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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

29. Mai 2020

Corona in Chile – Die Pandemie läuft aus dem Ruder

Während sich in fast ganz Europa –
inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen
langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach
gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den
gravierenden sozialen und ökomischen Folgen der Pandemie auseinandersetzen, steht
den Menschen in Lateinamerika der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem
gefährlichen Virus erst noch bevor. Scheinbar unaufhaltsam entwickelt sich der
Subkontinent zum weltweit gefährlichsten Corona-Krisenherd. Das Epizentrum ist
dabei ganz eindeutig Brasilien mit (Stand 28.05.2020) bereits 414.661 positiv
auf Covid-19 Getestete, 25.697 Menschen sind an den Folgen einer
Corona-Erkrankung gestorben. Das am zweitheftigsten betroffene Land auf dem
Subkontinent ist Peru (135.905 Infizierte, 3.983 Tote), gefolgt von Chile
(82.289 Infizierte, 841 Verstorbene), Mexiko (78.023 bestätigte Infizierte,
8.597 Todesfälle), und schließlich Ecuador (38.103 Infizierte, 3.275 Tote). Am
Beispiel des Kindernothilfe-Partnerlands Chile wird deutlich, welche
verheerenden, existenzbedrohenden Auswirkungen die Pandemie für die Menschen in
den Armenvierteln, für die Demokratiebewegung im Land und das Ringen der
Zivilgesellschaft um einen neuen Verfassungsrahmen -  sowie für die Kinderrechte hat.

Corona Grafik aus Santiago de Chile
Corona Grafik aus Santiago de Chile

Darüber sprachen wir mit José Horacio Wood,
dem Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Koordinationsstruktur Fundación ANIDE. Die Fragen stellte
Jürgen Schübelin.

Kindernothilfe: Die verzweifelten Hunger-Proteste der Menschen aus Armenvierteln im Süden von Santiago haben es in der zurückliegenden Woche sogar in die Abendnachrichten in Europa geschafft. Wie konnte es zu einer solchen Zuspitzung der Krise kommen?

José
Horacio Wood:
Die Corona-Pandemie hat wie ein
Brandbeschleuniger all die Strukturprobleme, mit denen die chilenische Gesellschaft
seit dem Ende des Pinochet-Regimes
kämpft und die in der Endphase des vergangenen Jahres nie dagewesene
Massenproteste auslösten, noch einmal massiv verstärkt. Die Virus-Infektion traf
uns in einem wirklich kritischen Moment, in einer Situation des kompletten
Vertrauensverlustes gegenüber der Regierung und ihren Institutionen. Und gerade
zu Beginn dieser Krise gab es dann auch noch zahlreiche, fatale
Fehlentscheidungen: Da wurden die großen Einkaufszentren mit täglich Zehntausenden
Besuchern viel zu lange offen gehalten, nur, um ja keine Umsatzeinbußen zu
riskieren. Auf der anderen Seite wurden die Menschen gezwungen, dicht an dicht
gedrängt, endlose Schlangen vor Supermärkten und Banken zu bilden. Anders als
in Europa gab es keine massiven Kampagnen, um auf das Ansteckungsrisiko mit dem
Virus und auf die Möglichkeiten, sich zu schützen, hinzuweisen.

Und als es dann Quarantäne-Verfügungen
erlassen wurden, wirkten sie eher willkürlich, politisch motiviert, um die Menschen
in den Stadtteilen, in denen es Ende 2019 die heftigsten Proteste gegen die
Piñera-Regierung gegeben hatte, zu disziplinieren. Der Präsident und die
zuständigen Minister verwickelten sich unablässig in Widersprüche. Eine klare
Strategie, wie mit dieser Katastrophe umzugehen ist, war nicht zu erkennen.
Deutlich wurde nur Eines: Es ging und geht den Regierenden ausschließlich
darum, die Interessen der Unternehmen im Land zu sichern. Und in den
zurückliegenden beiden Wochen sind die Infektionszahlen dann geradezu
explodiert, zuletzt mit bis zu 5000 neuen Fällen jeden Tag – und zwar vor allem
in den armen Kommunen an der Peripherie von Santiago.

