Wo Busfahren zur Mutprobe wird
Von einer Freiwilligen-Erfahrung unter erschwerten Bedingungen
Text: Jürgen Schübelin Bilder: Jürgen Schübelin & Christian Delgado Linares
Gespräch mit Ilse Kreiner über die Eindrücke und Einblicke während ihres Engagements mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen bei „Aynimundo“ in Lima.
Wie gehen Menschen damit um, dass jedes Einsteigen in einen öffentlichen Bus zur tödlichen Falle werden könnte? Wie bewältigen sie ihren Alltag angesichts immer brutaler agierender krimineller Gangs, die inzwischen – ähnlich wie in vielen anderen lateinamerikanischen Großstädten – auch im peruanischen Lima die Kontrolle vor allem über die Armenviertel an der Peripherie dieser Elf-Millionen-Megacity übernommen haben? Ilse Kreiner (72), promovierte Physikerin und studierte Betriebswirtin aus Perchtoldsdorf in Niederösterreich, derzeit als Kindernothilfe-Österreich-Freiwillige zum 15ten Mal in Lateinamerika unterwegs, beschreibt in einem online-Interview für www.kindernothilfe.at, wie das Bewusstsein, ständig Opfer einer Gewalttat werden zu können, für Kinder und Erwachsene die täglichen Routinen und Verhaltensweisen verändert, aber auch, wie es Menschen lernen, mit dieser Dauer-Belastung zu leben.


„Es ist den Menschen durchaus bewusst, wie sehr die Gewalt in ihrer Stadt ihren Alltag bestimmt“, so die 72jährige, „ganz viele mussten selbst schon einschlägige Erfahrungen machen, haben Überfälle, Angriffe, Raub mit vorgehaltener Waffe entweder beobachtet oder selbst erlebt.“ Bei ihrer Arbeit im „Aynimundo“-Zentrum im Stadtteil Chorrillos mit Müttern von Kindern mit Behinderungen, die, um ihre prekäre wirtschaftliche Situation in den Armenvierteln im Süden von Lima etwas zu verbessern, Selbstgebackenes oder Selbstgekochtes auf der Straße oder in der Nachbarschaft anbieten, sind die Berichte über sogenannte Schutzgeld-Erpressungen immer wieder ein Thema: „Dabei geht es natürlich nie um Schutz“, stellt Ilse Kreiner klar, „sondern schlicht um das brutale Ausnehmen der Verletzlichsten!“ Ein relativ neues Phänomen dabei ist, dass bewaffnete Gangmitglieder von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte ziehen, um Geld zu erpressen.
Das wichtigste peruanische Sozialforschungsinstitut Ipsos hat in einer seiner jüngsten Untersuchungen herausgefunden, dass 66 Prozent der Befragten vor nichts mehr Angst haben, als davor, dass entweder sie selbst oder nahe Angehörige Opfer einer mit Gewalt verbundenen Straftat werden könnten. Laut Ipsos ist das weltweit der höchste in Umfragen gemessene Wert. „Aber die Menschen müssen ja trotzdem irgendwie ihren Alltag organisieren“, erklärt Ilse Kreiner, „es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich im öffentlichen Raum zu bewegen.“ Vor allem für Mütter, die mit Kindern mit einer Beeinträchtigung unterwegs sein müssen, ist das eine belastende Herausforderung. Eine der Strategien, um sich wenigstens etwas zu schützen, besteht darin, sich mit anderen Frauen in der gleichen Situation abzusprechen, um Besorgungen oder die Fahrten zum Therapiezentrum von „Aynimundo“ gemeinsam zu erledigen, oder sich bei verdächtigen Beobachtungen auf der Straße oder in der Nachbarschaft per Handy gegenseitig zu warnen, aber auch, die zurückzulegenden Wege immer wieder wechseln, andere Routen zu benutzen. Ilse Kreiner: „Ich mache das den Frauen nach und versuche, mich ebenfalls auf diese Weise präventiv zu verhalten.“


