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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

6. Februar 2021

Beschneidung: Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mädchen wurde Saynab beschnitten – weil es in ihrer Heimat Tradition ist. Ihre Töchter will Saynab vor diesem Schicksal bewahren. Deswegen kämpft die 40-Jährige heute gegen Beschneidung und klärt über die lebenslangen, schmerzhaften und nicht selten tödlichen Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung auf.

Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)
Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)

Saynab, können Sie uns erzählen, was Sie als Kind erleben mussten und wie die Beschneidung Ihr Leben verändert hat?

Saynab Ibrahim: Ich wurde als Kind beschnitten. Danach war ich sehr krank und konnte mich nicht bewegen. Ich erinnere mich, dass ich wochenlang nicht mit meinen Freundinnen spielen konnte. Später, als Heranwachsende und dann nach der Heirat, als ich schwanger wurde, ging es immer weiter. Man hat mich verstümmelt und zugenäht. Wenn ich meine Periode bekam, hatte ich Schmerzen, ich litt an Entzündungen und Verstopfungen. Als ich bei der Geburt meines ersten Kindes in den Wehen lag, musste man mich öffnen, damit ich überhaupt entbinden konnte. Ich bin beinahe verblutet. Da habe ich mir geschworen, dass ich meinen Töchtern das niemals antun will. Ich habe meinen Eltern vergeben, aber meine Töchter werden nicht das gleiche Leid erfahren wie ich.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass Mädchen und jungen Frauen in Somaliland nicht dasselbe Schicksal erleiden wie Sie?

Saynab Ibrahim: Ich spreche sehr viel über meine Erfahrungen. Die Leute müssen wissen, dass ein beschnittenes Mädchen lebenslänglich unter den Folgen leidet. Viele sterben während des Eingriffs. Eine Schwangerschaft ist auch sehr gefährlich, viele junge Frauen überleben die Geburt ihres Kindes nicht. Und natürlich haben beschnittene Frauen überhaupt keine Gefühle mehr für Sexualität, da die Nervenstränge durchtrennt sind und alles taub ist. Mittlerweile warne ich täglich meine Freunde und Nachbarn. Die meisten hören mir zu, außer einige wenige unbelehrbare Fanatiker. Aber das ist immerhin ein Erfolg. Ich möchte als Vorbild vorangehen.

Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)
Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)

Denken Sie, dass durch Ihren Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ein Umdenken in Ihrer Heimat stattfindet?

Saynab Ibrahim: Vor kurzem wurde ein junges Mädchen vom Land zu mir gebracht, ihre Mutter hatte sie beschneiden lassen, man hatte sie ganz brutal zugenäht und dann noch ihre Beine fixiert, damit die Öffnung richtig zuwachsen sollte. Das Mädchen hat sehr gelitten, sie verlor so viel Blut und fiel sogar ins Koma. Sie lag wochenlang bei uns im Haus am Boden. Mit Glück hat sie überlebt. Neulich hat auch eine Nomadenfrau ihre Tochter in unsere Stadt gebracht. Sie wollte das Mädchen beschneiden lassen, glücklicherweise konnte ich die Frau davon überzeugen, es nicht zu tun!


Es ist sicher nicht leicht, gegen eine jahrhundertealte Tradition anzukämpfen und gleichzeitig über ein Tabuthema zu sprechen. Wer unterstützt Sie dabei?

Saynab Ibrahim: Es gibt NGOs wie die Kindernothilfe und ihre Projektpartner, die uns beim Kampf gegen Beschneidung unterstützen. Wir bekommen Informationen und Seminare, in denen wir aufgeklärt werden, und auch, um das, was wir dort gelernt haben, in unserer Gemeinde weiterzugeben. Ich habe die verheerenden und schmerzhaften Folgen der Beschneidung am eigenen Körper erlebt, aber auch meine ganze Umgebung und unsere Nachbarn haben damit Erfahrungen machen müssen. Ich glaube, die wesentlichen Gründe, warum Menschen Beschneidung nach wie vor praktizieren, sind Unwissenheit und Mangel an Bildung. Ich will unbedingt mit noch mehr Familien über dieses Thema sprechen und sie dazu bewegen, dass sie ihre Töchter davor verschonen.

