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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Von Fahrrädern, Kühen und Bananen: Ein „Reisebericht“ aus Ruanda

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben sie aus eigener Kraft ihr Leben nachhaltig verändert. Fünf Erfolgsgeschichten aus Ruanda.

Das Fahrrad sieht nicht so aus, als könnte es noch einen Meter weit fahren. Verrostete Räder und Kette, fehlender Sitz, mit Ersatzteilen ergänzte Lenker. „Ich kann alles reparieren“, lacht Gilbert mit Blick auf den alten Drahtesel, der vor ihm im Sand lehnt. Nur 15 Minuten später steigt der 18-jährige Fahrradmechaniker auf das Rad auf und fährt einige Runden vor der neugierigen Zuschauermenge, stolz und demonstrativ. Er hat bewiesen, dass er sein Handwerk versteht.

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Noch vor einigen Monaten konnte Gilbert keine Fahrräder reparieren. Er hatte auch sonst nicht viel zu tun, trieb sich auf den Straßen herum, bettelnd und immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. „Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen“, bedauert der 18-Jährige. „Ich konnte mir auch kein Gewand kaufen, da ich gar kein Geld hatte.“ Doch im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts nahm der Jugendliche – so wie hunderte andere arbeitslose Schulabbrecher in seiner Gemeinde im ländlichen Süden Ruandas – an so genannten Community Based Trainings teil. An Schulungen für Jugendliche, die sich an den lokalen Bedürfnissen in den jeweiligen Gemeinden orientieren. Soll heißen: Die Dorfbewohner überlegen und definieren gemeinsam mit den Projektverantwortlichen, welche Berufsgruppen in ihrer Region fehlen und besonders nachgefragt sind. Friseure, Schneider, Bäcker oder eben Fahrradmechaniker. Ein solches Training ist oft die einzige Chance für die Schulabbrecher, jemals gut für sich selbst und ihre Familien sorgen zu können.

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: "Ich kann alles reparieren!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: „Ich kann alles reparieren!“ (Foto: Kindernothilfe)

Gilbert lernte, Fahrräder zu reparieren – die wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel in Ruanda. Mittlerweile betreibt er mit vier anderen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren einen eigenen Stand auf dem Marktplatz. Jeder hat sich sein eigenes Werkzeug angeschafft, hat eigene Ersatzteile und repariert auch – bei Bedarf – andernorts. Doch beim Marktstand, das wissen auch die Bewohner der Gemeinde, ist immer jemand anzutreffen, der einen noch so lädierten Drahtesel wieder fahrtüchtig machen kann. Seine neue, farbenfrohe Hose, die er mit dem selbstverdienten Geld angeschafft hat, präsentiert Gilbert jedenfalls mit großem Stolz.

Schulabbrecher haben wieder Hoffnung

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Einmal ums Eck, in einem unscheinbaren Innenhof, werden gerade Mandazi-Brötchen gebacken. Dieses Krapfen-ähnliche Gebäck wird in ganz Ruanda gerne gegessen. Auch hier sind jugendliche Schulabbrecher am Werk, deren Ausbildung im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts finanziert wurde. In Riesenschüsseln wird der Teig gerührt, geknetet, ausgerollt, dann zu kleinen Täschchen geformt und in reichlich Fett über der offenen Feuerstelle herausfrittiert. 100 Brötchen pro Tag können die Mädchen und Buben pro Tag ab Hof verkaufen – was einem Einkommen von 10.000 Ruanda-Franc (umgerechnet rund 10 Euro) entspricht. Einen Teil davon darf jeder der Bäcker selbst behalten, der Rest wird in Öl, Mehl, Germ, Zucker und Backpulver reinvestiert oder gespart. „Hier habe ich eine neue Familie gefunden“, erzählt Patrick, einer der Mandazi-Bäcker. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Bettelei und Kriminalität waren für das Straßenkind bisher traurige Realität. „Mit meinem neuen Können aber bin ich sicher, dass ich eine gute Zukunft mit einem regelmäßigen Einkommen vor mir habe.“ Schon bald wollen sich Patrick und die übrigen Mandazi-Profis des kleinen Hinterhofs eine bessere Ausstattung an Töpfen und Schüsseln leisten. Denn bisher wird noch mit den von den Frauen der Selbsthilfegruppen der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kochutensilien gearbeitet.

Verbesserungen für alle

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Apropos Selbsthilfegruppen: Mehr als 400 solcher Gruppen wurden im Rahmen des Projekts allein in den vergangenen zwei Jahren in der Region rund um Huye im südlichen Ruanda gegründet. Tausende Frauen treffen sich in Gruppen zu je 15 bis 20 Mitgliedern wöchentlich, um gemeinsam zu sparen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten – in den ersten Monaten noch angeleitet von Mitarbeitern des Kindernothilfe-Projektpartners AEE. Die Liste der Erfolge, von denen die Selbsthilfegruppen berichten können, ist beeindruckend: So besitzen die Frauen nun fast alle einen eigenen Küchengarten, wodurch sich die Abhängigkeit von Einkäufen auf dem Markt verringert und die Ernährungssituation der Kinder deutlich verbessert hat. Für alle Mitglieder der Selbsthilfegruppen wurden mit dem gemeinsam gesparten Geld Matratzen angeschafft – „wir schlafen jetzt viel besser. Und hygienischer ist es auch, als am Boden zu liegen“, lacht Delphine.

Bei ihrem kleinen Häuschen führt die dreifache Mutter aber als erstes zu ihrem ganzen Stolz: einer Kuh. Denn: „Wer eine Kuh hat, der ist reich.“ Mit Hilfe eines Kredits der Selbsthilfegruppe hat Delphine die Kuh bezahlt, bereits zwei Mal konnte sie Kälber auf dem Markt verkaufen – das Geld ist längst zurückgezahlt. Sechs Liter können morgens, vier abends gemolken werden, erzählt Delphine, den Großteil davon verkauft sie auf dem Markt. „Und meine Kinder haben nun täglich Milch zu trinken und bekommen Milchbrei zu essen.“

Mit Getreidesaft zum Stromanschluss

Huye, Ruanda: Geschäftsidee "Sorghumhirse-Saft" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Geschäftsidee „Sorghumhirse-Saft“ (Foto: Kindernothilfe)

Nicht mit Milch, sondern mit Getreidesaft verdient Francoise ihr Geld. Die Grundlage ihrer Geschäftsidee lagert prominent inmitten ihres neuen, Lehm-verputzten Hauses. Bis oben gefüllt ist der Getreidesack – mit getrockneter Sorghumhirse. Gepresst ergibt die Hirse einen gerne getrunkenen Saft, den Francoise an Markttagen verkauft. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die zweifache Mutter in einer der Selbsthilfegruppen mit, hätte selbst nicht gedacht, wie sehr sich in so kurzer Zeit ihr Leben verändern kann, erzählt sie. „Früher habe ich mich geniert, Besucher zu empfangen, jetzt freue ich mich, unser Haus herzuzeigen“, verrät Francoise.

