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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

5. April 2021

Corona und die Kinder der Armut

Die Corona-Pandemie trifft weltweit die Kinder am härtesten, die ohnehin schon in großer Armut leben. Die Zahl der Hungernden wächst und die Situation von Kinderarbeitern verschlechtert sich.

Maria träumt von einem kleinen Laden, sie möchte Wassereis verkaufen, philippinische Süßigkeiten und Pommes Frites - „um meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“. Die 15-Jährige von den Philippinen hat ihren Traum aufgezeichnet, so ist er greifbarer – in einer Zeit, in der gar nichts mehr greifbar, nichts mehr planbar ist. „Ich wünschte, ich könnte mit dem Verkauf dieser Dinge Geld verdienen, um meiner Familie zu helfen.“

Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.
Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.

Corona hat Kinder auf der ganzen Welt in große Not gestürzt – vor allem die, die schon vorher in extremer Armut gelebt haben. „Die Covid-19-Pandemie hat starken Einfluss auf das Leben von Kindern und Jugendlichen weltweit und wirkt sich negativ auf Grundrechte wie das Recht auf Bildung, Gesundheit und Nahrung aus.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Kindernothilfe, die 2020 in Zusammenarbeit mit sechs lokalen Kinderrechtsorganisationen aus Bolivien (PASOCAP), Guatemala (CEIPA), Indonesien (PKPA), Kenia (WCY), den Philippinen (Kaugmaon) und Sambia (JCM) umgesetzt wurde. Mittels Befragungen, Zeichnungen - wie eben der von Maria - und Texten wurden über mehrere Monate hinweg Ansichten, Erfahrungsberichte und Botschaften von arbeitenden Kindern und Jugendlichen und ihren Familien zusammengetragen.

In vielen Ländern gelten Lockdowns und Ausgangssperren – und das schon seit vielen Monaten. Die dramatische Folge: In den ohnehin schon von großer Armut betroffenen Familien ist das Einkommen weiter gesunken. Einige Eltern hatten zuvor mehr als eine Einkommensquelle, doch die Pandemie hat dazu geführt, dass sie entweder arbeitslos geworden sind oder ihr Einkommen um bis zu 50 Prozent geschrumpft ist. Für die Familien bedeutet das vor allem eines: Sie haben nicht mehr genug zu essen.

Der Hunger ist allgegenwärtig

„Ich habe Angst, Corona zu bekommen und zu verhungern, weil es kein Essen gibt“, schreibt eine 15-jährige Haushaltshilfe aus Kenia im Rahmen der Studie. „Wenn wir Arbeit haben, haben wir gutes Essen. Aber wenn nicht, dann essen wir einfach alles, was wir kriegen können oder lassen Mahlzeiten aus“, berichtet ein 16-jähriger Müllsammler von den Philippinen. Und eine elfjährige Haarflechterin aus Sambia lässt ihre Verzweiflung durchklingen: „Das wenige Geld, das wir hatten, haben wir schon immer für Essen ausgegeben. Jetzt aber sind wir komplett von meinem Onkel abhängig, der nicht einmal seine eigenen Grundbedürfnisse abdecken kann.“

Laut Welternährungsprogramm besteht für mindestens 346 Millionen Kinder weltweit, für die zuvor Mahlzeiten in der Schule eine verlässliche tägliche Nahrungsquelle waren, aufgrund der Coronakrise jetzt große Gefahr für Mangelernährung und andere Erkrankungen. Zentrale Erkenntnis der Kindernothilfe-Studie: Die Ernährung arbeitender Kinder und ihrer Familien hat sich durch die Pandemie wesentlich verschlechtert. Kindernothilfe-Partnerorganisationen berichten von Kindern, die wochenlang nur Reis zu sich nehmen oder Gemüse von Plantagen stehlen, um etwas zu essen zu haben.

