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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Roses Geschichte: Mut zur Selbsthilfe

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstvertrauen gefunden. 

Rose hat es geschafft! (Foto: Ludwig Grunewald)

Rose ist 24 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte, trennte sich ihr Mann von ihr und Rose zog wieder in ihr Elternhaus ein. Sie hatte kein eigenes Einkommen und konnte sich und ihr Baby selbstständig nur schwer über Wasser halten. Als sie ein weiteres Mal schwanger wurde und Zwillinge bekam, verschlechterten sich ihre Lebensumstände zunehmend. Sie schaffte es nicht, für Essen, Kleidung und eine grundlegende medizinische Versorgung ihrer Familie aufzukommen.

Roses Geschichte ist kein Einzelschicksal in den abgelegenen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District. Vorwiegend Subsistenzwirtschaft betreibend, sind ca. 50% der knapp 60.000 Einwohner der Region unter- bzw. mangelernährt, wodurch vor allem die gesunde Entwicklung der Kinder stark gefährdet ist. Äußerst niedrige Hygienestandards und unzureichende Trinkwasserversorgung fördern außerdem Infektionskrankheiten. Auch die hohe Anzahl an Menschen mit HIV/Aids schwächt die Gemeinschaften nachhaltig.

Ausweg aus der Perspektivenlosigkeit

Um die Situation der Menschen in Erussi und Ndhew nachhaltig zu verbessern, wurde 2015 das Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation The Agency For Accelerated Regional Development (AFARD) werden die Ärmsten der Armen in Selbsthilfegruppen befähigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So wird auch der großen Herausforderung begegnet, den Kindern und Jugendlichen der Region einen Ausweg aus dieser Perspektivenlosigkeit zu zeigen, damit sie wieder neuen Mut schöpfen.

Auch Rose trat in eine Jugendgruppe der Projektregion ein, wo sich die jungen Erwachsenen grundlegende Fertigkeiten aneignen können, um die Aufnahme ins zukünftige Berufsleben zu erleichtern oder einen Ausbildungsplatz zu . Schreinern, Schneidern, das Frisörhandwerk und mechanische Berufe sind hierbei oft und gern nachgefragte Arbeitsbereiche. Rose nahm mit 39 anderen jungen Erwachsenen an diesen Bildungsangeboten teil und beschäftigte sich mit wirtschaftlichen Grundlagen wie Einkommensmöglichkeiten, Finanzierung und Sparmaßahmen. Zusätzlich beschloss die junge Frau, das Schneiderhandwerk zu erlernen, um sich damit selbstständig zu machen, da sich in ihrer Region keine Schneiderei befand. Roses Stiefmutter schenkte ihr eine Nähmaschine und ihr Vater überließ ihr einen kleinen Anteil der Ernte für eine erste Einkommensgenerierung. Mit der Nähmaschine und dem durch die Ernte erworbenen ersten Grundkapital startete sie ihr Geschäft. Inzwischen erwirtschaftet sie durch ihre Tätigkeit ein monatliches Einkommen. Dadurch ist es ihr nun möglich, für Ernährung, Kleidung und Unterkunft für ihre Familie aufzukommen.

Hilfe zur Selbsthilfe (SHS)

Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ (Foto: Kindernothilfe)

Zudem ist Rose eines der mittlerweile über 2.000 Mitglied der 165 Selbsthilfegruppen in der Region, in denen sich in der Regel die Frauen zusammenfinden, um zu lernen, wie sie den Lebensstandard ihrer Familien eigenständig verbessern können. Die AFARD-Mitarbeiter boten im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Schulungen an, die je nach Stand und Fortschritt der SHG ganz unterschiedliche Themen umfassten. So wurde vor allem die Wichtigkeit von gesunder Ernährung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge besonders hervorgehoben. Auch wurden die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und lernten, wie sie diese aktiv einfordern können. Zusätzlich nahm Rose am Microkreditprogramm teil, in dem die Frauen der SHG gemeinschaftlich Kleinstbeträge ansparen, aus denen nun langsam ein Kapitalstock entsteht. Daraus vergibt die SHG Kleinkredite, mit denen die Frauen kleine Geschäfte aufbauen können. So wird es ihnen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu generieren und die Lebensumstände in ihrem Familienkreis zu verbessern. Der Aufbau von Einkommensquellen macht sie von ihren Männern finanziell unabhängig und sie werden eher als gleichberechtigte Partnerinnen akzeptiert.

