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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Sauberes Trinkwasser: für Milliarden Menschen unzugänglich

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit.

Die Zahlen sind schockierend: nach aktuellen Schätzungen haben rund 2,2 Milliarden Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. 4,2 Milliarden leben ohne grundlegende sanitäre Einrichtungen. Davon hat rund die Hälfte keine eigene, anständige Toilette und zwei Drittel keine Möglichkeit, die Hände zu waschen. Und das inmitten einer weltweiten Pandemie. In einer hochtechnisierten Welt ist dies eine schwer vorstellbare Realität – mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Betroffenen.

Wasser ist Leben, Nachhaltigkeit und Empowerment

Jedes Lebenwesen und jedes Ökosystem auf unserem Planeten ist auf Wasser angewiesen. Auch unser gesamtes Wirtschafts- und landwirtschaftliches System, unsere gesamte Versorgungsstruktur ist von Wasserressourcen abhängig.

In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)
In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)

Sichere Trinkwassersysteme und angemessene sanitäre Einrichtungen sind unerlässlich, um ein nachhaltiges Wachstum von Städten und Gemeinden zu gewährleisten. Ohne die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse wird unsere Fähigkeit, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Arbeitsplätze und Lebensgrundlagen zu schaffen, leiden.

Weltweit scheinen wir uns fast an die Tatsache gewöhnt zu haben, dass Frauen und Mädchen jeden Tag bis zu 200 Millionen Stunden damit verbringen, durchschnittlich sechs Kilometer zu laufen, um Wasser zu holen. Sie spielen damit eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung, dem Management und dem Schutz von Wasser. Doch genau diese Aufgabe bedeutet für viele von ihnen ein Hindernis für den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder Arbeit. Dadurch werden ihre Zukunftsperspektiven und Entwicklungschancen stark eingeschränkt.

Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)
Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)

Es gibt unzählige Beispiele, wo der Mangel an Wasser oder sanitärer Versorgung Auswirkungen auf Menschen auf der ganzen Welt hat. Aber das offensichtlichste und aktuellste ist die laufende COVID-19-Pandemie.
Milliarden von Menschen stehen dieser Pandemie ohne grundlegende Handwaschmöglichkeiten gegenüber. Gesundheitsdienstleister in einigen der am wenigsten entwickelten Länder haben kein fließendes Wasser zur Verfügung. Diese Tatsache ist in einer Zeit, die von Überfluss und Innovationen geprögt ist, nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil, der globalen Ungleichheit kann und muss zum Handeln anspornen.

Wasser für nachhaltige Entwicklung

Das Erreichen und die Gewährleistung von „Wasser und sanitärer Versorgung für alle“ (SDG 6) wäre ein Gewinn für alle Beteiligten. Wasser ist ein Menschenrecht und ein Wirtschaftsgut. Aber auch ein SDG-Beschleuniger, der den Fortschritt bei jedem anderen Nachhaltigen Entwicklungsziel erleichtert. Daher müssen sich die globalen Bemühungen an einem nachhaltigen und integrierten Wassermanagement ausrichten.

Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)
Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)

Es bedarf greifbarer, konkreter Maßnahmen für Menschen auf der ganzen Welt. Dazu zählen die finanzielle Unterstützung von Aktivitäten im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung und der verstärkte Aufbau von entsprechenden Kapazitäten. Dabei sind Länder in besonderen Situationen zu berücksichtigen und zu priorisieren, insbesondere LDCs, LLDCs und SIDS. Außerdem muss alles unternommen werden, um diejenigen zu unterstützen, die die Hauptlast des Wassermangels tragen: Frauen und Mädchen.

Nationale Regierungen allein können die 2030-Agenda nicht erreichen, und ein starkes Engagement aller Stakeholder ist für die Erreichung der SDGs unerlässlich. Daher ist es wichtig, Akteuren aus verschiedenen Sektoren – von der Zivilgesellschaft über die Wissenschaft bis hin zum Privatsektor – die Möglichkeit zu geben, sich in vollem Umfang zu beteiligen. Gerade junge Menschen und Grassroot-Organisationen können aufgrund ihrer Unmittelbarkeit, Flexibiltät und Agilität wertvolle Treiber in diesem Prozess sein, in dem es auch darum geht, neue Technologien und Ansätze zur Stärkung wasserbezogener Ziele und Aktivitäten einzuführen.

