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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

1. Mai 2021

Klimawandel: Mehr als nur ein Umweltproblem

Für Millionen von Menschen weltweit ist der Klimawandel keineswegs nur ein Umweltproblem. Denn wenn Lebensunterhalt, oder gar Überleben, von Land und natürlichen Ressourcen abhängig sind, wird er auch zu einem sozioökonomischen und politischen Problem. Wie im Zentralamerikanischen Trockenkorridor (CADC).

Armut verschärft die Folgen von immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen. (Foto: Jürgen Schübelin)
Armut verschärft die Folgen von immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen. (Foto: Jürgen Schübelin)

Zentralamerika gehört zu jenen Regionen der Welt, die am stärksten den Risiken von Naturkatastrophen und Klimaschwankungen ausgesetzt sind. Der sogenannten Dry Corridor (CADC) mit fast 30 Prozent der Gesamtfläche und auch der größten Bevölkerungsdichte des Subkontinents ist besonders betroffen. Wiederkehrende Dürreperioden in Verbindung mit übermäßigen Regenfällen und schweren Überschwemmungen beeinträchtigen die Lebensgrundlagen der ländlichen, vorwiegend indigenen Einwohnern erheblich. Ernährungsunsicherheit, unzureichendes Einkommen, Rückgang der lokalen Nahrungsmittelproduktion, fehlende Beschäftigung und erzwungene Migration sind einige der negativen Folgen. Diese treffen vor allem die oft bereits marginalisierten Gruppen, die aufgrund ihrer prekären sozioökonomischen Bedingungen ohnehin schon verwundbar sind, unverhältnismäßig stark. Besonders Frauen, Mädchen und Buben zählen zu den Leidtragenden und bekommen die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren. Oft bleibt kein anderer Ausweg als die Flucht.

In dieser Region gibt es auch eine andere Art von Konvergenz: extreme Klimaereignisse wie die jüngsten Hurrikane Eta und Iota, tropische Stürme und Dürre, die die Region, ihre Menschen und letztlich auch ihre Volkswirtschaften sozial, wirtschaftlich, ökologisch und politisch verwundbar machen. Die Ausdehnung von Mega-Entwicklungsprojekten, extraktiven Industrien auf meist indigenem Land und die Landrechte von Kleinbauern, Hand in Hand mit Bandengewalt, sind ebenfalls nicht zu vernachlässigende Faktoren, die zur Vertreibung beitragen.

Dies unterscheidet sich kaum von den nur allzu bekannten, traditionellen Flüchtlingssituationen, in denen Konflikte die vorherrschende Armut, Ausgrenzung und Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen verschlimmern und die Menschen zur Flucht zwingen.

Klimamigration ist für viele Menschen im Zentralamerikanischen Trockenkorridor der einzige Ausweg. (Foto: Jakob Studnar)
Klimamigration ist für viele Menschen im Zentralamerikanischen Trockenkorridor der einzige Ausweg. (Foto: Jakob Studnar)

Die anhaltenden Klimaveränderungen und die daraus resultierenden Herausforderungen werden von Migranten oft als Grund für ihre Vertreibung genannt. Denn wenn Ernteausfälle, die durch immer kleiner werdende Parzellen nicht wettgemacht werden können, zu nachhaltigen Verlusten führen, schrumpft ihre Existenzgrundlage. Bis nichts mehr da ist.

Klimamigration

So viel über "Klimamigration" auch bekannt ist, ist doch eigentlich immer noch sehr wenig. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass es keinen einzelnen Treiber für die Bewegung gibt, der allein dem "Klimawandel" zugeschrieben werden kann. Stattdessen verschärft der Klimawandel die zugrunde liegenden Spannungen und trägt zu sozialen Verwerfungen bei.

In akuten Katastrophensituationen können Menschen aus der Gefahrenzone gebracht werden, um ihr Leben zu retten. Aber es sind ihre Schutzbedürfnisse angesichts der erhöhten Häufigkeit von Katastrophen sowie vor, während und nach einer Katastrophe, die zu einer veränderten Migrationsdynamik geführt haben. Und Länder und ihre rechtspolitischen Systeme weltweit vor neue Herausforderungen stellt.

