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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

8. Mai 2020

Najwas Alltag

Die 14jährige Najwa* aus Aleppo in Syrien, lebt seit fünf Jahren mit ihrer Familie in einem Flüchtlingscamp im grenznahen libanesischen Ghazzé. Heute sieht sie besorgt aus. Normalerweise kocht die Mutter mittags etwas auf dem kleinen Gaskocher vor dem Zelt für sie und ihre sieben Geschwister. Aber heute hat es dafür nicht gereicht. Seit Wochen lebt die Familie auf Sparflamme. Durch die Corona-Krise hat ihr Vater keine Arbeit mehr. Bisher hatte er als Fahrer in einer Möbelfirma gearbeitet, die einem syrischen Flüchtling gehört, und Najwa konnte zur nahegelegenen Damme-Schule gehen.

Najwa fehlt die Schule. (Foto: ALPHA Libanon)
Najwa fehlt die Schule. (Foto: ALPHA Libanon)

Seit der Corona-Krise ist alles anders

Nachdem im Februar der erste Corona-Infizierte entdeckt wurde, hat die libanesische Regierung schrittweise das öffentliche Leben lahmgelegt und auch die Schulen geschlossen. Die aufgrund der Corona-Krankheit verhängten neuen restriktiven Bedingungen der sozialen Distanzierung, der Quarantäne und der Ausgangssperre führten in den Flüchtlingslagern zu einem totalen Einkommensverlust, da die meisten syrischen Flüchtlinge bisher als Tagelöhner in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder als Taxifahrer gearbeitet hatten. Auch viele Kinder mussten arbeiten, um das Überleben der Familien zu sichern. Seit dem 15. März ist die Arbeit auf den Feldern und in vielen anderen Bereichen verlangsamt. Nur eines von drei Familienmitgliedern, die auf den Feldern arbeiten, kann einen Tageslohn erhalten, 10 Dollar für 8 Stunden Arbeit. Doch wie soll sich eine zehnköpfige Familie mit 10 Dollar pro Tag über Wasser halten?

Hinzu kommt eine dramatische Finanzkrise, die den Libanon seit Monaten beutelt. Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage hatten sich die Lebensmittelpreise schon vor Corona innerhalb weniger Wochen mehr als verdoppelt. Es gibt einen Mangel an Grundnahrungsmitteln. Aufgrund der gestiegenen Preise und fehlenden Einkommensmöglichkeiten können immer weniger Familien ihre Kinder ausreichend ernähren.

Vor der Corona-Krise ging ich morgens in die Damme-Schule, um dort Förderunterricht zu erhalten sowie Computer- und Zeichenunterricht. Ich bin in der siebten Klasse. Viele Mädchen in meinem Alter müssen auf den Feldern arbeiten, ich war sehr froh, dass ich einen Platz bekommen hatte. Um 13 Uhr kam ich ins Lager zurück, aß zu Mittag und ging dann um 14 Uhr in die öffentliche libanesische Schule, da der Unterricht für syrische Kinder dort nachmittags stattfindet.

Najwa, 14

Im Camp eingesperrt

„Jetzt mit Corona bin ich im Lager eingesperrt. Die Schule ist geschlossen. Wir erhalten unsere Hausaufgaben auf dem Handy unseres Vaters, wir lernen ein wenig, spielen im Zelt […]. Die Aufgaben zu machen ist nicht leicht, denn Ruhe zum Lernen gibt es nicht.“, erklärt Najwa.

