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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Nach der Gesundheitskrise kommt die Bildungskrise

Gleichberechtigte, inklusive und frei zugängliche Bildung für alle bis 2030 lautet das sogenannte Nachhaltigkeitsziel 4, auch Sustainable Development Goal 4 (SDG4). Aber wie steht es um die Zielerreichung? Kann die selbst gewählte Frist eingehalten werden? Und wie wird die Bildungssituation durch die globale COVID-19 Pandemie mittel- und langfristig beeinflusst?

Baan Doi bieten den KInder einen geregelten Schulalltag (© Jakob Studar)
Baan Doi bieten den KInder einen geregelten Schulalltag (© Jakob Studar)

Schon vor dem Ausbruch der globalen COVID-19 Pandemie waren knapp 260 Millionen Kinder von Bildung ausgeschlossen. Die UNESCO warnte im vergangenen  Jahr: Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unser Ziel – Bildung für alle – nicht realisieren. Projektionen der UNESCO zeigten: Bei gleichbleibenden Fortschritten, oder treffender formuliert, beim Ausbleiben stärkerer Fortschritte, wird 2030 weiterhin eines von sechs Kindern im schulpflichtigen Alter von Bildung ausgeschlossen sein. Und nur sechs von zehn Jugendlichen werden die weiterführende Schule abschließen.

Persönlichkeitsentwicklung gehört zur Bildung

Im Hinblick auf die Lernerfolge offenbart die sogenannte Learning Crisis die oftmals ungenügende Qualität von Bildung. Denn obwohl Kinder zur Schule gehen, lernen sie dort beispielsweise nicht ausreichend Lesen und Schreiben. Allerdings ist uns von der Kindernothilfe auch wichtig, deutlich zu machen, dass Bildung weit mehr ist als das. Die Entwicklung der Persönlichkeit gehört genauso dazu. Bildung soll dabei helfen, Kinder und Jugendliche auf dem Weg in ein mündiges und selbst verantwortetes Leben zu begleiten. Den Raum dafür bieten insbesondere auch Schulen. Sie haben eine ganz wichtige soziale Funktion für die Entwicklung von Kindern.

Schulklasse in Nairobi, Kenia (© Lars Heidrich)
Schulklasse in Nairobi, Kenia (© Lars Heidrich)

Schon vor der Corona-Krise: Bildung wird in der Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt

Um freie, inklusive und qualitativ hochwertige Bildung für alle zu ermöglichen, war bereits 2019 – also vor der Pandemie – klar: Die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit, die in Bildung fließen, müssen erhöht werden. Die UNESCO schätzte, dass die jährliche Finanzierungslücke in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ungefähr 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr beträgt. Um diese Lücke zu schließen, müssten sich die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für Bildung versechsfachen. Wichtig ist aber zu betonen, dass die Partnerländer selbst stärkere Anstrengungen unternehmen. Denn auch sie haben die Pflicht, das Recht auf Bildung zu verwirklichen.

Verschärfte Bedingungen durch die Pandemie

Durch die globale Pandemie verschärft sich die schon vorher bestehende Bildungskrise dramatisch. Durch den Ausbruch von COVID-19 erleben wir nicht nur eine Gesundheitskrise und eine global um sich greifende Rezession, sondern eben auch eine Verschärfung der Bildungskrise. Als Reaktion auf die schnelle Ausbreitung des COVID-19 wurden in den meisten Ländern Schulen und andere Bildungseinrichtungen geschlossen. Im April 2020 – dem bisherigen Höhepunkt der Schulschließungen – gingen vorübergehend laut Angaben der UNESCO 1,5 Milliarden Kinder (90 Prozent aller Kinder weltweit) nicht zur Schule. Das hat dramatische Konsequenzen und die sozialen Kosten sind hoch.

