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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Ennios Einsatz für Kinderrechte

Der Alltag der ländlichen, indigenen Bevölkerung in Guatemala, einem der ärmsten Staaten der Welt, ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Unterernährung und mangelnder Gesundheitsversorgung. Kind sein und Aufwachsen sind unter diesen prekären Bedingungen kein Kinderspiel. Für den optimistischen und zielstrebigen Ennios haben sie dennoch eine große Chance geboten: Der 12jährige Bub aus Huehuetenango, Guatemala, setzt sich aktiv für die erfolgreiche und tagtägliche Umsetzung der Kinderrechte ein.

Kinder machen Radio für Kinder, Huehuetenango. (Foto: Jakob Studnar)

Ennios´ Vater ist sehr stolz auf seinen Sohn und dessen Einsatz für die anderen Kinder aus seiner Gemeinde. Der Vater erzählt stets dieselbe Geschichte, wenn er nach dem Engagement seines Sohnes gefragt wird. Ennios war gerade in der vierten Klasse, als er zum Schulsprecher ernannt wurde und er sich beim Bürgermeister vorstellte, um Wandfarbe für die Schule zu erbitten. Seitdem ist Ennios für seinen Einsatz und seine optimistische Lebenseinstellung bekannt.

Das Elend in San Sebastían Huehuetenango

Ennios und seine Familie gehören der Gemeinde San Sebastían Huehuetenango an, deren Dörfer geographisch sehr abgeschieden liegen und deren Bewohner kaum Unterstützung von außen erhalten. Aufgrund fehlender Arbeitsmöglichkeiten widmet sich die Mehrheit der Familien der Subsistenzwirtschaft, d.h. sie bauen zum Eigenverbrauch Gemüse an und halten kleinere Nutztiere. Allerdings lassen schlechte Bodenqualität und Bewässerungsmöglichkeiten eine erfolgreiche Bewirtschaftung nur schwer zu und Unterernährung ist ein weit verbreitetes Problem. Die Familien leben in sehr ärmlichen Verhältnissen: sie bewohnen kleine Holzhütten mit Erdfußboden und kochen auf offenem Feuer. Oftmals leben mehrere Familien in einer Hütte zusammen. Auch die sanitären Verhältnisse und der Zugang zu medizinischer Versorgung sind äußerst prekär. Bildungsmöglichkeiten gibt es kaum. Viele Kinder besuchen, wenn überhaupt, nur die Grundschule. Zahlreiche Kinder müssen ihren Eltern bei der Arbeit helfen und können nicht zur Schule zu gehen. Kinder mit Behinderung, aber auch Frauen und Mädchen sind gesellschaftlich stark benachteiligt. Aufgrund der prekären Situation ist innerfamiliäre Gewalt ein tägliches Phänomen.

Sendero de Luz (Pfad des Lichts) gibt Hoffnung

Um die Lebensbedingungen in den Dorfgemeinschaften, insbesondere der dort lebenden Kinder und Jugendlichen, langfristig zu verbessern wurde das Entwicklungsprojekt Sendero de Luz ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit der lokalen Nichtregierungsorganisation SADEGUA versucht die Kindernothilfe, durch Hilfe zur Selbsthilfe (v.a. im Bereich Gesundheitsvorsorge und Landwirtschaft) sowie die Sensibilisierung für Kinderrechte den Kindern den Weg in eine selbst bestimmte Zukunft zu ermöglichen. Dabei ist die Partizipation der Kinder, Jugendlichen und Frauen von besonderer Bedeutung.

Kinderrechte fördern und umsetzen

Um Kinder schützen und stärken zu können, ist es unabdingbar, ihre Rechte zu kennen und einzuhalten. So finden im Projektgebiet regelmäßig Aufklärungsveranstaltungen und Informationstreffen statt, bei denen Eltern, Lehrern und Verantwortlichen der lokalen Verwaltung über die Wichtigkeit der Kinderrechte berichtet wird. Zusätzlich werden Radio-Spots ausgestrahlt, da so auch weit entfernte Haushalte erreicht werden können. Mittlerweile haben sich auf lokaler Ebene Netzwerke und Komitees gebildet, die sich dem Kindesschutz verpflichtet haben, und auch Abkommen mit den Behörden konnten geschlossen werden.

Darüber hinaus setzt unsere Partnerorganisation auf die Partizipation der Kinder, um eine erfolgreiche und umfangreiche Implementierung der Kinderrechte zu erreichen. Allein im letzten Jahr wurden 40 Kinder ausgebildet, um als Kinderrechts-Kommunikatoren andere Kinder aufzuklären. Auch sie ziehen zur Unterstützung das Radio heran. Der Erfolg ihres engagierten Einsatzes und der intensiven Aufklärungsarbeit an ihren Schulen gibt ihnen Recht: Es haben sich nicht nur vier Kinderrechtsgruppen gebildet, auch viele Lehrer integrieren die Kinderrechte nun inhaltlich in ihren Unterricht und tragen so zu einem langfristigen positiven Wandel bei.

Ennios ist eines dieser engagierten Mitglieder der Kindergruppe. Und das seit Beginn des Projekts. Besonders gerne wirkt er an Radioprogrammen mit und ist mittlerweile für seine lustigen und lehrreichen Radio-Spots berühmt. Das primäre Ziel des lebensfrohen, optimistischen Buben ist die erfolgreiche und tagtägliche Umsetzung der Kinderrechte. Hierbei kann er auf die Unterstützung seiner Eltern zählen, die ihn nach all ihren Möglichkeiten unterstützen und fördern.

