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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

22. Juli 2019

Chile und die Rechte der Kinder: Eine offene Wunde

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche – mit Kindern und Jugendlichen als Opfer. David Ordenes, 69, Direktor der Nichtregierungsorganisation La Caleta, Sozialpädagoge, Lehrer und einer der renommiertesten chilenischen Kinderrechtsspezialisten, besuchte im Sommer verschiedene Partnerorganisationen in Europa. Anderthalb Tage lang machte er auch bei der Kindernothilfe Station. Im Gespräch ringt er um einen differenzierten Blick auf das Chile unter der Hochganzpolitur.

KNH: Was ist denn da so gründlich schiefgegangen, dass es in Chile – anders als in den meisten lateinamerikanischen Nachbarländern – auch 29 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur – noch immer kein umfassendes Kinder- und Jugendrechte-Schutz-Gesetz gibt?

David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)

David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)

David Ordenes: Das werden wir auch immer wieder von unseren Kollegen aus der Region gefragt. Dieses Thema ist eine offene Wunde für alle, die seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ohne Erfolg für dieses Gesetz kämpfen. Denn ein solches legales Rahmenwerk würde die Politik in Chile grundlegend verändern. Es ginge nicht mehr darum, dass staatliche Institutionen nach Gutdünken mal hier, mal da – für die eine oder andere Spezialgruppe – etwas an Wohlwollen und ein bisschen finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Würde es in unserem Land eine einklagbare Rechtsgrundlage für die in der UN-Kinderrechtskonvention garantierten Rechte von Mädchen und Jungen geben, wäre die Konsequenz zwangsläufig eine völlig andere Bildungs- und Gesundheitspolitik und damit das Ende des ungezügelten Geschäftemachens mit Bildung und Gesundheit. Doch genau dazu sind viele Parlamentarier und andere, die politisch Verantwortung tragen, nicht bereit. Zahlreiche Abgeordnete sind als Personen – oder über ihre Familien – geschäftlich in Privatschulen, Privat-Unis oder im kommerziellen Gesundheitsbereich engagiert. Sie haben deshalb nicht das geringste Interesse, die Rahmenbedingungen für diese höchst lukrativen Geschäftsfelder zu verändern.

KNH: Was können denn Nichtregierungsorganisationen, die verschiedenen Akteure aus der Zivilgesellschaft, die von dieser schmerzhaften Lücke bei den rechtlichen Rahmenbedingungen Betroffenen tun? Gibt es in dieser ungleichen Auseinandersetzung überhaupt irgendeine Chance?

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordes:  Ja, die gibt es! Wir sehen in diesen Wochen wieder, auf welche breite gesellschaftliche Unterstützung etwa die Lehrerinnen und Lehrer aus den chronisch unterfinanzierten und vernachlässigten öffentlichen Schulen, die für eine gerechtere Bezahlung streiken, stoßen – oder wie sehr die diversen Proteste der Schülerinnen und Schüler – und der Studierenden, die es in Chile in den vergangenen Jahren gegeben hat – den Nerv dieser Gesellschaft treffen, sich Menschen aller Generationen mit dem Recht auf Bildung identifizieren. Chile ist kein armes Land. Die Ressourcen, um allen Kindern und Jugendlichen eine Bildung mit Qualität zu ermöglichen, die diesen Namen auch verdient, gäbe es. Nur fehlt es komplett am politischen Willen, um endlich am Grundübel, der unerträglichen sozialen Ungerechtigkeit, etwas verändern zu wollen. Wir haben 2012 ein Netzwerk von Organisationen aus dem Kinder- und Jugendrechtsbereich gegründet, das wir Movimiento Movilizándonos nennen (frei übersetzt: „Bewegung, derer, die wir uns mobilisieren“). Bei allen unseren Aktionen in der Öffentlichkeit erleben wir sehr viel positive Resonanz. Ganz viele Menschen in diesem Land wollen wirklich etwas verändern!

KNH: Hier in Europa sind es zuletzt vor allem die Fridays for Future-Proteste mit Millionen von Schülerinnen und Schülern gewesen, die die Klimakrise als reale Bedrohung der menschlichen Zivilisation verstehen und von der Politik wirksame Maßnahmen einfordern, um die Zie­le des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens ein­zu­hal­ten und die glo­ba­le Er­wär­mung auf un­ter 1,5° Cel­si­us zu be­gren­zen. Spielt dieses Thema für Jugendliche in Chile ebenfalls eine Rolle?

David Ordenes: Eine Fridays for Future-Bewegung gibt es in Chile noch nicht, aber in den zurückliegenden Jahren waren es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die für die ökologischen Kinderrechte auf die Straße gegangen sind. Chile ist eines der Länder auf dieser Welt, in dem der Klimawandel in seinen brutalen Konsequenzen für alle erkennbar und spürbar wird. Die Zerstörung der Umwelt durch die ungebremste Verschwendung kostbarer Wasserressourcen für gigantische Bergbauprojekte, eine industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und extensivem Pestizid- und Herbizid-Einsatz, gewaltige Müllprobleme und Uralt-Kohlekraftwerke, die für Anwohner das Leben zur Hölle machen: Darunter leiden die Menschen schon jetzt, nicht erst in der nächsten Generation!

