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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

2. April 2020

Salima muss nicht mehr Müll sammeln

Müllberge, so weit das Auge reicht. Tausende Kinder verdienen in Neu-Delhi ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Sortieren von Abfall. Dafür bezahlen die meisten von ihnen früh mit ihrem Leben. Ein Kindernothilfe-Projekt gibt ihnen Schutz und Bildung – und Hoffnung auf ein Leben abseits der Müllhalde.

Der Gestank ist bestialisch - am Fuße des 60 Meter hohen Müllberges. Ein kleiner brauner See blubbert inmitten der Abfallmassen vor sich hin. Es ist Methangas vom gärenden organischen Müll. Vor allem im Sommer, wenn das Thermometer mehr als 40 Grad misst, kommt es immer wieder zu kleinen Explosionen und Bränden. Die schlechte Luft hier lässt die Augen brennen, den Atem stocken. Unbeeindruckt davon scharen sich Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer in den Müllmengen, durchwühlen sie, warten auf die Ankunft des nächsten Lastwagens, der wiederum Berge von Abfall bringt, 6.500 Tonnen täglich. Und das, obwohl die Bhalswa Deponie – eine der größten Müllhalden der Welt - schon vor Jahren offiziell geschlossen wurde, weil ihre Kapazität völlig ausgeschöpft war.

Hier auf dem „Black Mountain“ - dem schwarzen Berg - landet, was in der indischen Millionenmetropole Neu-Delhi achtlos weggeworfen wird. Haarbänder, der Arm einer Schaufensterpuppe, die Gedärme eines verwesenden Tieres. Und Plastikflaschen. Unmengen an Plastikflaschen. Alles hier hat seinen Wert. Für einen Kilo gebündeltes Altpapier gibt es sechs Rupien (acht Cent), für ein Kilo altes Eisen fünf Rupien (sechs Cent), ein entsorgter Ziegelstein ist eine Rupie wert, am wertvollsten sind Haare. Dafür bekommen die Müllsammler 800 Rupien (rund zehn Euro) pro Kilo. Perücken und Extension werden daraus gemacht.

Auf der Bhalswa Mülldeponie in Neu-Delhi kommen täglich 6.500 Tonnen neuer Abfall an. (Foto: Kindernothilfe)
Auf der Bhalswa Mülldeponie in Neu-Delhi kommen täglich 6.500 Tonnen neuer Abfall an. (Foto: Kindernothilfe)

Der durchschnittliche Tageslohn der Müllsammler liegt bei maximal 150 Rupien, etwa zwei Euro - für eine Hauptstadt wie Neu-Delhi ist das zu wenig. Die Menschen, die in einer der Siedlungen rund um die Bhalswa Deponie wohnen, leben unter prekären hygienischen Bedingungen, weit unter der Armutsgrenze. Zwischen und neben Müll wird gekocht, geschlafen und gespielt.

Doch kann man sich jemals an den Gestank, an die Ratten und kreisenden Greifvögel, an den dauernden Brechreiz gewöhnen? Für Salima stellt sich diese Frage nicht. Sie ist eines von mehr als tausend Kindern, die hier im und vom Müll leben. Dafür bezahlen die meisten von ihnen früh mit ihrem Leben. Müllsammler werden nicht alt. Sie atmen giftige Dämpfe und schädlichen Rauch ein, schneiden sich an scharfen Gegenständen und leiden an entzündeten Wunden. Viele sind unterernährt und anfällig für Krankheiten oder HIV-positiv. Viele schnüffeln Klebstoffe, um der brutalen Realität zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Viele werden Opfer von Gewaltverbrechen, die niemals jemand melden, geschweige denn aufklären wird. An einen Schulbesuch ist meist nicht zu denken, zu hart ist der tägliche Kampf ums Überleben.

„Die Müllhalde ist genau vor unserem Haus und es ist das erste, was ich sehe, wenn ich in der Früh aufwache“, sagt Salima, während sie auf die notdürftige Unterkunft ihrer Familie am Fuße des schwarzen Bergs zeigt. Diebstähle, Vergewaltigungen und Alkohol stünden in den Slums hier an der Tagesordnung. „Wir Mädchen werden schlecht behandelt. Ich mag diesen Ort überhaupt nicht.“, betont das kleine Mädchen.

