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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

30. September 2020

Gewalterfahrungen teilen, Rechte einfordern – gemeinsam!

Das Kommunikationsprojekt in Rio Vermelho in Salvador da Bahia, Brasilien, fängt die Jugendlichen des Elendsviertels auf und unterstützt sie bei der Verarbeitung ihre Gewalterfahrungen und der Einforderung ihrer Rechte. Mit Medien-Workshops, Selfies und Videoclips stärkt der Kindernothilfe-Partner CIPÓ Comunicação Interativa das Selbstbewusstsein der jungen Erwachsenen, die von einem Ort ohne Angst, Drogen und Polizeigewalt träumen.



Im Projekt selbst produziert, thematisiert das Dokumentarvideo das allgegenwärtige Problem "Gewalt in der community" und zeigt auf, mit welche Techniken und Strategien die Jugendlichen eben dieser Gewalt entgegentreten.

2017 beschrieb die Kindernothilfe-CEO Katrin Weidemann ihre Eindrücke aus dem Projekt, das Jugendliche in ihrem Kampf für ihre Träume (Anm.: für uns Selbstverständlichkeiten!) begleitet. Heute, fünf Jahre nach Aufnahme der Projektarbeit, spricht das selbst produziertes Video für sich. Und für den Erfolg des Workshop-Konzepts, das zusammen mit jungen Erwachsenen entwicklet wurde und mittlerweile in mehreren städtischen Brennpunktschulen zum Einsatz kommt.

Selfies fürs Selbstbewusstsein

Jeden Nachmittag treffen sich mehr als 20 Jugendliche zum Workshop „Medien und Kommunikation“. Am Tag von Katrin Weidemanns Besuch warten die sie besonders ungeduldig, denn geht es um Selfies!

Selfies als Statement: Medien-Workshop für das Empowerment (Foto: Jürgen Schübelin)
Selfies als Statement: Medien-Workshop für das Empowerment (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein Viertel, eng wie ein Schuhkarton

85.000 Menschen leben in dem Viertel rund um die Schule, viele von ihnen haben afrikanische Wurzeln. Während nur ein paar Straßen entfernt strahlend weiße Hochhäuser mit Meerblick in den Himmel ragen, drängen sich hier Häuser, die mit einfachsten Mitteln erbaut wurden, in engster Nachbarschaft. Bei der Fahrt durch die verwinkelten Straßen des Viertels kann man nicht die kleinste Freifläche, keinen einzigen unbebauten Platz entdecken. Spiel- und Sportmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche gibt es schlichtweg nicht. Dabei ist die Hälfte der Bewohner des Viertels jünger als 25 Jahre.
Unter welch bedrückenden Umständen sie leben, tragen die Buben und Mädchen im Workshop, um es später in Selfie-Videoclips zu präsentieren. Intensiv diskutieren sie ihre Gedanken zu Fragen wie „Wozu gehöre ich?“ „Was soll in meinem Stadtteil besser werden?“ und „Was ist mein Beitrag dazu?“

Im Workshop diskutieren die Jugendlichen darüber, was nicht gut ist in ihrem Viertel und was sie verändern wollen. (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Workshop diskutieren die Jugendlichen darüber, was nicht gut ist in ihrem Viertel und was sie verändern wollen. (Foto: Jürgen Schübelin)

Mehr Schusswaffen als Waschmaschinen

Die meisten von ihnen haben Rio Vermelho noch nie verlassen, ihr Viertel und seine Probleme kennen sie bestens. Sie wissen, dass hier mehr Menschen eine Schusswaffe besitzen als eine Waschmaschine. Sie erleben, dass kaum eine Woche vergeht, in der es nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Das scheinbar unaufhörliche Sterben von Mitschülern und Freunden ist brutaler Teil ihres Alltags.
„Hier in diesem Stadtteil aufzuwachsen bedeutet, ein Schild vor sich herzutragen, auf dem steht „Ich bin ein Gangster“. Viele aus der Workshop-Runde klatschen, als Paulo, ein schmaler Vierzehnjähriger, das mit ruhiger Stimme sagt. Sie nicken, weil sie wissen, dass alle Bewohner mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Wer sich von hier aus auf eine Stelle bewirbt, wird im Bewerbungsverfahren meist allein aufgrund seiner Anschrift gar nicht erst berücksichtigt.