Schon vor der Corona-Krise war Bildung ein Stiefkind in der Entwicklungszusammenarbeit (© Kindernothilfe)
Schon vor der Corona-Krise war Bildung ein Stiefkind in der Entwicklungszusammenarbeit (© Kindernothilfe)

Vergangene Schulschließungen im Rahmen anderer Pandemien, wie dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone und Liberia (von 2014 bis 2016), haben das deutlich gezeigt. Insbesondere die Gefahr der häuslichen und sexuellen Gewalt vor allem für Mädchen steigt. Frühschwangerschaften, die zum Schulabbruch führen, nehmen zu. Schulschließungen stellen auch eine erhebliche psychische Belastung für Kinder dar. Sie vermissen es, ihre Freunde zu sehen, und der Alltag ist geprägt durch Unsicherheit und Langeweile. So äußert sich ein Junge in einem unserer Projekte in Kenia: „Ich bin gezwungen, mich zu beschäftigen, indem ich Aufgaben erledige, die zur langweiligen Routine werden, Bücher lese und Nachrichten schaue, in denen sich alles um COVID-19 dreht.“

Die Gefahr des permanenten Schulabbruchs

Erfahrungen vergangener Krisen haben gezeigt, dass viele Kinder nach eigentlich vorübergehenden Schulschließungen gar nicht mehr zur Schule zurückkehren. Mädchen sind davon besonders betroffen. Gründe dafür gibt es viele: ökonomischer Druck auf die Familien, der auch dazu führt, dass Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen oder aber Frühverheiratung und Schwangerschaft. Die UNESCO befürchtet, dass bis zu 20 Millionen Kinder und Jugendliche als Folge der aktuellen Pandemie nicht mehr zur Schule zurückkehren könnten.

Viele Kinder sind vom Lernen ausgeschlossen

Auch wenn sich Bildungseinrichtungen bemühen, Lernen weiterhin aufrecht zu erhalten, sind doch viele Kinder und Jugendlichen von den Möglichkeiten des Fernunterrichts ausgeschlossen. Hier werden die ungleichen Zugänge zu Bildung sowie der damit einhergehende Digital Divide deutlich. Weltweit haben laut Angaben der UNESCO die Hälfte aller Lernenden keinen Zugang zu einem Computer zu Hause. Und 43 Prozent keinen Internetzugang im Haus. In den Ländern Subsahara-Afrikas sind die Zahlen mit fast 90 Prozent bzw. 82 Prozent noch viel dramatischer. Eine Alternative zu digitalen Lernangeboten stellt die Unterrichtsübermittlung per Fernsehen oder Radio dar. Aber auch hierbei werden viele Kinder ausgeschlossen, da nicht alle über einen Stromanschluss verfügen oder diese Geräte nicht besitzen. Auf Kinder mit Beeinträchtigungen sind die Lernmethoden zumeist auch nicht ausgerichtet und schließen diese somit auch aus. Die Inklusivität der Angebote reicht oft nicht aus.

Kinder haben ein Recht auf Bildung - auch nach der Pandemie (© James Rodriguez)
Kinder haben ein Recht auf Bildung – auch nach der Pandemie (© James Rodriguez)

Die Wiedereröffnung von Schulen

Nach Katastrophen läuft der Wiederaufbau unter dem Motto „build back better“, also sinngemäß, es nach der Krise besser wieder aufzubauen. So auch im Falle der Wiedereröffnung von Schulen. Die bestehenden Mängel der Bildungseinrichtungen werden allerdings nun mehr als deutlich. Bei der Wiedereröffnung von Schulen sollten gewisse Standards und Hygienevorgaben eingehalten werden. Die Kapazitäten dafür sind aufgrund der desolaten Lage der Bildungssysteme in vielen Ländern gering. Lediglich an der Hälfte der Schulen weltweit gibt es die Möglichkeit, seine Hände mit Seife zu waschen – fast 900 Millionen Kinder auf der ganzen Welt können das an ihrer Schule nicht. Die Klassen sind mit bis zu 60 Schülern und Schülerinnen oftmals überfüllt: Distanz halten ist hier unmöglich. Aber politische Koordinations- und Entscheidungsstrukturen können durch die Krise nachhaltig verbessert werden, indem sich relevante Akteure besser vernetzen und stärker untereinander abstimmen.

