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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

7. März 2021

Frauen, die Geschichte schrieben

Malala Yousafzai, Clara Zetkin, Emmeline Pankhurst, Eglantyne Jebb, Wangari Maathai. Sie alle haben sich in ihrem Leben für die Rechte anderer stark gemacht: die Rechte von Mädchen, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Kinder- und Menschenrechte und das Recht auf eine nachhaltige Umwelt. Diese bemerkenswerten Frauen haben durch ihr entschlossenes und unermüdliches Engagement – im wahrsten Sinne des Wortes – Geschichte geschrieben und den Alltag von uns allen maßgeblich mitgeprägt.

Malala Yousafzai setzte ihr Leben im Kampf für die Rechte der Mädchen aufs Spiel (© SN040288 / Shutterstock.com)
Malala Yousafzai setzte ihr Leben im Kampf für die Rechte der Mädchen aufs Spiel (© SN040288 / Shutterstock.com)

Malala Yousafzai aus der pakistanischen Stadt Mingora war gerade mal elf Jahre, als sie ihr Engagement für die Rechte von Mädchen in Pakistan begann. In einem Blog-Tagebuch für den Nachrichtensender BBC erzählte die Tochter eines Schuldirektors über das Terrorregime der Taliban in ihrer Heimat und die Folgen für ihre Altersgenossinnen. Als es zur Schließung ihrer Mädchenschule kam, setzte sich Malala aktiv für ihr Recht auf Bildung ein. 2012 wäre sie beinahne einem Schussattenta zum Opfer gefallen. Aber sie überlebte und teilte ihre Geschichte mit der ganzen Welt: „Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten.“

2013 wurde sie mit dem internationalen Kinder-Friedenspreis ausgezeichnet, 2014 erhielt sie den Friedensnobelpreis und 2017 wurde sie zur UN-Friedensbotschafterin ernannt. Mit nur 19 Jahren ist die jüngste Friedensnobelpreisträgerin und auch die jüngste UN-Friedensbotschafterin der Welt.

Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.

Malala Yousafzai

Malala Yousafzai gilt weltweit als Symbolfigur für Gleichbehandlung, Freiheit und Bildung für Frauen und Mädchen.

Nicht das Lippenbekenntnis, nur das Leben und Handeln adelt und erhebt.

Clara Zetkin

Clara Zetkin wurde 1857 in Wiederau, Sachsen geboren. Sie wuchs in einem kleinbürgerlichen Umfeld auf und kam sehr früh mit der deutschen Frauen- und der Arbeiterbewegung in Berührung. Nach Abschluss ihrer Ausbildung als Fachlehrerin für moderne Sprachen unterrichtete sie als Hauslehrerin. Ab 1890 übersetzte sie für die sozialdemokratische Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“, die sie später als Chefredakteurin leitete und bis 1917 herausgab.

Die bekennende Sozialistin setzte sich intensiv für einen Acht-Stunden-Arbeitstag, das Wahl- und Stimmrecht, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, ausreichenden Mutter- und Kinderschutz und die Gleichstellung der Frau im Arbeitsschutzgesetz ein. Auf ihre Initiative hin fanden ab 1900 parallel zu den Parteitagen Frauenkonferenzen statt. Als die sozialdemokratische Führung diese Versammlungen 1910 verhinderte, rief sie den Internationalen Frauentag* ins Leben.

Die radikale Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst setzte das Wahlrecht für Frauen in England durch (© Alexander-Glover / Shutterstock.com)
Die radikale Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst gilt als Wegbereiterin für das Frauenwahlrecht (© Alexander-Glover / Shutterstock.com)

Emmeline Pankhurst wurde 1858 in Manchester geboren. Bereits in jungen Jahren setzte sie sich entschlossen für die Rechte der Frauen in England ein. Sie hatte durch ihre Tätigkeit als Fürsorgerin “das Elend und Unglück der männergemachten Welt” kennengelernt und wollte dies nicht länger hinnehmen. 1903 gründete sie die „Womens Social and Political Union“, den radikalsten Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in Großbritannien. Zentrales Anliegen war ihr die Durchsetzung des Frauenwahlrechts. Dafür trat sie in den Hungerstreik, organisierte Massendemonstrationen, setzte Häuser in Brand und wurde verurteilt. 1918 hatte sie es geschafft: Frauen ab dem 30. Lebensjahr durften wählen.

Wenn es für Männer richtig ist, für ihre Freiheit zu kämpfen, ist es auch für Frauen richtig, für ihre Freiheit und die ihrer Kinder zu kämpfen.

Emmeline Pankhurst

Es ist für uns als Menschen ausgeschlossen, dass wir zusehen, wie Kinder sich zu Tode hungern, ohne uns zu bemühen, ihnen zu helfen.

Eglantyne Jebb

Eglantyne Jebb wurde 1876 in einer Kleinstadt in Midlands, Großbritannien geboren und wuchs behütet in einer wohlhabenden Familie auf. Aber bereits mit 8 Jahren entwickelte sie ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit: „Die Welt ist falsch“. Gegen den Willen ihres Vaters studierte sie Geschichte und unterrichte ab 1899 in einem Arbeiterviertel Klassen mit bis zu 60 ungewaschenen, desinteressierten Kindern. Nach nur 2 Jahren gab sie ihren Beruf wieder auf und konzentrierte sich auf karitative Tätigkeiten. Sie machte es sich zur Aufgabe, benachteiligten Menschen organisiert zu helfen. Dafür reiste sie immer wieder in Länder, in denen Menschen unter Kriegen litten oder flüchten mussten.

