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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Wir sind nur so stark wie die Schwächsten unter uns: eine Meinung

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sich auf die moralischen, humanitären Aspekte zu berufen.

Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar Foto: Kindernothilfepartner)
Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar. (Foto: Kindernothilfepartner)

Sind wir alle gleich?

Als das COVID-19-Virus innerhalb weniger Wochen von Wuhan, China, um die halbe Welt durch Europa, Amerika und darüber hinaus reiste, gab es uns den Beweis, wie eng wir alle miteinander verbunden sind - falls dieser jemals nötig war. Nicht nur unsere globalisierten Volkswirtschaften sind voneinander abhängig, sondern wir selbst sind eine Menschheit, die einen Planeten teilt. Und doch scheinen wir es allzu oft zu vergessen, wenn wir unbedacht auf irreführende Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ verweisen. Nehmen wir zum Beispiel die Unterscheidung zwischen reichen und armen Ländern oder, wie Ökonomen es ausdrücken, zwischen den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und den am wenigsten entwickelten Ländern. Wenn es um COVID-19 geht, ist das einzige was zählt, ob wir krank oder gesund sind, unabhängig von wirtschaftlichem Status oder geografischer Lage.

Aber natürlich kann nicht behauptet werden, dass es keine Unterschiede gibt. In der Tat hat uns das Virus gezeigt, dass es etwas ausmacht, wer und wo wir sind. Ob Dharavidweller in Mumbai, afroamerikanische Fleischverarbeiterin in Chicago, Mitglied der First Nations in Nordkanada, Rohingya-Flüchtling in Myanmar, Pensionist in einem britischen Wohnheim, Insassin in einem südamerikanischen Gefängnis oder medizinische Fachkraft in einem Krankenhaus irgendwo auf der Welt. Es macht den Unterschied: zwischen infiziert oder nicht, zwischen Zugang zu Tests oder nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit. COVID-19 ist eine Herausforderung, vor der wir alle stehen, aber unsere Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind innerhalb und zwischen den Ländern unterschiedlich.

Menschen in Entwicklungsländern sind am stärksten gefährdet. Während regelmäßiges und gründliches Händewaschen für viele von uns Teil des täglichen Lebens ist, ist es für viele mehr aber nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Der jüngst veröffentlichte Fortschrittsbericht der UN-SDGs besagt, dass 2 von 5 Menschen weltweit keine einfache Handwaschanlage mit Wasser und Seife zu Hause haben. In den am wenigsten entwickelten Ländern ist es weniger als einer von drei Menschen (28 Prozent). Das bedeutet, dass weltweit schätzungsweise 3 Milliarden Menschen ihre Hände zu Hause immer noch nicht richtig waschen können und daher der grundlegendsten und wirksamsten Präventionsmaßnahme gegen COVID-19 beraubt sind. Darüber hinaus stellt extreme Armut eine Geißel dar, die Entwicklungsländer am meisten belastet. Laut Weltbank birgt COVID-19 das große Risiko, weitere 40-60 Millionen Menschen in extreme Armut zurückzudrängen. Dies wäre ein tragischer Rückschritt im jahrzehntelangen Kampf gegen die globale Armut. Für Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften bereits unter den Folgen niedriger Rohstoffpreise, Abzug ausländischen Kapitals und geschwächter Währungen leiden, wirkt sich COVID-19 fast unumgänglich auf die Lebensmittelpreise aus und birgt somit potenziell schädliche Auswirkungen auf die Ernährung der am stärksten gefährdeten Personen.

Wissen, wie es geht

In Zeiten von Corona können es sich fortgeschrittene Volkswirtschaften nicht leisten, die Entwicklungsländer sich selbst zu überlassen. In mehreren großen Schwellenländern und Dutzenden kleinerer Volkswirtschaften besteht die reale Möglichkeit, wenn nicht sogar Wahrscheinlichkeit für massive Finanzkrisen. Dies würde nicht nur Versuche vereiteln, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Es könnte eine schwer reversible soziale Instabilität auslösen und bestehende humanitäre Krisen verschärfen.

Angesichts dessen müssen Unterstützung und Schutz der Entwicklungsländer im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Staates liegen. Das weltweite multilaterale System ist auf mehrdimensionale Herausforderungen ausgelegt und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung: die WHO, um die Pandemien unter Kontrolle zu halten, die FAO, um den Bedarf an Lebensmittelimporten und Engpässen bei der Lebensmittelversorgung zu ermitteln, der IWF, um die benötigten Mittel unverzüglich zu finanzieren, die Welt Bank zum Wiederaufbau usw. Was jetzt benötigt wird, ist eine angemessene dringende internationale Finanzierung, verbunden mit eindeutiger politischer Unterstützung. Es braucht einen „Pandemie-Marshall-Plan“ für Entwicklungsländer. Dieser könnte möglicherweise in Form eines massiven Finanzspritze des IWF genau das bewirken, was die Fed in den USA oder die EZB in Europa getan haben, um Liquidität zu fördern, Staatsschulden zu koordiniern und so das Risiko einer Finanzkrise zu vermeiden.

Es ist wahr, dass COVID-19 keine Grenzen kennt und keine Unterschiede macht, wenn es zuschlägt. Aber die Länder sind nicht gleichermaßen dafür gerüstet, und es hätte fatale Folgen, wenn Unterschiede zwischen den Nationen eine kollektive Krisenbewältigung bremsen würden. In diesem Sinne ist es eine ultimative globale Herausforderung, vor der wir stehen - hochindustrialiserte wie auch wenig entwickelte Länder. Die Welt braucht das multilaterale System wie nie zuvor: Denn wir sind eng miteinander verbunden und nur so stark wie die Schwächsten unter uns.