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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Äthiopien: Trotz neuem Hoffnungsträger mehr gewaltsame Konflikte

Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed steht für Veränderung. Seine Reformen haben viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt und für eine neue Aufbruchsstimmung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung gesorgt. Doch die ethnischen Konflikte im Land gehen weiter und könnten zu einer humanitären Katastrophe führen.

Äthiopien: Menschen auf der Flucht (Foto: Dietmar Roller)

Am Horn von Afrika bewegt sich etwas. Die Friedensanstrengungen zwischen Äthiopien und Eritrea lassen viele Bewohner in der Region hoffen. Anfang Juli haben die Staatschefs der beiden verfeindeten Nachbarländer ihren 20 Jahre lang schwelenden Konflikt beigelegt und eine Friedenserklärung unterschrieben. Die Aussöhnung ging von Äthiopiens neuem Ministerpräsidenten Abiy Ahmed aus, der kurz nach seinem Amtseintritt ankündigte, die äthiopischen Truppen aus dem Gebiet zurückzuziehen, auf das beide Länder Anspruch erhoben .

Abiy Ahmed gilt als Hoffnungsträger für Äthiopien und die Region. Mit ihm wurde die Vorherrschaft der Tigray, einer Minderheit im Vielvölkerstaat, gebrochen. Um ihre Macht im Land trotz der Minderheit zu sichern, setzten die Tigray während der 27-jährigen Amtszeit der Einheitspartei Ethiopian Peoples Revolutionary Democratic Party (EPRDF) auf gezielte Propaganda, die Feindseligkeiten zwischen den vielen verschiedenen ethnischen Gruppen aufgebaut hat – vor allem zwischen den Amharen und den Oromo, den beiden größten Gruppen. Besonders die vergangenen drei Jahre waren von schweren Menschenrechtsverletzungen und Folter geprägt. Es kam immer wieder zu Massendemonstrationen gegen die autoritäre Regierung, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Hunderte Menschen wurden getötet und Tausende festgenommen.

Staatliche Medien: Nachrichten statt Propaganda

Abiy Ahmed ist nun der erste Ministerpräsident seit mehr als zwei Jahrzehnten, der zu der Volksgruppe der Oromo gehört. Direkt nach seiner Wahl entließ er die Hardliner aus seinem Kabinett und setzte stattdessen auf Vielfalt– so sind die drei größten Ethnien in der Staatsführung vertreten. Unter der neuen Regierung wurden politische Gefangene wieder freigelassen, darunter auch Journalisten, die seit Jahren ohne Prozess inhaftiert waren. Fast alle erzählen, dass sie mit grausamen Methoden gefoltert wurden. Einige haben davon dauerhafte körperliche Verletzungen und Behinderungen erlitten. Die staatlichen Medien können unter der neuen Führung wieder frei berichten anstatt Propaganda zu verbreiten. Die äthiopische Bevölkerung nutzt das Radio und Fernsehen auch wieder, um Nachrichten zu hören und nicht mehr nur zu Unterhaltungszwecken.

Doch trotz der vielen positiven Entwicklungen seit Ahmeds Amtseintritt im April 2018 und dem Friedensschluss mit Eritrea gibt es immer noch zahlreiche Konflikte im Land, die humanitäre Hilfe erfordern. Vor allem ethnische Gruppen geraten immer wieder aneinander. Die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Ethnien – verursacht durch die jahrzehntelange Propagandapolitik der Tigray – sind immer noch enorm und führen zu teils heftigen Auseinandersetzungen. Streitgründe sind oftmals die knappen Ressourcen und die Nutzung von Weideland. Hinzu kommt, dass lokale Beamte, Polizisten und Oppositionelle die Konflikte zusätzlich weiter befeuern und zur Eskalation dieser beitragen. Sie befürchten durch den Kurswechsel ihre politische Stellung zu verlieren und provozieren immer wieder Kämpfe zwischen den ethnischen Gruppen, um ihre Position halten zu können.

Mehr als eine Million Menschen wurden in Folge der bewaffneten Konflikte innerhalb ihres eigenen Landes bereits heimatlos, und es ist nicht sicher, ob sie jemals in ihre Heimatregion zurückkehren können. Unter den Flüchtlingen sind auch viele Kinder, die durch die Vertreibung nicht zur Schule gehen können. Die betroffenen Städte und die Regionalregierung sind mit der Vielzahl an Binnenflüchtlingen überfordert und können den Flüchtenden nur notdürftige Unterkünfte zur Verfügung stellen. Viele müssen in öffentlichen Gebäuden auf engstem Raum übernachten. Es fehlt an Nahrungsmitteln und angemessener Kleidung. Vor allem in Südäthiopien wird die Lage zunehmend kritisch.