KNH: Ausgerechnet die chilenische Regierung richtet vom 2. bis 13. Dezember in Santiago die 25. UN-Klimakonferenz (COP25) aus, nachdem Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro kurzerhand die Weltgemeinschaft für dieses Kyoto- und Kattowitz-Nachfolgetreffen wieder ausgeladen hat. Was planen die chilenischen Kinderrechts-Organisationen rund um diese Konferenz?

David Ordenes: Es wird ein Zelt der Nichtregierungsorganisationen in unmittelbarer Nähe des Tagungszentrums in Cerrillos, im Süden von Santiago, geben. Die Kinder und Jugendlichen aus den verschiedenen Organisationen unseres Netzwerks werden mit ganz unterschiedlichen Aktionen auf ihr Engagement und ihre Forderungen aufmerksam machen, etwa auf ihre Initiativen zum Müllrecycling und zur Vermeidung von Plastikabfällen. Aber es wird auch um Themen gehen, bei denen Chile und Europa gleichermaßen involviert sind: So entstehen derzeit in der Atacama-Wüste im Norden Chiles gigantische Anlagen zum Lithium-Abbau, weil dieses Alkalimetall unverzichtbar für den Ausbau der Elektromobilität – mobilen und stationären Stromspeichern – in den industrialisierten Ländern ist. Dafür werden unwiederbringlich die kostbaren Süßwasserreserven einer ganzen Region und damit die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen zerstört. Es sind transnationale Konzerne, die kaum Steuern zahlen, die hier aber mit Billigung und Unterstützung durch die chilenische Regierung eine weitere ökologische Katastrophe anrichten. Wir wollen mit den Kindern und Jugendlichen während der COP25 auf diese Situation aufmerksam machen und deutlich werden lassen, welche Kosten etwa der Boom der Elektromobilität im Norden für die Menschen in den betroffenen Regionen im Süden hat.

KNH: Ein anderes Thema, das in den zurückliegenden Monaten in Chile für Aufmerksamkeit sorgte, war der Mord an dem jungen Mapuche Camilo Catrillanca, der am 14. November 2018 von Mitgliedern einer Spezialeinheit der Polizei durch einen Kopfschuss getötet wurden. Camilo hatte vor einigen Jahren an einem auch von Kindernothilfe unterstützten Projekt zur Eindämmung von Gewalt gegen Mapuche-Kinder mitgewirkt. Hat dieser Mord vom 14. November etwas in der Öffentlichkeit und bei den politisch Verantwortlichen verändert?

Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordenes: Nicht wirklich. Noch immer schikaniert die Polizei Mapuche-Kinder aus indigenen Gemeinden in der Region um Temuco und Ercilla auf dem Weg zur Schule. Die Repression gerade gegen Jugendliche, die sich an in der Öffentlichkeit gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Mapuche wehren, geht unvermindert weiter. Um den Mord an Camilo Catrillanca zu kaschieren und Spuren zu verwischen, wurde ein 15jähriger Junge, Maikol, den die Polizisten ebenfalls mit ihren Schüssen schwer verletzt hatten, verhaftet und der Familie tagelang der Zugang zu ihm verweigert. Es gibt in Chile, wenn es um Übergriffe und exzessive Gewalt durch die Polizei geht, definitiv keinen funktionierenden Rechtsstaat. Unsere Gesellschaft leidet noch immer unter den Spätfolgen der Pinochet-Diktatur: Die oktroyierte Verfassung von 1980 mit ihrem autoritären Gesellschaftsbild, kombiniert mit Marktradikalismus und dem Prinzip der bewussten Zerschlagung jeglicher sozialstaatlicher Verantwortung prägen dieses Land und das Zusammenleben in Chile bis heute. Dem Militärregime ist es gelungen, das Leben der Menschen zu merkantilisieren. Wir haben als Kinderrechts-Netzwerk den chilenischen Staat wegen der Brutalität der bewaffneten Polizeieinsätze gegen Jugendlichen – nicht nur Mapuche, sondern etwa auch die für ihre Rechte demonstrierenden Schülerinnen und Schüler – und der dabei unter dem Vorwand, doch nur „Verbrechensprävention“ zu betreiben, begangenen Menschenrechtsverletzungen immer wieder angezeigt. Chile verstößt systematisch und fortdauernd gegen den Artikel III der UN-Kinderrechtskonvention, in dem es um das in allen Belangen „vorrangige Berücksichtigen des Kindeswohl“ durch Institutionen und Behörden geht. Kindernothilfe hat uns bei diesen Vorstößen und Inzidenz-Anstrengungen immer wieder auch finanziell unterstützt. Aber wir brauchen einfach noch deutlich mehr internationale öffentliche Aufmerksamkeit für das, was in diesem Land vor sich geht.

KNH: Bei einem Thema fehlte es in den zurückliegenden Jahren allerdings nicht an Aufmerksamkeit für das, was sich da Chile abspielte: Dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche oder Laien im kirchlichen Dienst mit inzwischen mindestens 178 namentlich bekannten Opfern. Warum hat es so lange gedauert, bis sich die chilenische Justiz jetzt endlich ernsthaft mit diesen Verbrechen beschäftigt?

