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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

8. September 2018

Nicht mit uns! Mittelamerikanische Musikerinnen wehren sich gegen den Machismo (Teil 1)

In Guatemala sind frauenverachtende Politik und sexualisierte Gewalt "normal". Doch immer mehr Frauen wehren sich, darunter Künstlerinnen, die sich mit ihrer Musik humorvoll und mitreißend dagegen auflehnen.

Frauen gegen Machismo (Marcela Lara)

Guatemala City. Ein kleines Café in einer der touristischen Ausgehzonen der guatemaltekischen Hauptstadt. An einem der Tische breitet sich eine junge Frau aus, blumig-gepunktetes Shirt, rundes Gesicht, Piercings an den Lippen, große auffällige Brille. Rebeca Eunice Vargas, Jahrgang 1984. Eine guatemaltekische Rapperin, bekannt unter dem Namen Rebeca Lane. Mehrere Termine hat sie an diesem Tag im Café verabredet. Zu Hause bei ihr ist dafür kein Platz, und sie hat weder ein eigenes Büro noch Studio.

Rebeca Lane lebt zusammen mit ihrem Mann Zaki und ihren zwei Katzen in einer Mietwohnung in einem Hinterhaus ein paar Straßenblöcke vom Zentralplatz Guatemala Citys entfernt. Der lange schlaksige Zaki ist ebenfalls Rapper und kommt aus dem Nachbarland El Salvador.

Am Morgen danach verabschieden sich Rebeca und Zaki von ihren Katzen und packen einen Stapel gerahmter Familienfotos ins Auto. Die Reise beginnt, Ziel ist die Bergstadt Quetzaltenango. Dort will Rebeca mit einem Frauenfilmkollektiv ihren nächsten Videoclip zum Song Alma Mestiza produzieren. Am Stadtrand steigen die Stylisten Danilo und Jefersson dazu. Das Auto ist völlig überfüllt und auch die Straßen. Die vier stört das nicht. Sie unterhalten sich angeregt über die kommenden Dreharbeiten, über Banalitäten und Weltpolitik. Noch am Abend treffen sie die Produzentinnen des Clips und beginnen im Innenhof mit einer Einstimmung auf den gemeinsamen Produktionsprozess mit Elementen aus Zeremonien der Mayakulturen. Quetzaltenango gehört zu den Städten mit überwiegend indigener Bevölkerung.

Am nächsten Tag beginnt die Produktion. Mehr als zehn Frauen und Mädchen sind mit am Set, werden im Clip auftreten. Danilo und Jeferson schminken im Innenhof erst aufwändig Rebeca, danach alle weiteren Frauen. Unter ihnen ist Alejandra Zapata, eine der Tänzerinnen im Videodreh. Alle Frauen werden zur Probeaufstellung in den Aufnahmeraum gebeten. Ein farbenfroh gestaltetes Wandbild ist dort als Filmkulisse gemalt in dessen Zentrum eine Gesichtshälfte von Rebeca mit der Hälfte eines Pumas zusammenfließt. Die älteste Darstellerin, eine Mayafrau, stellt überall Kerzen auf und lädt zu einer weiteren Zeremonie ein. Dieses Mal hinter verschlossener Tür nur für direkt am Dreh Beteiligte. Zaki und die Stylisten bleiben im Innenhof.

Alma Mestiza, die Mestizen Seele, so heißt das Stück, für das der Videoclip gedreht wird. Ein Stück, in dem sich Rebeca auf die Anteile ihrer indigenen Herkunft besinnt, und über indigene kulturelle, spirituelle Weltanschauungen reflektiert und sich in dieser Vielfalt einzuordnen sucht. Damit stellt sie sich dem Rassismus der Mehrheitsbevölkerung gegen die Menschen indigener Herkunft entgegen.

In der Drehpause debattieren einige der Frauen über die beeinflussende Kraft der Musik auf das alltägliche Leben. Alejandra macht die mittelamerikanische Mainstreammusik für die in der Gesellschaft vorhandene frauenverachtende Grundhaltung mitverantwortlich.

