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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

5. April 2021

Corona und die Kinder der Armut

Die Corona-Pandemie trifft weltweit die Kinder am härtesten, die ohnehin schon in großer Armut leben. Die Zahl der Hungernden wächst und die Situation von Kinderarbeitern verschlechtert sich.

Maria träumt von einem kleinen Laden, sie möchte Wassereis verkaufen, philippinische Süßigkeiten und Pommes Frites – „um meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“. Die 15-Jährige von den Philippinen hat ihren Traum aufgezeichnet, so ist er greifbarer – in einer Zeit, in der gar nichts mehr greifbar, nichts mehr planbar ist. „Ich wünschte, ich könnte mit dem Verkauf dieser Dinge Geld verdienen, um meiner Familie zu helfen.“

Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.
Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.

Corona hat Kinder auf der ganzen Welt in große Not gestürzt – vor allem die, die schon vorher in extremer Armut gelebt haben. „Die Covid-19-Pandemie hat starken Einfluss auf das Leben von Kindern und Jugendlichen weltweit und wirkt sich negativ auf Grundrechte wie das Recht auf Bildung, Gesundheit und Nahrung aus.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Kindernothilfe, die 2020 in Zusammenarbeit mit sechs lokalen Kinderrechtsorganisationen aus Bolivien (PASOCAP), Guatemala (CEIPA), Indonesien (PKPA), Kenia (WCY), den Philippinen (Kaugmaon) und Sambia (JCM) umgesetzt wurde. Mittels Befragungen, Zeichnungen – wie eben der von Maria – und Texten wurden über mehrere Monate hinweg Ansichten, Erfahrungsberichte und Botschaften von arbeitenden Kindern und Jugendlichen und ihren Familien zusammengetragen.

In vielen Ländern gelten Lockdowns und Ausgangssperren – und das schon seit vielen Monaten. Die dramatische Folge: In den ohnehin schon von großer Armut betroffenen Familien ist das Einkommen weiter gesunken. Einige Eltern hatten zuvor mehr als eine Einkommensquelle, doch die Pandemie hat dazu geführt, dass sie entweder arbeitslos geworden sind oder ihr Einkommen um bis zu 50 Prozent geschrumpft ist. Für die Familien bedeutet das vor allem eines: Sie haben nicht mehr genug zu essen.

Der Hunger ist allgegenwärtig

„Ich habe Angst, Corona zu bekommen und zu verhungern, weil es kein Essen gibt“, schreibt eine 15-jährige Haushaltshilfe aus Kenia im Rahmen der Studie. „Wenn wir Arbeit haben, haben wir gutes Essen. Aber wenn nicht, dann essen wir einfach alles, was wir kriegen können oder lassen Mahlzeiten aus“, berichtet ein 16-jähriger Müllsammler von den Philippinen. Und eine elfjährige Haarflechterin aus Sambia lässt ihre Verzweiflung durchklingen: „Das wenige Geld, das wir hatten, haben wir schon immer für Essen ausgegeben. Jetzt aber sind wir komplett von meinem Onkel abhängig, der nicht einmal seine eigenen Grundbedürfnisse abdecken kann.“

Laut Welternährungsprogramm besteht für mindestens 346 Millionen Kinder weltweit, für die zuvor Mahlzeiten in der Schule eine verlässliche tägliche Nahrungsquelle waren, aufgrund der Coronakrise jetzt große Gefahr für Mangelernährung und andere Erkrankungen. Zentrale Erkenntnis der Kindernothilfe-Studie: Die Ernährung arbeitender Kinder und ihrer Familien hat sich durch die Pandemie wesentlich verschlechtert. Kindernothilfe-Partnerorganisationen berichten von Kindern, die wochenlang nur Reis zu sich nehmen oder Gemüse von Plantagen stehlen, um etwas zu essen zu haben.

Die Seele leidet

Dazu mischt sich bei vielen Jugendlichen das schlechte Gewissen: „Seit Corona arbeite ich nicht mehr. Ich kann nicht helfen, meine Familie zu versorgen und kann nicht kaufen, was wir daheim brauchen“, bringt ein 15-jähriger Grabsteinreiniger von den Philippinen seine Sorgen auf den Punkt.

Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)
Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)

Durch die Pandemie leiden auch die Seelen der Kinder. In Kenia wird ein Anstieg der Suizidrate bei arbeitenden Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Viele der Befragten müssen noch schwerere Arbeit leisten und sind von ausbeuterischer Kinderarbeit bedroht. Von den Philippinen häufen sich Berichte über Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung werden. Und aus Bolivien meldet der Kindernothilfe-Projektpartner PASOCAP einen Anstieg häuslicher Gewalt. „Ich höre meine betrunkene Mutter und wie meine Großeltern mit ihr streiten, weil sie nicht aufhört zu trinken“, erzählt ein elfjähriger Feldarbeiter aus Guatemala. Vor der Pandemie waren alle Familienmitglieder durch Arbeit, Schule oder andere auswärtige Verantwortungen eingespannt. Durch die viele Zeit zu Hause steigt auch die Gefahr der Konflikte.

Keine Schule mehr

„Ich habe aufgehört, zur Schule zu gehen. Man ist einfach die ganze Zeit daheim“, schreibt eine elfjährige Straßenverkäuferin aus Sambia die Situation auf den Punkt. Nach offiziellen Angaben sind etwa 1,6 Milliarden schulpflichtige Kinder in mehr als 190 Ländern von den Schulschließungen durch die Corona-Pandemie betroffen. Unter ihnen ein hoher Anteil von Mädchen, die vielleicht nie mehr in ihre Klassen zurückkehren werden.

Diese Entwicklung bestätigt auch die Kindernothilfe-Studie. Durch fehlende technische Möglichkeit haben viele Kinder kaum Zugang mehr zu Bildung. Distanzunterricht ist gerade in den ärmsten Regionen der Welt schlicht unmöglich. „Beim Homeschooling geben uns die Lehrer unsere Hausaufgaben übers Internet. Leider haben meine Eltern und ich kein Geld für mobile Daten. Deshalb gehe ich zu einer Bäckerei in der Nachbarschaft, um vom Parkplatz aus das kostenlose WLAN zu nutzen“, berichtet ein 16-jähriges Mädchen aus Indonesien. Computer, Smartphones oder Internetanschluss können sich viele Familien nicht leisten – wenn es sie denn überhaupt gibt. „Wir bekommen keinen Unterricht, weil die Gemeinde keinen Computer hat“, klagt ein 12-jähriger Textilarbeiter aus Guatemala. Und ein Bäckergehilfe aus seinem Nachbarort ergänzt: „Meine Arbeit hat wenigstens geholfen, die Schulgebühren zu zahlen.“ Viele Eltern können dieses Geld nun nicht mehr aufbringen.

Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)
Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)

Tatsächlich schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, dass mittlerweile mehr als 463 Millionen Kinder weltweit für schulische Bildung nicht mehr erreichbar sind. Ein Teufelskreis: Denn ohne einen Schulabschluss bleibt nur die Arbeit in ausbeuterischen Verhältnissen. „Wir gehen jetzt täglich mit meiner Mutter zur Arbeit. Sie ist Maurergehilfin und ich arbeite mit ihr. Wir nehmen auch meinen achtjährigen Bruder mit, weil er nicht alleine zu Hause bleiben kann“, erzählt eine Zehnjährige aus Guatemala. So sind alle Tage gleich. Und abends sei sie dann immer „sehr müde“.

Hier versucht die Kindernothilfe, die größte Not zu lindern. Mit Lebensmittelpaketen, medizinischer Versorgung, Hygieneschulungen und Hausbesuchen, die unter strengen Corona-Vorschriften möglich sind, werden die Familien in den Projektgebieten betreut. Um den Weg durch diese Pandemie zumindest ein wenig zu erleichtern.

Die Corona-Pandemie trifft weltweit die Kinder am härtesten, die ohnehin schon in großer Armut leben. Die Zahl der Hungernden wächst und die Situation von Kinderarbeitern verschlechtert sich. Maria träumt von einem kleinen Laden, sie möchte Wassereis verkaufen, philippinische Süßigkeiten [...]

