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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

18. September 2020

Die Kinder aus Limas Slums

Der Kindernothilfe-Partner Aynimundo in Peru arbeitet mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen sowie ihren Familien. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie waren die Lebensumstände in den Armenvierteln im Süden der peruanischen Hauptstadt Lima mehr als prekär. COVID-19 hat die Situation der Menschen weiter verschärft, wie die Kindernothilfe-Freiwillige Ilse Kreiner berichtet, die bereits mehrere Mal im Projekt mitgarbeitet hat.

Lima: Santa Maria del Triunfo (Foto: Kindernothilfepartner)
Lima: Santa Maria del Triunfo (Foto: Kindernothilfepartner)

In meinem letzten Bericht aus dem Projekt Aynimundo habe ich von einem typischen Arbeitstag der Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter erzählt. Da gab es Therapien für Kinder mit Behinderung sowie psychologischen Support für deren Eltern oder Familienangehörige. Auch Unmengen von Beratungsgesprächen für Start-up-Unternehmen waren Teil davon.

Lima: Ilse Kreiner bei der Arbeit mit den Workshop-Teilnehmern (Foto: Ilse Kreiner)
Beratung von Geschäftsgründerinnen: bessere Einkommensmöglichkeiten nützen der ganzen Familie. (Foto: Ilse Kreiner)

Das war Anfang März dieses Jahres. Mittlerweile ist alles anders, und ich berichte sinngemäß aus dem Homeoffice in meinem Heimatort in Österreich. Mein Name ist Ilse Kreiner. Ich habe als Teilnehmerin an dem Kindernothilfe-Lern- und Freiwilligen-Programm (LFD) mehrere Monate im Partnerprojekt Aynimundo in Peru mitgearbeitet. Es gelang mir, mit dem allerletzten regulären Flug nach Hause zurückzukehren, der Lima vor der Schließung des internationalen Flughafens Richtung Europa verlassen hat.

Shutdown in Peru

Am Abend des 15. März kündigte der peruanische Präsident den totalen Shutdown ab dem nächsten Morgen an. Es waren ähnliche Maßnahmen wie in Europa, nur alles viel restriktiver, mit rigorosen Ausgangssperren für alle Bürger. Selbst das Einkaufen von Lebensmitteln und Medikamenten wurde auf wenige Stunden pro Tag eingeschränkt und die Kinder durften das Haus nicht mehr verlassen.

Das Leben in den Slums Limas ist schon ohne Corona schwer genug (Foto: Aynimundo)
Das Leben in den Slums Limas ist schon ohne Corona schwer genug (Foto: Aynimundo)

Meine Kollegen von Aynimundo begannen umgehend, ihre Arbeit im Homeoffice zu organisieren. Sie erstellten Listen mit den physisch benötigten Unterlagen und erarbeiteten Vorschläge, wie zumindest ein Teil des Angebots von Aynimundo aufrechterhalten werden konnte.

Kinder mit Behinderungen trifft es besonders schwer

Maltherapie für Kinder mit Behinderung: Matis ist mit Eifer und Freude bei der Sache (Foto: Aynimundo)
Maltherapie für Kinder mit Behinderung: Matias ist mit Eifer und Freude bei der Sache (Foto: Aynimundo)

Am schlimmsten hat es die Kinder mit Behinderung getroffen, denn virtuelle Physiotherapie ist nun einmal nicht möglich. Da ist der kleine Matias. Vor wenigen Wochen erst habe ich ihn dabei beobachtet, wie er lernt, sich und seine Umwelt zu erspüren. Jetzt versucht seine Mama, die Anleitungen, die sie von der Therapeutin per Video bekommt, so gut wie möglich zu Hause umzusetzen. Damals ist er durch bunte Farben gestapft, jetzt sind es nur Sand und Wasser.

Oder da ist der achtjährige Mauro, der sich sprachlich nicht gut ausdrücken kann und Schwierigkeiten hat, mit seiner Umgebung zurechtzukommen. Seine Mutter hat mir kürzlich erzählt, dass sie penibel alle Anweisungen und Tipps befolgt, die sie von Aynimundo erhält. Allerdings wird er ohne Kontakt zu anderen Kindern trotz aller Bemühungen in seiner Entwicklung leider weit zurückgeworfen werden. Das zu beobachten macht wirklich traurig.

Technologische Herausforderungen

Ein besonderes Anliegen in dieser schwierigen Zeit ist Aynimundo die Zusammenarbeit mit Schuldirektoren und Lehrern, denn der peruanische Präsident hatte bereits kurz nach dem Ausbruch der Pandemie angekündigt, dass das komplette Schuljahr 2020 in Peru virtuell, also online, unterrichtet werden wird. Das ist für alle eine immense Herausforderung, die durch die schlechte technische Ausstattung eines großen Teils der Familien noch verstärkt wird.

