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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

9. Oktober 2020

„Es reicht nicht, sich nur zu beklagen“

Umweltverschmutzung und Klimawandel sind in Südindien allgegenwärtig. Im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts haben sich daher Jugendliche zu eigenen Umweltschutzgruppen formiert – und kämpfen für sich und ihre Gemeinden für eine klimafreundlichere Zukunft.

Die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, kurz CMCJ, setzt sich in mehreren südindischen Bundesstaaten für Umweltschutz ein. (Foto: Kindernothilfe)
Die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, kurz CMCJ, setzt sich in mehreren südindischen Bundesstaaten für Umweltschutz ein. (Foto: Kindernothilfe)

„Praise the environment and nature, for what it brings to us, ehren wir die Natur für das, was sie uns bringt“, singen die elf Mädchen und Buben mit lauten Stimmen. „Denn es ist unsere Verantwortung, sie zu erhalten.“ In einem Sitzkreis beginnen sie ihr monatliches Treffen. „Children Movement for Climate Justice“, kurz CMCJ, nennt sich die Kinderbewegung für Klimagerechtigkeit, der sie angehören - angeleitet werden sie von zwei Projektmitarbeitern. Es geht um Umweltschutz, um Klimawandel, um Maßnahmen, die jeder treffen kann, selbst Kinder. Und es geht um das aktuell sehr brisante Thema Wasser.

Seit Monaten hat es hier in Poondi Block im südöstlichen Indien nicht mehr wirklich geregnet, die Bevölkerung der 15 umliegenden Dörfer leidet schwer unter dem akuten Wassermangel. Die elf Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren haben sich daher seit vielen Wochen ganz diesem Thema gewidmet. Und einen Lösungsansatz entwickelt: Der See der Umgebung wurde in einer Gemeinschaftsaktion gesäubert. Nun werden die Familien der umliegenden Dörfer mit einem Straßentheaterstück dafür sensibilisiert, den kleinen See in Zukunft sauber zu halten, keine Abfälle oder sonstigen Unrat mehr hineinzuwerfen. So soll das Wasser für die Trinkwasserversorgung und den täglichen Hygienebedarf genutzt werden können.

Der See ist endlich wieder sauber. (Foto: Kindernothilfe)
Der See ist endlich wieder sauber. (Foto: Kindernothilfe)

Warum mit einem Theaterstück kommuniziert wird? „Weil uns dann jeder zuhört“, lachen die Kinder der Umweltschutzgruppe. Aufgeregt beschreiben sie einzelne Szenen des Aufklärungsstückes, das ihre Eltern, die anderen Kinder und die übrigen Dorfbewohner von der Dringlichkeit des sauberen Sees überzeugen will. Es wird laut im Sitzkreis, alle reden durcheinander, gestikulieren, lachen. Und freuen sich auf die Umsetzung ihres Planes. Auf Bezirksebene soll zudem ein offizieller Antrag auf Errichtung eines dorfeigenen Wassergrabens als Regenauffangbecken eingebracht werden. So hoffen die Jugendlichen, das immer wiederkehrende Problem der Wasserknappheit dauerhaft zu mildern.

Immerhin 410 Kinder ab zwölf Jahren sind hier, in den 15 Dörfern des Kindernothilfe-Projektgebiets im indischen Bundesstaat Tamil Nadu, mittlerweile Teil solcher Kindergruppen. Sie treffen sich in Gemeinderäumen, Kirchen oder im Schatten eines Baumes, monatlich und unter Anleitung von Projektmitarbeitern. In den Umweltschutzgruppen erfahren die vorwiegend aus sehr armen Familien stammenden jungen Leute über die Bedeutung von Klimawandel und Umweltschutz für ihre eigene Zukunft. Sie lernen, Probleme und Missstände zu identifizieren, sich eine Meinung zu bilden, dafür einzustehen und letztendlich durch gezielte Aktionen Veränderung zu bewirken.

und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird. (Foto: Kindernothilfe)
und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird. (Foto: Kindernothilfe)