Die Kindernothilfe und ihre Partner helfen

Die Kindernothilfe leistet über ihre lokale Partnerorganisation humanitäre Hilfe in den betroffenen Regionen im Süden Äthiopiens. Im Zuge dessen wurden unter anderem Nahrung und die gesundheitliche Versorgung für 1.160 Kinder sichergestellt. 750 Kinder erhalten außerdem Schulmaterial, Schuluniformen und Kleidung, 230 unterernährte Kinder unter fünf Jahren bekommen Zusatznahrung und ihre Mütter Ernährungsberatung. Außerdem werden ein Kinderschutzzentrum errichtet und Wasser und Sanitäranlagen bereitgestellt.

Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed steht für Veränderung. Seine Reformen haben viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt und für eine neue Aufbruchsstimmung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung gesorgt. Doch die ethnischen Konflikte im Land gehen weiter und könnten z[...]

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Honduras‘ Frauen wehren sich gegen zunehmende Gewalt

Honduras-Frauenrechtlerinnen zu Besuch in Duisburg (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Frauen und Mädchen sind in Honduras vielfach Opfer von Gewalt, auch und gerade innerhalb der Familien. Der Staat schaut weg und setzt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Betroffenen einsetzen, massiv unter Druck. Vier Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen – darunter zwei von unserem Partner CASM (Comisión de Acción Social Menonita) – haben bei ihrem Besuch der Kindernothilfe Duetschland ihre Arbeit geschildert. Ihr Bericht macht deutlich, wie wichtig es ist, gemeinsam ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen.

Wenn es um Honduras‘ Maras geht, stehen meist minderjährige Jungen im Fokus. Sie werden von den berüchtigten Jugendbanden im großen Stil für Verbrechen aller Art rekrutiert. Dass sich die Bandenchefs gerne mit jungen Mädchen schmücken und sie sexuell ausbeuten, ist weniger bekannt. Merly Clereth Eguigure Borjas von der Frauenorganisation Visitación Padilla erzählt von einer Mutter, die eigens in ein anderes Stadtviertel gezogen ist, um ihre Tochter vor den Besitzansprüchen der Bandenbosse zu schützen. Doch der Arm der Maras ist lang: Das Mädchen wurde auf offener Straße erschossen, als es mit seiner Mutter und einigen Nachbarinnen vor dem Haus beisammen saß.

Gewalt auf der Straße ebenso wie zuhause ist in den Armenvierteln von Honduras eines der drängendsten Probleme. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schwerpunkt häusliche Gewalt

Die Gewalt, die den Alltag in Honduras prägt, richtet sich vor allem gegen Frauen und Mädchen. Das betrifft alle Lebensbereiche. Sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz sind an der Tagesordnung, Entlassungen aufgrund einer Schwangerschaft die Regel. Besonders hoch ist das Gewaltpotential innerhalb der Familie. CASM und Visitación Padilla, so erzählen die vier Aktivistinnen, haben jedes Jahr mit rund 750 Strafanzeigen zu tun, die bei der Polizei eingehen. Bei mehr als einem Drittel der Fälle geht es um häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Vernachlässigung, Misshandlung, Vergewaltigung.

„Darauf liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit“, sagt Cristina del Carmen Alvarado Lara. Die Zahlen, die sie nennt, sind alarmierend. Laut Statistik gab es zwischen 2008 und 2014 rund 18.000 Strafanzeigen wegen Vergewaltigungsdelikten – die Dunkelziffer liegt deutlich höher. In mehr als 15.600 Fällen waren Frauen und Mädchen betroffen. Erschreckend ist besonders deren Altersstruktur: 40 Prozent der Vergewaltigungsopfer waren jünger als 14 Jahre, weitere 30 Prozent hatten das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet.

Ana Raquel Lopez Paz und Karla Rosario Erazo Vasquez von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Comisión de Acción Social Menonita (CASM) (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Unzureichende Strafverfolgung

Aufgrund der laschen Rechtsprechung bleiben viele Täter straffrei. Häusliche Gewalt gilt gar nicht als Straftat, nur Vergewaltigungen werden geahndet. Allerdings sind die Strafen dafür so gering, dass sie das Klima der Gewalt noch fördern. Ein bis drei Jahre Gefängnis drohen Vergewaltigern im schlimmsten Fall. Alternativ verhängte Geldstrafen werden gestundet und sind so gering, dass sie sich auf kaum mehr als umgerechnet 50 Eurocent pro Tag belaufen.

Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der angezeigten Vergewaltigungen gar nicht weiterverfolgt wird, weil die Behörden nicht reagieren oder die Familien sich untereinander einigen. In manchen Fällen bedrohen die Täter die Opfer so massiv, dass diese die Anzeige zurückziehen.

Trotzdem gibt es Erfolge. „Früher wurden Vergewaltigungen nur verfolgt, wenn ein Strafantrag vorlag. Seit 1997 ist die Staatsanwaltschaft in jedem Fall verpflichtet zu ermitteln“, erklärt Ana Raquel Lopez Paz. Erreicht haben das Organisationen wie CASM und Visitación Padilla, die sich gezielt für Frauenrechte einsetzen. Dass es sie überhaupt in so großer Zahl gibt, ist schon als Erfolg zu werten. Andererseits zeigt sich daran der große Bedarf an zivilrechtlichem Engagement.

Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich

„Fehlende Gesetze sind nicht so sehr das Problem, es hapert vielmehr an der Umsetzung“, weiß Karla Rosario Erazo Vasquez. Seit einigen Jahren entwickelt sich die Rechtsprechung sogar wieder zurück. Gewaltdelikte innerhalb der Familie werden durch eine Herabsetzung der Strafen entkriminalisiert. Demgegenüber verschärft der Gesetzgeber die Strafen für terroristische Gewalt und zieht auch im Demonstrationsrecht die Schrauben an – bis zu 40 Jahren Haft drohen Demonstrationsteilnehmern neuerdings.

„Die Unruhen und Proteste nach den Wahlen haben unsere Arbeit sehr erschwert“, so Cristina del Carmen Alvarado Lara vom Movimiento Visitación Padilla (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Die Entwicklung verschärft sich seit den Präsidentschaftswahlen Ende letzten Jahres, die der Amtsinhaber Juan Orlando Hernández mit hauchdünnem Vorsprung gewann. Manipulationsvorwürfe bügelte er ab, gegen demonstrierende Bürger schickte er das Militär auf die Straße. „Wegen der Unruhen und Proteste nach den Wahlen haben wir kaum noch die Dörfer und Gemeinden erreicht, in denen wir tätig sind“, erinnert sich Cristina del Carmen Alvarado Lara, „das hat unsere Arbeit sehr erschwert“.

Auch in anderer Hinsicht verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen. Nichtregierungsorganisationen werden als Nestbeschmutzer beschimpft, und die Behörden denken sich immer neue bürokratische Hürden aus, um zivilgesellschaftliches Engagement zu behindern. Selbst Leib und Leben sind zunehmend in Gefahr. Die vier Frauen berichten von einem vorgeblichen Schutzprogramm für Menschenrechtsaktivisten, das von den Betroffenen detaillierte Persönlichkeitsdaten erhebt – mit dem Ergebnis, dass danach auch die Familie Drohungen erhält.

Eine Selbsthilfegruppe (SHG) in Honduras bei der Arbeit. Die SHG sind ein wichtiger Grundpfeiler für die Durchsetzung der Rechte von Frauen und Mädchen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Zeichen gegen die Gewalt

Das Klima der Gewalt und Unterdrückung macht die Arbeit der Frauenrechts-Organisationen noch dringlicher. Ihrem Engagement etwa ist es zu verdanken, dass es Programme zur Betreuung von Vergewaltigungsopfern gibt – der Staat hat sich darum bislang nicht gekümmert. Gerade für minderjährige Mädchen sind derartige Hilfsangebote überlebenswichtig.

Der Anteil der Minderjährigen an den Schwangerschaften beträgt in Honduras mittlerweile mehr als zehn Prozent. Mindestens die Hälfte dieser Mädchen ist Opfer einer Vergewaltigung. Vermutlich liegt ihr Anteil aber noch viel höher, weil die Krankenhäuser keine genauen Zahlen erheben. Hier macht sich das Fehlen einer ausreichenden Kindesschutz-Gesetzgebung besonders schmerzhaft bemerkbar.

Diese Lücke wollen wir nun gemeinsam mit unseren Partnern schließen – mit einem Projekt zum Aufbau eines staatlichen Kindesschutzsystems. Der Schutz von Kindern vor häuslicher Gewalt wird darin eine bedeutende Rolle spielen.

 

Frauen und Mädchen sind in Honduras vielfach Opfer von Gewalt, auch und gerade innerhalb der Familien. Der Staat schaut weg und setzt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Betroffenen einsetzen, massiv unter Druck. Vier Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen – darunter zwei von un[...]

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ONG-IDEAs: Kinder bewerten die Wirkung von Projekten

Wirkungsbeobachtung der Projektarbeit in neun lateinamerikanischen Ländern: Sieben deutsche Organisationen und 38 ihrer Partner haben sich, unterstützt vom Entwicklungsministerium, auf dieses Experiment eingelassen. Die Kindernothilfe und elf ihrer Partner sind mit dabei.

