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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

28. Februar 2022

Farmschulen: Mit Landwirtschaft raus aus der Armut

Die meisten Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft. Doch traditionelle Anbaumethoden reichen nicht mehr aus, um Familien zu ernähren. Der einseitige Anbau von Kochbananen, Mais, Bohnen und Maniok hat die Böden ausgelaugt, viele Familien sind mangelernährt. Das Kitovu Mobile Projekt zeigt jungen Leuten in mobilen Farmschulen, wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert. Nach drei Jahren ziehen die Schulen ins nächste Dorf.

Masaka – Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts im Süden Ugandas. Die Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern liegt an der Fernstraße zwischen Kampala und Mbarara und Ruanda. Das Stadtbild ist geprägt von Werkstätten für Lastwagen und Autos. Reifenverkäufer säumen die Straßen. Der Staub der Straßen mischt sich mit dem Öl und Benzin, das die LKWs verlieren. Der eigentlich sandfarbene bis rote Boden ist fast schwarz gefärbt. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft. Viele Menschen in Masaka leben vom Fernverkehr – betreiben einen Imbiss, reparieren LKWs, vermieten eine Unterkunft. Doch der Fernverkehr hat nicht nur Einkommensmöglichkeiten gebracht. Masaka hat auch heute noch eine der höchsten HIV- und Aidsraten des Landes.

In einigen Gegenden der Stadt liegt die Infektionsrate bei beinahe 30 Prozent. Das Virus hat bereits vielen Menschen das Leben gekostet. Es gibt kaum eine Familie, die nicht betroffen ist. Viele Kinder wachsen als Halb- oder Vollwaisen auf. Kein leichtes Leben. Die Eltern hinterlassen den Kindern zwar oft ein Stück Land, auf dem die Mädchen und Jungen für den eigenen Bedarf etwas anbauen könnten. Doch wissen die Kinder und Jugendlichen nicht um Anbaumethoden. Somit wirft der fruchtbare Boden kaum Erträge ab, unzählige Kinder sind mangel- oder unterernährt.

Farmschüler James bei der Arbeit im Garten (Foto: Katharina Drzsiga)
Farmschüler James bei der Arbeit im Garten (Foto: Katharina Drzsiga)

Eine Antwort auf die Krise

Seit zwanzig Jahren sind die Farmschulen eine Antwort auf die prekären Lebensumstände vieler Kinder und Jugendlicher, die durch die Aids-Pandemie und zerrüttete Familien verursacht wurden. Das Konzept ist einfach und doch sehr raffiniert: Drei Jahre lang bleibt eine Farmschule an einem Ort in der Projektregion und lehrt die Jugendlichen nachhaltige und biologische Landwirtschaft. Von Anfang an wird die Community in die Planung mit einbezogen. Die lokalen Führungsgremien stellen z. B. ein Gebäude zur Verfügung, in dem der Blockunterricht stattfinden kann und die Schülerinnen und Schüler für die Zeit des Unterrichts wohnen können. Die Community steuert Nahrungsmittel bei und wird einbezogen in die Auswahl der Mädchen und Jungen, die die Farmschule besuchen dürfen. Voraussetzung ist, dass sie zwischen 13 und 19 Jahre alt sind, mindestens zwei Jahre keine Schule besucht haben und zu den ärmsten Familien gehören. „Es ist wichtig, dass die Community in den gesamten Prozess involviert ist“, erklärt Justus Rugambwa, CEO von Kitovu Mobile, dem langjährigen Kindernothilfe-Partner in Masaka. „So verstehen alle unseren Ansatz, und es entsteht kein Neid. Und die Menschen sehen es als ‚ihr‘ Projekt.“

Der Klassenraum für die Schüler im ersten Jahr ist groß und schlicht. Ein Versammlungssaal des Dorfes. Nun Ort des Lernens. 100 Mädchen und Jungen sitzen in ihren blau-grünen Schuluniformen auf dunkelbraunen Holzbänken und verfolgen aufmerksam, was der Lehrer erklärt. Es geht um die Herstellung von biologischem Dünger. Eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser – das können die Jungbauern auftreiben und problemlos umsetzen. Das ist wichtig, sagt der Lehrer. Die Jugendlichen sollen sich nicht verschulden, um teure Gerätschaften, chemischen Dünger und Pestizide anzuschaffen. An den Wänden hängen selbst gemalte Plakate, auf denen erklärt wird, wie Tomaten, Kohl und Zwiebeln angebaut werden. Wie Hochbeete angelegt werden. Wie Setzlinge gezüchtet werden. Die Jugendlichen lernen hier alles, um in ihren eigenen Gärten Obst und Gemüse anzubauen.

Erfolgreich gelernt

So auch John und James. Die beiden Burschen sind 16 und 17 Jahre alt. Beide sind Halbwaisen. Sie leben jeweils weit abgelegen von der nächsten größeren Straße, ihre Häuser erreicht man nur über staubige Buckelpisten, die sich abenteuerlich in die hügelige Landschaft schrauben. Hinter den etwas in die Jahre gekommenen ärmlichen Häusern der Familien tut sich ein wahres Wunder auf: Überall grünt und blüht es! Kohl, Zwiebeln, Tomaten wachsen, die Bananenbäume tragen Früchte. Die jungen Männer haben selbst Ställe für Ziegen und Hühner gebaut und sogar tiefe Gruben ausgegraben, in denen sie kompostieren. Und noch etwas findet sich in den großen Gärten: eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser. Die Beiden haben alles umgesetzt, was sie in der Schule gelernt haben. Für ihre Familien bedeutet das, dass sie sich nun ausgewogen ernähren und das, was sie übrig haben, auf dem Markt verkaufen können.