Jetzt steht der Winter mit den üblichen
Erkältungs- und Grippewellen vor der Tür. Das wird in diesem Jahr eine ganz
schwere Zeit, die das öffentliche Gesundheitssystem sehr schnell an seine
Grenzen bringt. Viele Expertinnen und Experten fürchten deshalb, dass Chile den
Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht hat.  

Kindernothilfe: Wie geht es den Familien aus dem Umfeld der von ANIDE und Kindernothilfe geförderten Projekte in diesen Wochen?

José
Horacio Wood:
Es ist wie überall auf der Welt:
Diejenigen mit den geringsten Einkommen tragen die schwerste Last! Die Armen
verfügen über keinerlei finanzielle Reserven, um diese Quarantäne-Wochen
durchzustehen. Bereits in der ersten Phase des Jahres - noch vor dem Ausbruch
der ersten Infektionswelle - ist die Arbeitslosigkeit im Land ja bereits
deutlich angestiegen. Die Leute schlitterten vielfach bereits hochverschuldet
in diese Krise. Durch die Schließung der kleinen Geschäfte und Märkte sind dann
zehntausende Jobs von einem Tag auf den anderen weggefallen. Und auch
diejenigen, die eigentlich zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie eine
Festanstellung hatten, sind nicht sehr viel besser dran, weil es in Chile ja
keine Lohnfortzahlung gibt, Und die Mittel aus den
Arbeitslosenversicherungsfonds sind bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die
Folge: Jetzt fehlt es einfach an Allem! Deshalb diese verzweifelten Protestaktionen
in den Armenvierteln! Dazu kommt, dass es in den viel zu kleinen Wohnungen
extrem schwer ist, Quarantäne zu halten, von den Abstands- und Hygieneregeln
ganz zu schweigen … 

Kindernothilfe: Und wie erleben die Kinder in den Armenvierteln den lockdown?      

José
Horacio Wood:
Die Corona-Pandemie hat die extreme
Ungleichheit etwa beim Zugang auf Bildung noch einmal auf eklatante Weise
bloßgelegt: Kinder aus Armenvierteln haben keine Möglichkeit, sich Tablets zu beschaffen, um eventuelle online-Angebote ihrer Schule wahrnehmen zu können. Und auch die
Internet-Verbindungen sind völlig unzureichend, mal ganz davon abgesehen, dass
es in den engen, kleinen Behausungen einfach auch keine Rückzugsmöglichkeiten
gibt, um Schulaufgaben erledigen zu können. Die Monate mit der Virus-Infektion reißen
die Bresche zwischen den Wohlhabenden und Privilegierten in diesem Land – und
denjenigen, denen es an Allem fehlt, noch weiter auf.

Die allergrößten Sorgen bereiten uns dabei die
Kinder aus haitianischen Familien und anderen, in den zurückliegenden Monaten
nach Chile Geflüchteten. Hier haben die Erwachsenen bereits vor der Pandemie
mehr schlecht aus recht mit Gelegenheitsjobs versucht, über die Runden zu
kommen. Jetzt ist die Lage dieser Menschen einfach nur noch zum
Verzweifeln.        

Ein weiteres Thema, das uns – zusammen mit
anderen Kinderrechts-Verteidigerinnen und –Verteidigern – allergrößte Sorgen
macht, ist die Entwicklung der Fallzahlen von häuslicher Gewalt und von
Missbrauch von Kindern. Bereits vor Corona hat Chile in Lateinamerika immer
einen beschämenden Spitzenplatz in den Gewalt- und Missbrauchs-Statistiken
eingenommen. Jetzt, während dieser langen Quarantäne-Wochen, funktionieren
Alarm-, Schutz- und Auffangsysteme noch prekärer. Kinder, die misshandelt
werden, haben so gut wie keine Chance, Hilfe zu erhalten. Sie müssten es ja
irgendwie bis zu einer Polizeiwache schaffen – und das ist bei einem kompletten
lockdown völlig ausgeschlossen. Vermutlich
werden wir erst in einigen Monaten einschätzen können, welche Katastrophen sich
da in vielen Familien abgespielt haben.