Die Kinder bringen ihre Beobachtungen als Zeichnungen zu Papier. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Daniela, ihre Freunde nennen sie einfach Dani, ist acht Jahre alt und war in ihrem Leben schon alles Mögliche: Kindermädchen für ihre jüngeren Geschwister, Putzfrau, Köchin, Ziegeleifachkraft, Expertin für Lehm-Stroh-Wasser-Mischungen zur Backsteinherstellung, Spezialistin für das Beladen und Anheizen von Brennöfen – und Akkordarbeiterin in der Nachtschicht mit dem Fachgebiet „Lastwagen-in-kürzester-Zeit-mit-fertig-gebrannten-Ziegeln-und-Backsteinen-Bepacken“. Nur eines war sie noch nie: Ein achtjähriges Mädchen, das einfach nur zur Schule geht und mit seinen Freundinnen und Freunden spielt. Warum das so ist? Dani erklärt es ohne Umschweife: „Wenn die Kinder aus Santa Bárbara nicht in den Ziegeleien arbeiten würden, hätten die Familien nicht genug zu essen!“ Es sind mehrere hundert Kinder aus diesem kleinen Ort in den Bergen bei Cajamarca im Norden Perus, die mit ihrer Arbeit die Subsistenz-Ökonomie, die Überlebenswirtschaft, am Laufen erhalten. Um einen furchtbaren Preis: Den ihrer Gesundheit, ihrer Kindheit und ihrer Zukunft!

Die beiden Mädchen stapeln Ziegel in einem Brennofen. (Quelle: Christian Herrmanny)

Daniela diskutiert darüber intensiv mit ihren Freunden, einmal in der Woche, immer donnerstagnachmittags. Denn seit über einem Jahr hat sie noch eine weitere Aufgabe: Dani beschäftigt sie sich mit Projekt-Monitoring. Um es ganz präzise zu sagen: mit Wirkungsbeobachtung, also mit der Frage, was verändert sich durch das von Kindernothilfe seit dem 1. Dezember 2003 in Partnerschaft mit der peruanischen Organisation IINCAP (Instituto de Investigación, Capacitación y Promoción „Jorge Basadre“) unterstützte Projekt gegen ausbeuterische Kinderarbeit in Cajamarca und Umgebung für die mitwirkenden Mädchen und Jungen und ihre Familien? Gelingt es tatsächlich, immer mehr Kindern aus den Ziegeleien, Steinbrüchen oder aus der Gruppe der Lastenträger vom Markt in Cajamarca dabei zu unterstützen, auch zur Schule gehen zu können? Verbessert sich die Einkommenssituation in den Familien durch die verschiedenen Projekte mit den Müttern, die jenseits der Arbeit in den Ziegeleien kleine Businesspläne entwickeln? Wie ergeht es den arbeitenden Kindern in der Schule? Und wie sieht es in den Familien aus, was die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, was den Respekt füreinander und die häusliche Gewalt anbelangt?

Richar Gutiérrez von IINCAP ist eigentlich von Haus aus Lehrer. Er arbeitet seit Jahren mit den Kindern aus Santa Bárbara. Ihn hat die Idee, dass hier nicht Experten von außen mit langen Fragenbögen das Projektgeschehen evaluieren und diejenigen, um die es geht, bestenfalls als Interviewte eine Rolle spielen, von Anfang an fasziniert: „Natürlich ist es pädagogisch eine Riesenherausforderung, gemeinsam mit den Kindern Methoden einzuüben, die helfen, Veränderungen im eigenen Leben erkennen zu lernen und beschreiben zu können. Aber“, fügt Richar hinzu, „Die Kinder haben auf ganz viele Probleme einen deutlich anderen Blick als Erwachsene – und auch andere Prioritäten.“

Kinder werden nach ihrer Meinung gefragt. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Das Experiment

IINCAP nutzt für diesen anderen Blickwinkel seit 2015 die Instrumente zur Wirkungsbeobachtung aus der ONG-IDEAs-Werkzeugkiste (Organización No Gubernamental – Impact on Development, Empowerment and Actions). Hinter diesem Namen verbirgt sich eines der umfangreichsten und komplexesten Qualitätsentwicklungsvorhaben in der bald sechzigjährigen Geschichte der Kindernothilfe: Anfang 2015 startete nach über anderthalb Jahren Vorlauf diese zunächst auf 36 angelegte und danach auf 40 Monate verlängerte Piloterfahrung zur Einführung und Erprobung von Methoden zur partizipativen Wirkungsbeobachtung in Lateinamerika. Dafür hatten sich sieben deutsche Entwicklungswerke – action medeor (Toenisvorst) AWO-International (Berlin), der Internationale Ländliche Entwicklungsdienst – ILD (Bad Honnef), Kolping-International (Köln), terre des hommes (Osnabrück), die Schmitz-Stiftungen (Düsseldorf) und Kindernothilfe (Duisburg) – zu einem Konsortium zusammengefunden und 38 ihrer Partnerorganisationen in neun Ländern des Subkontinents überzeugen können, sich mit ihrer Expertise einzubringen und auf diese gemeinsame Lernerfahrung einzulassen. Finanziell ermöglicht wurde dieses komplexe Vorhaben durch Mittel aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – sowie durch spendenfinanzierte Eigenbeiträge der sieben Konsortialpartner.

