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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

14. Dezember 2020

Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht und die Priorität des 21. Jahrhunderts

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)
Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten allein aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 im nächsten Jahr rund 23,8 Millionen zusätzliche Kinder und Jugendliche (von der Vorschule bis zum Tertiärbereich) die Schule abbrechen der keinen Zugang zur Schule haben. (Foto: Umer Asif / IPS)

Wie der Nobelpreisträger Amartya Sen feststellte, haben wir es versäumt, „diesem massiven Potenzial zur Veränderung des menschlichen Lebens“ die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Dies gilt insbesondere in Krisenzeiten. Wenn Konflikte, Vertreibungen und Naturkatastrophen auftreten, wird die Bildung im Allgemeinen als erster Dienst unterbrochen und als letzter wieder aufgenommen, wobei in humanitären Einrichtungen am wenigsten Mittel bereitgestellt werden. Zwischen 2010 und 2017 wurden weniger als 3% der humanitären Mittel für Bildung bereitgestellt. In einer aktiven Krise ist Bildung lebensrettend. Es bietet ein Element des Schutzes vor Gewalt, bietet psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung und bietet Ernährung. In langwierigen Krisensituationen ist die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen ebenso wichtig. Dennoch wird der Bildungsbedarf tendenziell in den Hintergrund gedrängt und von anderen Sektoren überschattet. Dies bedeutet nicht, dass Wasser und Obdach nicht wichtig sind. Angesichts der jahrelangen humanitären Krisen wird durch das Fehlen einer qualitativ hochwertigen Ausbildung unweigerlich die Grundlage für die Menschenrechte aufgehoben, und eine echte Ermächtigung wird schwer fassbar. Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es ist der Schlüssel zur Erschließung aller anderen Menschenrechte – sei es soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Rechte oder politische und bürgerliche Rechte. Das Recht auf Beschäftigung, das Recht auf Gesundheit, die Meinungsfreiheit, das Recht auf ein freies und faires Verfahren und das übergeordnete Diskriminierungsverbot – all diese Rechte beruhen auf einer qualitativ hochwertigen Ausbildung: Anspruch erheben, genießen können schützen und respektieren diese Rechte. Dies ist in von bewaffneten Konflikten betroffenen Ländern immer wichtiger, in denen Rechtsstaatlichkeit häufig durch Gewalt ersetzt wird. Die Auswirkungen von Bildung auf die Armut sind ein Paradebeispiel. Laut dem UNESCO Global Education Monitoring Report: „171 Millionen Menschen könnten aus der extremen Armut befreit werden, wenn alle Kinder die Schule mit grundlegenden Lesefähigkeiten verlassen“, während „das Bildungsniveau etwa die Hälfte des Unterschieds bei den Wachstumsraten zwischen Ostasien und Subasien erklärt“. Sahara-Afrika zwischen 1965 und 2010 “. Armut ist eine Verletzung der Menschenwürde. Bildung bietet eine wirtschaftliche Verbesserung des Lebens des Einzelnen und stellt gleichzeitig sein Recht auf Würde wieder her.

Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass es 152 Millionen Kinderarbeiter gibt, von denen 73 Millionen unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Die IAO betrachtet Bildung neben sozialem Schutz und Wirtschaftswachstum als unverzichtbare Maßnahme zur Verringerung der Kinderarbeit. Es hat sich gezeigt, dass eine erhöhte Alphabetisierungsrate auch das politische Engagement erhöht. Das Institut für Statistik der UNESCO schreibt: „Die Teilnahme an Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene hängt mit einer verstärkten Teilnahme an Gewerkschaften, Maßnahmen der Gemeinschaft und dem nationalen politischen Leben zusammen.“ Neben Lese- und Rechenfähigkeiten gewährleistet eine angemessene Ausbildung ein breites Spektrum an Lebenskompetenzen – die Fähigkeit, sich zu verbessern -ausgewogene Entscheidungen, um Konflikte gewaltfrei zu lösen, gute soziale Beziehungen und kritisches Denken zu entwickeln. Solche Fähigkeiten sind entscheidend für die Schaffung einer toleranten und bewussten Gemeinschaft, um Verfolgung, Diskriminierung und gewaltsame Konfliktlösung zu verhindern. In von Krisen betroffenen Ländern dient Bildung jungen Menschen als Instrument, um darauf vorbereitet zu sein, sich wieder auf ihr politisches System einzulassen, ihr Versammlungsrecht zu stärken und sich an der Schaffung einer stabilen und zugänglichen Regierung zu beteiligen, die gegenüber ihrer Bevölkerung rechenschaftspflichtig ist. UNICEF schreibt Bildung zu, „eine entscheidende Rolle bei der Normalisierung der Situation des Kindes und bei der Minimierung der psychosozialen Belastungen zu spielen, die auftreten, wenn Notfälle zu einer plötzlichen und gewaltsamen Destabilisierung des unmittelbaren familiären und sozialen Umfelds des Kindes führen“. Dies wurde von einer vom UNHCR geführten Konferenz festgestellt In Bezug auf den Schutz von Kindern in Notsituationen hat Bildung eine „vorbeugende Wirkung auf Rekrutierung, Entführung und geschlechtsspezifische Gewalt“. Vor COVID-19 wurden geschätzten 75 Millionen Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter aufgrund von bewaffneten Konflikten, Vertreibungen und Naturkatastrophen eine qualitativ hochwertige Ausbildung vorenthalten. Heute stehen sie vor dem doppelten Schlag von COVID-19, während die Zahl wächst. Laut einem aktuellen Bericht des norwegischen Flüchtlingsrates und des Global Protection Cluster schätzen Experten, dass weitere 15 Millionen Frauen und Mädchen für alle drei Monate der weltweiten Sperrung von Covid-19 geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind.

Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS
Yasmine Sherif, Direktorin von Education Cannot Wait / IPS

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, erklärte beim Start seines Policy Brief on Education im August 2020: „Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht, das Fundament gerechter, gleichberechtigter und integrativer Gesellschaften und ein Haupttreiber für eine nachhaltige Entwicklung.“ Als Menschenrechtsanwalt hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts anerkennt, dass eine integrative, qualitativ hochwertige Bildung das grundlegende Menschenrecht für alle anderen Menschenrechte ist. Wenn wir an den Internationalen Tag der Menschenrechte erinnern, müssen wir uns alle daran erinnern, dass Kinder und Jugendliche, die Konflikte und Vertreibungen erdulden, die Folgen der Unmenschlichkeit nur allzu gut kennen. Indem wir in ihre Ausbildung investieren, haben wir immer noch die Chance, ihre Hoffnung auf die Menschheit wiederherzustellen.

Bildung ist kein Privileg. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung wird jedoch selbst in den besten Zeiten unterbewertet. Wir schaffen es oft nicht, die Punkte zwischen dem Recht auf Bildung und der Verwirklichung aller Menschenrechte zu verbinden. Nach Angaben der Vereinten Nationen kön[...]

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10. Dezember 2020

Keine Kinderrechte ohne Menschenrechte

Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) und legte damit jene Rechte fest, die eigentlich für jeden Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder politischer Überzeugung gelten. Dennoch kommt es weltweit immer wieder zu schweren Menschenrechtsverletzungen.

"Recover Better – Stand up for Human Rights" Das Motto des heurigen Tag der der Menschenrechte. (Image: United Nations)
„Recover Better – Stand up for Human Rights“ Das Motto des heurigen Tag der der Menschenrechte. (Image: United Nations)

Internationaler Tag der Menschenrechte

Gerade heuer haben die COVID-19-Pandemie sowie zahlreiche Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte die häufige Missachtung der AERM stärker sichtbar gemacht. Besonders Menschen auf der Flucht sind gefährdet, in ihren fundamentalen Rechten verletzt zu werden. Diskriminierung und Ausbeutung, schlechte medizinische Versorgung und fehlende Bildungsmöglichkeiten erschweren das ohnehin schon tragische Schicksal vieler Flüchtlinge. Zusätzlich hat die Corona-Pandemie in vielen Ländern zu einer deutlichen Verschlimmerung der Armut und zunehmenden Ungleichheiten geführt. Umso wichtiger ist es, „die Pandemie nicht als Vorwand für schwerfällige Sicherheitsreaktionen und repressive Maßnahmen zu verwenden, die den bürgerlichen Raum und die Medienfreiheit einschränken“, warnt UNO-Generalsekretär António Guterres. „Denn die Menschenrechte sind universell und schützen alle.“

Menschenrechtsverletzung Sklaverei

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gibt es weltweit rund 40 Millionen „moderne“ Sklaven – darunter zehn Millionen Kinder. Verkauft, gegen ihren Willen festgehalten und wie Ware gehandelt werden vor allem Frauen und Mädchen ausgebeutet – sie schuften in privaten Haushalten und Fabriken unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden in die Prostitution gezwungen oder zwangsverheiratet. So werden weltweit jedes Jahr mehr als 150 Milliarden Dollar verdient: In vielen Produkten wie Textilien oder Smartphones, die teuer über den Ladentisch gehen, steckt ausbeuterische Arbeit. Jene, die sie herstellen, arbeiten für Hungerlöhne, es profitieren die großen Unternehmen.

