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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

4. Juni 2020

SDGs sind relevanter als je zuvor

Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, Präsident der Republik Ghana, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg zeigen die Bedeutung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) in Zeiten der Corona-Pandemie auf.

SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen Foto: Welthaus Bielefeld)
SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Foto: Welthaus Bielefeld)

Unsere heutige Welt hat es mit einer Krise von monumentalem Ausmaß zu tun. Das aggressive, neuartige Coronavirus verursacht weltweit Chaos, zerstört Leben und entzieht Existenzgrundlagen. Der unmittelbaren Preis der Pandemie, der Verlust von Menschenleben, ist erschreckend. Die langfristigen Auswirkungen auf Weltwirtschaft, individuelle Lebensbedingungen und nachhaltige Entwicklung sind jedoch nicht weniger alarmierend. Der Internationale Währungsfonds geht von einer globalen Rezession aus, und obwohl das Gesamtausmaß der ökonomischen Folgen der Krise derzeit noch schwer vorherzusagen ist, gehen vorläufige Schätzungen bereits jetzt von 2 Billionen US-Dollar aus.

Durch die Corona-Pandemie wurden grundlegende Schwächen in unserem globalen System aufgedeckt und schonungslos aufgezeigt, wie die Verbreitung von Armut, schwache Gesundheitssysteme, mangelnde Bildung und vor allem suboptimale globale Zusammenarbeit eine Krise noch weiter verschärfen. Wenn jemals Zweifel bestand, dass es gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen gilt, hat die aktuelle Pandemie diesen mit Sicherheit zerstreut. Im Gegenteil, sie hat die dringende Notwendigkeit globaler Maßnahmen in den Vordergrund gerückt, um die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, unseren Planeten zu schützen und eine gerechtere und sicherere Welt aufzubauen. Schließlich sind wir in einer solchen Krise nur so stark wie das schwächste Glied.

Darum geht es in den SDGs, dem globalen Grundsatzpapier zur Beendigung von Armut, zum Schutz unseres Planeten und zur Sicherung von Wohlstand. Doch der plötzliche Schock durch das neuartige Coronavirus hat das Engagement der einzelnen Staaten, ihre Umsetzung voranzutreiben, in den Hintergrund gedrängt.

Jetzt, wo die Welt mit der Eindämmung des Virus und seiner verheerenden Folgen konfrontiert ist, definieren die Länder ihre Prioritäten neu und verteilen Ressourcen zugunsten der Pandemie-Bekämpfung um. Denn aktuell geht es vorrangig darum, Leben zu retten und in diesem Sinne der Forderung der Vereinten Nationen nach unmittelbarer Stärkung der Gesundheitssysteme nachzukommen. Nur durch ein globales, gemeinsames Engagement können die weitere Ausbreitung des Virus unterdrückt, die Pandemie eingedämmt und die Menschen, insbesondere die gefährdeten Gruppen der Frauen, Kinder und Jugendlichen und Niedriglohnarbeiter, geschützt und die Weltwirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Was wir uns aber auch in diesen entscheidenden Zeiten nicht leisten können, ist der Abzug von Ressourcen von vorrangigen SDG-Maßnahmen und eine Entkoppelung der Reaktion auf die Pandemie von diesen. Denn die Umsetzung der SDGs ist langfristig für eine solide Grundlage und einen gerüsteten Umgang mit globalen Gesundheitsrisiken und neu auftretenden Infektionskrankheiten essentiell. Das Erreichen des Nachhaltigen Entwicklungszieles Nummer 3 zielt auf die Stärkung der Fähigkeit der einzelnen Länder zu Frühwarnung, Risikominderung und Management nationaler und globaler Gesundheitsrisiken ab. Diese Pandemie hat die Krise in den globalen Gesundheitssystemen offensichtlich aufgedeckt. Und obwohl es die Aussichten für eine globale Gesundheit bis 2030 ernsthaft untergräbt, hat es kritisch weitreichende Auswirkungen auf alle anderen SDGs. Die sich abzeichnenden Beweise für die breiteren Auswirkungen der Krise auf unser Streben nach Erreichung der SDGs müssen für alle beunruhigend sein. Die UNESCO schätzt, dass rund 1,25 Milliarden Studenten von dieser Pandemie betroffen sind, was eine ernsthafte Herausforderung für die Erreichung des SDG-Ziels 4 darstellt. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) könnten rund 25 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie informell beschäftigt sind und während dieser Pandemie am meisten unter mangelndem Sozialschutz leiden.

Es ist zu befürchten, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. In vielen Teilen der Welt werden die Pandemie und ihre Auswirkungen durch mangelndes sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen (SDG-Ziel 6), schwaches Wirtschaftswachstum und unzureichend menschenwürdige Arbeitsplätze (SDG-Ziel 8), Ungleichheiten (SDGs Ziel 10) und vor allem Armut (SDGs Ziel 1) und Ernährungssicherheit (Ziel 2) verschärft. Die Weltbank schätzt, dass die Krise zusätzlich rund 11 Millionen Menschen in die Armut treiben wird.