Nelson (Foto oben), früher Farmschüler, ist heute Großbauer und Vorbild für James (unten), der in seinem Garten erfolgreich Obst und Gemüse anbaut. (Foto: Katharina Drzisga)
Nelson, früher Farmschüler, ist heute Großbauer und Vorbild für James, der in seinem Garten erfolgreich Obst und Gemüse anbaut. (Foto: Katharina Drzisga)

Große Pläne

John ist stolz auf das, was er bereits erreicht hat und dass er seine Familie unterstützen kann. Doch er hat größere Pläne. „Ich möchte gerne in Zukunft noch mehr anbauen und vielleicht Land dazukaufen, damit ich mit der Landwirtschaft richtig Geld verdienen kann“, erzählt er. Sein Vorbild ist Nelson. Nelson war in der ersten Farmschulklasse im Jahre 1998. Mittlerweile hat er sich einen großen Betrieb aufgebaut. Er baut von Ananas über Kaffee bis zu Lauch alles Mögliche an, erntet bis zu 100.000 Ananas im Jahr. Nelson verkauft seine Waren in der Region, aber auch in der Hauptstadt Kampala. Er ist verheiratet und hat acht Kinder. Fünf von ihnen waren Waisenkinder, die er bei sich aufgenommen hat. Allen seinen Kindern kann er den Schulbesuch finanzieren.

Ich hatte Glück, dass es Menschen gab, die mir eine Chance gegeben haben. Für mich war immer klar: Diese Chance will ich nutzen.

Nelson

Zu ihm können die Farmschüler kommen und von ihm lernen. Er gibt sein Wissen gerne weiter. Daher hat Nelson auch für die Zukunft noch einiges vor. „Ich möchte ein eigenes Institut für Landwirtschaft eröffnen. Dort sollen Jugendliche, die keine Perspektive haben, lernen können.“ Dafür arbeitet er hart. Neben seiner Arbeit auf seinem Hof macht der 38-Jährige seinen Highschool-Abschluss nach. Dann will er Wirtschaft studieren. „Damit ich weiß, wie ich so ein Institut erfolgreich leiten kann“, lacht er.

„Natürlich werden nicht alle ehemaligen Farmschüler erfolgreiche Großbauern“, erklärt Justus Rugambwa. „Das müssen sie auch gar nicht. Aber das Land, das sie haben, bestellen zu können, macht für die Jugendlichen und ihre Familien einen großen Unterschied. Die Mangelernährung wird beseitigt, ein Teil der Ernte kann verkauft werden, und sie verdienen Geld. Die Schule für die kleinen Geschwister kann bezahlt werden – und so geht es weiter. Nach und nach können sich die Familien aus der Armut befreien. Eigenständig. Und das ist das Ziel.“

Farmschüler John begutachtet seine Pflanzen (Foto: Katharina Drzsiga)
Farmschüler John begutachtet seine Pflanzen (Foto: Katharina Drzsiga)

Die meisten Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft. Doch traditionelle Anbaumethoden reichen nicht mehr aus, um Familien zu ernähren. Der einseitige Anbau von Kochbananen, Mais, Bohnen und Maniok hat die Böden ausgelaugt, viele Familien sind mangelernährt. Das Kitovu Mobile Projekt zeigt[...]

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Wahlen in Chile: Ein Moment für die Geschichtsbücher

Mit Chiles neuem Präsidenten Gabriel Boric lebt die Hoffnung auf eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung.

Auch noch zwei Tage nach der historischen Stichwahl um das Präsidentenamt in Chile – und der Entscheidung zwischen dem rechtsnationalen Pinochet-Verteidiger José Antonio Kast und dem ehemaligen Anführer der Studierendenproteste im Jahr 2011 und heutigen Parlamentsabgeordneten Gabriel Boric – überschlagen sich die Medien mit Superlativen: Noch nie wurde in dem lateinamerikanischen Land ein so junger Politiker (35) zum Präsidenten gewählt. Und noch nie seit dem Ende des Militärregimes fiel das Ergebnis einer Stichwahl so eindeutig aus: 55,9 % für Boric, 44,1 % für seinen Gegenkandidaten Kast. Der Abgeordnete aus Punta Arenas, der südlichsten großen Stadt Chiles, der im Kongress in Valparaíso bislang die Region Magallanes und die chilenischen Antarktis vertrat, erhielt so viele Stimmen wie noch kein anderer Kandidat jemals vor ihm. Und noch nie hatten sich, seit in Chile die Wahlpflicht abgeschafft wurde, so viele Menschen an einer Abstimmung beteiligt, wie an diesem Sonntag, fast 57 %. Bei der Wahl seines Vorgängers, Sebastian Piñera – vor vier Jahren – waren es rund zehn Prozent weniger gewesen.

Cecilia Galleguillos am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Die Wahlbeteiligung war überwältigend (Foto: Ximena Galleguillos)

Doch viel entscheidender als all diese Statistiken ist die politische Wirkung dieser Wahl, die mittlerweile von vielen Kommentator*innen als die wichtigste seit dem historischen Plebiszit vom 5. Oktober 1988 bezeichnet wird, als eine Mehrheit mit ihrem Votum gegen eine weitere Amtszeit Pinochets stimmte und damit das Ende des Militärregimes einläutete. Gabriel Boric, der für das Bündnis „Apruebo Dignidad“ („Ich stimme für die Würde“), das auch von zahlreichen Organisationen aus der chilenischen Zivilgesellschaft unterstützt wurde, antrat, verpflichtete sich in seinem Wahlkampf, alles zu unternehmen, um den verfassungsgebenden Prozess und das Ringen um eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung zu unterstützen. Sein Gegenkandidat José Antonio Kast, der immer wieder betonte, wie sehr er sich dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro – sowie Donald Trump verbunden fühle, hatte während seiner Kampagne versprochen, den Beschlüssen der verfassungsgebenden Versammlung entschiedenen Widerstand entgegenzubringen und die „alte Ordnung“ im Land wiederherzustellen.

