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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

10. Oktober 2021

Haiti und seine Menschen im Dauerstress

Goudou Goudou, dieses lautmalerische Wort aus dem kreyòl ayisyen haben die Menschen in Haiti 2010 erfunden, um die verheerendste Naturkatastrophe in der Geschichte Lateinamerikas zu umschreiben: 316.000 Menschen kamen bei dem schweren Erdbeben an jenem 12. Januar 2010, dessen Epizentrum 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince lag, ums Leben. Hunderttausende wurden verletzt und mindestens 1,8 Millionen verloren ihr Zuhause. Erholt hat sich der bitterarme Karibikstaat von den physischen und sozialen Verwüstungen dieser Katastrophe bis heute nicht.

Noch heute sind die Menschen Haitis vom Erdbeben 2010 gezeichnet. (Foto: Kindernothilfe)
Noch heute sind die Menschen Haitis vom Erdbeben 2010 gezeichnet. (Foto: Kindernothilfe)

Ein Alptraum, der nicht enden will

Als heuer am frühen Vormittag des 14. August, die Erde unter Haiti erneut bebte und die seismologischen Meßstationen mit 7.2 auf der Richterskala sogar eine noch heftigere Intensität als die des Goudou Goudou von 2010 (das damalige Erdbeben erreichte eine Magnitude von 7.0) registrierten, war im ganzen Land der vor elfeinhalb Jahren durchlittene Alptraum sofort wieder präsent.

Erneut traf es die Menschen - diesmal im grünen Südwesten der Insel Hispaniola - völlig unvorbereitet. In den beiden größten Städten der Region, Les Cayes und Jérémie, stürzten Hunderte von Gebäuden ein und begruben diejenigen, die es nicht mehr rechtzeitig ins Freie schafften, unter den Trümmern. Ulrike Schaller, Physiotherapeutin aus dem Schwarzwalddorf Tennenbronn, die mit ihrem Mann Reinhard seit 1998 als Entwicklungshelferin in Les Cayes und Port-à-Piment lebt und arbeitet (sie engagierten sich dort u. a. auch in einer von Kindernothilfe mitgeförderten Berufsschule), beschreibt, wie sie diesen Samstagvormittag, 14. August erlebte, als um 8:29 Uhr die Erde zu beben begann: „Das war ein furchtbares Gefühl, wie auf Wasser, alles schien plötzlich zu schwimmen.“ Gläser und Bücher fielen aus den Regalen zu Boden. Das Haus hielt jedoch zum Glück stand. Wenig später begann sich das Hospital Centre de Santé Lumière, eines der Projekte, in denen Ulrike Schaller mitarbeitet, mit Verletzten zu füllen: „Die meisten Kinder und Erwachsenen, die ganz oft auf Pickups oder in Bussen - aber zum Teil auch mit Motorrädern - ins Krankenhaus gebracht wurden“, berichtet die Physiotherapeutin, „hatten Knochenbrüche an Armen, Beinen, Oberschenkeln – oder auch schwere Gesichtsverletzungen, Quetschungen und Prellungen erlitten. Ganz wichtig war, dass wir es schnell schafften, die Blutungen zu stillen und die Brüche zu schienen“. Schon nach kurzer Zeit begann das kleine Krankenhaus angesichts des Ansturms der Verletzten aus allen Nähten zu platzen: Nach sechs Stunden mussten sogar Frischoperierte aus den Betten geholt und auf Pritschen unter schnell errichteten Zeltplanen auf dem Platz vor dem Hospital untergebracht werden, während die Erde immer noch weiterbebte. „Wir mussten versuchen, die Menschen so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu bringen. Immerhin haben wir es geschafft, dass diejenigen, die im Freien, auf dem Parkplatz lagen, zumindest unter den Planen vor der Sonne und dann vor dem starken Regen geschützt werden konnten.“

