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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

4. Dezember 2019

Äthiopien: Birhane und ihre Kinder

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein Beispiel dafür, wie der KNH-Selbsthilfegruppen-Ansatz Menschen dabei unterstützt, sich aus eigener Kraft eine Zukunft aufzubauen.

Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)
Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)

Birhane Niguse lebt in Fiche in der äthiopischen Verwaltungsregion Oromia. Nach dem Tod ihrer Schwester nahm sie ihre acht Nichten und Neffen von heute auf morgen mit in die Familie auf. Dabei war das Überleben vorher schon hart genug: Manchmal gab es nicht genug zu essen für alle, als Bett diente der blanke Lehmboden des Hauses und Birhane hatte keinerlei Ersparnisse. Für eine alleinstehende Frau, die in bedrückender Armut lebte, war die Aufnahme von acht Kindern eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

„Licht der Liebe“: Eine Selbsthilfegruppe als Starthilfe

Die Wende kam 2011, als Birhane der Selbsthilfegruppe Birhan Fiker („Licht der Liebe“) beitrat. In der Gemeinschaft mit anderen Frauen, die genauso arm waren wie sie, lernte sie, wie man mit geringen Mitteln ein kleines eigenes Geschäft aufbaut sowie Geld und Kleinkredite verwaltet.

„Ich hatte einen Traum und wusste, dass ich Kraft und Ausdauer habe. Aber erst die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. Dadurch habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen.“

Birhane Niguse

Genau wie die anderen Frauen der Gruppe zahlte sie in regelmäßigen Abständen kleineund kleinste Geldbeträge in die gemeinsame Kasse ein. Aus dieser Kasse werden bei Bedarf Kredite an die Mitglieder ausgezahlt. Ihr erstes Darlehen nahm Birhane gleich 2011 auf. Mit den gerade mal 70 Birr (umgerechnet ca. vier Dollar), füllte sie ihren kleinen Hausladen auf. Der Gewinn, den sie damit machte, ermutigte sie, weitere Kredite aufzunehmen und damit nacheinander drei Kühe zu kaufen. Die Milch verkaufte sie oder verarbeitete sie weiter zu Butter. So erhöhte sie beständig das Familieneinkommen und zahlte die Kredite ohne Probleme zurück. Mit einem weiteren Darlehen kaufte sie Schafe für die Zucht. Mittlerweile sind daraus elf geworden, die mitsamt den Kühen auf Weideland grasen, das sie mit ihrem jüngsten Selbsthilfegruppen-Darlehen erworben hat.

Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)
Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)

Dank Birhanes Erfolg können die Kinder studieren

In den acht Jahren ihrer Mitgliedschaft in der Selbsthilfegruppe hat Birhane sechs Kredite für insgesamt erstaunliche 50.000 Birr (ca. 1.660 Dollar) aufgenommen. Damit konnte sie nicht nur ihren Laden auf Erfolgskurs bringen, mit der Viehhaltung hat sie auch ein neues und gewinnbringendes Geschäftsfeld aufgetan. Vor der Gründung der Selbsthilfegruppe wäre das nicht möglich gewesen. Da waren die Dorfbewohner gezwungen, Kredite von einem lokalen Geldverleiher aufzunehmen, der Wucherzinsen von bis zu 15 Prozent verlangte.

Heute ist Birhane Sekretärin ihrer Selbsthilfegruppe und strahlt das Vertrauen aus, das die finanzielle Sicherheit bietet. Weil sie so erfolgreich gewirtschaftet hat, lebt sie in einem renovierten Haus (einschließlich Kühlschrank) und kann ihrer Familie Lebensbedingungen bieten, von denen sie vorher nicht einmal zu träumen wagte.

Das Wichtigste ist jedoch für sie, dass ihre Nichten und Neffen jetzt eine gute Schulbildung erhalten und sogar studieren können. Sie kann es sich sogar leisten, ein wenig zu feiern: Kürzlich verkaufte sie eine ihrer Kühe, um damit das Fest für den Universitätsabschluss ihrer Nichte zu bezahlen. Dafür ist sie sehr dankbar.