Rose beschreibt, dass sie durch die Mitgliedschaft in der Jugendgruppe und die dadurch angestoßenen persönlichen Erfolge sehr viel Selbstvertrauen gewonnen hat. Sie ist sehr dankbar, dass es ihr nun möglich ist, ihre Familie zu ernähren und sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten kann. Durch die SHG-Mitgliedschaft hat Rose erfahren, dass sie gemeinsam mit den anderen Gemeindemitgliedern sehr wohl Einfluss auf ihre Situation und auch auf die Politik lokaler Entscheidungsträger haben können. Roses Wunsch ist es, später einmal ihre eigene Ausbildungsstätte aufzubauen, in der sie anderen jungen Menschen das Schneiderhandwerk unterrichtet.

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstv[...]

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Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil (TDH) schult die Betroffenen zum Thema Kinderrechte und vermittelt eine Kultur des gewaltfreien Miteinanders. Wie? Zum Beispiel in einem Medien-Workshop mit dem Ziel, eine eigene Zeitschrift gegen Gewalt zu produzieren.

Brasilien: Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Zeichnungen, Collagen, poetische Texte, Fotos, Erzählungen: Die jungen Redakteure des Fanzine (das Wort steht eigentlich für Fan-Magazin) greifen auf die unterschiedlichsten Mittel zurück, um ihre bisherigen Erfahrungen mit gewaltfreier Kommunikation an die Öffentlichkeit zu tragen. In den zwei Tagen des Workshops haben sie gelernt, was ein Fanzine ist und wie sie die Zeitschrift gemeinsam auf die Beine stellen. Gedacht und umgesetzt als Botschaft des Friedens: die Jugendzeitschrift gegen die Gewalt.

Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

„Frieden ist nicht schwarz-weiß“

Für die 13-Jährige Yasmim Nascimento war es besonders wichtig, gemeinsam mit den anderen etwas Neues auszuprobieren und zu zeigen, wie sie sich das Zusammenleben in ihrem Viertel vorstellen. „Frieden ist nicht schwarz-weiß, deshalb haben wir viele Farben benutzt, um ein Bild von ihm zu zeichnen, wie bei einem Regenbogen.“ Für sie ist Gewalt eine Spirale, die immer mehr Gewalt verursacht. „Es gibt viele Menschen hier, die nicht wissen, wie ein gewaltfreies Miteinander funktioniert. Durch die Geschichten in unserem Magazin helfen wir ihnen zu verstehen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt.“

Breno Caetano, 22, gefielen vor allem die Diskussionen mit anderen Jugendlichen. „Im Workshop haben wir gelernt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, um Verständnis und Achtung für den anderen aufzubringen.“ Neben dem Dialog vereint auch die Kunst die Menschen, davon ist er überzeugt. „Das Magazin war eine gute Übung, um die Probleme im Alltag anzugehen. Diese Möglichkeit sollten auch andere Jugendliche bekommen.“

