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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

15. März 2019

Mandazi: Süßer Snack aus Ruanda

Mandazi-Bäcker, Ruanda (Foto: Andreas Wagner)

Mandazi sind ein beliebter Snack in Ruanda. So beliebt, dass es sogar eigene Mandazi-Bäcker gibt!

In der Zubereitung sind sie einfach, im Geschmack erinnern sie ein bisschen an unsere Krapfen

Zutaten:

2 Tassen Mehl
1 Päckchen Backpulver
2 – 3 EL Zucker
1 Ei, verrühren
etwa ½ Tasse Milch
Öl zum Braten

Mandazi zählen zu den Lieblingssnacks der Kinder in Kigali, Ruanda (Foto: Kindernothilfe)

Zubereitung:

Mehl, Backpulver, Zucker in einer Schüssel vermischen und in die Mitte eine Mulde drücken. Das Ei hineingeben und die Milch nach und nach dazugießen. Das Gemisch gut durchkneten. Danach den Teig mit einem feuchten Tuch zudecken und 15 Minuten ruhen lassen.

Anschließend den Teig auf einer bemehlten Fläche ausrollen und kleine quadratische Stücke davon abschneiden. Öl erhitzen und die Brötchen darin goldbraun braten – fertig!

Viel Spaß beim Nachkochen und Guten Appetit!

Mandazi-Bäcker, Ruanda (Foto: Andreas Wagner) Mandazi sind ein beliebter Snack in Ruanda. So beliebt, dass es sogar eigene Mandazi-Bäcker gibt! In der Zubereitung sind sie einfach, im Geschmack erinnern sie ein bisschen an unsere Krapfen Zutaten: 2 Tassen Mehl 1 Päckchen Backpulver 2 – 3 EL Z[...]

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Roses Geschichte: Mut zur Selbsthilfe

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstvertrauen gefunden. 

Rose hat es geschafft! (Foto: Ludwig Grunewald)

Rose ist 24 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte, trennte sich ihr Mann von ihr und Rose zog wieder in ihr Elternhaus ein. Sie hatte kein eigenes Einkommen und konnte sich und ihr Baby selbstständig nur schwer über Wasser halten. Als sie ein weiteres Mal schwanger wurde und Zwillinge bekam, verschlechterten sich ihre Lebensumstände zunehmend. Sie schaffte es nicht, für Essen, Kleidung und eine grundlegende medizinische Versorgung ihrer Familie aufzukommen.

Roses Geschichte ist kein Einzelschicksal in den abgelegenen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District. Vorwiegend Subsistenzwirtschaft betreibend, sind ca. 50% der knapp 60.000 Einwohner der Region unter- bzw. mangelernährt, wodurch vor allem die gesunde Entwicklung der Kinder stark gefährdet ist. Äußerst niedrige Hygienestandards und unzureichende Trinkwasserversorgung fördern außerdem Infektionskrankheiten. Auch die hohe Anzahl an Menschen mit HIV/Aids schwächt die Gemeinschaften nachhaltig.

Ausweg aus der Perspektivenlosigkeit

Um die Situation der Menschen in Erussi und Ndhew nachhaltig zu verbessern, wurde 2015 das Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation The Agency For Accelerated Regional Development (AFARD) werden die Ärmsten der Armen in Selbsthilfegruppen befähigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So wird auch der großen Herausforderung begegnet, den Kindern und Jugendlichen der Region einen Ausweg aus dieser Perspektivenlosigkeit zu zeigen, damit sie wieder neuen Mut schöpfen.

