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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

13. April 2020

Lateinamerika hat kaum Abwehrkraft gegen das Coronavirus

Überfüllte öffentliche Krankenhäuser sind in Lateinamerika auch ohne Epidemien weit verbreitet. Lange Wartezeiten und die Notwendigkeit, medizinische Ausgaben aus der eigenen Tasche zu decken, sind erschreckende Normalität.

Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind stark gefährdet. (Foto: Integralatampost / IPS)
Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind stark gefährdet. (Foto: Integralatampost / IPS)

Die Gesundheitssysteme in Lateinamerika, die bereits jetzt kaum ausreichende Versorgung speziell der ärmeren Bevölkerungsschichten gewährleisten können, sind bei der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie stark gefährdet. Geringe Gesundheitsbudgets und eine relative Knappheit an Krankenhausbetten sind Indikatoren dafür, dass die meisten Länder in der Region keinen universellen Zugang zu medizinischer Versorgung garantieren und Gefahr laufen, von dem neuartigen Coronavirus überwältigt zu werden. "Selbst in gut organisierten und robusten Gesundheitssystemen sind die Herausforderungen einer Pandemie schnell zu spüren. Dies gilt umso mehr für schwache Strukturen so wie sie in weiten Teilen Lateinamerikas zu finden sind.“, sagte der frühere venezolanische Gesundheitsminister José Félix Oletta (1997-1999).

Wenn man in einer Epidemie zurückfällt, wird es zum Chaos kommen.

José Félix Oletta

Laut Pan American Health Organization (PAHO) haben von den 630 Millionen Menschen in Lateinamerika und der Karibik rund 30% keinen regelmäßigen Zugang zu Gesundheitsdiensten, hauptsächlich aufgrund von geografischen oder Einkommensrestriktionen. Diese Zahl entspricht dem Anteil der in Armut lebenden Menschen in der Region, den die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) mit 185 Millionen beziffert. Davon sind über 10% - 68 Millionen Menschen - von extremer Armut betroffen.

Geben die Staaten zu wenig für medizinische Versorgung aus?

Aktuell entspricht der regionale Durchschnitt der Gesundheitsausgaben nach Angaben von ECLAC und PAHO weniger als 4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. rund 2,2% der Staatsausgaben. Und das, obwohl sich die Regierungen der Region 2014 dazu verpflichtet haben, ihre Gesundheitsbudgets auf mindestens 6% des BIP anzuheben. Aber nur Kuba (10,6%), Costa Rica (6,8%) und Uruguay (6,1%) haben dieses Ziel erreicht. Während die Staatsausgaben für medizinische Versorgung in den Industriestaaten bei 8% des BIP (3.000 und 4.000 Dollar pro Einwohner und Jahr), werden in Lateinamerika nur etwa 1.000 Dollar pro Person ausgegeben. In Argentinien, Chile, Kuba und Uruguay sind es rund 2.000 Dollar pro Person, in Haiti, Honduras und Venezuela jedoch weniger als 400 Dollar. Der Betrag, den Menschen direkt für eine Dienstleistung ausgeben, ist in Kuba, Costa Rica oder Uruguay mit 10 bis 20% geringer als in anderen Ländern wie zB der Dominikanische Republik (45%), Guatemala (54%) oder Venezuela (63%). Diese Belastungen des Einzelnen veranschaulichen die Unzulänglichkeit der staatlichen Gesundheitsversorgung und sozialen Sicherheit, aber auch des privaten Versicherungssystems. Außerdem verdeutlichen sie die prekäre Situation der in Armut lebenden Bevölkerung, die oft aus finanziellen Gründen keine adäquate medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

Zu wenige Krankenhausbetten für zu viele Menschen?

Ein weiterer Indikator ist die Anzahl der in Krankenhäusern verfügbaren Betten, die allerdings keine Auskunft über Qualität der Infrastruktur, des Personals oder der Effizienz dieser Einrichtungen geben: Der regionale Durchschnitt liegt bei 27 Betten pro 10.000 Einwohner. Ein - teilweise sehr kleiner - Teil davon sind Intensivpflegebetten.

Es reicht nicht aus, Krankenhäuser und Gesundheitszentren zu haben. Eine qualitativ hochwertige Versorgung kann erst durch das richtige Zusammenspiel aus medizinischem Personal, Infrastruktur und Ausstattung, Medikamenten und erforderlichen Gesundheitstechnologien gewährleistet werden.

Carissa Etienne, PAHO

Wenn sich die COVID-19-Pandemie in der Region weiter ausbreitet, sind Bolivien, Guatemala, Haiti, Honduras, Nicaragua, Paraguay und Venezuela laut PAHO „die am stärksten gefährdeten lateinamerikanischen Länder“.

Brasiliens chronisches Ungleichgewicht

In den letzten drei Jahrzehnten hat das größte Land Lateinamerikas mit 211 Millionen Einwohnern ein einzigartiges öffentliches Gesundheitssystem mit Programmen wie Mais Médicos, Farmácia Brasil Poupa Lar und Estratégia Saúde da Família entwickelt. Letzteres ist eine Strategie, die es einem Team von Ärzten, Krankenschwestern und Assistenten ermöglicht, bis zu 3.000 Menschen auf lokaler Ebene zu betreuen. Mais Médicos entsandte bis zu 18.000 Ärzte, mehr als die Hälfte davon Kubaner, in abgelegene Dörfer und isolierte ländliche Gemeinden in Brasilien. Aber seit Dezember 2018 schrumpft das Programm, nachdem Brasilia die Beziehungen zu Havanna abgebrochen hatte und tausende kubanischer Ärzte gezwungen waren, nach Hause zurückzukehren. Zudem muss das staatliche Gesundheitssystem mit 44% der Krankenhausbetten 75% Prozent der Bevölkerung versorgen (die Hälfte davon in vier seiner 27 Bundesstaaten im reicheren Südosten), während Privatkliniken für 25% der Einwohner mehr als die Hälfte aller Betten bereit halten. Von den 47.000 Intensivpflegebetten für alle sind 90% belegt.

Brasilien ist nicht gerüstet, sich der Coronavirus-Epidemie zu stellen, nicht so sehr wegen mangelnder Ressourcen, sondern wegen magelhafter Verteilung, ungerechtem Zugang zu Gesundheitsleistungen, Mißwirtschaft und Mangel an Gerechtigkeit"

Eduardo Costa, Epidemiologe

Chile ist vorbereitet, obwohl es nie genug ist

In Chile, einem Land mit 18,7 Millionen Einwohnern, ist die Krankenversicherung für 14 Millionen öffentlich und für drei Millionen privat. Zudem gibt es ein eigenes System für die 400.000 Militärangehörigen, das unter der Pinochet-Diktatur (1990) eingeführt worden war. Alle Arbeitnehmer müssen 7% ihres Lohns an die Gesundheitseinrichtung ihrer Wahl zahlen. Dennoch sind wochen- bis monatelange Wartezeiten auf einen Arzttermine die Norm, bis zu einem Operationstermin kann es sogar mehrere Jahre dauern. Diese Mißstände waren einer der Auslöser für die Massenproteste im Oktober 2019. Chile hat 22 Krankenhausbetten pro 10.000 Einwohner. Das sind insgesamt rund 32.000, davon 3.300 für Notfälle, die die Regierung angesichts der Pandemie auf 5.200 erhöhen will.

Das Gesundheitssystem hat für diese unerwartete Situation keinesfalls aureichend Kapazität.

Nelly Alvarado, Professorin an der Diego Portales University und Spezialistin für öffentliche Gesundheit

Die Professorin an der Diego Portales University und Spezialistin für öffentliche Gesundheit wies darauf hin, dass Intensivpflegebetten „weder in Chile noch im Rest der Welt reichlich vorhanden sind. Sie sind teuer und hochkomplex, da anspruchsvolle Geräte und spezialisiertes Personal erforderlich sind.“

Gesundheitsinvestitionen zahlen sich aus

Lateinamerika, das in Bezug auf Gesundheitsversorgung und Ausgaben hinterherhinkt, sollte dem Aufruf von Maria Neira, WHO-Direktorin des Ministeriums für öffentliche Gesundheit, Umwelt und soziale Determinanten von Gesundheit, folgen: „Wir alle haben vergessen, dass Investitionen in die öffentliche Gesundheit und die Gesundheitssysteme nicht bereut werden sollten … sie werden sich immer auszahlen.“