„Der Dialog ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“

Brasilien: Redaktionsitzung im Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Die Idee, gewaltfreie Kommunikation in den Mittelpunkt des Workshops zu stellen, hat mit einem Mangel zu tun, sagt die Pädagogin und Workshop-Moderatorin Fernanda Meireles: „Die meisten von uns haben nicht gelernt, in Konflikten zu vermitteln, Emotionen klar zu erkennen, Vorurteile beiseite zu lassen und so tatsächlich Probleme zu lösen.“ Für Fernanda besteht die größte Herausforderung darin, dass die Jugendlichen, die schon Gewalt erlebt haben, diese Erfahrungen aktiv einbringen. „Am Beginn des Workshops war das für einige von ihnen sehr schwer und sogar unangenehm. Wir haben ihnen gesagt, dass Erinnerungen Teil von uns sind und dass es hilfreich ist, sie zu teilen. Sie sind überwindbar und verwandeln sich. Auch die Beziehungen zwischen Menschen verändern sich und der Dialog, das Gespräch, ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“.

 

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil (TD[...]

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Ein Schutzraum für „Engel“

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche).

Haus der Zuflucht: Etwa 100 Mädchen erhalten jährlich im Zentrum „Querubines“ neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen. (Foto: Kindernothilfe)

Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­gen. Der Honduraner ist Sozialarbeiter in Tegucigalpa und arbeitet für „Casa Alianza“, eine internationale Kinderschutzor­ganisation mit Schutzprojekten für Straßenkinder in allen mittel­amerikanischen Ländern – auch in Honduras, im historischen Viertel der Hauptstadt. Doch Ri­cardo betreut auch noch ein ganz spezielles Projekt, eine gute Au­tostunde vom Zentrum entfernt. Das Heim „Querubines“, was über­setzt so viel bedeutet wie: die En­gelchen am göttlichen Thron. Ein Schutzraum für Mädchen zwi­schen 12 und 18 Jahren, alle Über­lebende sexualisierter Gewalt.
Für die Fahrt dorthin nimmt sich Coello ein Taxi. Eines der billigen Sorte, ohne verdunkelte Scheiben, wie sie Touristen aus Sicherheitsgründen dringlich empfohlen werden. Gut 40 Minu­ten später öffnet sich dem Taxi ei­ne Schranke, macht den Weg frei in eine dieser vielen Gated Comu­nities. Ricardo klingelt an einer Gartenpforte ohne Namensschil­der. Eine ältere Frau, die Köchin und Seele des Hauses, öffnet und begrüßt ihn im Schutzzentrum „Querubines“. Kaum im Haus eingetreten, wird Ricardo von der 14­jährigen Sara gestoppt. Mit tränenerstickter Stimme er­zählt sie, dass am Tag zuvor das geplante Treffen mit ihren Eltern nicht stattgefunden habe. Die Mutter und der Vater seien nicht gekommen. Aber sie müsse die beiden unbedingt sehen.
Sara ist im Heim, weil sie vom Vater mehrfach sexuell miss­braucht wurde. Doch es dauere, bis sie sich davon emotional loseisen könne, erklärt Ricardo später dieses widersprüchliche Gefühl der erst kürzlich ins Schutzzen­trum gekommenen Sara. Ihr sagt er zu, möglichst schnell ein neues Treffen zu vereinbaren. Die 14­Jä­hige lächelt, wischt sich die Trä­nen ab und schlendert zurück in den Gemeinschaftsraum, in dem noch andere Mädchen sitzen, die sich an diesem Tag nicht in der La­ge fühlten, in die Schule zu gehen. Es ist ein schlichter Raum. Ein paar selbst gestaltete Poster, eine Handvoll bequeme Sitzflächen, ein Fernsehapparat. Im angren­zenden Raum ein paar Computer mit klaren Nutzungsregeln.