Investitionen in Bildung sind notwendig

Eine der ersten und wichtigsten Herausforderungen besteht zunächst überhaupt darin, dass Bildung in den Reaktionen auf die Pandemie die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Das passiert aber oftmals nicht. In unseren Partnerländern stellen Kinder und Jugendliche ca. die Hälfte der Bevölkerung da, und der Zugang zu Bildung sichert eine bessere Zukunft. Bildung muss somit zwingend im Fokus der Corona-Maßnahmen stehen.

In der aktuellen Not unterstützt die Kindernothilfe gemeinsam mit ihren Partnern vor Ort Kinder und ihre Familien dort, wo es am notwendigsten ist. Häufig ist es die schiere Überlebenssicherung, indem wir zum Beispiel Lebensmittel bereitstellen. Unsere Partnerorganisationen unterstützen Kinder und Jugendliche auch im Lernen. Zum Beispiel durch Radiounterricht, das Drucken von Lernmaterialien oder die Sicherstellung des Zugangs zur Bildung.

Gleichberechtigte, inklusive und frei zugängliche Bildung für alle bis 2030 lautet das sogenannte Nachhaltigkeitsziel 4, auch Sustainable Development Goal 4 (SDG4). Aber wie steht es um die Zielerreichung? Kann die selbst gewählte Frist eingehalten werden? Und wie wird die Bildungssituation durch[...]

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In Brasilien ist die arme Bevölkerung besonders gefährdet

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Brasilien bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die Krise verschärft sich in dem größten Land Lateinamerikas immer mehr und trifft besonders die arme Bevölkerung am härtesten. Christiane Rezende, Regionalkoordinatorin der Kindernothilfe in Brasilien, beantwortet im Interview Fragen zur aktuellen Situation.

Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. (Foto: Kindernothilfe)
Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. (Foto: Kindernothilfe)

Wie geht die brasilianische Bevölkerung mit der Situation um?

Christiane Rezende: Viele Menschen befolgen die Regeln. Sie halten Abstand, waschen sich regelmäßig die Hände und tragen Masken. Andererseits gibt es auch Menschen, die die Anweisungen ignorieren, weil sie denken, es betrifft sie nicht. Viele können sich aber auch schlicht nicht an die Hygiene-Regeln halten, da sie zum Beispiel keinen Wasseranschluss zu Hause haben. Insbesondere arme Menschen sind von Corona-Infektionen betroffen. Das liegt an der mangelnden Infrastruktur in den Gemeinden, den prekären Wohnverhältnissen und der Abhängigkeit von dem schlechten Gesundheitssystem. Viele vermeiden es, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, aus Angst, sich anzustecken. Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. Die einkommensstärkere Bevölkerung ist oftmals insoweit privilegiert, als dass sie zurzeit nicht zwingend aus dem Haus muss, um Geld zu verdienen.

Wie leben die Kinder mit der Pandemie?

Christiane Rezende: Die Folgen der Pandemie machen uns Sorgen – vor allem für Kinder und Jugendliche. Sie leiden unter emotionalem und psychischem Stress, der durch ihren veränderten Alltag, ihre teils verzweifelten Eltern und auch durch häusliche Gewalt entsteht. Die Partner der Kindernothilfe klären Familien über die Betreuung ihrer Kinder und über ein gewaltfreies Leben im Haushalt auf. Teilweise machen unsere Partner Hausbesuche, um nach den Kindern von Familien zu schauen, bei denen bereits häusliche Gewalt aufgetreten ist.

Mit welchen neuen Herausforderungen sind Sie in den Projekten seit der Corona-Pandemie konfrontiert?

Christiane Rezende: Zurzeit arbeiten die Kindernothilfe und ihre Partner in all unseren Projekten viel seltener direkt mit den Kindern. In den Fällen, in denen vor Ort gearbeitet wird, wurden die Teams verkleinert. Der größte Teil der Arbeit konzentriert sich darauf, Menschen über Corona-Präventivmaßnahmen zu informieren. Familien, die fast keine oder nur wenige Grundnahrungsmittel haben, da sie momentan nicht arbeiten können, versorgen wir mit Hygieneprodukten und Nahrungsmitteln.