Schulabstinenz verhindern und Bildungsmöglichkeiten ausbauen

Theoretisch besitzt jedes Kind das grundlegende Recht auf Bildung. Praktisch wurde dies im Projektgebiet bisher nicht immer eingehalten. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Neben Kinderarbeit sind dafür auch Unwissenheit der Eltern über die Bedeutung einer guten Ausbildung verantwortlich.

Kinder werden daher oftmals nicht eingeschult, sodass ihnen eine bessere Zukunft vorenthalten wird. Darüber hinaus gibt es geschlechterspezifische Probleme, da Mädchen bei der Wahrnehmung von Bildungsmöglichkeiten generell benachteiligt werden. Ebenso werden Kinder mit Beeinträchtigung benachteiligt und von haben bisher nur sehr wenig an den Bildungschancen partizipiert.

Durch entsprechende Aufklärungsarbeit wird benachteiligten Kindern und Eltern vermittelt, dass auch Mädchen eine selbst bestimmte berufliche Zukunft anstreben können und Kinder mit Beeinträchtigung ein Recht auf Inklusion haben. Die Kenntnis über die Vorzüge einer (guten) Schulbildung hat dazu geführt, dass Schulabbrecherquote und -abstinenz im Projektgebiet kontinuierlich sinken und gleichzeitig der Anspruch gegenüber Lehrkräften steigt. Aus diesem Grund hat unser Partner die Zusammenarbeit mit den Lehrern gesucht, um methodologische Fähigkeiten und Inhalte den Ansprüchen anzupassen.

Ennios kann trotz der äußerst prekären Lebensbedingungen seiner Eltern als Kleinbauern in die Schule gehen, denn sie setzen auf die Ausbildung ihres Sohnes. Und dieser strebt gleich eine doppelte Berufslaufbahn an: Zum einen möchte er Lehrer werden und Kindern zu Bildungschancen verhelfen. Zum anderen will er als LKW-Mechaniker und -Fahrer seine Familie unterstützen. Ennios weiß die Unterstützung seiner Eltern sehr zu schätzen und gibt ihnen mit seinem unermüdlichen Optimismus und seiner engagierten Initiative im Projekt etwas ganz Wertvolles zurück.

Manchmal wird der fröhliche Bub jedoch kurz nachdenklich, vor allem wenn seine Eltern das Dorf verlassen müssen, um als Tagelöhner Geld zu verdienen. Er möchte seinen Eltern und seiner Gemeinde später einmal helfen. Durch das Projekt und den Einsatz engagierter Kinder, die wesentliche Kinderrechte einfordern und umsetzen, können solche Lebensentwürfe langfristig realisiert werden, sodass eine nachhaltige soziale und ökonomische Verbesserung erreicht werden kann.

 

Der Alltag der ländlichen, indigenen Bevölkerung in Guatemala, einem der ärmsten Staaten der Welt, ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Unterernährung und mangelnder Gesundheitsversorgung. Kind sein und Aufwachsen sind unter diesen prekären Bedingungen kein Kinderspiel. Für den [...]

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Ein Fels in der Brandung

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Kindernothilfe in Chile. Aus Briefen an die Pfarrer „in der Diaspora“ entwickelte sich ein erfolgreiches und strategisches Programm, das bis heute rund 100.000 Kinder nachhaltig unterstützt hat. Der Auslöser war eine Katastrophe.

Wie immer wieder in der Geschichte der Kindernothilfe war es eine entsetzliche Naturkatastrophe und nachfolgende humanitäre Krise, die am Anfang der Projektarbeit an einem neuen Ort, in einem neuen Land und sogar einem neuen Kontinent stand: Das Erdbeben von Valdivia vom 22. Mai 1960 mit der stärksten, jemals gemessenen Magnitude von 9,5 auf der Richter-Skala und dem anschließenden Tsunami. Das verheerende Ereignis hatte fast 1.700 Todesopfer gefordert, rund ein Viertel der Menschen in Chile obdachlos gemacht und die Topographie eines großen Teils der Küstenlandschaft für immer verändert. Niels Koerner, evangelisch-lutherischer Auslandspfarrer in Valdivia, erinnert sich noch viele Jahre danach an die Erschütterung und Bestürzung, die die Begegnung mit der extremen Armut in den Notquartieren in ihm ausgelöst hatte: „Mitten im chilenischen Winter mit seinem kalten Regen liefen die Kinder barfuß herum.“ Und noch ein Detail fiel dem Pastor aus Württemberg auf: Die vielen Mädchen und Jungen mit Brandwunden an Händen und im Gesicht; Spuren von Verletzungen durch braseros, Holzkohlebecken, mit denen die Familien versuchten, etwas Wärme in die aus Pressspan und Blechteilen gezimmerten Notunterkünfte zu bringen.

Viele Menschen lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen in Armensiedlungen (Aufnahme vom Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, Quelle: Jürgen Schübelin).

Obwohl die evangelisch-lutherische Gemeinde in dieser südchilenischen Provinzhauptstadt am Rio Calle-Calle nie zuvor in einem Armenviertel gearbeitet hatte, kam es auf Koerners Initiative hin zum ersten Engagement inmitten der Notsiedlung der Erdbebenüberlebenden mit dem schlichten Namen Barrio Emergencia (der späteren Poblacíon CORVI). Am Ostrand von Valdivia wurde eine Kindertagesstätte aufgebaut: „Wir wollten den Kindern die Möglichkeit geben, ohne Gefahr zu spielen, und sie wenigstens mit einer warmen Mahlzeit am Tag zu versorgen“, erinnert sich Pastor Koerner. Im Mai 1967 waren die Vorbereitungen abgeschlossen: Der Hogar Luterano startete mit 25 Mädchen und Jungen, vier bis fünf Jahre alt und fast alle stark unterernährt und einer pädagogischen Fachkraft aus Deutschland, Lieselotte Rau, die erste Leiterin des Zentrums.