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mäd[...]

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3. Februar 2021

Adamluk – der Junge, der verkauft wurde

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen – wenn sie trotz Corona endlich wieder geöffnet ist.

Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)
Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)

Ich heiße Adamluk. Meine Familie war so arm, dass wir nicht jeden Tag genug zu essen hatten. Deswegen hat mich meine Mutter verkauft. Erst einmal für zwei Jahre. 1.000 Birr (30 Euro) und eine Ziege hat sie für mich bekommen.

Adamluk, 12
Adamluk und seine "Besitzerin". (Foto: Malte Pfau)
Adamluk und seine „Besitzerin“. (Foto: Malte Pfau)

Jetzt lebt der 12Jährige bei der Frau, die mich gekauft hat, und muss ihr jeden Tag bei der Ernte auf den Feldern helfen und die Ziegen hüten. Seine Familie darf er nicht besuchen. Und bis vor einem Jahr hatte er auch nie frei. Ob er nach zwei Jahren wieder zurück zu seiner Familie darf, weiß er nicht.

Aber dann durfte Adamluk plötzlich zur Schule gehen. Zwei Leute von Organisationen in Äthiopien und in Deutschland waren hier und haben mit seiner Besitzerin gesprochen, damit sie ihm den Schulbesuch erlaubt. Der junge Bub muss zwar immer noch arbeiten, aber im Unterricht kann er für ein paar Stunden seinen harten Alltag vergessen. Er kann mit anderen Kindern zusammen lesen, schreiben und rechnen lernen. Und … es gibt sogar Zeit zum Spielen.

Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)
Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)

Am Anfang musste sich Adamluk erst einmal einleben, das Konzept „Schule“, den Unterricht und das Lernen kennenlernen. Aber schon nach kürzester Zeit fühlte er sich wohl, und die Schule machte ihm wirklich Spaß. Sein Lehrer sagte, er wäre „aufgeblüht“. Adamluk fragte daraufhin, ob er denn eine Blume wäre.

Leider ist in diesem Jahr die Corona-Pandemie ausgebrochen. Die Schulen in Äthiopien wurden geschlossen. Ich hoffe, dass ich bald wieder zum Unterricht gehen kann. Lernen macht mir nämlich mehr Spaß als zu arbeiten!

Adamluk, 12

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen - wenn sie trotz[...]

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30. Januar 2021

Versorgungssicherheit: aber für wen?

Die Corona-Krise hat die Anfälligkeit globaler Lieferketten für weltweite Krisen gezeigt und eine Debatte um die Versorgungssicherheit mit kritischen Gütern in der EU ausgelöst. Die Auswirkungen auf den Globalen Süden dürfen in dieser Diskussion allerdings nicht vergessen werden.

MNS und Handhygiene als wesentliche Präventionsmaßnahmen gegen die Virusausbreitung. (Foto: jackbuu267358)
MNS und Handhygiene als wesentliche Präventionsmaßnahmen gegen die Virusausbreitung. (Foto: jackbuu267358)

Die EU Debatte um die Versorgungssicherheit mit medizinischen und pharmazeutischen Produkten post-COVID-19

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen des internationalen Handels im ersten Quartal 2020 – durch Exportrestriktionen, Lockdowns, usw. – haben die Anfälligkeit globaler Lieferketten für globale Krisen gezeigt. Insbesondere im Fall von kritischen Gütern, wie zum Beispiel für gesundheitsrelevante Produkte, stellt die mangelnde Resilienz weltumspannender Produktionsnetzwerke (GPNs) und die damit gefährdete Versorgungssicherheit ein bedeutsames gesellschaftliches Problem dar.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Versorgungssicherheit von medizinischen und pharmazeutischen Produkten in der EU und in Österreich waren höchst unterschiedlich. Auch die zuvor gut funktionierenden Lieferketten von medizinischen Produkten mit Relevanz zur Pandemiebekämpfung, wie zum Beispiel medizinische Handschuhe, Gesichtsmasken und Beatmungsgeräte, waren vor allem am Anfang der Krise von Engpässen geprägt. Diese wurden durch die hohe Nachfrage und Handelsbeschränkungen verursacht und hatten negative Auswirkungen auf die globale Versorgung (siehe z.B. Burki und McCauley/Hayes in The Lancet), auch in der EU und den USA.