Este cuerpo es mio - Mein Körper gehört mir

Rebeca Lane (Foto: USC Visions&Voices)

"Estos ojos son míos - este cuerpo es mío - esta vida es mía - ni tus golpes ni tus palabras me lastiman. Este vientre es mío - estos pies son míos - esta boca es mía - ni tus golpes ni tus palabras me lastiman." (Das sind meine Augen, ist mein Körper, ist mein Leben. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich. Es ist mein Bauch, sind meine Füße, ist mein Mund. Weder deine Schläge noch deine Worte verletzen mich.)

Rebeca Lane: Mein Körper gehört mir hab ich geschrieben, weil ich zwei gewalttätige Beziehungen hatte. Im Stück erzähle ich davon, wie ich aus dieser Beziehung raus kam. War nicht einfach. Viele Frauen hier in Guatemala bringt so eine Beziehung letztlich um. Nur wenige schaffen es, sich zu trennen. Deswegen wollte ich im Lied davon erzählen. Viele denken man könnte einfach sagen: Meine Beziehung ist gewalttätig, er schlägt mich, ok, da gehe ich. Doch so läuft das nicht.

Rebeca erzählt von ihrer ersten gewalttätigen Erfahrung als junges Mädchen. Schon als 10-jährige wurde sie auf dem Heimweg von der Schule im Schuluniformrock das erste Mal von einem Mann betatscht. Dann später die gewalttätige Beziehung: Er war zweieinhalb Jahre lang mein Freund. Es fing an mit Beleidigungen, mit übler Behandlung und damit, dass er mich nicht mit anderen reden ließ, mich darin einschränkte, was ich anziehen sollte und bestimmte, mit wem ich ausging und wer mit mir reden durfte. Dann folgten Schläge und sexualisierte Gewalt. Ich war 15 und verstand das damals alles nicht. Aber er war 21, war erwachsen und wusste, was er tat. Ich dagegen wusste nicht was da passierte. Sexualerziehung gab es für uns nicht. Ich wusste nicht, was ich da machte.
Mit 17 Jahren war Rebeca schwanger: Ich habe abgetrieben, obwohl es in Guatemala illegal und extrem riskant war. Heute denk ich: was ein Glück, dass ich das überlebt habe. Aber damals hatte ich keine Informationen. Wusste nur: ich will das Kind nicht. Auch wenn es verrückt klingen mag: ich war darauf nicht vorbereitet! Hatte keine Ahnung, wie ich hätte verhüten können. Und der Person, mit der ich zusammen war, war es ziemlich egal, wie es mir mit meinem Körper ging. Vermutlich dachte er, durch die Schwangerschaft könne er mehr Besitz von mir ergreifen. Das waren zwei schwierige Jahre. Aus dieser Beziehung rauszukommen habe ich nur durch eine starke innere Kraft geschafft. Mir war klar: so geht es nicht weiter! DAS will ich nicht!

Rebeca Lane ist 1984 geboren. Ihre ersten 12 Lebensjahre herrschte Krieg in ihrem Land. Ein Bürgerkrieg, der insgesamt 36 Jahre dauerte. Gut 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben, Hunderttausende flüchteten. Tausende verschwanden gewaltsam. Auch Rebecas Tante. Sie war Guerillera und Poetin. 1991 ließ sie das guatemaltekische Heer verschwinden.