Im fernen Duisburg spielte indes im Verlauf des Jahres 1968 in den minutiös dokumentierten Beratungen des Kindernothilfe-Vorstands das Anliegen, sich ein Jahrzehnt nach der Gründung des Werkes neben Asien und dem englischsprachigen östlichen Afrika jetzt auch in Lateinamerika zu engagieren, eine immer größere Rolle. Der ehemalige Missionar und frühere Bischof der indischen Diözese Nord-Kerala, Richard Lipp, damals Vorsitzender der Kindernothilfe, präsentierte auf der Kindernothilfe-Mitgliederversammlung im Frühjahr 1969 den Plan, konsequent auf dem Subkontinent nach geeigneten Partnern für Patenschaftsprojekte zu suchen. Unter anderem hatten das Kirchliche Außenamt der EKD – aber auch verschiedene Missionswerke, mit denen sich Kindernothilfe eng verbunden fühlte – die schnell wachsende Organisation aus Duisburg-Buchholz immer massiver gedrängt, Lateinamerika mit seinen dramatischen sozialen Problemen, den im Gefolge hunderttausendfacher Armutsmigration vom Land in die Stadt wuchernden Elendsgürteln rund um die großen Metropolen, seinen sich gefährlich zuspitzenden politischen Konflikten – aber auch gewaltigen Umwälzungen und Herausforderungen in den christlichen Kirchen – als neues Arbeitsfeld ins Auge zu fassen.

Das erste Projekt in Lateinamerika 1969: Der Hogar Luterano

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kindernothilfe Lateinamerika mit seinen dramatischen sozialen Problemen, den durch Armutsmigration wuchernden Elendsgürteln rund um die großen Metropolen, seinen sich gefährlich zuspitzenden politischen Konflikten bereits als neues Arbeitsfeld neben Asien und dem englischsprachigen östlichen Afrika ins Auge gefasst. So wurde ein Plan erarbeitet, auf dem Subkontinent konsequent nach geeigneten Partnern für Patenschaftsprojekte zu suchen.

Pastor Koerner aus Valdivia war der Erste, der antwortete. Mit eindringlichen Worten sprach er von der Situation der Kinder und der Not der Familien rund um den Hogar Luterano. Seine Schilderungen machten solchen Eindruck, dass der Kindernothilfe-Vorstand entschied, das kurz zuvor gegründete Projekt im Barrio Emergencia mit zunächst zehn Patenschaften zu unterstützen.

Nur 30 Prozent der Kinder in den Armenvierteln hatten die Chance, eine Grundschule zu besuchen (Aufnahme vom Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, Quelle: Jürgen Schübelin).

Koerners Berichte von einem Land, in dem zu Beginn der siebziger Jahre die Kindersterblichkeitsrate eine der Höchsten in Lateinamerika (80 von 1.000 Neugeborenen) war, über 40 Prozent der Menschen in Armenvierteln lebten, und lediglich 30 Prozent der Armen eine Chance auf eine Primarschulbildung hatten, führten zu der Entscheidung, sich in Chile zu engagieren. Das größte Problem – heute würden wir sagen, die gravierendste Kinderrechtsverletzung – der endemischen und chronischen Unterernährung der Kinder machte diese unantastbar.

Danach ging es relativ schnell: Nicht einmal zwei Jahre nach dem bescheidenen Auftakt 1969 mit dem Hogar Luterano in Valdivia förderte die Kindernothilfe bereits acht chilenische Projekte mit über 500 Patenschaften, die meisten in Kooperation mit der methodistischen Kirche. Nach und nach wurde aber auch deutlich, dass der Arbeitsbeginn auf einem „neuen“ Kontinent mit komplexen Herausforderungen verbunden war: Niemand bei der Kindernothilfe sprach damals Spanisch, geschweige denn Portugiesisch. Angewiesen war man auf deutschsprechende Kontakt- und Vertrauenspersonen vor Ort, die die Kommunikation mit den Projekten organisierten. Hinzukamen politische Diskussionen über die ökumenische Ausrichtung der Kooperationspartner.

1972, mitten in der Periode der Unidad Popular-Regierung unter Präsident Salvador Allende, fand die allererste Kindernothilfe-Lateinamerika-Dienstreisebereiste Chile als auch das seit 1964 von einem Militärregime beherrschte Brasilien statt. Die Lernerfahrungen und Eindrücke waren so nachdrücklich, dass sich die Entscheidung verfestigte, trotz herausfordernder Bedingungen dauerhaft in Lateinamerika zu arbeiten. So kam es zu den ersten Projektkooperationen in Brasilien, Argentinien, Paraguay, und nach und nach in weiteren Ländern der Region.

