Spendenshop Suche
Jetzt spenden Pate werden

KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

13. Februar 2021

Radio macht Schule

Die achtjährige Leyla sitzt mit 45 anderen Mädchen und Buben unter einem riesigen, schattenspenden Marula-Baum. An den Baumstamm ist eine Schultafel gelehnt, daneben steht ein kleines solarbetriebenes Plastikradio. Ein junger Mann hantiert geschickt mit der Antenne bis er die richtige Frequenz gefunden hat und eine Stimme auf Englisch den Unterrichtsbeginn ankündigt. Die Augen der Kinder beginnen zu leuchten und sie lauschen gebannt.

Eine halbe Stunde lang gibt das Radio dem Lehrer detaillierte Instruktionen: „Schreiben Sie die Zahl ’10‘ an die Tafel“ oder „Holen Sie einen Schüler nach vorne.“ Sie sind sehr hilfreich für Leylas Lehrer, der selbst keine entsprechende Ausbildung hat. Wie übrigens so viele andere Lehrer in den ländlichen Gebieten Sambias, wo studierte Fachkräfte eine Seltenheit sind.

Radio sichert das Kinderrecht auf Bildung

Überall und jederzeit verfügbar, ist Radio laut UNESCO das meistgenutzte Medium der Welt und eine Plattform für Meinungsvielfalt, Information und Unterhaltung. Und seit mittlerweile 110 Jahren ein weltweiter Wegbegleiter im Alltag. In den ärmsten Regionen der Welt stellt es zusätzlich eine notwendige Schulunterrichtsvoraussetzung dar und sichert so benachteiligten Mädchen und Buben ihr Recht auf Bildung. Wie eben in der dünn besiedelten Chikuni Region, südöstlich von Sambias Hauptstadt Lusaka. Für die meisten Kinder aus sehr armen Familien ist es kaum möglich, eine reguläre, öffentliche Schule zu besuchen, denn sie leben oft bis zu 50 Kilometer entfernt. Ein viel zu weiter Fußmarsch, auf dem viele Gefahren lauern. Besonders Mädchen riskieren Entführungen und Vergewaltigungen. Zudem müssen viele von ihnen bereits auf dem Feld arbeiten, um die bittere Armut ihrer Familien zu lindern.

Für diese Kinder betreibt der Kindernothilfe-Partner Chikuni Mission sogenannte Radioschulen und strahlt täglich vorproduzierte Schulfunkprogramme bis in die entlegensten Dörfer der Region aus. Die Kinder versammeln sich in Gemeinderäumen oder im Freien und folgen dem Radiounterricht in ihrer Sprache Tonga unter Anleitung freiwilliger Leher*innnen. Diese helfen ihnen auch beim Erarbeiten des jeweiligen Lernstoffes. Dabei werden die Kinder bis zur siebten Klasse unterrichtet und absolvieren die staatlichen Prüfungen am Ende jedes Schuljahres. Durch die enge Zusammenarbeit der Chikuni Mission mit dem Bildungsministerium von Sambia lassen sich die Erfolge sehen. Viele der Chikuni-Radioschüler erreichen bei den staatlichen Tests gute Ergebnisse, manche sogar landesweit herausragende.

Lernen fürs Leben

Über die Beiträge, die sie täglich gemeinsam über das Radio empfangen, lernen die Mädchen und Buben Inhalte aus den wichtigsten Schulfächern. Mathematik, Lesen, Schreiben, Naturwissenschaften und Technik stehen auf dem Programm. Eine Einheit ist etwa 50 Minuten lang und behandelt ein spezielles Thema. In der Radioschule gibt es aber nicht nur die „klassischen Fächer“. Agrarforstwirtschaft und vor allem effektiver und nachhaltiger Anbau sind ein zentraler Bestandteil des Lehrplans. Das ist besonders wichtig, um gegen die Gefahren des Klimawandels und kommende Dürreperioden besser gewappnet zu sein. Spielerisch erfahren die Schüler*innen zum Beispiel, welche Pflanzen besonders geeignet sind für den Boden vor Ort. Oder wie man sich um die Setzlinge kümmert und wie man richtig erntet. Sie lernen auch, welche Trinkwasserquellen sicher sind und welche Methoden helfen, Wasser zu sparen und sinnvoll einzusetzen.