David Ordenes: Nicht nur die Justiz hat hier versagt. In den Machtstrukturen der Kirche wurde jahrelang alles getan, um die Opfer nicht zu Wort kommen zu lassen oder ihre entsetzlichen Leidenserfahrungen schlicht zu negieren, die Täter zu schonen und die Missbrauchsfälle zu relativieren. Auch dort, wo es in anderen Institutionen, wie dem staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME (Servicio Nacional de Menores) und seinen Heimen im ganzen Land zu brutaler Gewalt, sexuellem Missbrauch und – verteilt über vier Jahrzehnte – auf inzwischen wohl über 1400 Todesfälle mit Kindern und Jugendlichen gekommen ist, gab es jahrelang entweder gar kein oder kaum gesellschaftliches Interesse, um den Berichten von Insidern und Betroffenen Glauben zu schenken. In einem Land, in dem Regierenden und politisch Verantwortlichen über Jahrzehnte hinweg den Kinderrechten und dem Kindesschutz so wenig Priorität einräumen – und stattdessen aktiv verhindern, diese Rechte auch zu garantieren, sind diese entsetzlichen Dinge, die hier Kindern von Erwachsenen angetan wurden und werden, immer auch ein Systemproblem.

KNH: Neben den Mapuche-Kindern und –Jugendlichen, welche anderen Gruppen bereiten Kinderrechts-Organisationen in Chile die meisten Sorgen?

David Ordenes: Eindeutig die Situation der Mädchen und Jungen aus Haiti: Die chilenische Statistikbehörde INE geht davon aus, dass in den zurückliegenden Jahren etwa 180.000 Menschen aus Haiti auf der Flucht vor extremer Armut und Gewalt – zum Teil auch durch organisierten kriminellen Menschenschmuggel – nach Chile kamen. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Die Situation dieser Menschen – und vor allem der Kinder – ist zu einem großen Teil schlicht katastrophal. Die allermeisten der Immigranten aus Haiti leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden als Billigst-Arbeitskräfte ausgebeutet – und sind Opfer eines unverhohlenen Rassismus und einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit. In vielen Projekten, die zu unserem Netzwerk gehören, machen die Mädchen und Jungen aus Haiti inzwischen rund ein Drittel der beteiligten Kinder aus. Die chilenische Regierung unternimmt so gut wie nichts, um die Rechte dieser Menschen zu schützen. Es sind wieder einmal die Nichtregierungsorganisationen, aber auch Kirchengemeinden und die Nachbarn in den Armenvierteln, die sich engagieren, die solidarisch sind. Auch dieses Thema bedarf dringend mehr internationaler Aufmerksamkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen und Institutionen in Europa wieder deutlich intensiver nach Lateinamerika blicken – und etwas weniger auf sich selbst. Das ist für unsere Arbeit unverzichtbar!

 

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David Ordenes ist Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (frei übersetzt: „Die Schützende Bucht“), mit der Kindernothilfe fast zwei Jahrzehnte engagierte Kooperation verbinden. Er wirkte als Vertreter der Zivilgesellschaft und des Netzwerkes der chilenischen Kinder- und Jugendrechtsorganisationen (Red ONGs Infancia y Juventud – Chile), einem ebenfalls von Kindernothilfe unterstützten Bündnis, während der gesamten zweiten Amtszeit von Präsidentin Michelle Bachelet (2014 – 2018) im von der Regierung einberufenen Nationalen Kinderrechtsrat (Consejo de la Infancia) mit.  

Die Fragen stellte Jürgen Schübelin, Referatsleiter der Kindernothilfe für Lateinamerika und die Karibik

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der ka[...]

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Von Fahrrädern, Kühen und Bananen: Ein „Reisebericht“ aus Ruanda

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben sie aus eigener Kraft ihr Leben nachhaltig verändert. Fünf Erfolgsgeschichten aus Ruanda.

Das Fahrrad sieht nicht so aus, als könnte es noch einen Meter weit fahren. Verrostete Räder und Kette, fehlender Sitz, mit Ersatzteilen ergänzte Lenker. „Ich kann alles reparieren“, lacht Gilbert mit Blick auf den alten Drahtesel, der vor ihm im Sand lehnt. Nur 15 Minuten später steigt der 18-jährige Fahrradmechaniker auf das Rad auf und fährt einige Runden vor der neugierigen Zuschauermenge, stolz und demonstrativ. Er hat bewiesen, dass er sein Handwerk versteht.

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Noch vor einigen Monaten konnte Gilbert keine Fahrräder reparieren. Er hatte auch sonst nicht viel zu tun, trieb sich auf den Straßen herum, bettelnd und immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. „Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen“, bedauert der 18-Jährige. „Ich konnte mir auch kein Gewand kaufen, da ich gar kein Geld hatte.“ Doch im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts nahm der Jugendliche – so wie hunderte andere arbeitslose Schulabbrecher in seiner Gemeinde im ländlichen Süden Ruandas – an so genannten Community Based Trainings teil. An Schulungen für Jugendliche, die sich an den lokalen Bedürfnissen in den jeweiligen Gemeinden orientieren. Soll heißen: Die Dorfbewohner überlegen und definieren gemeinsam mit den Projektverantwortlichen, welche Berufsgruppen in ihrer Region fehlen und besonders nachgefragt sind. Friseure, Schneider, Bäcker oder eben Fahrradmechaniker. Ein solches Training ist oft die einzige Chance für die Schulabbrecher, jemals gut für sich selbst und ihre Familien sorgen zu können.