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: "Endlich Strom!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: „Endlich Strom!“ (Foto: Kindernothilfe)

Vier Räume umfasst das Haus, verfügt über getrennte Schlafräume sowie einen Eingangs- und Wohnbereich mit Sitzecke. Zu fünft wohnen sie hier, ihr Mann, ihre beiden Söhne, sie selbst und ihre Mutter. Ihr ganzer Stolz aber ist der Anschluss ans Stromnetz – mit Licht können ihre beiden Buben nun auch abends Hausaufgaben machen und lernen. Francoises Traum ist es nun, nach und nach das Haus zu möblieren.

Aus fünf Bananenstauden wurden 800

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Von neuen Möbeln kann Mediatrice bereits berichten. Stolz sitzt sie auf den Pölstern ihrer neuen Sitzbank im Eingangsbereich des kleinen Hauses mit der grünen Tür. Die Selbsthilfegruppe habe ihr Leben verändert, erzählt die 46-Jährige. Woran zuerst niemand so recht glauben wollte, am wenigsten ihr Ehemann. „Wir sind nicht mehr die jüngsten, haben unser ganzes Leben in Armut gelebt. Da ist es schwer zu glauben, dass sich etwas ändern könnte.“ Aber in Wirklichkeit, und das habe die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ihr gezeigt, „braucht dir niemand Geld zu geben. Das Geld liegt in deinem Können. Du muss deine Stärken nur einsetzen“, spricht Mediatrice ein Plädoyer für die Hilfe zur Selbsthilfe.

Kigali, Ruanda: Mediatrice' Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice‘ Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Begonnen hat alles mit fünf Bananenpflanzen vor ihrem Häuschen und einigen Schulungen, wie Bananen am besten zu kultivieren sind. Groß und gesund wuchern mittlerweile 800 Stauden in Mediatrices Garten, liebevoll gepflegt von ihr und ihrem Ehemann, der bald selbst gesehen hat, wie sich auch das eigene Leben durch die Treffen der Frauen in den Gruppen verändern kann. Zuletzt wurde ihr Feld zur führenden Bananenplantage der gesamten Region ausgezeichnet, erzählt die achtfache Mutter. Ihr Mann unterstütze sie sehr, sei auch immer wieder in der gesamten Region unterwegs, um Schulungen zu Bananenanbau abzuhalten. Und ihre Bananensetzlinge- und samen werden von der ganzen Gemeinde gerne gekauft. Für die eigene Ernte müsse man inzwischen sogar externe Feldarbeiter beschäftigen, so umfangreich sei diese inzwischen.
Mit dem erwirtschafteten Geld aus dem Verkauf der reifen Bananen konnte die Familie ihr viel zu kleines Haus erst erweitern, dann ans Stromnetz anschließen. Mittlerweile gehen alle der acht Kinder in die Schule, ihr ältester Sohn habe bereits die Universität abgeschlossen, berichtet Mediatrice stolz. „Wenn alle Kinder einen Uni-Abschluss haben, werden wir unser Haus richtig schön einrichten“, so ihr Traum. Priorität aber, und das habe sie im Laufe ihres Engagements bei der Selbsthilfegruppe gelernt, hat eindeutig die Schulbildung ihrer Kinder.

„Unsere Denkweise hat sich extrem verändert, die Selbsthilfegruppen haben das Leben der gesamten Gemeinde verändert“, bringt das Gruppenmitglied die Erfolge des Projekts auf den Punkt. „Wir wissen jetzt, wie man spart, sich Ziele setzt und diese auch erreicht“, betont Mediatrice. „Und wir versuchen nicht mehr alleine, jeder für sich, den Alltag zu meistern. Sondern wir lernen voneinander, helfen einander. Und verbessern Tag für Tag und immer ein Stückchen mehr unsere Zukunft.“

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben [...]

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Boliviens vergessene Kinder

Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Cerro Rico, der „reichen Berg“ im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Eingang zu den Minen gibt Hoffnung – auf Bildung und Berufsaussichten jenseits des Teufelsbergs.

Rumpelnd schiebt sich der große Lastwagen entlang der engen Serpentinenstraße von Potosí hinab, Kurve um Kurve, voll beladen mit den eben aus der Mine geholten Steinen. Zinn und Blei werden hauptsächlich abgebaut, hier, im Cerro Rico, dem „reichen Berg“ in Boliviens Hochland. Immer wieder fallen größere und kleinere Steine von der Ladefläche des LKWs herab, zu den Füßen der am Straßenrand hockenden Frauen, Mädchen, Kinder. Genau auf diese Steine warten sie, sammeln sie auf und klopfen sie zu kleineren Stücken – um die Mineralien weiter zu verkaufen und sich so ein kleines Zubrot zu verdienen.

„Parilli“ werden sie genannt, die Steinesammlerinnen. Es sind die Frauen und Mädchen der umliegenden Dörfer, die auf diese Weise versuchen, das Einkommen der Männer und jungen Burschen, die in den Minen arbeiten, zu unterstützen. Denn die Arbeitsbedingungen in den Minen sind so gesundheitsschädlich – Hitze bis zu 40 Grad, schädlicher Kiesstaub und giftige Arsendämpfe, Verschüttungsgefahr durch Bergrutsche und Sprengungen -, dass schon junge Familienväter oft so krank und arbeitsunfähig sind, dass sie auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen sind.

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

„Mein Vater ist in der Mine gestorben“, erzählt die 25-jährige Hanna, die gerade mit ihrer Mutter gemeinsam die Mineralien neben der Mine aufklaubt. Seit sechs Jahren schon arbeiten beide als „Parilli“, Hanna nur noch zeitweise, um ihrer Mutter zu helfen, die beiden kleineren Brüder zu versorgen. Eigentlich studiert Hanna schon seit einiger Zeit, will bald ihren Abschluss machen. Um dann jenseits des Cerro Rico nach einer Arbeit zu suchen.