Wenn ich nur die geringste Chance bekäme wegzugehen, würde ich rennen!

Salima, 10

Bildung ist für die indischen Müllkinder die einzige Chance auf ein Leben abseits der Deponie. (Foto: Kindernothilfe)
Bildung ist für die indischen Müllkinder die einzige Chance auf ein Leben abseits der Deponie. (Foto: Kindernothilfe)

Diese Chance hat Salima nun endlich. Seit der Kindernothilfe-Projektpartner Deepti Foundation ein Nachbarschaftszentrum nahe der Bhalswa Deponie errichtet hat, finden Kinder wie Salima dort Zuflucht, medizinische wie psychologische Betreuung und schulische Förderung. Dafür nimmt sie viel Mühe auf sich. Salima steht morgens um fünf Uhr auf und erledigt all ihre Aufgaben im Haushalt. Erst danach geht sie ins Kinderzentrum, lernt uns spielt, musiziert und nimmt an sportlichen Aktivitäten teil. Holt all das nach, was ihr bisher an kindgerechter Förderung verwehrt geblieben ist. Was ihre Träume sind? „Ich möchte Lehrerin werden. Möchte mein Geld anders verdienen als meine Eltern, die täglich nur im Müll wühlen.“

Förderung und Schutz für Müllsammler

Bis 2013 wurde das Förderzentrum Deepti Ashram noch von der Regierung unterstützt. Seit 2017 führt die Deepti Foundation das Schutzzentrum nun mit Unterstützung der Kindernothilfe. Im gesamten Einzugsgebiet rund um die Müllhalde gibt es mehr als 1.000 betroffene Kinder, von denen 250 derzeit im Projekt aufgefangen sind. Manche von ihnen konnten auf Intervention der Deepti Foundation hin in Schulen außerhalb des Deponiegeländes aufgenommen werden, die anderen werden im Schutzzentrum oder einer der Kindertagesstätten gefördert, 58 besonders schutzwürdige Mädchen und 16 Aidswaisenbuben wohnen in einem eigens geschaffenen Deepti-Wohnhaus, dem Hostel, listet Vater Santhoshmon Garvadis die aktuellen Zahlen des Projekts. Der Deepti-Direktor erzählt weiter, dass die nächste staatliche Schule etwa zwei Kilometer entfernt ist. Da die Straßen, falls überhaupt vorhanden, in einem desaströsen Zustand sind, weigern sich aber viele Eltern aus Angst vor Gewalt und Vergewaltigung, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Auch der Transport zu und von der Schule wird daher im Rahmen des Projekts organisiert.

Im Schutzzentrum lernen die Kinder einen sicheren, fürsorglichen und geregelten Alltag abseits des Müllberges kennen. (Foto: Kindernothilfe)
Im Schutzzentrum lernen die Kinder einen sicheren, fürsorglichen und geregelten Alltag abseits des Müllberges kennen. (Foto: Kindernothilfe)

So steigt auch Santosh täglich in eine Autorikscha, um in seine entlegene Schule gebracht zu werden. Während er lernt, arbeiten seine jüngeren Brüder als Müllsammler. „Als ich noch ein Kind war, konnte ich die frische Luft fühlen, es gab sogar einen Park hier. Die Menschen hatten andere Dinge zu tun“, erinnert sich der 15-Jährige an vergangene, bessere Zeiten. Von diesen kann auch Saakix erzählen: Ganz anders hätte die Gegend hier früher ausgesehen. Es gab keine Straßen, dafür viel Grün und gute Luft. Dann kamen die Züge und Menschen luden ihren Müll ab. Das war der Zeitpunkt, als die Einwohner in der Umgebung mit dem Müllsammeln begannen. So wie der Black Mountain rasant anwuchs, nahm auch die Kriminalität zu, weiß der 13-Jährige. Heute gibt es nur noch Gangs, Drogen und Gewalt. Bereits Kinder ab vier Jahren trinken, rauchen, fluchen derb, brechen Autos auf, stehlen Zigaretten und schnüffeln Klebstoff.