Bevor sich Leyla gegen 14h wieder auf den Weg nach Hause macht, sagt sie noch stolz: „Jetzt kann ich meinen Eltern zeigen, was ich gelernt habe und sie so unterstützen.“ Die Achtjährige möchte einmal ihren eigenen kleinen Garten haben, wenn sie groß ist.

In meinem Garten wird alles gut wachsen, weil ich hier gelernt habe, wie das geht.

Leyla, 8, Sambia

Ohne Radio geht es nicht

Das Radio wurde schon öfter totgesagt – zuerst durch das Fernsehen, dann durch das Internet. Doch bis heute erreicht es weltweit sechs Milliarden Hörer täglich und bleibt damit das reichweitenstärkste Medium. Ohne Radio wären Millionen von Menschen von Nachrichten ausgeschlossen, denn in vielen Regionen sind lokale Rundfunkstationen die einzige Informationsquelle.

Mit dem Welttag des Radios, der seit 2012 jährlich am 13. Februar stattfindet, möchte die UNESCO auf die Bedeutung dieses Mediums aufmerksam machen.

Die achtjährige Leyla sitzt mit 45 anderen Mädchen und Buben unter einem riesigen, schattenspenden Marula-Baum. An den Baumstamm ist eine Schultafel gelehnt, daneben steht ein kleines solarbetriebenes Plastikradio. Ein junger Mann hantiert geschickt mit der Antenne bis er die richtige Frequenz gef[...]

weiterlesen
11. Februar 2021

Lesbos: Sicherheit und Würde für Geflüchtete

Noch nie in der Geschichte waren so viele Menschen auf der Flucht wie 2020: Über 80 Millionen! Fast die Hälfte dieser Vertriebenen, Verfolgten, vor Kriegen und den Auswirkungen des Klimawandels Geflohenen sind Kinder und kommen zu 70% aus gerade mal sechs Ländern: Syrien, Venezuela, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Äthiopien (UN-Flüchtlingskommissariat). Die ohnehin dramatische Situation von Menschen auf der Flucht, die ohne schützende, solidarische Strukturen wie Familien oder communities aller Art sind, wurde im letzten Jahr durch Covid-19 weiter verschärft – und führte zu einem dramatischen Anstieg um zehn Millionen Menschen – fast 15 Prozent – im Vergleich zu 2019! Welch erbarmungsloser und zynischer Brutalität durch staatliche Institutionen sie dabei oft ausgesetzt sind, zeigt die Geschichte der Menschen aus dem griechischen Camp Pikpa Ende 2020.

Menschen machen sich für Pikpa stark (Foto: Kindernothilfe)
Menschen machen sich für Pikpa stark (Foto: Kindernothilfe)

Auf die „Operation“ am 30. Oktober 2020 war niemand vorbereitet: Schwarz maskierte Spezialkräfte der griechischen Polizei rückten im Morgengrauen dieses Freitags in das auch von Kindernothilfe unterstützte Schutzzentrum Pikpa-Camp in Mythilini auf der Ägäis-Insel Lesbos ein. Wie unser Partner Lesbos Solidarity berichtete, riegelte ein Teil der Polizei-Sondereinheiten das Areal am Rand der Inselhauptstadt ab. Mitarbeitende, Psychologen, Anwälte und medizinisches Personal hatten auf diese Weise keinen Zutritt mehr zum Lager. Währenddessen holten andere Uniformierte die Bewohner aus den kleinen Häusern und Unterkünften des Camps. Rücksichtslos zwangen sie die geschockten und völlig verängstigen Menschen – darunter 32 unbegleitete Kinder – in die bereitgestellten Busse. Eine Person brach während der Polizeiaktion unter Stress zusammen und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Eine Karikatur von der Räumung des Pikpa Camps durch einen griechischen Minister (Quelle: Yorgos Konstaninou)
Karikatur des griechischen Künstlers Yorgos Konstantinou zur Räumung des Pikpa Camps

Seit 2012 bot das Pikpa-Camp, das hauptsächlich durch Ehrenamtliche – darunter viele Freiwillige aus der ganzen Welt – betreut wurde, mehr als 30.000 besonders gefährdeten Geflüchteten ein würdiges, humanes Zuhause auf Zeit. Fast alle waren sie zuvor in Moria gewesen, dem berüchtigten, im September 2020 abgebrannten Elendslager, „überwiesen“ von den Behörden und der Lagerverwaltung an Lesvos Solidarity: Mütter mit kleinen Kindern, Schwangere, Menschen mit Behinderung, Schwertraumatisierte und Opfer von Folter. Sie alle fanden in Pikpa Sicherheit und engagierte Betreuung.