Im Gegensatz dazu waren durch die Pandemie ausgelöste Engpässe für pharmazeutische Produkte in der EU sehr begrenzt. Die kurzzeitig eingeführten Exportrestriktionen durch Indien für eine Reihe von kritischen Medikamenten und Zwischenprodukten sowie Produktionsausfälle durch Lockdowns in China zeigten aber einmal mehr die geringe Resilienz der pharmazeutischen GPNs. Die Corona-Krise bewirkte vor allem, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für die sich bereits seit Jahren zuspitzenden Lieferengpässe für verschiedene pharmazeutische Produkte in der EU erhöht wurde.

Laut einem Report des Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI) des Europäischen Parlaments stieg die Anzahl der Engpässe von pharmazeutischen Produkten in der EU zwischen den Jahren 2000 und 2018 um das 20-fache. Zudem zeigt eine sich in Veröffentlichung befindliche Studie der OECD, dass die Anzahl der Engpässe in 14 OECD Ländern zwischen 2017 und 2019 um 60% gestiegen ist. Auch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) weist einen dramatischen Anstieg an Vertriebseinschränkungen im letzten Jahrzehnt aus. Gemäß diesen Untersuchungen waren viele verschiedene Produkte und Produktgruppen betroffen, daher sind auch die Ursachen für die Engpässe vielschichtig, und umfassen Produktions- und Qualitätsprobleme, einen plötzlichen Nachfrageanstieg, Parallelimporte und anderes mehr. Erst in jüngster Zeit werden auch von EU Institutionen (z.B. im Europäischen Parlament und in der neuen Pharmaceutical Strategy der Europäischen Kommission) die Zunahme der Engpässe in Verbindung mit den Globalisierungs- und Auslagerungsprozessen der pharmazeutischen Industrie in den letzten Jahrzehnten diskutiert.

Mangelnde Resilienz durch Globalisierung, Konsolidierung und räumliche Konzentration

Wenngleich die Frage der Versorgungssicherheit bei medizinischen und pharmazeutischen Produkten differenziert diskutiert werden muss, ist die zentrale strukturelle Ursache – globalisierte und dezentralisierte Produktionsnetzwerke – in beiden Fällen ähnlich. Aber auch innerhalb der Sektoren gibt es beträchtliche produktspezifische Unterschiede, denn die EU verfügt weiterhin über große lokale Produktionskapazitäten für medizinische und pharmazeutische Produkte.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass vor allem die Produktion von weniger komplexen und niedrig bepreisten Gütern ausgelagert wurde. Im Fall von medizinischen Produkten betrifft dies vor allem die während der Corona-Krise so wichtige persönliche Schutzausrüstung (wie Handschuhe, Gesichtsmasken, usw.), während in der pharmazeutischen Industrie insbesondere die Generikaproduktion ausgelagert wurde. Im Fall der Generikaproduktion wurde meist nicht die ganze Wertschöpfungskette ausgelagert, sondern vor allem die Produktion von Zwischenprodukten, den sogenannten aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen (APIs).

Die Produktion von komplexeren und höher bepreisten Gütern (z.B. Medizingeräte wie Beatmungsgeräte, MRT bzw. patentgeschützte Medikamente wie neue Mittel zur Krebsbekämpfung) befindet sich hingegen weiterhin in der EU. Aber auch die Produktion in der EU, insbesondere im Fall von komplexen medizinischen Gütern, ist in GPNs eingebettet und oftmals von einer Vielzahl von Inputs und globalen Zulieferunternehmen abhängig.