Familien, die sich nicht selbst versorgen können, bekommen Hygieneprodukte und Nahrungsmittel. (Foto: Kindernothilfe)
Familien, die sich nicht selbst versorgen können, bekommen Hygieneprodukte und Nahrungsmittel. (Foto: Kindernothilfe)

Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die Beratung sowie die emotionale und psychologische Unterstützung von Familien. Diese Soforthilfemaßnahmen brauchen aber Zeit. Die Bürokratie und die prekäre Infrastruktur machen es schwierig, die vielen Familien zu erreichen. Unsere Teams beachten natürlich alle Schutzmaßnahmen, um eine Ansteckung zu vermeiden. Aufgrund der Abstandsregeln werden die Mitarbeitenden der Projekte immer wieder neu kreativ und versuchen zum Beispiel mithilfe virtueller Kommunikation wie WhatsApp und Facebook den Kontakt zu den Familien aufrecht zu erhalten. So können sie Kindern zum Beispiel spielerisch erklären, wie sie sich vor Covid-19 schützen können.

Obwohl die Zahl der Corona-Infektionen in Brasilien dramatisch zunimmt, gibt es keinen einheitlichen Weg in der Politik, um das Virus einzudämmen. Inwieweit beeinflussen politische Meinungsverschiedenheiten die Arbeit der Projekte?

Christiane Rezende: Der Präsident Jair Bolsonaro verharmloste die Pandemie zwischenzeitlich als „kleine Grippe“. Er setzt auch weiterhin seinen vollen Fokus auf die Wirtschaft und hatte keine Maßnahmen zur Eindämmung treffen wollen. Die Gouverneur*innen der Bundesstaaten und Gemeinden hingegen nehmen Covid-19 ernst, verhängen eigene Maßnahmen und sprechen sich teils offen gegen die Politik von Präsident Bolsonaro aus. Die verschiedenen Meinungen der Politiker*innen führen bei Teilen der Bevölkerung zu Angst und Unsicherheit. Die Menschen wissen nicht, was nun wirklich stimmt und welche Politiker*innen mit ihren (restriktiven) Maßnahmen Recht haben. Kommunikation und Austausch zwischen ihnen gibt es nicht. Das sorgt für wenige oder falsche Informationen und für Wut und Hass unter den Menschen, die anders denken und handeln. Eine traurige Realität, die wir erleben. Daher ist es wichtiger denn je, andere Menschen zu respektieren und tolerant zu sein. Dazu tragen auch unsere Partner bei. In ihren Projekten geben sie Familien, Kindern und Jugendlichen konkrete Informationen. Dies sorgt für mehr Sicherheit und stärkt den Dialog untereinander.

Was sind die langfristigen sozialen Folgen der Pandemie für die Menschen in Brasilien, insbesondere für Kinder und Familien?

Christiane Rezende: Die soziale Ungleichheit in Brasilien vergrößert sich immer mehr und die unterschiedlichen politischen Maßnahmen tragen maßgeblich dazu bei. Hinzu kommt, dass diese Maßnahmen nicht langfristig geplant sind. Es gibt kaum Programme wie Kurzarbeit oder Soforthilfe und viele Menschen, die bereits ihren Arbeitsplatz verloren haben, werden sehr wahrscheinlich auch in einigen Monaten keine neue Anstellung finden.

Was brauchen die Menschen am dringendsten und wie kann die internationale Staatengemeinschaft sie unterstützen?

Christiane Rezende: Es ist sehr wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft die Finanzierung von sozialen und humanitären Projekten aufrechterhält. Zu Beginn der Pandemie sollte es von der Regierung einen finanziellen Zuschuss von 200,00 R$ pro Monat (ungefähr 34 Euro) pro Familie geben. Es war ein Kampf im Nationalkongress, diese Hilfe auf 600,00 R$ pro Monat (circa 102 Euro) zu erhöhen. Diese Hilfe wird es aber nicht länger als drei Monate geben. Das wird für die meisten Familien und ihre Kinder nicht reichen. Daher ist die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft für Brasilien umso wichtiger.

Welche Perspektiven für die Projektarbeit wurden bisher aus den Erfahrungen mit der Pandemie gewonnen und wie können diese umgesetzt werden?