Die elf mitwirkenden Kindernothilfe-Partnerorganisationen kamen aus Bolivien, Ecuador, Guatemala und Peru und stehen für ganz unterschiedliche Themen und Arbeitsfelder: Im Fall von IINCAP aus Cajamarca geht es um das Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit und die Unterstützung für arbeitende Kinder, um zur Schule gehen zu können – sowie um die Arbeit mit den Müttern dieser Kinder, um alternative Einkommensquellen zu erschließen. Andere Partner engagieren sich in der ländlichen Gemeinwesen-Entwicklung mit indigenen Communities, andere sind Spezialisten für Inklusionsthemen und den Kampf um die Rechte von Kindern mit Behinderungen und ihren Familien. Weitere Themen bilden die ökologischen Kinderrechte, frühkindliche Bildung und Strategien gegen Mangel- und Unterernährung – sowie das Engagement gegen Gewalt und für Menschenrechte. Fast alle Arbeitsfelder der Kindernothilfe in Lateinamerika – das war das Auswahlkriterium – sind an der ONG-IDEAs-Piloterfahrung beteiligt.

Die Umsetzung in Lateinamerika

Die Kinder bekommen die Ranking-Tools erklärt. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Lateinamerika ist bereits der dritte Kontinent, in dem mit diesen Werkzeugen zur gemeinsamen Beobachtung bei der Zielerreichung gearbeitet wird. Das ONG-IDEAs-Projekt in seiner spanischsprachigen Variante baute auf zwei Vorgängerprojekten auf, die von 2004 bis 2012 zunächst in Asien und danach in Afrika umgesetzt wurden – und dabei ebenfalls auf Unterstützung aus dem BMZ zählen konnten. Im ersten Projekt (2004 bis 2007) entwickelten 14 deutsche Nichtregierungsorganisationen zusammen mit 32 indischen Partnern die – so der englische Name – NGO (Non-Governmental Organization)-IDEAs–Werkzeuge zur partizipativen Wirkungsbeobachtung. Komplettiert und verfeinert wurden diese tools dann im zweiten Projekt (2009 – 2012), an dem sich erneut 14 Werke aus Deutschland und 40 Südpartner aus den drei Regionen Ostafrika, Südasien und den Philippinen beteiligten. Konzeptionelle Unterstützung gab es für alle drei Vorhaben vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) und von bengo, der Fachorganisation für die „Beratung und Projektförderung für private Träger in der Entwicklungszusammenarbeit“.

Geleitet wurden alle drei Projekte von dem Stuttgarter Soziologen und Volkswirt Eberhard Gohl, der sich seit vielen Jahren mit Instrumenten zum partizipativen Wirkungsmonitoring beschäftigt und den dabei vor allem eine sich auf der ganzen Welt in unzähligen Projekten wiederholende Beobachtung antreibt: „Ganz häufig ist es so, dass Nichtregierungsorganisationen mit den Geldgebern konsistente Planungen mit Details zu Aktivitäten und Indikatoren abstimmen, an denen die Zielgruppen aber überhaupt nicht beteiligt sind.“ Und, wenn es darum geht, Kinder und Jugendlichen einzubeziehen, so Gohl weiter, „fehlt bei ganz vielen Organisationen entweder der politische Wille oder das methodische Know-how – oder beides!“ Das Ergebnis: In vielen Projektdokumenten werden erwartete Wirkungen oft nur ganz abstrakt beschrieben und sind nicht operational zu messen – geschweige denn, für diejenigen, um die es geht, zu durchschauen, nachzuvollziehen oder mitzugestalten.

Die 38 Partnerorganisationen aus Lateinamerika, die sich in diesen zurückliegenden 40 Monaten – engagiert unterstützt durch die beiden Regionalberaterinnen Dagny Skarwan (Mittelamerika und Kolumbien) und Rosa Mendoza (Andenländer) – an dem ONG-IDEAs-Projekt beteiligten, wendeten mit ihren jeweiligen Teams und ihren Zielgruppen ein Bündel von vier Methoden an, das es ihnen ermöglichte, Wirkungen selbst beobachten, zu messen, zu diskutieren und Konsequenzen für die weitere Projektarbeit ziehen. Folgende vier Instrumente sind in der Caja de Herramientas – der ONG-IDEAs-Werkzeugkiste – enthalten: Ein Ranking-Tool, das es Gruppen von Erwachsenen, aber auch Kindern und Jugendlichen ermöglicht, Haushalte nach Wohlstand- und Armutsmerkmalen einzugruppieren; zweitens – ein Werkzeug, das Einzelpersonen und Familien hilft, zu beschreiben, was sich für sie ganz persönlich durch die Mitwirkung an dem Projekt verändert hat und wie gesetzte Ziele erreicht werden konnten; drittens – ein Instrument, das Gruppen dabei unterstützt, erlebte Veränderungen zu erkennen und zu messen – sowie schließlich – viertens – ein Tool, mit dem Projektteams und die Verantwortlichen einer Partnerorganisationen Wirkungen vertieft analysieren und ihre Projektarbeit entsprechend nachjustieren können.