Ein ganz wichtiges Thema während des Wahlkampfs in Chile bildete der Umgang mit Migrant*innen: José Antonio Kast warb für eine extrem restriktive Politik gegenüber vor Gewalt und extremer Armut Geflüchteter. Er versprach, entlang der Grenze zu Peru und Bolivien ein unüberwindbares System aus tiefen Gräben und Hindernissen zu errichten sowie Zehntausende Menschen aus Haiti und Venezuela, die sich ohne gültige Aufenthaltspapiere in Chile befinden, außer Landes zu schaffen. Gebriel Boric setzte sich hingegen für die strikte Einhaltung der internationalen Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen, denen auch das südamerikanische Land beigetreten ist, ein.

Die Oktober-Aufstände 2019 (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Chilen*innen gehen seit Jahren für Wandel auf die Straße! (Foto: Jürgen Schübelin)

Seit dem Beginn der sogenannten „Transición“ (des Übergangs vom Militärregime zu einem demokratischen System im Jahr 1990) hatte Chile keinen derart aufgeheizten, polarisierenden Wahlkampf erlebt wie in den Wochen vor diesem 19. Dezember. Vor allem die Kampagne von José Antonio Kast mit Fake News, offenem Rassismus, der Diffamierung der Frauenrechts- und der LGBTQ-Bewegung sowie der Verheißung von der Rückkehr zu einer autoritären Gesellschaftsordnung sorgte für ein extrem angespanntes Klima. Mit welch harten Bandagen Interessengruppen, die wie auch immer einen Wahlsieg von Boric verhindern wollten, kämpften, machte José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partner-Organisation Fundación ANIDE, am Wahlsonntag deutlich, als er ein selbstgedrehtes Video teilte. Darauf protestieren aufgebrachte Bürger vor einem Depot eines Omnibusunternehmens, das auf Konzessionsbasis für den öffentlichen Nahverkehr in den Armenvierteln im Süden der Hauptstadt Santiagos zuständig ist, sich aber weigerte, mit seinen Fahrzeugen den öffentlichen Linienverkehr zu bedienen. Die Folge: Möglicherweise Tausende Wahlberechtigte wurden daran gehindert, ihre jeweiligen Wahllokale zu erreichen. Auch wenn die amtierende Regierung unter Präsident Piñera bestritt, dass es eine derartige Boykott-Strategie zur Verhinderung der Stimmabgabe von Menschen aus den ärmeren Teilen Santiagos geben würde, waren die sozialen Medien am Wahltag und danach voll von einschlägigen Erfahrungsberichten Betroffener.

Die Erleichterung darüber, dass dennoch die Wahl eines Rechtsautokraten – und damit das Ende des im Oktober 2019 mit spontanen Massenprotesten begonnenen demokratischen Aufbruchs in Chile („El Despertar Chileno“) – hatten abgewendet werden können, brach sich in der Nacht von Sonntag auf Montag in Spontankundgebungen Hunderttausender im ganzen Land Bahn. José Horacio Wood schrieb, nachdem das vorläufige amtliche Endergebnis feststand, nach Duisburg: „Das war ein Wahlergebnis gegen alle Widerstände! Den Ausschlag gab, dass sich die Menschen nicht von der Angstmache haben lähmen lassen.“ Die Kindernothilfe-Partnerorganisationen in Chile erhoffen sich von der zukünftigen Regierung und der neuen Verfassung, über die Mitte des kommenden Jahres in einem Volksentscheid abgestimmt wird, substantielle Fortschritte vor allem beim Blick auf die Kinderechte und dem Schutz von Kindern vor Gewalt. Wichtig sind aber die Themen Bildungsgerechtigkeit, Zugang zu einer besseren öffentlichen Gesundheitsversorgung – sowie den Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. 

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Jürgen Schübelin)
Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Jürgen Schübelin)

Am 11. März 2022 wird die neue Regierung unter Gabriel Boric die seines extrem unpopulären Vorgängers, des Multimilliardärs Sebastian Piñera, ablösen. Das Bündnis „Apruebo Dignidad“ verfügt in keiner der beiden Parlamentskammern über eine eigene Mehrheit – und wird sich deshalb um Allianzen mit anderen demokratischen Kräften im Kongress bemühen müssen. Aber zumindest – und das ist aus Sicht der Kindernothilfe-Partner vor Ort die gute Nachricht aus Chile – wird der Befreiungsprozess aus den Fesseln des extremsten neoliberalen Systems der Welt und der autoritären Verfassung des Pinochet-Staates weitergehen können.

Mit Chiles neuem Präsidenten Gabriel Boric lebt die Hoffnung auf eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung. Auch noch zwei Tage nach der historischen Stichwahl um das Präsidentenamt in Chil[...]

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9. Dezember 2021

„Time to Talk!“: Arbeitende Kinder über Kinderarbeit

Das Jahr 2021 wurde zum internationalen Jahr gegen Kinderarbeit ausgerufen. Weltweit haben viele Politiker*innen, Organisationen und Verbände dieses Thema aufgegriffen. Aber was sagen die Betroffenen selbst, die arbeitenden Kinder? Unsere Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Lea Kulakow berichtet von durchgeführten Kinderbefragungen und gegründeten Kinder-Komitees. Und sie stellt die Ergebnisse der „Time to Talk!“-Kampagne und die Forderungen der arbeitenden Kinder vor.