Ständige Angst, auch vor der Polizei

Zu ihrem Leben im Viertel, auch da sind sich alle einig, gehört die Angst. Laura zählt an ihren Fingern auf, was ihr im Stadtteil am meisten Angst macht. Erstens: Selbst zu sterben. Zweitens, dass ihre Mutter, ihr Vater und ihre Geschwister erschossen werden. Und drittens, dass sie alle Opfer eines Polizeieinsatzes werden.
Elf Polizei-Einsatzstellen gibt es im Stadtviertel. Die Polizisten als Freund und Helfer zu sehen, darauf käme hier allerdings niemand. Die Männer in Uniform sind dafür berüchtigt, überfallartig in die Armenviertel einzufallen. Eine Nachbarschule, erzählt Workshop-Teilnehmerin Rebecca, wurde vor kurzem von Polizisten komplett verwüstet. „Sie kamen ganz plötzlich und haben alles kurz und klein geschlagen.“ Eine Woche lang sei das Viertel danach komplett von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Sieben Tage lang hätte die Polizei Razzien durchgeführt, unzählige Jugendliche verhaftet, sie gefoltert. „Am Ende waren zwölf Jugendliche tot.“

Ein Medien-Workshop als Empowerment

Solche erschreckenden Geschichten von massiver Gewalt sind in den Großstädten Brasiliens immer wieder zu hören. Kinder und Jugendliche erleben sie zu Hause, in der Schule, durch Drogenhändler, die ganze Stadtviertel in rechtsfreie Räume verwandeln, und auch durch staatlichen Institutionen.
Medien-Workshops wie der in Rio Vermelho sind Teil eines Projekts, um das Selbstbewusstsein und die Eigenwahrnehmung der Jugendlichen zu stärken. Allein zu erkennen, dass die traumatisierende Gewalt um sie herum nicht normal ist, sondern eine grobe Verletzung ihres Rechts auf Schutz und Unversehrtheit, ist ein erster großer Lernschritt.

"Hier wird gedreht!" - Im Cipo Projekt machen sich die Jugendlichen gemeinsam stark gegen Gewalt. (Foto: Jürgen Schübelin)
"Hier wird gedreht!" - Im Cipo Projekt machen sich die Jugendlichen gemeinsam stark gegen Gewalt. (Foto: Jürgen Schübelin)

Ein Viertel ohne Angst

„Wir wollen in einem Viertel leben, in dem die Rechte von allen gewahrt sind, egal ob sie alt oder jung sind“, fasst Paulo die Diskussion in seiner Workshop-Kleingruppe zusammen. „Wo wir uns frei bewegen können, egal welche Hautfarbe wir haben. Wo alle sicher sind.“ Reihum ergänzen sie das Zukunftsbild vom Zusammenleben in ihrem Viertel. In jedem Wunsch, den die Jugendlichen nennen, steckt die Information über eine jetzige Rechtsverletzung. Rebecca ist als letzte an der Reihe: „Ich wünsche mir ein Viertel, in dem Frauen keine Angst vor Männern haben müssen, wo keine Drogenbanden herrschen. Ein Viertel ohne Angst.“

Gewalterfahrungen teilen, Rechte einfordern – gemeinsam!

Im nächsten Schritt erarbeiten Paulo, Rebecca und die anderen gemeinsam mit den Mitarbeitern des Kindernothilfe-Partners, was sie dafür tun können. Sie lernen die möglichen Anlauf- und Beschwerdestellen kennen und erfahren, welche Mechanismen dort jeweils greifen. Sie entwicklen Strategien, wie sie im Dialog mit politisch Verantwortlichen ihre Rechte einfordern und ausüben können. Und bei all dem wächst ihre psychische Widerstandsfähigkeit, mit den massiven Gewalterfahrungen umzugehen. Sie werden persönlich ermutigt und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt.