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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

11. Februar 2021

Lesbos: Sicherheit und Würde für Geflüchtete

Noch nie in der Geschichte waren so viele Menschen auf der Flucht wie 2020: Über 80 Millionen! Fast die Hälfte dieser Vertriebenen, Verfolgten, vor Kriegen und den Auswirkungen des Klimawandels Geflohenen sind Kinder und kommen zu 70% aus gerade mal sechs Ländern: Syrien, Venezuela, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Äthiopien (UN-Flüchtlingskommissariat). Die ohnehin dramatische Situation von Menschen auf der Flucht, die ohne schützende, solidarische Strukturen wie Familien oder communities aller Art sind, wurde im letzten Jahr durch Covid-19 weiter verschärft – und führte zu einem dramatischen Anstieg um zehn Millionen Menschen – fast 15 Prozent - im Vergleich zu 2019! Welch erbarmungsloser und zynischer Brutalität durch staatliche Institutionen sie dabei oft ausgesetzt sind, zeigt die Geschichte der Menschen aus dem griechischen Camp Pikpa Ende 2020.

Menschen machen sich für Pikpa stark (Foto: Kindernothilfe)
Menschen machen sich für Pikpa stark (Foto: Kindernothilfe)

Auf die "Operation" am 30. Oktober 2020 war niemand vorbereitet: Schwarz maskierte Spezialkräfte der griechischen Polizei rückten im Morgengrauen dieses Freitags in das auch von Kindernothilfe unterstützte Schutzzentrum Pikpa-Camp in Mythilini auf der Ägäis-Insel Lesbos ein. Wie unser Partner Lesbos Solidarity berichtete, riegelte ein Teil der Polizei-Sondereinheiten das Areal am Rand der Inselhauptstadt ab. Mitarbeitende, Psychologen, Anwälte und medizinisches Personal hatten auf diese Weise keinen Zutritt mehr zum Lager. Währenddessen holten andere Uniformierte die Bewohner aus den kleinen Häusern und Unterkünften des Camps. Rücksichtslos zwangen sie die geschockten und völlig verängstigen Menschen – darunter 32 unbegleitete Kinder – in die bereitgestellten Busse. Eine Person brach während der Polizeiaktion unter Stress zusammen und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Eine Karikatur von der Räumung des Pikpa Camps durch einen griechischen Minister (Quelle: Yorgos Konstaninou)
Karikatur des griechischen Künstlers Yorgos Konstantinou zur Räumung des Pikpa Camps

Seit 2012 bot das Pikpa-Camp, das hauptsächlich durch Ehrenamtliche - darunter viele Freiwillige aus der ganzen Welt - betreut wurde, mehr als 30.000 besonders gefährdeten Geflüchteten ein würdiges, humanes Zuhause auf Zeit. Fast alle waren sie zuvor in Moria gewesen, dem berüchtigten, im September 2020 abgebrannten Elendslager, „überwiesen“ von den Behörden und der Lagerverwaltung an Lesvos Solidarity: Mütter mit kleinen Kindern, Schwangere, Menschen mit Behinderung, Schwertraumatisierte und Opfer von Folter. Sie alle fanden in Pikpa Sicherheit und engagierte Betreuung.

Pikpa, das würdige, humane Zuhause auf Zeit - zerschlagen

Auslöser für die Polizeiaktion war ein Räumungsbefehl von Notis Mitarakis, dem griechischen Minister für Migration und Asyl. Seine Begründung: Es sei administrativ einfacher, Geflüchtete in Großlagern zu versorgen – als in mehreren kleineren Camps. Allerdings wird von diversen zivilgesellschaflichen Organisationen vor Ort ein anderer Grund vermutet: dem Eingreifen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zuvorzukommen, bei dem Anwälte mehrerer der Kinder im Pikpa Camp gegen eine mögliche Räumung geklagt hatten.

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity, umarmt ein Kind (Quelle: Lesvos Solidarity)
Efi Latsoudi, die Gründerin unserer Partnerorganisation Lesvos Solidarity,  umarmt ein Kind, das Angst vor den Polizeikräften hat (Quelle: Lesvos Solidarity)

Das ist völlig inakzeptabel und absurd. Ein Zufluchtsort wie Pikpa wird gewaltsam geräumt, während die griechische Regierung und die anderen europäischen Staaten gleichzeitig ein menschenverachtendes Moria#2-Großlager mit seinen inhumanen und katastrophalen Lebensbedingungen installieren.

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity

Für seine engagierte und kreative Arbeit mit Geflüchteten erhält das Team von Lesvos Solidarity um Efi Latsoudi seit vielen Jahren breite Unterstützung und auch internationale Auszeichnungen, u.a. 2016 des Fridjof Nansen-Flüchtlingspreises durch den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR). In den dramatischen Wochen vor dem 30. Oktober erreichten Minister Notis Mitarakis wegen seiner Räumungsandrohung gegen Pikpa Petitionen und Appelle aus der ganzen Welt. Vergeblich!