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: "Ich kann alles reparieren!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: „Ich kann alles reparieren!“ (Foto: Kindernothilfe)

Gilbert lernte, Fahrräder zu reparieren – die wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel in Ruanda. Mittlerweile betreibt er mit vier anderen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren einen eigenen Stand auf dem Marktplatz. Jeder hat sich sein eigenes Werkzeug angeschafft, hat eigene Ersatzteile und repariert auch – bei Bedarf – andernorts. Doch beim Marktstand, das wissen auch die Bewohner der Gemeinde, ist immer jemand anzutreffen, der einen noch so lädierten Drahtesel wieder fahrtüchtig machen kann. Seine neue, farbenfrohe Hose, die er mit dem selbstverdienten Geld angeschafft hat, präsentiert Gilbert jedenfalls mit großem Stolz.

Schulabbrecher haben wieder Hoffnung

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Einmal ums Eck, in einem unscheinbaren Innenhof, werden gerade Mandazi-Brötchen gebacken. Dieses Krapfen-ähnliche Gebäck wird in ganz Ruanda gerne gegessen. Auch hier sind jugendliche Schulabbrecher am Werk, deren Ausbildung im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts finanziert wurde. In Riesenschüsseln wird der Teig gerührt, geknetet, ausgerollt, dann zu kleinen Täschchen geformt und in reichlich Fett über der offenen Feuerstelle herausfrittiert. 100 Brötchen pro Tag können die Mädchen und Buben pro Tag ab Hof verkaufen – was einem Einkommen von 10.000 Ruanda-Franc (umgerechnet rund 10 Euro) entspricht. Einen Teil davon darf jeder der Bäcker selbst behalten, der Rest wird in Öl, Mehl, Germ, Zucker und Backpulver reinvestiert oder gespart. „Hier habe ich eine neue Familie gefunden“, erzählt Patrick, einer der Mandazi-Bäcker. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Bettelei und Kriminalität waren für das Straßenkind bisher traurige Realität. „Mit meinem neuen Können aber bin ich sicher, dass ich eine gute Zukunft mit einem regelmäßigen Einkommen vor mir habe.“ Schon bald wollen sich Patrick und die übrigen Mandazi-Profis des kleinen Hinterhofs eine bessere Ausstattung an Töpfen und Schüsseln leisten. Denn bisher wird noch mit den von den Frauen der Selbsthilfegruppen der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kochutensilien gearbeitet.

Verbesserungen für alle

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Apropos Selbsthilfegruppen: Mehr als 400 solcher Gruppen wurden im Rahmen des Projekts allein in den vergangenen zwei Jahren in der Region rund um Huye im südlichen Ruanda gegründet. Tausende Frauen treffen sich in Gruppen zu je 15 bis 20 Mitgliedern wöchentlich, um gemeinsam zu sparen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten – in den ersten Monaten noch angeleitet von Mitarbeitern des Kindernothilfe-Projektpartners AEE. Die Liste der Erfolge, von denen die Selbsthilfegruppen berichten können, ist beeindruckend: So besitzen die Frauen nun fast alle einen eigenen Küchengarten, wodurch sich die Abhängigkeit von Einkäufen auf dem Markt verringert und die Ernährungssituation der Kinder deutlich verbessert hat. Für alle Mitglieder der Selbsthilfegruppen wurden mit dem gemeinsam gesparten Geld Matratzen angeschafft – „wir schlafen jetzt viel besser. Und hygienischer ist es auch, als am Boden zu liegen“, lacht Delphine.

Bei ihrem kleinen Häuschen führt die dreifache Mutter aber als erstes zu ihrem ganzen Stolz: einer Kuh. Denn: „Wer eine Kuh hat, der ist reich.“ Mit Hilfe eines Kredits der Selbsthilfegruppe hat Delphine die Kuh bezahlt, bereits zwei Mal konnte sie Kälber auf dem Markt verkaufen – das Geld ist längst zurückgezahlt. Sechs Liter können morgens, vier abends gemolken werden, erzählt Delphine, den Großteil davon verkauft sie auf dem Markt. „Und meine Kinder haben nun täglich Milch zu trinken und bekommen Milchbrei zu essen.“

Mit Getreidesaft zum Stromanschluss

Huye, Ruanda: Geschäftsidee "Sorghumhirse-Saft" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Geschäftsidee „Sorghumhirse-Saft“ (Foto: Kindernothilfe)

Nicht mit Milch, sondern mit Getreidesaft verdient Francoise ihr Geld. Die Grundlage ihrer Geschäftsidee lagert prominent inmitten ihres neuen, Lehm-verputzten Hauses. Bis oben gefüllt ist der Getreidesack – mit getrockneter Sorghumhirse. Gepresst ergibt die Hirse einen gerne getrunkenen Saft, den Francoise an Markttagen verkauft. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die zweifache Mutter in einer der Selbsthilfegruppen mit, hätte selbst nicht gedacht, wie sehr sich in so kurzer Zeit ihr Leben verändern kann, erzählt sie. „Früher habe ich mich geniert, Besucher zu empfangen, jetzt freue ich mich, unser Haus herzuzeigen“, verrät Francoise.