Der Einsatz der Kindernothilfe gegen Kinderarbeit

Die Kindernothilfe wurde gegründet, um mit Spendengeldern Kinder im Globalen Süden zu unterstützen. Ausgehend von Kinderpatenschaften in Indien entwickelten sich verschiedenste Projekte weltweit. Seit wann setzt sich die Kindernothilfe aktiv gegen Kinderarbeit ein?

Lea Kulakow: Eigentlich von Anfang an. Schon die ersten Patenschaften in Indien sollten Kinder vor Armut schützen und ihnen Bildung ermöglichen. Das sind wichtige Faktoren, um Kinderarbeit vorzubeugen. Armut und fehlendes Einkommen sind noch immer die häufigsten strukturellen Ursachen von Kinderarbeit. Deshalb setzt die Kindernothilfe bis heute auf diese Präventionsarbeit. Im Jahr 1998 gab es dann die „Global March“-Initiative. Dabei lag der Fokus auf dem Recht auf Schutz vor ausbeuterischer Kinderarbeit. Mittlerweile unterstützt der Kindernothilfe-Verbund weltweit rund 80 Projekte, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen. Und auch in der Advocacy-Arbeit ist das Thema Kinderarbeit eines unserer Kernthemen.

Die „Time to Talk!“-Kampagne für mehr Kinderbeteiligung beim Thema Kinderarbeit muss zunächst gründlich durchdacht, besprochen und geplant werden.
Die „Time to Talk!“-Kampagne für mehr Kinderbeteiligung beim Thema Kinderarbeit muss zunächst gründlich durchdacht, besprochen und geplant werden.

Unsere Kampagne zur Kinderbeteiligung „Time to Talk!“

Kinderarbeit ist ein komplexes Problem, das kontext-spezifische Lösungen benötigt. Arbeitende Kinder kennen dabei ihre eigene Situation am besten. Sie sollten daher unbedingt bei Gesprächen rund um Kinderarbeit mitreden. Aus diesem Grund haben die Kindernothilfe und terre des hommes die Kampagne „Time to Talk!“ ins Leben gerufen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Lea Kulakow: 2013 war die Kindernothilfe an der „Globalen Konferenz zur nachhaltigen Abschaffung von Kinderarbeit“ in Brasilien beteiligt. Die Konferenz wird alle vier Jahre von der Internationalen Arbeitsorganisation ausgerichtet. Damals zeigte sich, dass sich fast alle Staaten für dieses Thema interessieren und etwas dagegen tun wollen. Vertreter:innen von Regierungen und Ministerien diskutierten Lösungsansätze für ausbeuterische Kinderarbeit. Arbeitende Kinder und Jugendliche selbst kamen aber nicht zu Wort. Dabei haben sie nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention ein Recht darauf, bei allen sie betreffenden Themen und Belangen mitzureden. Um dieses Recht auf Partizipation arbeitender Kinder und Jugendlicher zu stärken, wurde das Projekt „Time to Talk!“ ins Leben gerufen.

Zur Befragung der arbeitenden Kinder wurden kindgerechte und partizipative Methoden genutzt, wie etwa Spiele, Zeichnungen und Body Mapping.
Zur Befragung der arbeitenden Kinder wurden kindgerechte und partizipative Methoden genutzt, wie etwa Spiele, Zeichnungen und Body Mapping.

Kinder berichten von ihren Erfahrungen und Bedürfnissen

„Time to Talk!“ möchte die Sicht der Kinder auf Kinderarbeit abbilden. Mädchen und Jungen sollten dabei gezielt von ihren alltäglichen Erfahrungen und ihren Bedürfnissen berichten. Weltweit erzählten uns also arbeitende Kinder von ihren Herausforderungen und ihren Wünschen und Träumen. Wie lief diese Befragung ab?

Lea Kulakow: An der Befragung haben rund 1.800 Kinder aus weltweit 36 Ländern teilgenommen. Im Vorfeld wurden dafür kinderfreundliche Befragungsmethoden entwickelt, damit es den Kindern und Jugendlichen leichter fällt, über ihre Erfahrungen und ihre Arbeit zu sprechen. Diese Methoden wurden zunächst gemeinsam mit beratenden Kinder-Komitees ausprobiert und verbessert, bis alle damit einverstanden waren. Dann haben über 50 lokal verankerte Partnerorganisationen die Befragungen durchgeführt. Sie haben mit den Kindern über ihre Arbeit sowie über Herausforderungen, Motivationen und Verbesserungsvorschläge gesprochen. Danach wurden die Ergebnisse analysiert und in einem großen globalen Bericht veröffentlicht.

Die Kinder-Komitees werden aktiv

Im Rahmen von „Time to Talk!“ wurden in 12 Ländern beratende Kinder-Komitees gegründet. Die darin beteiligten Kinder hatten die Möglichkeit, die Befragung und die Datenanalyse aktiv mitzugestalten. Welche Rolle spielen diese Kinder-Komitees heute?

Lea Kulakow: Die Kinder-Komitees haben sich weiterhin getroffen und die Ergebnisse der globalen Befragung diskutiert und geprüft. Auf Grundlage der Empfehlungen und Botschaften der 1.800 befragten Kinder und Jugendlichen haben sie eigene Aktionen veranstaltet. Dazu gehören Theateraufführungen, Demonstrationen oder Gespräche mit politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Weitere Aktionen waren Festivals, Radio-Sendungen, Fernsehauftritte und Poster-Aktionen. Die Kinder-Komitees haben dabei selbst entschieden, wen sie wie und mit welcher Botschaft adressieren möchten. Die Aktionen unterschieden sich je nach Kontext, politischer Situation und Ort des Kinder-Komitees. Unsere lokalen Partnerorganisationen haben die Kinder-Komitees beim Planen und Umsetzen der Aktionen unterstützt. Gemeinsam haben sie auch Risiken und Erwartungen besprochen.