Das Arbeitsprinzip war dabei immer das Gleiche: Unterstützt wurden Initiativen, vor allem von Müttern, die unter dem institutionellen Dach von Kirchengemeinden unterschiedlichster Denominationen in den Armenvierteln am Stadtrand improvisierte Kindergärten und Kindertagesstätten ins Leben riefen. Hildegard Arbogast, die sich bis heute im ehrenamtlichen Vorstand des Kindernothilfe-Partners Fundación ANIDE in Chile engagiert, erinnert sich ganz genau an diese Anfänge: „Das waren zu allererst selbstverwaltete Projekte von Frauen in den campamentos, den Notsiedlungen, die, um in diesen Hungerjahren etwas Geld zu verdienen, anderen, arbeitenden Müttern anboten, tagsüber ihre Kinder zu versorgen und zu betreuen. Alles war ganz einfach, sehr improvisiert und sehr prekär.“

Gedenkstätte und Urnengräber zur Erinnerung an die unter dem Pinochet-Regime Verschwundenen und Exekutierten – auf dem Zentralfriedhof von Santiago (Quelle: Jürgen Schübelin).

Mit dem 11. September 1973, dem Militärputsch gegen die Allende-Regierung und dem Beginn der bis 11. März 1990 dauernden Pinochet-Diktatur, mit ihren vom chilenischen Staat inzwischen offiziell anerkannten mindestens 40.000 Opfern – Ermordeten, Verhafteten-Verschwundenen, Gefolterten und aus politischen Gründen teilweise jahrelang Inhaftierten – veränderten sich die Rahmenbedingungen für das Kindernothilfe-Länderprogramm in Chile radikal. Das Militärregime verfolgte und unterdrückte nicht nur die Aktivistinnen und Aktivisten der politischen Parteien, die sich für Allende und die Unidad Popular eingesetzt hatten, sondern unterzog all die Jahre über besonders die Armenviertel und ihre Bewohner einer Politik der systematischen Einschüchterung und Repression. Als in den ersten Jahren nach dem Putsch ausgedehnte Armenviertel, die sich in der Nähe der Wohngebiete der Wohlhabenden befanden, dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner zwangsumgesiedelt wurden, traf es auch mehrere der kleinen selbstorganisierten Kindergartenprojekte. Da die Familien in verschiedene Zonen am Südrand von Santiago deportiert wurden, unterstützte die evangelisch-lutherische Kirche Chiles im Konzert mit Kindernothilfe den Aufbau von gleich drei Kindergärten und Kindertagesstätten; „ein unglaublicher Kraftakt“, erinnert sich Hildegard Arbogast, „der uns alles abverlangte.“

„Via Crucis Popular“ – Kreuzweg der einfachen Leute – nannten sich diese Karfreitags-Prozessionen, mit denen die Basisgemeinden-Bewegung in Chile und viele der von Kindernothilfe unterstützten Projekte von Beginn der achtziger Jahre an gegen das Pinochet-Regime protestierten (Quelle: Jürgen Schübelin).

„Via Crucis Popular“ – Kreuzweg der einfachen Leute – nannten sich diese Karfreitags-Prozessionen, mit denen die Basisgemeinden-Bewegung in Chile und viele der von Kindernothilfe unterstützten Projekte von Beginn der achtziger Jahre an gegen das Pinochet-Regime protestierten.
Vor allem auch dank der Kooperation mit großen katholischen Trägern wie der Fundación Missio der Erzdiözese Santiago gelang – immer unter den misstrauischen Augen des Militärregimes – innerhalb weniger Jahre die Professionalisierung der Kindergarten- und Kindertagesstättenarbeit. Neben ihrer unverzichtbaren Funktion als geschützte Räume für Kinder, Jugendliche, ihre Familien, aber auch die Menschen aus der Nachbarschaft, entwickelten sich die von Kindernothilfe geförderten Projekte in vielen Fällen zu Keimzellen für Frauen-Selbsthilfe-Initiativen, für ein vorsichtiges zivilgesellschaftliches Engagement, für eine im Verborgenen aufblühende vielfältige Stadtteil- und Kulturarbeit, die das Selbstbewusstsein der Armenviertelbewohner enorm stärkte. Aber vor allem waren viele der Kindergärten und Kindertagesstätten, in denen Menschen Arbeit fanden, die vom Pinochet-Regime aus politischen Gründen aus den Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen entlassen wurden, Orte für eine engagierte, kreative Pädagogik in Anlehnung an Pestalozzi, Freinet, Montessori und natürlich den Brasilianer Paulo Freire. José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation Fundación ANIDE ist überzeugt, dass „mit dieser Projektunterstützung ein unverzichtbarer Beitrag gegen die Repression, gegen die ständige Einschüchterung und das Klima der Angst im Land geleistet wurde.“

Das Engagement in den Armenvierteln hatte aber auch Auswirkungen auf die kirchlichen Träger und ökumenischen Partner der Kindernothilfe, die sich in vielen Konfliktsituationen mit dem Regime – vor allem dann, wenn es um schwere Menschenrechtsverletzungen ging, mutig vor die Kinder und ihre Familien, aber auch die Mitarbeitenden in den Projekten stellten. Den ersten organisatorischen Rahmen für die Begleitung der aus Duisburg unterstützten Projekte bildete seit den frühen siebziger Jahren das Programa de Menores unter dem Dach der von dem evangelisch-lutherischen Pastor Helmut Frenz – dem späteren deutschen Amnesty International-Generalsekretär – gegründeten ökumenischen Netzwerk Diaconía, das zu einer der wichtigsten Unterstützungsplattformen für die internationale Humanitäre Hilfe nach dem Pinochet-Putsch werden sollte.