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13. März 2021

Unterwegs mit Asekek

Wenn man Asekek aus Markuma (Distrikt Womberma/Äthiopien) fragt, wie sich ihr Leben durch die Selbsthilfegruppe der Kindernothilfe verändert hat, bricht es aus ihr heraus: „Vorher war das Leben schrecklich.“ Die 28-Jährige musste immer schon sehr kämpfen. Ihre Eltern verstarben früh und haben ihr ein bisschen Land und ein einfaches Haus hinterlassen, in dem die Familie mit ihren Tieren – Schafen, Hühnern und ein Ochse – in einem einzigen Raum lebte. Asekek musste nach dem Tod der Eltern nicht nur für ihre eigene vierköpfige Familie, sondern auch für ihren jüngeren Bruder sorgen. Der Ertrag aus der Landwirtschaft reichte häufig nicht, um sie und ihre kleine Familie mit zwei Kindern ausreichend zu ernähren. Besonders schlimm war es während der großen Dürre im Jahr 2016, als sie fast ihre ganze Ernte verloren und hungern mussten.

Als die junge Mutter vor acht Jahren von den anderen Frauen aus dem Dorf von der Selbsthilfegruppe erfuhr, schloss sie sich ihnen gleich an. „Ich wollte etwas ändern, denn so konnte es nicht weitergehen.“ In der Gruppe lernen die Frauen, wie sie mit einer guten Idee und etwas Geld, das sie sich gegenseitig leihen, mehr verdienen und sich aus ihrer Armut befreien können. Das Startkapital kommt von ihnen selbst, besteht aus dem wenigen, was sie sich aus ihren kleinen Einkünften ersparen können.

Asekek ist froh, Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe zu sein und ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können (Foto: Christian O Bruch)
Asekek ist froh, Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe zu sein und ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können (Foto: Christian O Bruch)

Asekek hat sich damals schnell auf die Herstellung von energiesparende Kochstellen spezialisiert. Die meisten Menschen in ihrer Gegend bereiten ihr Essen immer noch über einer einfachen Feuerstelle mit Steinen als Halterung zu. Dafür wird aber viel Brennmaterial benötigt und Holz ist knapp in der Region. Asekek gießt mithilfe einer speziellen Form nun Öfen aus Beton, die die Hitze besser speichern können und so Ressourcen sparen helfen. Das wird mittlerweile auch von den lokalen Behörden unterstützt, die Werbung für die Kochstellen machen, Bestellungen sammeln und die Abholung der fertigen Betonteile organisieren. Zuvor musste Asekek die schweren Öfen auf ihrem Rücken zwei Stunden bis zum nächsten Markt schleppen. Heute kommt sie mit der Produktion kaum hinterher und beschäftigt zweitweise nicht nur ihren Mann, sondern auch weitere Dorfbewohner, um die Bestellungen termingerecht abzuarbeiten.

Asekek stellt Ofen aus Beton her und verkauft diese erfolgreich in der ganzen Region. (Foto: Christian O Bruch)
Asekek stellt Ofen aus Beton her und verkauft diese erfolgreich in der ganzen Region. (Foto: Christian O Bruch)

Asekek hat es geschafft, sich mit eigener Kraft und dem starken Rückhalt durch die Selbsthilfegruppe aus ihrer hoffnungslos scheinenden Lage zu befreien. Mit Kleinstkrediten unterstützen die Frauen sich gegenseitig bei ihren Geschäftsideen, nutzen die Schulungen durch die örtlichen Partner der Kindernothilfe und bewegen gemeinsam auch größere Projekte zur Verbesserung ihrer Lebensumstände. So gibt es in Markuma es nun endlich auch elektrisches Licht, dank der neuen Biogasanlage, die zu 50 % durch ein staatliches Förderprogramm unterstützt wurde.