Angst und Schweigen

Plötzlich wird es hektisch und laut. Vor dem Gartentor hält ein Kleinbus. Rund 20 Mädchen kom­men aus der Schule zurück und er­halten ihr Mittagessen, auch die Schwestern Gabriela und Marisol, die eigentlich anders heißen. Zum Schutz aller Mädchen bleiben ih­re richtigen Namen der Außenwelt verborgen. Und auch innerhalb des Heimes bleiben die Geschich­ten der Einzelnen vor den ande­ren Mädchen verschlossen. „Dass jede von uns üble Erfahrungen gemacht hat, wissen wir vonei­nander“, erzählt Gabriela. Mehr müsse nicht sein.  Tania, die Er­zieherin, spricht von der großen Angst, die die Mädchen schweigen lässt. Es könnten ja durch unbe­dachtes Erzählen Spuren zu den Tätern gelegt werden, und damit dann auch wieder zu ihnen.
Marisol und Gabriela kom­men aus der bergigen Kaffeean­bauregion im Landesinneren. Wo es „normal“ ist, dass Mädchen nicht zur Schule gehen, sondern von klein auf im Haushalt einge­spannt sind. Die 15­jährige Ga­briela war Analphabetin, als sie im Herbst 2017 zu „Querubines“ kam. Die Mutter verbot ihr die Schule, das Bett teilte sie sich mit den drei Schwestern. Als sie elf ist, wird sie von ihren drei Brüdern missbraucht. „Sie misshandelten und vergewaltigten mich und nie­mand half mir! Auch Mama half mir nicht!“, erzählt Gabriel a. „Sie sagte, ich würde lügen.“
Die ältere, heute 18­jährige Schwester Marisol ist schon sechs Jahre bei „Querubines“. Sie war sie­ben, als ihr Vater und der Onkel sie missbrauchten. Und die Mutter be­schimpfte auch sie als Lügnerin. Der Onkel nahm sie als Elfjährige mit ins Haus von dessen Mutter, ih­rer Oma. Sie hoffte auf Hilfe, doch die Großmutter betrachtete Mari­sol als Frau, ja Eigentum des On­kels. Kurioserweise verdankt sie dem Vater die Rettung von dort. Er raste vor Eifersucht und zeigte den Onkel an. Marisol kam in die Obhut der Kinderschutzbehör­de und von dort zu „Casa Alianza“ und in deren Heim „Querubines“. Bald danach brachte dieses Mäd­chen trotz vieler Ängste den Mut auf und zeigte den Vater an. Damit stellte sie sich innerhalb der Fa­milie ins Abseits. Die Brüder und die Mutter meiden sie. „Sie sagen, ich sei schuld, dass sie alles ver­loren haben. Ich hätte die Familie  kaputt gemacht.“ Geschichten wie die von Mari­sol und Gabriela werden in den ländlichen Regionen des Landes über Generationen hinweg fort­geschrieben. Mädchen, die das Pech hatten, als Zwölfjährige ge­schwängert zu werden, seien dann die Aussätzigen des Dorfes, sagt Gabriela, und würden von den Müttern aus dem Haus ge­worfen, weil sie sich auf Männer eingelassen hätten. Die Zahlen solcher ungewollten Schwanger­schaften nehmen zu. Bei 15 Pro­zent der Geburten sind die Mütter zwischen 14 und 18 Jahre alt.
Neben sexuellem Missbrauch und Misshandlungen haben Ga­briela und Marisol in ihrem Um­feld auch viele andere Gewalter­fahrungen erlebt. Dazu gehören die Versprechungen von Traum­jobs fernab von zu Hause. Statt als Haushaltshilfe oder Serviermäd­chen in einem Café oder Restau­rant, landet ein Großteil der meist minderjährigen Mädchen als Sex­sklavinnen in Bars oder Hotels oder werden auf den ungesicher­ten Straßenstrich geschickt, egal ob in Honduras selbst oder einem der Nachbarländer.

Therapie und Bildung

Die wenigsten der Mädchen haben Glück und werden von der Jugendfürsorge aus diesem Umfeld herausgeholt oder können fliehen. Und wenn doch, dann sind die Schutzräume knapp. Gerade deswegen ist die Einrichtung „Querubines“ so wichtig für die Betroffenen. Dort erhalten rund 100 Mädchen jährlich neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen angeboten. Und sie können zur Schule gehen, ein Recht, das laut Verfassung jedem Kind zusteht. Marisol und Gabriela wollen beide Anwältinnen werden – spezialisiert auf Kinder­ und Jugendrecht. Ihr Blick ist dank „Querubines“ nach vorn gerichtet.