Ein Kind verarbeitet seine Erlebnisse in Zeichnungen. (Quelle: Eberhard Gohl)

Was das Experiment gebracht hat

Den beiden Sozialwissenschaftlerinnen Emma Rotondo aus Lima und Claudia Solís aus San Salvador, die das ONG-IDEAs-Projekt 2017 evaluierten, fiel vor allem ein Aspekt dieser kontinentalen Lernerfahrung auf, den sie den sieben beteiligten deutschen Trägerorganisationen ins Stammbuch schrieben: „Selbstevaluierung, Selbstreflektion und das Nachvollziehen-Können von Veränderungen, tragen entscheidend dazu bei, das eigene Selbstwertgefühl zu steigern, sich stark genug zu fühlen, um für die eigenen Rechte einzutreten und notwendige Konflikte zu bestehen.“

Für Richar Gutiérrez und die Kinder aus den Ziegeleien von Santa Bárbara war dieser Prozess eine außerordentlich intensive Erfahrung: „Die Arbeit mit den ONG-IDEAs-tools mit Kindern“, erklärt Richar, der Lehrer, „ist pädagogisch sehr aufwändig und anspruchsvoll – sie bedarf einer intensiver Schulung und Vorbereitung. Die Kinder erwarten, ernst genommen zu werden und ihre Inputs aufgegriffen zu sehen. Diese Werkzeuge sind definitiv nichts für Pseudo-Partizipations-Spielchen.“ IINCAP arbeitete dabei ganz viel mit Zeichnungen, die die Kinder erstellten, um zu illustrieren, was sie erlebten und beobachten. Dani, das achtjährige Mädchen, hat durch ihre Beschäftigung mit Methoden der Wirkungsbeobachtung für sich vor allem Eines gelernt: Viel öfter nachzufragen! Auch in der Schule. „Wir können jetzt sagen, wenn es uns besser oder schlechter geht. Und wir wissen, was passiert ist. Nur so kann man etwas verändern.“ Herausgefunden haben sie und ihre Freundinnen und Freunde aber auch, „dass unsere Eltern einfach für ihre Arbeit viel besser bezahlt werden müssen, das ist gut für die ganze Familie“.

 

Zum Vertiefen:

http://www.impact-plus.de/index.php/konzepte/methoden-und-instrumente/ngo-ideas

http://venro.org/venro/themen-wirkungsbeobachtung03/

https://www.kindernothilfe.de/wirkungsbeobachtung.html

Sowie – auf Spanisch – zwei Video-Reportagen über die Anwendung der ONG-IDEAs-Werkzeuge in Lateinamerika auf der spanischsprachigen Kindernothilfe-Website:

https://www.kindernothilfe.org/es/Nuestro+trabajo/V%C3%ADdeos_Publicaciones-p-366.html

Wirkungsbeobachtung der Projektarbeit in neun lateinamerikanischen Ländern: Sieben deutsche Organisationen und 38 ihrer Partner haben sich, unterstützt vom Entwicklungsministerium, auf dieses Experiment eingelassen. Die Kindernothilfe und elf ihrer Partner sind mit dabei. Daniela, ihre Freu[...]

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Kindernachrichten: Die mutigen Kinder Boliviens

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo (Graf) reiste Anfang des Jahres nach Bolivien, um drei unserer Projekte im Armenhaus Südamerikas zu besuchen: Potosi, Tapacari und Chaqui. „Wie schrecklich die Armut in Bolivien ist, habe ich erst durch meine Projektreise richtig begriffen. Aber auch wie unglaublich stark und zielstrebig viele der jungen Menschen sind – wahre Kämpfer und Kämpferinnen!“

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo mit der 8-jährigen Tereza im Kindernothilfe-Projekt „Yachay Mosoj“. (Foto: Katharina Wurian)

Ein Kind zählt weniger als eine Ziege

Die Armut in Bolivien ist unvorstellbar. Von den knapp 11 Millionen Einwohnern leben ca. 20% von weniger als 2 Dollar pro Tag, wobei die Bedingungen vor allem für die indigene, ländliche Bevölkerung sehr prekär sind. Sie haben kaum Zugang zu staatlichen Grunddiensten wie Gesundheitsversorgung oder Bildung hat. Speziell in den ländlichen Regionen hausen Familien in kleinen, schlecht isolierten Hütten, oft alle gemeinsam in einem einzigen Raum. Auf dem Boden liegen Decken, Möbel gibt es keine.

Das Los der Kinder, die in diesen Verhältnissen aufwachsen müssen, ist ein besonders schweres. Als schlecht bezahlte Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter können Eltern ihre Familien selten ausreichend ernähren geschweige denn ihren Kindern eine Schulbildung ermöglichen. Folglich sind die Mädchen und Buben hier außer als Arbeitskraft nicht viel wert. Umarmungen und liebe Worte sind selten, ihre Zukunftschancen mehr als dürftig.

