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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

24. März 2021

Eine Insel, zwei Welten

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten.

Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind meist Tagelöhner*innen, die in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Haushaltshilfen arbeiten oder sich als fliegende Händler:innen verdingen. In der Dominikanischen Republik verdienen sie noch immer mehr als daheim, wo es kaum Arbeit gibt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und zudem derzeit Schauplatz politischer Kontroversen zwischen Regierung und Opposition, die sich oft in gewaltsamen Protesten niederschlagen.

Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon im für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)
Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon immer für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)

In den Grenzverkehr zwischen den ungleichen karibischen Nachbarländern mischen sich nach Ansicht der dominikanischen Regierung allerdings zunehmend Kriminelle, die mit Entführungen, Diebstählen oder Drogenhandel zu tun haben. Daher will Präsident Luis Abinader eine Mauer oder einen Zaun entlang der knapp 400 Kilometer langen Grenze bauen. „Wir wollen der illegalen Einwanderung, dem Drogenhandel und dem Schmuggel gestohlener Fahrzeuge ein Ende setzen. Seit langem leiden wir unter diesen Problemen“, sagte Abinader Ende Februar. Derzeit sind gerade mal gut 20 Kilometer der Grenze mit einer Art Zaun gesichert.

In der Dominikanischen Republik mit ihren knapp elf Millionen Einwohner*innen leben nach offiziellen Schätzungen knapp 800.000 haitianische Eingewanderte und Geflüchtete. Nur sehr wenige haben eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Massenabschiebungen sind an der Tagesordnung. Seit Beginn des Jahres hat die dominikanische Armee rund 40.000 Haitianer*innen aufgegriffen, die versuchten, ohne Papiere über die grüne Grenze in die Dominikanische Republik zu gelangen.

Der Bau des Grenzwalls zwischen den beiden Staaten, die sich die Insel Hispaniola teilen, soll in der zweiten Jahreshälfte beginnen und binnen zwei Jahren fertiggestellt sein. Abinader denkt dabei offenbar an eine Hightech-Sicherung; Bewegungssensoren, Radargeräte und Infrarotkameras sind geplant. Veranschlagte Kosten: 100 Millionen Dollar.

In der Bevölkerung halten viele nichts davon

Fachleute sind entsetzt, die dominikanische Bevölkerung zum Teil verständnislos. „Solange unsere Regierung nicht mal die Krankenhäuser zu Ende baut und der Gesundheitssektor dahinsiecht, sollen sie kein Geld in eine Mauer nach Haiti stecken“, erzürnt sich eine Einwohnerin von Dajabón, einer dominikanischen Grenzstadt im Norden des Landes.

Die karibische Mauer auf Hispaniola solle dem Beispiel der Trump’schen Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko folgen, was „sehr schlecht ankommt“, kritisiert der Soziologe Juan Miguel Pérez von der Universität UASD in der Hauptstadt Santo Domingo. Aber die Haitianer*innen müssten in der Dominikanischen Republik traditionell als „Sündenbock“ für alles herhalten, was in dem Land schlecht laufe. Mit dem Plan einer Grenzbefestigung würde der Mitte-Links-Präsident eine Konzession an die konservativsten Kreise seines Landes machen.

In den Augen von Menschenrechtler:innen ist das Projekt ein Rückschritt für die gesamte Insel. Die Mauer verschärfe die „permanente Verfolgung“ der Menschen aus Haiti, sagt William Charpentier, Koordinator der dominikanischen Nichtregierungsorganisation Menamird. Es sei bedauerlich, dass die neue Regierung nicht mal „die minimale Würde und die Rechte der Migranten“ respektiert. Die Mauerpläne befeuerten „Ressentiments und Rassismus“.

Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer - in Haiti Río Masacre (!) genannt - soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)
Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer – in Haiti Río Masacre (!) genannt – soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)

Eine tiefsitzende Abneigung gegen die Menschen aus dem Nachbarland ist sozusagen Bestandteil der kollektiven DNA der Dominikaner*innen. Sie ist zum Teil historisch bedingt, aber auch Ergebnis jahrzehntelanger Politik. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht im Wahlkampf versprochen hätte, die Einwanderung aus Haiti zu stoppen.

