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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

22. Juli 2019

Chile und die Rechte der Kinder: Eine offene Wunde

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche - mit Kindern und Jugendlichen als Opfer. David Ordenes, 69, Direktor der Nichtregierungsorganisation La Caleta, Sozialpädagoge, Lehrer und einer der renommiertesten chilenischen Kinderrechtsspezialisten, besuchte im Sommer verschiedene Partnerorganisationen in Europa. Anderthalb Tage lang machte er auch bei der Kindernothilfe Station. Im Gespräch ringt er um einen differenzierten Blick auf das Chile unter der Hochganzpolitur.

KNH: Was ist denn da so gründlich schiefgegangen, dass es in Chile – anders als in den meisten lateinamerikanischen Nachbarländern - auch 29 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur - noch immer kein umfassendes Kinder- und Jugendrechte-Schutz-Gesetz gibt?

David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)
David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)

David Ordenes: Das werden wir auch immer wieder von unseren Kollegen aus der Region gefragt. Dieses Thema ist eine offene Wunde für alle, die seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ohne Erfolg für dieses Gesetz kämpfen. Denn ein solches legales Rahmenwerk würde die Politik in Chile grundlegend verändern. Es ginge nicht mehr darum, dass staatliche Institutionen nach Gutdünken mal hier, mal da - für die eine oder andere Spezialgruppe - etwas an Wohlwollen und ein bisschen finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Würde es in unserem Land eine einklagbare Rechtsgrundlage für die in der UN-Kinderrechtskonvention garantierten Rechte von Mädchen und Jungen geben, wäre die Konsequenz zwangsläufig eine völlig andere Bildungs- und Gesundheitspolitik und damit das Ende des ungezügelten Geschäftemachens mit Bildung und Gesundheit. Doch genau dazu sind viele Parlamentarier und andere, die politisch Verantwortung tragen, nicht bereit. Zahlreiche Abgeordnete sind als Personen - oder über ihre Familien - geschäftlich in Privatschulen, Privat-Unis oder im kommerziellen Gesundheitsbereich engagiert. Sie haben deshalb nicht das geringste Interesse, die Rahmenbedingungen für diese höchst lukrativen Geschäftsfelder zu verändern.

KNH: Was können denn Nichtregierungsorganisationen, die verschiedenen Akteure aus der Zivilgesellschaft, die von dieser schmerzhaften Lücke bei den rechtlichen Rahmenbedingungen Betroffenen tun? Gibt es in dieser ungleichen Auseinandersetzung überhaupt irgendeine Chance?

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)
Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordes:  Ja, die gibt es! Wir sehen in diesen Wochen wieder, auf welche breite gesellschaftliche Unterstützung etwa die Lehrerinnen und Lehrer aus den chronisch unterfinanzierten und vernachlässigten öffentlichen Schulen, die für eine gerechtere Bezahlung streiken, stoßen – oder wie sehr die diversen Proteste der Schülerinnen und Schüler – und der Studierenden, die es in Chile in den vergangenen Jahren gegeben hat – den Nerv dieser Gesellschaft treffen, sich Menschen aller Generationen mit dem Recht auf Bildung identifizieren. Chile ist kein armes Land. Die Ressourcen, um allen Kindern und Jugendlichen eine Bildung mit Qualität zu ermöglichen, die diesen Namen auch verdient, gäbe es. Nur fehlt es komplett am politischen Willen, um endlich am Grundübel, der unerträglichen sozialen Ungerechtigkeit, etwas verändern zu wollen. Wir haben 2012 ein Netzwerk von Organisationen aus dem Kinder- und Jugendrechtsbereich gegründet, das wir Movimiento Movilizándonos nennen (frei übersetzt: „Bewegung, derer, die wir uns mobilisieren“). Bei allen unseren Aktionen in der Öffentlichkeit erleben wir sehr viel positive Resonanz. Ganz viele Menschen in diesem Land wollen wirklich etwas verändern!

KNH: Hier in Europa sind es zuletzt vor allem die Fridays for Future-Proteste mit Millionen von Schülerinnen und Schülern gewesen, die die Klimakrise als reale Bedrohung der menschlichen Zivilisation verstehen und von der Politik wirksame Maßnahmen einfordern, um die Zie­le des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens ein­zu­hal­ten und die glo­ba­le Er­wär­mung auf un­ter 1,5° Cel­si­us zu be­gren­zen. Spielt dieses Thema für Jugendliche in Chile ebenfalls eine Rolle?