Zumindest schuften keine kleinen Kinder mehr in den Minen – eine Errungenschaft der Kindernothilfe, die sich hier, in der Hochebene Boliviens, seit vielen Jahren gegen ausbeuterische Kinderarbeit stark macht. Direkt an den Minen wurde gemeinsam mit dem lokalen Projektpartner PASOCAP ein Förderzentrum errichtet, in dem 300 Bergbauernkindern medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Schulbildung ermöglicht werden. Auch Hanna ist hier jahrelang ein und aus gegangen, hat ihre Schulbildung nachgeholt, an Förderunterricht, Workshops und Freizeitaktivitäten teilgenommen. Und vor allem eines gelernt: es gibt eine Zukunft jenseits des Cerro Rico, jenseits des Teufelsbergs, wie er längst von den Einwohnern genannt wird.

„Teuflische“ Arbeit

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Am Eingang jeder Mine steht eine Teufelsstatue. Um sie zu noch mehr Arbeit anzustacheln, erzählten die Spanier, die im 16. Jahrhundert auch Bolivien beherrschten, den Einheimischen, dass im Cerro Rico der Teufel wohnt, der sich ärgert, falls zu wenig Silber abgebaut wird.

Silber gibt es hier heute keines mehr, auch nicht den Reichtum der Stadt aus vergangenen Tagen – die spanischen Kolonialherren hatten die Schätze nach Europa verschifft. Doch die Teufelsstatuen werden von den Minenarbeitern noch immer täglich mit Kokablättern und Tabak versorgt, um den Cerro sanftmütig zu stimmen.

Vom „Sanftmut“ des Teufelsbergs weiß die 18-jährige Izabela nichts zu berichten. „Mein Papa hatte in der Mine einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in den Schacht hinein und ihn suchen. Die Luft dort drinnen ist furchtbar“, erinnert sich die Jugendliche mit Schaudern. „Aber ich kannte die Mine ja schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe.“

Schon mit sechs Jahren musste Izabela zum Familieneinkommen beitragen. „Denn mein Papa wurde durch die Arbeit in den Minen sehr krank und wir hatten kein Geld mehr. So half ich schon als kleines Mädchen meiner Mutter, Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.“ Doch trotz der Arbeit besuchte Izabela schon von klein auf das Kindernothilfeprojekt, arbeitet nun nur noch Teilzeit in einer Konditorei. Und hat für ihre Zukunft große Pläne: „Ich möchte Astronautin werden. Das ist zwar schwierig in Bolivien, aber man kann alles schaffen, was man will.“

Neue Chancen durch Bildung

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Dieser Meinung ist auch ihre Freundin Cindy. „Das Projekt hat mein Leben sehr stark verändert, es ist wie ein Türöffner, mit dem ich entdecken kann, was es noch gibt, was ich noch sein kann.“ Anfangs hatte die heute 18-Jährige noch Schwierigkeiten, sich im Förderzentrum einzugewöhnen. „Ich war es nicht gewohnt, Freundinnen zu haben oder im Speisesaal zu essen. Meine Mama hat selbst nur drei Schulstufen absolviert und war nicht überzeugt von der Notwendigkeit einer Ausbildung“, bringt Cindy das Hauptproblem der ärmsten Familien auf den Punkt. Die Eltern selbst erkennen meist nicht die Bedeutung von Bildung – auch sie können oft weder Lesen, noch Schreiben. „Nach und nach aber wurde ich motiviert, an Workshops teilzunehmen. Mittlerweile habe ich drei Ausbildungen gemacht“, erzählt das junge Mädchen. Sie verdient sich nun ein Zubrot mit der Wartung von Computern und der Reparatur von Handys – Fertigkeiten, die ihr im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts vermittelt wurden. Nicht zuletzt deshalb ist auch der Name des Projektes so passend: „Yachaj Mosoj“ heißt es, was so viel bedeutet wie „neues Wissen“.

Schulungen für Eltern

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Geschult werden auch die Eltern, vor allem die Mütter. „Die Väter erreicht man schwer, sie arbeiten Tag und Nacht in den Minen“, seufzt Projektkoordinatorin Margarita. Gewaltprävention, Erziehungstipps, Hygiene, Frauenkrankheiten und gesunde Ernährung sind die Themen, die Hunderten Müttern in Fortbildungen nähergebracht werden. Es sei sehr wichtig, die Eltern in die Projektarbeit mit einzubeziehen, sei es eben durch Kurse, Hausbesuche oder auch durch Mitarbeit im Förderzentrum, erklärt die Projektmitarbeiterin. Denn erst durch die Teilnahme an Maßnahmen erkennen die Mütter, warum das Projekt für ihre Kinder so enorm wichtig ist.

Für die warmen Mahlzeiten im Kindernothilfe-Zentrum sind daher auch die Mütter verantwortlich: Sie gehen mit den Mitarbeitern zum Markt, kaufen dort ausgewogene Lebensmittel und bereiten sie gemeinsam für das Mittagessen im Zentrum zu. Selbst Väter lassen sich hier hin und wieder blicken, um beim Kochen zu helfen. „Generell ist es aber leider sehr schwierig, die Väter mit einzubeziehen. Wir versuchen das auch über Workshops. Denn das Thema häusliche Gewalt ist immer noch ein sehr großes“, weiß die Projektkoordinatorin. Hier müsse man vor allem die Väter zum Umdenken bewegen.

Ein Umdenken, das von so großer Bedeutung für die Zukunft der Bergarbeiterkinder in Potosí sei, wie auch Cindy zum Abschluss noch einmal betonen möchte: „Es gibt noch so viele bedürftige Kinder hier. Projekte wie dieses dürfen nicht enden. Ich bin hier bald raus, aber es gibt noch so viele Kinder, die diese Hilfe brauchen!“

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Einga[...]

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Ennios Einsatz für Kinderrechte

Der Alltag der ländlichen, indigenen Bevölkerung in Guatemala, einem der ärmsten Staaten der Welt, ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Unterernährung und mangelnder Gesundheitsversorgung. Kind sein und Aufwachsen sind unter diesen prekären Bedingungen kein Kinderspiel. Für den optimistischen und zielstrebigen Ennios haben sie dennoch eine große Chance geboten: Der 12jährige Bub aus Huehuetenango, Guatemala, setzt sich aktiv für die erfolgreiche und tagtägliche Umsetzung der Kinderrechte ein.

