Kindernothilfe Österreich. Kindern Zukunft schenken.

Haitis „Schützende Schule“

In der Schule von Levêque stehen neben Mathematik, Franzöisch und Geschichte auch Kinderrechte und ökologische Bewusstseinsbildung auf dem Stundenplan. Die Mädchen und Buben lernen nicht nur sich selbst vor Gewalt und Naturkatastrophen, sondern auch ihre Umwelt zu schützen.
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Notsiedlung in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Dem kleinen Dorf Lévêque sieht man bis heute an, dass es als Notsiedlung von nach dem Erdbeben 2010 in diese Einöde geflüchteter Familien entstanden ist (Foto: Jürgen Schübelin)
Notsiedlung in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Dem kleinen Dorf Lévêque sieht man bis heute an, dass es als Notsiedlung von nach dem Erdbeben 2010 in diese Einöde geflüchteter Familien entstanden ist (Foto: Jürgen Schübelin)
Naturkatastrophen. Extreme Armut. Korrupte, skrupellose Eliten. Bis an die Zähne bewaffnete kriminelle Banden. Terrorisierte Bevölkerung in den Armenvierteln. Solche Schreckensbotschaften dringen aus dem kleinen Karibikstaat Haiti nach Europa. Ganz zu schweigen von: "Zehntausende sind verzweifelt auf der Flucht. Sie versuchen irgendwie außer Landes zu kommen und stoßen dabei fast überall in Lateinamerika und an der Grenze zu den USA auf Ablehnung und aggressiven Rassismus." Die beeindruckenden Beispiele für Alltags-Resilienz, für das erfolgreiche Sich-Anstemmen gegen widrigste Lebensbedingungen, hingegen gehen unter. Dabei gibt es sie! Etwa in dem von der Kindernothilfe geförderten Projekt „Schützende Schule“ in Levêque, einem kleinen Ort, rund 30 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Jürgen Schübelin, der langjährige, frühere KNH-Referatsleiter Lateinamerika, erzählt im Interview über dieses Projekt.
 
Was verbindet Kindes- und Umweltschutz?

Jürgen Schübelin: Die ökologischen Kinderrechte sind in der Kindernothilfe seit vielen Jahren ein wichtiges Thema: Mit den katastrophalen Auswirkungen der Klimaveränderungen - gerade in der Karibik - wird für die betroffenen Menschen das Überleben immer schwieriger und für Kinder die Perspektive für eine Zukunft in Würde und Sicherheit immer unerreichbarer.  Bereits lange vor dem Erdbeben im Januar 2010 hatten wir in Haiti deshalb immer auch das Thema Ökologie im Blick – und in unseren Länderstrategiepapieren als Priorität benannt. Denn Umweltschutz ist hier in diesem Land ein überlebenswichtiges Thema.
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Haitianische Kinder mit Schutzmaske (Foto: Kindernothilfepartner)
Kinder der L'ecole Communautaire de Grand Samaritain-Cabaret (Foto: Kindernothilfe Partner)
Haitianische Kinder mit Schutzmaske (Foto: Kindernothilfepartner)
Kinder der L'ecole Communautaire de Grand Samaritain-Cabaret (Foto: Kindernothilfe Partner)
Warum…?


Dafür muss man sehr weit zurückschauen. Als Kolumbus 1492 die Insel Hispaniola entdeckte, die sich Haiti heute mit dem Nachbarland Dominikanische Republik teilt, da war diese Insel ein dicht bewaldetes, von ihrer Flora und Fauna her ungeheuer reiches Stückchen Erde. Aber schon zu Zeiten als französische Kolonie und danach als Konsequenz der sich immer schneller drehenden Verarmungs- und Verelendungsspirale der Menschen in Haiti setzte sich ein brutaler Entwaldungsprozess in Gang und verwandelte das grüne Paradies in weiten Teilen in eine ausgelaugte steppenartige Gerölllandschaft. 97 Prozent der Wälder Haitis sind heute abgeholzt!
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Köchin in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Wassersparen ist auch eine Aufgabe für die Mütter, die jeden Tag bei der Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder aus der Schule in Lévèque mithelfen und dabei versuchen, mit so wenig Trinkwasser wie möglich auszukommen (Foto: Jürgen Schübelin)
Köchin in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Wassersparen ist auch eine Aufgabe für die Mütter, die jeden Tag bei der Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder aus der Schule in Lévèque mithelfen und dabei versuchen, mit so wenig Trinkwasser wie möglich auszukommen (Foto: Jürgen Schübelin)
Was hat Armut mit Abholzung zu tun?