Denn viele Migranten, die aus dem mittelamerikanischen Trockenkorridor fliehen, sind wahrscheinlich sowohl Asylsuchende im Sinne des internationalen Flüchtlingsrechts als auch durch den Klimawandel vertriebene Personen - eine Kategorie, die in diesem Rechtsbereich nicht geschützt ist.

Klimagerechtigkeit - soziale Gerechtigkeit

Zentralamerikas Ärmste, Marginalisierte und Indigene sind sinnbildlich für ein globales Phänomen, das der Klimawandel darstellt: die Überschneidung von Klimawandel und ethnische Zugehörigkeit.

Die Klimakrise wirkt sich unverhältnismäßig stark auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen aus, von denen viele vertrieben oder zur Migration gezwungen werden. Sie hatten jahrelang ungleichen Zugang zu Chancen und litten unter den Lücken in den Menschenrechten.

Philip Alston, der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, stellte in seinem Bericht über Klimawandel und Armut fest, dass die Entwicklungsländer 75 bis 80 Prozent der finanziellen Kosten und Verluste im Zusammenhang mit der Klimakrise tragen werden. Und das, obwohl sie nur 10 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen verursachen. Das führt dazu, dass diejenigen, die in extremer Armut leben, nun auch unter extremen Wetterbedingungen leben.

Vor allem für die indigene Bevölkerung in Guatemala und Honduras ist der Klimawandel mehr als nur ein Umweltproblem. (Foto: Jakob Studnar)
Vor allem für die indigene Bevölkerung in Guatemala und Honduras ist der Klimawandel mehr als nur ein Umweltproblem. (Foto: Jakob Studnar)

Er warnte auch vor einer zunehmenden Spaltung, dem Risiko einer "Klima-Apartheid". Dabei entgehen die Wohlhabenden den negativen Auswirkungen des Klimawandels während die Folgen unverhältnismäßig von ausgegrenzten Gruppen getragen werden müssen. Neu ist das nicht. Schon jetzt müssen schwarze Gemeinden in den USA häufiger mit höheren Risiken durch Luftverschmutzung leben. Auch schwarze Mütter sind stärker von den mit dem Klimawandel verbundenen Schwangerschaftsrisiken betroffen.

Umweltrassismus

Diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass ein stärkerer Zusammenhang zwischen ethnischer Zugehörigkeit und Umweltschadstoffen als zwischen Armut und Umweltschadstoffen besteht. Aktivisten für Umweltgerechtigkeit und indigene Rechte artikulieren diese systemische Natur des Umweltrassismus schon seit längerem. Sie waren es auch, die die internationale Thematisierung der Verflechtung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Faktoren am Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro, Brasilien, auslösten. Und letztendlich dazu beitrugen, die Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zum Klimawandel (UNFCCC) zu gründen.

Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Welt im November zu einer weiteren UNFCCC-Vertragsstaatenkonferenz - COP 26 - in Glasgow, Schottland, versammeln, werden sie wahrscheinlich sagen, dass der Klimawandel alle betrifft, und dabei Gefahr laufen, zu vergessen, dass er nicht alle gleichermaßen betrifft. Sie mögen von Lösungen sprechen, die den Betroffenen der Welt "Würde" geben, als ob Würde etwas wäre, was sie nie hatten. Sie mögen Bilder von kriegsversehrten Flüchtlingen projizieren, als ob dies eine akkurate Darstellung der Überschneidung von Klima und Vertreibung wäre. Sie mögen von klimabedrohten Bevölkerungsgruppen als arm und mittellos sprechen, wenn in Wirklichkeit arm relativ ist und diejenigen, die Optionen haben, erschöpft sind und ihnen schnell der Kampf und die Lösungen ausgehen.

Dabei versäumen sie allerdings, die Auswirkungen des Klimas auf ganze Gesellschaften zu verstehen. Die Armen, die Verwundbaren, die Marginalisierten sind in Wirklichkeit die, die systematisch zurückgelassen werden, die Unterdrückten und die Entrechteten. Da die Emissionen weiterhin ungebremst sind, der Planet sich erwärmt und die Auswirkungen diese Gruppen von Menschen unverhältnismäßig bestrafen, bleibt nicht viel Zeit, dass die Führer der Welt das richtig machen.