Gewalt – ein Tabuthema

Zusätzlich ist Gewalt im traditionell männerdominierten Bolivien nach wie vor ein großes, aber tabuisiertes Thema. Schläge statt miteinander reden ist in vielen Familien trauriger Alltag. Denn in einem Leben gezeichnet von extremer Armut und Aussichtslosigkeit sehen viele Männer und Väter oft keine anderen Handlungsmöglichkeiten, insbesondere dann wenn auch noch Alkohol ins Spiel kommt. Zudem hat die patriachale Tradition dazu geführt, dass Frauen kaum über Bildung verfügen und nicht wissen, wie sie sich wehren können. Erst seit wenigen Jahren gibt es Bestrebungen, das allgemeine Problembewusstsein zu schärfen und Frauen und Müttern die Möglichkeit zu geben, sich zu wehren und sogar bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Kinder leiden besonders unter der Gewalt. Während es früher üblich war, darüber zu schweigen: „Sonst kommt Papa ins Gefängnis!“, wird  nun versucht, Gewaltprävention in der Schule zu unterstützen. „Die größte Hoffnung sehe ich in der Jugend“, ist Psychologin Daniela S., die in einem unserer Förderzentren in Potosi arbeitet, überzeugt. „In der Schule führen wir viele Gespräche über Gewalt. Das Verhalten der Buben hat sich schon sehr verändert. Denn die Mädchen zeigen ihnen‚ wo es langgeht!“  Im Förderzentrum finden die Kinder und Jugendlichen zudem einen Zufluchtsort, an dem die geschulten, sehr engagierten MitarbeiterInnen immer ein offenes Ohr haben und auf sie eingehen.

Kindernothilfe-Projekt „Yachay Mosoj“ in Bolivien (Foto: Katharina Wurian)

„Man kann nicht die ganze Welt ändern. Aber im eigenen Umfeld beginnen“, so die 18-jährige Cindy, die das Projekt „Yachay Mosoj“ besucht, und  die dieses Jahr trotz ihrer Herzkrankheit den Schulabschluss machen wird. Danach möchte die zielstrebige junde Frau einen technischen Beruf ausüben.

Die Geschichte von Izabela

Die achtzehnjährige Izabela ist die älteste von sieben Geschwistern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Cerro Rico und ist wie die meisten Kinder hier in bitterer Armut aufgewachsen.

Izabela, du hast schon mit sechs Jahren gearbeitet?
Ja, denn mein Papa wurde durch die anstrengende Arbeit in den Minen sehr krank, und wir hatten kein Geld mehr. Er hatte auch einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in die Mine hinein und ihn suchen. Die Luft dort ist furchtbar! Aber ich kannte die Mine schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe. Ich selbst half als kleines Mädchen meiner Mutter Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.

Warum arbeiten trotz Lebensgefahr so viele Männer in der Mine?
Weil es, bis auf den Maurerberuf, kaum Alternativen gibt. Auch mein 15-jähriger Bruder musste bereits in der Mine arbeiten.

Trotz Arbeit hast du auch immer die Schule besucht?
Ja, ich arbeite und lerne! Meine Mutter hat großen Wert darauf gelegt, dass ich das Kindernothilfezentrum und die Schule in Potosi besuchen kann. Ich arbeite heute Teilzeit in einer Konditorei.

Möchtest du auch einmal eine Familie haben?
Ja. Aber zuerst brauche ich eine gute Ausbildung. Das ist sehr wichtig.

Was möchtest du die Menschen in Österreich wissen lassen?
Unsere Lebensumstände könnt ihr euch in Europa sicher gar nicht vorstellen … Die Situation der Kinder bessert sich, wenn auch nur sehr, sehr langsam. Wir brauchen viel Kraft und Selbstvertrauen und noch viel mehr Unterstützung.Das ist die Realität in Bolivien.

Kindernothilfe-Förderzentrum in Potosi, Bolivien (Foto: Katharina Wurian)

Sarah Hadodo hat auf ihrer Reise  interessante, optimistische Mädchen getroffen: „Wenn man mit diesen zielstrebigen jungen Menschen spricht, weiß man, welche großartige Arbeit hier in den Projekten geleistet wird!“  „Wir sind auf einem guten Weg. Wenn junge Frauen wie Izabela oder Cindy später einmal Kinder haben werden, so werden sie vieles anders machen als ihre Eltern!“, so die Psychologin Daniela S.

Mehr zum Projekt „Yachay Mosoj“ und der Situation der Minenarbeiterkinder in Bolivien

 

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo (Graf) reiste Anfang des Jahres nach Bolivien, um drei unserer Projekte im Armenhaus Südamerikas zu besuchen: Potosi, Tapacari und Chaqui. "Wie schrecklich die Armut in Bolivien ist, habe ich erst durch meine Projektreise richtig begriffen. Aber auch wie un[...]

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Ein Netz für Kinder

„Wenn Spinnen zusammenarbeiten, können sie einen Löwen bändigen“.