Wasser ist nicht nur Flüssigkeit in einer Flasche … seine An- oder Abwesenheit bedeutet so viel mehr. Es geht um Würde. Es geht um Möglichkeiten. Es geht um unsere Gesundheit und unsere Fähigkeit zu überleben. Und es geht um Gleichheit.

Volkan Bozkir

Weltwassertag 2021: „Wertschätzung von Wasser“

1993 hat die UNESCO den 22. März zum Weltwassertag erklärt, um auf die Bedeutung von Wasser als zentrale Lebensgrundlage aufmerksam zu machen. Unsere eigene persönliche Wertschätzung diese überlebenswichtigen Ressource hat sich während der Covid-19-Pandemie drastisch gezeigt. Diejenigen von uns, die einen Wasserhahn haben, haben fleißig das Händewaschen mit Wasser und Seife verstärkt. Gleichzeitig haben 2,5 Milliarden damit zu kämpfen, überhaupt Zugang zur täglichen Grundmenge zu haben.

Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)
Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)

* Aus der Rede Volkan Bozkir, Präsident der 75. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, vom 18. März zur Umsetzung der wasserbezogenen Ziele und Vorgaben der 2030-Agenda.

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit. Die Zahlen sind schockierend: nach aktuelle[...]

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27. Februar 2021

Lasst uns mitreden – Kinderarbeit in den Fokus rücken

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Steinbrüchen oder auf Tabakplantagen. Die Vereinten Nationen haben daher 2021 zum Jahr der Abschaffung der Kinderarbeit ausgerufen. Das ist gut! Noch besser ist es, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen mitreden dürfen. Die Kampagnen „Time to Talk“ und „Dialogue Works“ stellen deshalb Partizipation in den Mittelpunkt.

Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.
Rund 73 Millionen Kinder müssen unter ausbeuterischen Bedingungen schuften.

Kinder und Jugendliche sollen bei allen gesellschaftlichen und politischen Themen, die sie betreffen, Mitspracherecht haben. Das sagt Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention. Tatsache jedoch ist, dass gerade besonders gefährdete Gruppen – etwa arbeitende Kinder und Jugendliche – dieses Recht oft nicht in Anspruch nehmen können. Schon 2016 startete deshalb die Kindernothilfe gemeinsam mit der deutschen Sektion von „terre des hommes“ die internationale Kampagne It´s Time to Talk! – Children’s Views on Children’s Work“, die 26 lokale Kinderkomitees in 19 Ländern bei ihren Aktivitäten und Veranstaltungen zur Verwirklichung ihrer Rechte unterstützt.

Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.
Bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen kamen verschiedene Methoden zum Einsatz, zum Beispiel das Body Mapping.

Vier Jahre lang diskutierten Kinder und Jugendliche über Bedingungen, Probleme und Perspektiven von Kinderarbeit. Mit gemeinsam entwickelten Empfehlungen für politische Programme und Strategien wandten sie sich an Entscheidungstragende und klärten die Öffentlichkeit über die ihnen zustehenden Rechte auf. Die im Juli 2020 beendete Kampagne markiert mit ihrem innovativen Ansatz einen großen Schritt auf dem Weg zur Stärkung des Rechts auf Teilhabe.

Positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen

Aber nicht nur auf der politischen Ebene konnte die Kampagne „Time to Talk“ wichtige Ziele erreichen. Auch im Leben der einzelnen Komitee-Mitglieder hat sich vieles verändert. Eine globale Evaluation des Projekts wies eindeutig nach, dass sich die Möglichkeiten sinnvoller Partizipation positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken. Auch vermittelte die Teilnahme an den Kinderkomitee-Treffen den Beteiligten fundiertes Wissen über Rechte wie Kinderschutz oder Bildung.

Damit konnte einmal mehr verdeutlicht werden, dass Partizipation grundlegend ist. Sie öffnet Kindern und Jugendlichen die Augen dafür, wie sie sich wirksam für ihre Interessen einsetzen und welche politischen und demokratischen Prozesse sie nutzen können. Aktive Beteiligung stärkt außerdem das Selbstbewusstsein und den Mut, Themen anzusprechen und Forderungen zu stellen, die Kinder und Jugendlichen selbst wichtig sind. Kommunikationsfähigkeiten werden gefördert, um sich gegenüber anderen, auch Erwachsenen, auszudrücken und für eigene Bedürfnisse einzustehen. Nicht zuletzt unterstützt Teilhabe die Fähigkeit, sich der eigenen Situation bewusst zu werden und für die Zukunft und spätere Herausforderungen gewappnet zu sein.

AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt
AdvocacyAktion eines bolivianischen Kinderkommittees: eine Demonstration für mehr Schutz vor Gewalt

Dialogue Works – die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig stärken

Im Oktober 2020 startete quasi als Nachgfolge die internationale Kampagne Dialogue Works/Dialog wirkt – Die Beteiligung arbeitender Kinder nachhaltig in gesellschaftlichen und politischen Prozessen verankern. Die Kampagne basiert auf den Ergebnissen und Empfehlungen des Vorgängerprojekts „Time to Talk“ und knüpft an die Erfolge und Lernerfahrungen an. Überdies ist sie eine Reaktion auf die COVID-19-Pandemie, die Kinderarbeit und ausbeuterische Verhältnisse zusätzlich begünstigt.

Mit der neuen Kampagne werden weltweit rund 30 Kinderkomitees gestärkt, deren Mitglieder ihre Erfahrungen mit Kinderarbeit in der Gruppe teilen und dadurch voneinander lernen. Indem sie ihre Rechte und Bedürfnisse gegenüber Politik und Gesellschaft einfordern, entsteht ein globaler Austausch zwischen arbeitenden Kindern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Entscheidungstragenden. Erst dieser Austausch ermöglicht politische Maßnahmen und Eingriffe, die nachhaltig zur Verbesserung der Lebensumstände arbeitender Kinder beitragen.

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es weltweit 152 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 17 Jahren. Fast die Hälfte davon – 73 Millionen – schuften unter ausbeuterischen Bedingungen. Oft gehen sie gefährlichen und unzumutbaren Tätigkeiten nach, etwa in Minen, in Stei[...]

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17. Februar 2021

Kinderrechte – verschwiegen, ignoriert, missachtet

Seit zehn Jahren gibt es das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern. Allerdings hapert es immer noch an der Umsetzung – und Recht wird oft mit Moral oder Betroffenheit verwechselt. Regierung, Parlament und Rechtsprechung müssen sich endlich mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen, fordern Kinderrechtsorganisationen.

Die Abschiebung von Minderjährigen rückte Kinderrechte in den Mittelpunkt. Im Regierungsprogramm ist die Evaluierung des Verfassungsgesetzes verankert. Passiert ist aber wenig. (Foto: Getty Images)
Die Abschiebung von Minderjährigen rückte Kinderrechte in den Mittelpunkt. Im Regierungsprogramm ist die Evaluierung des Verfassungsgesetzes verankert. Passiert ist aber wenig. (Foto: Getty Images)

Der „Präsident schwächelt. In der Abschiebe-Causa hat sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen exponiert, und zwar für die Kinder. Fazit: Im aktuellen Politbarometer rutscht er um vier Punkte auf 20 Prozent ab“, heißt es in einer Österreich-Umfrage. Was genau hat das Staatsoberhaupt in der Beliebtheit bei der Bevölkerung sinken lassen? Er hatte sich doch „für die Kinder“ starkgemacht. In seiner Videobotschaft sagte er: „Was ist mit den Rechten der Kinder, den Kinderrechten, die gewährleistet sind? Wurden die Kinder ausreichend gehört? […] Und ich appelliere an alle, die hier Verantwortung tragen: Geben wir dem Wohl von Kindern und Jugendlichen Vorrang.“

Van der Bellen hat schlicht und einfach auf das „Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern“ verwiesen, das heute vor zehn Jahren, am 16. Februar 2011, in Kraft getreten ist. Doch nicht wortwörtlich. Er mag das BVG Kinderrechte im Kopf gehabt haben, er, der glühende Verfechter der „Eleganz unserer Verfassung“. Aber er hat das Kind nicht beim Namen genannt. Selbst der Bundespräsident hat „seine klare Haltung“ nicht mit der Verfassung untermauert. Hoch anzurechnen ist ihm aber, dass er als Einziger zumindest den Begriff der Kinderrechte bemüht hat.

Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher und privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein. Jedes Kind hat das Recht auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in allen das Kind betreffenden Angelegenheiten, in einer seinem Alter und seiner Entwicklung entsprechenden Weise.

Aus Artikel 1 und 4, Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern

Unbekanntes Gesetz

Was soll’s? Wen juckt die Verfassung, ist man verführt zu entgegnen. Es hätte einen Unterschied gemacht, doch! Dem Reigen der Entrüstung zu den Abschiebungen von Kindern, aus welchen Gründen auch immer, hätte von Beginn an Wind aus den Segeln genommen werden können. Auf den immer selben Tenor von „Politik und Verwaltung müssen auf Basis der Gesetze agieren!“ hätte reflexartig von allen Menschen besseren Wissens aus Politik und Medien die Klarstellung folgen müssen:

„Ja, richtig, wir leben in einem Rechtsstaat mit Regeln. Nur sind auch die Kinderrechte Teil dieser Regeln, die einzuhalten sind. Noch dazu Verfassungsrecht, also ganz oben im Stufenbau der Rechtsordnung. Und dieser Teil unserer Verfassung wurde hier nicht beachtet, nicht im Asylverfahren und nicht bei der Form der Abschiebung.“ So hat das aber niemand gesagt. Also drehte sich schnell alles nur noch um Begriffe wie Menschlichkeit, Betroffenheit, Moral, Nächstenliebe, Vernunft oder Verhältnismäßigkeit. Dabei ging es um Recht, um das BVG Kinderrechte, das in den vergangenen zehn Jahren seiner Gültigkeit verschwiegen, ignoriert und missachtet wurde. In einem Gespräch mit dem STANDARD hat Verfassungsexperte Heinz Mayer erst kürzlich analysiert, dass vor allem das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern aus dem Jahr 2011 dem Gericht (Anm. dem Bundesverwaltungsgericht) offenbar unbekannt war.

Schell, schnell

Wie kann das sein? Dazu ein Blick in die Historie: Die UN-Kinderrechtskonvention war 1992 im Zuge der Ratifikation vom Nationalrat nicht als Verfassungsgesetz genehmigt worden wie zum Beispiel die Europäische Menschenrechtskonvention. Ihre unmittelbare Anwendbarkeit vor Gericht und Behörden war 19 Jahre lang, von 1992 bis 2011, ausgeschlossen. 2011 schließlich wählten die beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP einen selektiven Ansatz für das BVG Kinderrechte: Ein allgemeiner Anspruch auf Schutz und Fürsorge, Kindeswohl und Partizipation, das Verbot von Kinderarbeit und Gewalt und ein Diskriminierungsverbot von Kindern mit Behinderung schafften es in den Verfassungsrang. Dafür wurde ein weitreichender, der UN-Kinderrechtskonvention nicht entsprechender Gesetzesvorbehalt eingefügt.

Es ging alles schnell, schnell damals. Bedenken wurden vom Tisch gewischt. Also keine Aufnahme von sozialen Rechten bezüglich Armutsbekämpfung, Gesundheit, Freizeit und Spiel. Was sich aber schon 2011 als besonders problematisch abzeichnete, war das Fehlen von wirksamen Garantien zur effektiven, an den Bedürfnissen von Kindern orientierten Umsetzung und Geltendmachung der Kinderrechte. Schulungen von Richtern und Richterinnen zum BVG Kinderrechte? Fehlanzeige. Wurden in den vergangenen zehn Jahren Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit dem BVG Kinderrechte explizit geprüft? Keine Antwort. Auch zur „Evaluierung des Grundrechtsschutzes im BVG Kinderrechte“ aus dem Regierungsprogramm 2020–2024 hat niemand bisher öffentlich aufgezeigt. Bleiben ja noch drei Jahre.

Unbeliebtes Thema

Zehn Jahre BVG Kinderrechte, und niemand in der Regierung brannte je für Kinderrechte. So wurde Anfang des Jahres zum Nachfolger einer scheidenden Ministerin für Arbeit, Familie und Jugend ein Ökonom bestellt – und die übrig gebliebenen Agenden wurden dem Frauen- und Integrationsressort zugeschoben. Wie es jungen Menschen geht, was sie belastet, was sie brauchen, wie sie ticken, Stichwort Recht auf Mitbestimmung – wer schert sich darum? Erst Hilferufe zur belasteten psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise müssen die Regierung wachrütteln, dass sie sich den Schulöffnungen widmet.

