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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

27. November 2020

Chile: „Jetzt erwartet uns der steilste Teil des Weges“

Eines der weltweit brutalsten neoliberalen Modelle könnte endlich überwunden werden. Denn mit ihrem historischen Votum im Oktober verbanden hunderttausende Chilenen, die durch ihre Proteste seit dem „estallido social“, dem Beginn der Massendemonstrationen vor einem Jahr, diesen Volksentscheid erzwungen hatten, die Erwartung, endlich in einem Land leben zu können, in dem Menschenrechte garantiert, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchgesetzt, bürgerschaftliche Teilhabe ermöglicht und die Rechte der indigenen Bevölkerung anerkannt werden.

Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: "Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause." (Foto: Kindernothilfepartner)
Chiles Kinder gehen in eine neue Zukunft: „Lass nicht zu, dass diese Pandemie Dein Herz traurig macht. Dieses Virus werden wir gemeinsam besiegen #bleib zu Hause.“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Gerade einmal viereinhalb Wochen ist es her, seit fast 80 Prozent der Wahlberechtigten in Chile in einem Referendum für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung – und somit für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten und bis heute geltenden Magna Carta stimmten. Ein ähnliches Erdrutschergebnis gab es auch bei dem zweiten Votum vom 25. Oktober, der Entscheidung, dass es ausschließlich ein eigens für diese Aufgabe demokratisch zu wählender Konvent sein soll, der die neue Verfassung innerhalb von zwölf Monaten erarbeitet – und eben nicht, wie von Präsident Piñera favorisiert, eine Mischstruktur aus bereits amtierenden Parlamentariern, ergänzt durch zusätzliche Delegierte.

Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Alles mit Mundschutz: Chilenin am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung in einer Schule im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)

Die Kindernothilfe-Partner in Chile hatten in den Monaten vor dem Plebiszit klar Position bezogen und für die Teilnahme an dem Volksentscheid mobilisiert. Darüber, wie sich die Lage vor Ort jetzt darstellt, sprachen wir mit José Horacio Wood und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE.

Kindernothilfe: Auf der ganzen Welt waren die Menschen beeindruckt, mit welcher Entschlossenheit und vor allem, wie eindeutig die Chileninnen und Chilenen am 25. Oktober für einen Neuanfang votierten – und somit einen Bruch mit dem alten System wollten. Wie nehmt Ihr die Stimmung heute, einen Monat nach diesem historischen Tag, wahr?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten, die Menschen in den Armenvierteln, auf die sich das Engagement der Kindernothilfe-Partner konzentriert, die Jugendlichen und auch die Kinder erlebten diesen geschichtlichen Moment sehr intensiv, voller Hoffnung, voller Enthusiasmus. Einen Monat danach ist immer noch der Stolz darüber zu spüren, hier dabei gewesen zu sein. Aber der Optimismus dieser magischen Nacht vom 25. auf den 26. Oktober schlägt mittlerweile in Ernüchterung um. Den Menschen wird bewusst, dass der steilste Teil des Weges noch bevorsteht. Mir persönlich wäre es sehr wichtig gewesen, bei diesem Volksentscheid gerade in den Vierteln der ärmeren Menschen eine deutlich höhere Wahlbeteiligung zu erreichen. Das ist leider nicht gelungen: Am Ende mussten wir uns eingestehen, dass fast die Hälfte der Chileninnen und Chilenen nicht an der Abstimmung teilnehmen wollte.

Claudia Vera: Und mit jedem Tag wird jetzt auch deutlicher, mit welcher Strategie sich die Parteien, die historisch bis zum bitteren Ende hinter dem Pinochet-System standen, das zum Teil bis heute tun und die jetzt seit März 2018 erneut die Regierungskoalition hinter Präsident Sebastian Piñera bilden, für den Verfassungsprozess aufstellen. Sie haben erreicht, dass die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 11. April 2021 nach ihren Regeln und mit einem sie begünstigenden Auszählverfahren ablaufen werden. Weil sie mit einer gemeinsamen Liste antreten, sind die Chancen groß, dass es ihnen gelingt, die Sperrminorität zu bilden, die sie benötigen, um alle tiefgreifenden Veränderungen abzublocken. Die Mittel-Links-Parteien der Opposition sind hingegen – wie üblich – zerstritten. Hinzu kommt, dass sie über ihren Schatten springen müssten, um den sozialen Bewegungen, Stadtteilorganisationen und engagierten Basisgruppen eine faire Teilhabe und entsprechende Listenplätze für die Wahlen zum Verfassungs-Konvent anzubieten. Was wir in dieser Phase ebenfalls schmerzhaft vermissen, ist eine heilsame Selbstkritik eben dieser „Concertación“-Parteien beim Blick auf ihre eigene Rolle während der drei Jahrzehnte seit dem Ende des Pinochet-Regimes. Ganz viele Menschen misstrauen der politischen Klasse zutiefst. Und das macht es jetzt, wo es so entscheidend darauf ankommt, Bündnisse zu schmieden, gemeinsame Wahllisten zu erstellen und am 11. April 2021 mit dem Rückhalt durch eine ganz breite zivilgesellschaftliche Basis die Wahlen zur „constituyente“ zu gewinnen, so unendlich schwer, einander zu vertrauen.

Kindernothilfe: Das klingt aber nicht sehr ermutigend! Gibt es denn irgendwelche Perspektiven, um den Enthusiasmus rund um das Plebiszit vom 25. Oktober doch noch bis in den nächsten April zu tragen? Was wären die Voraussetzungen dafür?

Claudia Vera: Ganz viel hängt jetzt von der Zivilgesellschaft und dabei ganz besonders von Organisationen wie den „cabildos“ und „asambleas territoriales“ (Nachbarschaftsversammlungen) ab; davon, ob es ihnen gelingt, den Parteien, die in Chile nicht zum Lager der Pinochet-Apologeten und Verteidigern der „alten Ordnung“ gehören, ein Bekenntnis zu den unveräußerlichen Elementen, die in der neuen Verfassung stehen müssen, abzuringen. Ganz entscheidend wird es darauf ankommen, das Prinzip eines „subsidiär“ handelnden Staates, der eben nur dann unterstützend einspringt, wenn alle anderen – privaten – Ressourcen aufgebraucht sind oder nicht greifen, durch einen echten Rechts- und Sozialstaat zu ersetzen, in dem Bürgerinnen und Bürger nicht Bittsteller sind, denen je nach politischer Konjunktur und Kassenlage irgendwelche „Wohltaten“ zugestanden werden, sondern die Beziehung zwischen Staat und Bürgern auf verbrieften Rechten beruht, die notfalls vor ordentlichen Gerichten eingeklagt werden können. Die rechten Parteien benutzen in ihrem Diskurs seit Neuestem den Begriff des „solidarischen Staates“. Aber das ist nur ein Euphemismus, weil es ihnen erneut genau nicht darum geht, dass Menschen Rechte haben. Stattdessen lässt der „solidarische Staat“ einem Untertan bestenfalls eine Wohltat zukommen – oder eben auch nicht.

Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)
Lebensmittelunterstützung im Projekt „La Victoria“ in Santiago. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Gab es während den langen Monaten der Corona-Pandemie in Chile Beispiele für diesen Grundkonflikt?

José Horacio Wood: Mir fällt da als Allerersten die öffentlichkeitswirksam inszenierte Verteilaktion von Kartons mit etwas Lebensmitteln und ein paar Hygiene-Artikeln in den Armenvierteln ein. Das war eine typische Regierungsaktion für die Fernsehkameras. Der Staat schenkt Familien einen Karton mit etwas zum Essen. Und, wer leer ausgeht, hat eben Pech gehabt. Das Ganze dauerte dann ja auch gerade mal zwei Wochen. Danach hat die Regierung das Interesse schnell wieder verloren. Viel nachhaltiger und wirkungsvoller wäre gewesen, den Familien durch die monatliche Überweisung eines Geldbetrags auf das Basiskonto, das alle Chileninnen und Chilenen bei der Staatsbank haben, etwas Luft zu verschaffen und die Möglichkeit zu geben, selbst darüber zu entscheiden, welche Ausgaben in der deprimierenden Lockdown-Situation am dringendsten ist. In Europa haben die Menschen ein Recht auf Grundsicherung. So etwas kennt das „Modell Chile“ nicht. Angesichts der verzweifelten Situation gab es dann auch nur ein einziges Mal in über sechs Monaten doch noch einen Scheck über 60.000 Pesos (rund 65 Euro) für die Familien mit den niedrigsten Einkommen. Und nach erbitterten Auseinandersetzungen im Kongress stimmte die Regierung am Ende zu, dass diejenigen, die es während ihres Arbeitslebens geschafft hatten, Beiträge in die privaten Pensionsfonds einzuzahlen, 10 Prozent ihrer eigenen Ersparnisse abheben durften. Wer über keine Rentenfonds-Guthaben verfügt, blieb bei dieser Aktion außen vor. Zusammengefasst: Was die Menschen während dieser schrecklichen Pandemie so schmerzhaft vermissten, ist eine aktive, systematische Sozialpolitik – auf der Grundlage von Gesetzen.

Kindernothilfe: Spielt bei all diesen Diskussion auch das Thema der Kinderrechte eine Rolle? Gibt es Überlegungen, wie die Kinderrechte in die neue Verfassung einfließen sollen?

Claudia Vera: Was als Erstes erreicht werden muss, ist 30 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur endlich auch in Chile ein Kinderrechte-Statut zu verabschieden! Und ja, die Kinderrechte müssen unbedingt in die neue Verfassung! Wir haben den Eindruck, dass es darüber unter den demokratischen Kräften im Land einen breiten Konsens gibt. Kinder und Jugendliche spielen in den Diskussionen der Nachbarschaftsversammlungen eine relativ prominente Rolle, weil die dramatischen Zahlen von über 1300 Todesfällen, sowie 2071 Vergewaltigungen und anderer schwerer Sexualdelikte, die es nach einer Untersuchung der Kriminalpolizei in den zurückliegenden zwölf Jahren in Einrichtungen der staatlichen Kinder- und Jugendbehörde SENAME gegeben hat, regelrechte Schockwellen auslösten. Das hat, zusammen mit der andauernden, systematischen Polizeibrutalität gegen Kinder und Jugendliche ganz viele Menschen aufgerüttelt.

José Horacio Wood: Und es gibt die Forderung, in Chile eine nationale Kinderrechtskommission zu schaffen, die an allen Gesetzgebungsverfahren beteiligt wird. Wir erhoffen uns aber auch einen Durchbruch bei der Entwicklung einer neuen Bildungspolitik. Es geht um einem Paradigmenwechsel, um die Forderung nach einer Bildung mit Qualität für alle Kinder, einer Schulbildung, die aufhört, in den Klassenzimmern wie seit 40 Jahre extreme soziale Unterschiede zu reproduzieren und dadurch das neoliberale System zu verewigen. Aber es geht auch darum, dass Politikerinnen und Politiker in diesem Land endlich aufhören, Jugendliche zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Eine ganz wichtige Komponente im neuen Verfassungstext muss das Wahlrecht ab 16 Jahren sein – verbunden mit ernsthaften, echten Beteiligungsmöglichkeiten für Kindern und Jugendliche bei der Debatte über die Themen, die ihnen politisch wichtig sind. Und dann dürfen wir, die Erwachsenen, nie vergessen, dass es Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche waren, die mit ihren Protesten beim „estallido social“ ab dem 18. Oktober 2019 unglaublich mutig genau die Bresche geschlagen haben, durch die am Ende diese Volksabstimmung vor einem Monat erst erzwungen wurde.

Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben "Quarantäne - aber mit Würde". (Foto: Kindernothilfepartner)
Nächtliche Protestaktion in Concepción, an der sich auch Teammitglieder aus dem „Agüita“-Projekt beteiligt haben „Quarantäne – aber mit Würde“. (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Um noch einmal ein anderes, wichtiges Thema anzusprechen: Bei den Protesten seit Oktober 2019 spielte auch die prekäre Situation älterer Menschen in Chile eine ganz wichtige Rolle. Wie wirkte sich die Covid-19-Pandemie auf diese Diskussion aus?

José Horacio Wood: Corona hat das noch einmal überdeutlich gemacht: Wir brauchen in diesem Land ganz, ganz dringend ein neues, gerechtes Rentenversicherungssystem! Das derzeitige, ausschließlich auf Zwangsbeiträgen von Versicherten, die in Aktienfonds investiert werden, gestützte Kapitaldeckungs-System der AFPs (Administradoras de Fondos de Pensiones) produziert nicht Altersarmut, sondern Alterselend. Deswegen muss am Ende dieses verfassungsgebenden Prozesses ein Vorschlag für ein neues System stehen, das sich auf einen vom Staat finanzierten Grundrentenanteil, ergänzt durch Arbeitgeberbeiträge und freiwillige Sparleistungen der Versicherten stützt.