Pikpa, das würdige, humane Zuhause auf Zeit – zerschlagen

Auslöser für die Polizeiaktion war ein Räumungsbefehl von Notis Mitarakis, dem griechischen Minister für Migration und Asyl. Seine Begründung: Es sei administrativ einfacher, Geflüchtete in Großlagern zu versorgen – als in mehreren kleineren Camps. Allerdings wird von diversen zivilgesellschaflichen Organisationen vor Ort ein anderer Grund vermutet: dem Eingreifen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zuvorzukommen, bei dem Anwälte mehrerer der Kinder im Pikpa Camp gegen eine mögliche Räumung geklagt hatten.

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity, umarmt ein Kind (Quelle: Lesvos Solidarity)
Efi Latsoudi, die Gründerin unserer Partnerorganisation Lesvos Solidarity,  umarmt ein Kind, das Angst vor den Polizeikräften hat (Quelle: Lesvos Solidarity)

Das ist völlig inakzeptabel und absurd. Ein Zufluchtsort wie Pikpa wird gewaltsam geräumt, während die griechische Regierung und die anderen europäischen Staaten gleichzeitig ein menschenverachtendes Moria#2-Großlager mit seinen inhumanen und katastrophalen Lebensbedingungen installieren.

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity

Für seine engagierte und kreative Arbeit mit Geflüchteten erhält das Team von Lesvos Solidarity um Efi Latsoudi seit vielen Jahren breite Unterstützung und auch internationale Auszeichnungen, u.a. 2016 des Fridjof Nansen-Flüchtlingspreises durch den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR). In den dramatischen Wochen vor dem 30. Oktober erreichten Minister Notis Mitarakis wegen seiner Räumungsandrohung gegen Pikpa Petitionen und Appelle aus der ganzen Welt. Vergeblich!

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity, mit einem Kind im Pikpa Camp. (Quelle: LOUISA GOULIAMAKI/AFP via Getty Images)
Efi Latsoudi und Lesvos Solidarity erhielten für ihre Arbeit viele Auszeichnungen (Quelle: Louisa Gouliamaki/AFP via Getty Images)

Die Polizeikräfte brachten die Menschen aus dem Schutzzentrum zunächst in das alte Kara-Tepe-Lager – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Großlager, das die griechischen Behörden nach dem Brand in Moria aus dem Boden stampften. Allerdings droht auch Alt-Kara-Tepe in diesen Wochen die Räumung. Unter den Kindern und den Erwachsenen herrscht jetzt seit über drei Monaten panische Angst, am Ende doch in der neuen Zeltlagerstadt mit ihren katastrophalen Lebensbedingungen zu landen.

30.10.2020 – Ein schwarzer Freitag

„Was für ein Armutszeugnis für die Europäische Union – und was für eine Botschaft!“, so die Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz Ute Gniewoß, die sich seit 2014 als eine der internationalen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen regelmäßig im ehemaligen Schutzzentrum Pikpa engagierte. „Acht Jahre menschenfreundliche Arbeit, für viele bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit – in wenigen Stunden ausradiert, soll nicht mehr gelten, nicht zählen. Gilt aber trotzdem. Zählt trotzdem!“, schrieb sie am 30. Oktober entsetzt.

Ute Gniewoß mit einem Kind, das mit seiner Mutter im Pikpa-Projekt untergekommen war (Quelle: privat)
Pfarrerin Ute Gniewoß engagierte sich während ihrer Jahresurlaube für Geflüchtete auf Lesbos (Quelle: privat)

Wer militärisch organisierte Spezialeinheiten gegen Kinder und Frauen in Marsch setzt, zeigt, wo er steht: ganz sicher nicht auf der Seite von Demokratie und Menschenrechten