Die ersten, die dabei auf der Strecke bleiben könnten, sind die Schüler und Schülerinnen mit besonderen Bedürfnissen. Aynimundo versucht alles, um den Lehrkräften in den Kontaktschulen zu erklären, wie sie telefonisch den Kontakt zu ihnen aufrechthalten können. Und vielleicht kommen ja auch ein paar der von der Regierung versprochenen Gratis-Notebooks bei diesen besonders benachteiligten Familien an.

Auch gute Nachrichten aus Peru

Erfreuliches gibt es von unseren Jungunternehmerinnen zu berichten. Fast alle haben die Zeit genutzt, um ihren Internetauftritt wesentlich zu verbessern. Selbst unseren „technikfernen“ Kundinnen hat mein Kollege Christian in vielen Videostunden erklärt, wie Ihnen das Internet nutzen kann. Manche haben kurzerhand ihr Angebot an die Pandemie- und Quarantäne-Situation angepasst:

„Miski Luz“, ein Start-up aus dem Jahr 2019, bietet Kuchen und Torten an. Dafür ist derzeit wenig Geld übrig, aber gegessen wird immer. Also bäckt Luz, die Chefin, Brötchen und verkauft etwa 80 Stück pro Woche an Freunde, Nachbarn und Mitarbeiter von Aynimundo. Eine spezielle Erfolgsgeschichte ist auch die von „Erikas‘s“ Konfektion für Kinder und Erwachsene. Es ist eines unserer jüngsten Unternehmen. Die Einführung fand am 11. März mit einer kleinen Feier statt – nur fünf Tage vor dem Shutdown. Erika produziert jetzt Masken für Ärzte und Pflegepersonal, aber auch für den täglichen Gebrauch in phantasievollen Varianten. Ein echter Renner in Zeiten wie diesen.

Start-up in Zeiten von Corona: Erika entwirft und produziert Masken (Foto: Aynimundo)
Start-up in Zeiten von Corona: Erika entwirft und produziert Masken (Foto: Aynimundo)

Eine ungewisse Zukunft

Was machen aber alle jene, die darauf angewiesen waren, durch Straßenverkauf und Gelegenheitsarbeiten über die Runden zu kommen? Sie sind seit zwei Monaten ohne Einkommen, und die versprochene staatliche Hilfe kommt meist nicht an. Dank persönlicher Kontakte von Verónica, der Leiterin von Aynimundo, konnten im Ausland Spenden gesammelt werden. Dadurch erreichten bereits 250 Pakete mit Grundnahrungsmitteln rund 90 besonders bedürftige Familien. Zum Glück läuft auch die Projektförderung durch die Kindernothilfe uneingeschränkt weiter. Somit sind die Therapeuten in der Lage, den unabdingbaren Kontakt zu den Kindern und ihren Familien aufrechtzuhalten.

Besser digital als gar nicht: Eine Therapeutin von Aynimundo im Gespräch mit einigen der von ihr betreuten Kinder (Foto: Aynimundo)
Besser digital als gar nicht: Eine Therapeutin von Aynimundo im Gespräch mit einigen der von ihr betreuten Kinder (Foto: Aynimundo)

Leider steigen die Infektionszahlen in Peru noch immer an und die Regierung hat die meisten Beschränkungen verlängert. Es wird also noch sehr lange dauern, bis Aynimundo den Normalbetrieb wieder aufnehmen können wird. Und ab wann ich wieder dazustoßen und meinen Freiwilligen-Einsatz fortsetzen kann, steht wohl leider noch in den Sternen …

Der Kindernothilfe-Partner Aynimundo in Peru arbeitet mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen sowie ihren Familien. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie waren die Lebensumstände in den Armenvierteln im Süden der peruanischen Hauptstadt Lima mehr als prekär. COVID-19 hat die Situation der[...]

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12. September 2020

Schulschließungen bedrohen das Kinderrecht auf Bildung

In Peru bleiben die Schulen bis Jahresende geschlossen und für die Kinder steht weiterhin Fernunterricht am Programm. Gerade Mädchen und Buben aus armen Familien sind dadurch aber stark gefährdet, nach dem Ende der Schulschließungen nie mehr in den Unterricht zurückkehren.