Kinderrechtsorganisationen wie „Casa Alianza“ können solche Pro­jekte aber nur mit kontinuierlicher Fremdfinanzierung durchführen. Dafür brauchen sie internationale Partnerorganisationen, wie die Ös­terreichische Kindernothilfe. Von der Wiener Dorotheergasse aus un­terstützt diese NGO seit 2012 den Schutzraum „Querubines“ mit re­gelmäßigen Spenden – und leis­tet damit Überlebenshilfe für die­se Einrichtung. International für die Wahrung der Kinderrechte ein­treten: Darum geht es. Und irgend­wann wollen auch Gabriela und Marisol für diese Rechte kämpfen.

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche). Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­ge[...]

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Sambia: Radio macht Schule

Das Radio läuft, die Kinder lauschen gespannt: in der 41. Mathematikeinheit wird noch einmal das Subtrahieren mit zweistelligen Zahlen wiederholt. Der Mann an der Tafel, ein eigens geschultes Gemeindemitglied, arbeitet die Lektion, die gerade über die Lautsprecher vorgetragen wird, mit den Kindern auf. Unterricht via Radio ist für die meisten Kinder und Jugendlichen in Chikuni, Sambia, ganz normaler Schulalltag und die einzige Chance auf eine Schulbildung.

Chikuni, Sambia: Unterricht via Radio (Foto: Jakob Studnar)

Die Gemeinde Chikuni liegt ungefähr 150 km südwestlich von Sambias Hauptstadt Lusaka. Sie besteht aus rund 180 Dörfern mit insgesamt 25.000 Einwohnern, wovon die meisten von der Landwirtschaft leben und mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen. Unterernährung und Kinderarbeit sind die Folge. Zudem hat die Region mit der weiten Verbreitung von HIV und den immer heftigeren Wetterextremen (Trockenperioden versus Überflutungen nach sintflutartigen Regenfällen) zu kämpfen.

Am härtesten trifft es die Kinder armer Familien, denn sie werden in einen Teufelskreis hineingeboren: Da die Regierung nicht genügend Infrastruktur zur Verfügung stellt, gibt es in dieser Region kaum öffentliche Schulen und der Weg zu den wenigen Vorhandenen ist meist sehr weit; bis zu 20 km müssten die Kinder zurücklegen, um am staatlichen Unterricht teilnehmen zu können. Außerdem sind die Kinder vieler Familien aufgrund der extremen Armut von vornherein dazu gezwungen, auf den Schulbesuch zu verzichten und durch Arbeit zum Einkommen der Eltern beizutragen. Beinahe 80% der dort lebenden Mädchen und Buben besuchen den Schulunterricht gar nicht oder nur sehr unregelmäßig.

Chikuni, Sambia: Das Radio ist die einzige Chance der Kinder auf Schulbildung (Foto: Jakob Studnar)

Chikunis Radioschulen

Unsere sambische Partnerorganisation Chikuni Mission hat im Jahr 2000 angefangen, sogenannte Radioschulen in verschiedenen Dörfern zu gründen, um Unterricht über das Radio in die entlegenen Regionen zu bringen. Das tägliche Sendeprogramm der Chikuni-eigenen Sendestation wurde in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen entwickelt und die Erstellung von Bildungsmaterialien durch Mitfinanzierung der Kindernothilfe möglich gemacht. Zusätzlich wurden Erwachsene trainiert, die Sendungen mit den Kindern anhand der Lehrmaterialien aufzuarbeiten und durch Hausaufgaben zu vertiefen. Diese Schulen ermöglichen es jenen Kindern und Jugendlichen, die sonst keine Möglichkeit zu einem Schulbesuch hätten, trotzdem an einem Bildungsprogramm teilzunehmen.

