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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

15. April 2021

Das brasilianische Drama

Vor nicht allzu langer Zeit galt Brasilien als siebtstärkste Wirtschaftskraft in der Weltgemeinschaft als gefragter internationaler Partner. Der damalige Präsident Lula da Silva engagierte sich zudem für die Armutsbekämpfung im eigenen Land sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den demokratischen Prozessen: Brasilien konnte sehenswerte Erfolge aufweisen. Mehr als ein Jahrzehnt später, nach der bislang zweijährigen Amtszeit des ultrarechten Staatschefs Jair Bolsonaro, ist davon nicht viel übriggeblieben.

Indigener Häuptling mit Mundnasenschutz – es scheint, als würde Brasilien derzeit seine indigenen Völker zum Schweigen bringen. (© Kanaytô Xakriabá)
Indigener Häuptling mit Mundnasenschutz – es scheint, als würde Brasilien derzeit seine indigenen Völker zum Schweigen bringen. (© Kanaytô Xakriabá)

Heute ist die Arbeitslosigkeit in Brasilien so hoch wie nie zu vor, die einheimische Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Trotz der inzwischen mehr als 330.000 Covid-19 Toten hält die populistische Regierung weiter an ihrer Politik der Verharmlosung und des Nicht-Hinsehen-Wollens fest. Bei so viel Ignoranz und Starrköpfigkeit wundert es kaum, dass das südamerikanische Land inzwischen auf Platz zwölf der Rangliste der führenden Volkswirtschaften abgerutscht ist (Quelle Austin Rating). Auch in anderen Statistiken zeichnen sich erschreckende Entwicklungen ab: Im HDI, dem Index für die Einhaltung von Menschenrechten, ist Brasilien auf Platz 84 zurückgefallen, im Gini-Koeffizienten, der die Einkommensgleichverteilung misst, befindet sich das Land nur noch auf Platz 150 von 159 erfassten Staaten. Das einst gepriesene brasilianische Gesundheitssystem ist in Corona-Zeiten aufgrund der kopflosen Führung des Staatschefs und seiner Marionetten als Minister weitgehend zusammengebrochen. Statt Empathie für die Millionen Infizierten und Tausenden Hinterbliebenen von Covid-19 Opfern demonstriert der Präsident immer wieder seine Gefühlslosigkeit mit Sprüchen wie „Ich bin doch kein Bestatter“ oder „Wie lange wollen Sie noch weinen?“.

Indigene vor selbst errichteter Covid 19-Absperrung. So versuchen sie, sich selbst gegen, das Virus zu schützen. (© Agoho Pataxo)
Indigene vor selbst errichteter Covid 19-Absperrung. So versuchen sie, sich selbst gegen, das Virus zu schützen. (© Agoho Pataxo)

Management des Hasses

„Psychoanalytiker sehen in seiner knallharten Haltung ein politisches Kalkül und ein Management des Hasses“ schreibt Brasiliens größte Tageszeitung „Folha de São Paulo“ auf ihrer Titelseite der Ostersonntagsausgabe. Die Journalistin Eliane Brum von „El Pais“ geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bolsonaro macht aus dem brasilianischen Volk menschliche Versuchskaninchen“. Und auch der Leiter der Pastoral für Obdachlose, Pater Julio Lancellotti, geht in einem offenen Brief hart mit der aktuellen Regierung ins Gericht und schreibt: „Brasilien ähnelt einer Gaskammer, es ist wichtig, dass sich Organisationen und Bewegungen für das Leben und gegen einen Völkermord einsetzen“.

Es war Leonardo Ulreich Steiner, der deutschstämmige Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemalige Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, der das Drama von Brasilien in einem Live-Interview an das Onlineportal „Tutameia“ auf den Punkt brachte: „Dem Präsidenten (Bolsonaro, Anm. d.Red.) ist seine Menschlichkeit verloren gegangen“. Mit diesem einen Satz sprach er Millionen von Brasilianerinnen und Brasilianern aus der Seele. Neben der Pandemie ist es die zunehmende Armut, die der brasilianischen Bevölkerung immer mehr zusetzt. Laut Untersuchungen der Getulio-Vargas-Stiftung befanden sich im Monat Januar 2021 ca. 12,8 % der Bevölkerung, in etwa 27 Millionen Brasilianern, mit einem Einkommen von 1,30 Euro pro Tag an der absoluten Armutsgrenze. In einer Onlinekonferenz zwischen der brasilianischen Bischofskonferenz und europäischen Hilfswerken berichteten Bischöfe aus allen Landesteilen von einer bisher ungekannten Hungerkrise.