Kinder machen Radio für Kinder, Huehuetenango. (Foto: Jakob Studnar)

Ennios´ Vater ist sehr stolz auf seinen Sohn und dessen Einsatz für die anderen Kinder aus seiner Gemeinde. Der Vater erzählt stets dieselbe Geschichte, wenn er nach dem Engagement seines Sohnes gefragt wird. Ennios war gerade in der vierten Klasse, als er zum Schulsprecher ernannt wurde und er sich beim Bürgermeister vorstellte, um Wandfarbe für die Schule zu erbitten. Seitdem ist Ennios für seinen Einsatz und seine optimistische Lebenseinstellung bekannt.

Das Elend in San Sebastían Huehuetenango

Ennios und seine Familie gehören der Gemeinde San Sebastían Huehuetenango an, deren Dörfer geographisch sehr abgeschieden liegen und deren Bewohner kaum Unterstützung von außen erhalten. Aufgrund fehlender Arbeitsmöglichkeiten widmet sich die Mehrheit der Familien der Subsistenzwirtschaft, d.h. sie bauen zum Eigenverbrauch Gemüse an und halten kleinere Nutztiere. Allerdings lassen schlechte Bodenqualität und Bewässerungsmöglichkeiten eine erfolgreiche Bewirtschaftung nur schwer zu und Unterernährung ist ein weit verbreitetes Problem. Die Familien leben in sehr ärmlichen Verhältnissen: sie bewohnen kleine Holzhütten mit Erdfußboden und kochen auf offenem Feuer. Oftmals leben mehrere Familien in einer Hütte zusammen. Auch die sanitären Verhältnisse und der Zugang zu medizinischer Versorgung sind äußerst prekär. Bildungsmöglichkeiten gibt es kaum. Viele Kinder besuchen, wenn überhaupt, nur die Grundschule. Zahlreiche Kinder müssen ihren Eltern bei der Arbeit helfen und können nicht zur Schule zu gehen. Kinder mit Behinderung, aber auch Frauen und Mädchen sind gesellschaftlich stark benachteiligt. Aufgrund der prekären Situation ist innerfamiliäre Gewalt ein tägliches Phänomen.

Sendero de Luz (Pfad des Lichts) gibt Hoffnung

Um die Lebensbedingungen in den Dorfgemeinschaften, insbesondere der dort lebenden Kinder und Jugendlichen, langfristig zu verbessern wurde das Entwicklungsprojekt Sendero de Luz ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit der lokalen Nichtregierungsorganisation SADEGUA versucht die Kindernothilfe, durch Hilfe zur Selbsthilfe (v.a. im Bereich Gesundheitsvorsorge und Landwirtschaft) sowie die Sensibilisierung für Kinderrechte den Kindern den Weg in eine selbst bestimmte Zukunft zu ermöglichen. Dabei ist die Partizipation der Kinder, Jugendlichen und Frauen von besonderer Bedeutung.

Kinderrechte fördern und umsetzen

Um Kinder schützen und stärken zu können, ist es unabdingbar, ihre Rechte zu kennen und einzuhalten. So finden im Projektgebiet regelmäßig Aufklärungsveranstaltungen und Informationstreffen statt, bei denen Eltern, Lehrern und Verantwortlichen der lokalen Verwaltung über die Wichtigkeit der Kinderrechte berichtet wird. Zusätzlich werden Radio-Spots ausgestrahlt, da so auch weit entfernte Haushalte erreicht werden können. Mittlerweile haben sich auf lokaler Ebene Netzwerke und Komitees gebildet, die sich dem Kindesschutz verpflichtet haben, und auch Abkommen mit den Behörden konnten geschlossen werden.

Darüber hinaus setzt unsere Partnerorganisation auf die Partizipation der Kinder, um eine erfolgreiche und umfangreiche Implementierung der Kinderrechte zu erreichen. Allein im letzten Jahr wurden 40 Kinder ausgebildet, um als Kinderrechts-Kommunikatoren andere Kinder aufzuklären. Auch sie ziehen zur Unterstützung das Radio heran. Der Erfolg ihres engagierten Einsatzes und der intensiven Aufklärungsarbeit an ihren Schulen gibt ihnen Recht: Es haben sich nicht nur vier Kinderrechtsgruppen gebildet, auch viele Lehrer integrieren die Kinderrechte nun inhaltlich in ihren Unterricht und tragen so zu einem langfristigen positiven Wandel bei.

Ennios ist eines dieser engagierten Mitglieder der Kindergruppe. Und das seit Beginn des Projekts. Besonders gerne wirkt er an Radioprogrammen mit und ist mittlerweile für seine lustigen und lehrreichen Radio-Spots berühmt. Das primäre Ziel des lebensfrohen, optimistischen Buben ist die erfolgreiche und tagtägliche Umsetzung der Kinderrechte. Hierbei kann er auf die Unterstützung seiner Eltern zählen, die ihn nach all ihren Möglichkeiten unterstützen und fördern.

Schulabstinenz verhindern und Bildungsmöglichkeiten ausbauen

Theoretisch besitzt jedes Kind das grundlegende Recht auf Bildung. Praktisch wurde dies im Projektgebiet bisher nicht immer eingehalten. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Neben Kinderarbeit sind dafür auch Unwissenheit der Eltern über die Bedeutung einer guten Ausbildung verantwortlich.

Kinder werden daher oftmals nicht eingeschult, sodass ihnen eine bessere Zukunft vorenthalten wird. Darüber hinaus gibt es geschlechterspezifische Probleme, da Mädchen bei der Wahrnehmung von Bildungsmöglichkeiten generell benachteiligt werden. Ebenso werden Kinder mit Beeinträchtigung benachteiligt und von haben bisher nur sehr wenig an den Bildungschancen partizipiert.

Durch entsprechende Aufklärungsarbeit wird benachteiligten Kindern und Eltern vermittelt, dass auch Mädchen eine selbst bestimmte berufliche Zukunft anstreben können und Kinder mit Beeinträchtigung ein Recht auf Inklusion haben. Die Kenntnis über die Vorzüge einer (guten) Schulbildung hat dazu geführt, dass Schulabbrecherquote und -abstinenz im Projektgebiet kontinuierlich sinken und gleichzeitig der Anspruch gegenüber Lehrkräften steigt. Aus diesem Grund hat unser Partner die Zusammenarbeit mit den Lehrern gesucht, um methodologische Fähigkeiten und Inhalte den Ansprüchen anzupassen.