Das Projekt begann modellhaft in nur fünf ausgewählten Dörfern bzw. Radioschulen. Weitere fünf kamen hinzu, in denen das reguläre tägliche Schulprogramm neu eingeführt wurde. Mittlerweile werden insgesamt 69 Klassen der Klassenstufen 1 bis 10 mit etwa 2.300 Kindern in 23 Dörfern erreicht und unterrichtet. Am Schuljahresende nehmen die Kinder an den staatlichen Abschlussprüfungen teil.

Schulalltag in Chikuni

Die Kinder versammeln sich mit Unterstützung von Mentoren in Gemeinderäumen, unter Dachkonstruktionen oder den Bäumen. Dort nehmen sie am Radiounterricht teil und erledigen danach ihre Hausaufgaben. Aus Eigenmitteln und mit Unterstützung von Chikuni Mission versucht jede Gemeinde nach und nach ein Schulgebäude zu errichten. Im Unterricht werden auch praxisnahe Themen vermittelt: Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden und Anpassung der Landwirtschaft an die sich verändernden klimatischen Verhältnisse. Darüber hinaus unterstützt Chikuni Mission die Menschen der Region durch die Bereitstellung von Materialien zur ertragreichen Landwirtschaft und Expertenwissen. Mittlerweile nehmen auch die Erwachsenen am Unterricht teil: Sie lernen Lesen und Schreiben und erwerben wichtige landwirtschaftliche Kenntnisse.

Chikuni, Sambia: Mittlerweile besuchen auch Erwachsene die Radioschulklassen, um Lesen und Schreiben zu lernen (Foto: Christian Herrmanny)

Ein erfolgreicher Schulversuch

Auch im letzten Jahr waren die über das Radio übertragenen Unterrichtseinheiten ein zentraler Aspekt der Projektarbeit. Da viele Dörfer weit entfernt von den nächstgrößeren Städten liegen und somit der Schulweg für die Schüler zu lang ist, findet der Unterricht in 18 lokalen Zentren statt. Im letzten Jahr wurden daher 150 Lehreinheiten gesendet, die von über 2182 Kindern wissbegierig mitgehört wurden.

In den Zentren übernehmen geschulte Mentoren die Vorbereitung des Radiounterrichts. Im vergangenen Jahr wurden drei Fortbildungskurse für die Mentoren angeboten. Des Weiteren wurden 140 Besuche unternommen, um die Qualität des Unterrichts und die Unterrichtsmethoden der Mentoren zu überprüfen und falls nötig zu korrigieren. In den 18 Zentren waren 60 Mentoren beschäftigt, die im letzten Jahr auch ein Sportturnier zwischen den Einrichtungen organisiert haben.

Ein wesentliches Anliegen der Kindernothilfe und ihres Partners ist der Kindesschutz, der durch die Kindesschutzbeauftragten in den Zentren realisiert wird. Der Umgang mit möglichen Kindeswohlverletzungen wurde ihnen im letzten Jahr nähergebracht, um sie auf mögliche Ernstfälle vorzubereiten. Zur Prävention von Kinderrechtsverletzungen wurden 3500 Eltern in Workshops sensibilisiert. Vielerorts versuchen die Eltern nun ihre Kinder zu unterstützen, indem sie ihnen den Besuch der Zentren ermöglichen und durch freiwillige Nahrungsmittelspenden zu den Mahlzeiten der Kinder beitragen.

Das Radio läuft, die Kinder lauschen gespannt: in der 41. Mathematikeinheit wird noch einmal das Subtrahieren mit zweistelligen Zahlen wiederholt. Der Mann an der Tafel, ein eigens geschultes Gemeindemitglied, arbeitet die Lektion, die gerade über die Lautsprecher vorgetragen wird, mit den Kindern[...]