Die Globalisierungsprozesse in beiden Sektoren erhielten mit dem Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPs) der Welthandelsorganisation auftrieb und waren – insbesondere im Fall der pharmazeutischen Industrie – von ausgeprägten Konsolidierungsprozessen der multinationalen Großunternehmen begleitet. Auch Finanzialisierungsprozesse führten zu einer zunehmenden shareholder-value Orientierung und erhöhten Rentabilitätszielen, was die Produktion von weniger profitablen Gütern in der EU noch unattraktiver machte. Gleichzeitig stieg der internationale Konkurrenzdruck, da Produktionsstandorte im Globalen Süden durch aktive Industriepolitik sowie niedrige Löhne oder Sozial- und Umweltstandards an Attraktivität gewannen und Produkte zu niedrigeren Preisen anbieten konnten. In diesem Zusammenhang spielen auch die Beschaffungsstrategien von öffentlichen Institutionen wie Krankenversicherungen und Krankenhäusern und deren Verbänden eine besondere Rolle. Diese richten ihren Einkauf vorrangig am Preis und kaum an anderen Kriterien wie Versorgungssicherheit oder Nachhaltigkeitsstandards aus und leisteten somit ebenfalls globalisierten Produktionsstrukturen Vorschub.

Ein weiteres Problem der Globalisierungsprozesse war die für viele Produkte beobachtbare Konsolidierung der Lieferunternehmen sowie eine regionale Konzentration. Bei vielen der ausgelagerten und wenig komplexen Produkte wie beispielsweise in der Generika API Produktion spielen Skaleneffekte (d.h. sinkende Stückkosten bei zunehmender Produktionsgröße) eine besondere Rolle. Das führt dazu, dass es für viele dieser Produkte oftmals nur wenige globale Anbieter gibt. Zudem ist die Produktion bestimmter Produkte häufig abhängig von der lokalen Verfügbarkeit von bestimmten Inputs, weshalb sich für manche Produkte auch ein regionales Clusterrisiko ergibt. Und auch in manchen GPNs mit mehreren möglichen Anbietern kaufen Firmen bestimmte Inputs aus Kostengründen oft nur bei einem Anbieter (single sourcing), was im Ernstfall – und bei nicht leicht bzw. schnell substituierbaren Gütern – zu zumindest kurzfristigen Versorgungsproblemen führen kann.

Zum Beispiel befindet sich der Großteil der globalen Produktion von medizinischen Handschuhen in der Hand von sechs Unternehmen, die aufgrund der regionalen Verfügbarkeit von Kautschuk, den klimatischen Bedingungen, vergleichsweise niedrigen Löhnen und Arbeitsstandards sowie industriepolitischen Maßnahmen vor allem in Malaysia produzieren. Gleichzeitig befindet sich auch ein großer Teil der Generika API Produktion in China und Indien (z.B. viele Antibiotika, Schmerzmittel, etc.), wobei manche APIs sogar nur von einigen wenigen oder einem einzigen Unternehmen produziert werden. Lieferengpässe bei Ausfällen sind in diesen Extremfällen vorprogrammiert.

Paracetamol ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein oft genanntes Beispiel. Obwohl die Anzahl der API produzierenden Unternehmen vergleichsweise groß ist, beschränkt sich hier die globale Produktion aufgrund der Nähe zu kritischen Inputs im Wesentlichen auf China. Dabei sind selbst die wenigen API Produzenten außerhalb Chinas großteils von Inputimporten aus China (Para-Aminophenol) abhängig. Der geplante Erhalt der österreichischen Penicillinproduktion in Kundl ist im Bereich pharmazeutischer Produkte eher die Ausnahme als die Regeln, und ist wohl nur aufgrund öffentlicher Förderungen möglich geworden.