Ennios kann trotz der äußerst prekären Lebensbedingungen seiner Eltern als Kleinbauern in die Schule gehen, denn sie setzen auf die Ausbildung ihres Sohnes. Und dieser strebt gleich eine doppelte Berufslaufbahn an: Zum einen möchte er Lehrer werden und Kindern zu Bildungschancen verhelfen. Zum anderen will er als LKW-Mechaniker und -Fahrer seine Familie unterstützen. Ennios weiß die Unterstützung seiner Eltern sehr zu schätzen und gibt ihnen mit seinem unermüdlichen Optimismus und seiner engagierten Initiative im Projekt etwas ganz Wertvolles zurück.

Manchmal wird der fröhliche Bub jedoch kurz nachdenklich, vor allem wenn seine Eltern das Dorf verlassen müssen, um als Tagelöhner Geld zu verdienen. Er möchte seinen Eltern und seiner Gemeinde später einmal helfen. Durch das Projekt und den Einsatz engagierter Kinder, die wesentliche Kinderrechte einfordern und umsetzen, können solche Lebensentwürfe langfristig realisiert werden, sodass eine nachhaltige soziale und ökonomische Verbesserung erreicht werden kann.

 

Der Alltag der ländlichen, indigenen Bevölkerung in Guatemala, einem der ärmsten Staaten der Welt, ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Unterernährung und mangelnder Gesundheitsversorgung. Kind sein und Aufwachsen sind unter diesen prekären Bedingungen kein Kinderspiel. Für den [...]

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Ein Fels in der Brandung

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Kindernothilfe in Chile. Aus Briefen an die Pfarrer „in der Diaspora“ entwickelte sich ein erfolgreiches und strategisches Programm, das bis heute rund 100.000 Kinder nachhaltig unterstützt hat. Der Auslöser war eine Katastrophe.

Wie immer wieder in der Geschichte der Kindernothilfe war es eine entsetzliche Naturkatastrophe und nachfolgende humanitäre Krise, die am Anfang der Projektarbeit an einem neuen Ort, in einem neuen Land und sogar einem neuen Kontinent stand: Das Erdbeben von Valdivia vom 22. Mai 1960 mit der stärksten, jemals gemessenen Magnitude von 9,5 auf der Richter-Skala und dem anschließenden Tsunami. Das verheerende Ereignis hatte fast 1.700 Todesopfer gefordert, rund ein Viertel der Menschen in Chile obdachlos gemacht und die Topographie eines großen Teils der Küstenlandschaft für immer verändert. Niels Koerner, evangelisch-lutherischer Auslandspfarrer in Valdivia, erinnert sich noch viele Jahre danach an die Erschütterung und Bestürzung, die die Begegnung mit der extremen Armut in den Notquartieren in ihm ausgelöst hatte: „Mitten im chilenischen Winter mit seinem kalten Regen liefen die Kinder barfuß herum.“ Und noch ein Detail fiel dem Pastor aus Württemberg auf: Die vielen Mädchen und Jungen mit Brandwunden an Händen und im Gesicht; Spuren von Verletzungen durch braseros, Holzkohlebecken, mit denen die Familien versuchten, etwas Wärme in die aus Pressspan und Blechteilen gezimmerten Notunterkünfte zu bringen.

Viele Menschen lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen in Armensiedlungen (Aufnahme vom Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, Quelle: Jürgen Schübelin).

Obwohl die evangelisch-lutherische Gemeinde in dieser südchilenischen Provinzhauptstadt am Rio Calle-Calle nie zuvor in einem Armenviertel gearbeitet hatte, kam es auf Koerners Initiative hin zum ersten Engagement inmitten der Notsiedlung der Erdbebenüberlebenden mit dem schlichten Namen Barrio Emergencia (der späteren Poblacíon CORVI). Am Ostrand von Valdivia wurde eine Kindertagesstätte aufgebaut: „Wir wollten den Kindern die Möglichkeit geben, ohne Gefahr zu spielen, und sie wenigstens mit einer warmen Mahlzeit am Tag zu versorgen“, erinnert sich Pastor Koerner. Im Mai 1967 waren die Vorbereitungen abgeschlossen: Der Hogar Luterano startete mit 25 Mädchen und Jungen, vier bis fünf Jahre alt und fast alle stark unterernährt und einer pädagogischen Fachkraft aus Deutschland, Lieselotte Rau, die erste Leiterin des Zentrums.

Im fernen Duisburg spielte indes im Verlauf des Jahres 1968 in den minutiös dokumentierten Beratungen des Kindernothilfe-Vorstands das Anliegen, sich ein Jahrzehnt nach der Gründung des Werkes neben Asien und dem englischsprachigen östlichen Afrika jetzt auch in Lateinamerika zu engagieren, eine immer größere Rolle. Der ehemalige Missionar und frühere Bischof der indischen Diözese Nord-Kerala, Richard Lipp, damals Vorsitzender der Kindernothilfe, präsentierte auf der Kindernothilfe-Mitgliederversammlung im Frühjahr 1969 den Plan, konsequent auf dem Subkontinent nach geeigneten Partnern für Patenschaftsprojekte zu suchen. Unter anderem hatten das Kirchliche Außenamt der EKD – aber auch verschiedene Missionswerke, mit denen sich Kindernothilfe eng verbunden fühlte – die schnell wachsende Organisation aus Duisburg-Buchholz immer massiver gedrängt, Lateinamerika mit seinen dramatischen sozialen Problemen, den im Gefolge hunderttausendfacher Armutsmigration vom Land in die Stadt wuchernden Elendsgürteln rund um die großen Metropolen, seinen sich gefährlich zuspitzenden politischen Konflikten – aber auch gewaltigen Umwälzungen und Herausforderungen in den christlichen Kirchen – als neues Arbeitsfeld ins Auge zu fassen.

Das erste Projekt in Lateinamerika 1969: Der Hogar Luterano

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kindernothilfe Lateinamerika mit seinen dramatischen sozialen Problemen, den durch Armutsmigration wuchernden Elendsgürteln rund um die großen Metropolen, seinen sich gefährlich zuspitzenden politischen Konflikten bereits als neues Arbeitsfeld neben Asien und dem englischsprachigen östlichen Afrika ins Auge gefasst. So wurde ein Plan erarbeitet, auf dem Subkontinent konsequent nach geeigneten Partnern für Patenschaftsprojekte zu suchen.