Christiane Rezende: Kreativität und Kommunikation waren und bleiben auch in Zukunft sehr wichtig. Wir haben neue Arbeitsformen entwickelt. Zum Beispiel arbeiten wir nun mit Medien und sozialen Netzwerken, um mit den gefährdetsten Familien in Kontakt zu bleiben. Wir arbeiten weiter daran, dass immer mehr Familien Zugang dazu haben und so Betreuung und Schutz für Kinder geschaffen werden können. Außerdem hat sich gezeigt, dass Projekte zur Weiterbildung und politischen Einflussnahme notwendig sind.
Der Mangel an politischer Beteiligung der armen Bevölkerungsschichten in Brasilien trägt dazu bei, dass sich einige zum Beispiel politischen Ideologien rechtsextremer Gruppen anschließen oder Fake News verbreiten. Das führt dazu, dass die mit viel Einsatz durchgesetzten Menschenrechte, wie das Recht auf eine stabile öffentliche Gesundheitsversorgung, ignoriert werden. Viele Brasilianer*innen sterben ohne behandelt zu werden, weil das Gesundheitssystem Jahr für Jahr schlechter wird.

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Brasilien bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die Krise verschärft sich in dem größten Land Lateinamerikas immer mehr und trifft besonders die arme Bevölkerung am härtesten. Christiane Rezende, Regionalkoordinatorin der Kindernothilfe in Bra[...]

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Wir sind nur so stark wie die Schwächsten unter uns: eine Meinung

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sich auf die moralischen, humanitären Aspekte zu berufen.

Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar Foto: Kindernothilfepartner)
Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar. (Foto: Kindernothilfepartner)

Sind wir alle gleich?

Als das COVID-19-Virus innerhalb weniger Wochen von Wuhan, China, um die halbe Welt durch Europa, Amerika und darüber hinaus reiste, gab es uns den Beweis, wie eng wir alle miteinander verbunden sind – falls dieser jemals nötig war. Nicht nur unsere globalisierten Volkswirtschaften sind voneinander abhängig, sondern wir selbst sind eine Menschheit, die einen Planeten teilt. Und doch scheinen wir es allzu oft zu vergessen, wenn wir unbedacht auf irreführende Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ verweisen. Nehmen wir zum Beispiel die Unterscheidung zwischen reichen und armen Ländern oder, wie Ökonomen es ausdrücken, zwischen den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und den am wenigsten entwickelten Ländern. Wenn es um COVID-19 geht, ist das einzige was zählt, ob wir krank oder gesund sind, unabhängig von wirtschaftlichem Status oder geografischer Lage.

Aber natürlich kann nicht behauptet werden, dass es keine Unterschiede gibt. In der Tat hat uns das Virus gezeigt, dass es etwas ausmacht, wer und wo wir sind. Ob Dharavidweller in Mumbai, afroamerikanische Fleischverarbeiterin in Chicago, Mitglied der First Nations in Nordkanada, Rohingya-Flüchtling in Myanmar, Pensionist in einem britischen Wohnheim, Insassin in einem südamerikanischen Gefängnis oder medizinische Fachkraft in einem Krankenhaus irgendwo auf der Welt. Es macht den Unterschied: zwischen infiziert oder nicht, zwischen Zugang zu Tests oder nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit. COVID-19 ist eine Herausforderung, vor der wir alle stehen, aber unsere Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind innerhalb und zwischen den Ländern unterschiedlich.

Menschen in Entwicklungsländern sind am stärksten gefährdet. Während regelmäßiges und gründliches Händewaschen für viele von uns Teil des täglichen Lebens ist, ist es für viele mehr aber nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Der jüngst veröffentlichte Fortschrittsbericht der UN-SDGs besagt, dass 2 von 5 Menschen weltweit keine einfache Handwaschanlage mit Wasser und Seife zu Hause haben. In den am wenigsten entwickelten Ländern ist es weniger als einer von drei Menschen (28 Prozent). Das bedeutet, dass weltweit schätzungsweise 3 Milliarden Menschen ihre Hände zu Hause immer noch nicht richtig waschen können und daher der grundlegendsten und wirksamsten Präventionsmaßnahme gegen COVID-19 beraubt sind. Darüber hinaus stellt extreme Armut eine Geißel dar, die Entwicklungsländer am meisten belastet. Laut Weltbank birgt COVID-19 das große Risiko, weitere 40-60 Millionen Menschen in extreme Armut zurückzudrängen. Dies wäre ein tragischer Rückschritt im jahrzehntelangen Kampf gegen die globale Armut. Für Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften bereits unter den Folgen niedriger Rohstoffpreise, Abzug ausländischen Kapitals und geschwächter Währungen leiden, wirkt sich COVID-19 fast unumgänglich auf die Lebensmittelpreise aus und birgt somit potenziell schädliche Auswirkungen auf die Ernährung der am stärksten gefährdeten Personen.