Carsten Montag, Programm- und Projektvorstand der Kindernothilfe

Was die griechischen Behörden, finanziert aus EU-Mitteln, den Geflüchteten – die Allermeisten von ihnen aus Syrien und Afghanistan – die es in den vergangenen Jahren von der türkischen Küste aus in Schlauchbooten auf eine der Ägäis-Inseln geschafft hatten, „anbieten“, ist eine Unterbringung in sogenannten Reception and Identification Centres. Das Berüchtigste ist das provisorische Zeltlager Kara Tepe (Schwarzer Hügel) außerhalb von Mytilini auf einem ehemaligen Schießplatz der Armee – direkt am Meer. Auch vier Monate nach seiner Eröffnung sind die Bedingungen für die 7.500 Schutzsuchenden unverändert katastrophal und inhuman. Leben in Eiseskälte in Sommerzelten, im Schlamm und Dreck, viel zu wenig chemische Toiletten, unerträgliche hygienische Bedingungen, nicht ausreichendes Essen.

Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos (Quelle: Picture Alliance)
Schlamm, Dreck und Sommerzelte – die Zustände im Lager Kara Tepe sind menschenunwürdig (Quelle: picture alliance/AP | Panagiotis Balaskas)

Die beiden österreichischen Journalisten Johannes Pucher und Michael Völker beschreiben Kara Tepe in einer an Weihnachten erschienen Reportage für den Standard in Wien mit den Worten: Ein „Schandfleck, ein Mahnmal für das Versagen der Europäischen Union, ein Hort der Unmenschlichkeit. Ein Zustand, den die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten offenbar bewusst in Kauf nehmen, um den Flüchtlingen zu demonstrieren: Das erwartet sie, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen…“

Corona drängt alles in den Hintergrund

Im Aufmerksamkeitsschatten der alles beherrschenden Nachrichten über die Corona-Pandemie ist das Elend der Geflüchteten jedoch kein allzu großes politisches Thema. Die Evakuierung selbst von kranken Kindern und ihren Familien aus Kara Tepe und anderen Lagern kam während des Winters nicht voran.

Was derartige Bedingungen in Kindern auslösen, schildern die wenigen medizinischen Mitarbeitenden von Humanitären Organisationen, die von den griechischen Behörden überhaupt noch in das umzäunte Lager gelassen werden: Dauerstress, ganz viele wiederkehrende Panikattacken, Albträume und schwere Depressionen – ganz abgesehen von ständigen Erkältungen, Bronchitis-Erkrankungen, Magen-Darm-Infektionen und Hautkrankheiten als Folge der katastrophalen hygienischen Bedingungen. Dazu das extrem hohe Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren.

Geldbörsen und Etuis, die Geflüchtete auf Lesbos aus alten Rettungswesten herstellen (Quelle: Lesvos Solidarity)
Geflüchtete auf Lesbos nähen aus ausgedienten Rettungswesten Taschen, Etuis und Geldbörsen (Quelle: Lesvos Solidarity)

Das Lesvos-Solidarity-Team war gezwungen, eine Vielzahl von neuen Strategien zu entwickeln, um den Kontakt zu allen Kindern und Müttern aus dem aufgelösten Pikpa Camp zu halten, sie weiter psychologisch und medizinisch zu begleiten sowie Rechtsbeistand zu bieten. Mit virtuellen Gruppentreffen während der Lockdown-Phase und per Online-Unterricht versucht das Team, den aus Pikpa Deportierten zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Zu diesem Ansatz gehört auch die Produktion von aus ehemaligen Schwimmwesten gefertigtem Kunsthandwerk mit einem eigenen Label: Safe Passage!

Noch nie in der Geschichte waren so viele Menschen auf der Flucht wie 2020: Über 80 Millionen! Fast die Hälfte dieser Vertriebenen, Verfolgten, vor Kriegen und den Auswirkungen des Klimawandels Geflohenen sind Kinder und kommen zu 70% aus gerade mal sechs Ländern: Syrien, Venezuela, Afghanistan, [...]

weiterlesen
8. Februar 2021

Impfstoffe fair verteilen – gemeinsam gegen das Virus

Als „Erfolg für die Wissenschaft“, aber als „Niederlage für die Solidarität“ beschreibt UN-Generalsekretär António Guterres das aktuelle Desaster um die weltweite Verteilung von Impfdosen. Nach und nach werden die lang ersehnten Impfstoffe gegen COVID-19 zugelassen. Doch die Impfdosen sind knapp und deshalb heiß begehrt. Reiche Länder verhandeln einzeln mit den Pharmakonzernen und sichern sich so den Löwenanteil. Viele ärmere Länder gehen dabei leer aus und haben auf absehbare Zeit keine Chance, ihre Bevölkerung flächendeckend zu impfen. Das verschärft die Hunger- und Bildungskrise, die die Pandemie vielerorts ausgelöst hat, und zerstört die Zukunft abertausender Familien. Von einer globalen Impfgerechtigkeit kann keine Rede sein. Dabei wird uns diese ungleiche Verteilung von Impfstoffen irgendwann allen zum Verhängnis!

