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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

29. Dezember 2020

Der Einfluss von COVID-19 auf die Kinderehe in Bangladesch

Saeda Bilkis Bani hat kürzlich ländliche Gebiete in Bangladesch besucht, um die Auswirkungen von COVID-19 auf die Kinderehe zu verstehen, eine schädliche Praxis, die eine globale Herausforderung darstellt. Die grundlegende Veränderung, die sie beobachten konnte, war, dass die Frühverheiratung von Mädchen, die normalerweise von Eltern in finanziellen Schwierigkeiten ausgegangen ist, jetzt von den Mädchen selbst angestrebt wird. Dieser besorgniserregende Trend unterstreicht eine neue Belastung der Armen durch die Pandemie.

Eine Eheschließung vor dem 18. Lebensjahr ist eine grundlegende Verletzung der Menschenrechte. (IPS)
Eine Eheschließung vor dem 18. Lebensjahr ist eine grundlegende Verletzung der Menschenrechte. (IPS)

Eine Eheschließung vor dem 18. Lebensjahr ist eine grundlegende Verletzung der Menschenrechte. Dennoch berichtete UNICEF im April, dass die Zahl der in der Kindheit verheirateten Mädchen weltweit 12 Millionen pro Jahr beträgt. Laut dem Bericht über den Stand der Weltbevölkerung 2020 des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen droht COVID-19, diese erschreckende Zahl noch zu verschlimmern. Die Agentur schätzt, dass COVID-19 die Anstrengungen zur Beendigung der Kinderehe vereiteln könnte, was möglicherweise dazu führen wird, dass zwischen 2020 und 2030 weitere 13 Millionen Kinderehen geschlossen werden, die sonst hätten abgewendet werden können. 

Die Herausforderung ist nicht nur die das Corona-Virus selbst, sondern auch die Folgen deswegen - insbesondere die Auswirkungen von Schulschließungen, die seit März auf nationaler Ebene wirksam sind. Der Übergang vom Präsenzunterricht zum Online-Lernen kann leicht machbar erscheinen, stellt jedoch entlegene und ärmliche Gemeinden vor neue Herausforderungen. Was Saeda Bilkis Bani beim Besuch ländlicher Gemeinden miterlebte, waren Mädchen, die von Schulschließungen betroffen und total gelangweilt waren. In der Regel fehlen ihnen Internetzugang, Fernsehen und Smartphones. Analoge Telefone sind das einzige leicht verfügbare Kommunikationsmittel, und zu oft können die Eltern zu Hause keine Schulbildung aufrechterhalten.

Die Mädchen sind zu Hause, weil es ihnen im Gegensatz zu ihren männlichen Altergenossen von ihren Eltern generell verboten ist, das Haus unnötig zu verlassen. Schulschließungen werden dadurch doppelt einschränkend. Allzu oft hatten die Mädchen, die Saeda Bilkis Bani sah, einen glasigen Ausdruck in den Augen. Sie sahen keine Zukunft für sich. Ohne Schule waren ihnen die Möglichkeiten genommen. Der tägliche Effekt war zermalmend. Die einzige Flucht war die Kinderehe. 

Dass sie nun selbst anstelle ihrer Eltern eine Kinderehe anstreben, ist verheerend. Dies könnte die Aussichten und das Potenzial von Mädchen weltweit einschränken.

Verheiratete Frauen und Mädchen sind häufig Missbrauchsopfer durch intime Partner. (Foto: Jakob Studnar/WAZ)
Verheiratete Frauen und Mädchen sind häufig Missbrauchsopfer durch intime Partner. (Foto: Jakob Studnar/WAZ)

COVID-19 setzt Frauen und Mädchen aber noch anderen Risiken aus. Die Lockdowns haben viele Männer arbeitslos gemacht. Sie sind daher tagsüber zuhause und stellen häufig Anforderungen der einen oder anderen Art. Die Belastung für Frauen - mehr Essen zuzubereiten, mehr zu putzen, das häusliche Leben zu erhalten - steigt. Die mit der Arbeitslosigkeit einhergehenden finanziellen Probleme führen nicht selten zu innerfamiliärem Stress und das Potenzial für Gewalt wächst, insbesondere wenn Ehemänner mehr Geld von den Familien der Ehefrauen verlangen - eine Hauptursache für häusliche Gewalt.

Das Ausmaß des Problems ist jedoch noch größer. Laut einer Umfrage des Statistikamtes von Bangladesch und des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015 waren mehr als 70 Prozent der verheirateten Frauen oder Mädchen in Bangladesch irgendeiner Form von Missbrauch durch intime Partner ausgesetzt. Etwa die Hälfte von ihnen gibt an, dass ihre Partner sie körperlich angegriffen haben. Und das Problem ist global. COVID-19 hat gezeigt, dass Mädchen und Frauen in der Lage sein müssen, eine Zukunft voller Chancen für sich selbst zu sehen. Bei der Bekämpfung von COVID-19 muss die Welt zu dieser Offenbarung erwachen. COVID-19 sollte nun zum Katalysator für die Welt werden, um eine Zukunft der Chancen für Mädchen und Frauen zu ermöglichen - eine Zukunft ohne geschlechtsspezifische Gewalt.

In der bengalische Verfassung sind Männer und Frauen gleich, nicht aber in seiner Kultur. (Foto Jakob Studnar)
In der bengalische Verfassung sind Männer und Frauen gleich, nicht aber in seiner Kultur. (Foto Jakob Studnar)

Grundsätzlich sind Männer und Frauen in Bangladeschs Verfassung und Gesetz gleich, aber nicht in seiner Kultur. Um diesen kulturellen Wandel herbeizuführen, ist neben der sozialen Stärkung von Mädchen und Frauen auch eine wirtschaftliche Stärkung erforderlich. Es bedarf unter anderem einem allgemeinen Sinneswandel, der Gleichstellung im Alltag und Mentoring, damit Frauen und Mädchen eine Zukunft sehen können, die sie beeinflussen können. Ebenso sind berufliche Ausbildungsangebote nötig, die ihnen die Perspektive geben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten und ihr eigenes Einkommen zu verdienen. Darüber hinaus würden Mikrofinanzierungsmöglichkeiten helfen, damit auch Frauen Kredite erhalten und sich eine eigene Existenz aufbauen können.