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen gefährdet zusätzlich Millionen Menschen, denn Menschenhändler und zwielichtige Kreditgeber machen die aktuelle Not zu ihrem Geschäft. In Indien arbeiten Kinder die Schulden ihrer Eltern ab, die aufgenommen wurden, um während der Lockdowns ihre Familien ernähren zu können. Auch in Chile suchen sich viele Mädchen und Buben Gelegenheitsjobs auf der Straße, um etwas Geld dazu zu verdienen. Und in vielen Teilen Afrikas schuften auch kleine Kinder auf Baumwoll-, Tabak-, Kaffee- oder Kakaoplantagen, um zum ohnehin sehr geringen Familieneinkommen beizutragen.

Wie aber können Kinderrechte garantiert werden, wenn fundamentale Menschenrechte verletzt werden?

Recover Better – Stand Up for Human Rights

Der diesjährige UN-Tag der Menschenrechte steht ganz im Zeichen der COVID-19-Pandemie und der Bekämpfung der durch sie verstärkt sichtbar gewordenen Missstände. Das Motto „Recover Better – Stand Up for Human Rights“ verdeutlicht die Notwendigkeit, dass die Menschenrechte in allen Ländern gleichermaßen zentrale Grundlage sein müssen. Denn die gemeinsamen globalen Ziele können nur erreicht werden, wenn es gelingt, Chancengleichheit für alle zu schaffen. Dabei müssen Ungleichheit, Ausgrenzung und Diskriminierung bekämpft werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass es zu einer globalen Erholung nach der Pandemie und einer gerechteren und nachhaltigeren Situation für alle kommt.

Keine Kinderrechte ohne Menschenrechte

Die in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegten Kinderrechte sind ganz spezielle Menschenrechte. Denn Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen, sondern haben ihre ganz eigenen Bedürfnisse. Diese müssen entsprechend befriedigt werden, damit sich Mädchen und Buben überall auf der Welt gesund und sicher entwickeln und geschützt und gestärkt in eine selbstbestimmte Zukunft gehen können.

Wir als Kindernothilfe setzen alles daran, dass der Schutz der Kinderrechte gewahrt und ihre Umsetzung erreicht wird. Wir verstehen uns dabei als Teil einer globalen Bewegung und sehen uns der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet, Kindern Bildung zu ermöglichen, sie vor Gewalt und wirtschaftlicher Ausbeutung zu schützen und ihnen Mitsprache zu geben. Aus der Perspektive dieser vier zentralen Kinderrechte wollen wir bei einer Stärkung der universellen Menschenrechte weltweit aktiv mitarbeiten.

#Standup4humanrights #HumanRightsDay

Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (AEMR) und legte damit jene Rechte fest, die eigentlich für jeden Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder politischer Überzeugung gelten. Dennoch kom[...]

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24. September 2020

Globale Lieferketten: wo bleiben die Kinderrechte?

Ob Schokolade, Kleidung oder Smartphones – zu oft entscheidet der Preis, was wir am Ende kaufen. Die Frage nach den globalen Lieferketten der Ware – woher kommt sie, von wem und vor allem unter welchen Bedingungen wird sie gewonnen und schrittweise zum Endprodukt weiterverarbeitet – gerät dabei leicht in den Hintergrund. Und das, obwohl es sehr viele Beispiele für Menschen- und Kinderrechtsverletzungen im weltweiten Warenverkehr gibt. Zum Beispiel Kinderarbeit im Kakaosektor. Zum Beispiel unerlaubter Pestizideinsatz auf großen Plantagen, der zur langfristigen Verschmutzung der Umwelt führen kann. Oder auch ausbeuterische Bedingungen in der Textilindustrie, die Arbeiterïnnen Löhne unterhalb des Existenzminimums zahlt.

Globale Lieferketten: Plastikverwertung (Foto: Lennart Zech)
Globale Lieferketten: Plastikverwertung (Foto: Lennart Zech)

Wer global handelt, muss auch global Verantwortung übernehmen

Globale Lieferketten – damit sind die Wege und Stationen gemeint, die die einzelnen Bestandteile eines Produktes bis zu seiner Fertigstellung zurücklegen: vom Abbau der natürlichen Rohstoffe über die Produktion und Fertigung in städtischen Fabriken bis zum Transport nach Europa und anderswohin.

Insbesondere die letzten Monate unter dem Eindruck der Corona-Pandemie haben gezeigt, wie weitgehend wirtschaftliche Beziehungen weltweit miteinander verwoben sind – und wie abhängig wir in Europa von deren einwandfreiem Ablauf sind. Durch den Stillstand infolge der Pandemie wurden viele Aufträge storniert oder bereits produzierte Waren nicht mehr angenommen.