Leonardo Ulrich Steiner, deutschstämmiger Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemaliger Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz. (Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© CC BY 3.0)
Leonardo Ulrich Steiner, deutschstämmiger Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemaliger Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz. (Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© CC BY 3.0)

Illegale Goldgräber“ von der Regierung nicht verurteilt

In einer Zeit, in der ein Teil der Bevölkerung ums nackte Überleben kämpft, dringen im Schatten der Dunkelheit und des Lockdowns immer mehr illegale Siedler und Goldgräber in die brasilianischen Schutzgebiete ein. Dort brandroden sie, um im Boden nach Gold graben zu können und richten schwere Verwüstungen an. Das Institut für Weltraumforschung INPE verzeichnete im Pandemiejahr 2020 insgesamt 89.602 Brandherde, das sind sogar noch mehr Feuerausbrüche, als in dem uns allen in Erinnerung gebliebenen Vorjahr. Dass bei den Bränden Brasilliens Feuchtbiotop des Pantanals zu einem großen Teil von den Flammen verschlungen wurde, hat die Weltpresse in Corona-Zeiten größtenteils übersehen.

Auch die Gewalt gegen die Bewohner in diesen ländlichen Gebieten nimmt laut Landespastoral der CPT zu, Misereors langjähriger Projektpartner gilt hier als Brasiliens zuverlässigste Informationsquelle. CPT registrierte im Jahr 2020 insgesamt 178 Angriffen auf indigene und andere traditionelle Gebiete: ein neuer Höhepunkt an Gewalt. Besonders hart getroffen von den illegalen Angriffen ist das indigene Volk der Yanomami in Nordbrasilien. Nach Berichten der „Indigenen-Pastoral Boa Vista“ sollen sich mehr als 20.000 Goldgräber im Gebiet der Yanomami aufhalten. Unter Einsatz großer Mengen an Quecksilber verseuchen sie das Fluss- und Grundwasser in dem Tausende Quadratkilometer großen Gesamtgebiet und verursachen dadurch in der Region nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine ökologische Tragödie. Etwa 1.500 Kilometer weiter südöstlich, in der Kleinstadt Jacareacanga, griffen unmittelbar vor Ostern illegale Goldgräber den Sitz der Wakoborûn an, so nennt sich der Frauenverband der Munduruku, und plünderte dessen Büros. Misereor-Bischof Stefan Burger und Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel hatten dem indigenen Volk der Munduruku während der Fastenkampagne im Jahr 2016 einen Besuch abgestattet.

Auch Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles reiste im vergangenen Jahr in diese Region. Statt mit den Munduruku zu sprechen, flog Salles in einer Nacht- und Nebelaktion mit einer Militärmaschine direkt zu den illegalen Goldgräbern, die im Territorium der Munduruku Rohstoffe und sonstiges plündern. Dort hinderte er zunächst die Umweltpolizei IBAMA daran, die schweren Gerätschaften der Eindringlinge zu konfiszieren. Anschließend soll Salles die Goldgräber in die Hauptstadt geflogen haben. Gegen den Vorfall läuft derzeit ein Verfahren auf Bundesebene. Allerdings ist kaum mit schwerwiegenden Konsequenzen für den „Anti-Umweltminister“ zu rechnen.

Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© ISA)
Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© ISA)

Bedrohliche Gesetzesvorlage für Indigene

Ebensowenig wird erwartet, dass der Angriff der Goldschürfer auf die Munduruku-Frauen größere Konsequenzen nach sich zieht: Wie bei so vielen anderen Gewalttaten gegen Indigene wird er wohl als Bericht auf einem Blatt Papier in Aktenordnern verschwinden. Gleichzeitig droht sich die Lage der indigenen Völker um ein Vielfaches zu verschlechtern, wenn in den Unterausschüssen des Parlaments in Kürze der von Bolsonaro priorisierte und von Menschenrechtsorganisationen scharf verurteilte Gesetzesentwurf PL 191/2020 behandelt wird: Die umstrittene Gesetzesvorlage sieht vor, Energie- und Bergbaukonzernen einen freien Zutritt zu den indigenen Schutzgebieten zu verschaffen, indem sie den indigenen Völkern ihre Vetorechte beziehungsweise ihre Mitspracherechte entzieht.

„Der Gesetzesentwurf PL 191 verstößt gegen die brasilianische Verfassung. Es ist der Versuch von Politikern und Wirtschaftsbossen, sich die Bergbaureichtümer des Landes anzueignen und die nationale Souveränität Brasiliens in Gefahr zu bringen“, erklärt der Präsident des Indigenenmissionsrats CIMI, Erzbischof Roque Paloschi. Und weiter: „Unsere größte Sorge ist die Zerstörung des Planeten, dem sogenannten Gemeinsamen Haus. Eine Freigabe der indigenen Gebiete für den Bergbau würde die Invasion in indigene Gebiete, die Zerstörung des Waldes und die Vernichtung ganzer indigener Gemeinden mit sich bringen“.

In den brasilianischen Parlamenten macht sich unterdessen neben dem Bolsonaro-Clan auch der frisch gewählte Präsident des brasilianischen Unterhauses, Arthur Lira, für den Gesetzentwurf stark. Es besteht die Gefahr, dass sowohl das Unterhaus als auch der Senat den Entwurf annehmen. Bei so viel Druck auf indigene Territorien scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Hüter des Waldes dem Druck auf ihre Gebiete nicht mehr standhalten. Schon jetzt strömen jährlich immer mehr indigene Familien aus purer Not in städtische Randgebiete.

Neben so vielen schlechte Nachrichten, zum Schluss auch noch eine gute Meldung: Denn während Sie diesen Artikel lesen, bewegen sich in ganz Brasilien unzählige freiwillige Helferinnen und Helfer kirchlicher Einrichtungen und Basisbewegungen in Elendsvierteln und auf unwegsamen Straßen. Selbstlos und risikobereit kümmern sie sich mit Lebensmittelpaketen, Hygienemitteln und Medikamenten um jene Menschen, die ohne Hilfe von außen in den Abgrund stürzen würden. Neben den unermüdlichen medizinischen Kräften sind diese Freiwilligen die wahren Helden Brasiliens, in einem Kampf, den die Bolsonaro-Regierung nie angenommen hat.

Vor nicht allzu langer Zeit galt Brasilien als siebtstärkste Wirtschaftskraft in der Weltgemeinschaft als gefragter internationaler Partner. Der damalige Präsident Lula da Silva engagierte sich zudem für die Armutsbekämpfung im eigenen Land sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger[...]

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11. April 2021

Maruya: Rezept für gebratene Bananen

Eine der am häufigsten angebauten Früchte auf den Philippinen sind Bananen – in ganz vielen verschiedenen Sorten. Kein Wunder also, dass sie die Hauptzutat vieler Meriendas (Nachspeisen) sind. Maruya, gebratene Bananen, sind bei den Kindern in unseren Projekten besonders beliebt und in der Zubereitung ganz einfach.

Maruya
Maruya
Zutaten:
  • 10 harte Bananen
  • 1 Tasse Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • etwas Salz
  • 2 Eier
  • 1 Dose Kondensmilch
  • etwas Öl
  • etwas Zucker
Zubereitung:
  • Die Bananen längs durchschneiden,
  • Mehl, Backpulver und 1 Messerspitze Salz in einer Schüssel mischen,
  • Eier mit ½ Tasse Kondensmilch mixen und langsam unter das Mehl mischen,
  • Öl in einer tiefen Pfanne/im Wok erhitzen,
  • Bananenhälften in den Teig tauchen und braten oder frittieren, bis sie goldbraun sind,
  • auf Küchenpapier abtropfen lassen,
  • in Zucker wälzen und heiß servieren.

Eine der am häufigsten angebauten Früchte auf den Philippinen sind Bananen – in ganz vielen verschiedenen Sorten. Kein Wunder also, dass sie die Hauptzutat vieler Meriendas (Nachspeisen) sind. Maruya, gebratene Bananen, sind bei den Kindern in unseren Projekten besonders beliebt und in der Zuber[...]