Wissen, wie es geht

In Zeiten von Corona können es sich fortgeschrittene Volkswirtschaften nicht leisten, die Entwicklungsländer sich selbst zu überlassen. In mehreren großen Schwellenländern und Dutzenden kleinerer Volkswirtschaften besteht die reale Möglichkeit, wenn nicht sogar Wahrscheinlichkeit für massive Finanzkrisen. Dies würde nicht nur Versuche vereiteln, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Es könnte eine schwer reversible soziale Instabilität auslösen und bestehende humanitäre Krisen verschärfen.

Angesichts dessen müssen Unterstützung und Schutz der Entwicklungsländer im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Staates liegen. Das weltweite multilaterale System ist auf mehrdimensionale Herausforderungen ausgelegt und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung: die WHO, um die Pandemien unter Kontrolle zu halten, die FAO, um den Bedarf an Lebensmittelimporten und Engpässen bei der Lebensmittelversorgung zu ermitteln, der IWF, um die benötigten Mittel unverzüglich zu finanzieren, die Welt Bank zum Wiederaufbau usw. Was jetzt benötigt wird, ist eine angemessene dringende internationale Finanzierung, verbunden mit eindeutiger politischer Unterstützung. Es braucht einen „Pandemie-Marshall-Plan“ für Entwicklungsländer. Dieser könnte möglicherweise in Form eines massiven Finanzspritze des IWF genau das bewirken, was die Fed in den USA oder die EZB in Europa getan haben, um Liquidität zu fördern, Staatsschulden zu koordiniern und so das Risiko einer Finanzkrise zu vermeiden.

Es ist wahr, dass COVID-19 keine Grenzen kennt und keine Unterschiede macht, wenn es zuschlägt. Aber die Länder sind nicht gleichermaßen dafür gerüstet, und es hätte fatale Folgen, wenn Unterschiede zwischen den Nationen eine kollektive Krisenbewältigung bremsen würden. In diesem Sinne ist es eine ultimative globale Herausforderung, vor der wir stehen – hochindustrialiserte wie auch wenig entwickelte Länder. Die Welt braucht das multilaterale System wie nie zuvor: Denn wir sind eng miteinander verbunden und nur so stark wie die Schwächsten unter uns.

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sic[...]

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Eine Zukunft für Kinder?

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtige Ungleichheiten und aggressive Marketingpraktiken für Fast Food, stark zuckerhaltige Getränke, Alkohol und Tabak würden die Gesundheit und Zukunft von Kindern weltweit gefährden, heißt es in dem im Februar veröffentlichten Bericht.

Ökologische Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sind Grundvoraussetzungen, um Kindern ein sicheres Aufwachsen mit Zukunftsperspektive zu ermöglichen.

A future for the world’s children? (WHO, UNICEF, The Lancet)