Unter Jobverlust und Lohnkürzungen leiden überwiegend die Arbeiterïnnen in den Produktionsländern – und ihre Kinder! Schutzmechanismen und Sozialpakete wie in Europa gibt es dort kaum. Aktuellen Schätzungen zufolge könnten 86 Millionen Kinder zusätzlich bis zum Ende des Jahres in Armut geraten, weil die Unterbrechung der globalen Lieferketten sie zum Arbeiten beziehungsweise zum Abbruch ihrer Schuldbildung drängt. Die dadurch verursachte wirtschaftliche und soziale Krise zeigt einmal mehr: Wer global handelt, muss auch global Verantwortung übernehmen!

Kinder bei der Tabakernte in Sambia
Kinderarbeit – hier bei der Tabakernte in Sambia – ist die bekannteste, aber nicht einzige Verletzung der Kinderrechte, die globale Lieferketten verursachen.

Ohne Gesetz bleiben Menschenrechte in Lieferketten auf der Strecke

Deshalb braucht es dringend eine gesetzliche Verpflichtung mit klar definierten Haftungsregelungen, damit Unternehmen ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen. Per Gesetz sollten Firmen dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es bei der Herstellung ihrer Produkte zu Menschenrechts- oder Kinderrechtsverletzungen beziehungsweise Umweltzerstörungen kommt.

Kritiker einer gesetzlichen Regelung der Lieferketten befürchten unverhältnismäßig hohe bürokratische Hürden und unfaire Wettbewerbsbedingungen, vor allem im Hinblick auf eine strafrechtliche Haftung. Befürworter wiederum sehen einen klaren Wettbewerbsvorteile.

Ein Lieferkettengesetz kann dazu beitragen, Kinderarbeit – hier in einer Ziegelei in Peru – im internationalen Handelsverkehr zu ächten. (Foto: Kindernothilfe)
Ein Lieferkettengesetz kann dazu beitragen, Kinderarbeit – hier in einer Ziegelei in Peru – im internationalen Handelsverkehr zu ächten. (Foto: Kindernothilfe)

Mangelnde Verantwortung in Lieferketten schadet vor allem Kindern

Die Kindernothilfe und zahlreiche Organisationen aus der Zivilgesellschaft unterstützen diese Forderungen. Gerade Kinder leiden unter verantwortungslosem unternehmerischem Handeln – oft sogar deutlich stärker und nachhaltiger als Erwachsene. Das gilt nicht nur für Kinderarbeit, sondern auch für Umweltverschmutzungen und Schadstoffbelastungen, die Kinder aufgrund ihrer Größe und körperlichen Entwicklung besonders gefährden.

Indirekte Auswirkungen auf das Kindeswohl müssen ebenfalls ins Blickfeld rücken. Durch zu niedrige Löhne verdienen Arbeiterïnnen oft nicht genug, um Bildungs- und Gesundheitsausgaben für ihre Kinder zu finanzieren, was wiederum Kinder in die Kinderarbeit treibt. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten während der Arbeitszeit der Eltern setzen vor allem kleinere Kinder Gefahren aus: Entweder sie verbringen die Zeit unbeaufsichtigt oder sie begleiten die Eltern zum Arbeitsplatz – eine Notlösung, die ihrerseits in Kinderarbeit münden kann.

Kinderarbeit gesetzlich regeln, fordern Kinder und Jugendliche

Im Rahmen der internationalen Advocacy-Kampagne „It´s Time to Talk! – Children´s Views on Children´s Work“ forderten die Vertreter der betroffenen Kinder und Jugendlichen auf dem Global Child Forum in Schweden:

Kesia und Fausa bei ihrem Auftritt auf dem Global Child Forum in Schweden 2018. (Foto: Global Child Forum)
Kesia und Fausa bei ihrem Auftritt auf dem Global Child Forum in Schweden 2018. (Foto: Global Child Forum)

Die Regierung muss auch ein Gesetz zur Kinderarbeit erlassen, das Regeln für den Unternehmenssektor enthält, um sicherzustellen, dass sie Kinder vor schädlicher Arbeit und Missbrauch schützt und nicht ausbeutet. Unternehmen sollten Kindern nicht erlauben, gefährliche oder schwere Arbeit zu verrichten. Kinder sollten nicht ausgebeutet werden – von Mädchen und Jungen sollte nicht verlangt werden, lange oder zu niedrigen Löhnen zu arbeiten. Wenn wir arbeiten, sollten wir faire Löhne erhalten und die Arbeitsbedingungen sollten verbessert werden.

Kesia und Fausa

Es ist Zeit zu handeln

In einem umfassenden und wirksamen Sorgfaltspflichtengesetz müssen Unternehmen dazu verpflichtet werden, die in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechte entlang der globalen Lieferketten zu achten, Risiken und Folgen systematisch zu erheben und zu bewerten und öffentlich über ebendiese Risiken und dagegen ergriffene Maßnahmen zu berichten.