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: "Endlich Strom!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: „Endlich Strom!“ (Foto: Kindernothilfe)

Vier Räume umfasst das Haus, verfügt über getrennte Schlafräume sowie einen Eingangs- und Wohnbereich mit Sitzecke. Zu fünft wohnen sie hier, ihr Mann, ihre beiden Söhne, sie selbst und ihre Mutter. Ihr ganzer Stolz aber ist der Anschluss ans Stromnetz – mit Licht können ihre beiden Buben nun auch abends Hausaufgaben machen und lernen. Francoises Traum ist es nun, nach und nach das Haus zu möblieren.

Aus fünf Bananenstauden wurden 800

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Von neuen Möbeln kann Mediatrice bereits berichten. Stolz sitzt sie auf den Pölstern ihrer neuen Sitzbank im Eingangsbereich des kleinen Hauses mit der grünen Tür. Die Selbsthilfegruppe habe ihr Leben verändert, erzählt die 46-Jährige. Woran zuerst niemand so recht glauben wollte, am wenigsten ihr Ehemann. „Wir sind nicht mehr die jüngsten, haben unser ganzes Leben in Armut gelebt. Da ist es schwer zu glauben, dass sich etwas ändern könnte.“ Aber in Wirklichkeit, und das habe die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ihr gezeigt, „braucht dir niemand Geld zu geben. Das Geld liegt in deinem Können. Du muss deine Stärken nur einsetzen“, spricht Mediatrice ein Plädoyer für die Hilfe zur Selbsthilfe.

Kigali, Ruanda: Mediatrice' Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice‘ Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Begonnen hat alles mit fünf Bananenpflanzen vor ihrem Häuschen und einigen Schulungen, wie Bananen am besten zu kultivieren sind. Groß und gesund wuchern mittlerweile 800 Stauden in Mediatrices Garten, liebevoll gepflegt von ihr und ihrem Ehemann, der bald selbst gesehen hat, wie sich auch das eigene Leben durch die Treffen der Frauen in den Gruppen verändern kann. Zuletzt wurde ihr Feld zur führenden Bananenplantage der gesamten Region ausgezeichnet, erzählt die achtfache Mutter. Ihr Mann unterstütze sie sehr, sei auch immer wieder in der gesamten Region unterwegs, um Schulungen zu Bananenanbau abzuhalten. Und ihre Bananensetzlinge- und samen werden von der ganzen Gemeinde gerne gekauft. Für die eigene Ernte müsse man inzwischen sogar externe Feldarbeiter beschäftigen, so umfangreich sei diese inzwischen.
Mit dem erwirtschafteten Geld aus dem Verkauf der reifen Bananen konnte die Familie ihr viel zu kleines Haus erst erweitern, dann ans Stromnetz anschließen. Mittlerweile gehen alle der acht Kinder in die Schule, ihr ältester Sohn habe bereits die Universität abgeschlossen, berichtet Mediatrice stolz. „Wenn alle Kinder einen Uni-Abschluss haben, werden wir unser Haus richtig schön einrichten“, so ihr Traum. Priorität aber, und das habe sie im Laufe ihres Engagements bei der Selbsthilfegruppe gelernt, hat eindeutig die Schulbildung ihrer Kinder.

„Unsere Denkweise hat sich extrem verändert, die Selbsthilfegruppen haben das Leben der gesamten Gemeinde verändert“, bringt das Gruppenmitglied die Erfolge des Projekts auf den Punkt. „Wir wissen jetzt, wie man spart, sich Ziele setzt und diese auch erreicht“, betont Mediatrice. „Und wir versuchen nicht mehr alleine, jeder für sich, den Alltag zu meistern. Sondern wir lernen voneinander, helfen einander. Und verbessern Tag für Tag und immer ein Stückchen mehr unsere Zukunft.“

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben [...]

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Mit Bildung gegen die Ausbeutung

Die Haut aufgeschürft und wund, der Kopf zu müde zum Lernen: Kinder aus armen Familien schuften schon im Volksschulalter täglich in den Sandgruben Sambias. Aber nicht nur dort: Weltweit arbeiten rund 152 Millionen Kinder. Mit ihren Projekten in 31 Ländern sucht die Kindernothilfe nach Auswegen aus dem Elend.