Haiti und die Dominikanische Republik trennt viel – die komplizierte Kolonialgeschichte, die Sprache, die Armut und eben auch die Einwanderung. Haitianer*innen haben in den vergangenen Jahren auf der dominikanischen Seite der Insel immer ihr wirtschaftliches Heil gesucht. Während die Dominikanische Republik durch den Tourismus, die Lohnveredelungsbetriebe für US-Unternehmen und auch durch die Migration von Millionen Dominikaner:innen in die Vereinigten Staaten zu einem bescheidenen Wohlstand kam, hat Haiti den Weg aus dem Teufelskreis aus Armut, politischer Instabilität und Wirtschaftskrise nie gefunden. Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben von 2010 haben auch ihren Teil zu der deprimierenden Situation in der früheren französischen Kolonie beigetragen.

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten. Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind [...]

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Sauberes Trinkwasser: für Milliarden Menschen unzugänglich

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit.

Die Zahlen sind schockierend: nach aktuellen Schätzungen haben rund 2,2 Milliarden Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. 4,2 Milliarden leben ohne grundlegende sanitäre Einrichtungen. Davon hat rund die Hälfte keine eigene, anständige Toilette und zwei Drittel keine Möglichkeit, die Hände zu waschen. Und das inmitten einer weltweiten Pandemie. In einer hochtechnisierten Welt ist dies eine schwer vorstellbare Realität – mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Betroffenen.

Wasser ist Leben, Nachhaltigkeit und Empowerment

Jedes Lebenwesen und jedes Ökosystem auf unserem Planeten ist auf Wasser angewiesen. Auch unser gesamtes Wirtschafts- und landwirtschaftliches System, unsere gesamte Versorgungsstruktur ist von Wasserressourcen abhängig.

In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)
In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)

Sichere Trinkwassersysteme und angemessene sanitäre Einrichtungen sind unerlässlich, um ein nachhaltiges Wachstum von Städten und Gemeinden zu gewährleisten. Ohne die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse wird unsere Fähigkeit, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Arbeitsplätze und Lebensgrundlagen zu schaffen, leiden.

Weltweit scheinen wir uns fast an die Tatsache gewöhnt zu haben, dass Frauen und Mädchen jeden Tag bis zu 200 Millionen Stunden damit verbringen, durchschnittlich sechs Kilometer zu laufen, um Wasser zu holen. Sie spielen damit eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung, dem Management und dem Schutz von Wasser. Doch genau diese Aufgabe bedeutet für viele von ihnen ein Hindernis für den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder Arbeit. Dadurch werden ihre Zukunftsperspektiven und Entwicklungschancen stark eingeschränkt.

Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)
Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)

Es gibt unzählige Beispiele, wo der Mangel an Wasser oder sanitärer Versorgung Auswirkungen auf Menschen auf der ganzen Welt hat. Aber das offensichtlichste und aktuellste ist die laufende COVID-19-Pandemie.
Milliarden von Menschen stehen dieser Pandemie ohne grundlegende Handwaschmöglichkeiten gegenüber. Gesundheitsdienstleister in einigen der am wenigsten entwickelten Länder haben kein fließendes Wasser zur Verfügung. Diese Tatsache ist in einer Zeit, die von Überfluss und Innovationen geprögt ist, nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil, der globalen Ungleichheit kann und muss zum Handeln anspornen.

Wasser für nachhaltige Entwicklung

Das Erreichen und die Gewährleistung von „Wasser und sanitärer Versorgung für alle“ (SDG 6) wäre ein Gewinn für alle Beteiligten. Wasser ist ein Menschenrecht und ein Wirtschaftsgut. Aber auch ein SDG-Beschleuniger, der den Fortschritt bei jedem anderen Nachhaltigen Entwicklungsziel erleichtert. Daher müssen sich die globalen Bemühungen an einem nachhaltigen und integrierten Wassermanagement ausrichten.

Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)
Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)

Es bedarf greifbarer, konkreter Maßnahmen für Menschen auf der ganzen Welt. Dazu zählen die finanzielle Unterstützung von Aktivitäten im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung und der verstärkte Aufbau von entsprechenden Kapazitäten. Dabei sind Länder in besonderen Situationen zu berücksichtigen und zu priorisieren, insbesondere LDCs, LLDCs und SIDS. Außerdem muss alles unternommen werden, um diejenigen zu unterstützen, die die Hauptlast des Wassermangels tragen: Frauen und Mädchen.

