht ausreichend geschützt, da kein „rechtlicher Bund zwischen einem Staat und dessen Gesetzen und einer Einzelperson“ besteht, der „politische, wirtschaftliche, soziale und andere Rechte und Pflichten von Staat und Bürger umfasst“ (Übereinkommen über die Rechtsstellung der Staatenlosen, 1954, UNHCR).

Staatenlosigkeit ist nicht einfach nur eine abstrakte Theorie

Ganz im Gegenteil, das Fehlen der Staatszugehörigkeit ist mit erheblicher Beeinträchtigung der Chancen und Handlungsmöglichkeiten im Leben verbunden. Für viele bedeutet es eine Beschneidung ihrer Rechte auf Bewegungsfreiheit, Eigentum und politische Teilnahme, einen unzureichenden Zugang zu grundlegenden staatlichen Sozialleistungen und medizinischer Basisversorgung sowie zu Bildung und Arbeitsmarkt. Und nicht zuletzt ist „Staatenlosigkeit ein Seinszustand, ein Bewusstheitszustand. Es ist die menschenunwürdigste Einschränkung, die ein Mann, eine Frau oder ein Kind erfahren kann“ (Scott Norman, Kindernothilfe-Partnerorganisation BAAN DOI, Thailand).

Staatenloser, der im Grenzfluss zwischen Myanmar und Thailand fischt. (Foto: Guido Brüggen)

Thailands Staatenlose

Im südostasiatischen Länderdreieck Thailand – Laos – Myanmar  ist das Problem der Staatenlosigkeit besonders stark verbreitet. Vor allem in den Bergen der nordthailändischen Provinz Mae Hong Son leben ethnische Minderheiten, die aufgrund ihrer Herkunft staatenlos sind. Rund 500.000 von ihnen besitzen keine Dokumente, die beweisen, dass sie oder ihre Eltern in Thailand geboren wurden. Zudem kommen Einwanderer aus Laos und Myanmar, die aufgrund der politischen oder wirtschaftlichen Situation ihre Heimatländer verlassen haben. Da sie keine thailändischen Bürger sind und weder auf die normalen Dienstleistungen noch die Unterstützungen des Staates hoffen können, sind sie meist von extremer Armut und Hoffnungslosigkeit betroffen. Am schlimmsten ist die Situation für die Kinder, die durch die starke Verbreitung von HIV/AIDS in Thailand ihre Eltern verloren haben und gleichzeitig staatenlos sind. Laut Schätzungen der UNIDAS leben derzeit in ganz Thailand 440.000 Menschen mit HIV, davon mehr als 8.000 Kinder bis 14 Jahre.

Lösungsansätze

In den letzten Jahren hat sich sowohl auf Regierungsebene als auch im nichtstaatlichen Organisationsbereich ein verstärktes Bewusstsein entwickelt, prekären Situationen entgegenzuwirken. 2005 wurde eine rechtliche Grundlage für die Beantragung der thailändischen Staatsbürgerschaft mit der „National Strategy on Administration of Legal Status and Rights of Persons“ erarbeitet, 2008 kam es zu weiteren Gesetzesnovellierungen. Zusätzliche Initiativen beschäftigen sich mit der Vereinfachung des Anerkennungsprozesses für Kinder im Schulalter und besonders Schutzbedürftigen sowie einem leichteren Zugang zu Gesundheitswesen und Bildung (UNHCR).

Im „Kinderhaus am Schönen Berg“ bekommen staatenlose Waisen medizinische Versorgung. (Foto: Baan Doi)

BAAN DOI – Das Kinderhaus am Schönen Berg

Seit 2008 nimmt sich die Nichtregierungsorganisation BAAN DOI in Mae Sai, der nördlichsten Stadt Thailands im goldenen Dreieck an der Grenze zu Myanmar und Laos, der Waisen der Region an. Mit dem Ziel, diesen benachteiligten Kindern eine gesunde Entwicklung und gute Bildung zu ermöglichen und ihnen damit die Chance auf Selbstbestimmung und finanzielle Eigenständigkeit zu geben. Unter der Obhut der Salzburgerin Barbara Meisl und ihrem Team finden Mädchen und Buben, die keine Angehörigen mehr haben, wieder eine Familie und ein Zuhause im „Kinderhaus am Schönen Berg“. Und – was besonders wichtig ist – einen geregelten Tagesablauf, medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Ausbildung. „Bei uns erfahren die Kinder wieder Sicherheit und Zusammenhalt und haben Menschen um sich, die sie so lieben, wie sie sind. Ohne Berührungsängste“, betont die Projektleiterin.

 

 

Weitere Informationen zum Projekt „Thailand: Kinderhaus am schönen Berg“

 

* Menschenrechtserklärung von 1948

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