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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

8. Januar 2020

Verkauft und ausgebeutet – arbeitende Kinder in fremden Haushalten

In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)
In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)

Neugierige Blicke begleiten uns, als wir in der Mittagshitze durch das ein Labyrinth aus engen Gassen in dem kleinen und staubigen Straßendorf Kuch im Norden Äthiopiens laufen. Wir sind mit einer Familie verabredet, die laut den Informationen unserer Partnerorganisation Facilitator for Change ein gekauftes Mädchen als Haushaltshilfe beschäftigen soll. Der Handel mit Kindern als billige Arbeitskräfte ist in Äthiopien nach wie vor verbreitet. Und das obwohl auch hier Kinderhandel und Kinderarbeit verboten sind.

Die Häuser an, denen wir vorbeilaufen, sind typisch für Äthiopien aus Holz mit lehmverputzen Wänden. Ich hätte jedenfalls gedacht, dass die Familie, die wir treffen wollen, wohlhabender sein müsste. Schließlich kann sie sich ein Haushaltsmädchen leisten. Dies soll jedoch nur eines von vielen Vorurteilen bleiben, die ich an diesem Tag noch revidieren muss. Ein weiteres ist die Vorstellung von der Person, die uns empfängt, als wir schließlich die einfache Lehmhütte in den verwinkelten Gassen gefunden haben. Die Frau des Hauses wirkt jedenfalls sehr freundlich und offen. Und so jemand kauft Kinder, um sie danach als Haushaltssklaven auszubeuten?

Bereitwillig werden wir in die kleine Hütte gebeten, wo ganz nach der äthiopischen Tradition erst einmal eine Kaffeezeremonie stattfindet. In der Ecke sitzt ein sehr junges und schüchternes Mädchen, das ich für die Tochter der Frau halte. Abeba* geht in den Nebenraum und kommt mit Tassen für uns zurück. Sie ist höchsten sechs Jahre alt.

Mithilfe des Dolmetschers erklären wir der Frau noch einmal, warum wir hier sind. Sie nickt und sagt, dass wir jetzt gerne mit den Fotos und Filmaufnahmen beginnen können. Es entsteht eine kurze Verwirrung. Wir versuchen noch einmal klar zu machen, dass wir nicht sie filmen und fotografieren wollen, sondern das Mädchen, das bei ihr beschäftigt sein soll. Nur langsam wird mir klar, dass Abeba dieses Mädchen ist. Ich wusste, dass das Mädchen jung sein soll, aber nicht, dass sie noch so jung ist.

Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)
Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)

Langsam beginnt sie mit den Möglichkeiten einer Sechsjährigen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hatte vorher bei ihrer Großmutter gelebt. Von ihrer Mutter spricht sie nur kurz. Auch einen Vater scheint es in ihrer Welt nie gegeben zu haben. Als der Großvater starb, konnte die Großmutter sie nicht mehr ernähren. So landete Abeba bei der Familie in Kuch. Wie genau, ob die Großmutter dafür Geld bekommen hat und ob eine Rückkehr zu ihrer Familie vereinbart wurde, weiß sie nicht. Die Frau sagt, dass sie eine gute Christin ist. Deshalb hätte sie Abeba aufgenommen. Andererseits sagt sie uns ganz offen, dass zwei ihrer drei leiblichen Kinder in die Schule gehen, Abeba aber zu Hause bleiben muss, um sich um das jüngste Kind und den Haushalt zu kümmern. Einen Widerspruch zur zuvor geäußerten christlichen Nächstenliebe scheint sie in dieser Ungleichbehandlung nicht zu sehen. Vielmehr wird klar, dass Abeba sich das Dach über dem Kopf und die warme Mahlzeit verdienen muss.

Kinderhandel als Win-win-Situation

Worku Asenegr von unserer Partnerorganisation Facilitator for Change (FC) erläutert mir, dass viele Familien in dem Kinderhandel nach wie vor eine Win-win-Situation für beide Seiten sehen. Eltern finden in ihrer existentiellen Not oft keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder an wohlhabendere Familien zu verkaufen. Diese Praxis ist seit vielen Jahren Normalität und mit dem Irrglauben verknüpft, dass man den Kindern so etwas Gutes tun kann. Immerhin ist bei den neuen „Besitzern“ des Kindes Nahrung und Unterkunft vermeintlich gesichert. Diese verkauften Kinder werden Qenjas genannt, und mitnichten ist dieses System der ausbeuterischen Kinderarbeit förderlich für die Mädchen und Jungen, die für fremde Familien schuften müssen, ohne eine Chance auf Bildung. Ob auch Abeba eine Qenja ist oder wirklich aus christlicher Nächstenliebe aufgenommen wurde? Mir wird klar, dass es bei dieser Thematik nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern viele Graubereiche. Vielleicht ist gerade deshalb die Arbeit im Haushalt nicht nur in Äthiopien eine kaum wahrgenommene Form der Kinderarbeit, die vor allem Mädchen betrifft. Da die Arbeit in der Regel versteckt und hinter geschlossenen Türen stattfindet, gibt es keine Zahlen über das Ausmaß dieses Problems. Die International Labour Organization (ILO) geht davon aus, dass es die häufigste Beschäftigungsform für Mädchen unter 16 Jahren weltweit ist. Im Englischen werden Kinder, die in fremden Haushalten arbeiten, als „child domestics“ bezeichnet. Im Deutschen entspricht die Bezeichnung Dienstbotin oder Dienstbote am ehesten diesem Begriff. Unter diese Kategorie fällt nicht die Arbeit im Haushalt der eigenen Familie, wie zum Beispiel auf Geschwister aufzupassen, Tiere versorgen, putzen oder andere Tätigkeiten. Mit diesen Arbeiten tragen die Kinder zu den familiären Aufgaben bei und erlernen elementare Fertigkeiten. Am Schulbesuch werden sie dadurch nicht gehindert.

Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)
Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)

Dagegen leben und arbeiten child domestics unter ausbeuterischen Bedingungen in Privathaushalten. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Die meisten werden wie Abeba nicht für ihre Arbeit entlohnt. Freie Tage oder Ferien werden oft verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Die Mädchen sind vielen Risiken ausgesetzt, wie mir Daniel Gizaw von unserer Partnerorganisation OPRIFS erzählt. Er leitet ein Schutzhaus für Straßenmädchen in Bahir Dar. „Viele Mädchen, die im Schutzhaus einen sicheren Aufenthaltsort finden, waren selbst vorher Qenjas im ländlichen Raum und wurden von ihren Besitzern so schlecht behandelt, dass sie sich für die Flucht entschieden haben. Oft werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Zukunftsperspektive in den Städten, wo sie häufig auf der Straße landen. Viele Mädchen im Schutzhaus sind aber auch vor einer drohenden Frühverheiratung oder von ihren Ehemännern davon gelaufen.“

Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)
Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)

Die Bewohnerinnen sind im Durchschnitt zwölf Jahre alt. Neben einem Bett, Essen und Sicherheit vor der Straße bekommen sie auch Schul- und Handwerksunterricht. Langfristig ist aber eine Zusammenführung mit den Herkunftsfamilien geplant. Dies klappt natürlich nicht immer. Dann sollen die Mädchen aber zumindest genug gelernt haben, um selbst für sich sorgen zu können. Ich bin sehr angetan von den engagierten Mitarbeitern und der ruhigen und angenehmen Atmosphäre im Schutzhaus. Wenn man die vielen Straßenkinder sieht, die sich außerhalb der schützenden Mauern durchschlagen müssen, wird jedoch auch klar, wie groß die Aufgabe ist, vor denen Daniel Gizaw und seine Mitarbeitenden stehen. Eine Aufgabe, die vor allem durch Praktiken wie den Kinderhandel oder die Frühverheiratung immer neue Nahrung erfährt.

Wege aus der Sklaverei

Doch wie kann Kindern wie Abeba überhaupt geholfen werden? Wie lässt sich sicherstellen, dass Abeba später nicht selbst als Straßenkind in Addis Abeba oder Bahir Dar landet? Dass es überhaupt möglich ist, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, zeigt die Geschichte von Bosena Dememe. Die 38-jährige Frau stammt aus ärmlichen Verhältnissen und war selbst früher ein Qenja-Kind. Sie heiratete, bekam einen Sohn, Simachew, konnte aber nach der Scheidung und einem weiteren Kind die Familie nicht mehr alleine versorgen. Sie beschloss daher, den damals achtjährigen Simachew an einen Bauern zu verkaufen. Das war im Jahr 2013. Im November 2014 schloss sich Bosena im Ort der von FC initiierten Selbsthilfegruppe an. Die Gruppe hat strenge Kindesschutzregeln und forderte Bosema auf, ihren Sohn zurückzuholen. Bosema hatte aber immer noch Angst, nicht für ihre Kinder sorgen zu können. „Mit dem ersten Kredit aus der Selbsthilfegruppe habe ich Hühner für eine Hühnerzucht angeschafft“, erzählt sie stolz. „In den Schulungen habe ich gelernt, wie ich die Eier gewinnbringend verkaufen kann.“ Bald verdiente sie genug Geld, um Simachew zurückzuholen. Bereits Anfang 2015 war Bosenas Sohn wieder zu Hause.

Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)
Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)

Heute hat Bosena neben der Hühnerzucht auch ein kleines Feld und ist in der Lage, ihren Lebensunterhalt und die Schulmaterialen für ihre Kinder selbstständig zu bestreiten.

https://youtu.be/3i6iCYULPTY
Der Alltag von Kinderarbeitern in Äthiopien. (Malte Pfau)

*Name von der Redaktion geändert