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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

9. Januar 2021

„Mama sagt, ich soll weitermachen“: Schulkind sein im Hochland Guatemalas

In Guatemala haben Kinder seit März keine Schule mehr. Manche wollen sie nun abbrechen, anderen droht Gewalt.

Eigentlich ist ihr Thema die Gewalt, die sieben von zehn Kinder in Guatemala irgendwo erleben. Gewalt in der Schule, Gewalt im Elternhaus, Gewalt auf der Straße, Gewalt, Gewalt, Gewalt. „Wir sind ein Angebot, und die Banden sind ein anderes Angebot“, sagt Saul Interiano (45), der durchsetzungsstarke Chef der Hilfsorganisation „Coincidir“ („Zusammenwirken“). Doch dieses Jahr haben sie umgeschaltet. Zu dem Kampf gegen die elende Gewalt kamen Nothilfe und Nachhilfe. Corona, weswegen sonst?

Ein Zufluchtsort für bedrohte Kinder

Saul Interiano leitet die Hilfsorganisation "Coincidir" im Hochland von Guatemala (Foto: Huber Wolf / WAZ)
Saul Interiano leitet die Hilfsorganisation "Coincidir" im Hochland von Guatemala (Foto: Huber Wolf / WAZ)

Coincidir konnte mit Hilfe der Kindernothilfe im Hochland von Guatemala ein Schutzhaus für leidende Kinder aus schwierigen Verhältnissen bauen. Wo sie spielen und lernen können, therapiert werden; im Notfall einziehen, wenn sie bedroht sind. Dieser Zufluchtsort ist fast fertig, es fehlten „nur noch einige Fenster und Türen im Außenbereich“, sagt Interiano im Videogespräch. Sanitäranlagen, das Fußballfeld, Bäume, Schlafplätze – alles da. Das ist die gute Nachricht. Und diese: Weiße Fahnen oder Decken an den Häusern der Kleinstadt El Tejar sind kaum mehr zu sehen, mit denen Menschen anzeigten: Wir brauchen Hilfe. Coincidir-Mitarbeiter und ältere Kinder haben ihnen in der Not oft Lebensmittel gebracht und Hygieneartikel.

Die schlechte Nachricht ist: Wegen Corona konnte Coincidir monatelang nur mit kleinen Gruppen von Kindern arbeiten. Sie halfen ihnen auch, damit fertig zu werden, dass die Schulen wegen Corona geschlossen waren. Das war jetzt seit sieben Monate so und nun haben die üblichen, langen Winterferien begonnen.

„Ich kann ja ohne Lehrerin auch niemanden fragen“

Hola Abner, muchos saludos! Abner, der 14-Jährige, ist einen Atlantik von uns entfernt, 9400 Kilometer, aber wenn er erzählt vom Schuljahr ohne Schule, kommt einem manches bekannt vor. Wie schwierig es war mit dem wackeligen Internet, mit den Hausaufgaben. „Am schwierigsten war Englisch“, sagt der Bub: „Ich kann ja ohne Lehrerin auch niemanden fragen.“

Geschafft hat er es letztendlich nicht. Ausdrucken immerhin konnte er bei Coincidir – und ein Fahrrad leihen, um die Hausaufgaben zum Lehrer zu bringen. Viel hat er zu Hause gesessen, sich gelangweilt, ferngesehen (und manchmal verbotenerweise draußen mit Freunden gespielt. Wenn die Polizei vorbeifuhr, haben Sie sich versteckt. Das muss aber unter uns bleiben).

Die Kinder sind gestresst und ausgelaugt und haben Zukunftsängste

Ähnliche Probleme hatte Alison. Noch mehr also sonst hat die Elfjährige ihren Eltern bei der Arbeit geholfen, sie machen Tortillas. Das Internet mit den Schulaufgaben war häufig nicht zu erreichen, in das man sich in Guatemala in der Regel mit dem Telefon einwählt. Auch Alison hat die Materialien von Coincidir genutzt und den Drucker. „Ich hoffe, dass es bald wieder normal wird und ich wieder normal spielen kann“, sagt Alison.

Zwei Kinder von vielen hundert, die Coincidir betreut in Projekten wie „Paz y buen vivir“ („Frieden und gutes Leben“) oder „Hagamos comunidad“ („Wir schaffen Gemeinschaft“). Was sie bedrückt, steht in Projektberichten. „Lernziele wurden häufig nicht erreicht. Die Eltern sind oft weniger gebildet.“ – „Sie fühlen sich gestresst und ausgelaugt. Die Eltern sind besorgt.“ – „Kinder außerhalb der Schule sind auf der Suche nach befristeten Jobs.“ – „Kinder leiden noch immer unter den Folgen: Armut und Zukunftsängsten.“ Und bei all dem „bestimmt Gewalt stark den Alltag“.

Ein Bub spielt in einem Armenviertel von El Tejar mit einem selbstgebauten Drachen. Die Bauteile hat er aus dem Müll gefisch. (Foto: Huber Wolf/WAZ)
Ein Bub spielt in einem Armenviertel von El Tejar mit einem selbstgebauten Drachen. Die Bauteile hat er aus dem Müll gefisch. (Foto: Huber Wolf/WAZ)

„Aber Mama sagt, ich soll weitermachen“

Im Jänner sollen die Schulen in Guatemala wieder öffnen, in welcher Form, muss man dann sehen. Ob Abner dann wohl noch dabei ist? Er erzählt, dass er die Schule abbrechen möchte: „Es macht keinen Spaß mehr.“ Geschäftsmann möchte der Bub jetzt schon werden, um, wie er sagt, seiner Familie zu helfen. „Aber Mama sagt, ich soll weitermachen.“