Kindernothilfe: In einigen internationalen Medien war in den zurückliegenden Wochen immer von  erneuten Skandalen rund um den staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME die Rede. Um was ging es da?

José
Horacio Wood:
Ende April, also bereits mitten in der
Corona-Krise, erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass in Hualpén, ganz in der
Nähe von Talcahuano und Concepción, also einer Region, in der
Kindernothilfe-Partner seit vielen Jahren engagiert sind, die Direktorin eines
SENAME-Heimes – unterstützt von zwei Mitarbeitenden - Kinder in Alter von sechs
und acht Jahren nicht nur selbst sexuell missbraucht, sondern ihre kommerzielle
sexuelle Ausbeutung durch Dritte organisiert hatte – und das über einen relativ
langen Zeitraum hinweg, ohne, dass irgendjemand den betroffenen Kindern zu
Hilfe gekommen wäre. Als Kinderrechtsorganisation gelangen wir in Chile immer
an den gleichen Punkt: Das beschämende Desinteresse der Verantwortlichen und
das Fehlen jeglichen politischen Willens, um in diesem Land endlich eine kohärente
Kindesschutzpolitik zu implementieren und ein entsprechendes Kinderrechtsstatut
zu verabschieden, macht aus derartigen Einzelereignissen immer auch ein
Systemversagen. Und unsere Befürchtung ist, dass unter dem existentiellen Druck
und Stress, den die Corona-Pandemie für die meisten Erwachsenen verursacht, die
Kinder und ihre Rechte weiter in den Schatten gedrängt werden.

Kindernothilfe: Hat das auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie der Protestbewegung in Chile, die seit dem Oktober 2019 Hundertausende mobilisierte, um eine neue Verfassung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzufordern, im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abschnürt?

José
Horacio Wood:
Ganz klar, jede Form von
zivilgesellschaftlichem Engagement hat es in diesen Zeiten extrem schwer! Aber
die Protestbewegung gibt es trotzdem weiterhin: Trotz Corona arbeiten die Asambleas Territoriales, die Bürger- und
Stadtteilorganisationen für Demokratie und den verfassungsgebende Prozess,
weiter – und zwar mit Hilfe des Internets und lokaler Radios. Die Regierung
feiert es als Erfolg, zuletzt größere Proteste und die Präsens vieler Menschen
auf der Straße mit massiver Repression und exzessiver Gewalt unterbunden zu
haben. Und natürlich kam es Präsident Piñera zupass, die Volksabstimmung über
die Einleitung eines verfassungsgebenden Prozesses, die am 26. April hätte
stattfinden sollen, um ein halbes Jahr, auf den 25. Oktober,  verschieben zu können. Die Pandemie dient der
Regierung als perfekter Vorwand für Repression und eine Vielzahl von
Menschenrechtsverletzungen, die unter den Bedingungen von Quarantäne und
Ausgangssperren kaum öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.   

Kindernothilfe: Noch einmal zurück zu den Projekten, den Kindern und Jugendlichen: Was können die Kindernothilfe-Partner in Chile, was kann ANIDE in dieser Situation tun, um den Kindern und ihren Familien beizustehen?       