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24. März 2021

Eine Insel, zwei Welten

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten.

Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind meist Tagelöhner*innen, die in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Haushaltshilfen arbeiten oder sich als fliegende Händler:innen verdingen. In der Dominikanischen Republik verdienen sie noch immer mehr als daheim, wo es kaum Arbeit gibt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und zudem derzeit Schauplatz politischer Kontroversen zwischen Regierung und Opposition, die sich oft in gewaltsamen Protesten niederschlagen.

Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon im für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)
Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon immer für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)

In den Grenzverkehr zwischen den ungleichen karibischen Nachbarländern mischen sich nach Ansicht der dominikanischen Regierung allerdings zunehmend Kriminelle, die mit Entführungen, Diebstählen oder Drogenhandel zu tun haben. Daher will Präsident Luis Abinader eine Mauer oder einen Zaun entlang der knapp 400 Kilometer langen Grenze bauen. „Wir wollen der illegalen Einwanderung, dem Drogenhandel und dem Schmuggel gestohlener Fahrzeuge ein Ende setzen. Seit langem leiden wir unter diesen Problemen“, sagte Abinader Ende Februar. Derzeit sind gerade mal gut 20 Kilometer der Grenze mit einer Art Zaun gesichert.

In der Dominikanischen Republik mit ihren knapp elf Millionen Einwohner*innen leben nach offiziellen Schätzungen knapp 800.000 haitianische Eingewanderte und Geflüchtete. Nur sehr wenige haben eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Massenabschiebungen sind an der Tagesordnung. Seit Beginn des Jahres hat die dominikanische Armee rund 40.000 Haitianer*innen aufgegriffen, die versuchten, ohne Papiere über die grüne Grenze in die Dominikanische Republik zu gelangen.

Der Bau des Grenzwalls zwischen den beiden Staaten, die sich die Insel Hispaniola teilen, soll in der zweiten Jahreshälfte beginnen und binnen zwei Jahren fertiggestellt sein. Abinader denkt dabei offenbar an eine Hightech-Sicherung; Bewegungssensoren, Radargeräte und Infrarotkameras sind geplant. Veranschlagte Kosten: 100 Millionen Dollar.

In der Bevölkerung halten viele nichts davon

Fachleute sind entsetzt, die dominikanische Bevölkerung zum Teil verständnislos. „Solange unsere Regierung nicht mal die Krankenhäuser zu Ende baut und der Gesundheitssektor dahinsiecht, sollen sie kein Geld in eine Mauer nach Haiti stecken“, erzürnt sich eine Einwohnerin von Dajabón, einer dominikanischen Grenzstadt im Norden des Landes.

Die karibische Mauer auf Hispaniola solle dem Beispiel der Trump’schen Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko folgen, was „sehr schlecht ankommt“, kritisiert der Soziologe Juan Miguel Pérez von der Universität UASD in der Hauptstadt Santo Domingo. Aber die Haitianer*innen müssten in der Dominikanischen Republik traditionell als „Sündenbock“ für alles herhalten, was in dem Land schlecht laufe. Mit dem Plan einer Grenzbefestigung würde der Mitte-Links-Präsident eine Konzession an die konservativsten Kreise seines Landes machen.

In den Augen von Menschenrechtler:innen ist das Projekt ein Rückschritt für die gesamte Insel. Die Mauer verschärfe die „permanente Verfolgung“ der Menschen aus Haiti, sagt William Charpentier, Koordinator der dominikanischen Nichtregierungsorganisation Menamird. Es sei bedauerlich, dass die neue Regierung nicht mal „die minimale Würde und die Rechte der Migranten“ respektiert. Die Mauerpläne befeuerten „Ressentiments und Rassismus“.

Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer - in Haiti Río Masacre (!) genannt - soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)
Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer – in Haiti Río Masacre (!) genannt – soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)

Eine tiefsitzende Abneigung gegen die Menschen aus dem Nachbarland ist sozusagen Bestandteil der kollektiven DNA der Dominikaner*innen. Sie ist zum Teil historisch bedingt, aber auch Ergebnis jahrzehntelanger Politik. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht im Wahlkampf versprochen hätte, die Einwanderung aus Haiti zu stoppen.