Die überzeugte Kriegsgegnerin kämpfte unerschrocken für die schutzlosesten Opfer, die Kinder. 1919 gründete sie die Organisation Save the Children. Nur wenige Jahre später machte sie sich beim Völkerbund für die Verabschiedung einer internationalen Konvention über die Rechte von Kindern stark. 1922 formulierte sie eine fünf Punkte umfassende Charta für Kinder, die Grundlage für die „Genfer Erklärung“ von 1924 und Vorstufe zur UN-Kinderrechtskonvention.

Eglantyne Jebb starb 1928, 61 Jahre vor der endgültigen Verabschiedung der Kinderrechte, als deren Großmutter sie heute gilt.

Die Frauen- und Umweltaktivistin Wangari Maathai wird in Kenia auch "Mutter der Bäume" genannt (© s_bukley / Shutterstock.com)
Die Frauen- und Umweltaktivistin Wangari Maathai wird in Kenia auch „Mutter der Bäume“ genannt (© s_bukley / Shutterstock.com)

Wangari Maathai wurde 1940 in Nyeri, Kenia geboren. Sie studierte Biologie und schloss mit dem Doktortitel in Veterenärmedizin ab. Damit war sie die erste promovierte Frau in Ostafrika und bald darauf die erste Dekanin.

In den 1970ern begann sie, sich aktiv für Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau, sowie Umweltschutz einzusetzen. 1977 rief sie das Green Belt Movement ins Leben. Die Aufforstungsinitiative, die anfänglich vor allem von Frauen der ärmsten Bevölkerungsschicht umgesetzt wurde, hat Kenia bisher über 30 Millionen neu gepflanzte Bäume gebracht. Und den kenianischen Frauen ein neues Selbstverständnis. Die Umwelt- und Frauenrechtsaktivistin hatte es geschafft, Mütter unterernährter Kinder zu mobilisieren: Sie zeigte ihnen, wie sie zu Saatgut kamen, wie sie Samen anpfanzen mussten und wie sie ihre Setzlinge schützen konnten. So konnten sie aus eigener Kraft gegen die Armut ihrer Familien und die Entwaldung Kenias ankämpfen.

Es kostete mich viele Tage und Nächte, meine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass Frauen ihre Umwelt ohne viel Technologie oder finanzielle Ressourcen verbessern können.

Wangari Maathai

Mama Miti (Suaheli: Mutter der Bäume) erhielt 1984 den Alternativen Nobelpreis und 2004 sogar den Friedensnobelpreis. „Der Baum wurde zum Symbol des demokratischen Kampfes in Kenia“, sagte sie in ihrer Nobelpreisrede.

Wenn wir weltweit operieren, werden wir in der Lage sein, eine Zivilisation zu begründen, die unermesslich fröhlicher und sicherer ist als die aktuelle.

Eglantyne Jebb

* Der erste Internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Es beteiligten sich Millionen von Frauen. Seit 1921 wird der Tag am 8. März begangen und soll an den Streik der Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Petersburg während der russischen Revolution 1917 erinnern.

Malala Yousafzai, Clara Zetkin, Emmeline Pankhurst, Eglantyne Jebb, Wangari Maathai. Sie alle haben sich in ihrem Leben für die Rechte anderer stark gemacht: die Rechte von Mädchen, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Kinder- und Menschenrechte und das Recht auf eine nachhaltige Umwelt[...]

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4. März 2021

Frauenpower in Südamerika … das finde ich toll!

Schwer vorstellbar, aber Frauenpower ist auch dort, wo Machismo fest in den Gesellschaftsstrukturen verankert ist, tatsächlich möglich. Genau das hat die Österreicherin Ilse Kreiner während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte im Rahmen des Kindernothilfe Lern- und Freiwilligenprogramms in Peru selbst er- und gelebt.

Ein bisschen etwas vom eigenen Glück zurückgeben

Schon lange gab es den Wunsch nach einer „sinnvollen“ Tätigkeit, um etwas vom Glück zurückzugeben, das ihr selbst widerfahren war. 2010 bot sich Ilse Kreiner dann die Gelegenheit zu ihrem ersten ehrenamtlichen Einsatz in Peru. Seit damals engagiert sie sich regelmäßig in dem südamerikanischen Land und unterstützt die lokalen Kindernothilfe-Partnerorganisationen IINCAP „Jorge Basadre” (Instituto de Investigación y Capacitación Profesional) in Cajamarca – sowie zuletzt die Asociación Aynimundo in Lima.

Eine Frau setzt sich für Frauenpower ein

Die mittlerweile pensionierte Betriebswirtin gibt Kindern Nachhilfe in Mathematik, Lesen oder Englisch. Sie spricht mit ihnen auch über ihre Rechte, Gewalt in der Familie oder ethische Werte. Daneben besucht sie Familien und stärkt in den Eltern das Bewusstsein für Schulbildung. Außerdem organisiert sie Workshops für ambitionierte Jungunternehmer jeden Alters aus mittellosen Verhältnissen. Gemeinsam mit den überwiegend weiblichen Teilnehmern bereitet sie den Gang in die Selbstständigkeit vor und stärkt so Frauenpower in Peru. Hinter all dem steht die tiefe Überzeugung, dass Schulbildung elementar wichtig ist. Und, dass ihr Leben ganz anders verlaufen wäre, hätte sie selbst niemals eine ordentliche genießen können.