Besonders Mädchen sind in Gefahr

„Ich fühle mich hier gar nicht sicher. Vor allem Mädchen sind nicht sicher“, fürchtet sich Khusboo Kumari. Sie und ihre sechs Schwester leben und arbeiten seit vier Jahren in Bhalswa. Eine ihrer Nachbarinnen hätte vor kurzem beobachtet, wie der Kopf eines Mädchens auf dem schwarzen Berg zugedeckt und weggebracht wurde., berichtet die 12-Jährige aus ihrem tristen Alltag. Dass sie nun endlich wieder lernen darf – im Deepti Ashram – und so vielleicht Hoffnung auf ein Leben jenseits der Müllhalde hat, stimmt Khusboo freudig und optimistisch.

Mädchen wie Kushboo, die besonders schutzbedürftig sind, werden in einem eigenen Mädchenwohnheim der Deepti Foundation untergebracht und betreut. Durch regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten, gute hygienische Bedingungen und medizinische Betreuung verbessert sich der Gesundheitszustand der Kinder erheblich. Bei Bedarf können die Mädchen jederzeit auf psychologische Beratungen und ein Therapieangebot zurückgreifen - was ihnen hilft, erlittene Traumata zu überwinden. Die Kinder besuchen eine Schule ganz in der Nähe des Zentrums und können am Förderunterricht und non-formalen Bildungsangeboten teilnehmen.

Geborgenheit abseits der Müllhalde

Im Innenhof tollen die jüngeren Mädchen herum, spielen Fangen oder Klatschspiele, springen Seil oder tanzen singend herum. Die älteren stehen in kleineren Gruppen zusammen und unterhalten sich. Die Atmosphäre ist gelöst und unbeschwert, die Kinder genießen ihre Pause zwischen den Lerneinheiten. Eines davon ist Kajal, die nun seit zwei Jahren im Mädchenwohnheim der Deepti Foundation wohnt. Das 12-jährige Mädchen, eine von sechs Schwestern, wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf der Bhalswa Deponie auf, wo ihr Vater als Anstreicher und ihre Mutter als Müllsammlerin arbeiten. Da das Einkommen nicht ausreichte, mussten auch sie und zwei ihrer Schwestern mit auf die Müllhalde, um ein bisschen Geld für Lebensmittel zu verdienen. Was sie auf dem schwarzen Berg erlebt haben? Kajal erzählt nicht viel. Erwähnt nur nebenbei die Themen Menschenhandel, Vergewaltigung und Prostitution und den Handel mit menschlichen Organen. Aus großer Sorge um die Sicherheit ihrer Töchter wandte sich Kajals Mutter an die Deepti Foundation, bat um die Aufnahme ihrer vier älteren Mädchen.

Im Kindernothilfeprojekt hat Kajal ein sicheres Zuhasue gefunden. (Foto: Kindernothilfe)
Im Kindernothilfeprojekt hat Kajal ein sicheres Zuhasue gefunden. (Foto: Kindernothilfe)

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es einen anderen Ort als die Deponie, ein Leben außerhalb der Bhalswa Müllhalde geben konnte, seufzt Kajal. Aber hier im Wohnheim liebt sie vor allem die Sauberkeit, die Dusche, das Essen und die Sicherheit und Geborgenheit, die sie verspürt. „Die Schwestern sind wie Mütter zu uns und Nana Didi“, wie Kajal eine der Betreuerinnen liebevoll nennt, „ist wie eine große Schwester für mich. Ich kann immer zu ihr gehen und ganz offen mit ihr reden.“ Auf der Deponie war sie ständig mit Alkohol, Drogen und Missbrauch konfrontiert. Niemals mehr wieder möchte sie dorthin zurück, wird die 12-Jährige plötzlich laut und energisch. „Warum auch? Es gibt ja so viele andere Orte auf der Welt.“

Ähnlich klingen die Träume von Saakix. Der 13-Jährige besucht seit ein paar Monaten die Förderstunden im Deepti-Zentrum und kann endlich wieder träumen. Von einer besseren Zukunft.

Ich möchte Ingenieur werden, ein großes Haus bauen und mit meinen Eltern dort leben. Weit weg von Bhalswa.

Saakix, 13