Haiti und die Dominikanische Republik trennt viel – die komplizierte Kolonialgeschichte, die Sprache, die Armut und eben auch die Einwanderung. Haitianer*innen haben in den vergangenen Jahren auf der dominikanischen Seite der Insel immer ihr wirtschaftliches Heil gesucht. Während die Dominikanische Republik durch den Tourismus, die Lohnveredelungsbetriebe für US-Unternehmen und auch durch die Migration von Millionen Dominikaner:innen in die Vereinigten Staaten zu einem bescheidenen Wohlstand kam, hat Haiti den Weg aus dem Teufelskreis aus Armut, politischer Instabilität und Wirtschaftskrise nie gefunden. Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben von 2010 haben auch ihren Teil zu der deprimierenden Situation in der früheren französischen Kolonie beigetragen.

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten. Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind [...]

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9. März 2021

Myanmar kommt nicht zur Ruhe

In dem südostasiatischen Vielvölkerstaat vergeht seit dem Militärputsch vom 1. Februar kaum ein Tag ohne Massendemonstrationen und Militärgewalt. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, das Leben ist zum Stillstand gekommen. Denn die Bevölkerung ist nicht gewillt, die Aberkennung des Parlamentswahlergebnisses vom November letzten Jahres, den Sturz der demokratischen Regierung, die Verhaftung der De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und das harte Vorgehen der Polizei hinzunehmen. Auf der anderen Seite greift die Militärführung zu immer drastischeren Maßnahmen und die Opferzahlen steigen. Können sich die Demonstrant*innen mit ihrer Forderung nach einem Ende des Militärregimes durchsetzen?

Myanmar ist im Ausnahmezustand.
Myanmar ist im Ausnahmezustand.

Unbeschränkte Durchsuchungen und unbefristete Inhaftierungen wurden bereits durch die Gesetzesänderung kurz nach dem Putsch ermöglicht. Mittlerweile sind auch systematische Plünderungen von Geschäften und Häusern, Diebstahl von Lebensmitteln auf den Märkten und die Beschlagnahmung von Besitztümern in Privathäusern nichts Ungewöhnliches mehr. Zudem wird der Einsatz der Sicherheitskräfte immer brutaler. Bis jetzt sind laut UN mehr als 50 Todesopfer zu beklagen. Und die Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag. Weiteres Blutvergießen gilt als unvermeidbar.

Myanmar braucht Hilfe von außen

Aus genau diesem Grund haben sich Aktivist:innnen nun offiziell an die internationale Staatengemeinschaft gewandt. Nach dem bisher blutigsten Tag seit Beginn der Auseinandersetzungen, bei dem Polizei und Sicherheitskräfte mit scharfer Munition in die Menge der Demonstranten in Rangoon, Dawei, Mandalay, Myeik, Bago und Pokokku geschossen hatten, sagte Dr. Sa Sa, Myanmars Sondergesandter bei der UNO: „Es ist an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft handelt, um unser unschuldiges, wehrloses Volk zu schützen, das es wagt, sich gegen diese Schurken zu erheben, die jetzt unser Land kontrollieren.“ Denn „es ist die Armee, die Verbrechen begeht. Sie sind diejenigen, die sich einer wirklichen Anklage und internationaler Gerechtigkeit in Den Haag [am Internationalen Gerichtshof] stellen müssen, sie sind diejenigen, die im Gefängnis sein sollten.“

Nur „ziviler Ungehorsam“ oder doch mehr?

Oberflächlich betrachtet scheint der Volksaufstand führerlos und Ausdruck einer Bestrebung der Jugend zu sein – die meisten Demonstrierenden sind unter 30 Jahre alt. Aber die Bewegung des „zivilen Ungehorsams“ umfasst mehr. Die Proteste drehen sich zum größten Teil um die Freilassung Suu Kyis und die Aufforderung an das Militär, sich an die Wahlergebnisse vom November zu halten, bei denen Suu Kyis NLD überzeugend die Mehrheit der Stimmen gewann.