Asekek ist glücklich, dass ihre Familie jetzt in einem eigenen Haus lebt. Jeder hat sein eigenes Bett: „Vorher hatten wir nicht mal eine eigene Matratze.“ Und auch die Tiere sind nun in Ställen untergebracht. Durch ihre Arbeit konnte sie ihrem jüngeren Bruder eine Ausbildung finanzieren, der heute Health Officer in einem Krankenhaus in Bahir Dar ist. Auch für ihre beiden Kinder, 11 und 6 Jahre alt, wünscht Asekek sich, dass sie eine gute Ausbildung bekommen und später einen richtigen Beruf erlernen. Sie weiß, wie wichtig das ist. Sie selbst hat die Schule nur bis zur 5 Klasse besucht. Da sie aber lesen und schreiben kann, hat sie die Möglichkeit, sich nebenher auch noch etwas als Sekretärin bei einer CLA dazuzuverdienen.

Asekek mit ihren Kindern in ihrer Werkstatt. (Foto: Christian O Bruch)
Asekek mit ihren Kindern in ihrer Werkstatt. (Foto: Christian O Bruch)

Durch diese Arbeit und die Gewinnen aus dem Ofenverkauf kann Asekek ihre Familie versorgen und das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen – und darüber hinaus auch noch etwas zurücklegen. Denn das ist wichtig, weil die weiterführende Schule 12 Kilometer entfernt liegt. Heute läuft ihr älterer Sohn täglich die vier Kilometer zu seiner Grundschule. Für den anschließenden High-School-Besuch muss die Familie ihm dann künftig aber ein Zimmer in der Stadt finanzieren können. Dafür arbeitet Asekek sehr hart, teilweise sieben Tage die Woche, manchmal auch nachts. Sie hat einen schweren Weg hinter sich, aber schon so viel erreicht. Und sie ist zuversichtlich, dass ihre Kinder durch ihren Einsatz ein besseres Leben haben werden.

Wenn man Asekek aus Markuma (Distrikt Womberma/Äthiopien) fragt, wie sich ihr Leben durch die Selbsthilfegruppe der Kindernothilfe verändert hat, bricht es aus ihr heraus: „Vorher war das Leben schrecklich.“ Die 28-Jährige musste immer schon sehr kämpfen. Ihre Eltern verstarben früh und hab[...]

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6. Februar 2021

Beschneidung: Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mädchen wurde Saynab beschnitten – weil es in ihrer Heimat Tradition ist. Ihre Töchter will Saynab vor diesem Schicksal bewahren. Deswegen kämpft die 40-Jährige heute gegen Beschneidung und klärt über die lebenslangen, schmerzhaften und nicht selten tödlichen Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung auf.

Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)
Aufklärung ist der Schlüssel gegen eine brutale Tradition. (Foto: Kindernothilfe_fairpicture)

Saynab, können Sie uns erzählen, was Sie als Kind erleben mussten und wie die Beschneidung Ihr Leben verändert hat?

Saynab Ibrahim: Ich wurde als Kind beschnitten. Danach war ich sehr krank und konnte mich nicht bewegen. Ich erinnere mich, dass ich wochenlang nicht mit meinen Freundinnen spielen konnte. Später, als Heranwachsende und dann nach der Heirat, als ich schwanger wurde, ging es immer weiter. Man hat mich verstümmelt und zugenäht. Wenn ich meine Periode bekam, hatte ich Schmerzen, ich litt an Entzündungen und Verstopfungen. Als ich bei der Geburt meines ersten Kindes in den Wehen lag, musste man mich öffnen, damit ich überhaupt entbinden konnte. Ich bin beinahe verblutet. Da habe ich mir geschworen, dass ich meinen Töchtern das niemals antun will. Ich habe meinen Eltern vergeben, aber meine Töchter werden nicht das gleiche Leid erfahren wie ich.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass Mädchen und jungen Frauen in Somaliland nicht dasselbe Schicksal erleiden wie Sie?