Nationale Regierungen allein können die 2030-Agenda nicht erreichen, und ein starkes Engagement aller Stakeholder ist für die Erreichung der SDGs unerlässlich. Daher ist es wichtig, Akteuren aus verschiedenen Sektoren – von der Zivilgesellschaft über die Wissenschaft bis hin zum Privatsektor – die Möglichkeit zu geben, sich in vollem Umfang zu beteiligen. Gerade junge Menschen und Grassroot-Organisationen können aufgrund ihrer Unmittelbarkeit, Flexibiltät und Agilität wertvolle Treiber in diesem Prozess sein, in dem es auch darum geht, neue Technologien und Ansätze zur Stärkung wasserbezogener Ziele und Aktivitäten einzuführen.

Wasser ist nicht nur Flüssigkeit in einer Flasche … seine An- oder Abwesenheit bedeutet so viel mehr. Es geht um Würde. Es geht um Möglichkeiten. Es geht um unsere Gesundheit und unsere Fähigkeit zu überleben. Und es geht um Gleichheit.

Volkan Bozkir

Weltwassertag 2021: „Wertschätzung von Wasser“

1993 hat die UNESCO den 22. März zum Weltwassertag erklärt, um auf die Bedeutung von Wasser als zentrale Lebensgrundlage aufmerksam zu machen. Unsere eigene persönliche Wertschätzung diese überlebenswichtigen Ressource hat sich während der Covid-19-Pandemie drastisch gezeigt. Diejenigen von uns, die einen Wasserhahn haben, haben fleißig das Händewaschen mit Wasser und Seife verstärkt. Gleichzeitig haben 2,5 Milliarden damit zu kämpfen, überhaupt Zugang zur täglichen Grundmenge zu haben.

Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)
Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)

* Aus der Rede Volkan Bozkir, Präsident der 75. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, vom 18. März zur Umsetzung der wasserbezogenen Ziele und Vorgaben der 2030-Agenda.

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit. Die Zahlen sind schockierend: nach aktuelle[...]

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15. März 2021

Miteinander reden wirkt!

Von „Time to Talk“ zu „Dialogue Works“: Kinder und Jugendliche sollen bei gesellschaftlichen und politischen Themen mitreden: Nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention haben sie „ein Recht auf Mitsprachebei allen Angelegenheiten, die sie betreffen“. Gerade für gefährdete Gruppen, zu denen auch arbeitende Mädchenund Buben gehören, ist dieses Recht oft mehr Wunsch als Realität. Um das zu ändern, startete im Oktober 2020 die Kampagne „Dialogue Works“.

Kinder und Jugendliche haben das Recht mitzureden. Die Kampagnen "Time to Talk" und "Dialogue Works" zielen genau darauf ab! (© Lennart Zech)
Kinder und Jugendliche haben das Recht mitzureden. Die Kampagnen „Time to Talk“ und „Dialogue Works“ zielen genau darauf ab! (© Lennart Zech)

2016 startete die Kindernothilfe gemeinsam mit anderen Organisationen die internationale Advocacy-Kampagne „It ́s Time to Talk! – Die Sicht der Kinder auf Kinderarbeit“. Sie unterstützte 26 lokale Kinderkomitees in 19 Ländern bei ihren Aktivitäten und Advocacy-Veranstaltungen. Vier Jahre lang diskutierten arbeitende Kinder und Jugendliche gemeinsam über Kinderarbeit, formulierten ihre Empfehlungen für politische Programme und Strategien und sensibilisier-ten die Öffentlichkeit für ihre Rechte. „Es ist wichtig, die Ansichten anderer zu hören. Es hilft uns, mehr Dinge kennenzulernen und zu erfahren, was man in einer bestimmten Situation tun kann“, sagte eine 17-Jährige aus Kenia.