Während sich unsere Welt bemüht, den Herausforderungen der Pandemie Stand zu halten, sollten wir die Krise als Chance nutzen und die zur Erreichung der SDGs erforderlichen Maßnahmen vorantreiben. Die Solidarität und die Bereitschaft zu schnellen, effektiven Schritten, die wir in der aktuellen Situation beobachten können, müssen auch bei der Umsetzung der Ziele zum Tragen kommen. Die Konjunktur- und Entschädigungspaketen, die zur Bewältigung der Pandemie zur Verfügung gestellt werden, machen deutlich, dass die Welt, wenn es wirklich darauf ankommt, über die Ressourcen verfügt, um brennende und existenzielle Probleme zu bewältigen. Die SDGs sind eine solche Aufgabe. Was dringend benötigt wird, ist ein verstärkter politischer Wille und Engagement, denn Wissen, Kapazität und Innovation sind vorhanden. Wenn wir ehrgeizig genug sind, können wir alle Ressourcen aufbringen, die für die erfolgreiche Umsetzung der Ziele erforderlich sind.

Dank des Solidaritätsgeistes konnten Regierungen, Unternehmen, multilaterale Organisationen und die Zivilgesellschaft in kürzester Zeit Milliarden und in einigen Fällen Billionen aufbringen, um die Bemühungen zur Bekämpfung dieser Pandemie zu unterstützen. Wenn wir dem Kampf gegen Armut, Hunger, Klimawandel und allen anderen Zielen die gleiche Bedeutung und Dringlichkeit beimessen, sind wir für den Erfolg dieser SDG-Dekade gut gerüstet. In unserem Versuch, auf die Folgen dieser brutalen Pandemie zu meistern und den globalen Wohlstand wiederherzustellen, müssen wir uns darauf konzentrieren, die zugrunde liegenden Faktoren im Kontext der Ziele für nachhaltige Entwicklung anzugehen. Obwohl einige bereits erzielte SDG-Fortschritte durch die aktuelle Situation gelitten haben, darf das weltweite Engagement nicht beeinträchtigt werden. Ganz im Gegenteil sollten sich die Bemühungen der Staatengemeinschaft beschleunigen und vertiefen, um sich besser zu erholen und eine gesündere, sicherere, gerechtere und wohlhabendere Welt aufzubauen, die zur Vermeidung künftiger Pandemien erforderlich ist.

* Nana Addo Dankwa Akufo-Addo ist Präsident der Republik Ghana und Co-Vorsitzender der Eminent Group of Advocates des UN-Generalsekretärs für Nachhaltige Entwicklunsgziele. Erna Solberg ist norwegische Premierministerin und Co-Vorsitzende der Eminent Group des UN-Generalsekretärs von Anwälten für Nachhaltige ENtwicklungsziele.

Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, Präsident der Republik Ghana, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg zeigen die Bedeutung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) in Zeiten der Corona-Pandemie auf. SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Foto: Welthaus Bielef[...]

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29. Mai 2020

Corona in Chile – Die Pandemie läuft aus dem Ruder

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierenden sozialen und ökomischen Folgen der Pandemie auseinandersetzen, steht den Menschen in Lateinamerika der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem gefährlichen Virus erst noch bevor. Scheinbar unaufhaltsam entwickelt sich der Subkontinent zum weltweit gefährlichsten Corona-Krisenherd. Das Epizentrum ist dabei ganz eindeutig Brasilien mit (Stand 28.05.2020) bereits 414.661 positiv auf Covid-19 Getestete, 25.697 Menschen sind an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Das am zweitheftigsten betroffene Land auf dem Subkontinent ist Peru (135.905 Infizierte, 3.983 Tote), gefolgt von Chile (82.289 Infizierte, 841 Verstorbene), Mexiko (78.023 bestätigte Infizierte, 8.597 Todesfälle), und schließlich Ecuador (38.103 Infizierte, 3.275 Tote). Am Beispiel des Kindernothilfe-Partnerlands Chile wird deutlich, welche verheerenden, existenzbedrohenden Auswirkungen die Pandemie für die Menschen in den Armenvierteln, für die Demokratiebewegung im Land und das Ringen der Zivilgesellschaft um einen neuen Verfassungsrahmen –  sowie für die Kinderrechte hat.

Corona Grafik aus Santiago de Chile
Corona Grafik aus Santiago de Chile

Darüber sprachen wir mit José Horacio Wood, dem Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Koordinationsstruktur Fundación ANIDE. Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.

Kindernothilfe: Die verzweifelten Hunger-Proteste der Menschen aus Armenvierteln im Süden von Santiago haben es in der zurückliegenden Woche sogar in die Abendnachrichten in Europa geschafft. Wie konnte es zu einer solchen Zuspitzung der Krise kommen?