Im Kindernothilfeprojekt Baan Doi im thailändischen Mai Sae stellen die Waisenkinder selbst Masken her. (Foto: Baan Doi)
Im Kindernothilfeprojekt Baan Doi im thailändischen Mai Sae stellen die Waisenkinder selbst Masken her. (Foto: Baan Doi)

Ungleiche Verteilung der Impfdosen

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden bisher 95 Prozent der Corona-Impfungen in nur zehn Ländern verabreicht. Dazu gehört auch Deutschland. Auf globaler Ebene gibt es einen regelrechten Wettlauf um den Zugriff auf die Impfstoffe. Vor allem ärmere Länder bleiben dabei auf der Strecke. Für Kinder und Jugendliche ist das besonders fatal: Sie laufen nicht nur Gefahr zu erkranken, sondern leiden auch unter den vielfältigen sozialen Folgeerscheinungen der Pandemie. Dazu gehören dauerhafte Schulschließungen, Hunger durch Verdienstausfall der Eltern, ein erhöhter Druck, selbst arbeiten zu müssen, und ein Anstieg der Gewalt durch Spannungen innerhalb der Familie.

„Wir sind der Meinung, dass der Impfstoff ein öffentliches Gut sein sollte“, erklärt EU-Ratspräsident Charles Michel.
„Wir sind der Meinung, dass der Impfstoff ein öffentliches Gut sein sollte“, erklärt EU-Ratspräsident Charles Michel.

Umso besorgniserregender ist, dass wenige reiche Länder, die zusammen gerade einmal 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, bereits über die Hälfte aller Corona-Impfdosen bis ins nächste Jahr aufgekauft haben. Für den Rest der Menschheit bedeutet das im schlimmsten Fall, dass 9 von 10 Personen frühestens 2022 gegen Corona geimpft werden können. Eine faire Verteilung sieht anders aus!

Die WHO kritisiert die nationalen Alleingänge und fordert weltweite Solidarität beim Impfen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus findet dafür klare Worte: „Ich muss unverblümt sagen: Die Welt steht am Rand eines katastrophalen moralischen Versagens.“

Warten auf den Impfstoff

In Kenia sind laut WHO bislang lediglich 50 Impfdosen angekommen, in Südafrika nur etwa 50.000 – und das, obwohl beide Länder an klinischen Tests für die Entwicklung der Impfstoffe mitgewirkt haben. Hinzu kommt, dass vor allem Südafrika mit besonders hohen Infektionszahlen kämpfen muss. Außerdem verbreitet sich dort seit kurzem eine deutlich ansteckendere Virusvariante. Gerade für den afrikanischen Kontinent gilt: Länder mit geringerer Kaufkraft haben es schwer, an Impfstoff für die eigene Bevölkerung zu gelangen.

Um Abhilfe zu schaffen, setzt die WHO auf ihr Covax-Programm – eine internationale Impfinitiative, die den gerechten und weltweit gleichen Zugang zu Impfstoffen gewährleisten soll. Nach Verhandlungen mit den Pharmafirmen sollen in diesem Jahr zwei Milliarden Impfdosen über das Covax-Programm weltweit zur Verfügung stehen. Besonders im Fokus stehen dabei die 92 am stärksten von Armut betroffenen Länder.

Verzweifelte Lage in Afrika

Für den afrikanischen Kontinent sieht Covax im Laufe des Jahres insgesamt 600 Millionen Impfdosen vor. Doch die ersten Lieferungen aus dem WHO-Programm werden dort frühestens im März eintreffen. Die Afrikanische Union hat sich zusätzlich weitere 270 Millionen Impfdosen gesichert. Doch auch hier sind nur erste Teillieferungen in den einzelnen Ländern angekommen. Niemand weiß, wann großflächige COVID-19-Impfungen dort möglich sein werden.