Das Kinder-Komitee bei unserer Partnerorganisation Pasocap in Bolivien wurde aktiv: Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung demonstrierten die Mädchen und Jungen für mehr Schutz vor Gewalt.
Das Kinder-Komitee bei unserer Partnerorganisation Pasocap in Bolivien wurde aktiv: Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung demonstrierten die Mädchen und Buben für mehr Schutz vor Gewalt.

Die Ergebnisse von „Time to Talk!“

Die Befragung im Rahmen von „Time to Talk!“ bot arbeitenden Kindern aus verschiedenen Kontexten einen neutralen Raum, um ihre Perspektiven einzubringen. Das Interesse an der Kampagne war überwältigend. Was sind die zentralen Ergebnisse der Befragung?

Lea Kulakow: Die Ergebnisse und Forderungen der Kinder und Jugendlichen sind so divers und komplex wie die individuellen Lebensrealitäten der Kinder selbst. Spannend ist, dass es trotz der großen Distanzen und regionalen Unterschiede oft auf Gemeinsamkeiten und ähnliche Herausforderungen hinausläuft. In einer Analyse der Kernbotschaften der Kinder-Komitees haben sich unabhängig von der Weltregion fünf wichtige Forderungen herauskristallisiert:

  1. Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für Kinder und auch für Erwachsene
  2. Ein vereinfachter Zugang zu Bildung
  3. Mehr Schutz vor Ausbeutung und Diskriminierung
  4. Eine wirksamere Armutsbekämpfung
  5. Mehr Partizipationsmöglichkeiten bei wichtigen Entscheidungen, die Kinderarbeit betreffen
Drei Jungen in Tansania beteiligen sich an der „Time to Talk!“-Befragung. Über das Body Mapping teilen sie uns ihre Sicht auf Kinderarbeit sowie ihre Wünsche und Forderungen mit.
Drei Jungen in Tansania beteiligen sich an der „Time to Talk!“-Befragung. Über das Body Mapping teilen sie uns ihre Sicht auf Kinderarbeit sowie ihre Wünsche und Forderungen mit.

Die Forderungen der arbeitenden Kinder ernst nehmen

Mit diesen Forderungen bringen arbeitende Kinder also ihre Sicht auf das Thema Kinderarbeit zum Ausdruck. Nun ist es die Aufgabe der weltweiten Politik, die Perspektiven der Kinder ernst zu nehmen. Wer sollte sich unbedingt genauer mit den Ergebnissen der Kampagne und den Forderungen der Kinder auseinandersetzen?

Lea Kulakow: Wir alle. Kinderarbeit ist ein politisches, aber auch gesamtgesellschaftliches Thema. Natürlich trägt die Politik die Hauptverantwortung und muss entsprechende Gesetze formulieren und umsetzen. Aber oft ist Kinderarbeit auch in der Kultur und in Traditionen verankert und wird nicht als problematisch angesehen. Den Familien ist oft nicht klar, wie wichtig Bildung für gute Zukunftsperspektiven ist. Viele Kinder müssen sich daher zwischen Arbeit und Bildung entscheiden – oder stehen vor der großen Herausforderung, beides unter einen Hut zu bringen. Deshalb ist nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft gefragt. Vor allem Menschen im unmittelbaren Umfeld der Kinder, zum Beispiel Eltern, Lehrkräfte und Arbeitgeber*innen. Sie alle müssen die Gefahren und Risiken von Kinderarbeit erkennen und sich für die Rechte der arbeitenden Kinder einsetzen.

Auf „Time to Talk!“ folgt „Dialogue Works“

Seit Oktober 2020 wird die erfolgreiche Idee von „Time to Talk!“ durch die Kampagne „Dialogue Works“ fortgeführt. Sie basiert auf den Ergebnissen und Empfehlungen des Vorgängerprojekts „Time to Talk!“ und knüpft an die Erfolge und Lernerfahrungen an. Welchen Ansatz verfolgt „Dialogue Works“ und wo steht das Projekt heute?

Im Folgeprojekt „Dialogue Works“ treffen sich die Kinder-Komitees weiterhin. Sie sprechen über ihr Umfeld und über Bedingungen, um sicher arbeiten, spielen und leben zu können.
Im Folgeprojekt „Dialogue Works“ treffen sich die Kinder-Komitees weiterhin. Sie sprechen über ihr Umfeld und über Bedingungen, um sicher arbeiten, spielen und leben zu können.

Lea Kulakow: Bei Dialogue Works wird die Arbeit der Kinder-Komitees weitergeführt. Wir haben festgestellt, dass die Komitee-Struktur den Kindern und Jugendlichen einen wichtigen Raum gibt, sich über ihre alltäglichen Probleme und Herausforderungen auszutauschen. Zugleich können sie sich gegenseitig Rat geben und sich unterstützen. Mittlerweile haben wir weltweit über 30 Kinder-Komitees gegründet, die sich regelmäßig treffen und sich austauschen. Die politische Teilhabe spielt dabei eine zentrale Rolle, denn: Diese Kinder möchten mitreden! Sie haben eigene Meinungen und Perspektiven und möchten gehört werden. Dafür planen sie Advocacy-Events mit politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Mit ihnen sprechen sie dann über ihre Situation und ihre Forderungen.