„Das alles habe ich der Selbsthilfegruppe zu verdanken!“

Birhane Niguse

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein B[...]

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27. November 2019

Haiti: Überleben als heroischer Akt

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview.

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen auf dem Subkontinent erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie seit den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gegeben hat: Unruhen und Massenproteste in Bolivien, Chile, Venezuela, Honduras, Nicaragua, Puerto Rico, Ecuador, Peru – zuletzt Kolumbien – und eben Haiti. So unterschiedlich die jeweiligen Ursachen sind – Wut über extreme Ungleichheit, Empörung gegenüber schamloser, systemischer Korruption und Machtmissbrauch, bis hin zum offenen Verfassungsbruch, Protest gegen exzessive Polizeigewalt und die Verweigerung politischer Rechte –, so verheerend sind die Folgen für die direkt betroffenen Menschen, die Auswirkungen vor allem auch auf den Alltag von Kindern. In keinem lateinamerikanischen Land stellt sich die Lage dabei so katastrophal dar wie in Haiti – und gibt es gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit.

In Haiti reißen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident Jovenel Moïse nicht ab, bei denen es im Kern um die Anschuldigung geht, dass er, seine Leute und sein Vorgänger Martelli Hunderte Millionen US-Dollar aus dem Petrocaribe-Hilfsfonds unterschlagen haben. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass bereits über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da, ihren Alltag zu hinzubekommen?

Caridade: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu Essen zu kommen, irgendwie Wasserflaschen zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden… Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fußgänger beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen - wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)
Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen – wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt, das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250.000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt „Matthew“ Ende September 2016. Jedes Mal haben sich die Haitianerinnen und Haitianer gegen die Zerstörungen und die Hoffnungslosigkeit aufgebäumt. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Caridade: Das Erdbeben von vor zehn Jahren zerstörte Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Und auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt ist es das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen, das leidet. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgendwo mehr funktionieren die Strukturen. Die Straßenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

Was ist dabei das größte Problem?

Caridade: Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet, die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Straßen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil – wiegesagt – die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert.

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Caridade: Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die seit Anfang September zu beklagen sind, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt und stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)

Die UN haben im Oktober 2017 die Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat…

Caridade: Das sehen wir auch so! Es zirkulieren große Mengen Waffen im Land. Und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebrachte haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem, die daran beteiligt sind, die Menschen an den Straßenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung von Jovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber Niemandem rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6097 Frauen in 314 Gruppen und – konservativ gerechnet – mindestens 11.300 Kindern – das von seiner Reichweite her größte Kindernothilfe-Projekt in Haiti. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Caridade: Natürlich ist an ein normales Funktionieren der „groupes d’entraides“ – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen größeren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert und versuchen, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilfte ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)
Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilft ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Caridade: Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber ein Problem besteht derzeit darin, dass ja in allen Gruppen und den 15 „Cluster Level Associations“ (CLAs) mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht große Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch, das heißt, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, sind weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig – wie irgend möglich – weiter zu treffen.

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Graswurzel-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Caridade: Doch, genau darum geht es! Die „groupes d’entraides“ schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs, das Alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive: Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.

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Marie Caridade Valcourt ist Haitianerin, von ihrer ersten Ausbildung her Sozialarbeiterin, mit einem Masterstudium in Strategie-Management und nachhaltiger Entwicklung. Seit sechs Jahren koordiniert sie das Kindernothilfe-Selbsthilfe-Gruppen-Programm in Haiti (84993) und ist in dieser Funktion Teil des KNH-Haiti-Teams in Port-au-Prince. Seit dem Start des SHG-Programms in dem Karibikstaat 2011 haben die Frauen aus den 314 Gruppen ein Kapital von 183.905 Euro aufgebaut – und Darlehen über 476.150,00 Euro vergeben.

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview. [...]

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Macht Schule in Pakistan Spaß?

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreicht.

Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: Sparc)
Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: SPARC)

„Hey, Mariam, nimm mich mit, ich möchte auch schaukeln!“ Ayesha und Mariam stürmen aus dem Schulgebäude der Mädchenschule Gheba in Haripur, einer Stadt in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Sie ist eine von 60 pakistanischen Volksschulen, die am Programm „Learning is fun“ (Lernen macht Spaß) teilnehmen. Seit vier Jahren engagiert sich die pakistanische Organisation SPARC (Society for the Protection of the Rights of the Child) im Nordwesten Pakistans, um die Schulsituation an den Volksschulen zu verbessern und eine kinderfreundliche Lernumgebung zu schaffen. „Früher sind wir nicht gerne in die Schule gegangen“, berichten Mariam und Ayesha. „Die Lehrer haben uns angeschrien, der Unterricht war langweilig, und wir hatten kaum Bücher.“

Abwechslungsreicher, kinderfreundlicher Unterricht

Die Situation im Bildungsbereich in Pakistan ist prekär: Nur 41 Prozent der Kinder im Volksschulalter gehen auch tatsächlich in die Schule, Mangel an qualifizierten Lehrern, unzureichendes Lehrmaterial und die Benachteiligung von Mädchen kennzeichnen das Bildungssystem. Durch das Engagement von SPARC haben die Lehrer alternative Lehrmethoden kennengelernt und wissen, dass es auch ohne Gewaltanwendung möglich ist, die Schüler zur Ordnung zu rufen und den Lernstoff zu vermitteln. Schulungen und regelmäßige Beratungen durch die Mitarbeiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation bilden die Grundlage für die Lehrer, ihren Unterricht abwechslungsreicher und kinderfreundlich zu gestalten. Als Hilfestellung wurde etwa ein Zusatzmodul für die Lehrerausbildung entwickelt – es leitet die Pädagogen an, wie sie die Mädchen und Buben verstärkt in die Unterrichtsgestaltung einbinden und das Unterrichtsklima verbessern können. Auch kreative Ideen und Anregungen zur Gestaltung einzelner Unterrichtsstunden werden vermittelt. „Anfangs war es sehr ungewohnt, dass wir Kinder das Material für den Unterricht selbst mitgestalten können“, erläutert Mariam. „Manchmal spielen wir auch Theater und machen Sketche, um Dinge zu lernen und besser zu verstehen.“

Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor
Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor

Zur Verbesserung der Schulsituation ist auch eine entsprechende Infrastruktur erforderlich. So hat SPARC alle 60 Projektschulen besucht und aufgelistet, was bei der Ausstattung noch fehlt. Nach drei Jahren verfügen nun alle Schulen über eine ausreichende Anzahl an Tischen und Bänken, die Klassenräume sind mit Material ausgestattet. Zeichenfiguren lachen die Schüler von den gestrichenen Wänden an. Es stehen Trinkwasser und Toiletten zur Verfügung. Das Größte für die Kinder aber ist der Schulhof: Wippe, Schaukel und andere Kleingeräte machen die Pausen zum Highlight der Schultage.

Herausforderung „Gewaltfreies Unterrichtsmodel“

Auch für die Lehrer war die Umstellung anfangs eine Herausforderung, wie die Programm-Koordinatorin Asiya Arif berichtet. „Insbesondere den älteren Lehrern ist es schwergefallen, sich auf diese Veränderungen einzulassen. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie sie Kinder erziehen sollen, ohne ihnen zu drohen und sie auch gelegentlich zu schlagen.“ Inzwischen wird das gewaltfreie Unterrichtsmodell gut angenommen und kommt auch bei den Eltern gut an. In Eltern-Lehrer-Komitees unterstützen sie die Lehrer und engagieren sich in der Schule. Dazu gehört auch der Umgang mit Beschwerden. Gesammelt werden diese in jeder Schule in einer Beschwerde-Box, die zentral im Schulgebäude angebracht ist. Sie wird regelmäßig geleert, und die Fälle werden vom Komitee diskutiert. Lehrer, Eltern und Schüler sprechen anschließend über Maßnahmen, die zur Verbesserung der Situation führen sollen.
Kommt es zu Meldungen über die Verletzung von Kinderrechten, hilft SPARC bei der Aufklärung, unterstützt das Opfer und dessen Familie und leistet Rechtsbeihilfe. Durch die Schulungen der Lehrer ist die Zahl der Gewaltanwendungen in den Projektschulen erfreulicherweise rückläufig, wie die soeben durchgeführte Evaluierung des Projektes bestätigt. Lehrer jedoch, die noch nicht mit dem neuen Unterrichtsmodell vertraut sind, neigen weiterhin dazu, Gewalt anzuwenden.