Ein Mädchen am Bett seiner verletzten Mutter im Hospital Général in Les Cayes; der Vater wurde bei dem Erdbeben getötet, der Bruder ist ebenfalls schwer verletzt (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)
Ein Mädchen am Bett seiner verletzten Mutter im Hospital Général in Les Cayes; der Vater wurde bei dem Erdbeben getötet, der Bruder ist ebenfalls schwer verletzt (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Verschärft wurde die Lage dadurch, dass im wichtigsten Krankenhaus der Stadt, dem Hopital Général, der komplette OP-Bereich zerstört wurde und Teile eines Stockwerks einstürzten. Zwei Kinder überlebten nur wie durch ein Wunder, so Ulrike Schaller, nachdem sie samt ihrer Betten ins Untergeschoß des Gebäudes geschleudert wurden. Dass die Zahl der Opfer mit fast 2300 Toten und 12.500 Verletzten angesichts der Intensität des Bebens nicht höher lag, dafür hat Reinhard Schaller, gelernter Berufsschulpädagoge und Schlossermeister, eine logische Erklärung: „Hier bei uns in Les Cayes oder auch den anderen Städten im haitianischen Südwesten ist die Bebauungsdichte nicht so extrem hoch wie in der Region um Port-au-Prince, wo die Menschen beim Erdbeben von 2010 vor allem in den wie Dominosteine zusammenbrechenden Armenvierteln an den steilen Hängen nicht den Hauch einer Chance hatten, sich aus ihren einstürzenden Häusern zu befreien.“

Unübersehbare Verwüstung

Anders als 2010 hielten diesmal – zumindest in Les Cayes – die älteren, im traditionellen kreolischen Baustil mit viel Holz und Fachwerkelementen gebauten Häuser dem Beben besser stand. Trotzdem sind die Schneisen der Verwüstung unübersehbar. Überall stand in der Stadt mit dem drittgrößten Hafen Haitis das Wasser auf den Straßen, weil durch das Beben das Grundwasser an die Oberfläche gedrückt worden war. Auf den Straßen gab es kein Durchkommen mehr, weil sich die Menschen in Panik im Freien drängten. Und nach und nach wurde dann auch schmerzhaft deutlich, welche Schäden das Beben an der Infrastruktur, Straßen, Brücken, Strom- und Wasserleitungen und öffentlichen Gebäude, angerichtet hatte. Auch die durch Hurrikan Matthew im Oktober 2016 zerstörte – und mit Kindernothilfe-Unterstützung komplett wieder aufgebaute Berufsschule von Port-à-Piment – trug erneut schwere Schäden davon.

Nach dem Erdbeben im August 2021 sehen die Straßen aus, als wären sie mit einer Zackenschere auseinandergeschnitten worden. (Reinhard Schaller)
Nach dem Erdbeben im August 2021 sehen die Straßen aus, als wären sie mit einer
Zackenschere auseinandergeschnitten worden. (Reinhard Schaller)

Besonders verheerende Zerstörungen gab es im bergigen Hinterland von Les Cayes – entlang der Route Nationale 7, der neugebauten Verbindungstraße nach Jérémie. Hier wurden durch vom Erdbeben ausgelöste Bergrutsche ganze Dörfer mitgerissen und viele Menschen verschüttet. Reinhard Schaller, der diese Region auf seinem Motorrad erkundete, berichtet von einer Hirtengruppe aus 19 jungen Leuten, die morgens um 6 Uhr mit ihren Tieren aufgebrochen waren und von denen nur zwei überlebten: „Das Beben hat hier die ganze Landschaft umgeformt, dort wo es früher einen kleinen Fluss gab, hat sich jetzt ein See gebildet.“ 