Gerade für Kinder kann der Arbeitsstop unter den Beamten negative Auswirkungen haben. (© WCM)
Gerade für Kinder kann der Arbeitsstop unter den Beamten negative Auswirkungen haben. (© WCM)

Darüber hinaus streiken vor allem Myanmars Beamt*innen – die Ärzt*innen, Krankenschwestern und Gesundheitsarbeiter*innen, die vor vier Wochen die Kampagne des zivilen Ungehorsams initiiert haben – für den Schutz der Demokratie. Myo Win, Aktivist und geschäftsführender Direktor der Smile Education and Development Foundation, erklärte: „Es ist viel umfassender: Es geht darum, den Übergang zur Demokratie zu vollenden, die Verfassung von 2008 zu zerreißen und sie durch einen demokratischen, föderalen Staat zu ersetzen und die Militärdiktaturen für immer zu beenden.“ Die Verfassung von 2008 erlaubt es dem militärischen Oberbefehlshaber, in extremen Fällen die Macht zu übernehmen.

Alles steht still

Dabei hat die aktuelle Lage katastrophale Auswirkungen auf das Land. Die Banken sind zu, die Regierungsbüros leer und die Treibstoffvorräte des Landes gehen bedrohlich zur Neige. Krankenhäuser, Universitäten und Schulen sind größtenteils geschlossen, ebenso die meisten Fabriken. Myanmar ist praktisch zum Stillstand gekommen.

In der aktuellen Situation sind Treffen der Selbsthilfegruppen kaum möglich. (© WCM)
In der aktuellen Situation sind Treffen der Selbsthilfegruppen kaum möglich. (© WCM)

Auch die Arbeit des Kindernothilfe-Partners World Concern Myanmar im Shan-Staat ist betroffen, die auf die Stärkung der Frauen, die Umsetzung der Kinderrechte und die Minderung der extremen Armut abzielt. Es gibt zwar eine entsprechende Vereinbarung mit dem Gesundheitsministerium, die die Fortsetzung der Projektaktivitäten gewährleistet. Aber die tagtägliche Arbeit vor allem auf Gemeindeebene und mit den Selbsthilfegruppen, ebenso Schulungen und Hausbesuche, werden nur nach sorgfältiger Abwägung der aktuellen politischen Situation fortgesetzt. Was nicht über das Internet abgewickelt werden kann, ist nur sehr eingeschränkt möglich. Das beeinflusst die bisherigen Fortschritte in den betroffenen Gemeinden. Das gesteigerte wirtschaftliche Wohlergehen und die erhöhte Stabilität in den Familien sind gefährdet. Damit erhöht sich wiederum das Risiko für Kinderarbeit und Frühverheiratung, also die Wahrscheinlichkeit von Kinderrechtsverletzungen.

Hat der Militärputsch den demokratischen und gesellschaftlichen Wandel beendet? (© WCM)
Hat der Militärputsch den demokratischen und gesellschaftlichen Wandel beendet? (© WCM)

Hoffnung für Myanmar?

Derzeit ist eine Entspannung der Situation jedoch nicht in Sicht. Denn das Vorgehen des Militärs wird immer aggressiver und die Aktivist*innen werden nicht aufhören, sich dagegen zu stellen. „Wir müssen die Armee weiterhin daran erinnern, dass wir nicht aufgeben. Wir gehen nicht weg und wir werden ihre Bemühungen, das Land zu regieren, weiterhin bei jeder Gelegenheit vereiteln“, so Dr. Sa Sa.

In dem südostasiatischen Vielvölkerstaat vergeht seit dem Militärputsch vom 1. Februar kaum ein Tag ohne Massendemonstrationen und Militärgewalt. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, das Leben ist zum Stillstand gekommen. Denn die Bevölkerung ist nicht gewillt, die Aberkennung des Parlame[...]

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7. März 2021

Frauen, die Geschichte schrieben

Malala Yousafzai, Clara Zetkin, Emmeline Pankhurst, Eglantyne Jebb, Wangari Maathai. Sie alle haben sich in ihrem Leben für die Rechte anderer stark gemacht: die Rechte von Mädchen, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Kinder- und Menschenrechte und das Recht auf eine nachhaltige Umwelt. Diese bemerkenswerten Frauen haben durch ihr entschlossenes und unermüdliches Engagement – im wahrsten Sinne des Wortes – Geschichte geschrieben und den Alltag von uns allen maßgeblich mitgeprägt.