Kindernothilfe: Neben dem von Euch genannten Fehlen von kohärenten sozialpolitischen Antworten auf diese Krise, an was lassen sich die Schleifspuren dieser furchtbaren Covid-19-Monate in Chile mit 550.000 Infizierten und 15.131 Verstorbenen (Stand 25.11.2020) dort, wo die Kindernothilfe-Partner in den Armenvierteln engagiert sind, am deutlichsten ablesen?

Claudia Vera: Die sicherlich gravierendste Konsequenz der Pandemie-Krise besteht darin, dass in Chile seit März mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Und das sind eben, wie immer in wirtschaftlich schwierigen Momenten, vor allem die Beschäftigungsmöglichkeiten der Geringverdienenden, der Menschen in den prekärsten Arbeitsverhältnissen, im Einzel- und Straßenhandel, auf Baustellen, bei informellen Dienstleistungen. Diejenigen, die es hier am allerhärtesten getroffen hat, sind Migrantinnen und Migranten aus anderen lateinamerikanischen Ländern: Peru, Bolivien, Haiti, Venezuela. Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Projekt „Niños sin Fronteras“ im Santiagoer Stadtteil Independencia berichten, dass unter den Familien, mit denen sie arbeiten, sieben von zehn komplett sämtliche Einkommensmöglichkeiten verloren haben. Im Armenviertel La Victoria, im Südwesten von Santiago, wo ein großer Teil der aus Haiti eingewanderten Familien lebt, ist die Situation zum Teil noch verheerender. Hier herrscht blanke Not, Hunger und Verzweiflung. Anders lässt sich die Situation nicht beschreiben. Aber nicht nur in den Armenvierteln, bis weit in die Mittelklasse hinein, kämpfen die Menschen darum, mit einem Bruchteil ihrer bisherigen Einkommen über die Runde zu kommen. Covid-19 hat die bereits zuvor dramatische Überschuldungskrise Hunderttausender privater Haushalte weiter verschärft. Und diese Existenzsorgen machen die Menschen krank, verursachen extremen Stress, innerfamiliäre Gewalt und Depressionen.

Die Kinder aus "La Victoria" in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Die Kinder aus „La VicDie Kinder aus „La Victoria“ in Santiago freuen sich über Kartoffeln, Mehl und Milch, die ihnen das Team des örtlichen Kindernothilfe-Partnerprojekts vorbeigebracht hat. (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Kindernothilfe: Die chilenische Regierung plant, erst im März 2021, nach den Sommerferien, wieder vollständig in allen chilenischen Schule mit dem Präsenzunterricht zu beginnen. Was hat die Covid-19-Pandemie mit dem Recht der Kinder auf Bildung gemacht?

José Horacio Wood: In Chile waren bereits vor Corona nirgendwo die Unterschiede zwischen Arm und Reich so extrem und so manifest, wie beim Blick in die Schulen. Und die Pandemie wirkte auf dieses Problem wie ein Brandbeschleuniger. Dadurch, dass es in den Armenvierteln der großen Städte, aber auch in vielen ländlichen Gemeinden immer noch nur ganz schlechte Zugangsmöglichkeiten zum Digitalunterricht gab und gibt, sprechen glaubwürdige Untersuchungen inzwischen davon, dass während der Lockdown-Monate der Kontakt zu über 100.000 Schülerinnen und Schülern komplett abgerissen ist. Unser Bildungssystem hat diese Kinder einfach verloren. Das ist eine Katastrophe in der Katastrophe!

Kindernothilfe: Aber was ist mit diesen Kindern passiert? Gibt es irgend eine Chance, sie doch wieder in die Schulen zurück zu holen?

José Horacio Wood: Die Teams in den Projekten berichten – und sozialwissenschaftliche Untersuchungen untermauern diese Beobachtung -, dass sich ganz viele Kinder, zum Teil Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige, irgendwelche Jobs suchen, um etwas Geld zu verdienen. Und weil 59 Prozent aller Familien in Chile angeben, dass sich durch Corona ihre Einkommen empfindlich verringert haben, ist natürlich jeder Peso willkommen, um die finanzielle Lage zu verbessern. Die Erfahrungen aus Phasen früherer wirtschaftlicher Einbrüche in Chile zeigen, dass es ungeheuer schwierig ist, Kinder, die die Unterrichtsroutine verloren haben, die aus der Struktur des täglichen Lernens – und aus dem sozialen Gefüge, das Schule ermöglicht, herausgefallen sind, zu motivieren, wieder in ein Klassenzimmer zurück zu kehren. Hier erwächst den Partnerprojekten von ANIDE und Kindernothilfe eine fundamental wichtige Aufgabe.

Kindernothilfe: Wie gehen die Kolleginnen und Kollegen in den Projekten vor? Welche Strategien entwickeln sie?

Claudia Vera: Ganz entscheidend ist, so intensiv es irgendwie möglich ist, den Kontakt zu den Kindern zu halten! Denn genauso wie die Schulen in den Armenvierteln sind natürlich auch die Räumlichkeiten der Partnerorganisationen Corona-bedingt geschlossen. Deshalb spielt sich ganz viel über Handys – und dort, wo es Glasfaserverbindungen gibt, über das Internet, über social media-Kanäle ab. Alle Teams arbeiten von zu Hause aus, größtenteils nach klar strukturierten Aufgabenplänen, mit Priorität auf diejenigen Kinder, deren Situation am problematischsten, deren Bedingungen am prekärsten sind. Aber zu allen Mädchen und Jungen, zu allen Jugendlichen aus den Kindernothilfe geförderten Programme gibt es kontinuierlichen Kontakt. Hier ist die zusätzliche Unterstützung, die Kindernothilfe zur Verfügung stellt, von entscheidender Bedeutung: Da können Telefonkarten bezahlt werden, einfache Handys angeschafft, Unterrichts- und Schulmaterial heruntergeladen – und dort, wo es in den Familien keine Tablets und Computer gibt, Arbeits- und Unterrichtsblätter ausgedruckt und verteilt werden. Die psychologische Sicherheit für die Kinder, sich darauf verlassen zu können, dass die Projektteams selbst in den schwierigsten Momenten präsent sind, niemand vergessen wird, ist unendlich wichtig, Ansprechpartner zu haben, wenn die Erwachsenen die Kontrolle verlieren, der Stress aus dem Ruder läuft, nur noch herumgebrüllt wird. Aber dann gibt es auch ganz elementare Interventionen, etwa für Migrantenfamilien aus den Armenvierteln La Victoria und Independencia Unterstützung, um die Miete, die Strom- oder die Wasserrechnung bezahlen zu können – und nicht inmitten der Pandemie auf der Straße zu landen. Wichtig ist natürlich auch, den Kontakt mit den Eltern zu halten, auch mit ihnen im Gespräch zu bleiben, am Thema „buen trato“, guter Umgang mit den Kindern, weiter zu arbeiten.

Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)
Team des Partnerprojektes „Belén el Cobre“ in Peñalolén (Foto: Kindernothilfepartner)

Kindernothilfe: Und wie motivieren sich die Teams aus den Projekten in dieser schwierigen Situation? Wie verarbeiten sie die Kriseninterventionen, die sie zu schultern haben?

Claudia Vera: Wir beobachten, dass die Kolleginnen und Kollegen aus den Projekten in dieser Zeit enger zusammengewachsen sind, die Arbeit im Team noch wichtiger geworden ist. So erstaunlich es klingt, es hat in diesen schweren neun Monaten, die hinter uns liegen, praktisch keine Kündigungen und Personalwechsel gegeben. Das Bewusstsein, den Kindern wirkungsvoll helfen zu können, weil eben die Unterstützung durch die Kindernothilfe und auch den chilenischen Kindergartenverband JUNJI weitergeflossen ist, hat ganz viele Kräfte mobilisiert. Und durch die zusätzlichen Humanitäre Hilfe-Projekte der Kindernothilfe gelang es in vielen Familien, die extremsten Krisensituationen zu entschärfen. Wir nehmen in den Teams ein ganz hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und eine beeindruckende Motivation wahr! Und dann gibt es ja auch die tollen Momente, in denen es gelingt, die Kinder – und sei es am Handy – zum Lachen zu bringen, mit ihnen über das Internet zu spielen, online-Techniken für witzige, kreative Aktionen, an denen mehrere Kinder beteiligt sind, auszuprobieren.

Kindernothilfe: Was wäre denn für Euch ein positiver Aspekt, der sich diesen heftigen, belastenden Monaten seit März abgewinnen ließe?

José Horacio Wood: Wir sehen uns, so kurios das klingt, deutlich mehr mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Projekt-Teams als vor der Pandemie. Natürlich nur im Internet, aber das ist schon eine neue Erfahrung, über Monate hinweg ganz, ganz intensiv und nahe an der Situation der Kinder, der Familien und der Nachbarschaften rund um die Projekte dran zu sein – und dabei eben auch gefordert zu werden. Unsere Arbeit hat sich in diesen Monaten stark verändert, sie ist intensiver, herausfordernder geworden – und es fällt oft noch schwerer als früher, sich auch wieder ausklinken zu können. Trotzdem sind wir fest entschlossen, diese motivierende Nähe zu den Teams auch in die Zeit nach Corona zu retten!

Das Interview führte Jürgen Schübelin mit Claudia Vera und José Horacio Wood vom Kindernothilfepartner in Chile Fundación ANIDE: Kindernothilfe-Partner zwischen Zuversicht und Ernüchterung / Corona und die Folgen.

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27. Oktober 2020

Chile steht vor einem politischen Neuanfang

Das Wort „Erdrutschsieg“ wirkt fast wie eine Untertreibung: Mit einem solch eindeutigen Ergebnis hatte selbst unter den größten Enthusiasten für einen politischen Neuanfang in Chile niemand gerechnet.

Chile jubelt
Chile jubelt

78,27 Prozent der an der Volksabstimmung vom Sonntag teilnehmenden Chileninnen und Chilenen votierten für die Ablösung der 1980 vom Pinochet-Regime oktroyierten alten und die Erarbeitung einer neuen Verfassung, nur 21,73 Prozent dagegen. Und auch bei der zweiten zur Entscheidung anstehenden Frage, danach, wer diese neue Verfassung denn jetzt verfassen soll, war die Antwort eindeutig: Nur 21,01 Prozent unterstützten das von der Regierung propagierte Modell, die zukünftige Magna Carta von einem Gremium erarbeiten zu lassen, das sich zur Hälfte aus aktiven Mandatsträgern und zur anderen Hälfte aus für diesen Zweck zu wählenden Delegierten zusammensetzt. Stattdessen sprachen sich 78,99 Prozent der Abstimmenden dafür aus, einen Verfassungskonvent zu wählen, in dem nicht Berufspolitikerinnen und -Politiker den Ton angeben, sondern Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft. An dem historischen Plebiszit vom Sonntag beteiligten sich nicht nur die in Chile lebenden Stimmberechtigten, sondern über die Botschaften und Konsulate auch die chilenische Diaspora-Gemeinde in der ganzen Welt. Hier waren die Ergebnisse zum Teil noch eindeutiger: In Österreich entfielen 86,05 Prozent auf „apruebo“, also die Entscheidung für eine neue Verfassung, in der Schweiz 87,82 %, in Deutschland waren es 89,58 Prozent – und in Berlin, wo eine der größte Chile-Communities in Europa lebt, sogar 94,73 % (Alle Angaben: Servicio Electoral de Chile – servel.cl).

José Horacio Wood, der Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Partnerorganisation Fundación ANIDE, beschrieb die Gefühlslage unter den Projektteams im Partnerland am Montagnachmittag so: „Wir sind überglücklich über dieses derart eindeutige Votum für eine neue Verfassung – und darüber, dass das jetzt über einen partizipativen Prozess durch eine komplett neu zu wählende verfassungsgebenden Versammlung geschehen soll. Aber“, so Wood weiter, „jetzt beginnt der schwierigste Teil dieses Weges: Es geht darum, dass diese Verfassungskonvention so zusammengesetzt ist, dass es am Ende wirklich gelingt, die Menschenrechte und die sozialen Rechten zu garantieren, Prinzipien eines Sozial- und Rechtsstaats durchzusetzen, bürgerschaftliche Teilhabe zu garantieren, die Rechte der indigenen Bevölkerung endlich anzuerkennen – und die Privatisierung von Gemeinschaftsgütern wie Wasser rückgängig zu machen.“

Das Wort "Erdrutschsieg" wirkt fast wie eine Untertreibung: Mit einem solch eindeutigen Ergebnis hatte selbst unter den größten Enthusiasten für einen politischen Neuanfang in Chile niemand gerechnet. Chile jubelt 78,27 Prozent der an der Volksabstimmung vom Sonntag teilnehmenden Chileninne[...]