Neue Themen und komplexere Herausforderungen

Das Chile-Länderprogramm der Kindernothilfe wuchs innerhalb weniger Jahre zu dem nach Brasilien zweitgrößten in Lateinamerika mit zeitweise über 70 geförderten Einzelvorhaben. Spätestens seit Ende der achtziger Jahre wurde die Projektstruktur dabei immer vielfältiger, die Themen komplexer. Die Kindernothilfe und ihre chilenischen Partner reagierten auf neue Herausforderungen: Unterstützt wurden jetzt nicht mehr nur Kindergärten und -tagesstätten in Armenvierteln, sondern auch Zentren und Fördereinrichtungen für Kinder mit Behinderungen, eine Landwirtschaftsschule, eine alternative Musikschule mitten in einem Armenviertel, Projekte zur Begleitung und Unterstützung arbeitender Kinder, ein Programm zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und Projekte mit Kindern aus Mapuche-Gemeinden in Südchile zur Stärkung ihrer kulturellen Identität und zur Eindämmung der Gewalt, der sie vor allem durch den chilenischen Staat ausgesetzt sind. Ein ganz wichtiges Arbeitsfeld bildet seit 2003 das Engagement für und mit Migranten-Kindern und ihren Familien, die in den zurückliegenden Jahren – unter anderem nach dem Erdbeben von 2010 in Haiti oder im Gefolge des Massenexodus aus Venezuela – zu Tausenden ins Land kamen – und heute die verletzbarste und in ihren Rechten am stärksten gefährdetste Gruppe von Kindern und Jugendlichen innerhalb der chilenischen Gesellschaft bilden.

Mit dem Ende des Militärregimes 1990 – aber vor allem seit der Jahrtausendwende – fuhr die Kindernothilfe ihr finanzielles Engagement in Chile nach und nach zurück, verlängerte Kooperationen mit Partnern nach Ende der Projektlaufzeiten nicht mehr – und entschied, die freiwerden Mittel vor allem in den drei ärmsten Ländern Lateinamerikas Haiti, Honduras und Guatemala einzusetzen. Doch anders als die meisten anderen Entwicklungswerke in Europa wird die Kindernothilfe auch in den kommenden Jahren weiter mit einem – wenn auch kompakten, aber strategisch fokussierten – Länderprogramm in Chile engagiert bleiben – und zwar in einer Gemeinschaftsanstrengung mit der Kindernothilfe Österreich, die seit 2012 Projekte im Land fördert.

Seit dem Jahr 2000 nennt sich die ökumenische Kindernothilfe-Partnerstruktur in Chile Fundación de Beneficencia de Apoyo a la Niñez Desprotegida – ANIDE. Ihr Direktor José Horacio Wood und die Programmkoordinatorin von ANIDE, Claudia Vera, haben ausgerechnet, dass seit 1969 rund 100.000 Kinder und Jugendliche an den von Kindernothilfe unterstützten Projekten in Chile beteiligt waren und in diesen fünf Jahrzehnten von Kindernothilfe-Patinnen und -Paten, Spenderinnen und Spendern um die 60 Millionen Euro aufgebracht wurden – unter anderem auch zur Finanzierung von aufwändigen Humanitäre-Hilfe-Projekten nach großen Katastrophen wie dem verheerenden Erdbeben vom 27. Februar 2010 oder dem Großbrand in Valparaíso vom 12. April 2014.

Auch im Schwellenland Chile unverzichtbar: das Engagement für die Kinderrechte

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe Deutschland, bei ihrem Besuch im November 2018 im Kindertagesstätten- und Gemeindezentrum Agüita de la Perdiz (Quelle: Jürgen Schübelin).

Mit einem Festakt feierte die Kindernothilfe am 6. November 2018 in Santiago zusammen mit alten und neuen Partnern die fünf Jahrzehnte gemeinsames Engagement für die Verteidigung der Kinderrechte in Chile. In ihrer Rede machte die Kindernothilfe-Direktorin Katrin Weidemann auf sehr persönliche Weise deutlich, warum für sie das Engagement der Kindernothilfe-Partner in Chile auch 28 Jahre nach dem Ende des Militärregimes so unverzichtbar ist: „Ich erlebe Sie als Fels in der Brandung, wenn es um die Rechte der Kinder geht. Jemand, der unverrückbar basta! sagt, es reicht, wenn Lebensmöglichkeiten von Kindern eingeschränkt werden. So werden Sie auch wahrgenommen: Oft als die Einzigen, die über Kinderrechte sprechen. Die in Kommunen wichtige rote Linien aufzeigen, die kein Staat, keine Gesellschaft übertreten darf. Sie machen Kinder sichtbar. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die in Chile oft unsichtbar sind für den Staat und die Gesellschaft. Sie machen die Kinder sichtbar, egal ob sie aus Venezuela, Peru oder Haiti kommen. Sie weisen hin auf sie und ihren täglichen Kampf ums Überleben, um Teilhabe, einen Platz in der Gesellschaft, und unterstützen sie dabei.“

Den Ort, an dem 1969 die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika begann, den Hogar Luterano de Valdivia gibt es indes immer noch: 130 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 2 und 14 Jahren werden heute in diesem Projekt betreut – finanziert in einer eindrucksvollen Gemeinschaftsanstrengung der lutherischen Gemeinde von Valdivia, der Eltern, einer Reihe lokaler Spenderinnen und Spender, von Freunden aus Deutschland wie der „Kinderhilfe Chile“ aus Hamburg und dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der Nordkirche, sowie – hart erkämpft – des staatlichen chilenischen Kindergartenverbandes.

So sieht das Armenviertel Agüita de la Perdiz heute aus – deutlich enger gebaut, mit viel mehr Einwohnern als in der Gründungsphase (Quelle: Jürgen Schübelin).