2018 nahmen zwei Kinderkomitee-Mitglieder aus Indonesien am Global Child Forum in Schweden teil, 2019 zwei Jugendliche aus Peru und den Philippinen an der Feier zum 30-jährigen Jubiläum der Kinderrechtskonvention in Deutschland. Beim C20-Gipfel (Gipfel der Zivilgesellschaften der G20-Staaten) im vergangenen Jahr, aufgrund der COVID-19-Pandemie virtuell abgehalten, sprachen je zwei junge Leute aus Bangladesch und Kenia über Bildung, Kinderarbeit, Gleichberechtigung und die Auswirkungen der Pandemie auf ihr Leben als arbeitende Jugendliche. Sie forderten: „Alle arbeitende Kinder und Jugendlichen müssen Bildungsmöglichkeiten haben. Sie müssen faire Löhne bekommen. Das Recht auf Arbeit muss anerkannt werden. Politische Programme und Gesetze für arbeitende junge Menschen mit Behinderungen müssen sinnvoll umgesetzt werden.“

Partizipation macht selbstbewusst

Nicht nur auf politischer Ebene erreichte „Time to Talk“ wichtige Ziele, auch im Leben der Kinderkomitee-Mitglieder veränderte sich vieles, wie eine globale Evaluation der Kampagne zeigt:

  • Durch die Teilnahme an den Komitee-Treffen haben sie viel über ihre Rechte, beispielsweise ihr Recht auf Schutz und auf Bildung, und über demokratische Prozesse gelernt.
  • Partizipation fördert das Selbstbewusstsein, Themen anzusprechen und Forderungen zu stellen, die ihnen wichtig sind.
  • ie fördert Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten, sich gegenüber anderen, auch Erwachsenen, auszudrücken und für eigene Bedürfnisse einzustehen.
  • Sie fördert Resilienz, sich über die eigene Situation bewusst sowie gefestet für die Zukunft und spätere Herausforderungen zu werden. „Wir haben festgestellt, dass wir unsere Schulbildung ernst nehmen müssen, damit wir in der Zukunft gute Arbeitsplätze finden können, die uns helfen, die Armut zu überwinden“, sagten philippinische Buben, die etwa in der Landwirtschaft oder als Müllsammler arbeiten.
Mit "Time to Talk" verschafften sich arbeitende Mädchen und Buben Gehör.
Mit „Time to Talk“ verschafften sich arbeitende Mädchen und Buben Gehör.

„Dialogue Works – die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig stärken“

Im Juli 2020 ging die erfolgreiche Kampagne „Time to Talk“ zu Ende. Deshalb startete im Oktober 2020 die internationale Nachfolgekampagne: „Dialogue Works – die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig in gesellschaftlichen und politischen Prozessen verankern“. Arbeitende Mädchen und Buben gehören weltweit zu den gefährdetsten Bevölke-rungsgruppen. In Folge der COVID-19-Pandemie ist zu erwarten, dass immer mehr junge Menschen in Kinderarbeit und ausbeuterische Verhältnisse gedrängt werden. Mit der neuen Kampagne werden weltweit rund 30 Kinderkomitees gestärkt. Ihre Mitglieder teilen ihre Erfahrungen mit Kinderarbeit in der Gruppe. Sie lernen voneinander, artikulieren gegenüber Politik und Gesellschaft ihre Bedürfnisse und machen Vorschläge, wie sich ihre Situation verbessern könnte. Der globale Austausch zwischen arbeitenden Kindern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Entscheidungstragenden ist enorm wichtig. Daraus können politische Maßnahmen entstehen, die das Leben dieser Kinder signifikant und nachhaltig verbessern werden. Die Ergebnisse der Evaluation von „Time to Talk“, die Erfolge und Lernerfahrungen der Kinder und Jugendlichen sind in die neue Kampagne eingeflossen.

Von „Time to Talk“ zu „Dialogue Works“: Kinder und Jugendliche sollen bei gesellschaftlichen und politischen Themen mitreden: Nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention haben sie „ein Recht auf Mitsprachebei allen Angelegenheiten, die sie betreffen“. Gerade für gefährdete Gruppen, z[...]