Die Schulschließungen in Peru bedeuten nicht nur aktuell eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Die Schulzukunft vieler Kinder aus armen Familien ist in Gefahr. (Foto: Kindernothilfepartner)
Die Schulschließungen in Peru bedeuten nicht nur aktuell eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Die Schulzukunft vieler Kinder aus armen Familien ist in Gefahr. (Foto: Kindernothilfepartner)

In Peru bleiben die Schulen bis zum Ende des Jahres leer. Stattdessen versorgt das peruanische Bildungsministerium die knapp zehn Millionen Schüler und Schülerinnen des Landes mit „Aprendo en Casa“ oder „Lernen zu Hause“, einem digitalen Unterrichtsprogramm, das Internet-, Radio- und Fernsehplattformen nutzt. Aber wie kommen die Schüler und Schülerinnen damit klar? Kann der Fernunterricht die Schulschließungen ausgleichen? Unser Partner Filomena Tomaira Pacsi hat sich bei Mädchen und Jungen im Bergbauort La Oroya im zentralen peruanischen Hochland umgehört.

Virtuelle Schule: Was sagen die betroffenen Kinder?

„Der Fernunterricht läuft über Whatsapp und teilweise auch über Radio- und TV-Kanäle“, sagt Anthony. „Zuerst war es schwierig für mich, weil wir kein Internet hatten, und einen Computer oder Drucker haben wir auch nicht.“ Angela berichtet, dass sie Unterricht über das Telefon erhält und ihrer kleinen Schwester mit den Schularbeiten hilft, weil sich die Eltern den ganzen Tag um die Tiere auf der Weide kümmern und auch für andere Hütedienste übernehmen.

„Wenn ich Fragen habe, kann ich die nirgendwo loswerden“, beklagt sich Zeidel über die Folgen der Schulschließungen. „Außerdem ist Fernunterricht teuer. Es gibt Handygebühren, Kosten für ausgedruckte Arbeitsblätter und Schulmaterialien und anderes mehr.“ Er macht sich große Sorgen: „Mein Vater ist Maurer, aber zur Zeit arbeitslos, und wir haben kaum Geld für Lebensmittel und müssen ja auch Seife und Masken gegen das Virus kaufen.“

Auch Sarita ist besorgt: „Die Zahl der Infektionsfälle nimmt täglich zu, jetzt sind es 40 Fälle, und die Menschen verstehen nicht, dass wir vorsichtig sein müssen.“ Wie verzweifelt die Lage vieler Familien ist, verrät Tau: „Ich bin traurig, weil mein Vater nicht arbeitet, und manchmal streitet er sich mit meiner Mutter, weil das Geld für Lebensmittel und andere Ausgaben fehlt.“

Oft sind Kinder beim Lernen zu Hause auf sich allein gestellt. (Foto: Kindrenothilfepartner)
Oft sind Kinder beim Lernen zu Hause auf sich allein gestellt. (Foto: Kindrenothilfepartner)

Schulschließungen schaden benachteiligten Kindern besonders

Im April 2020 – dem bisherigen Höhepunkt der Schulschließungen – konnten laut Angaben der UNESCO 1,5 Milliarden Kinder – das entspricht 90 Prozent aller Kinder weltweit – nicht zur Schule gehen. Und während in Deutschland die Bildungseinrichtungen seit dem Ende der Sommerferien wieder fast im Regelbetrieb unterrichten, bleiben die Schulen in vielen unserer Partnerländer weiterhin geschlossen. Das bedeutet, dass weltweit fast die Hälfte aller schulpflichtigen Kinder  immer noch von Schulschließungen betroffen sind.

Das Schlimme daran ist: Je länger die Schulschließungen dauern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen gar nicht mehr in die Schule zurückkehren. Das betrifft gerade diejenigen, die ohnehin benachteiligt sind, weil sie zum Beispiel aus armen Haushalten kommen. Ist die Bildungsbiografie einmal unterbrochen, verschlechtern sich für sie die Chancen, ihr Leben selbständig zu gestalten und den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Für Mädchen bergen Schulschließungen zudem die Gefahr von ungeplanten Frühschwangerschaften und Frühverheiratung sowie insbesondere auch von sexualisierter Gewalt.

Schulhefte und Handy sind vorhanden, ein ruhiger Arbeitsplatz dagegen nicht. (Foto: Kindernothilfepartner)
Schulhefte und Handy sind vorhanden, ein ruhiger Arbeitsplatz dagegen nicht. (Foto: Kindernothilfepartner)

Fernunterricht verschärft Ungleichheiten

Dazu kommen die vielen Nachteile von digitalen Unterrichtsstunden. In unseren Partnerländern ist ein großer Anteil von Kindern komplett vom Fernunterricht ausgeschlossen. Laut UNICEF werden weltweit 30 Prozent aller Grundschulkinder nicht durch Fernlernmethoden erreicht. In afrikanischen Ländern hat sogar fast die Hälfte aller Kinder keinen Zugang zu Fernunterricht. Im Bereich der frühkindlichen Bildung ist es noch alarmierender: Hier sind 70 Prozent aller Kinder von jeglicher Bildung ausgeschlossen.