Zugleich braucht es Investitionen in die oft maroden Gesundheitssysteme und in das Gesundheitspersonal. Einige der bereits zugelassenen Impfstoffe müssen bei sehr niedrigen Temperaturen gekühlt werden. Das stellt die afrikanischen Staaten vor große Herausforderungen. In vielen ländlichen Regionen gibt es keine flächendeckende Stromversorgung und auch in großen Städten sind Stromausfälle keine Seltenheit. Um die Kühlkette nicht zu unterbrechen, sind spezielle Kühlschränke notwendig, was wiederum den Strombedarf erhöht. Neben der Beschaffung der Impfdosen ist also auch deren Lagerung und Verteilung ein Problem.

Auf der ganzen Welt hat das medizinische Fachpersonal alle Hände voll zu tun: Es versorgt die Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind und bereitet gleichzeitig die Impfungen vor.
Auf der ganzen Welt hat das medizinische Fachpersonal alle Hände voll zu tun: Es versorgt die Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind und bereitet gleichzeitig die Impfungen vor.

China und Indien liefern

Länder wie Indonesien, die Türkei oder Brasilien setzten bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie auf Impfstoffe von chinesischen Herstellern. Die Wirksamkeit gilt zwar als umstritten, doch sind die chinesischen Impfdosen besser haltbar und kostengünstiger als die der westlichen Pharmakonzerne. Sie sind somit auch für ärmere Länder leichter verfügbar. China etabliert sich zusehends als strategischer Partner für viele Länder und schließt Verträge über große Impfstoff-Mengen. Vor allem seine unmittelbaren Nachbarländer beliefert es mit mehreren Millionen Impfdosen.

Auch in Indien denkt man an benachbarte Länder, die nicht genug Geld haben, um sich Impfdosen bei den europäischen Herstellern zu sichern. Indien hat erklärt, den im eigenen Land produzierten Impfstoff der Pharmafirma AstraZeneca anderen Staaten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Länder wie Bangladesch, Nepal und Myanmar sollen so mehrere tausend Impfdosen erhalten. Indien will außerdem das Impfpersonal in den Partnerländern schulen und auf die Impfungen vorbereiten. All diesen solidarischen Bemühungen zum Trotz ist es noch ein langer Weg bis zu einer gerechten Impfstoffverteilung.

Und wo steht die EU?

Die europäischen Staats- und Regierungschef:innen kamen am 21. Januar zu einem digitalen EU-Gipfel zusammen und sprachen über die Corona-Pandemie. Der weltweite Ansturm auf die vorhandenen Impfkapazitäten ist groß und die EU-Staaten wollen vor allem ihre nationalen Impfkampagnen in Fahrt bringen. Sie ärgern sich über Lieferengpässe einiger Hersteller und konzentrieren sich auf eine reibungslose Verteilung der Impfstoffe in Europa. Das Thema der globalen Verteilungsgerechtigkeit erhält weniger Aufmerksamkeit. Dabei sieht es perspektivisch so aus, als hätte sich die EU mehr Impfstoff gesichert, als sie benötigt.

So jedenfalls äußerte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „In einigen Monaten werden wir in Europa mehr Dosen haben, als wir brauchen können“. Sie forderte die europäischen Staaten auf, Impfstoffe an ärmere Länder weiterzugeben und sich für einen gerechten Zugang zu Impfstoffen einzusetzen. Damit soll die Impfinitiative Covax nicht wie bislang nur finanziell, sondern ganz konkret durch das Bereitstellen von Impfdosen unterstützt werden. Immerhin seien die EU-Mitgliedstaaten mitverantwortlich für die knappen Impfvorräte im Covax-Programm. Mit einer starken Beteiligung an der Covax-Initiative können die EU-Staaten viel zu einer gerechten Impfstoffverteilung auf der ganzen Welt beitragen – und damit auch im eigenen Interesse handeln.

Viele PolitikerInnen schauen nur auf ihr eigenes Land: Wir können uns jedoch am besten schützen, wenn Menschen auf der ganzen Welt gleichermaßen gegen COVID-19 geimpft werden.
Viele PolitikerInnen schauen nur auf ihr eigenes Land: Wir können uns jedoch am besten schützen, wenn Menschen auf der ganzen Welt gleichermaßen gegen COVID-19 geimpft werden.

