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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

14. Oktober 2019

Aus dem Versteck hinein ins Leben

Kinder mit Behinderungen trifft in Sri Lanka ein hartes Schicksal: Sie werden oft ausgegrenzt, haben keinen Zugang zu Bildung oder Förderung, die ihr Leben erleichtern könnte. In fünf Dörfern im Norden des Landes werden Kinder mit Beeinträchtigungen speziell betreut.

Die beeiträchtigte Nilani und ihre Geschwister werden seit kurzem im Kindernothilfe-Projekt in Sri Lanka betreut. (Foto: Manfred Fesl)
Die beeiträchtigte Nilani und ihre Geschwister werden seit kurzem im Kindernothilfe-Projekt in Sri Lanka betreut. (Foto: Manfred Fesl)

Die Kuh ist der ganze Stolz der Familie: Sie liefert nicht nur Milch, sondern auch Dünger. (Foto: Manfred Fesl)
Die Kuh ist der ganze Stolz der Familie: Sie liefert nicht nur Milch, sondern auch Dünger. (Foto: Manfred Fesl)

Wenn Nilani neben ihrer Kuh im Gras sitzt, ist sie glücklich. Die Kuh ist mager, hat kaum Fett an den Rippen – wie die meisten Kühe im Norden von Sri Lanka. Aber sie gibt Milch. Und sie gibt der Familie Sicherheit. Die Kuh ist Nilanis ganzer Stolz und die Lebensgrundlage ihrer Familie. Ohne die Milch der Kuh, die auch auf dem Markt verkauft wird, ohne den Kuhdung, der die Böden düngt, ohne die Kälber, die zwar unregelmäßig, aber doch immer wieder zu einem Zusatzeinkommen führen, könnte Nilanis Familie nicht überleben. Trauriger Alltag hier im Norden Sri Lankas im ehemaligen Kriegsgebiet.

26 Jahre lang wurde das kleine Land im Indischen Ozean von einem Bürgerkrieg zerrüttet. Am stärksten betroffen war der tamilische Norden, Zehntausende Zivilisten starben bei Kämpfen oder wurden verletzt, darunter auch zahllose Kinder. Jahrelang lebten viele Tamilen in Flüchtlingscamps – katastrophale hygienische Bedingungen, fehlende medizinische Versorgung, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser beherrschten dort das Leben. Nun sind die meisten nach Hause zurückgekehrt. Geblieben sind viele Narben: An den Körpern kriegsversehrter Kinder, die von ihren Eltern aus Scham versteckt werden, aber auch an ihren Seelen. Die weit verbreitete Mangelernährung führt zusätzlich zu schwerwiegenden Auswirkungen auf die Gesundheit von Neugeborenen und Kleinkindern.

Auch bei Nilani und ihre Schwester sind Narben geblieben. Ob durch Krankheit oder Unterernährung, Komplikationen während der Geburt oder die Kriegshandlungen, die ihre Mutter während der Schwangerschaften miterleben musste – so genau kann uns das niemand mehr sagen. Die Zahl von Menschen mit Behinderungen ist im Norden Sri Lankas überdurchschnittlich hoch, deren Förderung besonders schlecht. Es gibt zu wenige Schulen und Krankenhäuser, staatliche Dienstleistungen sind für viele unerreichbar, die wenigsten öffentlichen Bereiche sind behindertengerecht ausgestattet, die wenigsten Lehrer wissen Kinder mit Beeinträchtigung entsprechend zu fördern. Und viel zu oft noch werden Kinder mit Behinderung aus Scham zu Hause versteckt und gesellschaftlich ausgegrenzt, können schon auf Grund fehlender Transportmöglichkeiten nicht in die Schule gehen und sind Zeit ihres Lebens auf Almosen angewiesen.

Nilani streichelt gedankenverloren ihre Kuh. Im Hintergrund steht das kleine Haus ihrer Familie. Die Fenster sind notdürftig mit Fetzen verhängt, im kargen Wohn- und Schlafraum der winzigen Hütte stehen ein paar Plastikstühle – sie sind die einzige Sitzmöglichkeit der Familie. Gekocht wird mit offenem Feuer, die wenigen Küchenutensilien haben auf einem schmalen Holzbrett Platz. Aber Nilanis Eltern sind glücklich. Ihre beiden Töchter werden seit kurzem durch den Kindernothilfe-Projektpartner SEED (Social Economical and Environmental Developers) betreut, bekommen im Kindernothilfe-Förderzentrum die Unterstützung, die sie brauchen. Und ihr Sohn kann nun ebenfalls in die Schule gehen – er hat durch das Projekt die für seine Familie unleistbaren Schulmaterialien zur Verfügung gestellt bekommen.

Förderung im Alltag

Nilani und ihre Schwester freuen sich auf den Schultag (Foto: Manfred Fesl)
Nilani und ihre Schwester freuen sich auf den Schultag (Foto: Manfred Fesl)

Nilanis Familie ist nur eine von vielen, die durch das Kindernothilfe-Projekt betreut werden. Mehr als 1.000 Kinder erhalten hier, in der Nähe der Stadt Vavuniya im ehemaligen Kriegsgebiet, die notwendige Förderung, medizinische Versorgung, die Möglichkeit, endlich in die Schule zu gehen. Und Hilfsmittel, um den Alltag mit Behinderungen einfacher zu gestalten.

