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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Ein Schutzraum für „Engel“

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche).

Haus der Zuflucht: Etwa 100 Mädchen erhalten jährlich im Zentrum „Querubines“ neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen. (Foto: Kindernothilfe)

Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­gen. Der Honduraner ist Sozialarbeiter in Tegucigalpa und arbeitet für „Casa Alianza“, eine internationale Kinderschutzor­ganisation mit Schutzprojekten für Straßenkinder in allen mittel­amerikanischen Ländern – auch in Honduras, im historischen Viertel der Hauptstadt. Doch Ri­cardo betreut auch noch ein ganz spezielles Projekt, eine gute Au­tostunde vom Zentrum entfernt. Das Heim „Querubines“, was über­setzt so viel bedeutet wie: die En­gelchen am göttlichen Thron. Ein Schutzraum für Mädchen zwi­schen 12 und 18 Jahren, alle Über­lebende sexualisierter Gewalt.
Für die Fahrt dorthin nimmt sich Coello ein Taxi. Eines der billigen Sorte, ohne verdunkelte Scheiben, wie sie Touristen aus Sicherheitsgründen dringlich empfohlen werden. Gut 40 Minu­ten später öffnet sich dem Taxi ei­ne Schranke, macht den Weg frei in eine dieser vielen Gated Comu­nities. Ricardo klingelt an einer Gartenpforte ohne Namensschil­der. Eine ältere Frau, die Köchin und Seele des Hauses, öffnet und begrüßt ihn im Schutzzentrum „Querubines“. Kaum im Haus eingetreten, wird Ricardo von der 14­jährigen Sara gestoppt. Mit tränenerstickter Stimme er­zählt sie, dass am Tag zuvor das geplante Treffen mit ihren Eltern nicht stattgefunden habe. Die Mutter und der Vater seien nicht gekommen. Aber sie müsse die beiden unbedingt sehen.
Sara ist im Heim, weil sie vom Vater mehrfach sexuell miss­braucht wurde. Doch es dauere, bis sie sich davon emotional loseisen könne, erklärt Ricardo später dieses widersprüchliche Gefühl der erst kürzlich ins Schutzzen­trum gekommenen Sara. Ihr sagt er zu, möglichst schnell ein neues Treffen zu vereinbaren. Die 14­Jä­hige lächelt, wischt sich die Trä­nen ab und schlendert zurück in den Gemeinschaftsraum, in dem noch andere Mädchen sitzen, die sich an diesem Tag nicht in der La­ge fühlten, in die Schule zu gehen. Es ist ein schlichter Raum. Ein paar selbst gestaltete Poster, eine Handvoll bequeme Sitzflächen, ein Fernsehapparat. Im angren­zenden Raum ein paar Computer mit klaren Nutzungsregeln.