Rebeca Lane fing 2011 mit Rap an. Damals schrieb sie viele Gedichte und hörte viel Rap. Nach und nach bekamen ihre Verse Rhythmen, sie packte ihnen spezielle Musik bei. So fing sie an, die Gedichte rhythmisch zu gestalten. Dass daraus dann Rap wurde, lag daran, dass ihr jemand ein Instrumentalstück gab und sagte, sie solle doch darauf ihr Poesie packen. Heute rappt Rebeca Lane nicht nur über Gewalterfahrung. Sie will Grenzen setzen. Und sie will Mut machen, sich als Frau zu wehren: Als ich mit dem Singen anfing, wurden wir Rapperinnen in Guatemala als weibliche Rapper bezeichnet. Das hat mich genervt, denn damit sollten wir von der eigentlichen Hip Hop Szene abgetrennt werden. So im Sinne von: hier läuft der Hip Hop und ihr seid was anderes, seid femininer Hip Hop. Damit wurde eine Trennung markiert zwischen den Männern und uns. Eines meiner ersten Lieder war dann “Bandera negra”, die schwarze Fahne. Im Chor singe ich da: Mein Rap ist nicht weiblich sondern feministisch. Mir war wichtig, mich mit diesem Stück zu positionieren. Ich war schon Feministin, bevor ich zu rappen anfing. Alles was ich dann in dieser ersten Zeit mit meinem Schreiben ausprobierte, war sehr feministisch. Meine Stücke spiegelten die Diskussionen wieder, die mir durch den Kopf gingen, die ich mit Freundinnen, aufgrund meines Körpers und meiner Geschichte und meinen ureigenen Erfahrungen führte. Es war neu im Rap all das zu thematisieren, was es bedeutet Frau zu sein in Guatemala und Zentralamerika.

Im Frühsommer 2018 ist Rebeca Lane zum 4. Mal in Europa unterwegs und erstmals nicht mehr allein von Solidaritätsgruppen organisiert, sondern mit professionellen Bookern. Auf die Frage, ob sie gerne auch in ihrer Heimat bekannter sein würde, antwortet sie sehr zögerlich: Manchmal wünsch ich mir, ich würde in Guatemala mehr gehört, und manchmal macht mir genau das Angst. Hier gibt es viele gewalttätige Menschen oder sehr rassistische. Menschen die ungestört straffrei agieren können und sehr extreme Positionen einnehmen in ihrer Nichtakzeptanz von Diversität. Bedauerlicherweise ist mit der jetzigen Regierung die Trennung zwischen einem laizistischen und einem religiösen Staat etwas verloren gegangen und extreme religiöse Positionen haben Oberwasser und können straffrei agieren. Manchmal macht mir der Gedanke Angst, dass ich hier gehört werde und irgendein Fanatiker, ein machistischer, ein religiöser, ein konservativer und gewalttätiger mich dann auf einem der Auftritte angreifen will. So gerne ich das hätte, mehr gehört zu werden: es macht mir tatsächlich auch Angst.

Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut

Vicky Romero & Alejandra Zapata (Foto: Chordify)

Alejandra Zapata: Auszugehen ist für eine Frau sehr kompliziert. Wir müssen dabei schauen, wer ist auf der Straße unterwegs und wir müssen immer auf der Hut sein. Ich bin immer sehr ängstlich. Wenn man rausgeht, weiß man nie, ob man wieder zurückkommt, oder wie man zurückkommt. Aber man kann ja auch nicht immer nur zu Hause bleiben. Was heute am meisten gehört wird ist Reggaeton oder Rancheras. Eine dermaßen machomässige Musik. Frauen sind Sexualobjekte und werden darin runtergemacht. Zufällig habe ich so ein Musikvideo gesehen, darin schlägt der Mann die Frau. Die Frau kommt dann zu ihm zurück und bittet um Verzeihung. Solche Bilder laufen im Fernsehen. Jeder kann sie sehen. Wenn da ein Junge zuschaut, bleibt bei ihm hängen: Ich kann die Frau verprügeln und sie kommt dann zu mir zurück und bittet mich um Verzeihung. Das nervt. Es ist traurig, dass man hier solche Dinge hören und sehen kann. Nach ihrem Erfolg mit Bandera negra schrieb Rebeca etliche weitere Stücke, in denen sie sich gegen die machistische Alltagsgewalt stark macht, wie "Ni una menos!" (Keine weniger!). Es entstand aus einer Wut: Viele Frauen erzählten darin von ihren Erfahrungen und wann sie das erste Mal von machistischer Gewalt angegriffen wurden. Das zu lesen war heftig. Bei einigen ging das schon mit 3 oder 4 Jahren oder dann mit 10 oder 12 los. Rebeca hatte viele der Briefe gelesen aus dem 2016 initiierten Hashtag-mi primer acoso, meine erste Belästigung. Anfang April 2016 mobilisierten Frauen in Mexiko zu landesweiten Demonstrationen unter dem Motto „ni una menos“ gegen die Frauenmorde. Parallel dazu startete der Hashtag – mi primer acoso – in dem in Windeseile tausende Frauen über die ersten sexuellen Belästigungen, Übergriffe und Misshandlungen gegen sie berichteten.