Pastor Koerner aus Valdivia war der Erste, der antwortete. Mit eindringlichen Worten sprach er von der Situation der Kinder und der Not der Familien rund um den Hogar Luterano. Seine Schilderungen machten solchen Eindruck, dass der Kindernothilfe-Vorstand entschied, das kurz zuvor gegründete Projekt im Barrio Emergencia mit zunächst zehn Patenschaften zu unterstützen.

Nur 30 Prozent der Kinder in den Armenvierteln hatten die Chance, eine Grundschule zu besuchen (Aufnahme vom Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, Quelle: Jürgen Schübelin).

Koerners Berichte von einem Land, in dem zu Beginn der siebziger Jahre die Kindersterblichkeitsrate eine der Höchsten in Lateinamerika (80 von 1.000 Neugeborenen) war, über 40 Prozent der Menschen in Armenvierteln lebten, und lediglich 30 Prozent der Armen eine Chance auf eine Primarschulbildung hatten, führten zu der Entscheidung, sich in Chile zu engagieren. Das größte Problem – heute würden wir sagen, die gravierendste Kinderrechtsverletzung – der endemischen und chronischen Unterernährung der Kinder machte diese unantastbar.

Danach ging es relativ schnell: Nicht einmal zwei Jahre nach dem bescheidenen Auftakt 1969 mit dem Hogar Luterano in Valdivia förderte die Kindernothilfe bereits acht chilenische Projekte mit über 500 Patenschaften, die meisten in Kooperation mit der methodistischen Kirche. Nach und nach wurde aber auch deutlich, dass der Arbeitsbeginn auf einem „neuen“ Kontinent mit komplexen Herausforderungen verbunden war: Niemand bei der Kindernothilfe sprach damals Spanisch, geschweige denn Portugiesisch. Angewiesen war man auf deutschsprechende Kontakt- und Vertrauenspersonen vor Ort, die die Kommunikation mit den Projekten organisierten. Hinzukamen politische Diskussionen über die ökumenische Ausrichtung der Kooperationspartner.

1972, mitten in der Periode der Unidad Popular-Regierung unter Präsident Salvador Allende, fand die allererste Kindernothilfe-Lateinamerika-Dienstreisebereiste Chile als auch das seit 1964 von einem Militärregime beherrschte Brasilien statt. Die Lernerfahrungen und Eindrücke waren so nachdrücklich, dass sich die Entscheidung verfestigte, trotz herausfordernder Bedingungen dauerhaft in Lateinamerika zu arbeiten. So kam es zu den ersten Projektkooperationen in Brasilien, Argentinien, Paraguay, und nach und nach in weiteren Ländern der Region.

Das Arbeitsprinzip war dabei immer das Gleiche: Unterstützt wurden Initiativen, vor allem von Müttern, die unter dem institutionellen Dach von Kirchengemeinden unterschiedlichster Denominationen in den Armenvierteln am Stadtrand improvisierte Kindergärten und Kindertagesstätten ins Leben riefen. Hildegard Arbogast, die sich bis heute im ehrenamtlichen Vorstand des Kindernothilfe-Partners Fundación ANIDE in Chile engagiert, erinnert sich ganz genau an diese Anfänge: „Das waren zu allererst selbstverwaltete Projekte von Frauen in den campamentos, den Notsiedlungen, die, um in diesen Hungerjahren etwas Geld zu verdienen, anderen, arbeitenden Müttern anboten, tagsüber ihre Kinder zu versorgen und zu betreuen. Alles war ganz einfach, sehr improvisiert und sehr prekär.“

Gedenkstätte und Urnengräber zur Erinnerung an die unter dem Pinochet-Regime Verschwundenen und Exekutierten – auf dem Zentralfriedhof von Santiago (Quelle: Jürgen Schübelin).

Mit dem 11. September 1973, dem Militärputsch gegen die Allende-Regierung und dem Beginn der bis 11. März 1990 dauernden Pinochet-Diktatur, mit ihren vom chilenischen Staat inzwischen offiziell anerkannten mindestens 40.000 Opfern – Ermordeten, Verhafteten-Verschwundenen, Gefolterten und aus politischen Gründen teilweise jahrelang Inhaftierten – veränderten sich die Rahmenbedingungen für das Kindernothilfe-Länderprogramm in Chile radikal. Das Militärregime verfolgte und unterdrückte nicht nur die Aktivistinnen und Aktivisten der politischen Parteien, die sich für Allende und die Unidad Popular eingesetzt hatten, sondern unterzog all die Jahre über besonders die Armenviertel und ihre Bewohner einer Politik der systematischen Einschüchterung und Repression. Als in den ersten Jahren nach dem Putsch ausgedehnte Armenviertel, die sich in der Nähe der Wohngebiete der Wohlhabenden befanden, dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner zwangsumgesiedelt wurden, traf es auch mehrere der kleinen selbstorganisierten Kindergartenprojekte. Da die Familien in verschiedene Zonen am Südrand von Santiago deportiert wurden, unterstützte die evangelisch-lutherische Kirche Chiles im Konzert mit Kindernothilfe den Aufbau von gleich drei Kindergärten und Kindertagesstätten; „ein unglaublicher Kraftakt“, erinnert sich Hildegard Arbogast, „der uns alles abverlangte.“

„Via Crucis Popular“ – Kreuzweg der einfachen Leute – nannten sich diese Karfreitags-Prozessionen, mit denen die Basisgemeinden-Bewegung in Chile und viele der von Kindernothilfe unterstützten Projekte von Beginn der achtziger Jahre an gegen das Pinochet-Regime protestierten (Quelle: Jürgen Schübelin).

„Via Crucis Popular“ – Kreuzweg der einfachen Leute – nannten sich diese Karfreitags-Prozessionen, mit denen die Basisgemeinden-Bewegung in Chile und viele der von Kindernothilfe unterstützten Projekte von Beginn der achtziger Jahre an gegen das Pinochet-Regime protestierten.
Vor allem auch dank der Kooperation mit großen katholischen Trägern wie der Fundación Missio der Erzdiözese Santiago gelang – immer unter den misstrauischen Augen des Militärregimes – innerhalb weniger Jahre die Professionalisierung der Kindergarten- und Kindertagesstättenarbeit. Neben ihrer unverzichtbaren Funktion als geschützte Räume für Kinder, Jugendliche, ihre Familien, aber auch die Menschen aus der Nachbarschaft, entwickelten sich die von Kindernothilfe geförderten Projekte in vielen Fällen zu Keimzellen für Frauen-Selbsthilfe-Initiativen, für ein vorsichtiges zivilgesellschaftliches Engagement, für eine im Verborgenen aufblühende vielfältige Stadtteil- und Kulturarbeit, die das Selbstbewusstsein der Armenviertelbewohner enorm stärkte. Aber vor allem waren viele der Kindergärten und Kindertagesstätten, in denen Menschen Arbeit fanden, die vom Pinochet-Regime aus politischen Gründen aus den Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen entlassen wurden, Orte für eine engagierte, kreative Pädagogik in Anlehnung an Pestalozzi, Freinet, Montessori und natürlich den Brasilianer Paulo Freire. José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation Fundación ANIDE ist überzeugt, dass „mit dieser Projektunterstützung ein unverzichtbarer Beitrag gegen die Repression, gegen die ständige Einschüchterung und das Klima der Angst im Land geleistet wurde.“