Nein, es ist nicht der Präsident, der schwächelt. Es schwächeln vielmehr alle in Regierung, Parlament und Rechtsprechung, die sich nicht endlich umfassend mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen.

Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez, Koordinatorin des Netzwerkes Kinderrechte, einer Plattform von 45 österreichischen Organisationen, die sich für die Umsetzung und Einhaltung der UN-Kinderrechtskonvention einsetzt.

Seit zehn Jahren gibt es das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern. Allerdings hapert es immer noch an der Umsetzung – und Recht wird oft mit Moral oder Betroffenheit verwechselt. Regierung, Parlament und Rechtsprechung müssen sich endlich mit dem BVG Kinderrechte auseinandersetzen[...]

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13. Februar 2021

Radio macht Schule

Die achtjährige Leyla sitzt mit 45 anderen Mädchen und Buben unter einem riesigen, schattenspenden Marula-Baum. An den Baumstamm ist eine Schultafel gelehnt, daneben steht ein kleines solarbetriebenes Plastikradio. Ein junger Mann hantiert geschickt mit der Antenne bis er die richtige Frequenz gefunden hat und eine Stimme auf Englisch den Unterrichtsbeginn ankündigt. Die Augen der Kinder beginnen zu leuchten und sie lauschen gebannt.

Eine halbe Stunde lang gibt das Radio dem Lehrer detaillierte Instruktionen: „Schreiben Sie die Zahl ’10‘ an die Tafel“ oder „Holen Sie einen Schüler nach vorne.“ Sie sind sehr hilfreich für Leylas Lehrer, der selbst keine entsprechende Ausbildung hat. Wie übrigens so viele andere Lehrer in den ländlichen Gebieten Sambias, wo studierte Fachkräfte eine Seltenheit sind.

Radio sichert das Kinderrecht auf Bildung

Überall und jederzeit verfügbar, ist Radio laut UNESCO das meistgenutzte Medium der Welt und eine Plattform für Meinungsvielfalt, Information und Unterhaltung. Und seit mittlerweile 110 Jahren ein weltweiter Wegbegleiter im Alltag. In den ärmsten Regionen der Welt stellt es zusätzlich eine notwendige Schulunterrichtsvoraussetzung dar und sichert so benachteiligten Mädchen und Buben ihr Recht auf Bildung. Wie eben in der dünn besiedelten Chikuni Region, südöstlich von Sambias Hauptstadt Lusaka. Für die meisten Kinder aus sehr armen Familien ist es kaum möglich, eine reguläre, öffentliche Schule zu besuchen, denn sie leben oft bis zu 50 Kilometer entfernt. Ein viel zu weiter Fußmarsch, auf dem viele Gefahren lauern. Besonders Mädchen riskieren Entführungen und Vergewaltigungen. Zudem müssen viele von ihnen bereits auf dem Feld arbeiten, um die bittere Armut ihrer Familien zu lindern.

Für diese Kinder betreibt der Kindernothilfe-Partner Chikuni Mission sogenannte Radioschulen und strahlt täglich vorproduzierte Schulfunkprogramme bis in die entlegensten Dörfer der Region aus. Die Kinder versammeln sich in Gemeinderäumen oder im Freien und folgen dem Radiounterricht in ihrer Sprache Tonga unter Anleitung freiwilliger Leher*innnen. Diese helfen ihnen auch beim Erarbeiten des jeweiligen Lernstoffes. Dabei werden die Kinder bis zur siebten Klasse unterrichtet und absolvieren die staatlichen Prüfungen am Ende jedes Schuljahres. Durch die enge Zusammenarbeit der Chikuni Mission mit dem Bildungsministerium von Sambia lassen sich die Erfolge sehen. Viele der Chikuni-Radioschüler erreichen bei den staatlichen Tests gute Ergebnisse, manche sogar landesweit herausragende.