Der Erfolg gibt ihnen Recht

Pakistan: Schule macht Spaß! (Foto: Sparc)
Pakistan: „Lernen macht Spaß“ (Foto: SPARC)

Es hat sich unter den Eltern herumgesprochen, dass die 60 Schulen in den Distrikten Haripur und Abbottabad kinderfreundlicher geworden sind. Dies wird vor allem auch deutlich an der Steigerung der Einschulungsquoten um durchschnittlich zehn bis 30 Prozent im Vergleich zum Projektbeginn vor vier Jahren. Davon profitieren insbesondere die Mädchen. 2017 wurden mit 1.248 Schülerinnen fünfmal so viele Mädchen eingeschult wie 2014 mit 256 Einschulungen. Das Projekt „Lernen macht Spaß“ leistet so einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildungssituation in der politisch instabilen Region, und die gute Kooperation des pakistanischen Partners der Kindernothilfe mit den regionalen Bildungsministerien stellt auch nach dem Ende des Projektes seine Nachhaltigkeit sicher.

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreich[...]

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Von Fahrrädern, Kühen und Bananen: Ein „Reisebericht“ aus Ruanda

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben sie aus eigener Kraft ihr Leben nachhaltig verändert. Fünf Erfolgsgeschichten aus Ruanda.

Das Fahrrad sieht nicht so aus, als könnte es noch einen Meter weit fahren. Verrostete Räder und Kette, fehlender Sitz, mit Ersatzteilen ergänzte Lenker. „Ich kann alles reparieren“, lacht Gilbert mit Blick auf den alten Drahtesel, der vor ihm im Sand lehnt. Nur 15 Minuten später steigt der 18-jährige Fahrradmechaniker auf das Rad auf und fährt einige Runden vor der neugierigen Zuschauermenge, stolz und demonstrativ. Er hat bewiesen, dass er sein Handwerk versteht.

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)
Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Noch vor einigen Monaten konnte Gilbert keine Fahrräder reparieren. Er hatte auch sonst nicht viel zu tun, trieb sich auf den Straßen herum, bettelnd und immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. „Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen“, bedauert der 18-Jährige. „Ich konnte mir auch kein Gewand kaufen, da ich gar kein Geld hatte.“ Doch im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts nahm der Jugendliche – so wie hunderte andere arbeitslose Schulabbrecher in seiner Gemeinde im ländlichen Süden Ruandas – an so genannten Community Based Trainings teil. An Schulungen für Jugendliche, die sich an den lokalen Bedürfnissen in den jeweiligen Gemeinden orientieren. Soll heißen: Die Dorfbewohner überlegen und definieren gemeinsam mit den Projektverantwortlichen, welche Berufsgruppen in ihrer Region fehlen und besonders nachgefragt sind. Friseure, Schneider, Bäcker oder eben Fahrradmechaniker. Ein solches Training ist oft die einzige Chance für die Schulabbrecher, jemals gut für sich selbst und ihre Familien sorgen zu können.

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: "Ich kann alles reparieren!" (Foto: Kindernothilfe)
Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: „Ich kann alles reparieren!“ (Foto: Kindernothilfe)

Gilbert lernte, Fahrräder zu reparieren – die wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel in Ruanda. Mittlerweile betreibt er mit vier anderen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren einen eigenen Stand auf dem Marktplatz. Jeder hat sich sein eigenes Werkzeug angeschafft, hat eigene Ersatzteile und repariert auch – bei Bedarf – andernorts. Doch beim Marktstand, das wissen auch die Bewohner der Gemeinde, ist immer jemand anzutreffen, der einen noch so lädierten Drahtesel wieder fahrtüchtig machen kann. Seine neue, farbenfrohe Hose, die er mit dem selbstverdienten Geld angeschafft hat, präsentiert Gilbert jedenfalls mit großem Stolz.