Malala Yousafzai setzte ihr Leben im Kampf für die Rechte der Mädchen aufs Spiel (© SN040288 / Shutterstock.com)
Malala Yousafzai setzte ihr Leben im Kampf für die Rechte der Mädchen aufs Spiel (© SN040288 / Shutterstock.com)

Malala Yousafzai aus der pakistanischen Stadt Mingora war gerade mal elf Jahre, als sie ihr Engagement für die Rechte von Mädchen in Pakistan begann. In einem Blog-Tagebuch für den Nachrichtensender BBC erzählte die Tochter eines Schuldirektors über das Terrorregime der Taliban in ihrer Heimat und die Folgen für ihre Altersgenossinnen. Als es zur Schließung ihrer Mädchenschule kam, setzte sich Malala aktiv für ihr Recht auf Bildung ein. 2012 wäre sie beinahne einem Schussattenta zum Opfer gefallen. Aber sie überlebte und teilte ihre Geschichte mit der ganzen Welt: „Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten.“

2013 wurde sie mit dem internationalen Kinder-Friedenspreis ausgezeichnet, 2014 erhielt sie den Friedensnobelpreis und 2017 wurde sie zur UN-Friedensbotschafterin ernannt. Mit nur 19 Jahren ist die jüngste Friedensnobelpreisträgerin und auch die jüngste UN-Friedensbotschafterin der Welt.

Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.

Malala Yousafzai

Malala Yousafzai gilt weltweit als Symbolfigur für Gleichbehandlung, Freiheit und Bildung für Frauen und Mädchen.

Nicht das Lippenbekenntnis, nur das Leben und Handeln adelt und erhebt.

Clara Zetkin

Clara Zetkin wurde 1857 in Wiederau, Sachsen geboren. Sie wuchs in einem kleinbürgerlichen Umfeld auf und kam sehr früh mit der deutschen Frauen- und der Arbeiterbewegung in Berührung. Nach Abschluss ihrer Ausbildung als Fachlehrerin für moderne Sprachen unterrichtete sie als Hauslehrerin. Ab 1890 übersetzte sie für die sozialdemokratische Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“, die sie später als Chefredakteurin leitete und bis 1917 herausgab.

Die bekennende Sozialistin setzte sich intensiv für einen Acht-Stunden-Arbeitstag, das Wahl- und Stimmrecht, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, ausreichenden Mutter- und Kinderschutz und die Gleichstellung der Frau im Arbeitsschutzgesetz ein. Auf ihre Initiative hin fanden ab 1900 parallel zu den Parteitagen Frauenkonferenzen statt. Als die sozialdemokratische Führung diese Versammlungen 1910 verhinderte, rief sie den Internationalen Frauentag* ins Leben.

Die radikale Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst setzte das Wahlrecht für Frauen in England durch (© Alexander-Glover / Shutterstock.com)
Die radikale Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst gilt als Wegbereiterin für das Frauenwahlrecht (© Alexander-Glover / Shutterstock.com)

Emmeline Pankhurst wurde 1858 in Manchester geboren. Bereits in jungen Jahren setzte sie sich entschlossen für die Rechte der Frauen in England ein. Sie hatte durch ihre Tätigkeit als Fürsorgerin “das Elend und Unglück der männergemachten Welt” kennengelernt und wollte dies nicht länger hinnehmen. 1903 gründete sie die „Womens Social and Political Union“, den radikalsten Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in Großbritannien. Zentrales Anliegen war ihr die Durchsetzung des Frauenwahlrechts. Dafür trat sie in den Hungerstreik, organisierte Massendemonstrationen, setzte Häuser in Brand und wurde verurteilt. 1918 hatte sie es geschafft: Frauen ab dem 30. Lebensjahr durften wählen.

Wenn es für Männer richtig ist, für ihre Freiheit zu kämpfen, ist es auch für Frauen richtig, für ihre Freiheit und die ihrer Kinder zu kämpfen.

Emmeline Pankhurst

Es ist für uns als Menschen ausgeschlossen, dass wir zusehen, wie Kinder sich zu Tode hungern, ohne uns zu bemühen, ihnen zu helfen.