Holzkohle ist der einzige Brennstoff der Armen. Sie kochen mit Holzkohle, sie erhitzen ihr Waschwasser damit… Alles aus Holz, ob Baum oder Strauch, wird zu Brennstoff. Weite Teile Haitis sind daher nur noch Ödland. Überdies sind die Böden müde. Jahrhundertelang ließ die einstige Kolonialmacht Frankreich flächendeckend Zuckerrohr anbauen. Und Zuckerrohr laugt den Boden enorm aus. Dieser Raubbau und die Verelendung der Haitianer sind die Gründe, warum es so wichtig ist, in diesem Land seit inzwischen über zwei Jahrzehnten Nachhaltigkeit und Ökologie mit im Fokus unserer Arbeit stehen zu haben.
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Schulklasse in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Unterrichtsbedingungen sind prekär, die Schule nur aus Wellblech und Holzbrettern errichtet - am Engagement der Kinder und der Lehrerinnen und Lehrer ändert das nicht. (Foto: Jürgen Schübelin)
Schulklasse in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Unterrichtsbedingungen sind prekär, die Schule nur aus Wellblech und Holzbrettern errichtet - am Engagement der Kinder und der Lehrerinnen und Lehrer ändert das nicht. (Foto: Jürgen Schübelin)
Apropos Kindernothilfe-Engagement in Haiti: Wie kommt hier das Projekt „Schützende Schule“ ins Spiel?


Diese Schule befindet sich in Levêque, einem Ortsteil der Stadt Cabaret, im Nordosten der Hauptstadt Port-au-Prince, in einer regelrechten Geröllwüsten-Landschaft. Hier mitten im Nichts haben nach dem Erdbeben im Januar 2010 viele Menschen aus der Hauptstadt versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei unterstützt sie der Kindernothilfe-Partner FEPH, der unmittelbar neben dem ehemaligen Camp der Erdbeben-Überlebenden eine kleine Schule einrichtete und dabei nach einem besonderen Konzept arbeitete. Die Kinder lernen in dieser „Schützenden Schule“ nicht nur, wie sie sich vor neuerlichen Naturkatastrophen schützen, sondern auch Umweltschutz. Ganz praktisch und wesentlich ist das im Umgang mit dem wertvollen Gut Wasser. Wasser ist sündhaft teuer auf Haiti.

Warum ist Wasser in diesem Land so teuer?


Wasser wird hier mit Zisternen-Lastwagen angefahren und in Plastiktanks aufbewahrt. Es kommt also nicht aus der Leitung, daher müssen die Menschen einen wesentlichen Teil ihres Familieneinkommens aufwenden, um die Zisternen-Lieferungen bezahlen zu können. Fachleute des Deutschen Technischen Hilfswerks (THW) haben nach Erdbeben 2010 ausgerechnet, dass es kaum einen anderen Ort auf der Welt gibt, wo die Menschen mehr für die Trinkwasser bezahlen müssen, als in diesem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre. Die „Schützenden Schule“ kostet die Wasserlieferungen im Tankwagen beispielsweise mehrere hundert US-Dollar im Monat. Daher lernen die Schulkinder, vorsichtig und respektvoll mit dem teuren Wasser umzugehen.
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Schulkinder in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Jeder Tropfen Wasser zählt! Den Kindern aus der Schule in Lévêque ist bewußt, wie wichtig es ist, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Hier wird nichts verschüttet! (Foto: Jürgen Schübelin)
Schulkinder in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Jeder Tropfen Wasser zählt! Den Kindern aus der Schule in Lévêque ist bewußt, wie wichtig es ist, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Hier wird nichts verschüttet! (Foto: Jürgen Schübelin)
Was konkret lernen die Kinder in Bezug auf Wasser?