Auch Rose trat in eine Jugendgruppe der Projektregion ein, wo sich die jungen Erwachsenen grundlegende Fertigkeiten aneignen können, um die Aufnahme ins zukünftige Berufsleben zu erleichtern oder einen Ausbildungsplatz zu . Schreinern, Schneidern, das Frisörhandwerk und mechanische Berufe sind hierbei oft und gern nachgefragte Arbeitsbereiche. Rose nahm mit 39 anderen jungen Erwachsenen an diesen Bildungsangeboten teil und beschäftigte sich mit wirtschaftlichen Grundlagen wie Einkommensmöglichkeiten, Finanzierung und Sparmaßahmen. Zusätzlich beschloss die junge Frau, das Schneiderhandwerk zu erlernen, um sich damit selbstständig zu machen, da sich in ihrer Region keine Schneiderei befand. Roses Stiefmutter schenkte ihr eine Nähmaschine und ihr Vater überließ ihr einen kleinen Anteil der Ernte für eine erste Einkommensgenerierung. Mit der Nähmaschine und dem durch die Ernte erworbenen ersten Grundkapital startete sie ihr Geschäft. Inzwischen erwirtschaftet sie durch ihre Tätigkeit ein monatliches Einkommen. Dadurch ist es ihr nun möglich, für Ernährung, Kleidung und Unterkunft für ihre Familie aufzukommen.

Hilfe zur Selbsthilfe (SHS)

Kindernothilfeprojekt „Uganda – Hilfe zur Selbsthilfe“ (Foto: Kindernothilfe)

Zudem ist Rose eines der mittlerweile über 2.000 Mitglied der 165 Selbsthilfegruppen in der Region, in denen sich in der Regel die Frauen zusammenfinden, um zu lernen, wie sie den Lebensstandard ihrer Familien eigenständig verbessern können. Die AFARD-Mitarbeiter boten im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Schulungen an, die je nach Stand und Fortschritt der SHG ganz unterschiedliche Themen umfassten. So wurde vor allem die Wichtigkeit von gesunder Ernährung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge besonders hervorgehoben. Auch wurden die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und lernten, wie sie diese aktiv einfordern können. Zusätzlich nahm Rose am Microkreditprogramm teil, in dem die Frauen der SHG gemeinschaftlich Kleinstbeträge ansparen, aus denen nun langsam ein Kapitalstock entsteht. Daraus vergibt die SHG Kleinkredite, mit denen die Frauen kleine Geschäfte aufbauen können. So wird es ihnen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu generieren und die Lebensumstände in ihrem Familienkreis zu verbessern. Der Aufbau von Einkommensquellen macht sie von ihren Männern finanziell unabhängig und sie werden eher als gleichberechtigte Partnerinnen akzeptiert.

Rose beschreibt, dass sie durch die Mitgliedschaft in der Jugendgruppe und die dadurch angestoßenen persönlichen Erfolge sehr viel Selbstvertrauen gewonnen hat. Sie ist sehr dankbar, dass es ihr nun möglich ist, ihre Familie zu ernähren und sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten kann. Durch die SHG-Mitgliedschaft hat Rose erfahren, dass sie gemeinsam mit den anderen Gemeindemitgliedern sehr wohl Einfluss auf ihre Situation und auch auf die Politik lokaler Entscheidungsträger haben können. Roses Wunsch ist es, später einmal ihre eigene Ausbildungsstätte aufzubauen, in der sie anderen jungen Menschen das Schneiderhandwerk unterrichtet.

Rose hat sich mutig auf den Weg aus der Perspektivenlosigkeit gemacht. In den ärmlichen, ländlichen Regionen Erussi und Ndhew in Ugandas Nebbi District kein leichter Schritt. Aber sie hat es geschafft und durch die Unterstützung im Kindernothilfe-Projekt einen Job als Schneiderin und viel Selbstv[...]

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Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil (TDH) schult die Betroffenen zum Thema Kinderrechte und vermittelt eine Kultur des gewaltfreien Miteinanders. Wie? Zum Beispiel in einem Medien-Workshop mit dem Ziel, eine eigene Zeitschrift gegen Gewalt zu produzieren.

Brasilien: Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Zeichnungen, Collagen, poetische Texte, Fotos, Erzählungen: Die jungen Redakteure des Fanzine (das Wort steht eigentlich für Fan-Magazin) greifen auf die unterschiedlichsten Mittel zurück, um ihre bisherigen Erfahrungen mit gewaltfreier Kommunikation an die Öffentlichkeit zu tragen. In den zwei Tagen des Workshops haben sie gelernt, was ein Fanzine ist und wie sie die Zeitschrift gemeinsam auf die Beine stellen. Gedacht und umgesetzt als Botschaft des Friedens: die Jugendzeitschrift gegen die Gewalt.