Eglantyne Jebb

Eglantyne Jebb wurde 1876 in einer Kleinstadt in Midlands, Großbritannien geboren und wuchs behütet in einer wohlhabenden Familie auf. Aber bereits mit 8 Jahren entwickelte sie ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit: „Die Welt ist falsch“. Gegen den Willen ihres Vaters studierte sie Geschichte und unterrichte ab 1899 in einem Arbeiterviertel Klassen mit bis zu 60 ungewaschenen, desinteressierten Kindern. Nach nur 2 Jahren gab sie ihren Beruf wieder auf und konzentrierte sich auf karitative Tätigkeiten. Sie machte es sich zur Aufgabe, benachteiligten Menschen organisiert zu helfen. Dafür reiste sie immer wieder in Länder, in denen Menschen unter Kriegen litten oder flüchten mussten.

Die überzeugte Kriegsgegnerin kämpfte unerschrocken für die schutzlosesten Opfer, die Kinder. 1919 gründete sie die Organisation Save the Children. Nur wenige Jahre später machte sie sich beim Völkerbund für die Verabschiedung einer internationalen Konvention über die Rechte von Kindern stark. 1922 formulierte sie eine fünf Punkte umfassende Charta für Kinder, die Grundlage für die „Genfer Erklärung“ von 1924 und Vorstufe zur UN-Kinderrechtskonvention.

Eglantyne Jebb starb 1928, 61 Jahre vor der endgültigen Verabschiedung der Kinderrechte, als deren Großmutter sie heute gilt.

Die Frauen- und Umweltaktivistin Wangari Maathai wird in Kenia auch "Mutter der Bäume" genannt (© s_bukley / Shutterstock.com)
Die Frauen- und Umweltaktivistin Wangari Maathai wird in Kenia auch „Mutter der Bäume“ genannt (© s_bukley / Shutterstock.com)

Wangari Maathai wurde 1940 in Nyeri, Kenia geboren. Sie studierte Biologie und schloss mit dem Doktortitel in Veterenärmedizin ab. Damit war sie die erste promovierte Frau in Ostafrika und bald darauf die erste Dekanin.

In den 1970ern begann sie, sich aktiv für Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau, sowie Umweltschutz einzusetzen. 1977 rief sie das Green Belt Movement ins Leben. Die Aufforstungsinitiative, die anfänglich vor allem von Frauen der ärmsten Bevölkerungsschicht umgesetzt wurde, hat Kenia bisher über 30 Millionen neu gepflanzte Bäume gebracht. Und den kenianischen Frauen ein neues Selbstverständnis. Die Umwelt- und Frauenrechtsaktivistin hatte es geschafft, Mütter unterernährter Kinder zu mobilisieren: Sie zeigte ihnen, wie sie zu Saatgut kamen, wie sie Samen anpfanzen mussten und wie sie ihre Setzlinge schützen konnten. So konnten sie aus eigener Kraft gegen die Armut ihrer Familien und die Entwaldung Kenias ankämpfen.

Es kostete mich viele Tage und Nächte, meine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass Frauen ihre Umwelt ohne viel Technologie oder finanzielle Ressourcen verbessern können.

Wangari Maathai

Mama Miti (Suaheli: Mutter der Bäume) erhielt 1984 den Alternativen Nobelpreis und 2004 sogar den Friedensnobelpreis. „Der Baum wurde zum Symbol des demokratischen Kampfes in Kenia“, sagte sie in ihrer Nobelpreisrede.

Wenn wir weltweit operieren, werden wir in der Lage sein, eine Zivilisation zu begründen, die unermesslich fröhlicher und sicherer ist als die aktuelle.

Eglantyne Jebb

* Der erste Internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Es beteiligten sich Millionen von Frauen. Seit 1921 wird der Tag am 8. März begangen und soll an den Streik der Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Petersburg während der russischen Revolution 1917 erinnern.

Malala Yousafzai, Clara Zetkin, Emmeline Pankhurst, Eglantyne Jebb, Wangari Maathai. Sie alle haben sich in ihrem Leben für die Rechte anderer stark gemacht: die Rechte von Mädchen, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Kinder- und Menschenrechte und das Recht auf eine nachhaltige Umwelt[...]

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