Denn viele der Beeinträchtigungen - Hörbehinderungen oder kleine Fehlstellungen der Füße etwa - wären leicht zu behandeln. Mit dem passenden Hörgerät, einem kleinen operativen Eingriff, Gehbehelfen und entsprechender physiotherapeutischer Förderung wären viele Betroffene nahezu ohne Beeinträchtigung. Dafür fehlt es aber vor allem im Norden Sri Lankas an finanziellen Mitteln. Investiert wird eher in die touristisch attraktiven Regionen im Süden. Der Norden wird von Regierung und Behörden vernachlässigt, zu instabil ist die politische Lage seit Jahrzehnten, berichten uns die Projektverantwortlichen.

Mit umso mehr Herzblut sind die Projektmitarbeiter engagiert. Bei regelmäßigen Hausbesuchen üben sie mit den Kindern und ihren Familien in den eigenen vier Wänden einfache Alltagstätigkeiten, geduldig und liebevoll, wieder und wieder. Und zeigen den Familien physiotherapeutische und hygienische Maßnahmen, um die Gesundheit der Kinder zu verbessern. Allein im Vorjahr wurden 238 solcher Hausbesuche durchgeführt.

Oft sind die Lebensumstände schon schwierig genug. So wie bei Abisan. Zu Hause bei seiner Familie sehen wir große Armut. Und wie beschwerlich es sein muss, in solch einfachen Verhältnissen das Leben mit Behinderung zu meistern – wenn nicht einmal Küche oder sanitäre Einrichtungen wie Toilette oder Waschbecken zur Verfügung stehen und Wege und Böden uneben sind. Dafür hat Abisan vom Projekt einen eigenen Rollstuhl erhalten, wird regelmäßig medizinisch versorgt, ein Physiotherapeut kommt zu ihm ins Haus. Stolz zeigen seine Schwester und Oma die Fortschritte, die er mittels der Übungen schon gemacht hat. Er kann den Kopf alleine halten und hat Wege gefunden, seine Bedürfnisse auszudrücken.

Das ganze Dorf feiert mit

Selbstständig zu essen, sich anzuziehen, sich zu waschen oder ein paar Schritte zu gehen, sich mit Zeichensprache zu verständigen oder mit dem eigenen Hörgerät wieder am Alltag teilhaben zu können – all diese Fertigkeiten werden mit den Kindern mit Therapeuten geübt. Die neu gewonnene Eigenständigkeit entlastet auch die meist hart arbeitenden Familien. Und die Kinder sind stolz auf ihre Fortschritte. Bei öffentlichen Feiern zeigen alle, was sie gelernt haben – einstudierte Lieder und kleine Theaterstücke. Gut besucht seien diese Feste, erzählen uns die Projektmitarbeiter. Und daher ein wichtiges Instrument zur Aufklärung der Gemeinden über die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen. Vorurteile können bei den gemeinsamen Feierlichkeiten oder jährlich stattfindenden Sportwettbewerben, an denen die ganze Dorfgemeinschaft teilnimmt, abgebaut werden. Bei Geschicklichkeitsspielen zeigen auch Kinder mit Gehbehinderung der zuschauenden Gemeinde, wie mobil sie schon geworden sind.

Inklusives Lernen wird sowohl in den Schulen als auch am Wochenende im Gemeindezentrum in praktiziert. (Foto: Manfred Fesl)
Inklusives Lernen wird sowohl in den Schulen als auch am Wochenende im Gemeindezentrum in praktiziert. (Foto: Manfred Fesl)

Apropos Mobilität: Für die Kinder im Rollstuhl oder mit Gehbehelfen scheitert der Schulbesuch oft bereits am unüberwindbaren Weg zur Schule. Für sie wird daher ein Transport organisiert. In den Schulen selbst werden Spezialkassen eingerichtet. Die Klassenräume müssen auch mit Rollstuhl zugänglich sein. Wir sehen dafür eigens installierte Rampen, behindertengerechte Möbel, Spezialtische und Stühle. Jedes Jahr werden an verschiedenen Schulen weitere Spezialklassen eingerichtet, die inklusives Lernen ermöglichen.

Trainings für die Lehrkräfte

Dazu braucht es natürlich auch eine intensive Schulung der Lehrkräfte. Oftmals überfordert sie die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, da diese komplett neu für sie ist. Bei Workshops zu alternativen Unterrichtsmethoden lernen und verstehen die Lehrer, wie erfolgreiche Inklusion aussieht, wie Kinder mit Beeinträchtigung in den Unterricht miteinbezogen werden können. In 10-Tages-Training konnte mittlerweile ein Großteil des Lehrpersonals die Zeichensprache erlernen. Wovon die Wände der Klassenzimmer zeugen: Viele davon sind liebevoll mit Symbolen der Gebärdensprache bemalt.

Gemalt wird auch im Gemeindezentrum in Vavuniya, und das sogar an Wochenenden und Feiertagen - um die Kinder von der Straße zu holen und vor Missbrauch und Kriminalität zu schützen, erzählen uns die Projektpartner. Bei einem dieser Treffen dürfen wir dabei sein. Es sind viele Kinder gekommen. Sie sitzen im Kreis, zeichnen, lachen und klatschen. „Ranwan patai samanalaya“ singen die Mädchen und Buben – „ein bunter goldener Schmetterling“. Es ist das Lieblingslied von Nilani. „Rosamale pani beela giya“, er trinkt den Nektar der Rose und fliegt davon, summt das kleine Mädchen fröhlich mit. Die Melodie bleibt uns noch lange später im Ohr.