Erhöhung der Resilienz: Rebalancing, Reshoring und Lagerhaltung

In diesem Zusammenhang ist in der EU und anderswo eine Debatte um Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz von Lieferketten und damit der Versorgungssicherheit mit kritischen Produkten entstanden. Neben einer Erhöhung der Lagerhaltung fokussieren liberale ÖkonomInnen in diesem Zusammenhang auf das Rebalancing von Lieferketten. Rebalancing umfasst Maßnahmen, welche die Robustheit der Lieferketten gegenüber Krisen erhöhen, aber nichts grundsätzliches an der globalen Ausrichtung der Produktionsstruktur selbst ändern. Dazu zählen zum Beispiel die Ausweitung und geografische Diversifikation des Zulieferernetzwerks, die Erhöhung des In-house Produktionsanteils von kritischen Inputs, oder die Stärkung der Transport und Logistikinfrastruktur. Auf diesem Weg werden Risiken wie regionale Cluster und single sourcing reduziert. Fraglich bleibt inwieweit diese mit Kosten verbundenen Maßnahmen von Firmen freiwillig, d.h. ohne staatliche Auflagen, umgesetzt werden.

Während die Notwendigkeit GPNs robuster zu strukturieren unbestritten ist, bleibt die Frage nach der Rolle von Reshoring, d.h. der (teilweisen) Rückführung der Produktion in die EU, in diesem Zusammenhang umstritten (z.B. hier und hier). Da für viele der kritischen Produkte die Profitabilität der Produktion in der EU begrenzt ist, müsste Reshoring in vielen Fällen durch industriepolitische Maßnahmen (z.B. direkte finanzielle Förderungen oder Bezahlung von höheren Preisen zur Abgeltung höherer Standards bezüglich Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit etc.) unterstützt werden. Dabei sind die Möglichkeiten und Kosten für Reshoring zwischen den Produkten höchst unterschiedlich. Während zum Beispiel der Aufbau von lokaler Produktion für Gesichtsmasken – wie die Corona-Krise zeigte – vergleichsweise einfach ist, und sich hier vor allem die Frage der Nachhaltigkeit dieser Produktion nach Corona stellt, ist Reshoring für Generika APIs deutlich komplexer und ohne massive staatliche Unterstützung kaum denkbar. Für wieder andere Produkte, wie medizinische Handschuhe, lassen die klimatischen Bedingungen aber auch die mangelnde lokale Verfügbarkeit von wesentlichen Inputs den Aufbau von EU Produktion als sehr unwahrscheinlich erscheinen. Hier wäre höhere Lagerhaltung eine mögliche Alternative.

Entwicklungspolitische Perspektive für Diskussion um EU Versorgungssicherheit wichtig

Die Corona-Krise hat die mangelnde Resilienz der Lieferketten von kritischen Produkten aufgezeigt. Die große Diversität dieser Produkte und der dazugehörigen GPNs verweist auf die Notwendigkeit von verschiedenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Erhöhung der Versorgungssicherheit in der EU, aber auch aus globaler Perspektive. In der EU braucht es eine breite Diskussion darüber, welche Produkte als kritisch anzusehen sind, welche Maßnahmen (staatlich geförderte Lagerhaltungsmodelle, Auflagen für Firmen, Förderung von Reshoring, etc.) für welche Produktgruppen sinnvoll erscheinen, und welche Ressourcen unsere Gesellschaft zur Erhöhung der Versorgungssicherheit bereit ist aufzuwenden. Vor allem für Reshoringmaßnahmen erscheint aufgrund der höheren Förderkosten, des größeren Marktes und meist vorhandener Skaleneffekte in der Produktion eine europäische Lösung sinnvoll. Aktuell bleibt aber noch unklar, wie auch die neue Pharmaceutical Strategy der Europäischen Kommission zeigt, welche Rolle die Förderung von Reshoring nach der Pandemie tatsächlich einnehmen wird.