Tatsächlich verschärft Fernunterricht als Folge von Schulschließungen bestehende Ungleichheiten dramatisch. Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, aber auch zwischen ländlichen und städtischen Regionen – Letztere weisen beim Zugang zu Bildung die meisten Defizite auf.

Auch die Einkommenssituation der Haushalte spielt eine bedeutende Rolle: Für viele Haushalte sind Endgeräte wie Fernsehen, Radio und Internet ein unerschwinglicher Luxus – erst recht jetzt, wo durch Lockdown-Maßnahmen das Familieneinkommen wegbricht. Allein der Strom kostet Geld, überdies sind in vielen Ländern Stromausfälle an der Tagesordnung. All diese Belastungen treffen Kinder mit Behinderungen besonders hart: Ihre Bedürfnisse werden zumeist weder wahrgenommen noch berücksichtigt.

Nicht immer sind die Eltern bereit oder in der Lage, den Kindern bei den Schulaufgaben zu helfen. (Foto: Kindernothilfepartner)
Nicht immer sind die Eltern bereit oder in der Lage, den Kindern bei den Schulaufgaben zu helfen. (Foto: Kindernothilfepartner)

Das Recht auf Bildung verteidigen: Unsere Unterstützung für Familien

In unseren Projekten setzen wir uns dafür ein, Kinder und Jugendliche einschließlich ihrer Familien während dieser Krise so gut wie möglich zu unterstützen. Dazu gehören ganz praktische Hilfen wie Lebensmittelpakete, aber auch psycho-soziale Betreuung sowie die Sicherstellung von Bildungsangeboten trotz Schulschließungen.

Für unseren Partner Filomena Tomaira Pacsi in Peru spielt Bildung eine zentrale Rolle. Vor allem arme Familien in La Oroya, die in ländlichen Gebieten leben, haben nur sehr begrenzt Zugang zum Internet. Der Verlust von Arbeitsmöglichkeiten verschärft die ohnehin angespannte Einkommenssituation. Geld für Internetguthaben bleibt oft nicht übrig.

Ein Ziel des Projektes ist es, den Zugang zum Fernunterricht während der monatelangen Schulschließungen sicherzustellen. Um das zu erreichen, stellt Filomena Internetzugriffsunkte mit freiem und offenem Signal zur Verfügung, so dass sich Kinder und Jugendliche Schulmaterial herunterladen können. Für viele Kinder werden Lerneinheiten ausgedruckt und nach Hause geliefert. Dafür hat die Partnerorganisation zusätzliche leistungsstarke Drucker angeschafft.

Darüber hinaus legt der Partner größten Wert auf die persönliche Betreuung, sofern sie sich unter den gegebenen Umständen umsetzen lässt. Eltern werden dabei begleitet, ihre Kinder beim Lernen zu Hause zu unterstützen. Wann immer möglich, ergänzen Hausbesuche das Betreuungsprogramm.

Ein typischer Hausbesuch im peruanischen Hochland aus: Auch die Eltern werden über den Unterrichtsstoff informiert. (Foto: Kindernothilfepartner)
Ein typischer Hausbesuch im peruanischen Hochland aus: Auch die Eltern werden über den Unterrichtsstoff informiert. (Foto: Kindernothilfepartner)

In Peru bleiben die Schulen bis Jahresende geschlossen und für die Kinder steht weiterhin Fernunterricht am Programm. Gerade Mädchen und Buben aus armen Familien sind dadurch aber stark gefährdet, nach dem Ende der Schulschließungen nie mehr in den Unterricht zurückkehren. Die Schulschließu[...]

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1. September 2020

Wenn der Hunger größer als die Angst vor Corona ist

Rauchschwaden ziehen über endlose Müllberge, der Gestank ist unerträglich. Kinder staksen in Flipflops über die Abfälle eine der größten Müllhalden Delhis – mit großen Säcken, in die sie Metall, Glas und Lumpen stopfen. Ihre Augen tränen vom Rauch, an Füßen und Händen zeugen Narben von den Verletzungen, die sie sich an Glasscherben oder scharfen Metallkanten zugezogen haben. Eine menschenunwürdige Art, Geld zu verdienen. Aber für viele Familien in Bhalswa, einen Slum der Hauptstadt Delhi, macht sie den Unterschied zwischen Überleben und Verhungern aus. Dann kam Corona – und der von der indischen Regierung verhängte weltweit größte Lockdown für 1,3 Milliarden Menschen. Familien, die ohnehin schon von der Hand in den Mund lebten, blieben mit leeren Händen zurück.