Obwohl Kinderarbeit in Sambia verboten ist, schuften zig Buben und Mädchen täglich viele Stunden in den Sandsteingruben. (Foto: Christian Herrmanny)

Wenige Steine noch, dann ist der Kübel voll. Stunden um Stunden lockert der 12-jährige Chance bereits mit der Spitzhacke am Rand der Sandgrube das Gestein, barfuß und in gekrümmter Haltung bei sengender Hitze. Für einen vollen Kübel bekommt er ein paar Cent, „wir machen nichts außer zu arbeiten“, seufzt er, mit Blick auf die anderen Kinder in der Grube. Es ist eine von vielen Gruben hier in Choma, unweit der spektakulären Victoriafälle im südlichen Sambia. Eine von vielen Arbeitsstätten, die vorwiegend Kinder beschäftigt, weil sie billiger sind als erwachsene Arbeitskräfte. Und weil sie weniger Forderungen stellen.

Cajamarca, Peru: Die beiden Mädchen stapeln Ziegel in einem Brennofen. (Foto: Christian Herrmanny)

Cajamarca, Peru: Die beiden Mädchen stapeln Ziegel in einem Brennofen. (Foto: Christian Herrmanny)

Szenenwechsel: Die neunjährige Margarita und ihre Freundin arbeiten schon seit Jahren in einer Ziegelei, auch hier in Peru ist Kinderarbeit keine Ausnahme. Sie fahren mit Scheibtruhen, schaufeln Sand, mischen und formen die feuchte Lehmmasse zu Steinen, befüllen und leeren die Brennöfen. Rissig und rau sind die Hände der Kinder, Rücken und Beine schmerzen, zu schwer ist die Arbeit für die kleinen Körper. Jedes zweite Kind ab sechs Jahren arbeitet in dieser Region, oft viele Stunden am Tag – obschon Kinderarbeit in Peru offiziell verboten ist.

Teufelskreis: Armut – Kinderarbeit – keine Ausbildung – Armut – …

Rund 152 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren müssen arbeiten. Darunter 73 Millionen unter ausbeuterischen Bedingungen: sie schuften tagtäglich in Minen oder Steinbrüchen, schleppen schwere Lasten Ziegelsteine oder sind bei der Ernte in der Landwirtschaft ungeschützt giftigen Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt.

Es ist die Armut, die Kinder wie Margarita und ihre Freundin in Peru oder Chance in Sambia in schwere, ausbeuterische Arbeit zwingt. Das geringe Einkommen der Kinder wird schlicht für das tägliche Überleben der Familien benötigt. Ein Teufelskreis. Denn für arbeitende Kinder ist der Schulbesuch kaum möglich, ohne Ausbildung aber bleibt wieder nur der Weg in ausbeuterische, schlecht bezahlte Tätigkeiten. Ausbeutung kann nicht allein durch Verbote wirksam bekämpft werden, es braucht vor allem Alternativen für die Betroffenen.

Auswege aus dem Elend

Cajamarca, Peru: Die Mädchen können endlich in die Schule gehen statt in der Ziegelei zu schuften (Foto: Graeme Kennedy / Zotter)

Cajamarca, Peru: Die Mädchen können endlich in die Schule gehen statt in der Ziegelei zu schuften (Foto: Graeme Kennedy / Zotter)

Diese bietet die Kindernothilfe mit ihren Projekten: In eigenen Förderzentren erhalten die Kinderarbeiter medizinische und psychologische Betreuung, lernen Lesen, Schreiben und Rechnen und können versäumten Schulstoff nachholen. Auch die Arbeit mit den Eltern ist wichtig: Mit Schulungen, Alphabetisierungskursen und Kleinkrediten für Unternehmensgründungen werden die Familien unterstützt – damit sie nicht mehr auf das Einkommen der Kinder angewiesen sind. „Es dauert oft lange, bis wir den Eltern klarmachen können, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Sie selbst haben ja auch schon als Kinder gearbeitet”, erzählt Projektleiterin Marciela Rabanal Pajares aus Peru. Sie und ihr Team aus Sozialarbeitern bleiben aber hartnäckig, wenn sie den Familien ein ums andere Mal erklären, dass ihre Kinder ein Recht auf den Schulbesuch haben. Dass Bildung das Leben ihrer Kinder verändern kann. So wie das von Margarita aus Peru oder das von Chance aus Sambia. Ihre Geschichten haben eine gute Wende genommen. Die beiden ehemaligen Kinderarbeiter gehen mittlerweile in die Schule, haben Ziegel und Spitzhacken gegen Schulbücher eingetauscht. „Ich bin zuversichtlich, dass ich die Schule sehr gut abschließen werde“, erzählt Chance stolz. Für die Zukunft hat der Jugendliche große Pläne: „Ich möchte so wohlhabend sein, dass ich die Schulgebühren von Kindern übernehmen kann, die sonst nicht in die Schule gehen könnten. Und eines Tages möchte ich vielleicht Präsident werden.“ Und Margarita erklärt fröhlich: „Ich bekomme sehr gute Noten, weil ich jetzt nicht mehr arbeiten muss.“

Der Schutz vor ausbeuterischer Kinderarbeit ist auch eines der wichtigsten Anliegen der UN-Konvention über die Rechte des Kindes, die heuer im November ihren 30. Jahrestag feiert. Die Kindernothilfe Österreich wird weiterhin alles dafür tun, um entschieden gegen ausbeuterische Kinderarbeit aufzutreten und uns gemeinsam mit unseren erfahrenen Partnerorganisationen vor Ort für diese Kinder und Jugendlichen einzusetzen, damit weltweit möglichst vielen betroffenen Kindern geholfen wird. Denn rund 152 Millionen arbeitende Kinder, darunter 73 Millionen unter menschenunwürdigen Bedingungen, sind 152 Millionen zu viel und kein einziger zu wenig, um nach Auswegen aus dem Elend zu suchen. Und es sind Erfolgsgeschichten wie die von Chance und Margarita, die zeigen, dass unsere Arbeit Wirkung hat.