Darüber hinaus braucht es Präventions- und Abhilfemaßnahmen, um Menschen- und Kinderrechtsverletzungen zu verhindern. Insbesondere Beschwerdemechanismen müssen auch für jugendliche Arbeitnehmer zugänglich sein.

Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen: arbeitende Kinder in einem Steinbruch in Guatemala (Foto: Kindernothilfe)

Ob Schokolade, Kleidung oder Smartphones – zu oft entscheidet der Preis, was wir am Ende kaufen. Die Frage nach den globalen Lieferketten der Ware – woher kommt sie, von wem und vor allem unter welchen Bedingungen wird sie gewonnen und schrittweise zum Endprodukt weiterverarbeitet – gerät dab[...]

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Nach der Gesundheitskrise kommt die Bildungskrise

Gleichberechtigte, inklusive und frei zugängliche Bildung für alle bis 2030 lautet das sogenannte Nachhaltigkeitsziel 4, auch Sustainable Development Goal 4 (SDG4). Aber wie steht es um die Zielerreichung? Kann die selbst gewählte Frist eingehalten werden? Und wie wird die Bildungssituation durch die globale COVID-19 Pandemie mittel- und langfristig beeinflusst?

Baan Doi bieten den KInder einen geregelten Schulalltag (© Jakob Studar)
Baan Doi bieten den KInder einen geregelten Schulalltag (© Jakob Studar)

Schon vor dem Ausbruch der globalen COVID-19 Pandemie waren knapp 260 Millionen Kinder von Bildung ausgeschlossen. Die UNESCO warnte im vergangenen  Jahr: Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unser Ziel – Bildung für alle – nicht realisieren. Projektionen der UNESCO zeigten: Bei gleichbleibenden Fortschritten, oder treffender formuliert, beim Ausbleiben stärkerer Fortschritte, wird 2030 weiterhin eines von sechs Kindern im schulpflichtigen Alter von Bildung ausgeschlossen sein. Und nur sechs von zehn Jugendlichen werden die weiterführende Schule abschließen.

Persönlichkeitsentwicklung gehört zur Bildung

Im Hinblick auf die Lernerfolge offenbart die sogenannte Learning Crisis die oftmals ungenügende Qualität von Bildung. Denn obwohl Kinder zur Schule gehen, lernen sie dort beispielsweise nicht ausreichend Lesen und Schreiben. Allerdings ist uns von der Kindernothilfe auch wichtig, deutlich zu machen, dass Bildung weit mehr ist als das. Die Entwicklung der Persönlichkeit gehört genauso dazu. Bildung soll dabei helfen, Kinder und Jugendliche auf dem Weg in ein mündiges und selbst verantwortetes Leben zu begleiten. Den Raum dafür bieten insbesondere auch Schulen. Sie haben eine ganz wichtige soziale Funktion für die Entwicklung von Kindern.

Schulklasse in Nairobi, Kenia (© Lars Heidrich)
Schulklasse in Nairobi, Kenia (© Lars Heidrich)

Schon vor der Corona-Krise: Bildung wird in der Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt

Um freie, inklusive und qualitativ hochwertige Bildung für alle zu ermöglichen, war bereits 2019 – also vor der Pandemie – klar: Die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit, die in Bildung fließen, müssen erhöht werden. Die UNESCO schätzte, dass die jährliche Finanzierungslücke in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ungefähr 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr beträgt. Um diese Lücke zu schließen, müssten sich die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für Bildung versechsfachen. Wichtig ist aber zu betonen, dass die Partnerländer selbst stärkere Anstrengungen unternehmen. Denn auch sie haben die Pflicht, das Recht auf Bildung zu verwirklichen.

Verschärfte Bedingungen durch die Pandemie

Durch die globale Pandemie verschärft sich die schon vorher bestehende Bildungskrise dramatisch. Durch den Ausbruch von COVID-19 erleben wir nicht nur eine Gesundheitskrise und eine global um sich greifende Rezession, sondern eben auch eine Verschärfung der Bildungskrise. Als Reaktion auf die schnelle Ausbreitung des COVID-19 wurden in den meisten Ländern Schulen und andere Bildungseinrichtungen geschlossen. Im April 2020 – dem bisherigen Höhepunkt der Schulschließungen – gingen vorübergehend laut Angaben der UNESCO 1,5 Milliarden Kinder (90 Prozent aller Kinder weltweit) nicht zur Schule. Das hat dramatische Konsequenzen und die sozialen Kosten sind hoch.