Mehr als nur Schulbildung

Ich hatte das Glück, dass meine Mutter, obwohl selbst bildungsfern, verstanden hat, wie wichtig Bildung ist. Sie hat daher immer darauf gedrängt, fast genervt, dass ich zur Schule gehe, etwas lerne und gute Noten habe. Da sie alleinerziehend und ohne Beruf war, war sie auf Organisationen und Menschen angewiesen, die sie finanziell unterstützt haben. Denn Schule kostet nun mal viel Geld. Diese Menschen haben auch dafür gesorgt, dass ich an den Schulaktivitäten teilnehmen konnte. Dadurch haben sie verhindert, dass der Effekt von Kinderarmut für mich eingetreten ist: nämlich, dass ich als armes Mädchen nicht am sozialen Leben der Gleichaltrigen teilnehmen konnte. Denn wenn es hinten und vorne an Geld fehlt, dann werden den Mädchen und Buben die Möglichkeiten genommen, sich in Gruppen abseits ihres familiären Dunstkreises einzufinden. Sie sind immer wieder nur mit Kindern aus anderen ganz armen Familien zusammen und haben keine Chance, in die Gesellschaft insgesamt integriert zu werden. Das zeigt, wie wichtig finanzielle Unterstützung ist.

Ilse Kreiner

Soziale Ungleichheit mindern

Gerade im ruralen Peru, aber auch der Hauptstadt, wird ein großer Unterschied gemacht, je nachdem aus welcher Bevölkerungsschicht man kommt. Eine Art der informellen Klassengesellschaft ist nicht außergewöhnlich. Im Gegenteil, „einmal abgestempelt, ist es schwer, sich aus dieser Schubladisierung wieder zu befreien. Dadurch haben die Kinder kaum Möglichkeit, ihre Zukunft selbstbestimmt ohne Unterstützung von außen zu gestalten.“

Genau diese Aufgabe verfolgt Ilse Kreiner, wenn sie für mehrere Monate im Jahr mit den Eltern redet, ihnen immer wieder vor Augen führt, welche Auswirkungen ihre eigenen Handlungen auf die Zukunft ihrer Kinder haben, und ihnen erklärt, wie wichtig Bildung vor allem für ihre Töchter ist. Gerade in Cajamarca, aber auch in Lima, gibt es eine Menge Familien, denen man wiederholt erklären muss, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist und vor allem, warum.

Kinder brauchen starke Mütter

Peru ist nach wie vor männerdominiert, deshalb stehen Frauen im Fokus der Arbeit vor Ort. Es ist äußerst wichtig, mit den Müttern zu arbeiten, damit sie genügend Selbstbewusstsein entwickeln. Dann trauen sie sich zumindest in „ihren“ Belangen (Familie, Kinder und Haushalt), etwas zu sagen und ihre Meinung so zu vertreten, dass sie auch eine Chance auf Durchsetzung hat. Das ist nicht nur für sie selbst von großer Bedeutung, sondern auch und vor allem für ihre Töchter. Damit nicht einfach passieren kann, was tagtäglich passiert: Die 16-jährige Yolanda ist mit der Schule fertig. Sie ist am besten Weg, eine selbstständige, junge Frau zu werden und möchte den Beruf der Krankenschwester erlernen. Aber ihr Vater hat entschieden, dass sie als Hausmädchen in einer wohlhabenderen Familie Geld verdienen müsse. Außerdem meint er, dass es überflüssig wäre, noch mehr zu lernen. Yolandas Mutter war es offenbar trotz gegenteiliger Meinung nicht gelungen, das zu verhindern. Die Entscheidung ist gefallen und die Stimme des Mädchens und ihrer Mutter war nicht gehört worden.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Eine intensive Arbeit mit den Müttern über längere Zeit hinweg bewirkt hingegen, dass das Selbstbewusstsein in den Frauen geweckt und gestärkt wird. Diese Art der „Frauenpower“ versetzt sie in die Lage, ihren Kindern den Schutz zu ermöglichen, den sie brauchen. Sie verinnerlichen, was wichtig ist und geben diese Einstellung auch weiter. Dadurch schaffen sie die notwendige Voraussetzung, dass ihre Kinder im Moment der Entscheidung, diese auch treffen. Und soweit wie möglich auch durchsetzen.

Ohne Frauenpower geht es nicht

Was im Kleinen beginnt, kann große Kreise ziehen und strukturelle Veränderungen auch in jenen Teilen der Welt begünstigen, in denen Frauen im Moment noch wenig bis gar nichts zu sagen haben. Davon ist zumindest die ehrenamtliche Kindernothilfe-Mitarbeiterin Ilse Kreiner überzeugt die ehrenamtliche Kindernothilfe-Mitarbeiterin Ilse Kreiner überzeugt.

Frauen bringen – ganz allgemein gesprochen – die Gesellschaft voran. Daher braucht die Gesellschaft starke und selbstbewusste Frauen, um einen Wandel in irgendeine positive Richtung zu ermöglichen. Ich bin der Auffassung, dass das ohne Frauenpower nicht geht.

Ilse Kreiner

* Name geändert

Schwer vorstellbar, aber Frauenpower ist auch dort, wo Machismo fest in den Gesellschaftsstrukturen verankert ist, tatsächlich möglich. Genau das hat die Österreicherin Ilse Kreiner während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte im Rahmen des Kindernothilfe Lern- und Freiwilligenprogramms in Peru selbs[...]

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2. März 2021

Kinderehe: Frühverheiratung nimmt Mädchen die Zukunft

Jährlich werden weltweit 12 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Diese Kinderehen haben oft mit Armut und Hunger zu tun – eine verheiratete Tochter bedeutet eine Esserin weniger im elterlichen Haushalt. Oft spielen aber auch Traditionen eine Rolle. Fakt ist, dass sie schädlich für Mädchen und junge Frauen sind. Die Frühverheiratung verhindert ihre persönliche Entwicklung und verletzt ihre Grundrechte auf Bildung, Gesundheit und Sicherheit.

