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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

11. April 2018

Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte

Wenn Kindern die Identifikation mit ihrem Umfeld genommen wird, haben sie es schwer, Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia liegen die beiden Kommunen Retirolândia und Santaluz, die zu den ärmsten der Region zählen. Anhaltende Dürreperioden und fehlende Einkommensmöglichkeiten (85% verfügen über kein bzw. kaum Einkommen) gestalten das Leben der ortsansässigen Landbevölkerung zermürbend und aussichtslos. Erschwerend kommt hinzu, dass dringend notwendige Investitionen von staatlicher Seite nicht oder nur unzureichend getätigt werden. Dies gilt insbesondere für die institutionellen Angebote im Bildungssektor, die nicht ausreichend an die Bedürfnisse und Lebensrealität der Landbevölkerung angepasst sind.

„Gemeinsam für Rechte“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Um speziell der jungen Generation neue Zukunftsperspektiven zu ermöglichen, wurde das Projekt „Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte“ unseres Partners MOC (Movimento de Organização Comunitária) ins Leben gerufen, das sich eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände durch ländliche Gemeinwesenentwicklung, Grundbildung sowie Lobby- und Advocacyinitiativen zum Ziel gesetzt hat. Dafür werden nicht nur die benachteiligten, gefährdeten Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 18 Jahren und ihre klein bäuerlichen Familien in die Arbeit vor Ort mit einbezogen, sondern auch Schulen und lokalpolitische Entscheidungsträger. In zahlreichen Kursen, Aktivitäten und Workshops setzen sie sich insbesondere mit den Themen Kinderrechte und Gemeindeentwicklung auseinander.

Kinder machen Radio und treten lautstark für ihre Rechte ein

Einweihung der neuen Radiostation in Miranda (Foto: Kindernothilfepartner)

In selbst gestalteten Radiobeiträgen, die über Lautsprecher auf der Straße ausgestrahlt werden, machen die Kinder auf kreative Art und Weise auf Missstände aufmerksam und fordern lautstark Verbesserungen ein. Wöchentlich stellen sie eigenverantwortlich Radioprogramme über ihre Realität vor Ort, ihre Rechte und Pflichten sowie Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen zusammen. Denn diese zu verstehen, einzufordern und wahrzunehmen, hilft ihnen dabei, ihr Leben zu ändern und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Die Sendungen sind sehr beliebt und haben eine enorme Resonanz im Projektgebiet: Hunderte von Jungen und Mädchen gehören zu ihrer Hörerschaft. Sie werden informiert und für Aktionen – z.B. zur Gewaltprävention – mobilisiert. Um dieses Engagement der Kinder und Jugendlichen weiter zu fördern wurden 2017 zwei neue Radiostationen eingerichtet. Die Gemeinde Miranda hat dafür sogar extra einen zusätzlichen Raum in einer Schule gebaut.

Auf die Frage, was die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde von diesem Projekt erwarten und welche Vorteile das Radio hat, klingen die Antworten voll Eifer und der Bereitschaft, neue Entdeckungen zu machen. „Es wird sehr gut sein!“ „Ich denke, wir werden es sehr mögen.“ „Es lässt uns mehr Beschäftigung haben.“ „Und du kannst viele verschiedene Dinge lernen.“

Kinder äußern ihre Meinung und werden aktiv

In gemeindeübergreifenden Workshops setzen sich Familien mit der Alltagsrealität in ihren Gemeinden auseinander und identifizieren Prozesse und Aktivitäten, die ihnen notwendig erscheinen, um die Rechte von Kindern zu garantieren. Anschließend werden sie den jungen Heranwachsenden vorgestellt, die nun ihrerseits aufgefordert sind, ihre Meinung dazu zu äußern und sich aktiv zu beteiligen.

Für den Projekterfolg ist es essentiell, dass die Mädchen und Buben zu jedem Zeitpunkt aktiv in die Durchführung, aber auch in die Auswertung der Projektaktivitäten eingebunden sind. Ihre Erfahrungen mit dem Projekt und dessen Einfluss auf ihre Gemeinde haben sie zunächst in Zeichnungen und Bildern festgehalten. Anschließend haben sie ihre Sicht auf das Projekt und die Projektarbeit erläutert und zur Diskussion gestellt. In einem weiteren Schritt haben die Mütter die Geschichten ihrer Kinder mit ihren eigenen Eindrücken und Erkenntnissen verbunden und ebenfalls illustriert und präsentiert. Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Manche Mütter fertigten Kissen an und bestickten sie mit Motiven aus ihrem Alltag. In einer Gemeinde wurde sogar eine Patchwork-Decke angefertigt. Diese Aktion war mehr als das Verstricken von Fäden oder Anfertigen einer Handarbeit; sie hat insbesondere zur Stärkung familiärer und zwischenmenschlicher Bindungen beigetragen.

Kinder intervenieren und nehmen Einfluss auf die Entwicklung in ihren Gemeinden

Erkenntnisse aus den Kursen und Workshops mit den Kindern und Jugendlichen werden in den neuen Entwicklungsplänen berücksichtigt. In Versammlungen mit Gemeindeorganisationen wird deutlich gemacht, wie wichtig die Intervention der jungen Menschen ist. Vor Vertretern der Gemeindeverwaltung können sie die wichtigsten Herausforderungen, die sie in ihren Gemeinschaften zur Gemeindeentwicklung und Umsetzung von Kinderrechten identifiziert haben, präsentieren und die aus ihrer Sicht erforderlichen Strategien und Aktionen zur Problembehebung zur Diskussion stellen.

Kommunikation ist nicht nur ein Menschenrecht, wie dieses Projekt in Brasilien deutlich zeigt. Es ist den jungen Menschen ein Werkzeug, mit dem sie einen Zugang zu ihrer eigenen Identität finden können, weil sie sich für ihre Radiosendungen mit ihrem Umfeld auseinandersetzen und beginnen, sich damit zu identifizieren. Und letztlich können sie ihre ganz eigenen Zukunftsperspektiven entwickeln und eigenverantwortlich in eine besser Zukunft starten.

 

Mehr Infos zu unserem Projekt „Lernen fürs Leben“ in Bahias Kommunen Retirolândia und Santaluz auf unserer Webseite: www.kindernothilfe.at/lernenfuersleben