Schon vor der Corona-Krise war Bildung ein Stiefkind in der Entwicklungszusammenarbeit (© Kindernothilfe)
Schon vor der Corona-Krise war Bildung ein Stiefkind in der Entwicklungszusammenarbeit (© Kindernothilfe)

Vergangene Schulschließungen im Rahmen anderer Pandemien, wie dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone und Liberia (von 2014 bis 2016), haben das deutlich gezeigt. Insbesondere die Gefahr der häuslichen und sexuellen Gewalt vor allem für Mädchen steigt. Frühschwangerschaften, die zum Schulabbruch führen, nehmen zu. Schulschließungen stellen auch eine erhebliche psychische Belastung für Kinder dar. Sie vermissen es, ihre Freunde zu sehen, und der Alltag ist geprägt durch Unsicherheit und Langeweile. So äußert sich ein Junge in einem unserer Projekte in Kenia: „Ich bin gezwungen, mich zu beschäftigen, indem ich Aufgaben erledige, die zur langweiligen Routine werden, Bücher lese und Nachrichten schaue, in denen sich alles um COVID-19 dreht.“

Die Gefahr des permanenten Schulabbruchs

Erfahrungen vergangener Krisen haben gezeigt, dass viele Kinder nach eigentlich vorübergehenden Schulschließungen gar nicht mehr zur Schule zurückkehren. Mädchen sind davon besonders betroffen. Gründe dafür gibt es viele: ökonomischer Druck auf die Familien, der auch dazu führt, dass Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen oder aber Frühverheiratung und Schwangerschaft. Die UNESCO befürchtet, dass bis zu 20 Millionen Kinder und Jugendliche als Folge der aktuellen Pandemie nicht mehr zur Schule zurückkehren könnten.

Viele Kinder sind vom Lernen ausgeschlossen

Auch wenn sich Bildungseinrichtungen bemühen, Lernen weiterhin aufrecht zu erhalten, sind doch viele Kinder und Jugendlichen von den Möglichkeiten des Fernunterrichts ausgeschlossen. Hier werden die ungleichen Zugänge zu Bildung sowie der damit einhergehende Digital Divide deutlich. Weltweit haben laut Angaben der UNESCO die Hälfte aller Lernenden keinen Zugang zu einem Computer zu Hause. Und 43 Prozent keinen Internetzugang im Haus. In den Ländern Subsahara-Afrikas sind die Zahlen mit fast 90 Prozent bzw. 82 Prozent noch viel dramatischer. Eine Alternative zu digitalen Lernangeboten stellt die Unterrichtsübermittlung per Fernsehen oder Radio dar. Aber auch hierbei werden viele Kinder ausgeschlossen, da nicht alle über einen Stromanschluss verfügen oder diese Geräte nicht besitzen. Auf Kinder mit Beeinträchtigungen sind die Lernmethoden zumeist auch nicht ausgerichtet und schließen diese somit auch aus. Die Inklusivität der Angebote reicht oft nicht aus.

Kinder haben ein Recht auf Bildung - auch nach der Pandemie (© James Rodriguez)
Kinder haben ein Recht auf Bildung – auch nach der Pandemie (© James Rodriguez)

Die Wiedereröffnung von Schulen

Nach Katastrophen läuft der Wiederaufbau unter dem Motto „build back better“, also sinngemäß, es nach der Krise besser wieder aufzubauen. So auch im Falle der Wiedereröffnung von Schulen. Die bestehenden Mängel der Bildungseinrichtungen werden allerdings nun mehr als deutlich. Bei der Wiedereröffnung von Schulen sollten gewisse Standards und Hygienevorgaben eingehalten werden. Die Kapazitäten dafür sind aufgrund der desolaten Lage der Bildungssysteme in vielen Ländern gering. Lediglich an der Hälfte der Schulen weltweit gibt es die Möglichkeit, seine Hände mit Seife zu waschen – fast 900 Millionen Kinder auf der ganzen Welt können das an ihrer Schule nicht. Die Klassen sind mit bis zu 60 Schülern und Schülerinnen oftmals überfüllt: Distanz halten ist hier unmöglich. Aber politische Koordinations- und Entscheidungsstrukturen können durch die Krise nachhaltig verbessert werden, indem sich relevante Akteure besser vernetzen und stärker untereinander abstimmen.

Investitionen in Bildung sind notwendig

Eine der ersten und wichtigsten Herausforderungen besteht zunächst überhaupt darin, dass Bildung in den Reaktionen auf die Pandemie die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Das passiert aber oftmals nicht. In unseren Partnerländern stellen Kinder und Jugendliche ca. die Hälfte der Bevölkerung da, und der Zugang zu Bildung sichert eine bessere Zukunft. Bildung muss somit zwingend im Fokus der Corona-Maßnahmen stehen.