Brasilien: Jugendzeitschrift gegen die Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

„Frieden ist nicht schwarz-weiß“

Für die 13-Jährige Yasmim Nascimento war es besonders wichtig, gemeinsam mit den anderen etwas Neues auszuprobieren und zu zeigen, wie sie sich das Zusammenleben in ihrem Viertel vorstellen. „Frieden ist nicht schwarz-weiß, deshalb haben wir viele Farben benutzt, um ein Bild von ihm zu zeichnen, wie bei einem Regenbogen.“ Für sie ist Gewalt eine Spirale, die immer mehr Gewalt verursacht. „Es gibt viele Menschen hier, die nicht wissen, wie ein gewaltfreies Miteinander funktioniert. Durch die Geschichten in unserem Magazin helfen wir ihnen zu verstehen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt.“

Breno Caetano, 22, gefielen vor allem die Diskussionen mit anderen Jugendlichen. „Im Workshop haben wir gelernt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, um Verständnis und Achtung für den anderen aufzubringen.“ Neben dem Dialog vereint auch die Kunst die Menschen, davon ist er überzeugt. „Das Magazin war eine gute Übung, um die Probleme im Alltag anzugehen. Diese Möglichkeit sollten auch andere Jugendliche bekommen.“

„Der Dialog ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“

Brasilien: Redaktionsitzung im Medien-Workshop gegen Gewalt (Foto: Terres des Hommes Brasil)

Die Idee, gewaltfreie Kommunikation in den Mittelpunkt des Workshops zu stellen, hat mit einem Mangel zu tun, sagt die Pädagogin und Workshop-Moderatorin Fernanda Meireles: „Die meisten von uns haben nicht gelernt, in Konflikten zu vermitteln, Emotionen klar zu erkennen, Vorurteile beiseite zu lassen und so tatsächlich Probleme zu lösen.“ Für Fernanda besteht die größte Herausforderung darin, dass die Jugendlichen, die schon Gewalt erlebt haben, diese Erfahrungen aktiv einbringen. „Am Beginn des Workshops war das für einige von ihnen sehr schwer und sogar unangenehm. Wir haben ihnen gesagt, dass Erinnerungen Teil von uns sind und dass es hilfreich ist, sie zu teilen. Sie sind überwindbar und verwandeln sich. Auch die Beziehungen zwischen Menschen verändern sich und der Dialog, das Gespräch, ist eine Kunst, die wir erlernen müssen“.

 

Der Stadtteil Grande Mucuripe in Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens ist als besonders gewalttätig bekannt. Viele dieser Verbrechen treffen Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln. Das Projekt „Mucuripe da Paz: Frieden in Mucuripe“ unseres lokalen Partners Terre des hommes Brasil[...]

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NEIN zum Albtraum Genitalverstümmelung

Genitalverstümmelung, eine Verstümmelung der Seele (Foto: Kindernothilfe)

Weibliche Genitalverstümmelung (abgekürzt FGM = Female Genital Mutilation) ist eine schwerwiegende Verletzung der Rechte von Frauen und Mädchen. Über 200 Millionen Betroffene gibt es laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Seit Jahren kämpfen wir gegen diese unmenschliche und lebensbedrohliche Praxis an. Eines unserer Schwerpunktländer ist Somaliland, wo FGM weit verbreitet ist. Vier Beispiele aus Projekten unserer Partner NAFIS – Network Aginst FGM in Somaliland und CLHE – Candlelight For Health Education and Environment zeigen, was Aufklärung bewirken kann.

Mehr als 98 Prozent der Mädchen und Frauen in Somaliland sind beschnitten. Verantwortlich dafür ist eine tief verwurzelte Tradition, die die Menschen glauben macht, dass Nichtbeschnittene unrein seien und nicht verheiratet werden könnten. Viele Betroffene leiden ein Leben lang unter massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die sogar zum Tod führen können. Weitere Folgen des grausamen Rituals sind erhöhte Risiken bei der Geburt und schwere Traumata. Um einen Bewusstseinswandel herbeizuführen, braucht es beharrliche Aufklärung. In dieser Hinsicht verzeichnen unsere Partner Erfolge, die Mut machen.

