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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

1. Mai 2020

Ein Hemd am Fenster signalisiert Gewalt in der Familie

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweit dramatischen Anstieg der häuslichen Gewalt im Zusammenhang mit COVID-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei den Notfallhotlines verdoppelt. Gleichzeitig sind in Zeiten der Kontaktsperre die soziale Kontrolle schwierig geworden und das Aufdecken von Kindesmissbrauch unwahrscheinlicher geworden, da die Betreuung der gefährdeten Familien auf ein Minimum reduziert wurde. Durch die weitverbreiteten Schulschließungen, können auch die Lehrkräfte keine Anzeichen von körperlicher Gewalt wahrnehmen und anzeigen.

Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)
Lateinamerikas Kinder sind erhöhter Gewaltbereitschaft ausgesetzt. (Foto: James Rodriguez)

Lateinamerikas Kinder

Lateinamerika ist bekannt als Region mit dem höchsten Gewaltaufkommen weltweit. „Die Mischung aus Armut, Ungleichheit, organisiertem Verbrechen, politischer Korruption und Regierungen, die nicht die Menschenrechte schützen, potenzieren sich gegenseitig zu einer hohen Gewaltbereitschaft unter den Einwohnern, vor allem gegen die Schwächsten: die Kinder und Jugendlichen.“, sagt Andrea Iglesis, Sozialpsychologin, Expertin für Kinderrechte und Kindernothilfe-Regionaltrainerin für Lateinamerika in Sachen Kinderschutz.

Laut den aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen „sind mehr als die Hälfte der Mädchen, Buben und Jugendlichen in der Region Opfer von physischer und emotionaler Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. 40 Millionen Kinder unter 15 Jahren leiden unter Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in der Familie der Schule und der Gemeinschaft.“ Das bedeutet, dass jeden Tag 67 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren Opfer von Mord und Totschlag sind – eine Rate, die fünfmal höher ist als der weltweite Durchschnitt. Zudem werden in Lateinamerika jeden Tag 1,1 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Opfer von sexueller Gewalt. 6,3 Millionen Migranten sind unter 18 Jahren und es werden täglich mehr – aufgrund von Armut und Gewalt in ihren Familien und Gemeinden.

Zahlen, die schwer auszuhalten sind. Und die Vorstellung, dass sie angesichts Corona noch steigen könnten, ist erschütternd. Aber die Erfahrung lehrt, dass es so sein wird: Ausnahmezustände während einer Krise oder einer Katastrophe führen zu noch mehr Stress in den Familien, der sich in noch mehr Gewalt entlädt.

Anstieg der Gewaltbereitschaft

Die Folgen der Coronakrise haben nicht lange auf sich warten lassen. Die Systeme der Grundversorgung funktionieren mancherorts nicht mehr und es ist zu einem Anstieg von Morden an Frauen und häuslicher Gewalt gekommen, von der vor allem Kinder betroffen sind. Die Schutzmaßnahmen für Bedürftige und Kinder, die die einzelnen lateinamerikanischen Staaten je nach Mitteln und Möglichkeiten in ihren Statuten verankert haben, werden zur Zeit reduziert. „Selbst Vergehen an Minderjährigen werden zurzeit seltener gerichtlich verfolgt, was zu einem Anstieg der Gewalt führt“, beklagt Andra Iglesis.

In Zeiten von Corona gibt es viele Bereiche, die eine Herausforderung in Bezug auf den gesundheitlichen und seelischen Schutz der Mädchen und Buben darstellen. Insbesondere gilt dies für Kinder in Wohnheimen, Krankenhäusern und Jugendhaftanstalten. Ausgegrenzt von institutionalisierten Hilfsmaßnahmen sind zudem Straßenkinder sowie Kinder von Migranten und Flüchtlingen.