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24. Oktober 2020

Demokratischer Neubeginn in Chile?

Die Hoffnung lebt: Fast 15 Millionen wahlberechtigte Chileninnen und Chilenen stehen an diesem Sonntag vor der wohl wichtigsten Entscheidung seit dem legendären Plebiszit vom 5. Oktober 1988. Für oder gegen eine neue Verfassung? Sowie darüber, wer diese Verfassung ausarbeiten soll?

Aufstände im Oktober 2019 in Chile. (Foto: Jürgen Schübelin)
Aufstände im Oktober 2019 in Chile. (Foto: Jürgen Schübelin)

Vor mehr als 30 Jahren ging es um die Frage, ob Diktator Pinochet weitere neun Jahre uneingeschränkt herrschen kann – oder stattdessen ein demokratischer Übergangsprozess eingeleitet wird. Zur Überraschung des Regimes gewann das „No“. Die Militärs mussten abtreten. Heute steht die Entscheidung darüber an, die von dem Pinochet-Regime 1980 oktroyierte Verfassung mit ihren starren, autoritären Korsettstangen – kombiniert mit einem ultra-neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell – endlich überwinden zu können.

Zur Option stehen zwei Modelle: Ein gemischtes Gremium, das sich zur Hälfte aus Parlamentsabgeordneten und zusätzlich zu wählenden Delegierten zusammensetzt – oder eine ausschließlich für diese Aufgabe neu zu wählende verfassungsgebende Versammlung mit breiter Beteiligung aus der Zivilgesellschaft. „Dass dieser Prozess jetzt endlich überhaupt in Gang kommt, erfüllt uns mit Enthusiasmus“, sagt José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation Fundación ANIDE in Santiago de Chile. „Worauf es jetzt ankommt“, so José Horacio, „ist, die Menschen zu mobilisieren, am Sonntag zur Abstimmung zu gehen – und so einen klaren Unterschied zu den Präsidentschaftswahlen vom November 2017, als sich gerade einmal 46,7 Prozent der Stimmberechtigten beteiligten, zu markieren. Ich hoffe inständig, dass wir das schaffen!“ Seine Kollegin Claudia Vera, Programm- und Projektkoordinatorin im ANIDE-Team, fügt hinzu: „Die Menschen hier in den Vierteln sind voller Zuversicht! Hoffentlich gelingt es uns endlich, ein demokratisches Chile zu schaffen, um das wir seit Jahrzehnten kämpfen, mit mehr Chancengleichheit, sozialer Gerechtigkeit und einem funktionierenden Rechtsstaat.“         

Demokratie, Du gefällst mir, aber … Du wirkst irgendwie abwesend…

Es war die chilenische Zivilgesellschaft und all diejenigen, die sich seit einem Jahr an den Massenprotesten im ganzen Land  – genannt „Estallido Social“ – beteiligten, die der rechtskonservativen Regierung des Multimilliardärs Sebastian Piñera dieses Verfassungsreferendum abrangen. Ursprünglich hätte die Volksabstimmung bereit am 26. April stattfinden sollen. Wegen der Corona-Pandemie entschied die Regierung jedoch, das Plebiszit auf den 25. Oktober zu verschieben. Auslöser des „Estallido Social“ waren am 18. Oktober 2019 die Erhöhung der Ticketpreise für die Metro von Santiago gewesen, kombiniert mit empfindlichen Preissteigerungen bei den Stromrechnungen. Sehr schnell richteten sich die Proteste im Oktober 2019 gegen die – an den hohen Lebenshaltungskosten gemessen – viel zu niedrigen Löhne im Land, gegen die hohen Kosten für Bildung und Gesundheit und die seit dem Ende des Militärregimes 1990 kontinuierlich weiter gewachsene Kluft zwischen Arm und Reich. Auf ihrem Höhepunkt beteiligten sich mehr als eine Million Menschen an Protestkundgebungen – und machten damit die „Estallido Social“-Demonstrationen zu größten in der Geschichte des lateinamerikanischen Landes.

Ein Jahr Estallido Social in Chile - die Protagonistinnen und Protagonisten könnten nicht unterschiedlicher sein. (Foto Jürgen Schübelin)
Ein Jahr Estallido Social in Chile – die Protagonistinnen und Protagonisten könnten nicht unterschiedlicher sein. (Foto Jürgen Schübelin)

Neben der Ablehnung des neoliberalen Wirtschaftssystems ging es dabei von Anfang an um die Forderung nach einer demokratischen Verfassung, die das vom Pinochet-Regime in den achtziger Jahrenoktroyierte Grundgesetz ersetzten sollte. 36 Menschen verloren während der zurückliegenden zwölf Monate bei den immer brutaler geführten Auseinandersetzungen zwischen Spezialkräften der Polizei und Demonstrierenden das Leben, 11.600 Personen wurden – zum Teil sehr schwer – verletzt. Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 25.000 Verhaftungen seit dem Beginn der Protestwelle. Die exzessive Brutalität der Polizei, immer wieder gerade auch gegen Kinder und Jugendliche, beschäftigte sogar die Menschenrechtsgremien der Vereinten Nationen. Die Kindernothilfe-Partnerorganisationen in Chile meldeten sich – gemeinsam mit Kinderrechts-Netzwerken – lautstark öffentlich zu Wort – und prangerten Repression und Polizeiwillkür an.  

Die zurückliegenden zwölf Monate in Chile – mit all ihrer Dramatik und politischen Bedeutung weit über das südamerikanische Land hinaus – machten aber auch eindrucksvoll deutlich, welche Vitalität, Kreativität und Ausdauer Nachbarschaftsorganisationen, Frauenrechtsinitiativen, Berufsverbände, Indigenen-Bündnisse – und Initiativen von Schülern und Studierenden entwickelten, um diesen Prozess voranzutreiben. Eine ganz wichtige Rolle dabei spielten Künstlerinnen und Künstlern, die mit Theater und Musik, in literarischen Texten, mit Bildern – aber auch eindrucksvollen Filmen – den „Estallido Social“ reflektierten und dokumentierten. Einer dieser Dokumentarfilme, an dem 24 Chileninnen und Chilenen im Alter zwischen 16 und 73 Jahre mit ihren ganz unterschiedlichen Perspektiven und Visionen mitwirkten, wurde am 18. Oktober in Santiago online uraufgeführt. Bereits der Trailer dieses Films ist sehenswert und die ausgewählten Bilder und Szenen sprechen einfach für sich:  

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Die Hoffnung lebt: Fast 15 Millionen wahlberechtigte Chileninnen und Chilenen stehen an diesem Sonntag vor der wohl wichtigsten Entscheidung seit dem legendären Plebiszit vom 5. Oktober 1988. Für oder gegen eine neue Verfassung? Sowie darüber, wer diese Verfassung ausarbeiten soll? Aufstände [...]