 

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Kindernothilfe in Chile. Aus Briefen an die Pfarrer „in der Diaspora“ entwickelte sich ein erfolgreiches und strategisches Programm, das bis heute rund 100.000 Kinder nachhaltig unterstützt hat. Der Auslöser war eine Katastrophe. Wie immer wieder in der G[...]

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Roses Geschichte: Mut zur Selbsthilfe

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstvertrauen gefunden. 

Rose hat es geschafft! (Foto: Ludwig Grunewald)

Rose ist 24 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte, trennte sich ihr Mann von ihr und Rose zog wieder in ihr Elternhaus ein. Sie hatte kein eigenes Einkommen und konnte sich und ihr Baby selbstständig nur schwer über Wasser halten. Als sie ein weiteres Mal schwanger wurde und Zwillinge bekam, verschlechterten sich ihre Lebensumstände zunehmend. Sie schaffte es nicht, für Essen, Kleidung und eine grundlegende medizinische Versorgung ihrer Familie aufzukommen.

Roses Geschichte ist kein Einzelschicksal in den abgelegenen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District. Vorwiegend Subsistenzwirtschaft betreibend, sind ca. 50% der knapp 60.000 Einwohner der Region unter- bzw. mangelernährt, wodurch vor allem die gesunde Entwicklung der Kinder stark gefährdet ist. Äußerst niedrige Hygienestandards und unzureichende Trinkwasserversorgung fördern außerdem Infektionskrankheiten. Auch die hohe Anzahl an Menschen mit HIV/Aids schwächt die Gemeinschaften nachhaltig.

Ausweg aus der Perspektivenlosigkeit

Um die Situation der Menschen in Erussi und Ndhew nachhaltig zu verbessern, wurde 2015 das Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation The Agency For Accelerated Regional Development (AFARD) werden die Ärmsten der Armen in Selbsthilfegruppen befähigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So wird auch der großen Herausforderung begegnet, den Kindern und Jugendlichen der Region einen Ausweg aus dieser Perspektivenlosigkeit zu zeigen, damit sie wieder neuen Mut schöpfen.

Auch Rose trat in eine Jugendgruppe der Projektregion ein, wo sich die jungen Erwachsenen grundlegende Fertigkeiten aneignen können, um die Aufnahme ins zukünftige Berufsleben zu erleichtern oder einen Ausbildungsplatz zu . Schreinern, Schneidern, das Frisörhandwerk und mechanische Berufe sind hierbei oft und gern nachgefragte Arbeitsbereiche. Rose nahm mit 39 anderen jungen Erwachsenen an diesen Bildungsangeboten teil und beschäftigte sich mit wirtschaftlichen Grundlagen wie Einkommensmöglichkeiten, Finanzierung und Sparmaßahmen. Zusätzlich beschloss die junge Frau, das Schneiderhandwerk zu erlernen, um sich damit selbstständig zu machen, da sich in ihrer Region keine Schneiderei befand. Roses Stiefmutter schenkte ihr eine Nähmaschine und ihr Vater überließ ihr einen kleinen Anteil der Ernte für eine erste Einkommensgenerierung. Mit der Nähmaschine und dem durch die Ernte erworbenen ersten Grundkapital startete sie ihr Geschäft. Inzwischen erwirtschaftet sie durch ihre Tätigkeit ein monatliches Einkommen. Dadurch ist es ihr nun möglich, für Ernährung, Kleidung und Unterkunft für ihre Familie aufzukommen.

Hilfe zur Selbsthilfe (SHS)

Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ (Foto: Kindernothilfe)

Zudem ist Rose eines der mittlerweile über 2.000 Mitglied der 165 Selbsthilfegruppen in der Region, in denen sich in der Regel die Frauen zusammenfinden, um zu lernen, wie sie den Lebensstandard ihrer Familien eigenständig verbessern können. Die AFARD-Mitarbeiter boten im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Schulungen an, die je nach Stand und Fortschritt der SHG ganz unterschiedliche Themen umfassten. So wurde vor allem die Wichtigkeit von gesunder Ernährung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge besonders hervorgehoben. Auch wurden die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und lernten, wie sie diese aktiv einfordern können. Zusätzlich nahm Rose am Microkreditprogramm teil, in dem die Frauen der SHG gemeinschaftlich Kleinstbeträge ansparen, aus denen nun langsam ein Kapitalstock entsteht. Daraus vergibt die SHG Kleinkredite, mit denen die Frauen kleine Geschäfte aufbauen können. So wird es ihnen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu generieren und die Lebensumstände in ihrem Familienkreis zu verbessern. Der Aufbau von Einkommensquellen macht sie von ihren Männern finanziell unabhängig und sie werden eher als gleichberechtigte Partnerinnen akzeptiert.

Rose beschreibt, dass sie durch die Mitgliedschaft in der Jugendgruppe und die dadurch angestoßenen persönlichen Erfolge sehr viel Selbstvertrauen gewonnen hat. Sie ist sehr dankbar, dass es ihr nun möglich ist, ihre Familie zu ernähren und sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten kann. Durch die SHG-Mitgliedschaft hat Rose erfahren, dass sie gemeinsam mit den anderen Gemeindemitgliedern sehr wohl Einfluss auf ihre Situation und auch auf die Politik lokaler Entscheidungsträger haben können. Roses Wunsch ist es, später einmal ihre eigene Ausbildungsstätte aufzubauen, in der sie anderen jungen Menschen das Schneiderhandwerk unterrichtet.

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstv[...]

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Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil (TDH) schult die Betroffenen zum Thema Kinderrechte und vermittelt eine Kultur des gewaltfreien Miteinanders. Wie? Zum Beispiel in einem Medien-Workshop mit dem Ziel, eine eigene Zeitschrift gegen Gewalt zu produzieren.