Deswegen gefällt Alejandra Rebecas Musik, in der sie Gewaltszenarien beschreibt und Frauen aufruft, sich dagegen zu wehren: Es sind Lieder, die uns Kraft geben, Stärke und Mut. Und darüber könnten sich Männer und aber auch machistisch geprägte Frauen langsam aber sicher verändern.

Bei Live-Auftritten singen die Frauen lauthals mit, wie in der Nacht der Mondfrau Anfang März auf dem Vorplatz des guatemaltekischen Staatstheaters: So viele Frauen wurden von ihren Partnern ermordet, und niemand macht etwas dagegen. So viele Menschen beschuldigen uns. Und es gibt so viele Anzeigen, aber niemand hört sie. Wir wollen keine weitere Frau in diesem Kampf verlieren. Löse dich aus der Gefangenschaft und brich das Schweigen gegen diese Liebe die in deiner Brust festsitzt und dich davon abhält, als Kämpferin deinen Körper zu verteidigen! Wir wollen sie lebend! Keine Weniger! Wir wollen sie lebend!

Gewalt gegen Frauen in Guatemala

Die letzte Untersuchung der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Frauen in Guatemala resümierte, dass Guatemala ein Land mit einer der höchsten Frauenmordrate weltweit ist und 3 von 5 Frauen Gewalterfahrungen erlebt haben. Und Untersuchungen nationaler Nichtregierungsorganisationen schlussfolgern, dass innerfamiliäre und häusliche Gewalt alltäglich ist. Im Büro der GIZ, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit stellt Argelia Chilín Arbeitsmaterialien zusammen. Sie koordiniert ein Programm mit Titel: Cartas de mujeres, Briefe von Frauen: Dabei werden Frauen eingeladen, über erlebte Gewalt in unterschiedlichen Lebensetappen zu schreiben. Es ist eine befreiende Übung. Sie verhilft dazu, das Schweigen über Gewaltverbrechen gegen Frauen und auch Mädchen aufzubrechen.

Bisher führen sie dieses Programm in den nördlichen Regionen des Landes durch, im Quiché und Alta sowie Baja Vera Paz. Argelia Chilín: Achtzig Prozent sind dort Indigene und vielleicht 20 Prozent Mestizen. Wir arbeiten in diesen 3 Departments in den lokalen Sprachen. Die Frauen schreiben und die Analphabetinnen unter ihnen malen anonym. Die Auswertung dieser Briefe ermöglicht uns die verschiedenen Gewaltformen, die Tatorte, das jeweilige Umfeld und Alter zu identifizieren.

Durch Übermittlung der allgemeinen Untersuchungsergebnisse an staatliche Stellen, erhofft sich Argelia Chilín wirksamere Präventivmaßnahmen. Vor allem aber auch den Ausbruch aus dem vermeintlich „Normalen“: Da spielen Verhaltensweisen, Gewohnheiten eine Rolle. Ich will es nicht Kultur nennen. Manchmal wird gesagt: Gewalt sei Teil einer Kultur. Nein. Es sind Verhaltensweisen und Einstellungen, die schon den Kleinsten zu Hause beigebracht werden. Oft spielte ein aggressiver Vater eine Rolle und der Alkohol: der Alkoholiker, der seiner Familie Gewalt antut. Davon erzählen viele Briefe. Und sie rechtfertigen in gewisser Weise damit sein Verhalten. Der Alkohol ist schuld! … Um der Gewalt Einhalt zu gebieten muss diese als erster Schritt als solche anerkannt werden. Und zwar von der Überlebenden der Gewalt, um dann überhaupt erst dagegen handlungsfähig zu werden. Für sich selbst als Frau und für ihre Kinder. Für bessere Lebensbedingungen.  

 

Ein Feature von Erika Harzer, zuletzt ausgezeichnet mit dem Peter Scholl-Latour Preis 2016.