Lernen fürs Leben

Über die Beiträge, die sie täglich gemeinsam über das Radio empfangen, lernen die Mädchen und Buben Inhalte aus den wichtigsten Schulfächern. Mathematik, Lesen, Schreiben, Naturwissenschaften und Technik stehen auf dem Programm. Eine Einheit ist etwa 50 Minuten lang und behandelt ein spezielles Thema. In der Radioschule gibt es aber nicht nur die „klassischen Fächer“. Agrarforstwirtschaft und vor allem effektiver und nachhaltiger Anbau sind ein zentraler Bestandteil des Lehrplans. Das ist besonders wichtig, um gegen die Gefahren des Klimawandels und kommende Dürreperioden besser gewappnet zu sein. Spielerisch erfahren die Schüler*innen zum Beispiel, welche Pflanzen besonders geeignet sind für den Boden vor Ort. Oder wie man sich um die Setzlinge kümmert und wie man richtig erntet. Sie lernen auch, welche Trinkwasserquellen sicher sind und welche Methoden helfen, Wasser zu sparen und sinnvoll einzusetzen.

Bevor sich Leyla gegen 14h wieder auf den Weg nach Hause macht, sagt sie noch stolz: „Jetzt kann ich meinen Eltern zeigen, was ich gelernt habe und sie so unterstützen.“ Die Achtjährige möchte einmal ihren eigenen kleinen Garten haben, wenn sie groß ist.

In meinem Garten wird alles gut wachsen, weil ich hier gelernt habe, wie das geht.

Leyla, 8, Sambia

Ohne Radio geht es nicht

Das Radio wurde schon öfter totgesagt – zuerst durch das Fernsehen, dann durch das Internet. Doch bis heute erreicht es weltweit sechs Milliarden Hörer täglich und bleibt damit das reichweitenstärkste Medium. Ohne Radio wären Millionen von Menschen von Nachrichten ausgeschlossen, denn in vielen Regionen sind lokale Rundfunkstationen die einzige Informationsquelle.

Mit dem Welttag des Radios, der seit 2012 jährlich am 13. Februar stattfindet, möchte die UNESCO auf die Bedeutung dieses Mediums aufmerksam machen.

Die achtjährige Leyla sitzt mit 45 anderen Mädchen und Buben unter einem riesigen, schattenspenden Marula-Baum. An den Baumstamm ist eine Schultafel gelehnt, daneben steht ein kleines solarbetriebenes Plastikradio. Ein junger Mann hantiert geschickt mit der Antenne bis er die richtige Frequenz gef[...]

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14. Dezember 2020

Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht und die Priorität des 21. Jahrhunderts

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)
Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)

Wie der Nobelpreisträger Amartya Sen feststellte, haben wir es versäumt, „diesem massiven Potenzial zur Veränderung des menschlichen Lebens“ die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Dies gilt insbesondere in Krisenzeiten. Wenn Konflikte, Vertreibungen und Naturkatastrophen auftreten, wird die Bildung im Allgemeinen als erster Dienst unterbrochen und als letzter wieder aufgenommen, wobei in humanitären Einrichtungen am wenigsten Mittel bereitgestellt werden. Zwischen 2010 und 2017 wurden weniger als 3% der humanitären Mittel für Bildung bereitgestellt. In einer aktiven Krise ist Bildung lebensrettend. Es bietet ein Element des Schutzes vor Gewalt, bietet psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung und bietet Ernährung. In langwierigen Krisensituationen ist die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen ebenso wichtig. Dennoch wird der Bildungsbedarf tendenziell in den Hintergrund gedrängt und von anderen Sektoren überschattet. Dies bedeutet nicht, dass Wasser und Obdach nicht wichtig sind. Angesichts der jahrelangen humanitären Krisen wird durch das Fehlen einer qualitativ hochwertigen Ausbildung unweigerlich die Grundlage für die Menschenrechte aufgehoben, und eine echte Ermächtigung wird schwer fassbar. Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es ist der Schlüssel zur Erschließung aller anderen Menschenrechte – sei es soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Rechte oder politische und bürgerliche Rechte. Das Recht auf Beschäftigung, das Recht auf Gesundheit, die Meinungsfreiheit, das Recht auf ein freies und faires Verfahren und das übergeordnete Diskriminierungsverbot – all diese Rechte beruhen auf einer qualitativ hochwertigen Ausbildung: Anspruch erheben, genießen können schützen und respektieren diese Rechte. Dies ist in von bewaffneten Konflikten betroffenen Ländern immer wichtiger, in denen Rechtsstaatlichkeit häufig durch Gewalt ersetzt wird. Die Auswirkungen von Bildung auf die Armut sind ein Paradebeispiel. Laut dem UNESCO Global Education Monitoring Report: „171 Millionen Menschen könnten aus der extremen Armut befreit werden, wenn alle Kinder die Schule mit grundlegenden Lesefähigkeiten verlassen“, während „das Bildungsniveau etwa die Hälfte des Unterschieds bei den Wachstumsraten zwischen Ostasien und Subasien erklärt“. Sahara-Afrika zwischen 1965 und 2010 “. Armut ist eine Verletzung der Menschenwürde. Bildung bietet eine wirtschaftliche Verbesserung des Lebens des Einzelnen und stellt gleichzeitig sein Recht auf Würde wieder her.

Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass es 152 Millionen Kinderarbeiter gibt, von denen 73 Millionen unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Die IAO betrachtet Bildung neben sozialem Schutz und Wirtschaftswachstum als unverzichtbare Maßnahme zur Verringerung der Kinderarbeit. Es hat sich gezeigt, dass eine erhöhte Alphabetisierungsrate auch das politische Engagement erhöht. Das Institut für Statistik der UNESCO schreibt: „Die Teilnahme an Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene hängt mit einer verstärkten Teilnahme an Gewerkschaften, Maßnahmen der Gemeinschaft und dem nationalen politischen Leben zusammen.“ Neben Lese- und Rechenfähigkeiten gewährleistet eine angemessene Ausbildung ein breites Spektrum an Lebenskompetenzen – die Fähigkeit, sich zu verbessern -ausgewogene Entscheidungen, um Konflikte gewaltfrei zu lösen, gute soziale Beziehungen und kritisches Denken zu entwickeln. Solche Fähigkeiten sind entscheidend für die Schaffung einer toleranten und bewussten Gemeinschaft, um Verfolgung, Diskriminierung und gewaltsame Konfliktlösung zu verhindern. In von Krisen betroffenen Ländern dient Bildung jungen Menschen als Instrument, um darauf vorbereitet zu sein, sich wieder auf ihr politisches System einzulassen, ihr Versammlungsrecht zu stärken und sich an der Schaffung einer stabilen und zugänglichen Regierung zu beteiligen, die gegenüber ihrer Bevölkerung rechenschaftspflichtig ist. UNICEF schreibt Bildung zu, „eine entscheidende Rolle bei der Normalisierung der Situation des Kindes und bei der Minimierung der psychosozialen Belastungen zu spielen, die auftreten, wenn Notfälle zu einer plötzlichen und gewaltsamen Destabilisierung des unmittelbaren familiären und sozialen Umfelds des Kindes führen“. Dies wurde von einer vom UNHCR geführten Konferenz festgestellt In Bezug auf den Schutz von Kindern in Notsituationen hat Bildung eine „vorbeugende Wirkung auf Rekrutierung, Entführung und geschlechtsspezifische Gewalt“. Vor COVID-19 wurden geschätzten 75 Millionen Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter aufgrund von bewaffneten Konflikten, Vertreibungen und Naturkatastrophen eine qualitativ hochwertige Ausbildung vorenthalten. Heute stehen sie vor dem doppelten Schlag von COVID-19, während die Zahl wächst. Laut einem aktuellen Bericht des norwegischen Flüchtlingsrates und des Global Protection Cluster schätzen Experten, dass weitere 15 Millionen Frauen und Mädchen für alle drei Monate der weltweiten Sperrung von Covid-19 geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind.

Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS
Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, erklärte beim Start seines Policy Brief on Education im August 2020: „Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht, das Fundament gerechter, gleichberechtigter und integrativer Gesellschaften und ein Haupttreiber für eine nachhaltige Entwicklung.“ Als Menschenrechtsanwalt hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts anerkennt, dass eine integrative, qualitativ hochwertige Bildung das grundlegende Menschenrecht für alle anderen Menschenrechte ist. Wenn wir an den Internationalen Tag der Menschenrechte erinnern, müssen wir uns alle daran erinnern, dass Kinder und Jugendliche, die Konflikte und Vertreibungen erdulden, die Folgen der Unmenschlichkeit nur allzu gut kennen. Indem wir in ihre Ausbildung investieren, haben wir immer noch die Chance, ihre Hoffnung auf die Menschheit wiederherzustellen.

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden. Nach Angaben der Vereinten Nationen kön[...]

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