Das Projekt ist wie eine Familie
Bericht von Kindernothilfe-Mitarbeiterin Lisa Stoiber
Maria und Juan kamen vor 17 Jahren aus Bolivien nach Santiago de Chile – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch stattdessen erlebten sie Isolation, Ablehnung und fehlende Unterstützung. Mithilfe des Kindernothilfe-Projekts „Colectivo sin Fronteras“ konnten sie sich und ihren beiden Töchtern Chantal und Kati in Chile eine neue Heimat schaffen.
Als Chantal auf die Stelzen steigt, sind plötzlich alle Augen auf sie gerichtet. Die 17-Jährige balanciert konzentriert über den Asphalt, während rundherum Kinder lachen, trommeln und tanzen. Wenige Minuten später greift sie selbst zum Mikrofon. „Hier bringt dich niemand zum Schweigen“, sagt sie mit fester Stimme. „Wir haben Rechte – und hier lernen wir, sie zu verteidigen.“
Früher hätte sich Chantal diese Sätze vielleicht gedacht, aber niemals laut ausgesprochen. Und schon gar nicht vor einer großen Menschenmenge wie dieser. Doch genau da setzt die Kindernothilfe mit ihrem Projekt „Colectivo sin Fronteras“ in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile an: Sie gibt Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrung eine Stimme, steht ihnen zur Seite – denn eine andere Unterstützung haben sie meist nicht.
Chile hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark verändert. Während Migrant*innen früher nur rund zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten, sind es heute etwa neun Prozent. Besonders in den letzten zehn Jahren kamen viele Familien aus Venezuela, Bolivien, Haiti oder Peru ins Land – in der Hoffnung auf ein besseres Leben in dem vermeintlich reicheren Land. Mehr als 300.000 Kinder mit Migrationshintergrund leben inzwischen in Chile – in meist prekären Wohnverhältnissen und ohne Zugang zu guter Bildung, Sozialleistungen oder medizinischer Versorgung.


Mitten in diesem herausfordernden Umfeld arbeitet das Projekt „Colectivo sin Fronteras“. Von Montag bis Samstag wird ein breites Programm für Kinder und Jugendliche angeboten: Hausaufgabenhilfe, Musik, Sport, Tanz, kulturelle Aktivitäten und Räume für Austausch. Dabei geht es nicht nur um Freizeitgestaltung, sondern auch um Selbstbewusstsein und Identität. Nationaltänze oder kulturelle Feste helfen den Kindern, ihre Wurzeln nicht zu verlieren – und gleichzeitig ihren Platz in der chilenischen Gesellschaft zu finden.
Ein Projektschwerpunkt ist außerdem die legale Begleitung der Familien. Durch individuelle Beratungen, Workshops und digitale Unterstützung – oft ganz unkompliziert per WhatsApp – werden jährlich zwischen 1.400 und 1.800 Mütter im ganzen Land erreicht. Viele Familien erfahren hier erstmals, welche Rechte sie überhaupt haben und welche Möglichkeiten es für Schulbesuch, Aufenthaltsstatus oder medizinische Versorgung gibt. Ebenso zentral ist die Familien- und Communityarbeit. Denn viele Migrant*innen kommen ohne familiäres Netz nach Chile. Durch die sogenannte „Motorengruppe“ – ein Netzwerk engagierter Mütter, die andere Frauen unterstützen – werden neue Kontakte geknüpft und Beziehungen aufgebaut. Sie organisieren Hilfe im Alltag, sammeln Geld für Familien in Not oder backen gemeinsam Brot, das verkauft wird, wenn jemand dringend Unterstützung braucht.


Auch Maria aus Bolivien ist ein aktives Mitglied der „Motorengruppe“. Als sie vor 17 Jahren mit ihrem Mann Juan nach Chile kam, standen sie vor dem Nichts – ohne jegliche Unterstützung. Heute sitzen sie lächelnd zwischen anderen Familien, während ihre Töchter voller Selbstvertrauen durch das Programm führen. „Wir hatten großes Glück, Teil von Colectivo sin Fronteras zu werden“, erzählt Juan. „Meine Töchter sind heute Sprecherinnen der Kindergruppen – darauf bin ich sehr stolz. Die Betreuung und Workshops waren entscheidend für ihre Entwicklung.“ Das bestätigen auch die beiden Mädchen selbst: „Hier bekomme ich Hilfe bei allem, was ich brauche“, sagt die 13-jährige Kati. Und ihre 17-jährige Schwester Chantal ergänzt: „Das Projekt ist wie eine Familie, die dich unterstützt und dich schützt, damit du in der heutigen Gesellschaft nicht orientierungslos zurückbleibst.“ Mehr noch: „Colectivo sin Fronteras ist wie ein Herz in einem Menschenkörper – es hält dich am Leben.“
