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Jürgen Schübelin zu Besuch in Wharf Jérémie. Foto: Jakob Studnar

„Ohne Bildung haben diese Kinder keine Chance!“

Jürgen Schübelin, Lateinamerika-Referatsleiter der Kindernothilfe

Zehn Liter Wasser fasst der Kanister. Sechs solcher bis zum Rand gefüllter Kübel müssen allein bis Mittag angeschleppt werden – ein Knochenjob und Teil der täglichen Arbeit von Odana. Das 13-jährige Mädchen ist eines von geschätzten 300.000 Restavèk-Kindern in Haiti, die ohne Lohn und unter unwürdigen Bedingungen für fremde Familien arbeiten – für ein wenig Essen und ein Dach über dem Kopf. Ausgerechnet in dem Land, in dem bereits 1804 die Sklaverei abgeschafft wurde, hat diese Form des „rester avec“, also „bei jemandem bleiben“ auf Französisch, eine traurige Tradition. Die Kinder werden von ihren bitterarmen Familien vom Land in die Stadt geschickt, zu meist völlig Fremden, denen es kaum besser geht. Die meisten Restavèk kommen so vom Regen in die Traufe, vom Land in die Slums der Stadt, wo sie oft unter Schlägen und Missbrauch kostenlos 14 Stunden täglich arbeiten, am Boden schlafen und kaum zu essen bekommen. Die einzige Chance auf ein würdigeres Leben erhalten sie durch Bildung, erzählt Jürgen Schüblelin, Lateinamerika-Referatsleiter der Kindernothilfe.

 

Restavèk Odana Rosnöl (13 Jahre) lebt in einer Zeltstadt in Port au Prince , Stadtteil Carrefour Feuilles bei Frau Sanon Rosline (Quelle: Jakob Studnar)
Rund 300.000 Restavèk-Kinder in Haiti schuften ohne Lohn. Foto: Studnar

Wie viele Restavèk-Kinder gibt es in Haiti?

Jürgen Schübelin: Es ist ganz schwierig, empirisch wirklich belastbare Zahlen über die Mädchen und Buben, die Opfer dieses Systems ausbeuterischer Kinderarbeit sind, zu nennen. Zum Teil ist von bis zu 300.000 Restavèk-Kindern die Rede. Der Kindernothilfe-Partner MVM (Mouvement vin plis Moun) konnte aber zuletzt beobachten, dass der „Zufluss" von Kindern aus ländlichen Regionen, die nach Port-au-Prince gebracht werden, um dort „Gastfamilien" – familles d’accueil - als Haushaltshilfen angeboten zu werden, etwas nachgelassen hat. Ganz allmählich zeigen also die jahrelangen Kampagnen Wirkung, die Eltern selbst in extrem prekären Lebensbedingungen motivieren wollen, ihre Kinder nicht einfach abzugeben und einem furchtbaren Schicksal in den Armenvierteln der großen Städte auszusetzen.

Derzeit sind wir dabei, in einer Gemeinschaftsanstrengung mit anderen internationalen und nationalen Kinderrechtsorganisationen in Haiti sozialwissenschaftlich untersuchen zu lassen, ob die Trendwende, für die wir seit so vielen Jahren gekämpft haben, wirklich erreicht werden konnte - und wie sich das Restavèk-System weiter entwickelt hat. Von den Ergebnissen dieser Untersuchungen erhoffen wir uns wichtige Hinweise für die Kindernothilfe-Strategie rund um dieses Thema. Das Engagement für die Rechte gerade dieser Kinder ist einer der großen Herausforderungen in der Kindernothilfe-Länderstrategie für Haiti.

Hat das verheerende Erdbeben vor fünf Jahren das System dieser ausbeuterischen Kinderarbeit zusätzlich begünstigt?

Jürgen Schübelin: Wir haben nach dem Erdbeben im Jänner 2010 festgestellt, dass viele Kinder, die bei dieser Katastrophe ihre Eltern und andere Angehörige verloren haben, von sich aus bereits in den Notlagern und Zeltstädten nach Familien suchten, bei denen sie unterkommen konnten und denen sie dafür ihre unentgeltliche Arbeitskraft anbieten mussten. Mit anderen Worten: Das Erdbeben hat vermutliche Tausende von Kindern erst zu Restavèk gemacht - aus blanker Not, einfach, um überleben zu können.