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger all die Strukturprobleme, mit denen die chilenische Gesellschaft seit dem Ende des Pinochet-Regimes kämpft und die in der Endphase des vergangenen Jahres nie dagewesene Massenproteste auslösten, noch einmal massiv verstärkt. Die Virus-Infektion traf uns in einem wirklich kritischen Moment, in einer Situation des kompletten Vertrauensverlustes gegenüber der Regierung und ihren Institutionen. Und gerade zu Beginn dieser Krise gab es dann auch noch zahlreiche, fatale Fehlentscheidungen: Da wurden die großen Einkaufszentren mit täglich Zehntausenden Besuchern viel zu lange offen gehalten, nur, um ja keine Umsatzeinbußen zu riskieren. Auf der anderen Seite wurden die Menschen gezwungen, dicht an dicht gedrängt, endlose Schlangen vor Supermärkten und Banken zu bilden. Anders als in Europa gab es keine massiven Kampagnen, um auf das Ansteckungsrisiko mit dem Virus und auf die Möglichkeiten, sich zu schützen, hinzuweisen.

Und als es dann Quarantäne-Verfügungen erlassen wurden, wirkten sie eher willkürlich, politisch motiviert, um die Menschen in den Stadtteilen, in denen es Ende 2019 die heftigsten Proteste gegen die Piñera-Regierung gegeben hatte, zu disziplinieren. Der Präsident und die zuständigen Minister verwickelten sich unablässig in Widersprüche. Eine klare Strategie, wie mit dieser Katastrophe umzugehen ist, war nicht zu erkennen. Deutlich wurde nur Eines: Es ging und geht den Regierenden ausschließlich darum, die Interessen der Unternehmen im Land zu sichern. Und in den zurückliegenden beiden Wochen sind die Infektionszahlen dann geradezu explodiert, zuletzt mit bis zu 5000 neuen Fällen jeden Tag – und zwar vor allem in den armen Kommunen an der Peripherie von Santiago.

Jetzt steht der Winter mit den üblichen Erkältungs- und Grippewellen vor der Tür. Das wird in diesem Jahr eine ganz schwere Zeit, die das öffentliche Gesundheitssystem sehr schnell an seine Grenzen bringt. Viele Expertinnen und Experten fürchten deshalb, dass Chile den Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht hat.  

Kindernothilfe: Wie geht es den Familien aus dem Umfeld der von ANIDE und Kindernothilfe geförderten Projekte in diesen Wochen?

José Horacio Wood: Es ist wie überall auf der Welt: Diejenigen mit den geringsten Einkommen tragen die schwerste Last! Die Armen verfügen über keinerlei finanzielle Reserven, um diese Quarantäne-Wochen durchzustehen. Bereits in der ersten Phase des Jahres – noch vor dem Ausbruch der ersten Infektionswelle – ist die Arbeitslosigkeit im Land ja bereits deutlich angestiegen. Die Leute schlitterten vielfach bereits hochverschuldet in diese Krise. Durch die Schließung der kleinen Geschäfte und Märkte sind dann zehntausende Jobs von einem Tag auf den anderen weggefallen. Und auch diejenigen, die eigentlich zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie eine Festanstellung hatten, sind nicht sehr viel besser dran, weil es in Chile ja keine Lohnfortzahlung gibt, Und die Mittel aus den Arbeitslosenversicherungsfonds sind bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die Folge: Jetzt fehlt es einfach an Allem! Deshalb diese verzweifelten Protestaktionen in den Armenvierteln! Dazu kommt, dass es in den viel zu kleinen Wohnungen extrem schwer ist, Quarantäne zu halten, von den Abstands- und Hygieneregeln ganz zu schweigen … 

Kindernothilfe: Und wie erleben die Kinder in den Armenvierteln den lockdown?      

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat die extreme Ungleichheit etwa beim Zugang auf Bildung noch einmal auf eklatante Weise bloßgelegt: Kinder aus Armenvierteln haben keine Möglichkeit, sich Tablets zu beschaffen, um eventuelle online-Angebote ihrer Schule wahrnehmen zu können. Und auch die Internet-Verbindungen sind völlig unzureichend, mal ganz davon abgesehen, dass es in den engen, kleinen Behausungen einfach auch keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, um Schulaufgaben erledigen zu können. Die Monate mit der Virus-Infektion reißen die Bresche zwischen den Wohlhabenden und Privilegierten in diesem Land – und denjenigen, denen es an Allem fehlt, noch weiter auf.

Die allergrößten Sorgen bereiten uns dabei die Kinder aus haitianischen Familien und anderen, in den zurückliegenden Monaten nach Chile Geflüchteten. Hier haben die Erwachsenen bereits vor der Pandemie mehr schlecht aus recht mit Gelegenheitsjobs versucht, über die Runden zu kommen. Jetzt ist die Lage dieser Menschen einfach nur noch zum Verzweifeln.        

Ein weiteres Thema, das uns – zusammen mit anderen Kinderrechts-Verteidigerinnen und –Verteidigern – allergrößte Sorgen macht, ist die Entwicklung der Fallzahlen von häuslicher Gewalt und von Missbrauch von Kindern. Bereits vor Corona hat Chile in Lateinamerika immer einen beschämenden Spitzenplatz in den Gewalt- und Missbrauchs-Statistiken eingenommen. Jetzt, während dieser langen Quarantäne-Wochen, funktionieren Alarm-, Schutz- und Auffangsysteme noch prekärer. Kinder, die misshandelt werden, haben so gut wie keine Chance, Hilfe zu erhalten. Sie müssten es ja irgendwie bis zu einer Polizeiwache schaffen – und das ist bei einem kompletten lockdown völlig ausgeschlossen. Vermutlich werden wir erst in einigen Monaten einschätzen können, welche Katastrophen sich da in vielen Familien abgespielt haben.