Schulabbrecher haben wieder Hoffnung

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)
Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Einmal ums Eck, in einem unscheinbaren Innenhof, werden gerade Mandazi-Brötchen gebacken. Dieses Krapfen-ähnliche Gebäck wird in ganz Ruanda gerne gegessen. Auch hier sind jugendliche Schulabbrecher am Werk, deren Ausbildung im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts finanziert wurde. In Riesenschüsseln wird der Teig gerührt, geknetet, ausgerollt, dann zu kleinen Täschchen geformt und in reichlich Fett über der offenen Feuerstelle herausfrittiert. 100 Brötchen pro Tag können die Mädchen und Buben pro Tag ab Hof verkaufen – was einem Einkommen von 10.000 Ruanda-Franc (umgerechnet rund 10 Euro) entspricht. Einen Teil davon darf jeder der Bäcker selbst behalten, der Rest wird in Öl, Mehl, Germ, Zucker und Backpulver reinvestiert oder gespart. „Hier habe ich eine neue Familie gefunden“, erzählt Patrick, einer der Mandazi-Bäcker. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Bettelei und Kriminalität waren für das Straßenkind bisher traurige Realität. „Mit meinem neuen Können aber bin ich sicher, dass ich eine gute Zukunft mit einem regelmäßigen Einkommen vor mir habe.“ Schon bald wollen sich Patrick und die übrigen Mandazi-Profis des kleinen Hinterhofs eine bessere Ausstattung an Töpfen und Schüsseln leisten. Denn bisher wird noch mit den von den Frauen der Selbsthilfegruppen der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kochutensilien gearbeitet.

Verbesserungen für alle

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)
Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)
Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)
Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Apropos Selbsthilfegruppen: Mehr als 400 solcher Gruppen wurden im Rahmen des Projekts allein in den vergangenen zwei Jahren in der Region rund um Huye im südlichen Ruanda gegründet. Tausende Frauen treffen sich in Gruppen zu je 15 bis 20 Mitgliedern wöchentlich, um gemeinsam zu sparen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten – in den ersten Monaten noch angeleitet von Mitarbeitern des Kindernothilfe-Projektpartners AEE. Die Liste der Erfolge, von denen die Selbsthilfegruppen berichten können, ist beeindruckend: So besitzen die Frauen nun fast alle einen eigenen Küchengarten, wodurch sich die Abhängigkeit von Einkäufen auf dem Markt verringert und die Ernährungssituation der Kinder deutlich verbessert hat. Für alle Mitglieder der Selbsthilfegruppen wurden mit dem gemeinsam gesparten Geld Matratzen angeschafft – „wir schlafen jetzt viel besser. Und hygienischer ist es auch, als am Boden zu liegen“, lacht Delphine.

Bei ihrem kleinen Häuschen führt die dreifache Mutter aber als erstes zu ihrem ganzen Stolz: einer Kuh. Denn: „Wer eine Kuh hat, der ist reich.“ Mit Hilfe eines Kredits der Selbsthilfegruppe hat Delphine die Kuh bezahlt, bereits zwei Mal konnte sie Kälber auf dem Markt verkaufen – das Geld ist längst zurückgezahlt. Sechs Liter können morgens, vier abends gemolken werden, erzählt Delphine, den Großteil davon verkauft sie auf dem Markt. „Und meine Kinder haben nun täglich Milch zu trinken und bekommen Milchbrei zu essen.“

Mit Getreidesaft zum Stromanschluss

Huye, Ruanda: Geschäftsidee "Sorghumhirse-Saft" (Foto: Kindernothilfe)
Huye, Ruanda: Geschäftsidee „Sorghumhirse-Saft“ (Foto: Kindernothilfe)

Nicht mit Milch, sondern mit Getreidesaft verdient Francoise ihr Geld. Die Grundlage ihrer Geschäftsidee lagert prominent inmitten ihres neuen, Lehm-verputzten Hauses. Bis oben gefüllt ist der Getreidesack – mit getrockneter Sorghumhirse. Gepresst ergibt die Hirse einen gerne getrunkenen Saft, den Francoise an Markttagen verkauft. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die zweifache Mutter in einer der Selbsthilfegruppen mit, hätte selbst nicht gedacht, wie sehr sich in so kurzer Zeit ihr Leben verändern kann, erzählt sie. „Früher habe ich mich geniert, Besucher zu empfangen, jetzt freue ich mich, unser Haus herzuzeigen“, verrät Francoise.