Die Macht krimineller Banden

Was in dieser Situation die Not der Menschen zusätzlich verschärft, ist die extreme politische Instabilität im Land. Am 7. Juli war Haitis Präsident Jovenel Moïse von einem Söldnerkommando aus Kolumbianern und in den USA lebenden Haitianern in seiner Residenz ermordet worden, nachdem sich bereits seit Monaten der Verdacht auf seine Verbindungen zu kriminellen Banden, die inzwischen nicht mehr nur die Armenviertel von Port-au-Prince, sondern auch Wohnviertel der Wohlhabenden terrorisieren, immer mehr erhärtet hatte. Mittlerweile ermitteln Teile der Justiz auch gegen Interims-Premierminister Ariel Henry wegen des Verdachts auf direkte Kontakte zu den Drahtziehern des Attentats. Wie groß die Macht der mit modernsten Waffen ausgerüsteten kriminellen Banden inzwischen ist, zeigte sich darin, dass in den Tagen nach dem Erdbeben mehrere Hilfsgüter-Konvois, die von der Hauptstadt Port-au-Prince in das Katastrophengebiet im Südwesten des Landes starteten, abgefangen und ausgeraubt wurden. Nur auf dem Luftweg und mit Schiffen gelangten die ersten Hilfsgüter nach Les Cayes und Jérémie. Erst, nachdem die Polizei mit den Bandenchefs „humanitäre Passierscheine“ aushandelte, gelang es auch über die Straße, medizinische und andere Versorgungsgüter in die vom Erdbeben betroffenen Gebiete zu bringen. Zumindest ein Problem scheint den Menschen in Haiti bislang erspart geblieben zu sein: Die Corona-Fallzahlen sind weiterhin erstaunlich niedrig. Offiziell gab es bislang nur 22.000 Infizierte und 611 Tote. Die Vermutung: Nach so vielen schweren Epidemien in der Vergangenheit, ist die Immunabwehr einfach sehr hoch.

Kinderzentren als Lichtblick im Chaos

Der Kindernothilfe-Vorstand bewilligte bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben 100.000 Euro als Soforthilfe, mit denen Partnerorganisationen vor Ort mit dem bewährten Instrument der Child Friendly Spaces (CfS) – also Kinderzentren, die den Schutz und die Versorgung von Kindern im Katastrophengebiet mit pädagogischen Initiativen kombinieren, arbeiten können. Von Kindernothilfepartnern organisierte CfS hatten sich bereits nach dem Erdbeben vom Januar 2010, aber auch nach der Hurrikan Matthew-Katastrophe als äußerst wirkungsvolle Instrumente erwiesen, um Kindern inmitten der Verwüstungen und Zerstörungen über die traumatischen Belastungen hinweg zu helfen und die Zeit, bis in den Schulen wieder gearbeitet werden kann, zu überbrücken. 

In den Kinderzentren können Mädchen und Jungen für einige Stunden mit Sport, Malen, Singen und Spielen das Chaos um sie herum vergessen (Jürgen Schübelin)
In den Kinderzentren können Mädchen und Jungen für einige Stunden mit Sport, Malen, Singen und Spielen das Chaos um sie herum vergessen (Jürgen Schübelin)

Die beiden Kindernothilfe-Partnerorganisationen Service Jésuite aux Migrants (SJM) und die Fédération des Ecoles Protestantes D'Haïti (FEPH) legen den Finger aber in die noch viel größere Wunde: „Unsere Soforthilfe vor Ort reicht leider nicht aus“, schrieb das SJM-Team nach Duisburg, „um Haiti und seinen Menschen aus der Negativspirale der letzten Jahre herauszuhelfen, braucht es strukturelle Veränderungen.“ Das Land im Dauer-Krisen- und Chaos-Modus, benötige endlich soziale, politische und wirtschaftliche Stabilität. Für die Verantwortlichen von FEPH ist darüber hinaus klar, dass dafür „ein Mentalitätswandel, ein neues Denken und Handeln unabdingbar sind“. Deshalb setzt dieser Partner seit vielen Jahren darauf, Kinder und ihre Familien bewusst auf mögliche Katastrophen- und Risikosituationen vorzubereiten, Überlebensstrategien zu üben, um zu verhindern, dass im Moment von Naturkatastrophen und Krisen Kinderrechte und der Schutz von Kindern vor Gewalt mit unter die Räder geraten.