Saynab Ibrahim: Ich spreche sehr viel über meine Erfahrungen. Die Leute müssen wissen, dass ein beschnittenes Mädchen lebenslänglich unter den Folgen leidet. Viele sterben während des Eingriffs. Eine Schwangerschaft ist auch sehr gefährlich, viele junge Frauen überleben die Geburt ihres Kindes nicht. Und natürlich haben beschnittene Frauen überhaupt keine Gefühle mehr für Sexualität, da die Nervenstränge durchtrennt sind und alles taub ist. Mittlerweile warne ich täglich meine Freunde und Nachbarn. Die meisten hören mir zu, außer einige wenige unbelehrbare Fanatiker. Aber das ist immerhin ein Erfolg. Ich möchte als Vorbild vorangehen.

Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)
Es ist nicht leicht, gegen ein Tabuthema anzukämpfen. (Foto: Kindernothilfe)

Denken Sie, dass durch Ihren Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ein Umdenken in Ihrer Heimat stattfindet?

Saynab Ibrahim: Vor kurzem wurde ein junges Mädchen vom Land zu mir gebracht, ihre Mutter hatte sie beschneiden lassen, man hatte sie ganz brutal zugenäht und dann noch ihre Beine fixiert, damit die Öffnung richtig zuwachsen sollte. Das Mädchen hat sehr gelitten, sie verlor so viel Blut und fiel sogar ins Koma. Sie lag wochenlang bei uns im Haus am Boden. Mit Glück hat sie überlebt. Neulich hat auch eine Nomadenfrau ihre Tochter in unsere Stadt gebracht. Sie wollte das Mädchen beschneiden lassen, glücklicherweise konnte ich die Frau davon überzeugen, es nicht zu tun!


Es ist sicher nicht leicht, gegen eine jahrhundertealte Tradition anzukämpfen und gleichzeitig über ein Tabuthema zu sprechen. Wer unterstützt Sie dabei?

Saynab Ibrahim: Es gibt NGOs wie die Kindernothilfe und ihre Projektpartner, die uns beim Kampf gegen Beschneidung unterstützen. Wir bekommen Informationen und Seminare, in denen wir aufgeklärt werden, und auch, um das, was wir dort gelernt haben, in unserer Gemeinde weiterzugeben. Ich habe die verheerenden und schmerzhaften Folgen der Beschneidung am eigenen Körper erlebt, aber auch meine ganze Umgebung und unsere Nachbarn haben damit Erfahrungen machen müssen. Ich glaube, die wesentlichen Gründe, warum Menschen Beschneidung nach wie vor praktizieren, sind Unwissenheit und Mangel an Bildung. Ich will unbedingt mit noch mehr Familien über dieses Thema sprechen und sie dazu bewegen, dass sie ihre Töchter davor verschonen.

Saynab hat fünf Kinder zur Welt gebracht, vier davon sind Mädchen. Die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlitten hat, müssen unvorstellbar gewesen sein. Saynab lebt in Somaliland, einer Region in Somalia, die sich 1991 einseitig für unabhängig erklärt hat. Als kleines Mäd[...]

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3. Februar 2021

Adamluk – der Junge, der verkauft wurde

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen – wenn sie trotz Corona endlich wieder geöffnet ist.

Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)
Adamluk arbeitet hart am Feld. (Foto: Malte Pfau)

Ich heiße Adamluk. Meine Familie war so arm, dass wir nicht jeden Tag genug zu essen hatten. Deswegen hat mich meine Mutter verkauft. Erst einmal für zwei Jahre. 1.000 Birr (30 Euro) und eine Ziege hat sie für mich bekommen.

Adamluk, 12
Adamluk und seine "Besitzerin". (Foto: Malte Pfau)
Adamluk und seine „Besitzerin“. (Foto: Malte Pfau)

Jetzt lebt der 12Jährige bei der Frau, die mich gekauft hat, und muss ihr jeden Tag bei der Ernte auf den Feldern helfen und die Ziegen hüten. Seine Familie darf er nicht besuchen. Und bis vor einem Jahr hatte er auch nie frei. Ob er nach zwei Jahren wieder zurück zu seiner Familie darf, weiß er nicht.

Aber dann durfte Adamluk plötzlich zur Schule gehen. Zwei Leute von Organisationen in Äthiopien und in Deutschland waren hier und haben mit seiner Besitzerin gesprochen, damit sie ihm den Schulbesuch erlaubt. Der junge Bub muss zwar immer noch arbeiten, aber im Unterricht kann er für ein paar Stunden seinen harten Alltag vergessen. Er kann mit anderen Kindern zusammen lesen, schreiben und rechnen lernen. Und … es gibt sogar Zeit zum Spielen.

Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)
Auch in Äthiopien wollen die Kinder endlich zurück in die Schule. (Foto: Malte Pfau)

Am Anfang musste sich Adamluk erst einmal einleben, das Konzept „Schule“, den Unterricht und das Lernen kennenlernen. Aber schon nach kürzester Zeit fühlte er sich wohl, und die Schule machte ihm wirklich Spaß. Sein Lehrer sagte, er wäre „aufgeblüht“. Adamluk fragte daraufhin, ob er denn eine Blume wäre.

Leider ist in diesem Jahr die Corona-Pandemie ausgebrochen. Die Schulen in Äthiopien wurden geschlossen. Ich hoffe, dass ich bald wieder zum Unterricht gehen kann. Lernen macht mir nämlich mehr Spaß als zu arbeiten!

Adamluk, 12

Adamluk (12) lebte in einem armen Dorf im Norden von Äthiopien. Als seine Mutter ihn nicht mehr versorgen konnte, verkaufte sie ihn an eine fremde Frau. Dort muss er hart arbeiten. Dabei ist er noch ein Kind. Durch das Kindernothilfe-Projekt darf er jetzt zumindest zur Schule gehen - wenn sie trotz[...]

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27. Januar 2021

Wie Kinder auf Äthiopiens Straße überleben

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor drei Jahren lebte sie auf der Straße im Dreck, heute sagt das ehemalige Straßenkind mit gerade geschafftem Volksschulabschluss: „Life is good.“

Das Leben ist gut? Was für ein Satz für die inzwischen 16-Jährige. 2017 war es Kaido, die uns ihre Stadt zeigte: den Markt, auf dem ihre Mutter für ein paar Birr Zwiebeln verkaufte, den nackten Beton an der lauten, löchrigen Straße, auf dem sie geschlafen hatte, bevor die Helfer sie fanden, dreckig und hoffnungslos. Das karge Zimmerchen den leeren Fensterhöhlen, in dem sie später, als man sie gewaschen hatte, „wohnen“ durfte, kein Wasser zwar, aber ein Zuhause.

Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)
Kaido hilft ihrer Mutter auf dem Markt (Quelle: Jakob Studnar)

Wie schützt man sich vor Corona, wenn es kein sauberes Wasser gibt?

Kaido hat bis heute nur diese leckende Leitung im Tal. Für den kleinen Abebe, damals acht, war das Stück Seife das Größte in der „Blauen Schule“, dieser Einrichtung, in dem äthiopische Kinder lernen dürfen, die eigentlich das Geld dafür nicht haben. Sie lernten als erstes, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht – wenn es denn etwas zu essen gibt. Denn die Straßenkinder, Nesanet, Molitu oder Hawi, hatten ja beides nicht, die hatten nur die alte Müllkippe und das Abwasser der Limonadenfabrik am ausgetrockneten Fluss.

Wie geht das mit Corona? Es geht nicht. Kaido und auch Bayesh, die beiden Mädchen, die im Videotelefonat eigentlich immerzu lächeln, sie sagen, sie sind einsam geworden, sie vermissen ihre Freunde und vor allem haben sie „große Angst“ vor Covid. „Sie sind sich der Gefahr sehr bewusst“, sagt Dereje vom Kindernothilfe-Partner FSCE, dem das Handy gehört. Aber was soll man ihnen von Hygiene erzählen, im April haben sie angefangen bei den Hilfsorganisationen, den Kindern etwas zu essen zu geben. Und ihnen zu erklären, wie man sich irgendwie schützt vor dem Virus.

Jugendlichen beim Fotoshooting für die sozialen Medien(Quelle: Lorenz Töpperwien)
 Bayesh 2017 in der Schule; inzwischen ist sie 17 Jahre alt (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Kinder von der Straße holen

Gerade die auf der Straße werden angefeindet, sagt Dereje, mehr noch als sonst. Hilfe zum Überleben ist es jetzt, was seine Kollegen machen. Zum Glück kennen sie die Kinder aus den Projekten. Fast 1.000 Heranwachsende, so viele Mädchen unter ihnen, haben Kindernothilfe und FCDE in diesem Sommer erreicht, trotz allem. In die Schutzhäuser und Zentren durften sie sie nicht mehr holen, ein halbes Jahr fast konnten sie nicht mehr arbeiten wie sonst: Kinder auffangen, sie überhaupt erst finden am Busbahnhof und in der Gosse, an ihren Schlafplätzen zwischen Ladenzeilen, wo sie schlafen wie wilde Hunde. Sie in die Schule schicken, sie vor Gewalt und Missbrauch schützen. Dabei, sagt Dereje, sind die Kinder doch „besonders verletzlich“! Sie besuchen sie nun häufiger in den Familien – wenn es überhaupt eine Familie gibt.

Bayesh arbeitet nachts, tagsüber geht sie in die Schule

Die Schulen waren mehr als ein halbes Jahr geschlossen, und trotzdem haben Kaido und Bayesh ihren Abschluss geschafft. Achte Klasse, letzte Woche waren die Prüfungen, sie sind beide Zweitbeste geworden. Man muss sich das mal vorstellen: zwei junge Mädchen, die überhaupt nur in die Schule konnten, weil die Kindernothilfe sie unterstützte, Kaido war schon zehn, als sie zum ersten Mal hinging. Und Bayesh, die macht es noch immer so wie damals, als sie im Gespräch weinen musste, auch weil sie so müde war: Sie läuft zur Schule, eine Stunde lang, weil sie das Geld für ein Tuk-Tuk nicht hat, sie versorgt ihre jüngeren Geschwister, sie kocht – und dann arbeitet sie.

Bis nachts um zwei hat Bayesh, inzwischen 17, ihrer Mutter geholfen, Kaffeebohnen zu sortieren, die guten für den Export, die schlechten für die Einheimischen – eine Aschenputtel-Geschichte. Nur statt des Prinzen kam Corona, die Firma machte zu, die Mutter verlor den Job. Jetzt ist sie Tagelöhnerin, und sie geht putzen, Bayesh hilft, für 200 Birr in der Woche – vier Euro. Und sie will trotzdem weiter zur Schule gehen, in ihrer Freizeit sozusagen, denn sie hat einen Traum: Sie will Ärztin werden.

Videokonferenz mit Kaido, Kindernothilfe-Mitarbeiterinnen und WAZ-Reporterin Annika Fischer (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)
Wackelige Verbindung mit Äthiopien: Kaido, 16, zeigt Deutschland ihre Zeichnungen.  (Quelle: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services)

Kaido wünscht sich Papier zum Malen

Das möchte Kaido auch. Oder Zeichnerin, das eigentlich lieber. So haben wir sie in Erinnerung, immer mit Papier unterm Arm, sie malte schöne, große Frauen in langen Kleidern. Sie hat sie auch diesmal mitgebracht, drückt die Bilder gegen die Handykamera, noch eines und noch eines. Auf anderen Blättern ist Schrift zu erkennen, ein Schulheft? Eine Bitte hat Kaido noch, als das Gespräch schon fast zu Ende ist, sie muss das unbedingt loswerden, obwohl jetzt eigentlich Bayesh dran ist. „Sie sagt“, übersetzt Dereje vom Aramäischen ins Englische, „sie braucht Stifte und Papier, auf dem sie zeichnen kann. Damit sie nicht immer ihr Schulmaterial dafür nehmen muss.“

Kaido, dieses Mädchen aus dem Armenviertel der Stadt Dire Dawa in Äthiopien, weiß gar nicht, wie hübsch sie ist. Denn sie hat gar keinen Spiegel zuhause. Aber sie weiß, dass ihre dunklen, großen Augen strahlen. Sie ist mittlerweile ein Kind im Glück, eine Schülerin sein zu dürfen. Noch vor [...]

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