Hamda Ismail Ali: „Meine Töchter werden nicht beschnitten!“

Hamda Ismail Ali aus Hargeisa musste die Genitalverstümmelung bereits mit 9 Jahren über sich ergehen lassen. Seit ihrem 11. Lebensjahr litt sie an schweren medizinischen Folgeproblemen. Trotzdem glaubte die heute 42-Jährige, „meine Töchter würden nicht heiraten können, wenn ich sie nicht beschneiden ließe, und falls doch, würden sie zu mir zurückgeschickt“. Doch dann kam sie in Kontakt zu unserem Partner NAFIS, der ihr eine medizinische Behandlung in einem Krankenhaus ermöglichte. Die Operation war ein Erfolg, sie hat nun keine Schmerzen mehr. Und was fast noch wichtiger ist: Sie überzeugt nun andere Frauen in ihrem Dorf, gegen FGM aufzubegehren, und geht selbst als Vorbild voran. „Meine Töchter“, sagt sie entschieden, „werden nicht beschnitten!“

Aufklärungsarbeit: Rollenspiel über die heimlichen Verhandlungen zwischen einem Vater und einer Beschneiderin (Foto: Kindernothilfe)

Muuse Mohamed: Ein Dorfvorstand klärt auf

Auch Muuse Mohamed, 65 Jahre alt und Dorfvorstand in Shaarmarke, einem Dorf mit etwa 2.000 Einwohnern, hat die Kampagnenarbeit von NAFIS erreicht. Heute organisiert er selbst ehrenamtlich große Treffen in seinem Dorf und klärt die Versammelten über die Folgen von FGM auf. Inzwischen sind traditionelle Geburtshelferinnen, die FGM durchführen, in Shaarmake nicht mehr willkommen. Ein Großteil der Dorfgemeinschaft steht weiblicher Genitalverstümmelung ablehnend gegenüber und arbeitet zusammen, um alle Formen von FGC vollständig abzuschaffen.

Anti-FGM-Aktivistin Hafsa Farah Saed (Foto: CLHE)

Hafsa Farah Saed: Stoppt FGM jetzt!

Hafsa Farah Saed, eine junge soziale Aktivistin und angehende Hebamme, engagiert sich gleich auf zwei Ebenen für Mädchen und junge Frauen. Schon seit frühesten Teenager-Tagen macht sie gegen die Unsitte der Frühverheiratung Front, die jungen Mädchen das Recht auf Bildung nimmt. Außerdem wendet sie sich vehement gegen jede Art von geschlechtsspezifischer Gewalt, insbesondere FGM. Unterstützung erhält sie von unserem Partner CLHE. Ihre Position ist unmissverständlich: „Ich stehe für null Toleranz gegenüber FGM und weiß, dass ich alles erreichen kann, egal wie groß der Widerstand ist!“

Anti-FGM-Aktivist Ahmed Nour_(Foto: CLHE)

Ahmed Nour: Studieren, um zu helfen

Ahmed Nour, Student der Gesundheitswissenschaften an der Universität von Buroa und Generalsekretär der dortigen Studentenvertretung, musste miterleben, wie eine seiner Cousinen an den Folgen von FGM starb. Seitdem hat er sich dem Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung verschrieben, auch wenn er weiß, dass das eine Lebensaufgabe ist. „Ich studiere, weil ich all denen helfen will, die keine Stimme haben und rechtlos sind!“

Genitalverstümmelung, eine Verstümmelung der Seele (Foto: Kindernothilfe) Weibliche Genitalverstümmelung (abgekürzt FGM = Female Genital Mutilation) ist eine schwerwiegende Verletzung der Rechte von Frauen und Mädchen. Über 200 Millionen Betroffene gibt es laut Angaben der Weltgesundheitsorga[...]

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Ein Schutzraum für „Engel“

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche).

