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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

20. Januar 2020

Klimawandel verschärft das Risiko der Kinderehe

Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)
Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)

Filomena (15), eine Fischerstochter aus einem Dorf in der Provinz Nampula in Mosambik wurde mit einem 21-jährigen Mann aus demselben Dorf verheiratet. Denn obwohl ihr Vater Antonio (50) der Meinung war, dass sie noch zu jung für eine Ehe war, konnte er das Angebot für seine Tochter nicht auszuschlagen: 2000 Mozambican Metical (kanpp 29 Euro) und das Versprechen, dass Filomena auch nach der Eheschließung ihr Ausbildung fortsetzen dürfte. Der 6fache Familienvater, der seit Mitte der 90er Jahre in der Fischerei tätig ist, hat dramatische Geschäftseinbußen als Folge veränderter klimatischer Bedingungen zu beklagen: „Wir sehen, dass es zu heiß ist. Wir reden darüber und sind uns alle einig, dass es aufgrund der hohen Temperaturen schwierig ist, genügend Fisch zu fangen. In den Gegenden, in denen wir früher unterwegs waren, steigt der Meeresspiegel und die Wellen sind viel stärker.“ Filomena ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater der frühen Verheiratung nicht zugestimmt hätte, wenn sein Fischereigeschäfte gut laufen würden.

Ein unausweichlicher Zusammenhang

Die Kinderehe ist ein globales Problem, das viele verschiedene sozioökonomische Gründe hat. Es zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass sich der bereits bestehende weltweite Trend der Kinderehe aufgrund des Klimawandels weiter verschärft.

Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)
Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)

Der Klimawandel führt zu steigenden Temperaturen, sich verändernden Niederschlagsmustern und zunehmenden Extremereignissen. Menschen, die von natürlichen Ressourcen, Viehbestand, Fischerei und Landwirtschaft leben, sind folglich am stärksten betroffen.

In Simbabwe ist extreme Dürre eines der am häufigsten durch den Klimawandel verursachten Phänomene. „Nach der Dürre kämpfte Emmanuel darum, seine Familie zu ernähren. Daraufhin stimmte er einer Mitgift von ein paar Ziegen für seine 15-jährige Tochter zu. Es bedeutete, einen Mund weniger zu füttern und Nahrung und Vieh für den Rest der Familie zu haben“, heißt es in einem UNICEF-Bericht, der sich der Frage widmet, wie der Klimawandel das Leben und die Zukunft unserer Kinder gefährdet und wie wir Klimarisiken in Politik und Dienstleistung integrieren müssen.

Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)
Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)

Ebenso ist in Kenia ein dramatischer Anstieg der Kinderheirat aufgrund schwerer Dürreperioden zu verzeichnen. Denn aufgrund der alarmierenden Schrumpfung des Viehbestands wird der Kinderheirat im Austausch mit Ziegen immer häufiger durchgesetzt wird.

Die AMREF Health Africa (Stiftung für Medizin und Forschung in Afrika), die größte gemeinnützige Organisation für das Gesundheitswesen in Afrika, möchte Eltern dazu bewegen, sich gegen die Verheiratung ihrer Töchter zu entscheiden und sie weiter in die Schule zu schicken. „Denn wenn sie mit der Schule fertig sind, werden sie einen Job bekommen und können dir mehr als vier Ziegen kaufen.“Stattdessen verheiratet die Mehrheit der Eltern im von Armut betroffenen Südsudan ihre Töchter im Gegenzug für Vieh im Rahmen des Bieterverfahrens. "Wer mit der höchsten Anzahl Kühe bietet, nimmt das Mädchen", so Dorcas Acen von CARE.

"Eine Tochter für ein paar Ziegen." (Foto: Christian Nusch)
"Eine Tochter für ein paar Ziegen." (Foto: Christian Nusch)

In südasiatischen Ländern verheiraten Familien, die aufgrund der Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren, Flusserosion und Stürmen mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert sind, ihre Töchter. Laut Heather Barr von Human Rights Watch (HRW) ist der Klimawandel einer der Hauptgründe, die Mädchen in südasiatischen Ländern dazu zwingen, vor dem 18. Lebensjahr zu heiraten. Besonders dramatisch gestaltet sich die Situation in den ohnehin sehr armen Gebieten, die zudem überproportional stark von Naturkatastrophen betroffen sind. "Viele der Familien hatten bereits vor der Katastrophe nicht genug zu essen. Überschwemmung oder Wirbelsturm drängten sie in einen fast unüberwindbaren Überlebenskampf, der ihnen keinen anderen Ausweg ließ, als ihre Familiengröße zu reduzieren, indem sie Ehen für junge Töchter arrangierten."

Kinderehe weltweit

Aktuelle UNICEF-Daten zeigen, dass 59% der Mädchen in Bangladesch mit 18 und 22% mit 15 verheiratet sind, während nur 4% der Buben vor dem 18. Lebensjahr heiraten. Dies ist die höchste Rate in Asien und auch eine der höchsten auf der ganzen Welt. Auch wenn Kinderehen in den letzten zehn Jahren weltweit zurückgegangen sind*, sind sie nach wie vor weit verbreitet. Weltweit wird alle 2 Sekunden ein Mädchen verheiratet, und die Gesamtzahl der in ihrer Kindheit verheirateten Mädchen beläuft sich auf 12 Millionen pro Jahr.

Eines der in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDG 5.3) festgelegten Ziele ist die Beendigung der Kinderheirat bis 2030, ohne jedoch die Fortschrittsrate zu erhöhen werden allerdings bis 2030 "mehr als 150 Millionen zusätzliche Mädchen vor ihrem 18. Geburtstags heiraten."

Der Plan adressiert den Zusammenhang zwischen Klimawandel bzw. Naturkatastrophen (und andere Katastrophen wie Konflikte, Vertreibungen, etc.) und Eheschließung von Kindern, und umfasst Maßnahmen zur Minderung dieses Risikos.

Es gibt Hoffnung

Barr appelliert an die betroffenen Regierungen, die für die Bekämpfung des Klimawandels und Naturkatastrophenschutz zuständigen Stellen an der Entwicklung und Umsetzung des nationalen Aktionsplans zur Beendigung der Eheschließung von Kindern bis 2030 zu beteiligt. Sie fordert die Regierungen außerdem auf, den Schutz vor Kinderehe in alle Regierungspläne zur Reduzierung des Katastrophenrisikos und Klimaschutzmaßnahmen mit einzubeziehen.

Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)
Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)

Aber auch auf individueller Ebene ist Initiative gefragt: „Wenn wir kleine Schritte unternehmen, wie zum Beispiel das Bewusstsein der Einzelpersonen und der Gemeinschaft zu stärken, um die gängigen Best Practices zum Schutz der Umwelt anzuwenden, könnte dies den Fortschritt der größeren Veränderungen, die wir auf globaler Ebene sehen wollen, dramatisch beschleunigen.“

So wie Smriti (19) aus dem Bezirk Barisal in Bangladesch, die mit YouthNet for Climate Justice zusammenarbeitet. Die junge Frau ist in ihrer Gemeinde unterwegs, um ein Bewusstsein für die globale Erwärmung und den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kinderehe-Risiko. "Es ist schwer, Leute zu finden, um darüber zu sprechen, aber oft gehe ich in einen Teeladen oder halte eine Gruppe von Leuten auf und engagiere sie auf diese Weise."

* Die größten Fortschritte wurden in Südasien beobachtet, wo das Risiko, dass ein Mädchen im Kindesalter heiratet, von etwa 50% auf 30% gesunken ist.