Impfgerechtigkeit – ein Schlüsselelement in der Pandemiebekämpfung

Die global gerechte Verteilung von Impfstoffen kommt nicht nur den ärmeren Ländern zugute. So erklärte Ursula von der Leyen beim EU-Gipfel: „Impfstoffnationalismus riskiert Menschenleben. Nur Impfstoff-Kooperation rettet Leben“. Unausgeglichene Impfungen könnten die gesamte Pandemie verlängern. Wenn sich alle Länder um den vorhandenen Impfstoff streiten und jeder nur an sich denkt, werden sich nur die reichsten Staaten durchsetzen und große Teile ihrer Bevölkerung impfen. Das Virus hat währenddessen in anderen Teilen der Welt freie Bahn. Es kann immer wieder zurückzukommen – vielleicht sogar in mutierter Form. Dann sind vielleicht nicht einmal geimpfte Europäer:innen vor eventuellen Virusmutationen sicher.

Aus diesem Grund betont WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus: „Die oberste Priorität muss sein, einige Menschen in allen Ländern zu impfen, und nicht alle Menschen in einigen Ländern. Dies ist nicht nur ein moralisches Gebot und ein Gebot der öffentlichen Gesundheit. Es ist auch ein wirtschaftliches.“ Was die Welt jetzt braucht, ist ein globales, faires Verteilungskonzept und eine starke WHO, die dieses gemeinsam mit den Ländern durchsetzen kann. Denn allen ist klar: Die internationale Gemeinschaft kann COVID-19 nur gemeinsam besiegen.

Als „Erfolg für die Wissenschaft“, aber als „Niederlage für die Solidarität“ beschreibt UN-Generalsekretär António Guterres das aktuelle Desaster um die weltweite Verteilung von Impfdosen. Nach und nach werden die lang ersehnten Impfstoffe gegen COVID-19 zugelassen. Doch die Impfdosen s[...]

weiterlesen
6. Februar 2021

Beschneidung: Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mädchen wurde Saynab beschnitten – weil es in ihrer Heimat Tradition ist. Ihre Töchter will Saynab vor diesem Schicksal bewahren. Deswegen kämpft die 40-Jährige heute gegen Beschneidung und klärt über die lebenslangen, schmerzhaften und nicht selten tödlichen Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung auf.

Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)
Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)

Saynab, können Sie uns erzählen, was Sie als Kind erleben mussten und wie die Beschneidung Ihr Leben verändert hat?

Saynab Ibrahim: Ich wurde als Kind beschnitten. Danach war ich sehr krank und konnte mich nicht bewegen. Ich erinnere mich, dass ich wochenlang nicht mit meinen Freundinnen spielen konnte. Später, als Heranwachsende und dann nach der Heirat, als ich schwanger wurde, ging es immer weiter. Man hat mich verstümmelt und zugenäht. Wenn ich meine Periode bekam, hatte ich Schmerzen, ich litt an Entzündungen und Verstopfungen. Als ich bei der Geburt meines ersten Kindes in den Wehen lag, musste man mich öffnen, damit ich überhaupt entbinden konnte. Ich bin beinahe verblutet. Da habe ich mir geschworen, dass ich meinen Töchtern das niemals antun will. Ich habe meinen Eltern vergeben, aber meine Töchter werden nicht das gleiche Leid erfahren wie ich.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass Mädchen und jungen Frauen in Somaliland nicht dasselbe Schicksal erleiden wie Sie?

Saynab Ibrahim: Ich spreche sehr viel über meine Erfahrungen. Die Leute müssen wissen, dass ein beschnittenes Mädchen lebenslänglich unter den Folgen leidet. Viele sterben während des Eingriffs. Eine Schwangerschaft ist auch sehr gefährlich, viele junge Frauen überleben die Geburt ihres Kindes nicht. Und natürlich haben beschnittene Frauen überhaupt keine Gefühle mehr für Sexualität, da die Nervenstränge durchtrennt sind und alles taub ist. Mittlerweile warne ich täglich meine Freunde und Nachbarn. Die meisten hören mir zu, außer einige wenige unbelehrbare Fanatiker. Aber das ist immerhin ein Erfolg. Ich möchte als Vorbild vorangehen.

Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)
Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)

Denken Sie, dass durch Ihren Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ein Umdenken in Ihrer Heimat stattfindet?

Saynab Ibrahim: Vor kurzem wurde ein junges Mädchen vom Land zu mir gebracht, ihre Mutter hatte sie beschneiden lassen, man hatte sie ganz brutal zugenäht und dann noch ihre Beine fixiert, damit die Öffnung richtig zuwachsen sollte. Das Mädchen hat sehr gelitten, sie verlor so viel Blut und fiel sogar ins Koma. Sie lag wochenlang bei uns im Haus am Boden. Mit Glück hat sie überlebt. Neulich hat auch eine Nomadenfrau ihre Tochter in unsere Stadt gebracht. Sie wollte das Mädchen beschneiden lassen, glücklicherweise konnte ich die Frau davon überzeugen, es nicht zu tun!


Es ist sicher nicht leicht, gegen eine jahrhundertealte Tradition anzukämpfen und gleichzeitig über ein Tabuthema zu sprechen. Wer unterstützt Sie dabei?

Saynab Ibrahim: Es gibt NGOs wie die Kindernothilfe und ihre Projektpartner, die uns beim Kampf gegen Beschneidung unterstützen. Wir bekommen Informationen und Seminare, in denen wir aufgeklärt werden, und auch, um das, was wir dort gelernt haben, in unserer Gemeinde weiterzugeben. Ich habe die verheerenden und schmerzhaften Folgen der Beschneidung am eigenen Körper erlebt, aber auch meine ganze Umgebung und unsere Nachbarn haben damit Erfahrungen machen müssen. Ich glaube, die wesentlichen Gründe, warum Menschen Beschneidung nach wie vor praktizieren, sind Unwissenheit und Mangel an Bildung. Ich will unbedingt mit noch mehr Familien über dieses Thema sprechen und sie dazu bewegen, dass sie ihre Töchter davor verschonen.

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mäd[...]

weiterlesen
3. Februar 2021

Adamluk – der Junge, der verkauft wurde

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen – wenn sie trotz Corona endlich wieder geöffnet ist.

Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)
Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)

Ich heiße Adamluk. Meine Familie war so arm, dass wir nicht jeden Tag genug zu essen hatten. Deswegen hat mich meine Mutter verkauft. Erst einmal für zwei Jahre. 1.000 Birr (30 Euro) und eine Ziege hat sie für mich bekommen.

Adamluk, 12
Adamluk und seine "Besitzerin". (Foto: Malte Pfau)
Adamluk und seine „Besitzerin“. (Foto: Malte Pfau)

Jetzt lebt der 12Jährige bei der Frau, die mich gekauft hat, und muss ihr jeden Tag bei der Ernte auf den Feldern helfen und die Ziegen hüten. Seine Familie darf er nicht besuchen. Und bis vor einem Jahr hatte er auch nie frei. Ob er nach zwei Jahren wieder zurück zu seiner Familie darf, weiß er nicht.

Aber dann durfte Adamluk plötzlich zur Schule gehen. Zwei Leute von Organisationen in Äthiopien und in Deutschland waren hier und haben mit seiner Besitzerin gesprochen, damit sie ihm den Schulbesuch erlaubt. Der junge Bub muss zwar immer noch arbeiten, aber im Unterricht kann er für ein paar Stunden seinen harten Alltag vergessen. Er kann mit anderen Kindern zusammen lesen, schreiben und rechnen lernen. Und … es gibt sogar Zeit zum Spielen.

Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)
Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)

Am Anfang musste sich Adamluk erst einmal einleben, das Konzept „Schule“, den Unterricht und das Lernen kennenlernen. Aber schon nach kürzester Zeit fühlte er sich wohl, und die Schule machte ihm wirklich Spaß. Sein Lehrer sagte, er wäre „aufgeblüht“. Adamluk fragte daraufhin, ob er denn eine Blume wäre.

Leider ist in diesem Jahr die Corona-Pandemie ausgebrochen. Die Schulen in Äthiopien wurden geschlossen. Ich hoffe, dass ich bald wieder zum Unterricht gehen kann. Lernen macht mir nämlich mehr Spaß als zu arbeiten!

Adamluk, 12

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen - wenn sie trotz[...]

weiterlesen