Kinder-Komitees stärken arbeitende Kinder

„Dialogue Works“ soll Kindern mehr Raum geben, um sich besser und institutionalisierter bei lokalen und globalen Diskussionen zu beteiligen. Was ist das Ziel der Kampagne und welche Auswirkungen hat es auf die beteiligten Kinder?

Lea Kulakow: Das Ziel von den Gesprächen rund um „Dialogue Works“ ist, die Situation der arbeitenden Kinder und Jugendlichen konkret zu verbessern. Gleichzeitig steigert die Zusammenarbeit in den Kinder-Komitees aber auch das Selbstbewusstsein und die Kommunikationsfähigkeit der Kinder. Sie wissen jetzt viel mehr über Kinderrechte und politische Prozesse. Übrigens ist es mindestens genauso wichtig, dass Erwachsene lernen, Kindern und Jugendlichen richtig zuzuhören. Sie müssen bereit sein, ein Stück Verantwortung abzugeben. Auch daran arbeiten wir in den nächsten Jahren intensiv! Zum Beispiel auf der nächsten Weltkonferenz zu Kinderarbeit im Mai 2022. Hier werden die Stimmen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen hoffentlich endlich gehört!

Das Jahr 2021 wurde zum internationalen Jahr gegen Kinderarbeit ausgerufen. Weltweit haben viele Politiker*innen, Organisationen und Verbände dieses Thema aufgegriffen. Aber was sagen die Betroffenen selbst, die arbeitenden Kinder? Unsere Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Lea Kulakow berichtet vo[...]

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10. November 2021

Kinderarbeit in Indien: Ursachen und Lösungsansätze

Trotz boomender Wirtschaft leben in Indien Millionen Menschen in extremer Armut. Auch ausbeuterische Kinderarbeit ist weit verbreitet. Durch die Coronapandemie ist die Schere zwischen Arm und Reich noch größer geworden. Samira Rahim und Arulraj Daje von der Kindernothilfe in Indien berichten von der aktuellen Situation arbeitender Kinder vor Ort.

Kinderlachen auf der Müllhalde in Neu Delhi. (Foto: Kindernothilfepartner)
Kinderlachen auf der Müllhalde in Neu Delhi. (Foto: Kindernothilfepartner)

Mehr Kinderarbeit und Kinderhandel durch COVID-19

Die Coronapandemie hat Indien schwer getroffen. Hunderttausende Menschen sind an der Infektion gestorben, Millionen erkrankten schwer. Die Pandemie und der anschließende Lockdown hatten gravierende Folgen für die wirtschaftliche Situation im Land. Viele Familien sind in die Armut abgerutscht. Wie wirkt sich das auf Kinderarbeit aus?

Samira Rahim: Durch COVID-19 haben viele Menschen ihre Arbeit und viele Familien ihre Existenzgrundlage verloren. Ärmere Familien haben jetzt noch weniger Einkommen. Das Erste, was sie dagegen unternehmen, ist, ihre Kinder arbeiten zu schicken. Ärmeren Familien fällt es jetzt noch schwerer, ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Kinder zum Haushaltseinkommen beitragen.

Durch die Corona-Pandemie waren viele Familien in Indien auf die Verteilung von Lebensmittel-Paketen angewiesen. (Foto: Kindernothilfepartner)
Durch die Corona-Pandemie waren viele Familien in Indien auf die Verteilung von Lebensmittel-Paketen angewiesen. (Foto: Kindernothilfepartner)

Arulraj Daje: Ausbeuterische Kinderarbeit ist aber auf viele verschiedene Ursachen zurückzuführen. Dazu gehören auch unethische Geschäftspraktiken, die weit verbreitete Korruption und das Handeln der politischen Verantwortungsträger:innen. Auch die Einstellung der Menschen, die in Armut leben, trägt dazu bei.

Samira Rahim: Nach dem Lockdown haben auch Fälle von Kinderhandel zugenommen. Viele Familien befanden sich in einer finanziellen Notlage und die Kinder konnten ein Jahr lang nicht zur Schule gehen. Deshalb waren viele Familien anfälliger für die verlockenden Angebote von Menschenhändler:innen. Um das Problem des Kinderhandels anzugehen, müssen wir auf zwei Ebenen ansetzen: Einerseits Prävention und andererseits Hilfe für die Kinder, die bereits Opfer von Kinderhandel geworden sind.

Arulraj Daje: Ein verstärkter Einsatz für Kinderrechte – vor allem über gute Bildung und Chancengleichheit – ist der beste Weg, um gegen Kinderhandel vorzugehen. Außerdem bedarf es Anti-Kinderhandel-Komitees auf lokaler Ebene. Sie behalten die Anzahl der Kinder aus ärmeren Familien genau im Auge und arbeiten mit den Regierungsbehörden zusammen. Auch der Einsatz von sozialen Medien kann hilfreich sein. Darüber können wir zum Beispiel die Notrufnummer für Fälle von Kinderhandel kommunizieren.

Die Urbanisierung in Indien nimmt weiter zu

Auch die zunehmende Landflucht hat Auswirkungen auf die Kinderarbeit im Land. Viele mittellose Familien zieht es von ländlichen Regionen in die Metropolen, wo sie oft in Slums landen. Viele Kinder arbeiten auf riesigen Müllhalden. Wie kann die Situation dieser Kinder und Familien verbessert werden?