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: "Endlich Strom!" (Foto: Kindernothilfe)
Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: „Endlich Strom!“ (Foto: Kindernothilfe)

Vier Räume umfasst das Haus, verfügt über getrennte Schlafräume sowie einen Eingangs- und Wohnbereich mit Sitzecke. Zu fünft wohnen sie hier, ihr Mann, ihre beiden Söhne, sie selbst und ihre Mutter. Ihr ganzer Stolz aber ist der Anschluss ans Stromnetz – mit Licht können ihre beiden Buben nun auch abends Hausaufgaben machen und lernen. Francoises Traum ist es nun, nach und nach das Haus zu möblieren.

Aus fünf Bananenstauden wurden 800

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)
Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Von neuen Möbeln kann Mediatrice bereits berichten. Stolz sitzt sie auf den Pölstern ihrer neuen Sitzbank im Eingangsbereich des kleinen Hauses mit der grünen Tür. Die Selbsthilfegruppe habe ihr Leben verändert, erzählt die 46-Jährige. Woran zuerst niemand so recht glauben wollte, am wenigsten ihr Ehemann. „Wir sind nicht mehr die jüngsten, haben unser ganzes Leben in Armut gelebt. Da ist es schwer zu glauben, dass sich etwas ändern könnte.“ Aber in Wirklichkeit, und das habe die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ihr gezeigt, „braucht dir niemand Geld zu geben. Das Geld liegt in deinem Können. Du muss deine Stärken nur einsetzen“, spricht Mediatrice ein Plädoyer für die Hilfe zur Selbsthilfe.

Kigali, Ruanda: Mediatrice' Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)
Kigali, Ruanda: Mediatrice‘ Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe))

Begonnen hat alles mit fünf Bananenpflanzen vor ihrem Häuschen und einigen Schulungen, wie Bananen am besten zu kultivieren sind. Groß und gesund wuchern mittlerweile 800 Stauden in Mediatrices Garten, liebevoll gepflegt von ihr und ihrem Ehemann, der bald selbst gesehen hat, wie sich auch das eigene Leben durch die Treffen der Frauen in den Gruppen verändern kann. Zuletzt wurde ihr Feld zur führenden Bananenplantage der gesamten Region ausgezeichnet, erzählt die achtfache Mutter. Ihr Mann unterstütze sie sehr, sei auch immer wieder in der gesamten Region unterwegs, um Schulungen zu Bananenanbau abzuhalten. Und ihre Bananensetzlinge- und samen werden von der ganzen Gemeinde gerne gekauft. Für die eigene Ernte müsse man inzwischen sogar externe Feldarbeiter beschäftigen, so umfangreich sei diese inzwischen.
Mit dem erwirtschafteten Geld aus dem Verkauf der reifen Bananen konnte die Familie ihr viel zu kleines Haus erst erweitern, dann ans Stromnetz anschließen. Mittlerweile gehen alle der acht Kinder in die Schule, ihr ältester Sohn habe bereits die Universität abgeschlossen, berichtet Mediatrice stolz. „Wenn alle Kinder einen Uni-Abschluss haben, werden wir unser Haus richtig schön einrichten“, so ihr Traum. Priorität aber, und das habe sie im Laufe ihres Engagements bei der Selbsthilfegruppe gelernt, hat eindeutig die Schulbildung ihrer Kinder.

„Unsere Denkweise hat sich extrem verändert, die Selbsthilfegruppen haben das Leben der gesamten Gemeinde verändert“, bringt das Gruppenmitglied die Erfolge des Projekts auf den Punkt. „Wir wissen jetzt, wie man spart, sich Ziele setzt und diese auch erreicht“, betont Mediatrice. „Und wir versuchen nicht mehr alleine, jeder für sich, den Alltag zu meistern. Sondern wir lernen voneinander, helfen einander. Und verbessern Tag für Tag und immer ein Stückchen mehr unsere Zukunft.“

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben [...]