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22. Oktober 2020

Was uns Entwicklungsländer über den Umgang mit Pandemien lehren können

Während die Industrieländer stark mit der Corona-Pandemie zu kämpfen haben, hat ein Großteil der Entwicklungsländer in aller Stille ein bemerkenswertes Maß an Bereitschaft und Kreativität gezeigt. Die Industrieländer schenken jedoch wenig Aufmerksamkeit. Doch das liegt nicht an fehlender Einsicht dafür, dass es Wissen und Know-how außerhalb der entwickelten Welt gibt. Es ist nur so, dass dieses Wissen angesichts der strukturellen Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nicht als relevant angesehen wird.

Zehn der 20 Länder mit der höchsten COVID-19-Sterblichkeitsrate pro Million Menschen sind in Europa. Die anderen zehn sind in Amerika. Dies schließt die USA ein, die die weltweit höchste Anzahl bestätigter Fälle und Todesfälle aufweisen. Der größte Teil Afrikas und Asiens scheint dagegen immer noch verschont zu sein. Von den Ländern mit gemeldeten COVID-Todesfällen befinden sich die zehn Länder mit der niedrigsten Todeszahl pro Million in diesen Teilen der Welt. Obwohl Fehler und Fehleinschätzungen die anhaltende Kritik Großbritanniens am Umgang mit der Pandemie angeheizt haben, bleibt der Erfolg eines Großteils der Entwicklungsländer unerwähnt.

Natürlich können eine Reihe von Faktoren ein geringeres Krankheitsniveau in den Entwicklungsländern erklären: unterschiedliche Ansätze zur Erfassung von Todesfällen, das junge demografische Profil Afrikas, eine stärkere Nutzung von Außenräumen oder möglicherweise sogar ein hohes Maß an potenziell schützenden Antikörpern, die durch andere Infektionen gewonnen wurden. Doch statistische Unsicherheit und günstige Biologie sind nicht die ganze Geschichte. Einige Entwicklungsländer haben sich deutlich besser geschlagen, indem sie früher und entschiedener gegen COVID-19 reagiert haben. Viele haben das Erbe von Sars, Mers und Ebola in ihrem institutionellen Gedächtnis.

Bei der Betrachtung erfolgreicher Strategien werden die Erfahrungen anderer Industrienationen – wie Deutschland und Neuseeland – vorwiegend von Journalisten und Politikern zitiert. Es besteht eine offensichtliche Abneigung, von Entwicklungsländern zu lernen – ein blinder Fleck, der nicht erkennt, dass „ihr“ lokales Wissen für „unsere“ Probleme in den Industrieländern genauso relevant sein kann. Dies muss sich ändern, da infektiöse Ausbrüche weltweit häufiger auftreten. In Bezug auf Führung, Bereitschaft und Innovation gibt es von den Entwicklungsländern viel zu lernen. Die Frage ist: Was hindert die Industrienationen daran, die Lehren der Entwicklungsländer zu beachten?

Afrikas Reaktion auf COVID-19

Wenn es um den Umgang mit Infektionskrankheiten geht, zeigen afrikanische Länder, dass Erfahrung der beste Lehrer ist. Das wöchentliche Bulletin der Weltgesundheitsorganisation zu Ausbrüchen und anderen Notfällen zeigte, dass die Länder in Afrika südlich der Sahara Ende September mit 116 laufenden Ereignissen bei Infektionskrankheiten, 104 Ausbrüchen und 12 humanitären Notfällen zu kämpfen hatten.

Für afrikanische Nationen ist COVID-19 kein einzigartiges Problem. Es wird neben Lassa-Fieber, Gelbfieber, Cholera, Masern und vielen anderen behandelt. Dieses Fachwissen macht diese Länder wacher und bereit, knappe Ressourcen einzusetzen, um Ausbrüche zu stoppen, bevor sie sich verbreiten. Ihr Mantra lässt sich am besten zusammenfassen als: entschlossen handeln, zusammen handeln und jetzt handeln. Wenn die Ressourcen begrenzt sind, sind Eindämmung und Prävention die besten Strategien. Dies zeigt sich darin, wie die afrikanischen Länder auf COVID-19 reagiert haben, von der raschen Schließung der Grenzen bis hin zum starken politischen Willen zur Bekämpfung des Virus.

Während zum Beispiel in Großbritannien zögerlich auf den Ausbruch der Pandemie reagierte, begann Mauritius (die zehntgrößte Nation der Welt), Flughafenankünfte zu überprüfen und Besucher aus Hochrisikoländern unter Quarantäne zu stellen. Dies war zwei Monate, bevor der erste Fall überhaupt entdeckt wurde. Und innerhalb von zehn Tagen nach der Bekanntgabe des ersten Falles in Nigeria am 28. Februar hatte Präsident Muhammadu Buhari eine Taskforce eingerichtet, die die Eindämmungsreaktion des Landes leiten und ihn und das Land über die Krankheit auf dem Laufenden halten sollte. Die afrikanischen Staats- und Regierungschefs haben auch den starken Wunsch gezeigt, bei der Bekämpfung des Virus zusammenzuarbeiten – ein Erbe des westafrikanischen Ebola-Ausbruchs 2013-2016. Diese Epidemie unterstrich, dass Infektionskrankheiten die Grenzen nicht respektieren, und führte dazu, dass die Afrikanische Union die Afrika-Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) einrichtete.

Im April startete die Africa CDC ihre Partnerschaft zur Beschleunigung von COVID-19-Tests (PACT), mit der die Testkapazität erhöht und Gesundheitspersonal auf dem gesamten Kontinent geschult und eingesetzt werden soll. Das Unternehmen hat Nigeria bereits Laborgeräte und Testreagenzien zur Verfügung gestellt und Mitarbeiter des African Health Volunteers Corps auf dem gesamten Kontinent eingesetzt, um die Pandemie zu bekämpfen. Die Afrikanische Union hat außerdem eine kontinentweite Plattform für die Beschaffung von Labor- und Medizinprodukten eingerichtet: die Africa Medical Supplies Platform (AMSP). Damit können die Mitgliedstaaten zertifizierte medizinische Geräte – wie Diagnosekits und persönliche Schutzausrüstung – mit größerer Kosteneffizienz durch Großeinkäufe und verbesserte Logistik kaufen. Dies erhöht auch die Transparenz und Gerechtigkeit zwischen den Mitgliedern und verringert den Wettbewerb um wichtige Lieferungen. Es ist jetzt geplant, den Zugang zu Krankenhäusern und lokalen Behörden, die von den Mitgliedstaaten genehmigt wurden, zu erweitern und zusätzliche Unterstützung von Spendern zu erhalten. Auch hier hat sich die Entscheidung, sich auf die Installation einer starken Führung zu konzentrieren, ausgezahlt.