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13. März 2021

Unterwegs mit Asekek

Wenn man Asekek aus Markuma (Distrikt Womberma/Äthiopien) fragt, wie sich ihr Leben durch die Selbsthilfegruppe der Kindernothilfe verändert hat, bricht es aus ihr heraus: „Vorher war das Leben schrecklich.“ Die 28-Jährige musste immer schon sehr kämpfen. Ihre Eltern verstarben früh und haben ihr ein bisschen Land und ein einfaches Haus hinterlassen, in dem die Familie mit ihren Tieren – Schafen, Hühnern und ein Ochse – in einem einzigen Raum lebte. Asekek musste nach dem Tod der Eltern nicht nur für ihre eigene vierköpfige Familie, sondern auch für ihren jüngeren Bruder sorgen. Der Ertrag aus der Landwirtschaft reichte häufig nicht, um sie und ihre kleine Familie mit zwei Kindern ausreichend zu ernähren. Besonders schlimm war es während der großen Dürre im Jahr 2016, als sie fast ihre ganze Ernte verloren und hungern mussten.

Als die junge Mutter vor acht Jahren von den anderen Frauen aus dem Dorf von der Selbsthilfegruppe erfuhr, schloss sie sich ihnen gleich an. „Ich wollte etwas ändern, denn so konnte es nicht weitergehen.“ In der Gruppe lernen die Frauen, wie sie mit einer guten Idee und etwas Geld, das sie sich gegenseitig leihen, mehr verdienen und sich aus ihrer Armut befreien können. Das Startkapital kommt von ihnen selbst, besteht aus dem wenigen, was sie sich aus ihren kleinen Einkünften ersparen können.

Asekek ist froh, Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe zu sein und ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können (Foto: Christian O Bruch)
Asekek ist froh, Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe zu sein und ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können (Foto: Christian O Bruch)

Asekek hat sich damals schnell auf die Herstellung von energiesparende Kochstellen spezialisiert. Die meisten Menschen in ihrer Gegend bereiten ihr Essen immer noch über einer einfachen Feuerstelle mit Steinen als Halterung zu. Dafür wird aber viel Brennmaterial benötigt und Holz ist knapp in der Region. Asekek gießt mithilfe einer speziellen Form nun Öfen aus Beton, die die Hitze besser speichern können und so Ressourcen sparen helfen. Das wird mittlerweile auch von den lokalen Behörden unterstützt, die Werbung für die Kochstellen machen, Bestellungen sammeln und die Abholung der fertigen Betonteile organisieren. Zuvor musste Asekek die schweren Öfen auf ihrem Rücken zwei Stunden bis zum nächsten Markt schleppen. Heute kommt sie mit der Produktion kaum hinterher und beschäftigt zweitweise nicht nur ihren Mann, sondern auch weitere Dorfbewohner, um die Bestellungen termingerecht abzuarbeiten.

Asekek stellt Ofen aus Beton her und verkauft diese erfolgreich in der ganzen Region. (Foto: Christian O Bruch)
Asekek stellt Ofen aus Beton her und verkauft diese erfolgreich in der ganzen Region. (Foto: Christian O Bruch)

Asekek hat es geschafft, sich mit eigener Kraft und dem starken Rückhalt durch die Selbsthilfegruppe aus ihrer hoffnungslos scheinenden Lage zu befreien. Mit Kleinstkrediten unterstützen die Frauen sich gegenseitig bei ihren Geschäftsideen, nutzen die Schulungen durch die örtlichen Partner der Kindernothilfe und bewegen gemeinsam auch größere Projekte zur Verbesserung ihrer Lebensumstände. So gibt es in Markuma es nun endlich auch elektrisches Licht, dank der neuen Biogasanlage, die zu 50 % durch ein staatliches Förderprogramm unterstützt wurde.

Asekek ist glücklich, dass ihre Familie jetzt in einem eigenen Haus lebt. Jeder hat sein eigenes Bett: „Vorher hatten wir nicht mal eine eigene Matratze.“ Und auch die Tiere sind nun in Ställen untergebracht. Durch ihre Arbeit konnte sie ihrem jüngeren Bruder eine Ausbildung finanzieren, der heute Health Officer in einem Krankenhaus in Bahir Dar ist. Auch für ihre beiden Kinder, 11 und 6 Jahre alt, wünscht Asekek sich, dass sie eine gute Ausbildung bekommen und später einen richtigen Beruf erlernen. Sie weiß, wie wichtig das ist. Sie selbst hat die Schule nur bis zur 5 Klasse besucht. Da sie aber lesen und schreiben kann, hat sie die Möglichkeit, sich nebenher auch noch etwas als Sekretärin bei einer CLA dazuzuverdienen.