In der aktuellen Not unterstützt die Kindernothilfe gemeinsam mit ihren Partnern vor Ort Kinder und ihre Familien dort, wo es am notwendigsten ist. Häufig ist es die schiere Überlebenssicherung, indem wir zum Beispiel Lebensmittel bereitstellen. Unsere Partnerorganisationen unterstützen Kinder und Jugendliche auch im Lernen. Zum Beispiel durch Radiounterricht, das Drucken von Lernmaterialien oder die Sicherstellung des Zugangs zur Bildung.

Gleichberechtigte, inklusive und frei zugängliche Bildung für alle bis 2030 lautet das sogenannte Nachhaltigkeitsziel 4, auch Sustainable Development Goal 4 (SDG4). Aber wie steht es um die Zielerreichung? Kann die selbst gewählte Frist eingehalten werden? Und wie wird die Bildungssituation durch[...]

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In Brasilien ist die arme Bevölkerung besonders gefährdet

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Brasilien bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die Krise verschärft sich in dem größten Land Lateinamerikas immer mehr und trifft besonders die arme Bevölkerung am härtesten. Christiane Rezende, Regionalkoordinatorin der Kindernothilfe in Brasilien, beantwortet im Interview Fragen zur aktuellen Situation.

Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. (Foto: Kindernothilfe)
Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. (Foto: Kindernothilfe)

Wie geht die brasilianische Bevölkerung mit der Situation um?

Christiane Rezende: Viele Menschen befolgen die Regeln. Sie halten Abstand, waschen sich regelmäßig die Hände und tragen Masken. Andererseits gibt es auch Menschen, die die Anweisungen ignorieren, weil sie denken, es betrifft sie nicht. Viele können sich aber auch schlicht nicht an die Hygiene-Regeln halten, da sie zum Beispiel keinen Wasseranschluss zu Hause haben. Insbesondere arme Menschen sind von Corona-Infektionen betroffen. Das liegt an der mangelnden Infrastruktur in den Gemeinden, den prekären Wohnverhältnissen und der Abhängigkeit von dem schlechten Gesundheitssystem. Viele vermeiden es, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, aus Angst, sich anzustecken. Hilfspakete der Regierung kommen kaum oder nur schleppend bei der ärmeren Bevölkerung an. Die einkommensstärkere Bevölkerung ist oftmals insoweit privilegiert, als dass sie zurzeit nicht zwingend aus dem Haus muss, um Geld zu verdienen.

Wie leben die Kinder mit der Pandemie?

Christiane Rezende: Die Folgen der Pandemie machen uns Sorgen – vor allem für Kinder und Jugendliche. Sie leiden unter emotionalem und psychischem Stress, der durch ihren veränderten Alltag, ihre teils verzweifelten Eltern und auch durch häusliche Gewalt entsteht. Die Partner der Kindernothilfe klären Familien über die Betreuung ihrer Kinder und über ein gewaltfreies Leben im Haushalt auf. Teilweise machen unsere Partner Hausbesuche, um nach den Kindern von Familien zu schauen, bei denen bereits häusliche Gewalt aufgetreten ist.

Mit welchen neuen Herausforderungen sind Sie in den Projekten seit der Corona-Pandemie konfrontiert?

Christiane Rezende: Zurzeit arbeiten die Kindernothilfe und ihre Partner in all unseren Projekten viel seltener direkt mit den Kindern. In den Fällen, in denen vor Ort gearbeitet wird, wurden die Teams verkleinert. Der größte Teil der Arbeit konzentriert sich darauf, Menschen über Corona-Präventivmaßnahmen zu informieren. Familien, die fast keine oder nur wenige Grundnahrungsmittel haben, da sie momentan nicht arbeiten können, versorgen wir mit Hygieneprodukten und Nahrungsmitteln.

Familien, die sich nicht selbst versorgen können, bekommen Hygieneprodukte und Nahrungsmittel. (Foto: Kindernothilfe)
Familien, die sich nicht selbst versorgen können, bekommen Hygieneprodukte und Nahrungsmittel. (Foto: Kindernothilfe)

Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die Beratung sowie die emotionale und psychologische Unterstützung von Familien. Diese Soforthilfemaßnahmen brauchen aber Zeit. Die Bürokratie und die prekäre Infrastruktur machen es schwierig, die vielen Familien zu erreichen. Unsere Teams beachten natürlich alle Schutzmaßnahmen, um eine Ansteckung zu vermeiden. Aufgrund der Abstandsregeln werden die Mitarbeitenden der Projekte immer wieder neu kreativ und versuchen zum Beispiel mithilfe virtueller Kommunikation wie WhatsApp und Facebook den Kontakt zu den Familien aufrecht zu erhalten. So können sie Kindern zum Beispiel spielerisch erklären, wie sie sich vor Covid-19 schützen können.