Die Haut aufgeschürft und wund, der Kopf zu müde zum Lernen: Kinder aus armen Familien schuften schon im Volksschulalter täglich in den Sandgruben Sambias. Aber nicht nur dort: Weltweit arbeiten rund 152 Millionen Kinder. Mit ihren Projekten in 31 Ländern sucht die Kindernothilfe nach Auswegen a[...]

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Boliviens vergessene Kinder

Cerro Rico, der „reichen Berg" im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Cerro Rico, der „reichen Berg“ im Hochland Boliviens (Foto: Kindernothilfe)

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Eingang zu den Minen gibt Hoffnung – auf Bildung und Berufsaussichten jenseits des Teufelsbergs.

Rumpelnd schiebt sich der große Lastwagen entlang der engen Serpentinenstraße von Potosí hinab, Kurve um Kurve, voll beladen mit den eben aus der Mine geholten Steinen. Zinn und Blei werden hauptsächlich abgebaut, hier, im Cerro Rico, dem „reichen Berg“ in Boliviens Hochland. Immer wieder fallen größere und kleinere Steine von der Ladefläche des LKWs herab, zu den Füßen der am Straßenrand hockenden Frauen, Mädchen, Kinder. Genau auf diese Steine warten sie, sammeln sie auf und klopfen sie zu kleineren Stücken – um die Mineralien weiter zu verkaufen und sich so ein kleines Zubrot zu verdienen.

„Parilli“ werden sie genannt, die Steinesammlerinnen. Es sind die Frauen und Mädchen der umliegenden Dörfer, die auf diese Weise versuchen, das Einkommen der Männer und jungen Burschen, die in den Minen arbeiten, zu unterstützen. Denn die Arbeitsbedingungen in den Minen sind so gesundheitsschädlich – Hitze bis zu 40 Grad, schädlicher Kiesstaub und giftige Arsendämpfe, Verschüttungsgefahr durch Bergrutsche und Sprengungen -, dass schon junge Familienväter oft so krank und arbeitsunfähig sind, dass sie auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen sind.

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Hanna beim Steinesammeln (Foto: Kindernothilfe)

„Mein Vater ist in der Mine gestorben“, erzählt die 25-jährige Hanna, die gerade mit ihrer Mutter gemeinsam die Mineralien neben der Mine aufklaubt. Seit sechs Jahren schon arbeiten beide als „Parilli“, Hanna nur noch zeitweise, um ihrer Mutter zu helfen, die beiden kleineren Brüder zu versorgen. Eigentlich studiert Hanna schon seit einiger Zeit, will bald ihren Abschluss machen. Um dann jenseits des Cerro Rico nach einer Arbeit zu suchen.

Zumindest schuften keine kleinen Kinder mehr in den Minen – eine Errungenschaft der Kindernothilfe, die sich hier, in der Hochebene Boliviens, seit vielen Jahren gegen ausbeuterische Kinderarbeit stark macht. Direkt an den Minen wurde gemeinsam mit dem lokalen Projektpartner PASOCAP ein Förderzentrum errichtet, in dem 300 Bergbauernkindern medizinische Versorgung, warme Mahlzeiten und eine Schulbildung ermöglicht werden. Auch Hanna ist hier jahrelang ein und aus gegangen, hat ihre Schulbildung nachgeholt, an Förderunterricht, Workshops und Freizeitaktivitäten teilgenommen. Und vor allem eines gelernt: es gibt eine Zukunft jenseits des Cerro Rico, jenseits des Teufelsbergs, wie er längst von den Einwohnern genannt wird.

„Teuflische“ Arbeit

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Potosie, Bolivien: Mineneingang am Cerro Rico (Foto: Kindernothilfe)

Am Eingang jeder Mine steht eine Teufelsstatue. Um sie zu noch mehr Arbeit anzustacheln, erzählten die Spanier, die im 16. Jahrhundert auch Bolivien beherrschten, den Einheimischen, dass im Cerro Rico der Teufel wohnt, der sich ärgert, falls zu wenig Silber abgebaut wird.

Silber gibt es hier heute keines mehr, auch nicht den Reichtum der Stadt aus vergangenen Tagen – die spanischen Kolonialherren hatten die Schätze nach Europa verschifft. Doch die Teufelsstatuen werden von den Minenarbeitern noch immer täglich mit Kokablättern und Tabak versorgt, um den Cerro sanftmütig zu stimmen.