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Boliviens vergessene Kinder

Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)
Cerro Rico, der „reichen Berg“ im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Eingang zu den Minen gibt Hoffnung – auf Bildung und Berufsaussichten jenseits des Teufelsbergs.

Rumpelnd schiebt sich der große Lastwagen entlang der engen Serpentinenstraße von Potosí hinab, Kurve um Kurve, voll beladen mit den eben aus der Mine geholten Steinen. Zinn und Blei werden hauptsächlich abgebaut, hier, im Cerro Rico, dem „reichen Berg“ in Boliviens Hochland. Immer wieder fallen größere und kleinere Steine von der Ladefläche des LKWs herab, zu den Füßen der am Straßenrand hockenden Frauen, Mädchen, Kinder. Genau auf diese Steine warten sie, sammeln sie auf und klopfen sie zu kleineren Stücken – um die Mineralien weiter zu verkaufen und sich so ein kleines Zubrot zu verdienen.

„Parilli“ werden sie genannt, die Steinesammlerinnen. Es sind die Frauen und Mädchen der umliegenden Dörfer, die auf diese Weise versuchen, das Einkommen der Männer und jungen Burschen, die in den Minen arbeiten, zu unterstützen. Denn die Arbeitsbedingungen in den Minen sind so gesundheitsschädlich – Hitze bis zu 40 Grad, schädlicher Kiesstaub und giftige Arsendämpfe, Verschüttungsgefahr durch Bergrutsche und Sprengungen -, dass schon junge Familienväter oft so krank und arbeitsunfähig sind, dass sie auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen sind.

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

„Mein Vater ist in der Mine gestorben“, erzählt die 25-jährige Hanna, die gerade mit ihrer Mutter gemeinsam die Mineralien neben der Mine aufklaubt. Seit sechs Jahren schon arbeiten beide als „Parilli“, Hanna nur noch zeitweise, um ihrer Mutter zu helfen, die beiden kleineren Brüder zu versorgen. Eigentlich studiert Hanna schon seit einiger Zeit, will bald ihren Abschluss machen. Um dann jenseits des Cerro Rico nach einer Arbeit zu suchen.

Zumindest schuften keine kleinen Kinder mehr in den Minen – eine Errungenschaft der Kindernothilfe, die sich hier, in der Hochebene Boliviens, seit vielen Jahren gegen ausbeuterische Kinderarbeit stark macht. Direkt an den Minen wurde gemeinsam mit dem lokalen Projektpartner PASOCAP ein Förderzentrum errichtet, in dem 300 Bergbauernkindern medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Schulbildung ermöglicht werden. Auch Hanna ist hier jahrelang ein und aus gegangen, hat ihre Schulbildung nachgeholt, an Förderunterricht, Workshops und Freizeitaktivitäten teilgenommen. Und vor allem eines gelernt: es gibt eine Zukunft jenseits des Cerro Rico, jenseits des Teufelsbergs, wie er längst von den Einwohnern genannt wird.

„Teuflische“ Arbeit

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)
Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Am Eingang jeder Mine steht eine Teufelsstatue. Um sie zu noch mehr Arbeit anzustacheln, erzählten die Spanier, die im 16. Jahrhundert auch Bolivien beherrschten, den Einheimischen, dass im Cerro Rico der Teufel wohnt, der sich ärgert, falls zu wenig Silber abgebaut wird.

Silber gibt es hier heute keines mehr, auch nicht den Reichtum der Stadt aus vergangenen Tagen – die spanischen Kolonialherren hatten die Schätze nach Europa verschifft. Doch die Teufelsstatuen werden von den Minenarbeitern noch immer täglich mit Kokablättern und Tabak versorgt, um den Cerro sanftmütig zu stimmen.