Eingerahmt werden diese Begegnungen mit Menschen in einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft durch eine geradezu groteske Häufung der immer gleichen politischer Krisen: „In den vergangenen zehn Jahren hatte Peru“, rechnet Ilse Kreiner vor, „bereits acht Präsidentinnen und Präsidenten. Das ist vermutlich Weltrekord!“ Und seit der Jahrtausendwende gab es unter ihnen fast niemanden ohne Probleme mit der Justiz. Vier Ex-Präsidenten befinden sich derzeit wegen Korruption hinter Gittern, einer wegen eines versuchten Staatsstreichs. „Wenn ich darüber mit den Menschen, mit denen ich arbeite, spreche“, berichtet Kreiner, „zucken die meisten nur mit den Schultern. Es ist in diesem Land inzwischen völlig normal, dass es keine Regierung schafft, ihr Mandat auch nur annähernd bis zum Ende zu bringen.“ Und: „Die Menschen haben null Vertrauen in das politische System. Ich habe noch niemanden getroffen, der daran glaubt, dass es irgendeine Chance gibt, in Peru die grassierende Korruption zu überwinden.“ Auch in diesem Punkt bestätigen demoskopische Untersuchungen die Beobachtungen der Freiwilligen aus Perchtoldsdorf: Laut dem bereits erwähnten Sozialforschungsinstitut Ipsos sind sich 87 Prozent der Interviewten sicher, dass die Korruption im Land ihr tägliches Leben massiv beeinträchtigt.


Was macht dieser Fatalismus und diese Resignation gegenüber den politischen Verhältnissen mit den Familien der Kinder und Jugendlichen im „Aynimundo“-Projekt, mit dem Team der Mitarbeitenden, mit den Nachbarn im Stadtbezirk Chorrillos und den Armenvierteln, aus denen die Kinder in dieses Zentrum zur Therapie und zur Suche nach Unterstützung kommen? „Es gibt in diesem Land einen Alltag, der sich im Schatten all dieser chaotischen politischen Verhältnisse, des endemischen Staatsversagens und der Kriminalitäts- und Korruptionsprobleme abspielt“, erklärt Ilse Kreiner: „Dazu gehört, dass die Eltern mit all ihrer Kraft darum kämpfen, ihren Kindern trotz aller Widrigkeiten und Beeinträchtigungen eine Chance bieten zu können, ihren Platz zu finden und ihren Beitrag zu leisten.“ Aber wirtschaftliche Krisenzeiten und eine große politische Unsicherheit machen es auch Firmen und möglichen anderen Arbeitsgebern nicht leicht, junge Menschen mit einer Behinderung einzustellen und, fügt Ilse Kreiner hinzu, „durchzuhalten, wenn es mal schwierig wird und Geduld im Umgang miteinander gefragt ist.“
Trotzdem schafft es das „Aynimundo“-Team dank seiner jahrelangen Netzwerkarbeit und professionellen Kontakte immer wieder, junge Leute mit Behinderungen in Jobs zu vermitteln. Was Ilse Kreiner diesmal besonders umtreibt, ist ein Aspekt, der weit über dieses beeindruckende Engagement für die Rechte von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen hinausreicht: „Ich komme immer mehr zu dem Schluss“, beschreibt Kreiner ihre eigenen Lernkurve, „dass diese jungen Menschen Herausforderungen brauchen, um zu wachsen und Erfolgserlebnisse zu erleben!“ Eltern, die – und sei es in der allerbesten Absicht – ihren Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumen, Schwierigkeiten ersparen wollen, „nehmen ihnen letztlich den Wind unter den Flügeln.“ Als eindrucksvolles Beispiel hat sie immer wieder einen autistischen Jungen vor Augen, der, nachdem er endlich eine Stelle in einem Betrieb fand, lange Zeit nur als Reinigungskraft arbeiten durfte, weil seinen Chefs die Kommunikation mit ihm zu mühsam war. Erst als endlich jemand verstand, dass die Leidenschaft und das große Talent des Jungen darin besteht, Dinge perfekt in Ordnung zu halten und er im Warenlager der Firma eingesetzt wurde, brach der Knoten: „Die große Herausforderung ist, die Potentiale dieser jungen Menschen zu erkennen, sie nicht zu unterfordern oder gar ständig zu betütteln!“


Über „Aynimundo“:
Für „Aynimundo“, 2001 von engagierten jungen Architekten gegründet, um zusammen mit den Menschen in den „pueblos jóvenes“, den nach Landnahmen entstandenen Armenvierteln im Süden Limas, Nachbarschaftsprojekte umzusetzen, urbane Infrastruktur zu verbessern, Lebensqualität zu schaffen - wurde im Lauf der Jahre das Engagement für die Rechte von Kindern mit Behinderungen und die Unterstützung ihrer Familien zum Markenkern, zur zentralen Arbeitsaufgabe. Der Name „Aynimundo“ – zusammengesetzt aus dem Quetchua-Wort „ayni“, das in der andinen Kosmovision für die Prinzipien Gegenseitigkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit steht, und dem spanischen „mundo“ (Welt) – ist dabei Programm und Richtschnur.