David Ordenes: Eine Fridays for Future-Bewegung gibt es in Chile noch nicht, aber in den zurückliegenden Jahren waren es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die für die ökologischen Kinderrechte auf die Straße gegangen sind. Chile ist eines der Länder auf dieser Welt, in dem der Klimawandel in seinen brutalen Konsequenzen für alle erkennbar und spürbar wird. Die Zerstörung der Umwelt durch die ungebremste Verschwendung kostbarer Wasserressourcen für gigantische Bergbauprojekte, eine industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und extensivem Pestizid- und Herbizid-Einsatz, gewaltige Müllprobleme und Uralt-Kohlekraftwerke, die für Anwohner das Leben zur Hölle machen: Darunter leiden die Menschen schon jetzt, nicht erst in der nächsten Generation!

KNH: Ausgerechnet die chilenische Regierung richtet vom 2. bis 13. Dezember in Santiago die 25. UN-Klimakonferenz (COP25) aus, nachdem Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro kurzerhand die Weltgemeinschaft für dieses Kyoto- und Kattowitz-Nachfolgetreffen wieder ausgeladen hat. Was planen die chilenischen Kinderrechts-Organisationen rund um diese Konferenz?

David Ordenes: Es wird ein Zelt der Nichtregierungsorganisationen in unmittelbarer Nähe des Tagungszentrums in Cerrillos, im Süden von Santiago, geben. Die Kinder und Jugendlichen aus den verschiedenen Organisationen unseres Netzwerks werden mit ganz unterschiedlichen Aktionen auf ihr Engagement und ihre Forderungen aufmerksam machen, etwa auf ihre Initiativen zum Müllrecycling und zur Vermeidung von Plastikabfällen. Aber es wird auch um Themen gehen, bei denen Chile und Europa gleichermaßen involviert sind: So entstehen derzeit in der Atacama-Wüste im Norden Chiles gigantische Anlagen zum Lithium-Abbau, weil dieses Alkalimetall unverzichtbar für den Ausbau der Elektromobilität - mobilen und stationären Stromspeichern - in den industrialisierten Ländern ist. Dafür werden unwiederbringlich die kostbaren Süßwasserreserven einer ganzen Region und damit die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen zerstört. Es sind transnationale Konzerne, die kaum Steuern zahlen, die hier aber mit Billigung und Unterstützung durch die chilenische Regierung eine weitere ökologische Katastrophe anrichten. Wir wollen mit den Kindern und Jugendlichen während der COP25 auf diese Situation aufmerksam machen und deutlich werden lassen, welche Kosten etwa der Boom der Elektromobilität im Norden für die Menschen in den betroffenen Regionen im Süden hat.

KNH: Ein anderes Thema, das in den zurückliegenden Monaten in Chile für Aufmerksamkeit sorgte, war der Mord an dem jungen Mapuche Camilo Catrillanca, der am 14. November 2018 von Mitgliedern einer Spezialeinheit der Polizei durch einen Kopfschuss getötet wurden. Camilo hatte vor einigen Jahren an einem auch von Kindernothilfe unterstützten Projekt zur Eindämmung von Gewalt gegen Mapuche-Kinder mitgewirkt. Hat dieser Mord vom 14. November etwas in der Öffentlichkeit und bei den politisch Verantwortlichen verändert?

Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)
Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordenes: Nicht wirklich. Noch immer schikaniert die Polizei Mapuche-Kinder aus indigenen Gemeinden in der Region um Temuco und Ercilla auf dem Weg zur Schule. Die Repression gerade gegen Jugendliche, die sich an in der Öffentlichkeit gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Mapuche wehren, geht unvermindert weiter. Um den Mord an Camilo Catrillanca zu kaschieren und Spuren zu verwischen, wurde ein 15jähriger Junge, Maikol, den die Polizisten ebenfalls mit ihren Schüssen schwer verletzt hatten, verhaftet und der Familie tagelang der Zugang zu ihm verweigert. Es gibt in Chile, wenn es um Übergriffe und exzessive Gewalt durch die Polizei geht, definitiv keinen funktionierenden Rechtsstaat. Unsere Gesellschaft leidet noch immer unter den Spätfolgen der Pinochet-Diktatur: Die oktroyierte Verfassung von 1980 mit ihrem autoritären Gesellschaftsbild, kombiniert mit Marktradikalismus und dem Prinzip der bewussten Zerschlagung jeglicher sozialstaatlicher Verantwortung prägen dieses Land und das Zusammenleben in Chile bis heute. Dem Militärregime ist es gelungen, das Leben der Menschen zu merkantilisieren. Wir haben als Kinderrechts-Netzwerk den chilenischen Staat wegen der Brutalität der bewaffneten Polizeieinsätze gegen Jugendlichen – nicht nur Mapuche, sondern etwa auch die für ihre Rechte demonstrierenden Schülerinnen und Schüler - und der dabei unter dem Vorwand, doch nur „Verbrechensprävention“ zu betreiben, begangenen Menschenrechtsverletzungen immer wieder angezeigt. Chile verstößt systematisch und fortdauernd gegen den Artikel III der UN-Kinderrechtskonvention, in dem es um das in allen Belangen „vorrangige Berücksichtigen des Kindeswohl“ durch Institutionen und Behörden geht. Kindernothilfe hat uns bei diesen Vorstößen und Inzidenz-Anstrengungen immer wieder auch finanziell unterstützt. Aber wir brauchen einfach noch deutlich mehr internationale öffentliche Aufmerksamkeit für das, was in diesem Land vor sich geht.