Vom „Sanftmut“ des Teufelsbergs weiß die 18-jährige Izabela nichts zu berichten. „Mein Papa hatte in der Mine einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in den Schacht hinein und ihn suchen. Die Luft dort drinnen ist furchtbar“, erinnert sich die Jugendliche mit Schaudern. „Aber ich kannte die Mine ja schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe.“

Schon mit sechs Jahren musste Izabela zum Familieneinkommen beitragen. „Denn mein Papa wurde durch die Arbeit in den Minen sehr krank und wir hatten kein Geld mehr. So half ich schon als kleines Mädchen meiner Mutter, Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.“ Doch trotz der Arbeit besuchte Izabela schon von klein auf das Kindernothilfeprojekt, arbeitet nun nur noch Teilzeit in einer Konditorei. Und hat für ihre Zukunft große Pläne: „Ich möchte Astronautin werden. Das ist zwar schwierig in Bolivien, aber man kann alles schaffen, was man will.“

Neue Chancen durch Bildung

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Dieser Meinung ist auch ihre Freundin Cindy. „Das Projekt hat mein Leben sehr stark verändert, es ist wie ein Türöffner, mit dem ich entdecken kann, was es noch gibt, was ich noch sein kann.“ Anfangs hatte die heute 18-Jährige noch Schwierigkeiten, sich im Förderzentrum einzugewöhnen. „Ich war es nicht gewohnt, Freundinnen zu haben oder im Speisesaal zu essen. Meine Mama hat selbst nur drei Schulstufen absolviert und war nicht überzeugt von der Notwendigkeit einer Ausbildung“, bringt Cindy das Hauptproblem der ärmsten Familien auf den Punkt. Die Eltern selbst erkennen meist nicht die Bedeutung von Bildung – auch sie können oft weder Lesen, noch Schreiben. „Nach und nach aber wurde ich motiviert, an Workshops teilzunehmen. Mittlerweile habe ich drei Ausbildungen gemacht“, erzählt das junge Mädchen. Sie verdient sich nun ein Zubrot mit der Wartung von Computern und der Reparatur von Handys – Fertigkeiten, die ihr im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts vermittelt wurden. Nicht zuletzt deshalb ist auch der Name des Projektes so passend: „Yachaj Mosoj“ heißt es, was so viel bedeutet wie „neues Wissen“.

Schulungen für Eltern

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)
Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Geschult werden auch die Eltern, vor allem die Mütter. „Die Väter erreicht man schwer, sie arbeiten Tag und Nacht in den Minen“, seufzt Projektkoordinatorin Margarita. Gewaltprävention, Erziehungstipps, Hygiene, Frauenkrankheiten und gesunde Ernährung sind die Themen, die Hunderten Müttern in Fortbildungen nähergebracht werden. Es sei sehr wichtig, die Eltern in die Projektarbeit mit einzubeziehen, sei es eben durch Kurse, Hausbesuche oder auch durch Mitarbeit im Förderzentrum, erklärt die Projektmitarbeiterin. Denn erst durch die Teilnahme an Maßnahmen erkennen die Mütter, warum das Projekt für ihre Kinder so enorm wichtig ist.

Für die warmen Mahlzeiten im Kindernothilfe-Zentrum sind daher auch die Mütter verantwortlich: Sie gehen mit den Mitarbeitern zum Markt, kaufen dort ausgewogene Lebensmittel und bereiten sie gemeinsam für das Mittagessen im Zentrum zu. Selbst Väter lassen sich hier hin und wieder blicken, um beim Kochen zu helfen. „Generell ist es aber leider sehr schwierig, die Väter mit einzubeziehen. Wir versuchen das auch über Workshops. Denn das Thema häusliche Gewalt ist immer noch ein sehr großes“, weiß die Projektkoordinatorin. Hier müsse man vor allem die Väter zum Umdenken bewegen.

Ein Umdenken, das von so großer Bedeutung für die Zukunft der Bergarbeiterkinder in Potosí sei, wie auch Cindy zum Abschluss noch einmal betonen möchte: „Es gibt noch so viele bedürftige Kinder hier. Projekte wie dieses dürfen nicht enden. Ich bin hier bald raus, aber es gibt noch so viele Kinder, die diese Hilfe brauchen!“

Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe) Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und [...]

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