Das Engagement in den Armenvierteln hatte aber auch Auswirkungen auf die kirchlichen Träger und ökumenischen Partner der Kindernothilfe, die sich in vielen Konfliktsituationen mit dem Regime – vor allem dann, wenn es um schwere Menschenrechtsverletzungen ging, mutig vor die Kinder und ihre Familien, aber auch die Mitarbeitenden in den Projekten stellten. Den ersten organisatorischen Rahmen für die Begleitung der aus Duisburg unterstützten Projekte bildete seit den frühen siebziger Jahren das Programa de Menores unter dem Dach der von dem evangelisch-lutherischen Pastor Helmut Frenz – dem späteren deutschen Amnesty International-Generalsekretär – gegründeten ökumenischen Netzwerk Diaconía, das zu einer der wichtigsten Unterstützungsplattformen für die internationale Humanitäre Hilfe nach dem Pinochet-Putsch werden sollte.

Neue Themen und komplexere Herausforderungen

Das Chile-Länderprogramm der Kindernothilfe wuchs innerhalb weniger Jahre zu dem nach Brasilien zweitgrößten in Lateinamerika mit zeitweise über 70 geförderten Einzelvorhaben. Spätestens seit Ende der achtziger Jahre wurde die Projektstruktur dabei immer vielfältiger, die Themen komplexer. Die Kindernothilfe und ihre chilenischen Partner reagierten auf neue Herausforderungen: Unterstützt wurden jetzt nicht mehr nur Kindergärten und -tagesstätten in Armenvierteln, sondern auch Zentren und Fördereinrichtungen für Kinder mit Behinderungen, eine Landwirtschaftsschule, eine alternative Musikschule mitten in einem Armenviertel, Projekte zur Begleitung und Unterstützung arbeitender Kinder, ein Programm zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und Projekte mit Kindern aus Mapuche-Gemeinden in Südchile zur Stärkung ihrer kulturellen Identität und zur Eindämmung der Gewalt, der sie vor allem durch den chilenischen Staat ausgesetzt sind. Ein ganz wichtiges Arbeitsfeld bildet seit 2003 das Engagement für und mit Migranten-Kindern und ihren Familien, die in den zurückliegenden Jahren – unter anderem nach dem Erdbeben von 2010 in Haiti oder im Gefolge des Massenexodus aus Venezuela – zu Tausenden ins Land kamen – und heute die verletzbarste und in ihren Rechten am stärksten gefährdetste Gruppe von Kindern und Jugendlichen innerhalb der chilenischen Gesellschaft bilden.

Mit dem Ende des Militärregimes 1990 – aber vor allem seit der Jahrtausendwende – fuhr die Kindernothilfe ihr finanzielles Engagement in Chile nach und nach zurück, verlängerte Kooperationen mit Partnern nach Ende der Projektlaufzeiten nicht mehr – und entschied, die freiwerden Mittel vor allem in den drei ärmsten Ländern Lateinamerikas Haiti, Honduras und Guatemala einzusetzen. Doch anders als die meisten anderen Entwicklungswerke in Europa wird die Kindernothilfe auch in den kommenden Jahren weiter mit einem – wenn auch kompakten, aber strategisch fokussierten – Länderprogramm in Chile engagiert bleiben – und zwar in einer Gemeinschaftsanstrengung mit der Kindernothilfe Österreich, die seit 2012 Projekte im Land fördert.

Seit dem Jahr 2000 nennt sich die ökumenische Kindernothilfe-Partnerstruktur in Chile Fundación de Beneficencia de Apoyo a la Niñez Desprotegida – ANIDE. Ihr Direktor José Horacio Wood und die Programmkoordinatorin von ANIDE, Claudia Vera, haben ausgerechnet, dass seit 1969 rund 100.000 Kinder und Jugendliche an den von Kindernothilfe unterstützten Projekten in Chile beteiligt waren und in diesen fünf Jahrzehnten von Kindernothilfe-Patinnen und -Paten, Spenderinnen und Spendern um die 60 Millionen Euro aufgebracht wurden – unter anderem auch zur Finanzierung von aufwändigen Humanitäre-Hilfe-Projekten nach großen Katastrophen wie dem verheerenden Erdbeben vom 27. Februar 2010 oder dem Großbrand in Valparaíso vom 12. April 2014.

Auch im Schwellenland Chile unverzichtbar: das Engagement für die Kinderrechte

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe Deutschland, bei ihrem Besuch im November 2018 im Kindertagesstätten- und Gemeindezentrum Agüita de la Perdiz (Quelle: Jürgen Schübelin).

Mit einem Festakt feierte die Kindernothilfe am 6. November 2018 in Santiago zusammen mit alten und neuen Partnern die fünf Jahrzehnte gemeinsames Engagement für die Verteidigung der Kinderrechte in Chile. In ihrer Rede machte die Kindernothilfe-Direktorin Katrin Weidemann auf sehr persönliche Weise deutlich, warum für sie das Engagement der Kindernothilfe-Partner in Chile auch 28 Jahre nach dem Ende des Militärregimes so unverzichtbar ist: „Ich erlebe Sie als Fels in der Brandung, wenn es um die Rechte der Kinder geht. Jemand, der unverrückbar basta! sagt, es reicht, wenn Lebensmöglichkeiten von Kindern eingeschränkt werden. So werden Sie auch wahrgenommen: Oft als die Einzigen, die über Kinderrechte sprechen. Die in Kommunen wichtige rote Linien aufzeigen, die kein Staat, keine Gesellschaft übertreten darf. Sie machen Kinder sichtbar. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die in Chile oft unsichtbar sind für den Staat und die Gesellschaft. Sie machen die Kinder sichtbar, egal ob sie aus Venezuela, Peru oder Haiti kommen. Sie weisen hin auf sie und ihren täglichen Kampf ums Überleben, um Teilhabe, einen Platz in der Gesellschaft, und unterstützen sie dabei.“

Den Ort, an dem 1969 die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika begann, den Hogar Luterano de Valdivia gibt es indes immer noch: 130 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 2 und 14 Jahren werden heute in diesem Projekt betreut – finanziert in einer eindrucksvollen Gemeinschaftsanstrengung der lutherischen Gemeinde von Valdivia, der Eltern, einer Reihe lokaler Spenderinnen und Spender, von Freunden aus Deutschland wie der „Kinderhilfe Chile“ aus Hamburg und dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der Nordkirche, sowie – hart erkämpft – des staatlichen chilenischen Kindergartenverbandes.