Asiens Nationen ziehen an einem Strang

Eine starke Führung bei COVID-19 war nicht auf afrikanische Länder beschränkt. Die vietnamesische Regierung wurde weithin für ihre klare und engagierte Kampagne im Bereich der öffentlichen Gesundheit gelobt. Dies wurde dafür verantwortlich gemacht, das Land zusammenzubringen und eine breite Beteiligung an den Bemühungen zur Bekämpfung des Virus zu erhalten. Vietnam hat auch gezeigt, dass gute Führung bedeutet, auf die Lehren aus der Vergangenheit zu reagieren. Der Sars-Ausbruch 2003 führte zu starken Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur mit einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben um 9% zwischen 2000 und 2016. Dies verschaffte Vietnam in den frühen Phasen der Pandemie einen Vorsprung.

Die Erfahrungen Vietnams mit Sars trugen auch zur Entwicklung wirksamer Eindämmungsstrategien bei, die Quarantänemaßnahmen umfassten, die eher auf dem Expositionsrisiko als auf den Symptomen beruhten. Vietnam hat eine der niedrigsten COVID-19-Todesopfer.

Zwischen Anfang April und Ende Juni hat die Stiftung für ländliche Entwicklung mit Sitz in der pakistanischen Provinz Sindh die Ausbreitung von Infektionen in der Region um mehr als 80% verringert. Dies geschah, indem Gemeinden durch Informationskampagnen und Hygienemaßnahmen einbezogen wurden. Diese Strategien auf Gemeindeebene wurden von Experten aus Industrieländern befürwortet. Trotz des klaren aktuellen Bedarfs werden solche bewährten Low-Cost-Ansätze in Ländern mit hohem Einkommen nach wie vor nicht ausreichend genutzt. Sie wurden zugunsten von High-Tech-Lösungen ignoriert, die sich bisher nicht als effektiver erwiesen haben.

Mittel- und Südamerikas starke Führung

Uruguay hat den höchsten Prozentsatz an über 65-Jährigen in Südamerika, eine überwiegend städtische Bevölkerung (nur 5% der Uruguayer leben nicht in Städten) und eine schwer zu polizeiliche Landgrenze zu Brasilien, sodass es sich wahrscheinlich um einen Infektionsherd handelt . Dennoch ist es gelungen, den Ausbruch einzudämmen, ohne die Sperrung zu erzwingen. Frühe aggressive Teststrategien und die Demut, die WHO um Informationen über bewährte Verfahren zu bitten, gehörten zu den Bestandteilen ihrer erfolgreichen Reaktion. Zusammen mit Costa Rica führte Uruguay auch eine vorübergehende Senkung der Gehälter für seine bestbezahlten Regierungsbeamten ein, um die Pandemie zu finanzieren. Die Maßnahme wurde im Parlament einstimmig verabschiedet und trug zu einem hohen sozialen Zusammenhalt bei. Natürlich beschränkt sich eine starke Führung nicht nur auf den globalen Süden (Deutschland und Neuseeland erhalten Bestnoten), noch haben alle südlichen Länder eine effektive Führung (denken Sie an Brasilien). Die obigen Beispiele zeigen jedoch, dass eine gute Führung – jetzt handeln, entschlossen handeln und gemeinsam handeln – einen großen Beitrag zum Ausgleich des relativen Ressourcenmangels der Länder leisten kann.

Mit weniger mehr erreichen

Die Not ist angeblich die Mutter aller Erfindungen – wo Geld knapp ist, gibt es viel Einfallsreichtum. Dies war während COVID-19 genauso wahr wie zu jeder anderen Zeit und ist eine weitere Lektion, die die Industrieländer gut in Betracht ziehen sollten. Zu Beginn der Pandemie begann Senegal mit der Entwicklung eines zehnminütigen COVID-19-Tests, dessen Verwaltung weniger als 1 US-Dollar kostet und für den keine hoch entwickelten Laborgeräte erforderlich sind. Ebenso entwickelten Wissenschaftler in Ruanda einen cleveren Algorithmus, mit dem sie viele Proben gleichzeitig testen konnten, indem sie sie zusammenlegten. Dies reduzierte die Kosten und die Durchlaufzeiten und führte letztendlich dazu, dass mehr Menschen getestet wurden und sich ein besseres Bild von der Krankheit im Land machte. In Lateinamerika haben die Regierungen Technologien zur Überwachung von COVID-19-Fällen und zur Übermittlung von Informationen zur öffentlichen Gesundheit eingesetzt. Kolumbien hat die CoronApp entwickelt, mit der Bürger täglich Regierungsnachrichten empfangen und sehen können, wie sich das Virus im Land verbreitet, ohne Daten zu verbrauchen. Chile hat einen kostengünstigen, nicht patentierten Coronavirus-Test entwickelt, mit dem andere ressourcenarme Länder von der Technologie profitieren können. Beispiele für Unternehmertum und Innovation im globalen Süden sind nicht auf den biomedizinischen Bereich beschränkt. In Ghana hat ein ehemaliger Pilot, dessen Unternehmen auf das Sprühen von Pflanzen spezialisiert ist, seine Drohnen für andere Zwecke verwendet und sie Open-Air-Märkte und andere öffentliche Räume desinfizieren lassen. Dies erledigte schnell und kostengünstig einen Job, für den normalerweise mehrere Stunden und ein halbes Dutzend Menschen benötigt worden wären. Und in Simbabwe bieten Online-Lebensmittel-Start-ups Lebensmittelverkäufern neue Möglichkeiten, Kunden zu halten, die sich vor persönlichen Einkäufen hüten. Dies sind zwar handverlesene Beispiele, sie veranschaulichen jedoch die Bedeutung der Innovationsfähigkeit unter Bedingungen der Knappheit – der so genannten „sparsamen Innovation“. Sie beweisen, dass einfache, kostengünstige oder improvisierte Lösungen komplizierte Probleme lösen können und dass sparsame Lösungen keine Reparaturen von Kaugummi und Pressdraht beinhalten müssen. Die Fähigkeit, komplexe Probleme unter Ressourcenbeschränkungen zu bewältigen, ist eine Stärke, die für alle von Nutzen sein kann, insbesondere angesichts der tränenden Auswirkungen der Pandemie auf Volkswirtschaften mit hohem Einkommen. Lösungen aus Entwicklungsländern bieten möglicherweise ein weitaus besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als die aufwändigen und teuren „Moonshot“ -Lösungen, die in Ländern wie Großbritannien diskutiert werden.