Gibt es Schätzungen, wie viele der Restavèk-Kinder Bildungsangebote wie die der Kindernothilfe tatsächlich in Anspruch nehmen können?

Schübelin: Das können wir – zumindest, was unsere Arbeit anbelangt - recht präzise sagen: Unser Partner Mouvement vin plis Moun erreicht in fünf Armenvierteln von Port-au-Prince fast 1.600 Restavèk-Kinder mit seinen Kursen und alternativen Unterrichtsangeboten. In der kleinen, von der Kindernothilfe nach dem Erdbeben wieder aufgebauten Schule von Wharf Jérémie werden weitere 260 Kinder unterrichtet. Und im Stadtteil Tokyo, wo die Partnerorganisation ONENF arbeitet, gehen 120 Restavèk-Kinder in Spezialklassen und machen dort auch eine handwerkliche Berufseinstiegserfahrung - etwa indem sie lernen, Flip-Flops für den örtlichen Markt zu produzieren. Wenn man dann noch die Restavèk-Kinder hinzurechnet, die über eine Förderklasse im Collège Véréna unterstützt werden, kommen wir auf insgesamt 2.000 Mädchen und Buben, die von der Kindernothilfe erreicht werden. Es gibt in Haiti auch andere Organisationen, die sich dafür einsetzen, dass Restavèk-Kinder eine Schule besuchen können, aber ich fürchte, dass wir selbst bei wohlwollendster Zählweise nicht einmal auf 10 Prozent aller Restavèk-Kinder kommen, die Zugang zu Bildungsinhalten haben.

Wie gelingt es, dass Restavèk von ihren „Gastfamilien“ die Erlaubnis bekommen, diese Bildungsangebote zu besuchen?

Schübelin: Das ist oft ein sehr mühseliges Unterfangen: Pastor Luckner in Wharf Jérémie zieht zum Beispiel von Hütte zu Hütte, um die Gastfamilien davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, dass die Kinder in die Schule gehen und nicht nur 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Er nutzt auch seine Predigten an den Sonntagen in der Kirche, um den Leuten ins Gewissen zu reden. Ganz wichtig ist es, die Familien, die Restavèk-Kinder für sich arbeiten lassen und dabei selbst vielfach unter Bedingungen extremer Armut leben, nicht als Feinde zu sehen. Sondern - so merkwürdig das in unseren Ohren auch klingen mag - als Partner, um die brutalen Kinderrechtsverletzungen, denen diese Mädchen und Buben tagtäglich ausgesetzt sind, zu beenden. Das bedeutet auch, dass ganz viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit diese Kinder nicht mehr ständig geschlagen werden. Es hilft zum Beispiel, die Gastfamilien in Veranstaltungen miteinzubeziehen, ihnen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. Und sie darüber zu informieren, was in den Kursen mit den Kindern geschieht und sie dazu zu bringen, sich auch stolz zu fühlen, wenn die Mädchen und Buben im Unterricht oder beim Herstellen von Kunsthandwerksarbeiten erfolgreich sind. Aber uns ist bei alledem natürlich klar, dass es hier überhaupt keinen Anlass gibt, um irgendetwas zu idealisieren oder schönzureden. Trotzdem wird sich die Situation nicht in der Konfrontation mit den familles d'accueil verbessern lassen, sondern nur im graduellen Wecken von Einsicht und Verantwortungsbewusstsein.

Restavèk Odana Rosnöl (13 Jahre) lebt in einer Zeltstadt in Port au Prince , Stadtteil Carrefour Feuilles bei Frau Sanon Rosline (Quelle: Jakob Studnar)
Bis zu 14 Stunden täglich arbeiten die Kinder unter unwürdigen Bedingungen. Foto: Studnar

Schaffen die Restavèk dadurch, dass sie Lesen und Schreiben können, eher den Absprung aus ihrer ausbeuterischen Situation?