Für 1kg gebündeltes Altpapier von der Bhalswa Mülldeponie gibt es auch in Corona-Zeiten 6 Rupies (Foto: Josephine Vossen)
Für 1kg gebündeltes Altpapier von der Bhalswa Mülldeponie gibt es auch in Corona-Zeiten 6 Rupies (Foto: Josephine Vossen)

Bisher 2,8 Millionen Corona-Infizierte, 2,0 Millionen Genesene, 53.000 Todesfälle: So lautete Indiens Statistik Mitte August. Indien steht damit weltweit an 3. Stelle in der Reihe der Länder, die am schlimmsten von COVID-19 betroffen sind. Dabei hatte die indische Regierung bereits am 25. März die Notbremse gezogen und das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht. Die Menschen durften nur für Lebensmittel, Medikamente und bei Notfällen vor die Tür, trotzdem stieg die Zahl der Ansteckungen stetig. Zehntausende Wanderarbeiter versuchten, aus den Städten in ihre Heimatdörfer zu gelangen, und sorgten für eine Verbreitung des Virus bis in die hintersten Winkel des Landes. Mehr als 140 Millionen Menschen verloren bisher ihren Arbeitsplatz, unzählige kämpfen ums Überleben. Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten im informellen Sektor – wie die Familien auf der Müllhalde von Bhalswa: Das heißt, sie haben keinen Arbeitsvertrag, keinerlei Absicherung.

Pater Santosh und seine Mitarbeiterin verteilen – unterstützt von der Polizei – Lebensmittelpakete. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Pater Santosh und seine Mitarbeiterin verteilen – unterstützt von der Polizei – Lebensmittelpakete. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Wird der Ansturm zu groß, hilft die Polizei bei der Verteilung

„Tagelöhner, Müllsammler, Hausangestellte, Rikscha-Fahrer, Bauarbeiter, Migranten, Straßenverkäuferinnen und viele andere, deren Lebensunterhalt von einfachen Tätigkeiten abhängt, sind besonders von dem Lockdown betroffen“, weiß Pater Santosh, Direktor des Kindernothilfe-Partners Deepti Foundation in Bhalswa. „Die meisten Familien hier gehören dazu. Sie haben keine Ersparnisse. Was sie verdienen, geben sie für den täglichen Bedarf aus. Im Dairy-Slum neben der Müllhalde unterstützten wir rund 1.900 Familien mit Lebensmittelpaketen. Eine fünfköpfige Familie zum Beispiel erhält für rund zehn Tage Reis, Weizenmehl, Hülsenfrüchte, Öl, Zucker und Salz. Im April haben wir außerdem 5.000 Masken verteilt.“

Er und seine Mitarbeitenden sind zu einer Verteilstelle gefahren, das Auto vollgepackt bis unters Dach mit Lebensmitteln. Die Nachricht über ihre Ankunft verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Pater Santosh und seine Leute sind der einzige Lichtblick für die Einwohner von Bhalswa-Dairy. Es sind hauptsächlich Frauen gekommen, die sich die schweren Säcke mit Reis und Mehl auf den Kopf hieven lassen. Glücklich ziehen sie mit ihrer Last von dannen. Das Gedränge wird größer. „Der Mindestabstand bei der Verteilung ist eine große Herausforderung, da die Menschen sich zu Hunderten versammeln“, sagt Pater Santosh. Wird der Ansturm zu groß, hilft die Polizei bei der Verteilung. Und wann immer Polizisten mitbekommen, dass jemand hungert, informieren sie Pater Santosh. Deepti hat für die Versorgung der Armen extra eine Ausgangsgenehmigung bekommen.

Die Kindernothilfe-Partner versorgen hungernde Menschen in den Armenvierteln mit dem Nötigsten (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kindernothilfe-Partner versorgen hungernde Menschen in den Armenvierteln mit dem Nötigsten (Foto: Kindernothilfe-Partner)

„Es ist schlimmer gekommen, als wir gedacht haben“

Arbeitslosigkeit und Hunger treffen nicht mehr nur die Ärmsten, sondern selbst die städtische Mittelschicht. „Wir verteilten gerade Lebensmittelpakete, da kam ein Mann auf einem Motorrad angefahren und bat um eines davon“, erinnert sich Pater Santosh. „Ich fragte ihn, wieso er kein Geld für Lebensmittel hätte, wenn es doch zum Tanken reichte. Der Mann brach in Tränen aus und sagte: „Vater, ich bin mit den letzten Tropfen Benzin im Tank hierhergefahren. Ich bin in einer schrecklichen Lage! Mein sozialer Status erlaubt es mir nicht, zu betteln oder um Hilfe zu bitten.‘ Natürlich habe ich dem armen Kerl ein Paket gegeben.“

Fünfmal wurde der Lockdown bereits verlängert – bisher mit wenig Erfolg. Wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage vieler Familien hat die Regierung schon Mitte Mai die ersten Lockerungen außerhalb der Hochrisikogebiete beschlossen, um Tausende von Hungertoten zu vermeiden. Auch wenn dies auf Kosten der Gesundheit geht und die Zahlen der Infizierten jetzt noch stärker steigen. Hotels, Restaurants, Einkaufszentren, Friseure, Fitnessstudios sind wieder geöffnet. „Wir haben damit gerechnet, dass die Zahlen hochgehen“, gab Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal Ende Juni zu, „aber es ist viel schlimmer gekommen, als wir dachten.“ Einige Regionen, darunter die Millionenstädte Mumbai und Chennai, wollen die Lockerungen mittlerweile wieder zurückfahren.

Die Kindernothilfe-Partner verteilten in den vergangenen Monaten Tausende von Masken (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kindernothilfe-Partner verteilten in den vergangenen Monaten Tausende von Masken (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Prashant macht sich Sorgen, weil seine Mutter das geliehene Geld nicht zurückzahlen kann

Der 13-jährige Prashant aus Cuddalore in Südindien bekommt mittags nichts mehr zu essen, seit die Schulen geschlossen sind. Seine alleinerziehende Mutter hat ihre Arbeit auf den Feldern verloren und findet keinen neuen Job. Sie hat sich einen Kredit vom Geldverleiher geben lassen, um Lebensmittel für die Familie zu kaufen. „Ich bin sehr traurig, wenn ich sehe, wie sie sich Sorgen macht, weil der Mann sein Geld zurückfordert, sie aber nicht zahlen kann“, klagt Prashant. „Ich wünschte, die Schule wäre wieder auf, damit mein Bruder und ich dort essen könnten. Wir würden so viel essen, dass wir auch abends nicht mehr brauchten. Ich möchte nicht, dass unsere Mutter sich Geld leihen muss, um Essen für uns zu kaufen.“

Jehangirpuri, der Nachbarstadtteil von Bhalswa-Dairy, zählt zu den schlimmsten Corona-Hotspots in der Hauptstadt. Trotzdem ist auf der Müllhalde wieder der Alltag eingekehrt. Die Kühe, die die Hügel mit stinkendem Unrat lange Zeit für sich allein hatten, müssen sie sich wieder mit den Müllsammlern teilen. Die meisten hätten ihre Arbeit wieder aufgenommen, sagt Pater Santosh. Die Verzweiflung, die Familien nicht ernähren zu können, sei größer als die Angst vor einer Ansteckung.

Für 1kg gebündeltes Altpapier von der Bhalswa Mülldeponie gibt es auch in Corona-Zeiten 6 Rupies (Foto: Josephine Vossen)
Für 1kg gebündeltes Altpapier von der Bhalswa Mülldeponie gibt es auch in Corona-Zeiten 6 Rupies (Foto: Josephine Vossen)

Das Virus bedroht Kinder, die ohnehin schon durch Armut, Krankheit und Hunger geschwächt sind

„Die Regierung muss daher sicherstellen, dass die Armen nicht im Stich gelassen werden“, fordert Mayrui Datta, Kindernothilfe Indien. „Dieses Virus bedroht Kinder, die ohnehin schon durch Armut, Krankheit und Hunger geschwächt sind. Die Vereinten Nationen schätzen, dass innerhalb von sechs Monaten weltweit bis zu 10.000 Kinder pro Tag sterben könnten – Indien gehöre dabei zu den zehn am meisten betroffenen Ländern.“

Für die Menschen in den Slums bedeutet bereits eine verlängerte Abriegelung ein Gesundheitsrisiko: Sie leben auf engstem Raum zusammen, und viele haben noch nicht einmal rund um die Uhr Wasser. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Für die Menschen in den Slums bedeutet bereits eine verlängerte Abriegelung ein Gesundheitsrisiko: Sie leben auf engstem Raum zusammen, und viele haben noch nicht einmal rund um die Uhr Wasser. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Wie können wir von einem Kind erwarten, dass es sich die Hände wäscht, wenn es nicht einmal genug Wasser zu trinken hat?