Es wurden vier Schlüsselbereiche geprüft und für jeden entsprechende Empfehlungen abgegeben: Frühzeitige Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Kindern; Reduktion von Treibhausgasen als Mittel zum Schutz der Zukunft von Kindern; das Problem des „kommerziellen Schadens“ für Kinder; und die Schlüsselrolle, die Regierungen bei der Gewährleistung von Fürsorge und Schutz aller Kinder spielen sollten. Eine der wichtigsten Beobachtungen wurde im Zusammenhang mit dem Klimawandel gemacht, für den bestimmte Teile unserer Gesellschaft verantwortlich zeichnen. „Während die ärmsten Länder der Welt prinzipell noch einen langen Weg vor sich haben, um ein gesundes Aufwachsen von Kindern entsprechend fördern zu können, bedrohen die Industrienationen die Zukunft aller Kinder durch klimaschädliche Schadstoffbelastung.“ Laut Anthony Costello, Professor für globale Gesundheit und nachhaltige Entwicklung am University College London, gibt es eine Vielzahl von Gegensteuerungsmaßnahmen, die wohlhabendere Länder ergreifen können. Dazu zählen die Streichung von Subventionen für fossile Brennstoffe aus Öl, Gas und Diesel, für die Regierungen mehr als 5 Billionen US-Dollar pro Jahr ausgeben und das obwohl erneuerbare Energien ohnehin billiger und wirtschaftlicher sind als fossile Brennstoffe. Auch die Förderung von Elektromobilität und öffentlichem Verkehr könnten einen wesentlichen Beitrag leisten. Weiteres Potenzial sieht Costello in der Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten, unter anderem durch die Förderung einer gesünderen, weniger auf rotem Fleisch und Milchprodukten basierenden Ernährung, durch drastische Reduktion der Lebensmittelverschwendung genauso wie durch verstärkten Konsum von lokal und ökologisch nachhaltig produzierten Lebensmitteln. So sollte der Übergang zu einem kohlenstoffärmen Lebenswandel möglich werden.

Eine weitere wichtige Beobachtung in dem Bericht betrifft die ernsten Folgen der „Kommerzialisierung“, denn „das Gewinnmotiv des Wirtschaftssektors birgt viele Bedrohungen für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern, nicht zuletzt durch Umweltschäden, die durch die nicht regulierte Industrie verursacht werden.“ Mädchen und Buben auf der ganzen Welt seien enormem Werbeeinfluss ausgesetzt und Unternehmen würden mit aggressiven Marketingtechniken ihre Entwicklungsanfälligkeit ausnützen sowie mit Produkten ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. In manchen Ländern werden Kinder und Jugendliche mit mehr als 30.000 Werbeanzeigen im Fernsehen pro Jahr bombardiert. Jene für Fast Food und stark zuckerhaltige Getränke fördern den Konsum ungesunder Lebensmittel, wodurch Übergewicht und Fettleibigkeit zunehmen. So sind heute elf Mal mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig als noch vor 45 Jahren. Durch den negativen Einfluss auf das Kindeswohl müssen genau diese kommerziellen Unternehmen in die Pflicht genommen werden, selbst wenn sie für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum unabdingbar sind. Kinder müssten vor „süchtig machenden oder ungesunden Waren“ wie Fastfood, Alkohol, Tabak, Glücksspiel und soziale Medien geschützt werden.

Klimawandel, Übergewicht und schädliche Werbe- und Marketingpraktiken führen dazu, dass Kinder Gefahren ausgesetzt sind, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar schienen. Deshalb sind tiefgreifende Veränderungen nötig: Jede Regierung muss die Rechte von Kindern ins Zentrum ihrer Politik stellen und ihr Wohlergehen zum Maßstab ihres Handelns machen.

Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin

Forderungen der Expertenkommission

  • signifikante Reduktion des CO2-Ausstoßes, um Kindern eine Zukunft zu ermöglichen;
  • Fokusierung aller Maßnahmen zur Verwirklichung der nachhaltigen Entwicklungsziele auf Kinder und Jugendliche;
  • neue politische Initiativen und verstärkte Investitionen in Kindergesundheit und die Umsetzung der Kinderrechte;
  • Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen relevanten politischen und gesellschaftlichen Prozessen;
  • strengere Regulierung schädlicher Werbemaßnahmen auf nationaler Ebene und Ergänzung der UN-Kinderrechtskonvention um ein neues Zusatzprotokoll.

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtig[...]

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Alle haben das Recht auf Gesundheit

Ob hier in Österreich oder weltweit: derzeit beherrscht die Coronakrise unser aller Leben. Familien bangen um ihre Existenz und Versorgung ihrer Kinder.