Aus entwicklungspolitischer Perspektive sollten in dieser Diskussion auch die vielschichtigen Auswirkungen von Verlagerungsprozessen auf den Globalen Süden mitgedacht werden. Der Versuch, die europäische Versorgungssicherheit durch den (Wieder-)Aufbau bzw. die Ausweitung lokaler Produktion zu erhöhen kann dabei je nach Sektor und GPN höchst unterschiedliche Wirkung entfalten. So kann sich z.B. die Rückverlagerung der Produktion negativ auf Einkommen und Beschäftigung in den Produktionsländern wirken. Der zusätzliche Aufbau von EU Produktion könnte auch Überkapazitäten schaffen, und die Preise und somit auch die Rentabilität von bestehenden Unternehmen drücken bzw. diese Unternehmen sogar verdrängen. Auf der anderen Seite könnten vor allem importabhängige Länder, z.B. in großen Teilen von Sub-Sahara Afrika, von staatlich geschaffenen Überkapazitäten – zumindest während Normalzeiten – profitieren, wenn dies die Preise künstlich reduziert und damit den Einkauf verbilligt. Zusätzlich könnten manche Länder mit geographischer Nähe zur EU, z.B. in Nordafrika, von nearshoring Strategien mancher Unternehmen profitieren und Produktion für den EU-Export aufbauen. Um potenziell negative ökonomische Auswirkungen abzuschwächen, und positive zu verstärken, müssen diese also von Beginn an mitgedacht werden.

Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, wie die Versorgungssicherheit von kritischen Gütern auf globaler Ebene gewährleistet werden kann. Da nationalstaatliche Strategien in Zeiten von globalen Krisen oftmals die Oberhand gewinnen, sollten aus der Corona Pandemie auch Lehren zur Erhöhung der Versorgungssicherheit des Globalen Südens mit Medikamenten und anderen kritischen Gütern gezogen werden. Das kann den Aufbau von Lagern durch internationale Organisationen wie die WHO beinhalten, die Verfügbarkeit von Krisenfazilitäten bei den internationalen Finanzinstitutionen zur Beschaffung dringend benötigter Güter, oder die mittel- und langfristige Unterstützung für den Aufbau nationaler Produktions- und Lagerhaltungskapazitäten im Globalen Süden. Klar ist, Maßnahmen zur Stärkung der öffentlichen Gesundheit sollten in der europäischen Entwicklungszusammenarbeit post-COVID-19 aufgewertet werden.

Der Kommentar basiert auf einer ÖFSE Studie, welche von Jan Grumiller, Hannes Grohs und Christian Reiner verfasst wurde und Anfang 2021 erscheinen wird. Die Studie wurde im Rahmen des von der AK Wien geförderten Forschungsprojekts „Increasing resilience and security of supply of production post-COVID-19: From global to regional value chains?“ erstellt. Das Forschungsprojekt wird von der ÖFSE in Kooperation mit dem Institut für Recht und Governance an der Wirtschaftsuniversität Wien durchgeführt.

Die Corona-Krise hat die Anfälligkeit globaler Lieferketten für weltweite Krisen gezeigt und eine Debatte um die Versorgungssicherheit mit kritischen Gütern in der EU ausgelöst. Die Auswirkungen auf den Globalen Süden dürfen in dieser Diskussion allerdings nicht vergessen werden. MNS und H[...]

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27. Januar 2021

Wie Kinder auf Äthiopiens Straße überleben

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor drei Jahren lebte sie auf der Straße im Dreck, heute sagt das ehemalige Straßenkind mit gerade geschafftem Volksschulabschluss: „Life is good.“

Das Leben ist gut? Was für ein Satz für die inzwischen 16-Jährige. 2017 war es Kaido, die uns ihre Stadt zeigte: den Markt, auf dem ihre Mutter für ein paar Birr Zwiebeln verkaufte, den nackten Beton an der lauten, löchrigen Straße, auf dem sie geschlafen hatte, bevor die Helfer sie fanden, dreckig und hoffnungslos. Das karge Zimmerchen den leeren Fensterhöhlen, in dem sie später, als man sie gewaschen hatte, „wohnen“ durfte, kein Wasser zwar, aber ein Zuhause.

Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)
Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)

Wie schützt man sich vor Corona, wenn es kein sauberes Wasser gibt?

Kaido hat bis heute nur diese leckende Leitung im Tal. Für den kleinen Abebe, damals acht, war das Stück Seife das Größte in der „Blauen Schule“, dieser Einrichtung, in dem äthiopische Kinder lernen dürfen, die eigentlich das Geld dafür nicht haben. Sie lernten als erstes, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht – wenn es denn etwas zu essen gibt. Denn die Straßenkinder, Nesanet, Molitu oder Hawi, hatten ja beides nicht, die hatten nur die alte Müllkippe und das Abwasser der Limonadenfabrik am ausgetrockneten Fluss.