Mayuri Datta, Kindernothilfe Indien

Die Kindernothilfe-Partner sind seit Wochen in vielen Regionen des Landes unermüdlich im Einsatz: Per Radio und Lautsprecherdurchsagen klären sie über Hygienemaßnahmen auf. Sie verteilen Seife, Masken, Lebensmittel und Infomaterial. Familien, die auf der Straße leben, bekommen Essenspakete. Bei Kindern, die eine Physio- oder Sprachtherapie brauchen, bekommen die Eltern, wo möglich, telefonische Anleitungen von Therapeuten.

Der Höhepunkt der Pandemie in Indien ist noch nicht erreicht. Es bleibt viel zu tun. Die Menschen in den Projekten sind dankbar, dass die Kindernothilfe-Partner an ihrer Seite sind.

Mayuri Datta, Kindernothilfe Indien

Rauchschwaden ziehen über endlose Müllberge, der Gestank ist unerträglich. Kinder staksen in Flipflops über die Abfälle eine der größten Müllhalden Delhis – mit großen Säcken, in die sie Metall, Glas und Lumpen stopfen. Ihre Augen tränen vom Rauch, an Füßen und Händen zeugen Narben v[...]

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11. August 2020

Mein Leben seit Covid-19

Wie für viele andere hat sich auch für Nong Bae aus dem thailändischen Chiang Mai der Alltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie schlagartig verändert. Im Gespräch erzählt die 17-Jährige, welche Auswirkungen das Virus auf ihr Leben und die Menschen in ihrer Umgebung hat.

Das Corona-Virus hat das Leben der 17jährigen Nong Bae schlagartig geändert. (Foto: Kindernothilfepartner)
Das Corona-Virus hat das Leben der 17jährigen Nong Bae schlagartig geändert. (Foto: Kindernothilfepartner)

Was weißt du über Covid-19?

Nong Bae: Ich habe online sehr viel nachgelesen, meistens auf Facebook und Instagram. Es ist eine sehr ernstzunehmende Krankheit. Im Moment gibt es keinen Impfstoff, und viele Menschen in vielen verschiedenen Ländern sind daran gestorben. Ich möchte, dass es so bald wie möglich einen Impfstoff gibt. Wenn wir diszipliniert genug bei Social Distancing sind, können wir dazu beitragen, die Zahl der Infektionen niedrig zu halten.

Aber es gibt auch sehr viele Menschen, die keinen Zugang zu diesen Informationen haben. Sie wissen nicht, wie gefährlich Corona ist und wie sie sich verhalten sollen. Wenn sich das Virus verbreitet, wissen sie nicht, wie sie sich schützen können, sodass sie einem größeren Risiko ausgesetzt sind.

Wie spürst du die Auswirkungen? Wie hat sich dein Leben seit Covid-19 verändert?

Nong Bae: Meine Schule ist geschlossen, und sie haben die Ferien verlängert. Eigentlich sollte ich dieses Jahr die High School abschließen. Aber jetzt weiß ich nicht, ob das klappen wird. Ich vermisse meine Schule, meine Lehrer und meine Freunde, denn es ist im Moment ziemlich schwierig, irgendwo hinzugehen. Ich kann mich nicht mit meinen Freunden treffen, denn wir müssen uns schützen.

Auf meine Familie hat Corona auch Auswirkungen gehabt: Meine große Schwester hat früher Blumen und Obst verkauft, aber jetzt ist es sehr gefährlich, etwas zu verkaufen, also musste sie damit aufhören. Das bedeutet, dass unsere Familie mit weniger Geld zurechtkommen muss.

Wie ist der Alltag in Chiang Mai?

Nong Bae: Das hat sich sehr verändert. Viele Menschen haben Chiang Mai verlassen, um zurück in die Bergregion Chiang Rai zu gehen. In den Bergen ist die Ansteckungsgefahr geringer als in der Großstadt. Sie fahren dann nur noch nach Chiang Mai, um Vorräte zu holen. Ich bleibe aber mit meiner Familie in Chiang Mai, weil hier unser Zuhause ist.

Aufnahme von der Bergregion Chiang Rai
Aufnahme von der Bergregion Chiang Rai

Wie für viele andere hat sich auch für Nong Bae aus dem thailändischen Chiang Mai der Alltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie schlagartig verändert. Im Gespräch erzählt die 17-Jährige, welche Auswirkungen das Virus auf ihr Leben und die Menschen in ihrer Umgebung hat. Das Corona-Virus hat[...]