Kindernothilfe: In einigen internationalen Medien war in den zurückliegenden Wochen immer von  erneuten Skandalen rund um den staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME die Rede. Um was ging es da?

José Horacio Wood: Ende April, also bereits mitten in der Corona-Krise, erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass in Hualpén, ganz in der Nähe von Talcahuano und Concepción, also einer Region, in der Kindernothilfe-Partner seit vielen Jahren engagiert sind, die Direktorin eines SENAME-Heimes – unterstützt von zwei Mitarbeitenden – Kinder in Alter von sechs und acht Jahren nicht nur selbst sexuell missbraucht, sondern ihre kommerzielle sexuelle Ausbeutung durch Dritte organisiert hatte – und das über einen relativ langen Zeitraum hinweg, ohne, dass irgendjemand den betroffenen Kindern zu Hilfe gekommen wäre. Als Kinderrechtsorganisation gelangen wir in Chile immer an den gleichen Punkt: Das beschämende Desinteresse der Verantwortlichen und das Fehlen jeglichen politischen Willens, um in diesem Land endlich eine kohärente Kindesschutzpolitik zu implementieren und ein entsprechendes Kinderrechtsstatut zu verabschieden, macht aus derartigen Einzelereignissen immer auch ein Systemversagen. Und unsere Befürchtung ist, dass unter dem existentiellen Druck und Stress, den die Corona-Pandemie für die meisten Erwachsenen verursacht, die Kinder und ihre Rechte weiter in den Schatten gedrängt werden.

Kindernothilfe: Hat das auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie der Protestbewegung in Chile, die seit dem Oktober 2019 Hundertausende mobilisierte, um eine neue Verfassung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzufordern, im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abschnürt?

José Horacio Wood: Ganz klar, jede Form von zivilgesellschaftlichem Engagement hat es in diesen Zeiten extrem schwer! Aber die Protestbewegung gibt es trotzdem weiterhin: Trotz Corona arbeiten die Asambleas Territoriales, die Bürger- und Stadtteilorganisationen für Demokratie und den verfassungsgebende Prozess, weiter – und zwar mit Hilfe des Internets und lokaler Radios. Die Regierung feiert es als Erfolg, zuletzt größere Proteste und die Präsens vieler Menschen auf der Straße mit massiver Repression und exzessiver Gewalt unterbunden zu haben. Und natürlich kam es Präsident Piñera zupass, die Volksabstimmung über die Einleitung eines verfassungsgebenden Prozesses, die am 26. April hätte stattfinden sollen, um ein halbes Jahr, auf den 25. Oktober,  verschieben zu können. Die Pandemie dient der Regierung als perfekter Vorwand für Repression und eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen, die unter den Bedingungen von Quarantäne und Ausgangssperren kaum öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.   

Kindernothilfe: Noch einmal zurück zu den Projekten, den Kindern und Jugendlichen: Was können die Kindernothilfe-Partner in Chile, was kann ANIDE in dieser Situation tun, um den Kindern und ihren Familien beizustehen?       

José Horacio Wood: Die Teams der Kindernothilfe-Partnerprojekte in Chile arbeiten seit dem Bekanntwerden der ersten Infektionsfälle in Chile und den von der Regierung verhängten Quarantäne-Maßnahmen, die am 15. Mai ja noch einmal verschärft und jetzt auf das komplette Stadtgebiet von Santiago ausgedehnt wurden, unter extrem erschwerten Rahmenbedingungen. Ein „normaler“ Projektbetrieb mit der ständigen physischen Präsenz von Kindern und Jugendlichen ist nirgendwo mehr möglich. Aber die Kolleginnen und Kollegen entwickeln ein beeindruckendes Engagement, viel Enthusiasmus und Kreativität, um mit den Kindern und ihren Familien im Kontakt zu bleiben. Das geschieht derzeit vor allem über das Handy, Anrufe zu Hause und – soweit möglich – durch die intensive Nutzung elektronischer Medien – etwa durch Video-Botschaften.

Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die Lage in den Armenvierteln, bei den Familien der Kinder, spitzt sich jeden Tage weiter zu.

Trotzdem versuchen wir gegenzuhalten: Vor einigen Tagen haben wir mit allen Mitarbeitenden aus den Projekten und der Kinderrechtsexpertin Monica Contreras eine große Videokonferenz organisiert, der wir den Titel gegeben haben: „Wie können wir Kinderrechts-Garanten in Zeiten der Pandemie sein?“. Dabei haben wir gelernt, dass es gerade jetzt ganz dringend darauf ankommt, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erleben sie die Quarantäne, was wünschen sie sich an Beistand und Unterstützung? Worauf müssten nach ihrer Meinung Kinderrechtsorganisationen gerade jetzt mit aller Vehemenz hinweisen?

