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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Boliviens vergessene Kinder

Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)
Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Eingang zu den Minen gibt Hoffnung – auf Bildung und Berufsaussichten jenseits des Teufelsbergs.

Rumpelnd schiebt sich der große Lastwagen entlang der engen Serpentinenstraße von Potosí hinab, Kurve um Kurve, voll beladen mit den eben aus der Mine geholten Steinen. Zinn und Blei werden hauptsächlich abgebaut, hier, im Cerro Rico, dem „reichen Berg“ in Boliviens Hochland. Immer wieder fallen größere und kleinere Steine von der Ladefläche des LKWs herab, zu den Füßen der am Straßenrand hockenden Frauen, Mädchen, Kinder. Genau auf diese Steine warten sie, sammeln sie auf und klopfen sie zu kleineren Stücken - um die Mineralien weiter zu verkaufen und sich so ein kleines Zubrot zu verdienen.

„Parilli“ werden sie genannt, die Steinesammlerinnen. Es sind die Frauen und Mädchen der umliegenden Dörfer, die auf diese Weise versuchen, das Einkommen der Männer und jungen Burschen, die in den Minen arbeiten, zu unterstützen. Denn die Arbeitsbedingungen in den Minen sind so gesundheitsschädlich – Hitze bis zu 40 Grad, schädlicher Kiesstaub und giftige Arsendämpfe, Verschüttungsgefahr durch Bergrutsche und Sprengungen -, dass schon junge Familienväter oft so krank und arbeitsunfähig sind, dass sie auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen sind.

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

„Mein Vater ist in der Mine gestorben“, erzählt die 25-jährige Hanna, die gerade mit ihrer Mutter gemeinsam die Mineralien neben der Mine aufklaubt. Seit sechs Jahren schon arbeiten beide als „Parilli“, Hanna nur noch zeitweise, um ihrer Mutter zu helfen, die beiden kleineren Brüder zu versorgen. Eigentlich studiert Hanna schon seit einiger Zeit, will bald ihren Abschluss machen. Um dann jenseits des Cerro Rico nach einer Arbeit zu suchen.

Zumindest schuften keine kleinen Kinder mehr in den Minen – eine Errungenschaft der Kindernothilfe, die sich hier, in der Hochebene Boliviens, seit vielen Jahren gegen ausbeuterische Kinderarbeit stark macht. Direkt an den Minen wurde gemeinsam mit dem lokalen Projektpartner PASOCAP ein Förderzentrum errichtet, in dem 300 Bergbauernkindern medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Schulbildung ermöglicht werden. Auch Hanna ist hier jahrelang ein und aus gegangen, hat ihre Schulbildung nachgeholt, an Förderunterricht, Workshops und Freizeitaktivitäten teilgenommen. Und vor allem eines gelernt: es gibt eine Zukunft jenseits des Cerro Rico, jenseits des Teufelsbergs, wie er längst von den Einwohnern genannt wird.

„Teuflische“ Arbeit

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)
Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Am Eingang jeder Mine steht eine Teufelsstatue. Um sie zu noch mehr Arbeit anzustacheln, erzählten die Spanier, die im 16. Jahrhundert auch Bolivien beherrschten, den Einheimischen, dass im Cerro Rico der Teufel wohnt, der sich ärgert, falls zu wenig Silber abgebaut wird.

Silber gibt es hier heute keines mehr, auch nicht den Reichtum der Stadt aus vergangenen Tagen – die spanischen Kolonialherren hatten die Schätze nach Europa verschifft. Doch die Teufelsstatuen werden von den Minenarbeitern noch immer täglich mit Kokablättern und Tabak versorgt, um den Cerro sanftmütig zu stimmen.