Eine Eheschließung gilt als Kinderehe, sobald einer der beiden Partner noch nicht 18 Jahre alt ist. Dies ist problematisch, weil Minderjährige oft noch nicht die nötige körperliche und emotionale Reife besitzen. In vielen Ländern ist die Eheschließung mit Minderjährigen deshalb illegal. Außerdem werden Mädchen oft dazu gedrängt oder gar gezwungen, früh zu heiraten, Kinderehen sind also oft eine Form der Zwangsheirat. Häufig müssen junge Mädchen zudem viel ältere Männer heiraten und erleiden so ein abruptes Ende ihrer Kindheit. Das kann  verheerende Auswirkungen auf ihr körperliches und psychisches Wohlergehen haben. Weil Frühverheiratung die Gesundheit von Minderjährigen gefährdet und oft durchgesetzt wird, ohne die Betroffenen zu fragen, handelt es sich um eine schwere Form der Kinderrechtsverletzung.

23 Kinderehen pro Minute

Jährlich werden auch heute noch rund 12 Mio. minderjährige Mädchen verheiratet – das sind 23 Kinderehen pro Minute! Anders als oft unterstellt betrifft das nicht vordergründig muslimisch geprägte Länder. Kinderehen gibt es überall auf der Welt. Das Problem zieht sich durch die verschiedensten Länder, Kulturen, ethnischen Gruppierungen und Religionen. Besonders stark betroffen sind die Länder südlich der Sahara und Südasien. Bangladesch etwa zählt zu den Ländern mit der höchsten Heiratsrate von minderjährigen Mädchen. Laut einer UNICEF-Studie werden 59 % von ihnen unter 18 und fast 22 % sogar unter 15 Jahren verheiratet. Weltweit ist jedes fünfte Mädchen vor seinem 18. Geburtstag eine Ehe eingegangen – dieses Schicksal teilen mittlerweile insgesamt 650 Mio. Mädchen und junge Frauen!

Viele junge Mütter müssen sich um Haushalt und Kinder kümmern und können ihre Bildung nicht fortsetzen, wie Thelma in Guatemala. (© Jakob Studnar)
Viele junge Mütter müssen sich um Haushalt und Kinder kümmern und können ihre Bildung nicht fortsetzen, wie Thelma in Guatemala. (© Jakob Studnar)

Ursachen von Frühverheiratung

Viele Familien verheiraten ihre jungen Töchter aus großer Not heraus, etwa weil die Familie in extremer Armut lebt. Oft ist einfach nicht genug da, um alle Kinder satt zu bekommen. Auch fehlende Aufklärung und unzureichender gesetzlicher Schutz junger Mädchen spielen eine Rolle. So wollen viele Familien ihre Töchter vor sexueller Belästigung schützen. Sie nehmen an, dass die Mädchen durch eine Heirat in Sicherheit sind. Natürlich steht Frühverheiratung auch im Zusammenhang mit sozialen und kulturellen Gepflogenheiten, herabsetzenden Rollenbildern und Bevormundung. In Gegenden, wo Mädchen üblicherweise früh verheiratet werden, lastet ein großer gesellschaftlicher Druck auf den Familien, selbst wenn sie ihre Töchter eigentlich noch für zu jung halten. Umgekehrt haftet nicht verheirateten älteren Mädchen schnell der Ruf an, unfruchtbar und nicht heiratsfähig zu sein.

Im Young Voices National Report wird noch ein anderer Grund hervorgehoben. Der Bericht wurde im Jahr 2020 in Indien erstellt. Er behandelt die Frage, ob das legale Heiratsalter angehoben werden sollte. Mit 28 Prozent landeten begrenzte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten unter den 2.500 befragten Jugendlichen auf Platz Eins der Gründe für Frühverheiratung. Auch die Angst der Eltern, ihre Töchter könnten eine unangemessene Liebesbeziehung eingehen, spielten eine Rolle, ebenso wie die sexuelle Belästigung von Mädchen in der Öffentlichkeit.

Der Bericht schildert deutlich, dass Mädchen oft glauben, sie hätten keine andere Wahl. Sie nehmen sich selbst als Belastung für ihre Familie war. Fehlende Bildungschancen, keine Aussicht auf Arbeit und die systematische Zurücksetzung von Frauen und Mädchen treiben sie in die frühzeitige Heirat. Außerdem beklagen die Mädchen, dass sie keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und sexueller Aufklärung haben. Das führt zu vielen ungewollten Schwangerschaften. Wird ein unverheiratetes Mädchen von ihrem Freund schwanger, dann werden die Jugendlichen von allen Seiten zur Heirat gedrängt. Den jungen Männern droht sogar eine Strafanzeige.

Folgen für die jungen Ehefrauen

Frühverheiratung kann verheerende Auswirkungen auf die jungen Mädchen haben. Häufig sind sie für den Rest ihres Lebens finanziell von ihrem Ehepartner abhängig. Nach der Eheschließung wird meist schnell Nachwuchs erwartet. Eine frühzeitige Schwangerschaft geht jedoch mit einem hohen Gesundheitsrisiko für die junge Mutter und das Neugeborene einher.

Zudem brechen die Mädchen oft die Schule ab und kehren danach nur sehr selten zurück. Von ihnen wird vielmehr erwartet, den Haushalt zu machen und die Bedürfnisse ihrer Ehemänner zu befriedigen. Sexueller Missbrauch und Gewalt sind weit verbreitet. Nicht selten stehen Kinderehen auch im Zusammenhang mit weiteren gesundheitlichen Folgen für die Mädchen. Sie stecken sich zum Beispiel mit schweren Krankheiten wie HIV/Aids an oder leiden an psychischen Erkrankungen.