Haus der Zuflucht: Etwa 100 Mädchen erhalten jährlich im Zentrum „Querubines“ neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen. (Foto: Kindernothilfe)

Ricardo Coello hat es ei­lig an diesem Mor­gen. Der Honduraner ist Sozialarbeiter in Tegucigalpa und arbeitet für „Casa Alianza“, eine internationale Kinderschutzor­ganisation mit Schutzprojekten für Straßenkinder in allen mittel­amerikanischen Ländern – auch in Honduras, im historischen Viertel der Hauptstadt. Doch Ri­cardo betreut auch noch ein ganz spezielles Projekt, eine gute Au­tostunde vom Zentrum entfernt. Das Heim „Querubines“, was über­setzt so viel bedeutet wie: die En­gelchen am göttlichen Thron. Ein Schutzraum für Mädchen zwi­schen 12 und 18 Jahren, alle Über­lebende sexualisierter Gewalt.
Für die Fahrt dorthin nimmt sich Coello ein Taxi. Eines der billigen Sorte, ohne verdunkelte Scheiben, wie sie Touristen aus Sicherheitsgründen dringlich empfohlen werden. Gut 40 Minu­ten später öffnet sich dem Taxi ei­ne Schranke, macht den Weg frei in eine dieser vielen Gated Comu­nities. Ricardo klingelt an einer Gartenpforte ohne Namensschil­der. Eine ältere Frau, die Köchin und Seele des Hauses, öffnet und begrüßt ihn im Schutzzentrum „Querubines“. Kaum im Haus eingetreten, wird Ricardo von der 14­jährigen Sara gestoppt. Mit tränenerstickter Stimme er­zählt sie, dass am Tag zuvor das geplante Treffen mit ihren Eltern nicht stattgefunden habe. Die Mutter und der Vater seien nicht gekommen. Aber sie müsse die beiden unbedingt sehen.
Sara ist im Heim, weil sie vom Vater mehrfach sexuell miss­braucht wurde. Doch es dauere, bis sie sich davon emotional loseisen könne, erklärt Ricardo später dieses widersprüchliche Gefühl der erst kürzlich ins Schutzzen­trum gekommenen Sara. Ihr sagt er zu, möglichst schnell ein neues Treffen zu vereinbaren. Die 14­Jä­hige lächelt, wischt sich die Trä­nen ab und schlendert zurück in den Gemeinschaftsraum, in dem noch andere Mädchen sitzen, die sich an diesem Tag nicht in der La­ge fühlten, in die Schule zu gehen. Es ist ein schlichter Raum. Ein paar selbst gestaltete Poster, eine Handvoll bequeme Sitzflächen, ein Fernsehapparat. Im angren­zenden Raum ein paar Computer mit klaren Nutzungsregeln.