Die Kinder lernen beispielsweise, wie sie Waschwasser zum Gärtnern wiederverwenden können, in dem sie den Seifenschaum abschöpfen. Oder wie sie Phosphate mit einem ganz einfachen System herausfiltern: Sie gießen das Wasser durch eine Sand-Kiesschicht ab und fangen es unten auf. Das lernen sie in beispielsweise in der Schule. Das Wasser ist natürlich kein Trinkwasser, aber es ist gut fürs Gemüse und für die Bäumchen.


Gemüse und Bäumchen in der Steppe?


Ja, so gut wie jeder im Dorf zieht Gemüse zum Eigenbedarf. Und die Bäumchen sind ein Projekt der schützenden Schule. Sie pflanzen anspruchslose Bäume und Sträucher. Diese wiederum ziehen Vögel und Insekten an. Die Vögel transportieren die Pflanzensamen an neue Stellen… Das trägt zu mehr Biodiversität bei. Und vor allem bringt es Hoffnung. Es gibt in diesem gottverlassenen Ort nichts anderes als die Schule, in der etwas passiert, sich etwas Positives tut. Die Schule ist ein Identifikationsort, der ausstrahlt und Hoffnung gibt.


Wo genau liegt die Verbindung zwischen Umwelt- und Kinderschutz?


Das Projekt „Schützende Schule“ sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem Schutz vor Gewalt, die Kindern – vor allem durch die Erwachsenen, mit den sie zusammenleben - und die der Umwelt angetan werden. Das gilt nicht nur für Haiti: Weltweit sehen wir: Wenn sich Umweltbedingungen positiv verändern, geht es den Menschen dort auch psychisch besser. Wenn Dörfer und Stadtteile grüner und wohnlicher werden, geht die Gewalt zurück.
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Schulkinder in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Projekt der „Schützenden Schule“, die sich selbst École communautaire du grand Samaritain de Lévèque nennt, steht das Thema Kinderrechte ganz im Mittelpunkt, so wie es auch der Satz auf dem Shirt dieses Mädchens zum Ausdruck bringt, in dem der Respekt für die Kinderrechte - und zwar weltweit - eingefordert wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Schulkinder in Haiti (Foto: Jürgen Schübelin)
Im Projekt der „Schützenden Schule“, die sich selbst École communautaire du grand Samaritain de Lévèque nennt, steht das Thema Kinderrechte ganz im Mittelpunkt, so wie es auch der Satz auf dem Shirt dieses Mädchens zum Ausdruck bringt, in dem der Respekt für die Kinderrechte - und zwar weltweit - eingefordert wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Spenden für die „Schützende Schule“ lohnen sich also? Trotz all der Krisen, mit denen das Land zu kämpfen hat?


Es lohnt sich unbedingt, sich dort zu engagieren. Es ist großartig zu sehen, was dort alles passiert. Aus Nichts machen die Lehrerinnen und Lehrer unglaublich viel. Und das Projekt erreicht ja nicht nur die Schulkinder, sondern auch die Eltern, die Nachbarn, das gesamte Dorf, das in diesen zwölf Jahren aus dem Flüchtlingscamp entstanden ist. Wir verändern mit unserer Arbeit dort sicher nicht die politischen Gegebenheiten. Aber wir können Beispiele geben und zeigen, was möglich ist, wenn man die Menschen in Haiti lässt und ihnen ihr Selbstbewusstsein zurückgibt.

Autor: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe
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