Obwohl die Zahl der Corona-Infektionen in Brasilien dramatisch zunimmt, gibt es keinen einheitlichen Weg in der Politik, um das Virus einzudämmen. Inwieweit beeinflussen politische Meinungsverschiedenheiten die Arbeit der Projekte?

Christiane Rezende: Der Präsident Jair Bolsonaro verharmloste die Pandemie zwischenzeitlich als „kleine Grippe“. Er setzt auch weiterhin seinen vollen Fokus auf die Wirtschaft und hatte keine Maßnahmen zur Eindämmung treffen wollen. Die Gouverneur*innen der Bundesstaaten und Gemeinden hingegen nehmen Covid-19 ernst, verhängen eigene Maßnahmen und sprechen sich teils offen gegen die Politik von Präsident Bolsonaro aus. Die verschiedenen Meinungen der Politiker*innen führen bei Teilen der Bevölkerung zu Angst und Unsicherheit. Die Menschen wissen nicht, was nun wirklich stimmt und welche Politiker*innen mit ihren (restriktiven) Maßnahmen Recht haben. Kommunikation und Austausch zwischen ihnen gibt es nicht. Das sorgt für wenige oder falsche Informationen und für Wut und Hass unter den Menschen, die anders denken und handeln. Eine traurige Realität, die wir erleben. Daher ist es wichtiger denn je, andere Menschen zu respektieren und tolerant zu sein. Dazu tragen auch unsere Partner bei. In ihren Projekten geben sie Familien, Kindern und Jugendlichen konkrete Informationen. Dies sorgt für mehr Sicherheit und stärkt den Dialog untereinander.

Was sind die langfristigen sozialen Folgen der Pandemie für die Menschen in Brasilien, insbesondere für Kinder und Familien?

Christiane Rezende: Die soziale Ungleichheit in Brasilien vergrößert sich immer mehr und die unterschiedlichen politischen Maßnahmen tragen maßgeblich dazu bei. Hinzu kommt, dass diese Maßnahmen nicht langfristig geplant sind. Es gibt kaum Programme wie Kurzarbeit oder Soforthilfe und viele Menschen, die bereits ihren Arbeitsplatz verloren haben, werden sehr wahrscheinlich auch in einigen Monaten keine neue Anstellung finden.

Was brauchen die Menschen am dringendsten und wie kann die internationale Staatengemeinschaft sie unterstützen?

Christiane Rezende: Es ist sehr wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft die Finanzierung von sozialen und humanitären Projekten aufrechterhält. Zu Beginn der Pandemie sollte es von der Regierung einen finanziellen Zuschuss von 200,00 R$ pro Monat (ungefähr 34 Euro) pro Familie geben. Es war ein Kampf im Nationalkongress, diese Hilfe auf 600,00 R$ pro Monat (circa 102 Euro) zu erhöhen. Diese Hilfe wird es aber nicht länger als drei Monate geben. Das wird für die meisten Familien und ihre Kinder nicht reichen. Daher ist die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft für Brasilien umso wichtiger.

Welche Perspektiven für die Projektarbeit wurden bisher aus den Erfahrungen mit der Pandemie gewonnen und wie können diese umgesetzt werden?

Christiane Rezende: Kreativität und Kommunikation waren und bleiben auch in Zukunft sehr wichtig. Wir haben neue Arbeitsformen entwickelt. Zum Beispiel arbeiten wir nun mit Medien und sozialen Netzwerken, um mit den gefährdetsten Familien in Kontakt zu bleiben. Wir arbeiten weiter daran, dass immer mehr Familien Zugang dazu haben und so Betreuung und Schutz für Kinder geschaffen werden können. Außerdem hat sich gezeigt, dass Projekte zur Weiterbildung und politischen Einflussnahme notwendig sind.
Der Mangel an politischer Beteiligung der armen Bevölkerungsschichten in Brasilien trägt dazu bei, dass sich einige zum Beispiel politischen Ideologien rechtsextremer Gruppen anschließen oder Fake News verbreiten. Das führt dazu, dass die mit viel Einsatz durchgesetzten Menschenrechte, wie das Recht auf eine stabile öffentliche Gesundheitsversorgung, ignoriert werden. Viele Brasilianer*innen sterben ohne behandelt zu werden, weil das Gesundheitssystem Jahr für Jahr schlechter wird.

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Brasilien bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die Krise verschärft sich in dem größten Land Lateinamerikas immer mehr und trifft besonders die arme Bevölkerung am härtesten. Christiane Rezende, Regionalkoordinatorin der Kindernothilfe in Bra[...]

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