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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

14. August 2019

Im Sinne der Kinderrechte: Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsbürgerschaft!

Art. 7 und 8 der UN-Kinderrechtskonvention schreiben fest, dass jedes Kind das Recht auf Staatsangehörigkeit und Identität hat. Trotzdem ist das Problem der Staatenlosigkeit im südostasiatischen Länderdreieck Thailand –Laos –Myanmar nach wie vor besonders stark verbreitet. Speziell die Situation von Kindern ohne Dokumente und Nachweise ist eine oft Tragische. 

Gai erzählt von seinem Weg zu einer thailändischen Staatsbürgerschaft (Foto: Baan Doi)

Gai erzählt von seinem Weg zu einer thailändischen Staatsbürgerschaft (Foto: Baan Doi)

Gai (Name geändert) wurde in Mae Sai in Thailand geboren. Seine Mutter stammte aus China und war während der politischen Unruhen im Süden von China illegal nach Thailand eingewandert. Den Vater hatte die Mutter später als unbekannt angegeben. Da sie ihren Sohn zuhause zur Welt brachte, wurde seine Geburt bei den thailändischen Behörden nicht registriert. Obwohl in Thailand geborgen, war er staatenlos. Er besaß keine Geburtsurkunde, keinen Reisepass, keinerlei Dokumente, die seine Identität hätten nachweisen können. Somit hatte Gai zunächst keine Möglichkeit, die thailändische Staatbürgerschaft zu erlangen. Im Alter von neun Jahren bekam er eine Aufenthaltsbewilligung. Damit durfte er sich im Bezirk Mae Sai aufhalten und mit anderen Thai Kindern die staatliche Schule besuchen. Wenn er sich außerhalb von Mae Sai bewegen wollte, musste er dafür eine Bewilligung beantragen. Außerdem hatte er als Staatenloser keinen Anspruch auf medizinische Versorgung und Sozialleistungen. Als Kind dachte Gai nicht viel darüber nach. Er wusste, dass er keine thailändische Staatbürgerschaft hatte, aber nicht, was dies genau bedeutete. Gai war immer ein sehr guter und fleißiger Schüler. Die Lehrer unterstützten ihn daher, eine Staatsbürgerschaft zu beantragen, denn nur so hatte er die Chance auf eine gute höhere Ausbildung. Mit viel Unterstützung seitens der Lehrer und der Beharrlichkeit von Gai schafft er es als einziger Schüler ohne thailändische Staatsbürgerschaft, das Gymnasium der Stadtgemeinde in Chiang Rai zu besuchen. Sein großer Traum war es Lehrer zu werden. Zu dem Zeitpunkt,  zu dem er das Gymnasium abgeschlossen hatte, war es aber nur für Thailänder möglich, ein Lehramtsstudium zu absolvieren. Gai studierte deshalb zunächst Mathematik. Im Jahr 2008 kam es dann zu einer Gesetzesnovellierungen, die es in Thailand geborenen Kindern erlaubte, die Staatsbürgerschaft zu beantragen —allerdings nur mit einem Bachelor-Abschluss in der Hand. Das war Gais Chance! Er machte daraufhin das Lehramtsstudium an der Universität Phayao, wo es die Möglichkeit auch für Nicht-Thailänder gab. Ob er ohne Staatsbürgerschaft eine Stelle als Lehrer nach dem Studium bekommen würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Das hinderte den zielstrebigen jungen Mann allerdings nicht daran, seine Ausbildung gewissenhaft und erfolgreich zu absolvieren. Danach kam es wie befürchtet. Gai fand keine fixe Arbeit, dafür aber eine Praktikumsstelle an einer Schule in Mae Sai. Jetzt nahm Gai seine Zukunft nochmals selber in die Hand: Als erstes galt es zu beweisen, dass er in Thailand geboren wurde. Dazu mussten Zeugen beigebracht und ein DNA Test gemacht werden. Allein dieser kostete umgerechnet über 500 Euro. Für viele staatenlose Familien ein Vermögen, das sie nicht aufbringen können, und daher an dieser Stelle aufgeben. Auch wenn sie das Recht hätten, eine Staatsbürgerschaft zu beantragen, können sie es einfach nicht finanzieren. Gai hatte zum Glück die finanziellen Mittel, musste aber fünf Monate auf seine DNA Testergebnisse warten. Dann erst konnte der offizielle Antrag gestellt werden. Nochmals war viel Geduld gefragt. Ganze zwei Jahre musste Gai warten bis alles von offizieller Seite bearbeitet und genehmigt war und er endlich seine thailändische Identitätskarte in den Händen halten konnte. Und danach bekam er auch seinen lang ersehnten Job als Lehrer. Obwohl Gai in Thailand geboren wurde, erhielt er erst mit 26 Jahren dank der Unterstützung von verschiedenen Seiten, viel Beharrlichkeit und Geduld die thailändische Staatsbürgerschaft. Nach vielen Jahren Diskriminierung und Entbehrungen konnte er letztendlich seinen Traum, Lehrer zu werden, verwirklichen.

Baan Doi - Kinderhaus am Schönen Berg: Hier finden staatenlose Waisenkinder ein neues Zuhause (Foto: Jakob Studnar)

Baan Doi – Kinderhaus am Schönen Berg: Hier finden staatenlose Waisenkinder ein neues Zuhause (Foto: Jakob Studnar)

Baan Doi – das Kinderhaus am Schönen Berg: Ein Ort der Hoffnung für staatenlose Kinder

BAAN DOI ist eine von wenigen Organisationen in der Provinz Chiang Rai, die sich auch um Kinder kümmert, die keine thailändische Staatsbürgerschaft haben. Vor allem in den Bergen der nord-thailändischen Provinz Mae Hong Son leben ethnische Minderheiten, die aufgrund ihrer Herkunft staatenlos sind. Rund 500.000 von ihnen besitzen keine Dokumente, die beweisen, dass sie oder ihre Eltern in Thailand geboren wurden. Zudem kommen Einwanderer aus Laos und Myanmar, die aufgrund der politischen oder wirtschaftlichen Situation ihre Heimatländer verlassen haben. Menschen, die keine thailändischen Bürger sind und weder auf die normalen Dienstleistungen noch die Unterstützungen des Staates hoffen können, sind meist von extremer Armut und Hoffnungslosigkeit betroffen. Zudem sind ihre Rechte auf Bildung, medizinische Versorgung und Sozialleistungen eingeschränkt. Auch hier setzt BAAN DOI an und unterstützt aktuell 46 Familien im Familienförderprogramm. Damit ist garantiert, dass die Kinder eine Schulausbildung bekommen und medizinisch versorgt sind. Die BAAN DOI MitarbeiterInnen kümmern sich außerdem darum, dass die Kinder zu den notwendigen Dokumenten kommen, um eine thailändische Staatsbürgerschaft beantragen zu können. Dies ist mit viel Aufwand und Hürden verbunden, aber es ist das Recht jedes Kindes und eine wichtige Voraussetzung für seine positive Zukunft. Was es bedeutet staatenlos zu sein, und mit welchem Aufwand die Beantragung einer Staatsbürgerschaft verbunden ist, zeigt das Beispiel von Gai.