Efi Latsoudi, Gründerin von Lesvos Solidarity, mit einem Kind im Pikpa Camp. (Quelle: LOUISA GOULIAMAKI/AFP via Getty Images)
Efi Latsoudi und Lesvos Solidarity erhielten für ihre Arbeit viele Auszeichnungen (Quelle: Louisa Gouliamaki/AFP via Getty Images)

Die Polizeikräfte brachten die Menschen aus dem Schutzzentrum zunächst in das alte Kara-Tepe-Lager – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Großlager, das die griechischen Behörden nach dem Brand in Moria aus dem Boden stampften. Allerdings droht auch Alt-Kara-Tepe in diesen Wochen die Räumung. Unter den Kindern und den Erwachsenen herrscht jetzt seit über drei Monaten panische Angst, am Ende doch in der neuen Zeltlagerstadt mit ihren katastrophalen Lebensbedingungen zu landen.

30.10.2020 - Ein schwarzer Freitag

„Was für ein Armutszeugnis für die Europäische Union – und was für eine Botschaft!“, so die Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz Ute Gniewoß, die sich seit 2014 als eine der internationalen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen regelmäßig im ehemaligen Schutzzentrum Pikpa engagierte. "Acht Jahre menschenfreundliche Arbeit, für viele bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit – in wenigen Stunden ausradiert, soll nicht mehr gelten, nicht zählen. Gilt aber trotzdem. Zählt trotzdem!", schrieb sie am 30. Oktober entsetzt.

Ute Gniewoß mit einem Kind, das mit seiner Mutter im Pikpa-Projekt untergekommen war (Quelle: privat)
Pfarrerin Ute Gniewoß engagierte sich während ihrer Jahresurlaube für Geflüchtete auf Lesbos (Quelle: privat)

Wer militärisch organisierte Spezialeinheiten gegen Kinder und Frauen in Marsch setzt, zeigt, wo er steht: ganz sicher nicht auf der Seite von Demokratie und Menschenrechten

Carsten Montag, Programm- und Projektvorstand der Kindernothilfe

Was die griechischen Behörden, finanziert aus EU-Mitteln, den Geflüchteten – die Allermeisten von ihnen aus Syrien und Afghanistan – die es in den vergangenen Jahren von der türkischen Küste aus in Schlauchbooten auf eine der Ägäis-Inseln geschafft hatten, „anbieten“, ist eine Unterbringung in sogenannten Reception and Identification Centres. Das Berüchtigste ist das provisorische Zeltlager Kara Tepe (Schwarzer Hügel) außerhalb von Mytilini auf einem ehemaligen Schießplatz der Armee – direkt am Meer. Auch vier Monate nach seiner Eröffnung sind die Bedingungen für die 7.500 Schutzsuchenden unverändert katastrophal und inhuman. Leben in Eiseskälte in Sommerzelten, im Schlamm und Dreck, viel zu wenig chemische Toiletten, unerträgliche hygienische Bedingungen, nicht ausreichendes Essen.

Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos (Quelle: Picture Alliance)
Schlamm, Dreck und Sommerzelte – die Zustände im Lager Kara Tepe sind menschenunwürdig (Quelle: picture alliance/AP | Panagiotis Balaskas)

Die beiden österreichischen Journalisten Johannes Pucher und Michael Völker beschreiben Kara Tepe in einer an Weihnachten erschienen Reportage für den Standard in Wien mit den Worten: Ein „Schandfleck, ein Mahnmal für das Versagen der Europäischen Union, ein Hort der Unmenschlichkeit. Ein Zustand, den die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten offenbar bewusst in Kauf nehmen, um den Flüchtlingen zu demonstrieren: Das erwartet sie, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen…“

Corona drängt alles in den Hintergrund

Im Aufmerksamkeitsschatten der alles beherrschenden Nachrichten über die Corona-Pandemie ist das Elend der Geflüchteten jedoch kein allzu großes politisches Thema. Die Evakuierung selbst von kranken Kindern und ihren Familien aus Kara Tepe und anderen Lagern kam während des Winters nicht voran.

Was derartige Bedingungen in Kindern auslösen, schildern die wenigen medizinischen Mitarbeitenden von Humanitären Organisationen, die von den griechischen Behörden überhaupt noch in das umzäunte Lager gelassen werden: Dauerstress, ganz viele wiederkehrende Panikattacken, Albträume und schwere Depressionen - ganz abgesehen von ständigen Erkältungen, Bronchitis-Erkrankungen, Magen-Darm-Infektionen und Hautkrankheiten als Folge der katastrophalen hygienischen Bedingungen. Dazu das extrem hohe Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren.

Geldbörsen und Etuis, die Geflüchtete auf Lesbos aus alten Rettungswesten herstellen (Quelle: Lesvos Solidarity)
Geflüchtete auf Lesbos nähen aus ausgedienten Rettungswesten Taschen, Etuis und Geldbörsen (Quelle: Lesvos Solidarity)

Das Lesvos-Solidarity-Team war gezwungen, eine Vielzahl von neuen Strategien zu entwickeln, um den Kontakt zu allen Kindern und Müttern aus dem aufgelösten Pikpa Camp zu halten, sie weiter psychologisch und medizinisch zu begleiten sowie Rechtsbeistand zu bieten. Mit virtuellen Gruppentreffen während der Lockdown-Phase und per Online-Unterricht versucht das Team, den aus Pikpa Deportierten zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Zu diesem Ansatz gehört auch die Produktion von aus ehemaligen Schwimmwesten gefertigtem Kunsthandwerk mit einem eigenen Label: Safe Passage!