Die junge Afar-Nomadin in Äthiopien ist Opfer einer verheerenden Dürreperiode geworden und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Klimawandel ist hier deutlich zu spüren und wirkt sich auch negativ auf die Frühverheiratung aus.
Die junge Afar-Nomadin in Äthiopien ist Opfer einer verheerenden Dürreperiode geworden und auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Klimawandel ist hier deutlich zu spüren und wirkt sich auch negativ auf die Frühverheiratung aus.

COVID-19 und der Klimawandel verschärfen das Problem

Kinderehen sind in den letzten zehn Jahren weltweit zurückgegangen. Doch der Trend könnte sich  durch die großen globalen Krisen in Zukunft umkehren. Wegen des Klimawandels treten zum Beispiel mehr Extremwetterereignisse wie Dürreperioden und Flutkatastrophen auf. Sie gefährden die Ernährungssicherheit und verstärken die finanziellen Nöte vieler Familien noch zusätzlich.

Im östlichen Afrika zum Beispiel kommt es vor, dass Familien ihre Töchter gegen Ziegen tauschen, um die Existenz zu sichern. Ähnliches trifft auf Familien in Konflikt- und Kriegsregionen zu sowie auf Bevölkerungsgruppen, die von Flucht und Vertreibung betroffen sind. Auch hier ist die Not oft so groß, dass sich die Eltern gezwungen sehen, ihre Töchter möglichst früh zu verheiraten.

Die weltweite COVID-19-Pandemie droht die Lage der betroffenen Mädchen zusätzlich zu verschlimmern. Bedrohlich ist nicht nur das Virus selbst, sondern auch Gegenmaßnahmen wie monatelange Schulschließungen. Untersuchungen in Bangladesch zeigen, dass die Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht vor allem Kinder und Jugendliche in ärmeren, ländlichen Gebieten benachteiligt. Oft fehlen die nötige technische Ausstattung und der Internetzugang.

Besonders Mädchen sind betroffen, weil sie im Gegensatz zu ihren Brüdern weniger Freizügigkeit genießen. Sie sitzen zu Hause, langweilen sich und verlieren jede Zukunftsperspektive. Den einzigen Ausweg sehen sie in einer frühen Heirat. Unter diesen Umständen sind es sogar mitunter sogar die Mädchen selbst, die eine Heirat anstreben – Tendenz steigend. Diese verheerende Entwicklung stellt uns alle vor neue globale Herausforderungen. Die Zukunftsaussichten und Entfaltungsmöglichkeiten von Mädchen weltweit sind dabei, sich zu verschlechtern.

Durch COVID-19 erhöhen sich auch die Risiken für junge Frauen in der Ehe. Die Ehemänner haben oft ihre Arbeit verloren oder müssen wegen des Lockdowns tagsüber zu Hause bleiben. Die finanziellen Probleme sorgen für Spannungen und Konflikte im familiären Umfeld und führen leicht zu häuslicher und sexualisierter Gewalt.

Das Problem bei der Wurzel packen

Im „Young Voices National Report“ aus Indien betonen die befragten Jugendlichen, dass es nicht hilft, einfach das gesetzliche Heiratsalter anzuheben, solange sich nicht auch die gesellschaftlichen und kulturellen Normen ändern. Auch weisen sie darauf hin, dass Heirat nicht die einzige Möglichkeit ist, um Mädchen in der Gesellschaft zu schützen und abzusichern. So meint die jugendliche Aktivistin Uttar Pradesh: „Mädchen können ohne Ehe glücklich sein. Sie können auf eigenen Füßen stehen und trotzdem sicher und glücklich leben.“

Als zentrales Element in der Bekämpfung von Kinderehen sehen sie bessere und bezahlbare Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Mädchen brauchen Anreize, damit sie die Schule nicht abbrechen und frühzeitig heiraten. Die Ungleichheit der Geschlechter muss abgebaut werden – Mädchen brauchen eine echte Chance auf Selbstverwirklichung und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die junge Inderin Gujarat drückt das so aus: „Wenn man als junger Mensch in der Lage ist, zu träumen, dann wird man hart arbeiten und alles dafür tun. Da darf man auch den Konflikt mit den Eltern nicht scheuen. Aber dafür müssen sich die Jugendlichen über ihre Träume im Klaren sein. Wenn sie die nicht haben, werden sie einfach tun, was die Eltern ihnen sagen, ohne dabei viel über das eigene Leben nachzudenken.“

Die befragten Mädchen fordern außerdem mehr Mitspracherecht, wenn es um ihren Körper, ihre Gesundheit und ihre Sexualität geht. Sie setzen sich für die Bekämpfung von sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit ein und wünschen sich eine echte Gleichstellung im Alltag und Räume für Empowerment.

In Selbsthilfegruppen können sich junge Frauen zusammentun. Sie sind füreinander da und setzen sich gemeinsam für ihre Anliegen ein, wie diese jungen Frauen aus Nepal. (© Christian Nusch)
In Selbsthilfegruppen können sich junge Frauen zusammentun. Sie sind füreinander da und setzen sich gemeinsam für ihre Anliegen ein, wie diese jungen Frauen aus Nepal. (© Christian Nusch)

Initiativen gegen Frühverheiratung

Auch die Initiative Girls not Brides setzt sich dafür ein, dass jedes Mädchen sein eigenes Leben selbstbestimmt gestalten kann. Dahinter steht eine 2011 gegründete globale Vereinigung von mehr als 1.300 zivilgesellschaftlichen Organisationen aus über 100 verschiedenen Ländern. Ihr Ziel ist die vollständige Abschaffung der Kinderehe. Daran arbeiten sie unter anderem mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF, denn auch die Vereinten Nationen streben das Ende der Kinderehe bis 2030 an.