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7. Februar 2019

Venezuela: eine humanitäre Katastrophe

„Slow-motion catastrophe“ – Katastrophe in Zeitlupe – hat der Guardian die verhängnisvolle Entwicklung in Venezuela genannt. Längst ist aus der politischen eine umfassende humanitäre Krise geworden. Die Menschen hungern und verlassen in Scharen das Land, die Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen, Gewaltverbrechen nehmen rasant zu. Unter der Notsituation leiden vor allem Kinder. Um sie wirkungsvoll zu unterstützen, lotet die Kindernothilfe derzeit Möglichkeiten für Hilfsmaßnahmen in Kooperation mit dem Medikamentenhilfswerk action medeor und anderen ökumenischen Partnern aus. Pater José María Gimeno, Beauftragter für Humanitäre Hilfe und Sozialprojekte der Erzdiözese Barquisimeto, berichtet bei einem Besuch in der Geschäftsstelle der Kindernothilfe in Duisburg von der verzweifelten Lage in Venezuela.

Venezula Mai 2017: Massenproteste gegen die Maduro-Regierung (Foto: Voice of Amercia)

Derzeit ist Venezuela fast täglich in den Medien. Meist beschränken sich die Nachrichten auf den politischen Machtkampf zwischen Staatspräsident Nicolás Maduro und dem Präsidenten der Nationalversammlung von Venezuela, Juan Guaidó, der sich selbst zum verfassungsmäßigen Interimsstaatsoberhaupt erklärt hat und Staatschef Maduro aus dem Amt drängen will. Die Notlage der Menschen spielt in der Berichterstattung eine untergeordnete Rolle. Mit diesen Menschen und ihrem Überlebenskampf hat Pater José María Gimeno jeden Tag zu tun.

67 % der Kinder sind unterernährt

Die Unterversorgung ist lebensbedrohlich, es fehlt vor allem an Lebensmitteln und Medikamenten. 67 Prozent der Kinder in Venezuela sind unterernährt. Das bedeutet: Selbst wenn sie ab sofort regelmäßig ausreichend zu essen hätten, trügen sie dennoch zum Teil massive bleibende Schäden davon.

Von ausreichender Ernährung kann jedoch nicht die Rede sein: Während der Schwarzmarkt blüht, können sich die meisten Menschen wegen des massiven Währungsverfalls nicht einmal mehr Reis oder Eier leisten. Obendrein sorgt die Korruption bis in die obersten polistischen und militärischen Ränge dafür, dass die Lebensmittel, die es gibt, nicht die Bedürftigen erreichen.

Zugleich greifen Krankheiten um sich, weil sauberes Trinkwasser Mangelware ist. Medikamente gibt es nicht oder sie sind unerschwinglich teuer. So kostet eine Antibiotikum-Tablette umgerechnet einen US-Dollar, der durchschnittliche Monatslohn liegt jedoch nur bei 80 Cent – eine Folge der galoppierenden Inflation, die schon jetzt sagenhafte 1,3 Millionen Prozent beträgt und noch weiter steigen soll.

Die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist groß

ssensausgabe in einem Comedor (Foto: Jürgen Schübelin)

Nirgendwo in Lateinamerika spielen die Kirchen – die katholischen und die protestantischen – eine so zentrale Rolle wie derzeit in Venezuela. Vor den Suppenküchen der Gemeinden bilden sich jeden Tag lange Schlangen. Auch die Pfarreien der Erzdiözese, in der Pater Gimeno tätig ist, kochen täglich für rund 150 Personen. Die Betroffenen bekommen die Mahlzeiten sogar nach Hause gebraucht.