Arulraj Daje: Die fortlaufende Abwanderung von landwirtschaftlich geprägten Familien ist eine sehr große Herausforderung. Wenn die Familien vom Land in die Stadt kommen, müssen sie sich Arbeit suchen. Auch viele Kinder müssen zum Familieneinkommen beitragen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, braucht es bessere Voraussetzungen in den ländlichen Räumen, sodass niemand zum Abwandern gezwungen wird. Neben der Arbeit mit den betroffenen Kindern in der Stadt ist es auch wichtig, die Ursachen von Kinderarbeit anzugehen.

In Delhi arbeiten viele Kinder im Viertel Bengali Basti auf einer riesigen Müllhalde. (Foto: Kindernothilfepartner)
In Delhi arbeiten viele Kinder im Viertel Bengali Basti auf einer riesigen Müllhalde. (Foto: Kindernothilfepartner)

Samira Rahim: In Delhi betreuen wir ein Projekt für Kinder, die den Großteil ihrer Zeit auf einer Müllhalde verbringen, wo sie die Abfälle durchsuchen. Dabei sind sie nicht nur gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, ihnen fehlt es auch an Bildung. Deshalb betreiben wir ein Kinderzentrum, wo diese Kinder Zugang zu guter Bildung erhalten. Gleichzeitig wird ihnen ein Bewusstsein für Kinderrechte vermittelt. Eine weitere wichtige Maßnahme ist das Ausstellen von Personalausweisen. Die meisten Familien, die aus den ländlichen Gebieten in die Stadt kommen, besitzen keine offiziellen Papiere. Somit sind sie von staatlichen Sozialleistungen ausgeschlossen.

Viele Kinder arbeiten in Schuldknechtschaft

In Indien ist die Schuldknechtschaft schon längst gesetzlich verboten. Trotzdem arbeiten viele Kinder noch immer in Schuldknechtschaftsverhältnissen. Wie kommt es zu dieser Art der Kinderarbeit und was kann dagegen unternommen werden?

Samira Rahim: Viele Familien geraten in Schuldknechtschaft, weil sie sich Geld leihen. Das brauchen sie zum Beispiel wegen eines Krankheitsfalls oder für eine Hochzeit in der Familie, oder einfach nur um die Familie zu ernähren. Doch im ländlichen Raum ist es schwer, an einen Kredit zu kommen. Deshalb müssen sich die Familien an örtliche Geldverleiher:innen wenden. Diese lassen dann die Kinder der Familie für sich arbeiten, um so die Schulden zu begleichen. Die Geldverleiher:innen verlangen oft sehr hohe Zinsen und zahlen dem Kind zugleich nur einen geringen Lohn. Deshalb kommen die Familien nur sehr schwer aus dem Teufelskreis der Schuldknechtschaft und Kinderarbeit heraus.

In lokalen Kinderkomitees können die arbeitenden Mädchen und Jungen zusammenkommen und sich austauschen – ein wichtiger Schritt gegen ausbeuterische Kinderarbeit und Schuldknechtschaft. Foto: Jakob Studnar
In lokalen Kinderkomitees können die arbeitenden Mädchen und Jungen zusammenkommen und sich austauschen – ein wichtiger Schritt gegen ausbeuterische Kinderarbeit und Schuldknechtschaft. Foto: Jakob Studnar

Arulraj Daje: Es gibt verschiedene Maßnahmen, um gegen Schuldknechtschaft vorzugehen. Ich bin überzeugt, dass vor allem lokale gemeinschaftsbasierte Organisationen eine wichtige Rolle spielen, wie Selbsthilfegruppen, Jugendgruppen und Kinderkomitees.

Samira Rahim: Das Verbot von Schuldknechtschaft muss in Indien konsequenter umgesetzt werden, etwa durch lokale Aufsichtskomitees. Menschen in finanzieller Not müssen einfacher Zugang zu Krediten erhalten sowie zu Aus- und Weiterbildungen und Programmen der sozialen Sicherung.

Der Einfluss des indischen Kastenwesens

Das Kastenwesen ist in Indien traditionell noch sehr verankert. An unterster Stelle steht die Dalit-Kaste der „Unberührbaren“. Wie wirkt sich diese Gesellschaftsordnung auf die Kinderarbeit aus?

Arulraj Daje: Kinder aus der untersten Kaste müssen oft arbeiten und Geld verdienen – weil die Familie sonst nicht über die Runden kommt oder weil die Eltern es einfach nicht besser wissen. Oft verstehen sie den Wert von Bildung für ihre Kinder nicht.

Samira Rahim: Die Kinder aus der unteren Kaste arbeiten vor allem in niederen Tätigkeiten. Sie sammeln zum Beispiel Lumpen und Müll oder fertigen Schuhe an. Kinder aus einer höheren Kaste arbeiten eher in Lebensmittelgeschäften, auf Veranstaltungen oder im Haushalt. Sie werden außerdem besser bezahlt als Kinder der unteren Kaste. Hinzu kommt, dass die Kinder aus Dalit-Familien Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren. Sie müssen zum Beispiel abseits sitzen und von separatem Geschirr essen (praktizierte Unberührbarkeit). Eine solche Diskriminierung von Dalit-Kindern findet auch in der Schule statt. Deshalb verlassen viele die Schule vorzeitig und geraten in ausbeuterische Kinderarbeitsverhältnisse.

Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen

In Indien werden Frauen und Mädchen bis heute benachteiligt. Gewalt gegen Frauen, Zwangs- und Frühverheiratungen und ein schlechterer Zugang zu Bildung sind weiterhin verbreitet. Zeigt sich dieser Unterschied auch beim Thema Kinderarbeit?