Die Seele leidet

Dazu mischt sich bei vielen Jugendlichen das schlechte Gewissen: „Seit Corona arbeite ich nicht mehr. Ich kann nicht helfen, meine Familie zu versorgen und kann nicht kaufen, was wir daheim brauchen“, bringt ein 15-jähriger Grabsteinreiniger von den Philippinen seine Sorgen auf den Punkt.

Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)
Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)

Durch die Pandemie leiden auch die Seelen der Kinder. In Kenia wird ein Anstieg der Suizidrate bei arbeitenden Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Viele der Befragten müssen noch schwerere Arbeit leisten und sind von ausbeuterischer Kinderarbeit bedroht. Von den Philippinen häufen sich Berichte über Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung werden. Und aus Bolivien meldet der Kindernothilfe-Projektpartner PASOCAP einen Anstieg häuslicher Gewalt. „Ich höre meine betrunkene Mutter und wie meine Großeltern mit ihr streiten, weil sie nicht aufhört zu trinken“, erzählt ein elfjähriger Feldarbeiter aus Guatemala. Vor der Pandemie waren alle Familienmitglieder durch Arbeit, Schule oder andere auswärtige Verantwortungen eingespannt. Durch die viele Zeit zu Hause steigt auch die Gefahr der Konflikte.

Keine Schule mehr

„Ich habe aufgehört, zur Schule zu gehen. Man ist einfach die ganze Zeit daheim“, schreibt eine elfjährige Straßenverkäuferin aus Sambia die Situation auf den Punkt. Nach offiziellen Angaben sind etwa 1,6 Milliarden schulpflichtige Kinder in mehr als 190 Ländern von den Schulschließungen durch die Corona-Pandemie betroffen. Unter ihnen ein hoher Anteil von Mädchen, die vielleicht nie mehr in ihre Klassen zurückkehren werden.

Diese Entwicklung bestätigt auch die Kindernothilfe-Studie. Durch fehlende technische Möglichkeit haben viele Kinder kaum Zugang mehr zu Bildung. Distanzunterricht ist gerade in den ärmsten Regionen der Welt schlicht unmöglich. „Beim Homeschooling geben uns die Lehrer unsere Hausaufgaben übers Internet. Leider haben meine Eltern und ich kein Geld für mobile Daten. Deshalb gehe ich zu einer Bäckerei in der Nachbarschaft, um vom Parkplatz aus das kostenlose WLAN zu nutzen“, berichtet ein 16-jähriges Mädchen aus Indonesien. Computer, Smartphones oder Internetanschluss können sich viele Familien nicht leisten – wenn es sie denn überhaupt gibt. „Wir bekommen keinen Unterricht, weil die Gemeinde keinen Computer hat“, klagt ein 12-jähriger Textilarbeiter aus Guatemala. Und ein Bäckergehilfe aus seinem Nachbarort ergänzt: „Meine Arbeit hat wenigstens geholfen, die Schulgebühren zu zahlen.“ Viele Eltern können dieses Geld nun nicht mehr aufbringen.

Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)
Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)

Tatsächlich schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, dass mittlerweile mehr als 463 Millionen Kinder weltweit für schulische Bildung nicht mehr erreichbar sind. Ein Teufelskreis: Denn ohne einen Schulabschluss bleibt nur die Arbeit in ausbeuterischen Verhältnissen. „Wir gehen jetzt täglich mit meiner Mutter zur Arbeit. Sie ist Maurergehilfin und ich arbeite mit ihr. Wir nehmen auch meinen achtjährigen Bruder mit, weil er nicht alleine zu Hause bleiben kann“, erzählt eine Zehnjährige aus Guatemala. So sind alle Tage gleich. Und abends sei sie dann immer „sehr müde“.

Hier versucht die Kindernothilfe, die größte Not zu lindern. Mit Lebensmittelpaketen, medizinischer Versorgung, Hygieneschulungen und Hausbesuchen, die unter strengen Corona-Vorschriften möglich sind, werden die Familien in den Projektgebieten betreut. Um den Weg durch diese Pandemie zumindest ein wenig zu erleichtern.