Brasilien: Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Zeichnungen, Collagen, poetische Texte, Fotos, Erzählungen: Die jungen Redakteure des Fanzine (das Wort steht eigentlich für Fan-Magazin) greifen auf die unterschiedlichsten Mittel zurück, um ihre bisherigen Erfahrungen mit gewaltfreier Kommunikation an die Öffentlichkeit zu tragen. In den zwei Tagen des Workshops haben sie gelernt, was ein Fanzine ist und wie sie die Zeitschrift gemeinsam auf die Beine stellen. Gedacht und umgesetzt als Botschaft des Friedens: die Jugendzeitschrift gegen die Gewalt.

Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

„Frieden ist nicht schwarz-weiß“

Für die 13-Jährige Yasmim Nascimento war es besonders wichtig, gemeinsam mit den anderen etwas Neues auszuprobieren und zu zeigen, wie sie sich das Zusammenleben in ihrem Viertel vorstellen. „Frieden ist nicht schwarz-weiß, deshalb haben wir viele Farben benutzt, um ein Bild von ihm zu zeichnen, wie bei einem Regenbogen.“ Für sie ist Gewalt eine Spirale, die immer mehr Gewalt verursacht. „Es gibt viele Menschen hier, die nicht wissen, wie ein gewaltfreies Miteinander funktioniert. Durch die Geschichten in unserem Magazin helfen wir ihnen zu verstehen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt.“

Breno Caetano, 22, gefielen vor allem die Diskussionen mit anderen Jugendlichen. „Im Workshop haben wir gelernt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, um Verständnis und Achtung für den anderen aufzubringen.“ Neben dem Dialog vereint auch die Kunst die Menschen, davon ist er überzeugt. „Das Magazin war eine gute Übung, um die Probleme im Alltag anzugehen. Diese Möglichkeit sollten auch andere Jugendliche bekommen.“

„Der Dialog ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“

Brasilien: Redaktionsitzung im Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Die Idee, gewaltfreie Kommunikation in den Mittelpunkt des Workshops zu stellen, hat mit einem Mangel zu tun, sagt die Pädagogin und Workshop-Moderatorin Fernanda Meireles: „Die meisten von uns haben nicht gelernt, in Konflikten zu vermitteln, Emotionen klar zu erkennen, Vorurteile beiseite zu lassen und so tatsächlich Probleme zu lösen.“ Für Fernanda besteht die größte Herausforderung darin, dass die Jugendlichen, die schon Gewalt erlebt haben, diese Erfahrungen aktiv einbringen. „Am Beginn des Workshops war das für einige von ihnen sehr schwer und sogar unangenehm. Wir haben ihnen gesagt, dass Erinnerungen Teil von uns sind und dass es hilfreich ist, sie zu teilen. Sie sind überwindbar und verwandeln sich. Auch die Beziehungen zwischen Menschen verändern sich und der Dialog, das Gespräch, ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“.

 

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil (TD[...]

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Ein Schutzraum für „Engel“

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche).

Haus der Zuflucht: Etwa 100 Mädchen erhalten jährlich im Zentrum „Querubines“ neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen. (Foto: Kindernothilfe)

Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­gen. Der Honduraner ist Sozialarbeiter in Tegucigalpa und arbeitet für „Casa Alianza“, eine internationale Kinderschutzor­ganisation mit Schutzprojekten für Straßenkinder in allen mittel­amerikanischen Ländern – auch in Honduras, im historischen Viertel der Hauptstadt. Doch Ri­cardo betreut auch noch ein ganz spezielles Projekt, eine gute Au­tostunde vom Zentrum entfernt. Das Heim „Querubines“, was über­setzt so viel bedeutet wie: die En­gelchen am göttlichen Thron. Ein Schutzraum für Mädchen zwi­schen 12 und 18 Jahren, alle Über­lebende sexualisierter Gewalt.
Für die Fahrt dorthin nimmt sich Coello ein Taxi. Eines der billigen Sorte, ohne verdunkelte Scheiben, wie sie Touristen aus Sicherheitsgründen dringlich empfohlen werden. Gut 40 Minu­ten später öffnet sich dem Taxi ei­ne Schranke, macht den Weg frei in eine dieser vielen Gated Comu­nities. Ricardo klingelt an einer Gartenpforte ohne Namensschil­der. Eine ältere Frau, die Köchin und Seele des Hauses, öffnet und begrüßt ihn im Schutzzentrum „Querubines“. Kaum im Haus eingetreten, wird Ricardo von der 14­jährigen Sara gestoppt. Mit tränenerstickter Stimme er­zählt sie, dass am Tag zuvor das geplante Treffen mit ihren Eltern nicht stattgefunden habe. Die Mutter und der Vater seien nicht gekommen. Aber sie müsse die beiden unbedingt sehen.
Sara ist im Heim, weil sie vom Vater mehrfach sexuell miss­braucht wurde. Doch es dauere, bis sie sich davon emotional loseisen könne, erklärt Ricardo später dieses widersprüchliche Gefühl der erst kürzlich ins Schutzzen­trum gekommenen Sara. Ihr sagt er zu, möglichst schnell ein neues Treffen zu vereinbaren. Die 14­Jä­hige lächelt, wischt sich die Trä­nen ab und schlendert zurück in den Gemeinschaftsraum, in dem noch andere Mädchen sitzen, die sich an diesem Tag nicht in der La­ge fühlten, in die Schule zu gehen. Es ist ein schlichter Raum. Ein paar selbst gestaltete Poster, eine Handvoll bequeme Sitzflächen, ein Fernsehapparat. Im angren­zenden Raum ein paar Computer mit klaren Nutzungsregeln.