Kindernothilfe: Gibt es denn auch die Möglichkeit, in Not geratene Familien ganz praktisch zu unterstützen? Und wie könnte diese Hilfe aussehen?

José Horacio Wood: Bereits seit Wochen, seit den ersten lockdown und Quarantäne-Maßnahmen, versorgen die Kolleginnen und Kollegen aus den Projektteams Familien in besonders kritischen Situationen mit Lebensmittelpaketen – aber auch mit Seife, Waschpulver, Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln. Am Freitag vergangener Woche organisierten wir eine Telefonkonferenz, in der alle Kindernothilfe-Partner über die verschiedenen Initiativen und Aktionen vor Ort berichteten. Dabei kamen Details über die verzweifelte Lage in einigen Armenvierteln zur Sprache, die ansonsten hier nie an die Öffentlichkeit gelangen: In ganz vielen Familien gibt es seit Wochen überhaupt nichts Warmes mehr zu essen, weil den Menschen schlicht das Geld fehlt, um Propangasflaschen zum Kochen zu kaufen! Deshalb haben einige der Teams begonnen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern zusätzlich durch die Verteilung von Gasflaschen zu unterstützen.       

Kindernothilfe: Und wie geht das kleine ANIDE-Team in Santiago mit all diesen extremen Herausforderungen durch die Pandemie um?

José Horacio Wood: Wir arbeiten an den allermeisten Tagen von zu Hause aus. Für uns, aber auch die kompletten Projektteams, ist das eine völlig neue Erfahrung, zum Teil extrem anstrengend, psychisch und physisch belastend, mit langen Arbeitstagen am Telefon, in Videokonferenzen. Aber wir spüren, wie wichtig der ständige digitale Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Bündnispartnern, wie dem Bloque por la Infancia, dem zivilgesellschaftlichen Kinderrechts-Netzwerk in Chile, ist. Und wir lernen jeden Tag dazu, ermutigen uns gegenseitig, helfen uns – wie man in Chile sagt – immer wieder, „die Batterien aufzuladen“.   

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José Horacio Wood (58) ist Anthropologe. Seit 1995 arbeitet er bei der Fundación ANIDE, der Kindernothilfe-Partner- und Koordinationsstruktur in Chile. Im Jahr 2001 wurde Wood vom Vorstand dieser ökumenischen Stiftung zum ANIDE-Direktor berufen. Chile war 1969 das erste Land in Lateinamerika, in dem sich Kindernothilfe engagierte.  

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierende[...]

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1. Mai 2020

Ein Hemd am Fenster signalisiert Gewalt in der Familie

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweit dramatischen Anstieg der häuslichen Gewalt im Zusammenhang mit COVID-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei den Notfallhotlines verdoppelt. Gleichzeitig sind in Zeiten der Kontaktsperre die soziale Kontrolle schwierig geworden und das Aufdecken von Kindesmissbrauch unwahrscheinlicher geworden, da die Betreuung der gefährdeten Familien auf ein Minimum reduziert wurde. Durch die weitverbreiteten Schulschließungen, können auch die Lehrkräfte keine Anzeichen von körperlicher Gewalt wahrnehmen und anzeigen.

Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)
Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)

Lateinamerikas Kinder

Lateinamerika ist bekannt als Region mit dem höchsten Gewaltaufkommen weltweit. „Die Mischung aus Armut, Ungleichheit, organisiertem Verbrechen, politischer Korruption und Regierungen, die nicht die Menschenrechte schützen, potenzieren sich gegenseitig zu einer hohen Gewaltbereitschaft unter den Einwohnern, vor allem gegen die Schwächsten: die Kinder und Jugendlichen.“, sagt Andrea Iglesis, Sozialpsychologin, Expertin für Kinderrechte und Kindernothilfe-Regionaltrainerin für Lateinamerika in Sachen Kinderschutz.

Laut den aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen „sind mehr als die Hälfte der Mädchen, Buben und Jugendlichen in der Region Opfer von physischer und emotionaler Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. 40 Millionen Kinder unter 15 Jahren leiden unter Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in der Familie der Schule und der Gemeinschaft.“ Das bedeutet, dass jeden Tag 67 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren Opfer von Mord und Totschlag sind – eine Rate, die fünfmal höher ist als der weltweite Durchschnitt. Zudem werden in Lateinamerika jeden Tag 1,1 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Opfer von sexueller Gewalt. 6,3 Millionen Migranten sind unter 18 Jahren und es werden täglich mehr – aufgrund von Armut und Gewalt in ihren Familien und Gemeinden.

Zahlen, die schwer auszuhalten sind. Und die Vorstellung, dass sie angesichts Corona noch steigen könnten, ist erschütternd. Aber die Erfahrung lehrt, dass es so sein wird: Ausnahmezustände während einer Krise oder einer Katastrophe führen zu noch mehr Stress in den Familien, der sich in noch mehr Gewalt entlädt.