Warum folgen wir diesen Beispielen nicht?

Diese Pandemie ist ein weiterer Weckruf. Seit Ebola und Zika wissen Regierungen auf der ganzen Welt, dass sie die Agenda der „globalen Bereitschaft“ verbessern müssen. Es wird oft gesagt, dass die Welt in Bezug auf Pandemien so schwach ist wie ihr schwächster Punkt. Globales Handeln erfordert jedoch, über die nationalen Interessen hinauszugehen, um sich mit den Bedürfnissen anderer zu identifizieren. Wir nennen das „globale Solidarität“. Im Gegensatz zu Solidaritätsbeziehungen innerhalb von Nationalstaaten, die auf einer gemeinsamen Sprache, Geschichte, ethnischen Zugehörigkeit usw. beruhen, müssen globale Beziehungen die gegenseitige Abhängigkeit verschiedener Akteure anerkennen. Globale Solidarität ist so schwer zu erreichen, weil sie Unterschiede berücksichtigen muss, anstatt sich auf Gemeinsamkeiten zu stützen. Die Pandemie hat gezeigt, warum wir globale Solidarität brauchen. Die Globalisierung hat die Länder nicht nur wirtschaftlich, sondern auch biologisch voneinander abhängig gemacht. Und doch haben sich in den letzten Monaten isolierte Positionen durchgesetzt. Von den USA, die Mittel von der WHO beziehen, bis zur Weigerung Großbritanniens, am gemeinsamen Beschaffungsabkommen der EU teilzunehmen, verfolgen die Länder stattdessen Do-it-alone-Strategien. In diesem nach innen gerichteten Kontext ist es kein Wunder, dass die Industrienationen die Lehren aus Afrika, Asien und Lateinamerika nicht nutzen können. Es ist kein Mangel an Anerkennung, dass es Wissen und Know-how außerhalb der entwickelten Welt gibt. Es ist nur so, dass dieses Wissen angesichts der strukturellen Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nicht als relevant angesehen wird. Das Versäumnis Europas, von Entwicklungsländern zu lernen, ist die unvermeidliche Folge historisch tief verwurzelter Erzählungen über Entwicklung und Unterentwicklung, die die Idee aufrechterhalten, dass die sogenannte entwickelte Welt alles zu lehren und nichts zu lernen hat. Wenn uns COVID-19 jedoch etwas beigebracht hat, müssen wir in diesen Zeiten unsere Wahrnehmung von Wissen und Know-how neu kalibrieren.

Maru Mormina ist Senior Researcher und Beraterin für globale Entwicklungsethik an der Universität Oxford und Ifeanyi M Nsofor, Senior Atlantic Fellow für Gesundheitsgerechtigkeit an der George Washington University. Dieser Artikel wird von The Conversation unter einer Creative Commons-Lizenz erneut veröffentlicht.

Während die Industrieländer stark mit der Corona-Pandemie zu kämpfen haben, hat ein Großteil der Entwicklungsländer in aller Stille ein bemerkenswertes Maß an Bereitschaft und Kreativität gezeigt. Die Industrieländer schenken jedoch wenig Aufmerksamkeit. Doch das liegt nicht an fehlender Ein[...]

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6. September 2020

23,8 Millionen Kinder ohne Schule

Schulschließungen haben schwerwiegende Auswirkungen. Das geht aus dem Bericht der Vereinten Nationen zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildung hervor, dem zufolge 1,6 Milliarden Lernende in mehr als 190 Ländern von Schulschließungen infolge der Pandemie betroffen waren und in Ländern mit niedrigem Human Development sogar mehr als 85 Prozent im zweiten Quartal 2020 die Schule verlassen haben.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)
Bildung ist ein zentrales Kinderrecht und für viele der einzige Weg aus der Armuts-Kinderarbeitsspirale. (Foto: Umer Asif / IPS)

Die Pandemie hat zu der größten Bildungsstörung aller Zeiten geführt.

António Guterres, Generalsekretär der Vereinigten Staaten

Dem Bericht zufolge könnten „allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) im nächsten Jahr die Schule abbrechen oder keinen Zugang zur Schule haben“.

Die Pandemie verschärft bereits bestehende Probleme auf diesem Gebiet und behindert das Lernen für Menschen in armen oder ländlichen Gebieten, Mädchen, Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen und Vertriebene.

„In den fragilsten Bildungssystemen wird sich diese Unterbrechung des Schuljahres überproportional negativ auf die am stärksten gefährdeten Schüler auswirken, für die die Bedingungen für die Gewährleistung der Kontinuität des Lernens zu Hause begrenzt sind“, heißt es in der kurzen Stellungnahme.

Es wird darauf hingewiesen, dass unter anderem die Sahelzone besonders von einigen der Auswirkungen betroffen ist. Vor allem da die flächendeckende Sperrung der Bildungseinrichtungen zu einem Zeitpunkt erfolgte, als bereits viele Schulen in der Region aufgrund einer Reihe anderer Probleme wie Sicherheitmängel, Streiks und Klimaproblemen geschlossen worden waren. Dem Bericht zufolge lebten bereits vor der Pandemie 47 Prozent der weltweit 258 Millionen außerschulischen Kinder (30 Prozent aufgrund von Konflikten und Notfällen) in Afrika südlich der Sahara. Die Verordnung häuslicher Isolation wurde für viele Eltern zu einer nahezu unbewältigbaren Herausforderung und „verkomplizierte ihre wirtschaftliche Situation nur noch mehr. Nun mussten sie Lösungen finden, die Versorgung und Betreuung zu gewährleisten oder den Verlust von Schulmahlzeiten auszugleichen“.

Schulschließungen haben schwerwiegende Auswirkungen. Das geht aus dem Bericht der Vereinten Nationen zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildung hervor, dem zufolge 1,6 Milliarden Lernende in mehr als 190 Ländern von Schulschließungen infolge der Pandemie betroffen waren und in Ländern mit [...]

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