Angst und Schweigen

Plötzlich wird es hektisch und laut. Vor dem Gartentor hält ein Kleinbus. Rund 20 Mädchen kom­men aus der Schule zurück und er­halten ihr Mittagessen, auch die Schwestern Gabriela und Marisol, die eigentlich anders heißen. Zum Schutz aller Mädchen bleiben ih­re richtigen Namen der Außenwelt verborgen. Und auch innerhalb des Heimes bleiben die Geschich­ten der Einzelnen vor den ande­ren Mädchen verschlossen. „Dass jede von uns üble Erfahrungen gemacht hat, wissen wir vonei­nander“, erzählt Gabriela. Mehr müsse nicht sein.  Tania, die Er­zieherin, spricht von der großen Angst, die die Mädchen schweigen lässt. Es könnten ja durch unbe­dachtes Erzählen Spuren zu den Tätern gelegt werden, und damit dann auch wieder zu ihnen.
Marisol und Gabriela kom­men aus der bergigen Kaffeean­bauregion im Landesinneren. Wo es „normal“ ist, dass Mädchen nicht zur Schule gehen, sondern von klein auf im Haushalt einge­spannt sind. Die 15­jährige Ga­briela war Analphabetin, als sie im Herbst 2017 zu „Querubines“ kam. Die Mutter verbot ihr die Schule, das Bett teilte sie sich mit den drei Schwestern. Als sie elf ist, wird sie von ihren drei Brüdern missbraucht. „Sie misshandelten und vergewaltigten mich und nie­mand half mir! Auch Mama half mir nicht!“, erzählt Gabriel a. „Sie sagte, ich würde lügen.“
Die ältere, heute 18­jährige Schwester Marisol ist schon sechs Jahre bei „Querubines“. Sie war sie­ben, als ihr Vater und der Onkel sie missbrauchten. Und die Mutter be­schimpfte auch sie als Lügnerin. Der Onkel nahm sie als Elfjährige mit ins Haus von dessen Mutter, ih­rer Oma. Sie hoffte auf Hilfe, doch die Großmutter betrachtete Mari­sol als Frau, ja Eigentum des On­kels. Kurioserweise verdankt sie dem Vater die Rettung von dort. Er raste vor Eifersucht und zeigte den Onkel an. Marisol kam in die Obhut der Kinderschutzbehör­de und von dort zu „Casa Alianza“ und in deren Heim „Querubines“. Bald danach brachte dieses Mäd­chen trotz vieler Ängste den Mut auf und zeigte den Vater an. Damit stellte sie sich innerhalb der Fa­milie ins Abseits. Die Brüder und die Mutter meiden sie. „Sie sagen, ich sei schuld, dass sie alles ver­loren haben. Ich hätte die Familie  kaputt gemacht.“ Geschichten wie die von Mari­sol und Gabriela werden in den ländlichen Regionen des Landes über Generationen hinweg fort­geschrieben. Mädchen, die das Pech hatten, als Zwölfjährige ge­schwängert zu werden, seien dann die Aussätzigen des Dorfes, sagt Gabriela, und würden von den Müttern aus dem Haus ge­worfen, weil sie sich auf Männer eingelassen hätten. Die Zahlen solcher ungewollten Schwanger­schaften nehmen zu. Bei 15 Pro­zent der Geburten sind die Mütter zwischen 14 und 18 Jahre alt.
Neben sexuellem Missbrauch und Misshandlungen haben Ga­briela und Marisol in ihrem Um­feld auch viele andere Gewalter­fahrungen erlebt. Dazu gehören die Versprechungen von Traum­jobs fernab von zu Hause. Statt als Haushaltshilfe oder Serviermäd­chen in einem Café oder Restau­rant, landet ein Großteil der meist minderjährigen Mädchen als Sex­sklavinnen in Bars oder Hotels oder werden auf den ungesicher­ten Straßenstrich geschickt, egal ob in Honduras selbst oder einem der Nachbarländer.

Therapie und Bildung

Die wenigsten der Mädchen haben Glück und werden von der Jugendfürsorge aus diesem Umfeld herausgeholt oder können fliehen. Und wenn doch, dann sind die Schutzräume knapp. Gerade deswegen ist die Einrichtung „Querubines“ so wichtig für die Betroffenen. Dort erhalten rund 100 Mädchen jährlich neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen angeboten. Und sie können zur Schule gehen, ein Recht, das laut Verfassung jedem Kind zusteht. Marisol und Gabriela wollen beide Anwältinnen werden – spezialisiert auf Kinder­ und Jugendrecht. Ihr Blick ist dank „Querubines“ nach vorn gerichtet.

Kinderrechtsorganisationen wie „Casa Alianza“ können solche Pro­jekte aber nur mit kontinuierlicher Fremdfinanzierung durchführen. Dafür brauchen sie internationale Partnerorganisationen, wie die Ös­terreichische Kindernothilfe. Von der Wiener Dorotheergasse aus un­terstützt diese NGO seit 2012 den Schutzraum „Querubines“ mit re­gelmäßigen Spenden – und leis­tet damit Überlebenshilfe für die­se Einrichtung. International für die Wahrung der Kinderrechte ein­treten: Darum geht es. Und irgend­wann wollen auch Gabriela und Marisol für diese Rechte kämpfen.

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche). Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­ge[...]

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