Anstieg der Gewaltbereitschaft

Die Folgen der Coronakrise haben nicht lange auf sich warten lassen. Die Systeme der Grundversorgung funktionieren mancherorts nicht mehr und es ist zu einem Anstieg von Morden an Frauen und häuslicher Gewalt gekommen, von der vor allem Kinder betroffen sind. Die Schutzmaßnahmen für Bedürftige und Kinder, die die einzelnen lateinamerikanischen Staaten je nach Mitteln und Möglichkeiten in ihren Statuten verankert haben, werden zur Zeit reduziert. „Selbst Vergehen an Minderjährigen werden zurzeit seltener gerichtlich verfolgt, was zu einem Anstieg der Gewalt führt“, beklagt Andra Iglesis.

In Zeiten von Corona gibt es viele Bereiche, die eine Herausforderung in Bezug auf den gesundheitlichen und seelischen Schutz der Mädchen und Buben darstellen. Insbesondere gilt dies für Kinder in Wohnheimen, Krankenhäusern und Jugendhaftanstalten. Ausgegrenzt von institutionalisierten Hilfsmaßnahmen sind zudem Straßenkinder sowie Kinder von Migranten und Flüchtlingen.

Internet: Segen und Fluch

In Zeiten der Kontaktsperre und Isolation, wenn Kinder nicht mit Lehrern oder anderen Vertrauenspersonen sprechen und sie um Hilfe bitten können, ist das Internet einerseits ein großer Segen. Organisationen wie die lokalen Kindernothilfe-Partner haben Seiten eingerichtet, über die Kinder Bescheid geben können, wenn sie Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden sind. Für viele eine Hilfe, für andere aber auch nur ein schöner Traum. Laut UIT, der Telefongesellschaft in Lateinamerika und der Karibik, haben im Durchschnitt nur 44 Prozent der Haushalte in Lateinamerika Zugang zum Internet – in Zentralamerika und den Andenländern sind es gerade mal 34 Prozent, in der Karibik sogar nur 20 Prozent. „Und diese Zahlen gelten auch nur für die Städte. Ländliche Regionen sind stark benachteiligt, was den Zugang zu Hilfsportalen im Internet betrifft“, sagt Andrea Iglesis. Sie weist außerdem darauf hin, dass das Internet nicht nur ein Segen in Quarantänezeiten ist, sondern unter Umständen für Minderjährige auch ein Fluch: „In derselben Weise, wie sich der Gebrauch der Informationstechnologien im Moment erhöht, wächst auch die Cyber-Kriminalität.“ Eine Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren des Internets sei ebenso dringend notwendig wie eine Prävention und Ahndung möglicher Delikte.

Hilfe für misshandelte Kinder

„Es gibt Hilfsangebote aus der Zivilbevölkerung heraus, um den Kindern zu helfen: zum Beispiel die Vereinbarung, ein Hemd in einer bestimmten Farbe aus dem Fenster zu hängen, wenn man Hilfe benötigt – als Signal für Nachbarn und Passanten, dass hier ein Kind in Not ist.“ – ein einfacher, praktikabler und wirksamer Weg für misshandelte Kinder.

Die Kindernothilfe und ihre Partnerorganisationen in Lateinamerika arbeiten schon seit vielen Jahren mit den lokalen Behörden zusammen, um Maßnahmen zur Gewaltprävention zu entwickeln, damit Kinder geschützt aufwachsen können. Sie fangen missbrauchte Mädchen und Buben, die nicht in ihren Familien bleiben können, in Schutzhäusern auf. Zudem werden Eltern über Kinderrechte aufgeklärt und bei ihrer Umsetzung unterstützt. In der aktuellen Situation arbeiten viele Partner mit Hochdruck daran, in ihren Projektgebieten den innerfamiliären Stress zu minimieren und die Gesellschaft dazu zu bringen, Gewaltdelikte anzuzeigen. Es wurden bereits frühzeitig gesundheits- und gewaltpräventiven Maßnahmen zum Schutz der Kinder verstärkt. So haben sie zum Beispiel Ansprechpartner in Gemeinden bestimmt, um schnell auf mögliche Vergehen reagieren zu können, ohne das Kontaktverbot zu verletzen.

Die Zukunft der Kinder in Lateinamerika

Laut einer Studie von Human Rights Watch vom 9. April 2020 gibt es Anzeichen, dass die durch COVID-19 verursachte Krise lang anhaltende und verheerende Auswirkungen auf die Mädchen und Buben in Lateinamerika haben wird.

Durch die Wahrscheinlichkeit eines Gesundheitssystem-Kollaps in vielen lateinamerikanischen Regionen verschärft sich das Risiko der Kindersterblichkeit, da notwendige Impfungen oder andere Medikamente nicht mehr gegeben werden können. Diese Gefahr ist in den vielen Flüchtlings- und Migrantenlager, wo tausende Menschen dicht gedrängt leben und weder das Kontaktverbot noch die erforderlichen Hygieneregeln eingehalten werden können, noch größer. Zusätzlich sind jene Kinder, die aus Schutzgründen in Wohnheimen untergebracht werden und dort auf engem Raum mit anderen Kindern aus anderen Familien zusammenleben, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Abgesehen davon ist davon auszugehen, dass der Arbeitsplatzverlust und das geringere Einkommen sowie die damit einhergehende finanziell unstabile Situation in vielen Familien dazu führen wird, dass mehr Kinder als vorher arbeiten müssen. Ebenso ist mit einem Anstieg des sexuellen Missbrauchs, der Kinderehen und der Kinderschwangerschaften sowie der sexuellen Ausbeutung über das Internet zu rechnen. Die durch COVID-19 zu Waisen oder Halbwaisen gewordenen Kinder sind dabei noch schutzloser der Gefahr von sexueller und kommerzieller Ausbeutung ausgesetzt.