Doch viele dringliche Herausforderungen in Fragen globaler Gesundheit werden durch den Fokus auf das Coronavirus aus dem Blick verdrängt. Als zentrale Aufgabe gilt es, das Recht auf Gesundheit für Alle durchzusetzen und die Gesundheitssysteme weltweit zu stärken, um Krankheiten wie HIV/AIDS, Tuberkulose oder Malaria wirksam zu begegnen. Denn so wie viele Krankheitserreger zuvor, wird das Coronavirus besonders dort weitreichende Folgen haben, wo Menschen bereits geschwächt sind und Gesundheitssysteme schlecht ausgestattet sind. Krankheit gefährdet Einkommen, Bildung und politische Teilhabe.

In den ärmlichen ländlichen Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens sind Mobile Krankenstationen oft die einzige Gesundheitsversorgung. (Foto: CHristoph Engels)
In den ärmlichen ländlichen Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens sind Mobile Krankenstationen oft die einzige Gesundheitsversorgung. (Foto: CHristoph Engels)

Um die globale Gesundheit zu verbessern, braucht es daher eine angemessene Finanzierung. Nur wenn Entwicklungsländer und Industriestaaten die Gesundheitsfinanzierung substantiell erhöhen und solidarisch gestalten, können die Gesundheitsbezogenen Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung erreicht werden. 

Die Bereiche HIV/Prävention, Aufklärung und Betreuung stellen auch einen Bestandteil der Projektarbeit der Kindernothilfe dar. Dabei steht die Hilfe für Kinder in Notsituationen – wie Aidswaisen – im Fokus.

Die Kindernothilfe schließt sich den Forderungen an, die im Hintergrundpapier vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) und dem Aktionsbündnis gegen AIDS festgehalten sind. Das Papier vom März 2020 umreißt die dringlich erforderlichen Schritte, um eine Mindesthöhe an öffentlichen Finanzmitteln für die Gesundheitsversorgung in den benachteiligten Ländern zu erreichen. Die Gesundheitssysteme müssen global gestärkt und der Zugang zu Medikamenten nachhaltig gesichert werden.

Selbst wenn die Länder mit niedrigen Einkommen die größtmöglichen Eigenanstrengungen unternehmen, sind sie weit davon entfernt, den dringlichen Finanzierungsbedarf durch inländische Quellen wie Steuern und Sozialausgaben decken zu können. Es braucht einerseits Maßnahmen zur Stärkung ihrer nationalen Ressourcen sowie zur Bekämpfung von Korruption und Steuervermeidung in ärmsten Ländern. Und andererseits müssen die Industrieländer bis 2025 mindestens 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommens für gesundheitsbezogene Entwicklungszusammenarbeit aufbringen.

Multilaterale Instrumente, wie die Impfallianz Gavi, die den ärmsten Ländern der Welt Impfstoffe zu niedrigeren Preisen ermöglicht, und der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria, sind konsequent zu stärken, damit diese Organisationen ihre zentrale Rolle bei der Bewältigung der jeweiligen spezifischen Gesundheitsprobleme weiterentwickeln können.

Auch Österreich hat sich verpflichtet, die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen zu erreichen, dazu zählt auch das Ziel 3 „Ein gesundes Leben für alle Menschen jedes Alters gewährleisten“. Um dieses Nachhaltigkeitsziel 3 bis 2030 zu erreichen, müssen die finanziellen Mittel Industrieländer und die Gesundheitsausgaben in den Partnerländern signifikant steigen. Die bisherige Ausweitung der internationalen Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit hat bereits Erfolge gezeitigt: die Gesundheitssituation in Entwicklungs- und Schwellenländern wurde verbessert. So sterben heute weniger Kinder aufgrund gesundheitlicher Probleme oder durch Mangelernährung als zu Beginn des Jahrtausends. Dennoch sind wir heute weit davon entfernt, das Recht aller Menschen auf Gesundheit zu verwirklichen. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, um die weltweiten Strukturen der Ungerechtigkeit auf dem Gebiet der Gesundheit zu überwinden

Ob hier in Österreich oder weltweit: derzeit beherrscht die Coronakrise unser aller Leben. Familien bangen um ihre Existenz und Versorgung ihrer Kinder. Doch viele dringliche Herausforderungen in Fragen globaler Gesundheit werden durch den Fokus auf das Coronavirus aus dem Blick verdrängt. Als [...]

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