Asekek mit ihren Kindern in ihrer Werkstatt. (Foto: Christian O Bruch)
Asekek mit ihren Kindern in ihrer Werkstatt. (Foto: Christian O Bruch)

Durch diese Arbeit und die Gewinnen aus dem Ofenverkauf kann Asekek ihre Familie versorgen und das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen – und darüber hinaus auch noch etwas zurücklegen. Denn das ist wichtig, weil die weiterführende Schule 12 Kilometer entfernt liegt. Heute läuft ihr älterer Sohn täglich die vier Kilometer zu seiner Grundschule. Für den anschließenden High-School-Besuch muss die Familie ihm dann künftig aber ein Zimmer in der Stadt finanzieren können. Dafür arbeitet Asekek sehr hart, teilweise sieben Tage die Woche, manchmal auch nachts. Sie hat einen schweren Weg hinter sich, aber schon so viel erreicht. Und sie ist zuversichtlich, dass ihre Kinder durch ihren Einsatz ein besseres Leben haben werden.

Wenn man Asekek aus Markuma (Distrikt Womberma/Äthiopien) fragt, wie sich ihr Leben durch die Selbsthilfegruppe der Kindernothilfe verändert hat, bricht es aus ihr heraus: „Vorher war das Leben schrecklich.“ Die 28-Jährige musste immer schon sehr kämpfen. Ihre Eltern verstarben früh und hab[...]

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9. März 2021

Myanmar kommt nicht zur Ruhe

In dem südostasiatischen Vielvölkerstaat vergeht seit dem Militärputsch vom 1. Februar kaum ein Tag ohne Massendemonstrationen und Militärgewalt. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, das Leben ist zum Stillstand gekommen. Denn die Bevölkerung ist nicht gewillt, die Aberkennung des Parlamentswahlergebnisses vom November letzten Jahres, den Sturz der demokratischen Regierung, die Verhaftung der De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und das harte Vorgehen der Polizei hinzunehmen. Auf der anderen Seite greift die Militärführung zu immer drastischeren Maßnahmen und die Opferzahlen steigen. Können sich die Demonstrant*innen mit ihrer Forderung nach einem Ende des Militärregimes durchsetzen?

Myanmar ist im Ausnahmezustand.
Myanmar ist im Ausnahmezustand.

Unbeschränkte Durchsuchungen und unbefristete Inhaftierungen wurden bereits durch die Gesetzesänderung kurz nach dem Putsch ermöglicht. Mittlerweile sind auch systematische Plünderungen von Geschäften und Häusern, Diebstahl von Lebensmitteln auf den Märkten und die Beschlagnahmung von Besitztümern in Privathäusern nichts Ungewöhnliches mehr. Zudem wird der Einsatz der Sicherheitskräfte immer brutaler. Bis jetzt sind laut UN mehr als 50 Todesopfer zu beklagen. Und die Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag. Weiteres Blutvergießen gilt als unvermeidbar.

Myanmar braucht Hilfe von außen

Aus genau diesem Grund haben sich Aktivist:innnen nun offiziell an die internationale Staatengemeinschaft gewandt. Nach dem bisher blutigsten Tag seit Beginn der Auseinandersetzungen, bei dem Polizei und Sicherheitskräfte mit scharfer Munition in die Menge der Demonstranten in Rangoon, Dawei, Mandalay, Myeik, Bago und Pokokku geschossen hatten, sagte Dr. Sa Sa, Myanmars Sondergesandter bei der UNO: „Es ist an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft handelt, um unser unschuldiges, wehrloses Volk zu schützen, das es wagt, sich gegen diese Schurken zu erheben, die jetzt unser Land kontrollieren.“ Denn „es ist die Armee, die Verbrechen begeht. Sie sind diejenigen, die sich einer wirklichen Anklage und internationaler Gerechtigkeit in Den Haag [am Internationalen Gerichtshof] stellen müssen, sie sind diejenigen, die im Gefängnis sein sollten.“

Nur „ziviler Ungehorsam“ oder doch mehr?