Warum? „Wir wollen sicherstellen, dass das Essen auch wirklich bei denen ankommt, die es am nötigsten haben“, sagt Pater Gimeno. Die entsprechenden Familien hat die Diözese vorher sorgsam ausgesucht. Die Zubereitung der Speisen übernimmt ein Koch, der den täglichen Einsatz gleichzeitig zur Ausbildung seiner Kochschüler nutzt. Ein 60-köpfiges Freiwilligenteam bringt das Essen in die einzelnen Haushalte.

Oft bleiben die Freiwilligen noch eine Weile in den Familien und passen auf, das auch wirklich jeder zu essen bekommt. „Es ist nämlich so, dass die Alten manchmal auf ihren Anteil verzichten – zugunsten der Kinder“, weiß Pater Gimeno. „Die Menge reicht aber für alle aus. Deshalb ist es uns auch so wichtig, die Bedürftigen vorher genau auszuwählen.“

Die Kosten für dieses Ernährungsprojekt belaufen sich auf etwa 1.000 US-Dollar pro Monat. Es gebe immer noch Unternehmen in Venezuela, die dafür spendeten. Den Rest der Gelder erhalte die Diözese von engagierten Bürgerinitiativen in Spanien.

Kinder und Alte leiden am meisten unter der Krise (Foto: Jürgen Schübelin)

Eine Katastrophe für das Land

Über 200.000 Venezolaner sind 2017 allein nach Spanien ausgewandert. Die Hauptlast der Massenmigration tragen jedoch die Nachbarländer und unter diesen besonders Kolumbien, das 2017 rund 600.000 Flüchtlinge aufnahm. Für 2019 rechnet die Weltflüchtlichsorganisation UNHCR mit einer Vervielfachung der Zahlen, wenn sich an der Notsituation in Venezuela nichts ändert.

Die, die gehen, sind meistens die Jungen und Gutausgebildeten. Sie haben genug Energie und Hoffnung für einen Neuanfang. Zurück bleiben die verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft – Kinder und alte Menschen. Für Venezuela ist das eine Katastrophe: Wenn die Krise überwunden ist, fehlen gerade jene, die das Land wieder aufbauen könnten.

Die Menschen fliehen aber nicht nur vor Hunger und Krankheiten, sondern auch vor der zunehmenden Gewalt. Pater Gimeno erzählt von vier Morden in unmittelbarer Umgebung seiner Pfarrei, alle in jüngster Zeit. Die Sicherheitskräfte machten regelrecht Jagd auf Menschen, berichtet er.

Besonders gefürchtet sind die Colectivos: paramilitärische Einheiten auf Motorrädern, die als Gegengewicht zur Armee gegründet wurden, um „die Revolution zu verteidigen“. Darüber hinaus gibt es noch weitere Milizen im Land. Die unübersehbare Menge an Waffen in Privatbesitz ist ein gefährliches Pulverfass, das jederzeit explodieren kann.

Hilfsmaßnahmen sind in Planung

Graffito von Hugo Chávez, Begründer der „Bolivarischen Revolution“ in Venezuela (Foto: Jürgen Schübelin)

Die Kindernothilfe sieht besonders mit Blick auf die Gesundheitssituation und die Gefährdung von Kindern dringenden Handlungsbedarf. Große Bedeutung kommt dabei der Beschaffung und Lieferung von Medikamenten an Kirchengemeinden und andere kirchliche Institutionen zu. Gemeinsam mit ökumenischen Partnern und im Verbund mit action medeor sollen sichere Kanäle für entsprechende Humanitäre Hilfsmaßnahmen ausgebaut werden.

Graffito von Hugo Chávez, Begründer der „Bolivarischen Revolution“ in Venezuela

„Slow-motion catastrophe“ – Katastrophe in Zeitlupe – hat der Guardian die verhängnisvolle Entwicklung in Venezuela genannt. Längst ist aus der politischen eine umfassende humanitäre Krise geworden. Die Menschen hungern und verlassen in Scharen das Land, die Gesundheitsversorgung ist zusa[...]

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