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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

17. November 2020

„Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte“

Die schrecklichen Bilder der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut gingen unmittelbar um die Welt. Genauso schnell folgte eine Welle der Solidarität – mit weltweiten Spendenaufrufen für die Menschen im Libanon. Mit den eingenommenen Spendengeldern unterstützt die Kindernothilfe die Arbeit ihrer Partnerorganisationen vor Ort. Damit können sie Kindern und ihren Familien in dieser Notsituation helfen und sie schützen. So etwa auch Marc, neun Jahre alt, der die traumatisierenden Minuten in Beirut miterlebt hat und nun therapeutische Hilfe bekommt.

Grauschwarze Rauchwolken steigen am Hafen von Beirut empor. Sie kommen aus einer großen Lagerhalle. Blitze sind zu sehen. Es brennt. Wenige Sekunden später dann die schreckliche Katastrophe: Eine gewaltige, ohrenbetäubende Explosion erschüttert Beirut. Eine pilzförmige Rauchwolke bedeckt den blauen Himmel. Die Videos und Bilder von Augenzeugen, die diese Explosion am frühen Abend des 4. August gefilmt haben, gingen sofort um die Welt. 

Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)
Marc berichtet vom Abend der Explosion in Beirut. (Foto: ALPHA Association)

„Ich habe im Zimmer meiner Eltern Videospiele gespielt. An dem Tag war es sehr heiß. Deswegen waren alle Fenster geschlossen, und die Klimaanlage war eingeschaltet. Als dann die erste Explosion kam, dachte ich, es sei ein schweres Erdbeben. Das Gebäude wackelte hin und her. Bei der zweiten Explosion sind alle Fenster zersprungen. Das kaputte Glas lag überall auf dem Boden und dem Bett. Ich fing an zu schreien, weil ich solche Angst hatte. Ich wusste nicht, was los war. Meine Mutter und meine beiden ältesten Schwestern haben mich gepackt, und wir sind schnell zu unseren Nachbarn im Erdgeschoss gerannt, um uns zu verstecken. Aber auch in der Wohnung lag überall Glas, die Türen und Möbel waren kaputt. Als mein Vater später am Abend nach Hause kam, sind wir zurück in unsere Wohnung gegangen und haben angefangen, aufzuräumen.“

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land

190 Menschen haben an diesem Abend ihr Leben verloren, über 6.000 wurden verletzt. Viele Menschen gelten weiterhin als vermisst. Etwa 300.000 Einwohner haben in wenigen Sekunden ihr Zuhause verloren. Auch 120 Schulen, die von 55.000 libanesischen und nicht-libanesischen Kindern genutzt werden, wurden stark beschädigt. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass 2.750 Tonnen konfisziertes Ammoniumnitrat explodiert sind, die bereits seit sechs Jahren dort kaum gesichert gelagert wurden.

Die Katastrophe trifft ein bereits angespanntes Land. Covid-19 wütet seit Monaten im Libanon, und schon vor der Explosion stiegen die Zahlen der Infizierten und Toten in die Höhe. Die Gesundheitsversorgung war labil, und die Intensivstationen der Krankenhäuser waren ohnehin schon an ihren Kapazitätsgrenzen. Die Explosion hat nun viele Kliniken teilweise oder komplett zerstört. In der Notsituation konnten draußen auf den Straßen die Abstandsregeln kaum noch eingehalten werden. Hinzu kommt eine schon lange herrschende starke Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Menschen in die Verzweiflung treibt. Die Wut über die Regierung ist groß – das zeigten auch die unmittelbaren Proteste in der Stadt gegen die Regierung, die nach einigen Tagen zurücktrat.

Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)
Schnelle Hilfe nach der Explosion. (Foto: AMURT)

Wichtige Hilfe für traumatisierte Kinder

„Ein paar Nächte konnte ich nicht alleine in meinem Bett schlafen. Ich hatte sehr viel Angst. Ich habe dann bei meinen Eltern geschlafen, bin aber immer wieder aufgewacht, weil ich schlecht geträumt habe. Meine Familie hat sich ein paar Tage später dazu entschieden, ein Haus in einem Dorf in den Bergen zu mieten, damit ich nicht mehr so viel Angst habe. Die Stimmung in der Stadt war sehr traurig. Seit ich im Dorf bin, geht es mir ein bisschen besser. Ich habe ein paar Narben. Jedes Mal, wenn ich ein lautes Geräusch höre, zittere ich am ganzen Körper und renne zu meinen Eltern.“

„Ich versuche, mehr und mehr von diesem Tag zu vergessen. Das Leben der Kinder, die ich in Disney-Filmen sehe, scheint viel einfacher zu sein als meins. Vergangenes Jahr haben wir noch im Park gespielt und geschaukelt. Ich vermisse meine Freunde. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. In der Stadt konnte ich mit meinen Freunden immer noch per WhatsApp schreiben. Aber hier ist das Internet sehr schlecht.“

Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)
Die Kinder bekommen professionelle Hilfe, das Erlebte richtig zu verarbeiten. (Foto: AMURT)

„Meine Schule wurde durch die Explosion schwer beschädigt. Die Wände sind eingestürzt und Fenster zerbrochen. Eine Lehrerin war ausgerechnet am Abend der Explosion in der Schule. Eine Mauer ist auf sie gefallen, und sie ist gestorben. Die Schulen sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Wäre sie geöffnet gewesen, wären viele von uns gestorben. Ich weiß noch nicht, wie das nächste Schuljahr sein wird. Ich hoffe, ich darf dann wieder zum Unterricht gehen und meine Freunde wiedersehen."

Unser Partner ALPHA Association erhält Unterstützung für seinen Solidaritätsfond, damit 300 Familien ihre zerstörten Wohnungen und Häuser soweit reparieren können, dass diese wieder bewohnbar sind. Unser Partner AMEL bekommt von uns eine finanzielle Unterstützung für seinen Solidaritätsfonds, aus dem medizinische Beratung, Erstversorgung, Medikamente sowie Wasser und Nahrungsmittel inklusive Obst und Gemüsekörbe finanziert werden.
Die Organisation AMURT Lebanon, mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten, nutzt das Geld für ein Projekt zur psychosozialen Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. Außerdem stellt dieser Partner zielgruppengerechtes Lehrmaterial wie Videos zu mentaler Gesundheit und Traumabewältigung für eine Online-/TV-Sensibilisierungskampagne zur Verfügung.
Der vierte Partner Connect Children Now (CCN/DCI) ermöglicht individuelle, psychosoziale Therapie für traumatisierte Kinder. Zudem zeigen Mitarbeitende des Projektes den Eltern, wie sie nach der Katastrophe die psychische Gesundheit ihrer Kinder schützen können. Außerdem klären sie über Covid-19 auf und wie sie eine Ansteckung vermeiden können.