Um die Kinder Lateinamerikas in dieser Krise und auch danach zu schützen, braucht es neben legislativen Strukturen Räume der Sicherheit für Kinder. Zudem müssen Familien finanziell gestärkt und auf die Rechte ihrer Kinder hingewiesen werden.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweit dramatischen Anstieg der häuslichen Gewalt im Zusammenhang mit COVID-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei den Notfallhotlines verdoppelt. Gleichzeitig sind in Zeiten der Kontaktsperre die soziale Kont[...]

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24. April 2020

Mehndi: typisch indische Handbemalung

Bei indischen Hochzeiten bemalen Schwestern oder Freundinnen der Braut Hände und Füße. Diese Technik heißt Mehndi. Als Farbe verwenden sie Henna, ein Naturfarbstoff, der aus den getrockneten und zerriebenen bzw. zermahlenen Blättern des Hennastrauches (Lawsonia inermis) gewonnen wird. Die Motive, die sie malen, haben eine Bedeutung: ein Pfau steht für Schönheit, ein Schwan für Erfolg, Blumen für Freude und Glück.

Typisch indische Mandala-Mehndis (Foto: Ali Ashraf Syed/shutterstock)
Typisch indische Mandala-Mehndis (Foto: Ali Ashraf Syed/shutterstock)

Mehndis selber machen:

Statt Henna kann man einen schwarzen oder braunen Kajalstift verwenden, der im Gegensatz zu deem natürlichen Färbemittel wieder abwaschbar ist. Ausserdem braucht man Schmierpapier zum Vormalen, Bleistift und Radiergummi.

Und so wird’s gemacht:

  • Zuerst den Handumriss auf ein Blatt zeichnen und verschiedene Muster ausprobieren – Blumen, Blätter, Herzen usw.
  • Dann mit dem Kajalstift die Motive auf die Hand zeichnen.

Bei indischen Hochzeiten bemalen Schwestern oder Freundinnen der Braut Hände und Füße. Diese Technik heißt Mehndi. Als Farbe verwenden sie Henna, ein Naturfarbstoff, der aus den getrockneten und zerriebenen bzw. zermahlenen Blättern des Hennastrauches (Lawsonia inermis) gewonnen wird. Die Mo[...]

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17. April 2020

Philippinen: „Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern“

Ysrael C. Diloy aus den Philippinen ist auf den Themenbereich Kinderschutz spezialisiert. Im Interview geht er auf die Gefahren ein, die häusliche Quarantäne durch Covid-19 für Mädchen und Buben mit sich bringt.

Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippinen (Foto: Christiane Dase)
Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippinen (Foto: Christiane Dase)

Gegenwärtig erlebt die Welt eine beispiellose Krise. Infektionsrisiko und Quarantänemaßnahmen haben die gesundheitliche und soziale Situation in vielen Ländern verschlechtert, vor allem für Kinder. Auch in den Philippinen?
Das überlastete Gesundheitssystem hat die Krankenhäuser des Landes gezwungen, ihre Ambulanzen zu schließen und die Bettenkapazität der Krankenhäuser drastisch zu verringern. Dies hat dazu geführt, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung für Nicht-Covid-19-Fälle eingeschränkt ist. Die Quarantänemaßnahmen wirken sich in den Gemeinden auf das Familieneinkommen aus: Dadurch erhalten die Kinder weniger hochwertige Nahrung. Daneben schränken Schulschließungen und Quarantänemaßnahmen die Möglichkeiten von Familien ein. Davon sind 27 Millionen schulpflichtige Kinder im ganzen Land betroffen. Mädchen und Buben haben kaum Zugang zu Freizeit- und Spielmöglichkeiten mit Gleichaltrigen. Die psychische Gesundheit ist in allen Altersgruppen gefährdet.

Sehen Sie eine Zunahme der Gewaltbereitschaft gegenüber Kindern in Zeiten von Covid-19?
Die Pandemie hat weniger neue Probleme verursacht, sondern bestehende Risiken verstärkt. In Asien gehören dazu kulturelle Überzeugungen und Praktiken wie die Tabuisierung rund um das Thema Sexualität als auch die Sexualität selbst dazu. Wir nennen das „eine Kultur des Schweigens“. Die Auswirkungen, verursacht durch die Covid-19-Pandemie, verstärken sich nun: Mädchen und Buben werden zu Hause schneller zu Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs, sind häufig mit dem oder den potenziellen Tätern eingeschlossen. In den meisten Fällen handelt es sich um Väter oder Stiefväter. Üblicherweise erfahren Hilfspersonen wie Lehrer oder Schulberater im Schulalltag zuerst von den Übergriffen. Das ist wegen der Quarantänemaßnahmen nun nicht mehr möglich.
Aber natürlich lauert die Gefahr auch in häuslicher Gewalt selbst: Kinder werden als Eigentum oder als weniger menschliche Wesen betrachtet. Es kommt häufig zu körperlicher Bestrafung und einem Kreislauf familiärer Gewalt.

Die Armut verschärft diese Notlage aktuell…?
Geringere Einkommensmöglichkeiten in den Familien erhöhen nun das Risiko der sexuellen Ausbeutung von Kindern. Denn die Familien befinden sich derzeit in einer Art Überlebensmodus, versuchen alles Mögliche, um ihre Familie ernähren zu können. Eine mögliche Konsequenz: Der Kinderschutz hat eine niedrigere Priorität. Beispiel Online-Live-Streaming: Weil Mädchen und Jungen jetzt noch mehr Zeit vor den digitalen Medien verbringen, erhöht sich die Gefahr unangemessener oder gar schädlicher Online-Inhalte und die mögliche Interaktion mit Online-Tätern. Aber auch Jugendliche, die sich in der Regel auf romantische Beziehungen mit Gleichaltrigen einlassen, haben aufgrund der Quarantäne nur begrenzte Möglichkeiten der körperlichen Interaktion. Deswegen suchen sie den Online-Austausch und tauschen intime Bilder, die möglicherweise fremdverwertet werden.

Gibt es dazu bereits Zahlen, welche die Entwicklung unterstreichen?
Leider liegen derzeit noch keine Daten vor, um die genaue Zahl der Fälle während der Quarantänezeit zu bestimmen. Frühere Pandemien oder Katastrophenfälle haben aber bereits gezeigt, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern in solchen Situationen drastisch zunehmen.

Lassen sich Online-Medien während der Covid-19-Pandemie auch als Hilfsmittel nutzen?
Ja! Weil wir mit den Familien nicht direkt kommunizieren können, nutzen wir selbst umso mehr die sozialen Medien. Wir tauschen uns dort zum Thema Gewaltprävention aus oder teilen Informationen, wo man Zugang zu genauen Informationen über Covid-19 erhält. Unsere E-Learning-Maßnahmen zum Thema Kinderschutz sind für uns darüber hinaus eine große Hilfe. Hier erhalten Erwachsene und Kinder mitten in der Corona-Pandemie Zugang zu kostenlosen Veranstaltungen rund um Kinderschutz. Wir informieren die Menschen darüber, dass sie mehr darüber lernen können, auch wenn sie in ihren eigenen vier Wänden isoliert sind.

Wie können Hilfsorganisationen Kinder in dieser Pandemie unterstützen? 
Entwicklungsorganisationen, die direkt in den Gemeinden arbeiten, können während der Pandemie Fragen rund um Gewalt an Kindern mit folgenden Maßnahmen begegnen: 
Gewaltprävention: Sie lässt sich vor allem über nicht-traditionelle Kanäle wie die sozialen Medien vermitteln. So sind die Familien besser in der Lage, eine sicherere Umgebung für Kinder zu schaffen; die Kinder lernen selbst, welches Verhalten richtig und falsch ist. Sofern der Zugang zur Technologie nicht möglich ist, müssen NGOs über andere Wege der Verbreitung nachdenken. 
Aufdeckung und Meldung von Gewalt: Organisationen sind ein wichtiges Bindeglied zwischen offiziellen Meldesystemen und -strukturen und den Betroffenen. Kümmert sich eine NGO bereits konkret um eine Familie, haben Mitarbeiter es leichter, auf diese Weise potenzielle Missbrauchsfälle aufzudecken und bei der Weiterleitung an offizielle Kanäle zu unterstützen.
Lobbyarbeit für die Aufrechterhaltung von Kinderschutzmaßnahmen: Weil sich Regierungen im Moment im Krisenmodus befinden, besteht die Gefahr, dass der Schutz der Kinder kaum Priorität hat. Deswegen sollten Kinderrechtsorganisationen mit Regierungen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Kinderrechte und Kindesschutz in die Regierungsmaßnahmen im Rahmen von Covid-19 mit einbezogen werden.

Wissen Sie, wie sich die Gewalt an Kindern im gesamten asiatischen Raum in den vergangenen Wochen verändert hat?
Noch gibt es dafür zu wenige Daten. Aber Länder wie Thailand und Kambodscha haben ebenfalls bereits Befürchtungen geäußert, dass der Online-Missbrauch von Kindern aufgrund der Quarantäne zunimmt. In Südasien, vor allem in Indien, hat der Zugang zu Notfallnummern für Kinder und Jugendliche zugenommen.

Ysrael C. Diloy aus den Philippinen ist auf den Themenbereich Kinderschutz spezialisiert. Im Interview geht er auf die Gefahren ein, die häusliche Quarantäne durch Covid-19 für Mädchen und Buben mit sich bringt. Corona-Quarantäne verschärft häusliche Gewalt an Kindern auf den Philippine[...]

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