José
Horacio Wood:
Die Teams der
Kindernothilfe-Partnerprojekte in Chile arbeiten seit dem Bekanntwerden der
ersten Infektionsfälle in Chile und den von der Regierung verhängten
Quarantäne-Maßnahmen, die am 15. Mai ja noch einmal verschärft und jetzt auf
das komplette Stadtgebiet von Santiago ausgedehnt wurden, unter extrem
erschwerten Rahmenbedingungen. Ein „normaler“ Projektbetrieb mit der ständigen
physischen Präsenz von Kindern und Jugendlichen ist nirgendwo mehr möglich.
Aber die Kolleginnen und Kollegen entwickeln ein beeindruckendes Engagement,
viel Enthusiasmus und Kreativität, um mit den Kindern und ihren Familien im
Kontakt zu bleiben. Das geschieht derzeit vor allem über das Handy, Anrufe zu
Hause und – soweit möglich – durch die intensive Nutzung elektronischer Medien
– etwa durch Video-Botschaften.

Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die
Lage in den Armenvierteln, bei den Familien der Kinder, spitzt sich jeden Tage
weiter zu.

Trotzdem versuchen wir gegenzuhalten: Vor
einigen Tagen haben wir mit allen Mitarbeitenden aus den Projekten und der
Kinderrechtsexpertin Monica Contreras eine große Videokonferenz organisiert,
der wir den Titel gegeben haben: „Wie können wir Kinderrechts-Garanten in
Zeiten der Pandemie sein?“. Dabei haben wir gelernt, dass es gerade jetzt ganz dringend
darauf ankommt, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erleben sie die
Quarantäne, was wünschen sie sich an Beistand und Unterstützung? Worauf müssten
nach ihrer Meinung Kinderrechtsorganisationen gerade jetzt mit aller Vehemenz
hinweisen?

Kindernothilfe: Gibt es denn auch die Möglichkeit, in Not geratene Familien ganz praktisch zu unterstützen? Und wie könnte diese Hilfe aussehen?

José
Horacio Wood:
Bereits seit Wochen, seit den ersten lockdown und Quarantäne-Maßnahmen,
versorgen die Kolleginnen und Kollegen aus den Projektteams Familien in
besonders kritischen Situationen mit Lebensmittelpaketen - aber auch mit Seife,
Waschpulver, Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln. Am Freitag vergangener
Woche organisierten wir eine Telefonkonferenz, in der alle
Kindernothilfe-Partner über die verschiedenen Initiativen und Aktionen vor Ort
berichteten. Dabei kamen Details über die verzweifelte Lage in einigen
Armenvierteln zur Sprache, die ansonsten hier nie an die Öffentlichkeit
gelangen: In ganz vielen Familien gibt es seit Wochen überhaupt nichts Warmes
mehr zu essen, weil den Menschen schlicht das Geld fehlt, um Propangasflaschen
zum Kochen zu kaufen! Deshalb haben einige der Teams begonnen, vor allem Mütter
mit kleinen Kindern zusätzlich durch die Verteilung von Gasflaschen zu
unterstützen.       

Kindernothilfe: Und wie geht das kleine ANIDE-Team in Santiago mit all diesen extremen Herausforderungen durch die Pandemie um?

José
Horacio Wood:
Wir arbeiten an den allermeisten Tagen
von zu Hause aus. Für uns, aber auch die kompletten Projektteams, ist das eine
völlig neue Erfahrung, zum Teil extrem anstrengend, psychisch und physisch belastend,
mit langen Arbeitstagen am Telefon, in Videokonferenzen. Aber wir spüren, wie
wichtig der ständige digitale Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, aber
auch mit Bündnispartnern, wie dem Bloque
por la Infancia
, dem zivilgesellschaftlichen Kinderrechts-Netzwerk in
Chile, ist. Und wir lernen jeden Tag dazu, ermutigen uns gegenseitig, helfen
uns – wie man in Chile sagt – immer wieder, „die Batterien aufzuladen“.   

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José
Horacio Wood
(58) ist Anthropologe. Seit 1995 arbeitet
er bei der Fundación ANIDE, der Kindernothilfe-Partner- und Koordinationsstruktur
in Chile. Im Jahr 2001 wurde Wood vom Vorstand dieser ökumenischen Stiftung zum
ANIDE-Direktor berufen. Chile war 1969 das erste Land in Lateinamerika, in dem
sich Kindernothilfe engagierte.