Internet: Segen und Fluch

In Zeiten der Kontaktsperre und Isolation, wenn Kinder nicht mit Lehrern oder anderen Vertrauenspersonen sprechen und sie um Hilfe bitten können, ist das Internet einerseits ein großer Segen. Organisationen wie die lokalen Kindernothilfe-Partner haben Seiten eingerichtet, über die Kinder Bescheid geben können, wenn sie Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden sind. Für viele eine Hilfe, für andere aber auch nur ein schöner Traum. Laut UIT, der Telefongesellschaft in Lateinamerika und der Karibik, haben im Durchschnitt nur 44 Prozent der Haushalte in Lateinamerika Zugang zum Internet – in Zentralamerika und den Andenländern sind es gerade mal 34 Prozent, in der Karibik sogar nur 20 Prozent. „Und diese Zahlen gelten auch nur für die Städte. Ländliche Regionen sind stark benachteiligt, was den Zugang zu Hilfsportalen im Internet betrifft“, sagt Andrea Iglesis. Sie weist außerdem darauf hin, dass das Internet nicht nur ein Segen in Quarantänezeiten ist, sondern unter Umständen für Minderjährige auch ein Fluch: „In derselben Weise, wie sich der Gebrauch der Informationstechnologien im Moment erhöht, wächst auch die Cyber-Kriminalität.“ Eine Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren des Internets sei ebenso dringend notwendig wie eine Prävention und Ahndung möglicher Delikte.

Hilfe für misshandelte Kinder

„Es gibt Hilfsangebote aus der Zivilbevölkerung heraus, um den Kindern zu helfen: zum Beispiel die Vereinbarung, ein Hemd in einer bestimmten Farbe aus dem Fenster zu hängen, wenn man Hilfe benötigt - als Signal für Nachbarn und Passanten, dass hier ein Kind in Not ist.“ - ein einfacher, praktikabler und wirksamer Weg für misshandelte Kinder.

Die Kindernothilfe und ihre Partnerorganisationen in Lateinamerika arbeiten schon seit vielen Jahren mit den lokalen Behörden zusammen, um Maßnahmen zur Gewaltprävention zu entwickeln, damit Kinder geschützt aufwachsen können. Sie fangen missbrauchte Mädchen und Buben, die nicht in ihren Familien bleiben können, in Schutzhäusern auf. Zudem werden Eltern über Kinderrechte aufgeklärt und bei ihrer Umsetzung unterstützt. In der aktuellen Situation arbeiten viele Partner mit Hochdruck daran, in ihren Projektgebieten den innerfamiliären Stress zu minimieren und die Gesellschaft dazu zu bringen, Gewaltdelikte anzuzeigen. Es wurden bereits frühzeitig gesundheits- und gewaltpräventiven Maßnahmen zum Schutz der Kinder verstärkt. So haben sie zum Beispiel Ansprechpartner in Gemeinden bestimmt, um schnell auf mögliche Vergehen reagieren zu können, ohne das Kontaktverbot zu verletzen.

Die Zukunft der Kinder in Lateinamerika

Laut einer Studie von Human Rights Watch vom 9. April 2020 gibt es Anzeichen, dass die durch COVID-19 verursachte Krise lang anhaltende und verheerende Auswirkungen auf die Mädchen und Buben in Lateinamerika haben wird.

Durch die Wahrscheinlichkeit eines Gesundheitssystem-Kollaps in vielen lateinamerikanischen Regionen verschärft sich das Risiko der Kindersterblichkeit, da notwendige Impfungen oder andere Medikamente nicht mehr gegeben werden können. Diese Gefahr ist in den vielen Flüchtlings- und Migrantenlager, wo tausende Menschen dicht gedrängt leben und weder das Kontaktverbot noch die erforderlichen Hygieneregeln eingehalten werden können, noch größer. Zusätzlich sind jene Kinder, die aus Schutzgründen in Wohnheimen untergebracht werden und dort auf engem Raum mit anderen Kindern aus anderen Familien zusammenleben, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Abgesehen davon ist davon auszugehen, dass der Arbeitsplatzverlust und das geringere Einkommen sowie die damit einhergehende finanziell unstabile Situation in vielen Familien dazu führen wird, dass mehr Kinder als vorher arbeiten müssen. Ebenso ist mit einem Anstieg des sexuellen Missbrauchs, der Kinderehen und der Kinderschwangerschaften sowie der sexuellen Ausbeutung über das Internet zu rechnen. Die durch COVID-19 zu Waisen oder Halbwaisen gewordenen Kinder sind dabei noch schutzloser der Gefahr von sexueller und kommerzieller Ausbeutung ausgesetzt.

Um die Kinder Lateinamerikas in dieser Krise und auch danach zu schützen, braucht es neben legislativen Strukturen Räume der Sicherheit für Kinder. Zudem müssen Familien finanziell gestärkt und auf die Rechte ihrer Kinder hingewiesen werden.