Angst und Schweigen

Plötzlich wird es hektisch und laut. Vor dem Gartentor hält ein Kleinbus. Rund 20 Mädchen kom­men aus der Schule zurück und er­halten ihr Mittagessen, auch die Schwestern Gabriela und Marisol, die eigentlich anders heißen. Zum Schutz aller Mädchen bleiben ih­re richtigen Namen der Außenwelt verborgen. Und auch innerhalb des Heimes bleiben die Geschich­ten der Einzelnen vor den ande­ren Mädchen verschlossen. „Dass jede von uns üble Erfahrungen gemacht hat, wissen wir vonei­nander“, erzählt Gabriela. Mehr müsse nicht sein.  Tania, die Er­zieherin, spricht von der großen Angst, die die Mädchen schweigen lässt. Es könnten ja durch unbe­dachtes Erzählen Spuren zu den Tätern gelegt werden, und damit dann auch wieder zu ihnen.
Marisol und Gabriela kom­men aus der bergigen Kaffeean­bauregion im Landesinneren. Wo es „normal“ ist, dass Mädchen nicht zur Schule gehen, sondern von klein auf im Haushalt einge­spannt sind. Die 15­jährige Ga­briela war Analphabetin, als sie im Herbst 2017 zu „Querubines“ kam. Die Mutter verbot ihr die Schule, das Bett teilte sie sich mit den drei Schwestern. Als sie elf ist, wird sie von ihren drei Brüdern missbraucht. „Sie misshandelten und vergewaltigten mich und nie­mand half mir! Auch Mama half mir nicht!“, erzählt Gabriel a. „Sie sagte, ich würde lügen.“
Die ältere, heute 18­jährige Schwester Marisol ist schon sechs Jahre bei „Querubines“. Sie war sie­ben, als ihr Vater und der Onkel sie missbrauchten. Und die Mutter be­schimpfte auch sie als Lügnerin. Der Onkel nahm sie als Elfjährige mit ins Haus von dessen Mutter, ih­rer Oma. Sie hoffte auf Hilfe, doch die Großmutter betrachtete Mari­sol als Frau, ja Eigentum des On­kels. Kurioserweise verdankt sie dem Vater die Rettung von dort. Er raste vor Eifersucht und zeigte den Onkel an. Marisol kam in die Obhut der Kinderschutzbehör­de und von dort zu „Casa Alianza“ und in deren Heim „Querubines“. Bald danach brachte dieses Mäd­chen trotz vieler Ängste den Mut auf und zeigte den Vater an. Damit stellte sie sich innerhalb der Fa­milie ins Abseits. Die Brüder und die Mutter meiden sie. „Sie sagen, ich sei schuld, dass sie alles ver­loren haben. Ich hätte die Familie  kaputt gemacht.“ Geschichten wie die von Mari­sol und Gabriela werden in den ländlichen Regionen des Landes über Generationen hinweg fort­geschrieben. Mädchen, die das Pech hatten, als Zwölfjährige ge­schwängert zu werden, seien dann die Aussätzigen des Dorfes, sagt Gabriela, und würden von den Müttern aus dem Haus ge­worfen, weil sie sich auf Männer eingelassen hätten. Die Zahlen solcher ungewollten Schwanger­schaften nehmen zu. Bei 15 Pro­zent der Geburten sind die Mütter zwischen 14 und 18 Jahre alt.
Neben sexuellem Missbrauch und Misshandlungen haben Ga­briela und Marisol in ihrem Um­feld auch viele andere Gewalter­fahrungen erlebt. Dazu gehören die Versprechungen von Traum­jobs fernab von zu Hause. Statt als Haushaltshilfe oder Serviermäd­chen in einem Café oder Restau­rant, landet ein Großteil der meist minderjährigen Mädchen als Sex­sklavinnen in Bars oder Hotels oder werden auf den ungesicher­ten Straßenstrich geschickt, egal ob in Honduras selbst oder einem der Nachbarländer.

Therapie und Bildung

Die wenigsten der Mädchen haben Glück und werden von der Jugendfürsorge aus diesem Umfeld herausgeholt oder können fliehen. Und wenn doch, dann sind die Schutzräume knapp. Gerade deswegen ist die Einrichtung „Querubines“ so wichtig für die Betroffenen. Dort erhalten rund 100 Mädchen jährlich neben sozialer und therapeutischer Unterstützung auch einfache Lebenshilfen angeboten. Und sie können zur Schule gehen, ein Recht, das laut Verfassung jedem Kind zusteht. Marisol und Gabriela wollen beide Anwältinnen werden – spezialisiert auf Kinder­ und Jugendrecht. Ihr Blick ist dank „Querubines“ nach vorn gerichtet.

Kinderrechtsorganisationen wie „Casa Alianza“ können solche Pro­jekte aber nur mit kontinuierlicher Fremdfinanzierung durchführen. Dafür brauchen sie internationale Partnerorganisationen, wie die Ös­terreichische Kindernothilfe. Von der Wiener Dorotheergasse aus un­terstützt diese NGO seit 2012 den Schutzraum „Querubines“ mit re­gelmäßigen Spenden – und leis­tet damit Überlebenshilfe für die­se Einrichtung. International für die Wahrung der Kinderrechte ein­treten: Darum geht es. Und irgend­wann wollen auch Gabriela und Marisol für diese Rechte kämpfen.

Im Haus „Querubines“ in der Hauptstadt von Honduras finden Mädchen nach Missbrauch und sexualisierter Gewalt endlich Zuflucht und Unterstützung. Eine Reportage über den internationalen Einsatz für Kinderrechte (erschienen in Die Furche). Haus der Zuflucht: Etwa 100 Mädchen erhalten jäh[...]

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