Von bereits erzielten Veränderungen erzählen uns Anbumjaa und Sasikale. Die beiden Jugendlichen sind schon seit Projektbeginn Mitglieder der Umweltgruppe in ihrem Dorf Devandhavakaam – und stolz darauf. Gemeinsam mit ihrer Gruppe und dem Kindernothilfe-Projektpartner CCRD (Centre for Child Rights and Development) haben sie schon einiges in Sachen Umweltschutz erreicht, erzählt der 15-jährige Sasikale begeistert und wortgewandt. Innerhalb eines Jahres sei es gelungen, ihr Dorf Plastiksackerl-frei zu machen und gleichzeitig ein Mülltrennungssystem zu etablieren. Wie? „Wir haben regelmäßig die lokalen Märkte besucht und den Menschen erzählt, was Plastik mit unserer Umwelt macht. Und wir haben Papierbeutel als Alternative verteilt“, erinnert sich Sasikale an die gemeinsame Kampagne vor einem Jahr. Eine „Stop-Plastik“-Petition bei der zuständigen Bezirksstelle sowie ein Antrag auf Bereitstellung von Mülltonnen, um Trocken-, Nass- und Bioabfall voneinander getrennt sammeln zu können, war ebenfalls erfolgreich. Das Ergebnis: Heute sammeln sich die leeren Metalldosen, Plastikflaschen, Stofffetzen und verwesten Obst- und Gemüsereste nicht mehr auf den Straßen von Devandhavakaam, sondern in den in regelmäßigen aufgestellten Mülltonnen. „In unserer Gemeinde gibt es jetzt ein deutliches Bewusstsein für Abfallvermeidung und Mülltrennung“, freut sich Anbumjaa.

Ein Blick in die Zukunft

Was die beiden Jugendlichen auf ihrem Weg zu einem Leben ohne Plastik und bei den vielen Treffen ihrer Umweltschutzgruppe gelernt haben, ist jedenfalls für ihre Zukunft von unschätzbarem Wert. Hier geht es um Kinderrechte, um die gemeinsame Gestaltung der Zukunft, darum, gehört zu werden, eine Stimme zu haben. Auch dann, wenn man aus ärmsten Verhältnissen kommt und noch nicht erwachsen ist. „Ich habe erkannt, dass ich Dinge verändern kann, dass ich etwas bewegen kann. Auch wenn es eine große Herausforderung ist, die Erwachsenen davon zu überzeugen, dass wir unsere Umwelt schützen und für Klimagerechtigkeit kämpfen müssen“, sagt Sasikale. Später will er einmal Premierminister des indischen Bundeslands Tamil Nadu werden - und dafür sorgen, dass nicht nur im eigenen Dorf, sondern im ganzen Bundesstaat weniger Plastik verwendet wird.

Anbumjaa ist schon seit Jahren Mitglieder der Umwelt-gruppe in ihrem Dorf – gemeinsam haben schon viel erreicht. (Foto: Kindernothilfe)
Anbumjaa ist schon seit Jahren Mitglieder der Umwelt-gruppe in ihrem Dorf – gemeinsam haben schon viel erreicht. (Foto: Kindernothilfe)

Auch Anbumjaa hat große Ziele für ihre Zukunft. „Es reicht nicht, sich nur zu beklagen, wir müssen Verantwortung übernehmen und aktiv werden“, fordert die 13-Jährige. Als Verwaltungsbeamtin auf Bezirksebene möchte sie „Dinge verändern und eine umweltbewusstere Einstellung der Menschen“ mitgestalten. Das Rüstzeug dafür, ist sie sich sicher, hat sie hier in der Jugendgruppe für Klimagerechtigkeit erhalten.

Die Kindergruppen in Zeiten von Corona

Es ist schon viel geschafft, es gibt aber auch noch viel zu tun. Obwohl Klimawandel und Umweltschutz nach wie vor die Hauptthemen der Kindergruppen sind, richtet sich natürlich alle Aufmerksamkeit – auch in Indien - momentan auf die Corona-Pandemie. Bei eigens mit den Kindergruppen einberufenen Treffen wurden hauptsächlich wissenschaftliche Informationen über das Corona-Virus ausgetauscht und die Kinder dazu befähigt, der Pandemie-Bedrohung ohne Angst und mit mehr Wissen und Selbstvertrauen zu begegnen. „Soziale Distanz“ und Hygieneregeln wurden ebenso besprochen wie Maßnahmen zur Stärkung der individuellen Immunität gegen Krankheiten. Die Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners waren in den Projektdörfern unterwegs und verteilten Corona-Präventionskits – mit Mund-Nasenschutz und Desinfektionsmitteln.