Angst und Schweigen

Plötzlich wird es hektisch und laut. Vor dem Gartentor hält ein Kleinbus. Rund 20 Mädchen kom­men aus der Schule zurück und er­halten ihr Mittagessen, auch die Schwestern Gabriela und Marisol, die eigentlich anders heißen. Zum Schutz aller Mädchen bleiben ih­re richtigen Namen der Außenwelt verborgen. Und auch innerhalb des Heimes bleiben die Geschich­ten der Einzelnen vor den ande­ren Mädchen verschlossen. „Dass jede von uns üble Erfahrungen gemacht hat, wissen wir vonei­nander“, erzählt Gabriela. Mehr müsse nicht sein.  Tania, die Er­zieherin, spricht von der großen Angst, die die Mädchen schweigen lässt. Es könnten ja durch unbe­dachtes Erzählen Spuren zu den Tätern gelegt werden, und damit dann auch wieder zu ihnen.
Marisol und Gabriela kom­men aus der bergigen Kaffeean­bauregion im Landesinneren. Wo es „normal“ ist, dass Mädchen nicht zur Schule gehen, sondern von klein auf im Haushalt einge­spannt sind. Die 15­jährige Ga­briela war Analphabetin, als sie im Herbst 2017 zu „Querubines“ kam. Die Mutter verbot ihr die Schule, das Bett teilte sie sich mit den drei Schwestern. Als sie elf ist, wird sie von ihren drei Brüdern missbraucht. „Sie misshandelten und vergewaltigten mich und nie­mand half mir! Auch Mama half mir nicht!“, erzählt Gabriel a. „Sie sagte, ich würde lügen.“
Die ältere, heute 18­jährige Schwester Marisol ist schon sechs Jahre bei „Querubines“. Sie war sie­ben, als ihr Vater und der Onkel sie missbrauchten. Und die Mutter be­schimpfte auch sie als Lügnerin. Der Onkel nahm sie als Elfjährige mit ins Haus von dessen Mutter, ih­rer Oma. Sie hoffte auf Hilfe, doch die Großmutter betrachtete Mari­sol als Frau, ja Eigentum des On­kels. Kurioserweise verdankt sie dem Vater die Rettung von dort. Er raste vor Eifersucht und zeigte den Onkel an. Marisol kam in die Obhut der Kinderschutzbehör­de und von dort zu „Casa Alianza“ und in deren Heim „Querubines“. Bald danach brachte dieses Mäd­chen trotz vieler Ängste den Mut auf und zeigte den Vater an. Damit stellte sie sich innerhalb der Fa­milie ins Abseits. Die Brüder und die Mutter meiden sie. „Sie sagen, ich sei schuld, dass sie alles ver­loren haben. Ich hätte die Familie  kaputt gemacht.“ Geschichten wie die von Mari­sol und Gabriela werden in den ländlichen Regionen des Landes über Generationen hinweg fort­geschrieben. Mädchen, die das Pech hatten, als Zwölfjährige ge­schwängert zu werden, seien dann die Aussätzigen des Dorfes, sagt Gabriela, und würden von den Müttern aus dem Haus ge­worfen, weil sie sich auf Männer eingelassen hätten. Die Zahlen solcher ungewollten Schwanger­schaften nehmen zu. Bei 15 Pro­zent der Geburten sind die Mütter zwischen 14 und 18 Jahre alt.
Neben sexuellem Missbrauch und Misshandlungen haben Ga­briela und Marisol in ihrem Um­feld auch viele andere Gewalter­fahrungen erlebt. Dazu gehören die Versprechungen von Traum­jobs fernab von zu Hause. Statt als Haushaltshilfe oder Serviermäd­chen in einem Café oder Restau­rant, landet ein Großteil der meist minderjährigen Mädchen als Sex­sklavinnen in Bars oder Hotels oder werden auf den ungesicher­ten Straßenstrich geschickt, egal ob in Honduras selbst oder einem der Nachbarländer.

Therapie und Bildung

Die wenigsten der Mädchen haben Glück und werden von der Jugendfürsorge aus diesem Umfeld herausgeholt oder können fliehen. Und wenn doch, dann sind die Schutzräume knapp. Gerade deswegen ist die Einrichtung „Querubines“ so wichtig für die Betroffenen. Dort erhalten rund 100 Mädchen jährlich neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen angeboten. Und sie können zur Schule gehen, ein Recht, das laut Verfassung jedem Kind zusteht. Marisol und Gabriela wollen beide Anwältinnen werden – spezialisiert auf Kinder­ und Jugendrecht. Ihr Blick ist dank „Querubines“ nach vorn gerichtet.

Kinderrechtsorganisationen wie „Casa Alianza“ können solche Pro­jekte aber nur mit kontinuierlicher Fremdfinanzierung durchführen. Dafür brauchen sie internationale Partnerorganisationen, wie die Ös­terreichische Kindernothilfe. Von der Wiener Dorotheergasse aus un­terstützt diese NGO seit 2012 den Schutzraum „Querubines“ mit re­gelmäßigen Spenden – und leis­tet damit Überlebenshilfe für die­se Einrichtung. International für die Wahrung der Kinderrechte ein­treten: Darum geht es. Und irgend­wann wollen auch Gabriela und Marisol für diese Rechte kämpfen.