Vom „Sanftmut“ des Teufelsbergs weiß die 18-jährige Izabela nichts zu berichten. „Mein Papa hatte in der Mine einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in den Schacht hinein und ihn suchen. Die Luft dort drinnen ist furchtbar“, erinnert sich die Jugendliche mit Schaudern. „Aber ich kannte die Mine ja schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe.“

Schon mit sechs Jahren musste Izabela zum Familieneinkommen beitragen. „Denn mein Papa wurde durch die Arbeit in den Minen sehr krank und wir hatten kein Geld mehr. So half ich schon als kleines Mädchen meiner Mutter, Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.“ Doch trotz der Arbeit besuchte Izabela schon von klein auf das Kindernothilfeprojekt, arbeitet nun nur noch Teilzeit in einer Konditorei. Und hat für ihre Zukunft große Pläne: „Ich möchte Astronautin werden. Das ist zwar schwierig in Bolivien, aber man kann alles schaffen, was man will.“

Neue Chancen durch Bildung

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Dieser Meinung ist auch ihre Freundin Cindy. „Das Projekt hat mein Leben sehr stark verändert, es ist wie ein Türöffner, mit dem ich entdecken kann, was es noch gibt, was ich noch sein kann.“ Anfangs hatte die heute 18-Jährige noch Schwierigkeiten, sich im Förderzentrum einzugewöhnen. „Ich war es nicht gewohnt, Freundinnen zu haben oder im Speisesaal zu essen. Meine Mama hat selbst nur drei Schulstufen absolviert und war nicht überzeugt von der Notwendigkeit einer Ausbildung“, bringt Cindy das Hauptproblem der ärmsten Familien auf den Punkt. Die Eltern selbst erkennen meist nicht die Bedeutung von Bildung – auch sie können oft weder Lesen, noch Schreiben. „Nach und nach aber wurde ich motiviert, an Workshops teilzunehmen. Mittlerweile habe ich drei Ausbildungen gemacht“, erzählt das junge Mädchen. Sie verdient sich nun ein Zubrot mit der Wartung von Computern und der Reparatur von Handys – Fertigkeiten, die ihr im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts vermittelt wurden. Nicht zuletzt deshalb ist auch der Name des Projektes so passend: „Yachaj Mosoj“ heißt es, was so viel bedeutet wie „neues Wissen“.

Schulungen für Eltern

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Geschult werden auch die Eltern, vor allem die Mütter. „Die Väter erreicht man schwer, sie arbeiten Tag und Nacht in den Minen“, seufzt Projektkoordinatorin Margarita. Gewaltprävention, Erziehungstipps, Hygiene, Frauenkrankheiten und gesunde Ernährung sind die Themen, die Hunderten Müttern in Fortbildungen nähergebracht werden. Es sei sehr wichtig, die Eltern in die Projektarbeit mit einzubeziehen, sei es eben durch Kurse, Hausbesuche oder auch durch Mitarbeit im Förderzentrum, erklärt die Projektmitarbeiterin. Denn erst durch die Teilnahme an Maßnahmen erkennen die Mütter, warum das Projekt für ihre Kinder so enorm wichtig ist.

Für die warmen Mahlzeiten im Kindernothilfe-Zentrum sind daher auch die Mütter verantwortlich: Sie gehen mit den Mitarbeitern zum Markt, kaufen dort ausgewogene Lebensmittel und bereiten sie gemeinsam für das Mittagessen im Zentrum zu. Selbst Väter lassen sich hier hin und wieder blicken, um beim Kochen zu helfen. „Generell ist es aber leider sehr schwierig, die Väter mit einzubeziehen. Wir versuchen das auch über Workshops. Denn das Thema häusliche Gewalt ist immer noch ein sehr großes“, weiß die Projektkoordinatorin. Hier müsse man vor allem die Väter zum Umdenken bewegen.

Ein Umdenken, das von so großer Bedeutung für die Zukunft der Bergarbeiterkinder in Potosí sei, wie auch Cindy zum Abschluss noch einmal betonen möchte: „Es gibt noch so viele bedürftige Kinder hier. Projekte wie dieses dürfen nicht enden. Ich bin hier bald raus, aber es gibt noch so viele Kinder, die diese Hilfe brauchen!"