Najwa vor dem Zelt, in dem sie mit ihrer zehnköpfigen Familie im Flüchtlingscamp lebt. (Foto: ALPHA Libanon)
Najwa vor dem Zelt, in dem sie mit ihrer zehnköpfigen Familie im Flüchtlingscamp lebt. (Foto: ALPHA Libanon)

Im Lager haben die Bewohner Angst: vor Ratten und anderen Tieren und vor dem neuen Virus. Die Familien leben auf engstem Raum, die hygienischen Bedingungen sind schlecht. Soziale Distanz ist hier schwer durchsetzbar. Gemeinsam mit neun anderen Familienmitgliedern teilt sich Najwa ein Zelt. Privatsphäre gibt es da nicht. Latrinen und Duschen nutzt die Familie gemeinsam mit vier anderen Familien. Den Menschen fehlt es an allem. Sie haben keine Masken oder Handschuhe und es gibt keine Seife oder Desinfektionsmittel. Außerdem sind auch diese Preise stark gestiegen. Früher kosteten drei Liter Chlor zwei Dollar, jetzt sind es vier Dollar.

Angesichts der mangelhaften Hygienebedingungen und fehlender medizinischer Hilfe ist die Gefahr groß, dass sich das Virus unter den Bewohnern im Lager verbreitet. Prinzipiell ist das UNHCR für die syrischen Lager und Bewohner zuständig. Bisher gab es aber keine Zelte zur Isolation von Infizierten und auch keine Corona-Tests im Lager. Es wurde eine Hotline eingerichtet, die die syrischen Flüchtlinge anrufen können, wenn sie krank oder in Gefahr sind und für kranke Menschen ist der Zugang zu Krankenhäusern prinzipiell möglich.

Aber was ist mit der Enge und der sozialen Distanz? Die meisten der Lager im Libanon wurden zwischenzeitlich vom UNHCR mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das Camp, in dem Najwa mit ihrer Familie lebt, wurde von der Gemeinde mit Hilfe von lokalen Freiwilligen der Damme-Schule besprüht.

Flüchtlingslager im Libanon werden mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das soll gegen das Virus helfen. (Foto: ALPHA Libanon)
Flüchtlingslager im Libanon werden mit Wasserstoffperoxid besprüht. Das soll gegen das Virus helfen. (Foto: ALPHA Libanon)

Auch Najwas Mutter ist besorgt. Peinlich genau achtet sie darauf, dass alles sauber bleibt. So wie die anderen Lagerbewohner bezieht die Familie das Wasser aus einem Brunnen. Jedes Zelt hat einen Tank, das Wasser kommt aus einer Leitung zu den Tanks. Dieses Wasser ist allerdings verunreinigt, weil der Brunnen in der Nähe der Abwasserkanalisation gebohrt wurde. Um das Brunnenwasser für den Haushalt zu benutzen, kocht Najwas Mutter das Wasser bei 90 Grad ab. Trinkwasser muss sie zusätzlich kaufen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist die Krätze eine häufige Krankheit. Da das Lager auf einem Feld errichtet wurde, werden die Bewohner immer wieder von Ratten und anderen Nagetieren befallen.

Meine Mutter hat Angst vor dem Virus. Sie ist hysterisch bezüglich des Händewaschens und der Wäsche. Sie putzt den ganzen Tag. Die Nachbarn sind untereinander misstrauisch, jeder vermutet, dass der andere Corona hat…

Najwa, 14

Die Bewohner versuchen, so gut es geht mit der neuen Situation und den Gefahren umzugehen. Auch Najwa fällt es nicht leicht. „Es ist langweilig, meine Brüder und Schwestern ärgern mich. Ich wünschte, ich könnte ein bisschen Privatsphäre haben und hätte ein eigenes Zimmer...“ Die Schule fehlt ihr und sie ist besorgt über die Situation ihrer Familie aufgrund der Corona-Krise und die Zukunft. Aber sie ist dankbar über die Hilfe von außen. Lokale und internationale Organisationen (wie ALPHA Libanon und die Kindernothilfe) verteilen Hygiene- und Lebensmittelkörbe. Jetzt werden Reis, Linsen, Kichererbsen, Spaghetti, Zucker, Milch, Tee und Kaffee wieder auf dem Speiseplan stehen. Und Seife, Chlor zur Desinfektion, Handschuhe, waschbare Atemschutzmasken aus Stoff und Waschmittel werden Najwas Mutter helfen, sich und ihre Familie vor Verunreinigungen zu schützen.

* Name von der Redaktion geändert