So sieht das Armenviertel Agüita de la Perdiz heute aus – deutlich enger gebaut, mit viel mehr Einwohnern als in der Gründungsphase (Quelle: Jürgen Schübelin).

 

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Kindernothilfe in Chile. Aus Briefen an die Pfarrer „in der Diaspora“ entwickelte sich ein erfolgreiches und strategisches Programm, das bis heute rund 100.000 Kinder nachhaltig unterstützt hat. Der Auslöser war eine Katastrophe. Wie immer wieder in der G[...]

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Roses Geschichte: Mut zur Selbsthilfe

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstvertrauen gefunden. 

Rose hat es geschafft! (Foto: Ludwig Grunewald)

Rose ist 24 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte, trennte sich ihr Mann von ihr und Rose zog wieder in ihr Elternhaus ein. Sie hatte kein eigenes Einkommen und konnte sich und ihr Baby selbstständig nur schwer über Wasser halten. Als sie ein weiteres Mal schwanger wurde und Zwillinge bekam, verschlechterten sich ihre Lebensumstände zunehmend. Sie schaffte es nicht, für Essen, Kleidung und eine grundlegende medizinische Versorgung ihrer Familie aufzukommen.

Roses Geschichte ist kein Einzelschicksal in den abgelegenen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District. Vorwiegend Subsistenzwirtschaft betreibend, sind ca. 50% der knapp 60.000 Einwohner der Region unter- bzw. mangelernährt, wodurch vor allem die gesunde Entwicklung der Kinder stark gefährdet ist. Äußerst niedrige Hygienestandards und unzureichende Trinkwasserversorgung fördern außerdem Infektionskrankheiten. Auch die hohe Anzahl an Menschen mit HIV/Aids schwächt die Gemeinschaften nachhaltig.

Ausweg aus der Perspektivenlosigkeit

Um die Situation der Menschen in Erussi und Ndhew nachhaltig zu verbessern, wurde 2015 das Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation The Agency For Accelerated Regional Development (AFARD) werden die Ärmsten der Armen in Selbsthilfegruppen befähigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So wird auch der großen Herausforderung begegnet, den Kindern und Jugendlichen der Region einen Ausweg aus dieser Perspektivenlosigkeit zu zeigen, damit sie wieder neuen Mut schöpfen.

Auch Rose trat in eine Jugendgruppe der Projektregion ein, wo sich die jungen Erwachsenen grundlegende Fertigkeiten aneignen können, um die Aufnahme ins zukünftige Berufsleben zu erleichtern oder einen Ausbildungsplatz zu . Schreinern, Schneidern, das Frisörhandwerk und mechanische Berufe sind hierbei oft und gern nachgefragte Arbeitsbereiche. Rose nahm mit 39 anderen jungen Erwachsenen an diesen Bildungsangeboten teil und beschäftigte sich mit wirtschaftlichen Grundlagen wie Einkommensmöglichkeiten, Finanzierung und Sparmaßahmen. Zusätzlich beschloss die junge Frau, das Schneiderhandwerk zu erlernen, um sich damit selbstständig zu machen, da sich in ihrer Region keine Schneiderei befand. Roses Stiefmutter schenkte ihr eine Nähmaschine und ihr Vater überließ ihr einen kleinen Anteil der Ernte für eine erste Einkommensgenerierung. Mit der Nähmaschine und dem durch die Ernte erworbenen ersten Grundkapital startete sie ihr Geschäft. Inzwischen erwirtschaftet sie durch ihre Tätigkeit ein monatliches Einkommen. Dadurch ist es ihr nun möglich, für Ernährung, Kleidung und Unterkunft für ihre Familie aufzukommen.

Hilfe zur Selbsthilfe (SHS)

Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ (Foto: Kindernothilfe)

Zudem ist Rose eines der mittlerweile über 2.000 Mitglied der 165 Selbsthilfegruppen in der Region, in denen sich in der Regel die Frauen zusammenfinden, um zu lernen, wie sie den Lebensstandard ihrer Familien eigenständig verbessern können. Die AFARD-Mitarbeiter boten im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Schulungen an, die je nach Stand und Fortschritt der SHG ganz unterschiedliche Themen umfassten. So wurde vor allem die Wichtigkeit von gesunder Ernährung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge besonders hervorgehoben. Auch wurden die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und lernten, wie sie diese aktiv einfordern können. Zusätzlich nahm Rose am Microkreditprogramm teil, in dem die Frauen der SHG gemeinschaftlich Kleinstbeträge ansparen, aus denen nun langsam ein Kapitalstock entsteht. Daraus vergibt die SHG Kleinkredite, mit denen die Frauen kleine Geschäfte aufbauen können. So wird es ihnen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu generieren und die Lebensumstände in ihrem Familienkreis zu verbessern. Der Aufbau von Einkommensquellen macht sie von ihren Männern finanziell unabhängig und sie werden eher als gleichberechtigte Partnerinnen akzeptiert.

Rose beschreibt, dass sie durch die Mitgliedschaft in der Jugendgruppe und die dadurch angestoßenen persönlichen Erfolge sehr viel Selbstvertrauen gewonnen hat. Sie ist sehr dankbar, dass es ihr nun möglich ist, ihre Familie zu ernähren und sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten kann. Durch die SHG-Mitgliedschaft hat Rose erfahren, dass sie gemeinsam mit den anderen Gemeindemitgliedern sehr wohl Einfluss auf ihre Situation und auch auf die Politik lokaler Entscheidungsträger haben können. Roses Wunsch ist es, später einmal ihre eigene Ausbildungsstätte aufzubauen, in der sie anderen jungen Menschen das Schneiderhandwerk unterrichtet.

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstv[...]

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