Auch wir kämpfen mit unseren lokalen Partnerorganisationen für eine soziale, wirtschaftliche und politische Stärkung von Mädchen und Frauen. Dank der Organisation in Selbsthilfegruppen sind sie in der Lage, sich auszutauschen und ihrer gemeinsamen Stimme Gehör zu verschaffen: gegen Frühverheiratung und für ein selbstbestimmtes Leben mit echten Zukunftsperspektiven.

Jährlich werden weltweit 12 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Diese Kinderehen haben oft mit Armut und Hunger zu tun – eine verheiratete Tochter bedeutet eine Esserin weniger im elterlichen Haushalt. Oft spielen aber auch Traditionen eine Rolle. Fakt ist, dass sie schädlic[...]

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27. Februar 2021

Lasst uns mitreden – Kinderarbeit in den Fokus rücken

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Steinbrüchen oder auf Tabakplantagen. Die Vereinten Nationen haben daher 2021 zum Jahr der Abschaffung der Kinderarbeit ausgerufen. Das ist gut! Noch besser ist es, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen mitreden dürfen. Die Kampagnen „Time to Talk“ und „Dialogue Works“ stellen deshalb Partizipation in den Mittelpunkt.

Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.
Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.

Kinder und Jugendliche sollen bei allen gesellschaftlichen und politischen Themen, die sie betreffen, Mitspracherecht haben. Das sagt Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention. Tatsache jedoch ist, dass gerade besonders gefährdete Gruppen – etwa arbeitende Kinder und Jugendliche – dieses Recht oft nicht in Anspruch nehmen können. Schon 2016 startete deshalb die Kindernothilfe gemeinsam mit der deutschen Sektion von „terre des hommes“ die internationale Kampagne It´s Time to Talk! – Children’s Views on Children’s Work“, die 26 lokale Kinderkomitees in 19 Ländern bei ihren Aktivitäten und Veranstaltungen zur Verwirklichung ihrer Rechte unterstützt.

Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.
Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.

Vier Jahre lang diskutierten Kinder und Jugendliche über Bedingungen, Probleme und Perspektiven von Kinderarbeit. Mit gemeinsam entwickelten Empfehlungen für politische Programme und Strategien wandten sie sich an Entscheidungstragende und klärten die Öffentlichkeit über die ihnen zustehenden Rechte auf. Die im Juli 2020 beendete Kampagne markiert mit ihrem innovativen Ansatz einen großen Schritt auf dem Weg zur Stärkung des Rechts auf Teilhabe.

Positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen

Aber nicht nur auf der politischen Ebene konnte die Kampagne „Time to Talk“ wichtige Ziele erreichen. Auch im Leben der einzelnen Komitee-Mitglieder hat sich vieles verändert. Eine globale Evaluation des Projekts wies eindeutig nach, dass sich die Möglichkeiten sinnvoller Partizipation positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken. Auch vermittelte die Teilnahme an den Kinderkomitee-Treffen den Beteiligten fundiertes Wissen über Rechte wie Kinderschutz oder Bildung.

Damit konnte einmal mehr verdeutlicht werden, dass Partizipation grundlegend ist. Sie öffnet Kindern und Jugendlichen die Augen dafür, wie sie sich wirksam für ihre Interessen einsetzen und welche politischen und demokratischen Prozesse sie nutzen können. Aktive Beteiligung stärkt außerdem das Selbstbewusstsein und den Mut, Themen anzusprechen und Forderungen zu stellen, die Kinder und Jugendlichen selbst wichtig sind. Kommunikationsfähigkeiten werden gefördert, um sich gegenüber anderen, auch Erwachsenen, auszudrücken und für eigene Bedürfnisse einzustehen. Nicht zuletzt unterstützt Teilhabe die Fähigkeit, sich der eigenen Situation bewusst zu werden und für die Zukunft und spätere Herausforderungen gewappnet zu sein.

AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt
AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt

Dialogue Works – die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig stärken

Im Oktober 2020 startete quasi als Nachgfolge die internationale Kampagne Dialogue Works/Dialog wirkt – Die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig in gesellschaftlichen und politischen Prozessen verankern. Die Kampagne basiert auf den Ergebnissen und Empfehlungen des Vorgängerprojekts „Time to Talk“ und knüpft an die Erfolge und Lernerfahrungen an. Überdies ist sie eine Reaktion auf die COVID-19-Pandemie, die Kinderarbeit und ausbeuterische Verhältnisse zusätzlich begünstigt.

Mit der neuen Kampagne werden weltweit rund 30 Kinderkomitees gestärkt, deren Mitglieder ihre Erfahrungen mit Kinderarbeit in der Gruppe teilen und dadurch voneinander lernen. Indem sie ihre Rechte und Bedürfnisse gegenüber Politik und Gesellschaft einfordern, entsteht ein globaler Austausch zwischen arbeitenden Kindern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Entscheidungstragenden. Erst dieser Austausch ermöglicht politische Maßnahmen und Eingriffe, die nachhaltig zur Verbesserung der Lebensumstände arbeitender Kinder beitragen.

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Stei[...]

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25. Februar 2021

Wie der Junge Tongo und der Löwe Simba Freunde wurden

In jedem Land der Erde erzählen Großmütter ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten – sei es in einer Berghütte am warmen Kachelofen, auf einem gemütlichen Sofa in einer Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses in einer Groß­stadt oder auf einer Terrasse am Meer, wo sich die Geschichten mit dem Rauschen der Wellen vereinen … oder aber auch an einem Lagerfeuer im Hoch­land in Afrika, wenn die untergehende Sonne den Himmel tieforange färbt und die Akazien und Dornensträucher lange Schatten auf den trockenen Boden der Savanne werfen.