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30. Juni 2020

Die Kinder vom Bauarbeiterlager

In Thailand gibt es offiziell zwar nur knapp über 3.150 bestätige Fälle, doch die Dunkelziffer liegt sehr wahrscheinlich um vieles darüber. Besonders den Kindern, die schon vor der Krise unter unzumutbaren Bedingungen lebten, machen die Auswirkungen der Pandemie zu schaffen.

Neung lebt in einem thailändischen Bauarbeiterlager (Foto: Kindernothilfe)
Neung lebt in einem thailändischen Bauarbeiterlager (Foto: Kindernothilfe)

Zwei Stunden Schreibpraxis am Tag

Sai gehört dazu. Er ist elf Jahre alt und lebt in einem Lager in der Nähe der Großbaustellen, auf denen die Migranten aus Myanmar ihren kargen Lebensunterhalt verdienen. Sai wohnt dort gemeinsam mit seiner Mutter in einem kleinen Zimmer. Auch sein Alltag hat sich verändert, denn wie viele Kinder weltweit kann er derzeit nicht zur Schule gehen. Momentan sieht es so aus, als könnten die Schulen in Thailand jetzt im Juli wieder öffnen. Bis dahin übt er das englische und thailändische Alphabet – jeden Tag zwei Stunden in seinem Buch. So kann er wenigstens einen Teil seiner Zeit zum Lernen nutzen.

Sai bei seinen Schulaufgaben (Foto: Kindernothilfe)
Sai bei seinen Schulaufgaben (Foto: Kindernothilfe)

„Wenn wir das Virus loswerden können, können wir sehr bald zur Schule gehen“

Ähnlich geht es auch Neung. Auch er lebt in einem Bauarbeiterlager, gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und der einjährigen Schwester. Wenigstens hat der Vater durch die Corona-Krise nicht seinen Job als Bauarbeiter verloren und kann weiterhin in Thailand arbeiten gehen.

Dem Zwölfjährigen fehlt sein normaler Alltag: zur Schule gehen, lernen, Freunde sehen. Besonders die Bewegungsfreiheit vermisst er, denn es gelten strenge Ausgangsbeschränkungen wegen der Ansteckungsgefahr. Also muss er sich die Zeit anders vertreiben. Er passt für seine Mutter auf die einjährige Schwester auf, versucht mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben und geht seiner größten Leidenschaft nach: künstlerisch zu arbeiten. Kunst ist auch sein Lieblingsfach in der Schule. Seine große Hoffnung: „Wenn wir das Virus loswerden, können wir bald wieder zur Schule gehen.“

Baan Dek Foundation-Sozialarbeiterin im Gespräch mit Neung (Foto: Kindernothilfe)
Baan Dek Foundation-Sozialarbeiterin im Gespräch mit Neung (Foto: Kindernothilfe)

Partner vor Ort packt mit an

Schon vor der Pandemie spielte die thailändische Partnerorganisation Baan Dek Foundation (BDF) eine wichtige Rolle in Neungs Leben. Zwar ist der Zwölfjährige in Thailand geboren, da aber seine Eltern aus Myanmar stammen, bekam Neung keinen thailändischen Pass. Damit blieben ihm viele Rechte verwehrt, zum Beispiel der Schulbesuch oder der Zugang zu Medikamenten im Krankheitsfall. BDF-Sozialarbeiter haben ihm geholfen, die thailändische Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Auch Sai hat unser Partner nachhaltig unterstützt. Wegen einer Muskelerkrankung kann er nicht laufen. BDF-Mitarbeiter begleiteten ihn zu ärztlichen Untersuchungen und verhalfen ihm zu einem Rollstuhl. Auf diese Weise kann er mit Freunden spielen, anstatt immer zu Hause bleiben zu müssen – jedenfalls war das vor Corona so.

Unterstützung auch während Corona

Gerade in diesen schwierigen Zeiten unterstützt BDF benachteiligte Familien. BDF-Mitarbeiter besuchen sie regelmäßig und versorgen sie mit Lebensmitteln und Hygieneprodukten. Und für die Kinder? Für sie gibt es zusätzliche Unterrichtsmaterialien, damit die Corona-Krise ihr Bildungschancen nicht völlig vereitelt.

In Thailand gibt es offiziell zwar nur knapp über 3.150 bestätige Fälle, doch die Dunkelziffer liegt sehr wahrscheinlich um vieles darüber. Besonders den Kindern, die schon vor der Krise unter unzumutbaren Bedingungen lebten, machen die Auswirkungen der Pandemie zu schaffen. Neung lebt in ein[...]

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