Dieses Sprichwort aus Ghana begleitet mich seit meiner ersten Projektreise nach Afrika vor mittlerweile 24 Jahren. Und es hat für mich, seit ich für die Kindernothilfe arbeiten darf, einen erweiterten Sinn bekommen: Das Kindernothilfe-Netzwerk als verlässliches Netz für bedürftige Kinder und ihr soziales Umfeld. Ein Netz, das durch motivierte Spender, engagierte Ehrenamtliche, wertvolle und kompetente Kollegen sowie gute Kooperationspartner in den Projekten auch tragfähig ist. Lokale Partnerorganisationen sind in den weltweit 31 Projektländern der Kindernothilfe die Hauptakteure. Ohne sie ist die Umsetzung der mehr als 700 Projekte nicht möglich. Sie kennen die lokalen Gegebenheiten, sprechen die Sprache der Menschen, sehen, wo die Hilfe am Nötigsten ist – und sorgen für deren Umsetzung.

„Löwen“ gibt es im Arbeitsumfeld der Kindernothilfe wahrlich genug: Armut, Ausbeutung, Gewalt, fehlende Bildungschancen, mangelnde Gesundheitsversorgung – das sind nur einige der Bedrohungen, denen „unsere“ Kinder täglich ausgesetzt sind. Um diesen Herausforderungen als Netz für Kinder wirksam auch begegnen zu können, sind engagierte Mitarbeiter vor Ort unverzichtbar. Nur sie sind mit dem sozialen Umfeld, der Kultur und Sprache sowie den oft schwierigen politischen Rahmenbedingungen in Krisenregionen vertraut. Ich persönlich habe vor vielen dieser vor Ort im Einsatz stehenden Menschen großen Respekt, wenn ich sehe, mit welch wenigen Ressourcen und unter was für schwierigen Rahmenbedingen dort großartige und wirksame Arbeit für die betreuten Kinder und ihre Familien geleistet wird. Auch meine beiden Teamkolleginnen Sarah Graf und Katharina Wurian, die gerade sehr begeistert von einer Projektreise aus Bolivien zurückgekehrt sind, haben einmal mehr bestätigt, wie wichtig und wertvoll das Engagement und die Anstrengungen der lokalen Mitarbeiter für das Gelingen unserer gemeinsamen Projektvorhaben sind.

Wer also sind die „Spinnen“ des Kindernothilfe-Netzes, durch die die Arbeit der Hilfsorganisation überhaupt erst möglich wird?

„Unsere Kollegen arbeiten nicht für die Projekte, sondern sie leben quasi dafür. Sie kennen alle Namen und das Schicksal jedes einzelnen Kindes sowie die Lebensgeschichten der Geschwister und Eltern im Projekt“, erzählt etwa Projektkoordinatorin Margarita von PASOCAP aus dem Projektalltag im Hochland Boliviens. „Es geht hier nicht darum, seine Stunden abzusitzen, sondern es geht hier um echtes Engagement.“

Von Engagement weiß auch María Eugenia Galindo Soza von unserem Projektpartner CETM aus Bolivien zu berichten: „Die CETM-Mitarbeiter leben von Montag bis Freitag auf 3.800 Metern Höhe in Tapacari bei und mit den Menschen. Lediglich an den beiden Wochenendtagen sind sie zuhause bei ihren eigenen Familien.“

Und Barbara Meisl, Projektleiterin des Waisenhauses Baan Doi im Norden Thailands, hat sich ihren Einsatz gleich zum Lebensinhalt gemacht: Gemeinsam mit einer Schweizer Freundin hat die Salzburgerin ihrer Heimat vorerst den Rücken zugekehrt und gibt Aidswaisen ein neues Zuhause – ihr „Arbeitstag“ dauert 24 Stunden täglich, das von der Kindernothilfe unterstützte Projekt beherbergt mittlerweile mehr als 30 Kinder.

Ebenfalls tagein, tagaus für die Kindernothilfe unterwegs ist Jethro Bamutungire, Selbsthilfegruppenkoordinator für Ostafrika – er betreut mit großem Einsatz die Arbeit der Selbsthilfegruppen in Uganda, Ruanda und Kenia. Er weiß genau, was die Frauen der einzelnen Gruppen bewegt, weiß, wie hoffnungslos sie oft sind, wie sie zu bewegen, zu unterstützen, zu überzeugen sind. Damit sie selbst daran glauben, dass sich ihr Leben nachhaltig verbessern kann. Dass sie gemeinsam gegen den „Löwen“, gegen die Armut antreten können.

Schön, so engagierte, unermüdliche Menschen als Teil des Kindernothilfe-Netzes zu wissen.

„Wenn Spinnen zusammenarbeiten, können sie einen Löwen bändigen“. Dieses Sprichwort aus Ghana begleitet mich seit meiner ersten Projektreise nach Afrika vor mittlerweile 24 Jahren. Und es hat für mich, seit ich für die Kindernothilfe arbeiten darf, einen erweiterten Sinn bekommen: Das Kind[...]

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