Unsere Geschichte führt uns in ein Kikuyu-Dorf in Kenia. Nach getaner Tagesarbeit sammeln sich die Kinder und ihre Familien im Schein des abendlichen Feuers, wo – wie jeden Abend – die Großmütter ihre Geschichten erzählen, die von Generation zu Gene­ration weitergegeben werden. Sie handeln oft von Tieren, die sich gegenseitig überlisten, die andere Gestalten annehmen, von Furcht einflößen-den Ungeheuern oder auch von Begegnungen zwischen Menschen und Tieren. Dann beginnt die Älteste der Großmütter mit dem Hinweis: „Ich meine nicht wirklich …, ich meine nicht wirklich, dass das, was ich jetzt erzählen werde, auch wahr ist, aber es könnte sich doch so zugetragen haben …“

Nach einer Erzählung von Nelson Mandela

Vor langer Zeit lebte hier in der Nähe ein Löwe namens Simba. Er hatte sich einen dicken, langen Dorn des Dornenstrauches so tief in seine Tatze getreten, dass er nicht mehr laufen und sich auch nichts mehr zu fressen besorgen konnte. Schnell sprach sich diese Neuigkeit bei den Tieren der Savanne herum. Auch Kandulu, der listige Hase, und die feige Hyäne Nyangau hörten davon und machten sich auf den Weg zu seiner Höhle.


Jeder der beiden dachte aller­dings für sich: „Wenn ich ihm helfe, könnte ich viel­leicht sein Freund werden, und es ist gut, so einen starken Gesellen als Freund zu haben“ – aber gleich­zeitig überlegten sie auch, wie sie den anderen am besten mit einer List ausstechen könnten. Kandulu, der Mutigere der beiden, schaute vorsichtig in die Höhle des Löwen hinein. Jämmerlich lag Simba auf seinem Lagerplatz. Er hatte starke Schmerzen, aber noch schlimmer war sein unbändiger Hunger. Sein Magen knurrte so laut, dass man es schon von Weitem hören konnte.
Noch etwas ängstlich fragte Kandulu den Löwen vom Eingang der Höhle her: „Du armer Simba, wie kann ich dir helfen?“
Der antwortete schwach: „Bring mir etwas zu essen, ich habe entsetzlichen Hunger, und der Dorn in meinem Fuß tut sooo weh!“
Der Hase machte sich gleich auf, um etwas Essen für den Löwen zu besorgen. Eigentlich sind Hasen ja Pflanzenfresser, aber er wusste, dass ausgewachsene Löwen wie Simba reichlich frisches Fleisch benötigen, um wieder zu Kräften zu kommen. Also machte er sich auf die Jagd und schleppte allerlei Essbares herbei, so viel er nur tragen konnte. Langsam kam Simba wieder zu Kräften, aber die Tatze wollte und wollte nicht heilen.

Die Hyäne Nyangau hatte sich die ganzen Tage im Hintergrund gehalten und alles neidisch aus der Ferne beobachtet. Sie war neidisch auf Kandulu und ärgerte sich, dass die beiden so gut miteinander auskamen. Als der Hase wieder einmal unterwegs war, um etwas Essbares für den Löwen zu holen, schlich sich Nyangau vorsichtig an seine Höhle heran. Sie schnüffelte an den Knochenresten, die Simba von den Mahlzeiten übrig gelassen hatte, und hätte so gern die Knochen weiter abgenagt. Die hatten schon einige Zeit in der Sonne gelegen und rochen daher für sie besonders lecker! Doch Simba fuhr sie an: „Was suchst du hier? Das ist mein Essen gewesen, scher dich weg!“

Aber die gemeine Hyäne winselte: „Lieber Löwe, großer Herrscher der Savanne, warum hast du denn noch immer solche Schmerzen? Kann dir der dumme Hase nicht helfen? Ich kenne das richtige Heilmittel für deine Tatze: eine gute Scheibe Fleisch, die du zwei Tage auf die Wunde legst und danach sogar noch aufessen kannst!“

Gesagt – getan. Die Hyäne machte sich sogleich auf den Weg, um ein gutes Fleischstück zu besorgen. Inzwischen war Kandulu wieder zurück zur Höhle gekommen, allerdings hatte er nur wenig zu fressen gefunden. Außer sich vor Hunger und dem schmer­zenden Dorn in der Wunde brüllte Simba: „Scher dich weg! Du hast mir nicht geholfen! Sei froh, dass ich dich nicht auffresse, obwohl ich riesigen Hunger habe!“ Erschrocken sah Kandulu auf Simbas gewaltige Zähne, machte kehrt und – wie es Hasen so tun – schlug einige Haken und war froh, heil davongekommen zu sein.

Nach einigen Tagen kam die Hyäne zurück mit einem großen Stück Fleisch. Aber feige wie sie und ihre Artgenossen so waren, hatte sie es von einer Antilope abgerissen, die schon einige Tage tot in der Sonne gelegen hatte. Dieses schon verdorbene Fleisch legte sie auf Simbas Wunde. Schon am nächsten Tag schmerzte die Wunde höllisch, und der Löwe schrie: „Was hast du getan, Hyäne? Meine Tatze sieht schlimmer aus als vorher! Die Schmerzen und mein Hunger machen mich rasend!“

Er wollte sich auf die Hyäne stürzen, konnte ihr aber nur einen schmalen Hautstreifen vom Rücken abreißen. Die zurückbleibenden Haare entlang der Wunde sträubten sich auf, aber die Hyäne war froh, dem Löwen entkommen zu sein. Seitdem jedoch haben Nyangau und ihre Artgenossen bis heute lange, borstige Haare, die am Nacken ihres Körpers abstehen.
Jetzt hatte der einst große, starke Löwe niemanden mehr, der ihm helfen könnte. Laut brüllte er seinen Hunger und Schmerz in die Savanne hinein, aber sein Rufen wurde zunehmend schwächer.