Wie geht das mit Corona? Es geht nicht. Kaido und auch Bayesh, die beiden Mädchen, die im Videotelefonat eigentlich immerzu lächeln, sie sagen, sie sind einsam geworden, sie vermissen ihre Freunde und vor allem haben sie „große Angst“ vor Covid. „Sie sind sich der Gefahr sehr bewusst“, sagt Dereje vom Kindernothilfe-Partner FSCE, dem das Handy gehört. Aber was soll man ihnen von Hygiene erzählen, im April haben sie angefangen bei den Hilfsorganisationen, den Kindern etwas zu essen zu geben. Und ihnen zu erklären, wie man sich irgendwie schützt vor dem Virus.

Jugendlichen beim Fotoshooting für die sozialen Medien(Quelle: Lorenz Töpperwien)
 Bayesh 2017 in der Schule; inzwischen ist sie 17 Jahre alt (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Kinder von der Straße holen

Gerade die auf der Straße werden angefeindet, sagt Dereje, mehr noch als sonst. Hilfe zum Überleben ist es jetzt, was seine Kollegen machen. Zum Glück kennen sie die Kinder aus den Projekten. Fast 1.000 Heranwachsende, so viele Mädchen unter ihnen, haben Kindernothilfe und FCDE in diesem Sommer erreicht, trotz allem. In die Schutzhäuser und Zentren durften sie sie nicht mehr holen, ein halbes Jahr fast konnten sie nicht mehr arbeiten wie sonst: Kinder auffangen, sie überhaupt erst finden am Busbahnhof und in der Gosse, an ihren Schlafplätzen zwischen Ladenzeilen, wo sie schlafen wie wilde Hunde. Sie in die Schule schicken, sie vor Gewalt und Missbrauch schützen. Dabei, sagt Dereje, sind die Kinder doch „besonders verletzlich“! Sie besuchen sie nun häufiger in den Familien – wenn es überhaupt eine Familie gibt.

Bayesh arbeitet nachts, tagsüber geht sie in die Schule

Die Schulen waren mehr als ein halbes Jahr geschlossen, und trotzdem haben Kaido und Bayesh ihren Abschluss geschafft. Achte Klasse, letzte Woche waren die Prüfungen, sie sind beide Zweitbeste geworden. Man muss sich das mal vorstellen: zwei junge Mädchen, die überhaupt nur in die Schule konnten, weil die Kindernothilfe sie unterstützte, Kaido war schon zehn, als sie zum ersten Mal hinging. Und Bayesh, die macht es noch immer so wie damals, als sie im Gespräch weinen musste, auch weil sie so müde war: Sie läuft zur Schule, eine Stunde lang, weil sie das Geld für ein Tuk-Tuk nicht hat, sie versorgt ihre jüngeren Geschwister, sie kocht – und dann arbeitet sie.

Bis nachts um zwei hat Bayesh, inzwischen 17, ihrer Mutter geholfen, Kaffeebohnen zu sortieren, die guten für den Export, die schlechten für die Einheimischen – eine Aschenputtel-Geschichte. Nur statt des Prinzen kam Corona, die Firma machte zu, die Mutter verlor den Job. Jetzt ist sie Tagelöhnerin, und sie geht putzen, Bayesh hilft, für 200 Birr in der Woche – vier Euro. Und sie will trotzdem weiter zur Schule gehen, in ihrer Freizeit sozusagen, denn sie hat einen Traum: Sie will Ärztin werden.