KNH: Bei einem Thema fehlte es in den zurückliegenden Jahren allerdings nicht an Aufmerksamkeit für das, was sich da Chile abspielte: Dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche oder Laien im kirchlichen Dienst mit inzwischen mindestens 178 namentlich bekannten Opfern. Warum hat es so lange gedauert, bis sich die chilenische Justiz jetzt endlich ernsthaft mit diesen Verbrechen beschäftigt?

David Ordenes: Nicht nur die Justiz hat hier versagt. In den Machtstrukturen der Kirche wurde jahrelang alles getan, um die Opfer nicht zu Wort kommen zu lassen oder ihre entsetzlichen Leidenserfahrungen schlicht zu negieren, die Täter zu schonen und die Missbrauchsfälle zu relativieren. Auch dort, wo es in anderen Institutionen, wie dem staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME (Servicio Nacional de Menores) und seinen Heimen im ganzen Land zu brutaler Gewalt, sexuellem Missbrauch und - verteilt über vier Jahrzehnte – auf inzwischen wohl über 1400 Todesfälle mit Kindern und Jugendlichen gekommen ist, gab es jahrelang entweder gar kein oder kaum gesellschaftliches Interesse, um den Berichten von Insidern und Betroffenen Glauben zu schenken. In einem Land, in dem Regierenden und politisch Verantwortlichen über Jahrzehnte hinweg den Kinderrechten und dem Kindesschutz so wenig Priorität einräumen – und stattdessen aktiv verhindern, diese Rechte auch zu garantieren, sind diese entsetzlichen Dinge, die hier Kindern von Erwachsenen angetan wurden und werden, immer auch ein Systemproblem.

KNH: Neben den Mapuche-Kindern und –Jugendlichen, welche anderen Gruppen bereiten Kinderrechts-Organisationen in Chile die meisten Sorgen?

David Ordenes: Eindeutig die Situation der Mädchen und Jungen aus Haiti: Die chilenische Statistikbehörde INE geht davon aus, dass in den zurückliegenden Jahren etwa 180.000 Menschen aus Haiti auf der Flucht vor extremer Armut und Gewalt – zum Teil auch durch organisierten kriminellen Menschenschmuggel - nach Chile kamen. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Die Situation dieser Menschen – und vor allem der Kinder – ist zu einem großen Teil schlicht katastrophal. Die allermeisten der Immigranten aus Haiti leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden als Billigst-Arbeitskräfte ausgebeutet – und sind Opfer eines unverhohlenen Rassismus und einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit. In vielen Projekten, die zu unserem Netzwerk gehören, machen die Mädchen und Jungen aus Haiti inzwischen rund ein Drittel der beteiligten Kinder aus. Die chilenische Regierung unternimmt so gut wie nichts, um die Rechte dieser Menschen zu schützen. Es sind wieder einmal die Nichtregierungsorganisationen, aber auch Kirchengemeinden und die Nachbarn in den Armenvierteln, die sich engagieren, die solidarisch sind. Auch dieses Thema bedarf dringend mehr internationaler Aufmerksamkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen und Institutionen in Europa wieder deutlich intensiver nach Lateinamerika blicken – und etwas weniger auf sich selbst. Das ist für unsere Arbeit unverzichtbar!

 

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David Ordenes ist Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (frei übersetzt: „Die Schützende Bucht“), mit der Kindernothilfe fast zwei Jahrzehnte engagierte Kooperation verbinden. Er wirkte als Vertreter der Zivilgesellschaft und des Netzwerkes der chilenischen Kinder- und Jugendrechtsorganisationen (Red ONGs Infancia y Juventud – Chile), einem ebenfalls von Kindernothilfe unterstützten Bündnis, während der gesamten zweiten Amtszeit von Präsidentin Michelle Bachelet (2014 - 2018) im von der Regierung einberufenen Nationalen Kinderrechtsrat (Consejo de la Infancia) mit.  

Die Fragen stellte Jürgen Schübelin, Referatsleiter der Kindernothilfe für Lateinamerika und die Karibik