In der Nähe der Löwenhöhle lag unser kleines Kikuyu-Dorf. Dort lebte der Junge Tongo mit seiner Familie. Die Kinder wussten, dass in der Umgebung des Dorfes viele wilde Tiere lebten und es gefährlich war, in den Busch hinauszulaufen.

Eines Nachts konnte Tongo nicht schlafen und hörte das jämmerliche Klagen des Löwen in der Ferne. Gleich am nächsten Morgen schlich er sich fort und fand den kranken Simba in seiner Höhle. Simba versuchte sich aufzurichten, aber er war schon zu schwach dazu. Kläglich erzählte er ihm von seinem Hunger und den quälenden Schmerzen, den der Dorn in der Tatze verursachte.

Tongo tat der Löwe sehr leid, und er beschloss, ihm zu helfen! So oft er konnte, brachte er ihm etwas zu fressen, und nach ein paar Tagen erlaubte Simba es ihm, auch den Dorn aus der schmerzenden Tatze zu ziehen, auch wenn es furchtbar wehtat! Langsam fassten sie Vertrauen zueinander, ja sie freundeten sich sogar ein wenig an!
Tongo erzählte ihm von seinem Dorf, seiner Schwester und seinen Freunden – auch Simba berichtete von seiner Löwenfamilie, seiner Frau und den Löwen­jungen. „Warum bringst du nicht einmal deine Schwester mit? Ich würde sie auch gern kennenlernen.“ „Meine Schwester? Die ist doch ein Mädchen, die hilft meiner Mutter und meiner Großmutter im Haus und im Garten, beim Saubermachen und Essenzube­reiten. Dazu arbeitet sie fast jeden Tag nachmittags bei unserer Nachbarin und hilft ihr, Gemüse und Obst auf dem Abendmarkt zu verkaufen.“ Simba ist erstaunt. „Aber meine Kinder essen und spielen immer zusammen, die Mädchen und die Jungen, auch die älteren. Und sie lernen auch die gleichen Dinge, auch die Mädchen lernen, auf die Jagd zu gehen. Bei uns sind alle gleich, die Mädchen und die Jungen. Ist das bei euch Menschen nicht so?“ Tongo überlegt. „Na ja, eigentlich ist das in manchen Familien schon so – aber nicht bei allen. Es wird gesagt, alle Kinder hätten das Recht, in die Schule zu gehen und etwas zu lernen, auch für später. Und sie sollten auch nicht arbeiten müssen. Und Jungen und Mädchen sollten gleich behandelt werden. Aber bei uns ist das nicht so. Meine Schwester muss mitarbeiten, auch wenn sie etwas jünger ist als ich. Ohne das zusätzliche Geld, das sie verdient, könnten wir das Schulgeld nicht bezahlen. Sie hat deswegen schon oft geweint. Ich glaube, sie würde auch gern mit mir in die Schule gehen und etwas lernen, statt arbeiten zu müssen. Du hast recht!“

Nach diesem langen Gespräch ging Tongo nachdenk­lich nach Hause. Am Abend berichtete er seiner Familie von seinen Ausflügen zu Simba, der ihm inzwischen fast so etwas wie ein Freund geworden war. Seine Eltern waren zuerst erschrocken, als sie hörten, wo Tongo in der letzten Zeit immer wieder gewesen war, aber die Worte des Löwen gingen ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht sollten sie doch versuchen, über eine zusätzliche Arbeitsstelle oder einen Verkauf von mehr selbst angebautem Gemüse das Schulgeld auch für ihre Tochter zu verdienen?

Sie hatten schon gehört, dass es in manchen Dörfern Leute gab, die ihnen vielleicht weiterhelfen könnten. Tongos Mutter war fest entschlossen, auch ihrer Tochter den Schulbesuch zu ermöglichen, schließ­lich hatte sie selbst als Mädchen immer davon geträumt, in die Schule gehen zu dürfen. Dafür würde sie sorgen!

Am nächsten Tag durfte Tongo gemeinsam mit seiner Schwester Kayuni zu Simba gehen. Kayuni hatte von ihrer Großmutter eine Mischung aus verschiedenen Kräutern bekommen, die sie auf seine Wunde legte, und sie umwickelte die Tatze mit großen feuchten Blättern. Simba wurde gesund und kam durch die gute Pflege schnell wieder zu Kräften. Er wurde wieder der stolze König der Savanne, sodass er eines Tages wieder die Höhle verließ, um zu seiner Löwenfamilie zurückzukehren – allerdings nicht, ohne Kayuni und Tongo von Herzen zu danken und ihnen zu versichern, dass er sie und ihr Dorf immer vor wilden Tieren schützen würde!

Und so kam es, dass alle im Dorf nachts beruhigt schlafen konnten. Und wenn Tongo oder Kayuni nachts wirklich einmal wieder wach waren, konnten sie das leise Brüllen ihres Freundes hören und wussten dann, dass er auf sie und alle Familien im Dorf gut aufpasste.

In jedem Land der Erde erzählen Großmütter ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten – sei es in einer Berghütte am warmen Kachelofen, auf einem gemütlichen Sofa in einer Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses in einer Groß­stadt oder auf einer Terrasse am Meer, wo sich die Geschichten [...]

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