Schübelin: Es gibt, so banal das klingt, keinen anderen Weg. Als den über die Ausübung des Menschenrechts auf Bildung! Ohne Lesen und Schreiben - und vielleicht noch wichtiger - ohne Rechnen zu können, haben alle diese Kinder nicht den Hauch einer Chance, angemessen für ihr eigenes Auskommen sorgen zu können. In der Regel endet die Zeit als Restavèk ja dadurch, dass die Mädchen und Buben von ihren "Arbeitgebern" irgendwann einfach weggeschickt werden. Da die Kinder in all den Jahren nie für ihre Arbeit bezahlt wurden, stehen sie in dieser Situation mit leeren Händen da. Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie bestehen meist seit langem nicht mehr. Die Zeit im Projekt, in der Schule, im besten Fall einige Zeugnisse und Belege für den Unterrichtsbesuch, aber vor allem das, was sie sich in diesen Jahren an Selbstbewusstsein und Überlebenswerkzeugen angeeignet haben, ist alles, was ihnen bleibt. Damit machen sie sich auf die Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit: oft im Straßenhandel, eventuell in einem Geschäft, die Buben als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle oder im nahegelegenen Hafen, oder auch als Kassierer in einem tap-tap, einem zum Sammeltaxi umgebauten Kleinlaster mit Holzbänken. Gegenüber Jugendlichen, die nie in der Schule waren, sind sie bei dieser Arbeitssuche klar im Vorteil.

Gibt es in Wharf Jérémie überhaupt andere Arbeit, die diese Kinder und Jugendlichen übernehmen können?

Schübelin: Nein, in diesem bidonville, diesem Armenviertel, das ja auf einer riesigen Ansammlung von Müll und Abraum im Hafenbereich von Cité Soleil entstanden ist, gibt es keine Arbeitsmöglichkeiten. Aber nicht weit von Wharf Jérémie entfernt befindet sich ein großer Straßenmarkt, es gibt den Hafen und - dann bereits mehr in Richtung Delmás und Stadtzentrum - auch einige Baustellen, eine Art Omnibusbahnhof, noch mehr Straßenhandel, aber auch mehrere Handwerksbetriebe und Werkstätten. Die Kinder durchqueren auf der Suche nach Arbeit oft die ganze Stadt.

Das System der Ausbeutung von Restavék-Kindern ist in der haitianischen Gesellschaft tief verankert – kann dem überhaupt beigekommen werden?

Schübelin: Nur mit ganz langem Atem: Seit vor über 40 Jahren der haitianische Dichter Maurice Sixto in seiner berührenden, eindrucksvollen Poesie - Ti Sentanize - das Schicksal von Restavèk-Kindern beschrieben hat, sind immer wieder Versuche unternommen worden, um in der Öffentlichkeit ein größere Sensibilität gegenüber dem Unrecht, das diesen Kindern zugefügt wird, zu erreichen. Die Kindernothilfe hat mit Hilfe der Europäischen Union im Rahmen eines fünfjährigen Projektes, das vor dem Erdbeben begann und danach fortgesetzt wurde, über ihre verschiedenen Partner vor allem an Schulen gearbeitet, um dort für mehr Wissen und eine größere Bereitschaft, diesen Kindern alternative Bildungsmöglichkeiten anzubieten, zu werben. Es wurde Bildungs- und Kampagnenmaterial produziert und breit eingesetzt, es gab Radiospots sowie einen Newsletter zum Thema. Die haitianische Regierung griff das Thema in einer Plakatkampagne auf, UN-Gremien und internationale Organisationen beschäftigten sich immer wieder mit der Restavèk-Problematik. Letztlich wird aber nur eine Verringerung der Armut und extremen Armut, eine Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bildungsmöglichkeiten auch der Menschen auf dem Land, von dort, wo die Kinder auf ihren trostlosen Weg ohne Wiederkehr geschickt werden, das Problem wirklich an den Wurzeln anpacken können. Und es muss weiterhin massiven internationalen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Haiti - und die Reichen und Mächtigen in diesem Land - geben, sich der Not der Restavèk-Kinder angemessen zu stellen. Damit diese skandalösen Kinderrechtsverletzungen nicht länger als "kulturelles Phänomen", das es angeblich schon immer gegeben hat, abgetan werden.

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