Videokonferenz mit Kaido, Kindernothilfe-Mitarbeiterinnen und WAZ-Reporterin Annika Fischer (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)
Wackelige Verbindung mit Äthiopien: Kaido, 16, zeigt Deutschland ihre Zeichnungen.  (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)

Kaido wünscht sich Papier zum Malen

Das möchte Kaido auch. Oder Zeichnerin, das eigentlich lieber. So haben wir sie in Erinnerung, immer mit Papier unterm Arm, sie malte schöne, große Frauen in langen Kleidern. Sie hat sie auch diesmal mitgebracht, drückt die Bilder gegen die Handykamera, noch eines und noch eines. Auf anderen Blättern ist Schrift zu erkennen, ein Schulheft? Eine Bitte hat Kaido noch, als das Gespräch schon fast zu Ende ist, sie muss das unbedingt loswerden, obwohl jetzt eigentlich Bayesh dran ist. „Sie sagt“, übersetzt Dereje vom Aramäischen ins Englische, „sie braucht Stifte und Papier, auf dem sie zeichnen kann. Damit sie nicht immer ihr Schulmaterial dafür nehmen muss.“

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor [...]

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22. Januar 2021

Kleine Lerner, große Chancen

„Die Schule ist super“ ist der einhellige Tenor der fünf syrischen Wildfänge, die im Kindernothilfe-Förderzentrum südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut den Vorschulunterricht besuchen. Im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms werden in 3 insgesamt 1.500 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren bestmöglich auf die Aufnahme in das staatliche Schulsystem des Libanon vorbereitet werden.

Geflohen aus Syrien oder im eigenen Land benachteiligt, bekommen die Jüngsten bei "Early Learners" südlich von Beirut eine Chance auf frühkindliche Förderung. (Foto: Ulrich Gernhardt)
Geflohen aus Syrien oder im eigenen Land benachteiligt, bekommen die Jüngsten bei „Early Learners“ südlich von Beirut eine Chance auf frühkindliche Förderung. (Foto: Ulrich Gernhardt)

Aufgrund des syrischen Bürgerkrieges zog es seit 2011 mehr als zwei Millionen Schutzsuchende in den Libanon. Neben den damit verbundenen infrastrukturellen Problemen und der allgemeinen Armut mangelt es vor allem an Zukunftsperspektiven für Kinder und Erwachsene. Die ohnehin schon prekäre Situation wird durch den meist verwehrten Zugang zu einer geregelten Vorschul- und Schulausbildung zusätzlich verschärft.

In Baalchmay, Bourj el-Barajneh und Ghobeiry, drei besonders bedürftigen Gemeinden südlich der libaneischen Hauptstadt Beirut, zeigt sich dieser Misstand deutlich. Denn der Mangel an Kindergärten trifft vor allem die wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerungsteile – darunter zahlreiche Flüchtlingskinder.

Early Learners

Das Bildungsprojekt „Early Learners“ des Kindernothilfepartners Connect Children Now betreut 1.500 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Während ihres Aufenthaltes in einem der drei Förderzentren haben die Mädchen und Buben die Möglichkeit, viele neue Dinge kennenzulernen und Freundschaften zu knüpfen. Außerdem werden sie im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms optimal auf die Aufnahme in das staatliche Schulsystem vorbereitet. So ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Mädchen und Buben am Ende des Förderprogramms verschiedene Farben, Formen, Zahlen und Buchstaben erkennen und voneinander unterscheiden können. Dabei achtet das Projektpersonal aber stets darauf, dass der Spaß keinesfalls zu kurz kommt.

Zudem werden alle geförderten Mädchen und Buben psychologisch begleitet, damit sie die Chance haben, ihre traumatischen Erfahrungen bestmöglich zu verarbeiten. So sollen sie die Möglichkeit haben, wieder ein Stückchen kindliche Unbeschwertheit in ihren jungen Jahren zu erleben.

Um die Bedeutung einer geregelten Vorschul- und Schulausbildung sowie einer kindgerechten und gewaltfreien Erziehung innerhalb der Bevölkerung fest zu verankern, bezieht der Projektträger 750 Mütter und Väter in die Projektarbeit ein. Auch sie haben die Möglichkeit, bei Bedarf psychologisch unterstützt zu werden

"Die Schule ist super" ist der einhellige Tenor der fünf syrischen Wildfänge, die im Kindernothilfe-Förderzentrum südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut den Vorschulunterricht besuchen. Im Rahmen eines abwechslungsreichen Lern-, Sport- und Spielprogramms werden in 3 insgesamt 1.500 Kinder[...]

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