Oberflächlich betrachtet scheint der Volksaufstand führerlos und Ausdruck einer Bestrebung der Jugend zu sein – die meisten Demonstrierenden sind unter 30 Jahre alt. Aber die Bewegung des „zivilen Ungehorsams“ umfasst mehr. Die Proteste drehen sich zum größten Teil um die Freilassung Suu Kyis und die Aufforderung an das Militär, sich an die Wahlergebnisse vom November zu halten, bei denen Suu Kyis NLD überzeugend die Mehrheit der Stimmen gewann.

Gerade für Kinder kann der Arbeitsstop unter den Beamten negative Auswirkungen haben. (© WCM)
Gerade für Kinder kann der Arbeitsstop unter den Beamten negative Auswirkungen haben. (© WCM)

Darüber hinaus streiken vor allem Myanmars Beamt*innen – die Ärzt*innen, Krankenschwestern und Gesundheitsarbeiter*innen, die vor vier Wochen die Kampagne des zivilen Ungehorsams initiiert haben – für den Schutz der Demokratie. Myo Win, Aktivist und geschäftsführender Direktor der Smile Education and Development Foundation, erklärte: „Es ist viel umfassender: Es geht darum, den Übergang zur Demokratie zu vollenden, die Verfassung von 2008 zu zerreißen und sie durch einen demokratischen, föderalen Staat zu ersetzen und die Militärdiktaturen für immer zu beenden.“ Die Verfassung von 2008 erlaubt es dem militärischen Oberbefehlshaber, in extremen Fällen die Macht zu übernehmen.

Alles steht still

Dabei hat die aktuelle Lage katastrophale Auswirkungen auf das Land. Die Banken sind zu, die Regierungsbüros leer und die Treibstoffvorräte des Landes gehen bedrohlich zur Neige. Krankenhäuser, Universitäten und Schulen sind größtenteils geschlossen, ebenso die meisten Fabriken. Myanmar ist praktisch zum Stillstand gekommen.

In der aktuellen Situation sind Treffen der Selbsthilfegruppen kaum möglich. (© WCM)
In der aktuellen Situation sind Treffen der Selbsthilfegruppen kaum möglich. (© WCM)

Auch die Arbeit des Kindernothilfe-Partners World Concern Myanmar im Shan-Staat ist betroffen, die auf die Stärkung der Frauen, die Umsetzung der Kinderrechte und die Minderung der extremen Armut abzielt. Es gibt zwar eine entsprechende Vereinbarung mit dem Gesundheitsministerium, die die Fortsetzung der Projektaktivitäten gewährleistet. Aber die tagtägliche Arbeit vor allem auf Gemeindeebene und mit den Selbsthilfegruppen, ebenso Schulungen und Hausbesuche, werden nur nach sorgfältiger Abwägung der aktuellen politischen Situation fortgesetzt. Was nicht über das Internet abgewickelt werden kann, ist nur sehr eingeschränkt möglich. Das beeinflusst die bisherigen Fortschritte in den betroffenen Gemeinden. Das gesteigerte wirtschaftliche Wohlergehen und die erhöhte Stabilität in den Familien sind gefährdet. Damit erhöht sich wiederum das Risiko für Kinderarbeit und Frühverheiratung, also die Wahrscheinlichkeit von Kinderrechtsverletzungen.

Hat der Militärputsch den demokratischen und gesellschaftlichen Wandel beendet? (© WCM)
Hat der Militärputsch den demokratischen und gesellschaftlichen Wandel beendet? (© WCM)

Hoffnung für Myanmar?

Derzeit ist eine Entspannung der Situation jedoch nicht in Sicht. Denn das Vorgehen des Militärs wird immer aggressiver und die Aktivist*innen werden nicht aufhören, sich dagegen zu stellen. „Wir müssen die Armee weiterhin daran erinnern, dass wir nicht aufgeben. Wir gehen nicht weg und wir werden ihre Bemühungen, das Land zu regieren, weiterhin bei jeder Gelegenheit vereiteln“, so Dr. Sa Sa.

In dem südostasiatischen Vielvölkerstaat vergeht seit dem Militärputsch vom 1. Februar kaum ein Tag ohne Massendemonstrationen und Militärgewalt. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, das Leben ist zum Stillstand gekommen. Denn die Bevölkerung ist nicht gewillt, die Aberkennung des Parlame[...]

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