Mädchen geraten auch durch Frühverheiratung in Kinderarbeitsverhältnisse. Sie müssen sich um den Haushalt kümmern und können nicht mehr zur Schule gehen. Foto: Jakob Studnar
Mädchen geraten auch durch Frühverheiratung in Kinderarbeitsverhältnisse. Sie müssen sich um den Haushalt kümmern und können nicht mehr zur Schule gehen. (Foto: Jakob Studnar)

Samira Rahim: Allgemein arbeiten Mädchen eher im Haushalt, auf der Müllhalde oder in der Schönheitsindustrie. Von Kinderarbeit betroffene Jungen sind eher in der Landwirtschaft, in Geschäften oder Ziegeleien tätig. Außerdem sind Mädchen größeren Gefahren am Arbeitsplatz ausgesetzt, vor allem in Form von sexuellem Missbrauch. Einige arbeitende Mädchen landen sogar in der Kinderprostitution. Dann befinden sie sich in einer besonders prekären Lage. Die Familien sind oft nicht mehr bereit, ihre Töchter zu versorgen, weil diese mit einem so großen gesellschaftlichen Stigma behaftet sind.

Arulraj Daje: In einer männerdominierten Welt werden Mädchen nach wie vor benachteiligt. In einigen Regionen ist das Risiko der Frühverheiratung besonders hoch. Diese Verheiratung im Kindesalter führt unvermeidlich zu einem Mangel an Bildung und zu Kinderarbeit. Die Regierung hat erst kürzlich einen Anstieg an Frühverheiratungen in fünf Bezirken des Bundesstaates Tamil Nadu festgestellt und setzt sich nun verstärkt dagegen ein.

Trotz boomender Wirtschaft leben in Indien Millionen Menschen in extremer Armut. Auch ausbeuterische Kinderarbeit ist weit verbreitet. Durch die Coronapandemie ist die Schere zwischen Arm und Reich noch größer geworden. Samira Rahim und Arulraj Daje von der Kindernothilfe in Indien berichten von d[...]

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1. November 2021

Fatima: Bleib stark und kämpfe für dein Leben

Wie geht es einer jungen Frau, die aus ihrer Heimat Afghanistan geflüchtet ist? Die als alleinerziehende Mutter auf der griechischen Insel Lesbos lange in dem Horrorcamp Moria gelebt hat? Die dann mit ihren beiden Töchtern in dem selbstorganisierten Camp PIKPA Aufnahme fand? Wie hat sie vor einem Jahr die Räumung des Camps durch die Polizei erlebt? Und danach die drei Monate im Camp Karatepe? Im Gespräch mit Ute Gniewoß spricht Fatima offen über ihre Ängste und Freuden.

Blick auf das niedergebrannte Camp Moria. (Foto: Lesvos Solidarity)
Blick auf das niedergebrannte Camp Moria. (Foto: Lesvos Solidarity)

Seit über vier Jahren lebt die junge Afghanin Fatima jetzt auf der griechischen Insel Lesbos. Unsicher und zurückhaltend sitzt sie mir in unserem Gespräch gegenüber. Sie ist alleinstehende Mutter; ihre beiden Töchter sind sieben und zweieinhalb Jahre alt. Über den Vater der Kinder spricht sie nicht, aber ich ahne, dass sie Schlimmes hinter sich hat. Fatima ist konzentriert und überlegt sich ihre Antworten auf meine Fragen genau. Sie wird von der Organisation Lesvos Solidarity betreut, die sie seit sieben Monaten in einer sicheren Wohnung in der Altstadt der Insel untergebracht hat und begleiten wird, bis sie eine Zukunftsperspektive hat.

Angst als ständiger Begleiter

„Moria war einfach furchtbar“ sagt sie. „Nicht nur gab es kein Wasser, keine Duschen, keine Toiletten, oft keine Elektrizität, schlechtes Essen, sondern vor allem gab es viel Gewalt. Meine ältere Tochter hat Kämpfe erlebt, Messer gesehen. Sie hatte Alpträume und viel Angst. Wirklich sicher haben wir uns eigentlich nur in Pikpa gefühlt. Dort hatten wir verlässliche Ansprechpartner, ganz tolle Leute. Und wir hatten gute Nachbarn. Jetzt wohnen wir auch sicher, aber wenn ich in der Stadt unterwegs bin, weiß ich nie was passiert. Es gab schon Männer, die sich mir gegenüber übergriffig und unangenehm verhalten haben. Das macht mir Angst.“ „Angst“ ist das Wort, das ich in unserem Gespräch sehr häufig höre. Und so antwortet sie auf die Frage, was sie für sich und die Kinder ersehnt: „Ich möchte mich einfach sicher fühlen und ohne Angst und Stress leben können.“ Und was könnte hier besser sein für euch? „Ich möchte entspannt durch die Straßen gehen können und ich möchte meinen Kindern etwas kaufen können. Sie sehen viel und wollen viel und ich kann ihnen eigentlich keinen Wunsch erfüllen, weil ich kein Geld habe.“ Hat sie einen Rat für Menschen in ihrer Situation? Sie überlegt einen Moment und sagt dann: „Bleib stark und geduldig, geh mit deinen Problemen um und kämpfe für dein Leben.“

Kinder aus Pikpa am Weg zur Schule. (Foto: Knut Bry)
Kinder aus Pikpa am Weg zur Schule. (Foto: Knut Bry)

Fatimas Kinder können wieder lachen

Gibt es hier auch glückliche Momente für euch? frage ich sie. Da strahlt sie plötzlich und antwortet: „Meine Töchter gehen jetzt regelmäßig in die Schule und in den Kindergarten. Sie sind fröhlich, haben erste Freundschaften und können gut schlafen. Und wenn ich sehe, wie glücklich und lachend sie spielen können, dann bin ich auch glücklich.“

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