Vom „Sanftmut“ des Teufelsbergs weiß die 18-jährige Izabela nichts zu berichten. „Mein Papa hatte in der Mine einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in den Schacht hinein und ihn suchen. Die Luft dort drinnen ist furchtbar“, erinnert sich die Jugendliche mit Schaudern. „Aber ich kannte die Mine ja schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe.“

Schon mit sechs Jahren musste Izabela zum Familieneinkommen beitragen. „Denn mein Papa wurde durch die Arbeit in den Minen sehr krank und wir hatten kein Geld mehr. So half ich schon als kleines Mädchen meiner Mutter, Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.“ Doch trotz der Arbeit besuchte Izabela schon von klein auf das Kindernothilfeprojekt, arbeitet nun nur noch Teilzeit in einer Konditorei. Und hat für ihre Zukunft große Pläne: „Ich möchte Astronautin werden. Das ist zwar schwierig in Bolivien, aber man kann alles schaffen, was man will.“

Neue Chancen durch Bildung

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Cindy bei der Handyreparatur (Foto: Kindernothilfe)

Dieser Meinung ist auch ihre Freundin Cindy. „Das Projekt hat mein Leben sehr stark verändert, es ist wie ein Türöffner, mit dem ich entdecken kann, was es noch gibt, was ich noch sein kann.“ Anfangs hatte die heute 18-Jährige noch Schwierigkeiten, sich im Förderzentrum einzugewöhnen. „Ich war es nicht gewohnt, Freundinnen zu haben oder im Speisesaal zu essen. Meine Mama hat selbst nur drei Schulstufen absolviert und war nicht überzeugt von der Notwendigkeit einer Ausbildung“, bringt Cindy das Hauptproblem der ärmsten Familien auf den Punkt. Die Eltern selbst erkennen meist nicht die Bedeutung von Bildung – auch sie können oft weder Lesen, noch Schreiben. „Nach und nach aber wurde ich motiviert, an Workshops teilzunehmen. Mittlerweile habe ich drei Ausbildungen gemacht“, erzählt das junge Mädchen. Sie verdient sich nun ein Zubrot mit der Wartung von Computern und der Reparatur von Handys – Fertigkeiten, die ihr im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts vermittelt wurden. Nicht zuletzt deshalb ist auch der Name des Projektes so passend: „Yachaj Mosoj“ heißt es, was so viel bedeutet wie „neues Wissen“.

Schulungen für Eltern

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Potosi, Bolivien: Izabela und Cindy haben im Kindernothilfeprojekt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bekommen (Foto: Kindernothilfe)

Geschult werden auch die Eltern, vor allem die Mütter. „Die Väter erreicht man schwer, sie arbeiten Tag und Nacht in den Minen“, seufzt Projektkoordinatorin Margarita. Gewaltprävention, Erziehungstipps, Hygiene, Frauenkrankheiten und gesunde Ernährung sind die Themen, die Hunderten Müttern in Fortbildungen nähergebracht werden. Es sei sehr wichtig, die Eltern in die Projektarbeit mit einzubeziehen, sei es eben durch Kurse, Hausbesuche oder auch durch Mitarbeit im Förderzentrum, erklärt die Projektmitarbeiterin. Denn erst durch die Teilnahme an Maßnahmen erkennen die Mütter, warum das Projekt für ihre Kinder so enorm wichtig ist.

Für die warmen Mahlzeiten im Kindernothilfe-Zentrum sind daher auch die Mütter verantwortlich: Sie gehen mit den Mitarbeitern zum Markt, kaufen dort ausgewogene Lebensmittel und bereiten sie gemeinsam für das Mittagessen im Zentrum zu. Selbst Väter lassen sich hier hin und wieder blicken, um beim Kochen zu helfen. „Generell ist es aber leider sehr schwierig, die Väter mit einzubeziehen. Wir versuchen das auch über Workshops. Denn das Thema häusliche Gewalt ist immer noch ein sehr großes“, weiß die Projektkoordinatorin. Hier müsse man vor allem die Väter zum Umdenken bewegen.

Ein Umdenken, das von so großer Bedeutung für die Zukunft der Bergarbeiterkinder in Potosí sei, wie auch Cindy zum Abschluss noch einmal betonen möchte: „Es gibt noch so viele bedürftige Kinder hier. Projekte wie dieses dürfen nicht enden. Ich bin hier bald raus, aber es gibt noch so viele Kinder, die diese Hilfe brauchen!“

Das Leben am Fuße des Cerro Rico, des „reichen Bergs“, ist hart. Jeden Tag suchen Männer und Jugendliche unter lebensbedrohlichen Bedingungen im Berg nach Zinn und Blei, außerhalb der Minen schuften die Frauen und Mädchen als Steinesammlerinnen. Ein Kindernothilfe-Förderzentrum am Einga[...]

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Unerwünscht und zur Rückkehr gedrängt

Das Leben syrischer Flüchtlinge im Libanon ist hart, ein ständiger Kampf gegen das Elend. Dazu die Angst, zur Rückkehr gezwungen zu werden. Denn in Syrien ist immer noch Krieg.

Mohammed al Mohammed mit einem Flüchtlingskind im Flüchtlingslager in Bar Elias, Libanon (Foto: epd-Bild/Sebastian Drescher)

Mohammed al Mohammed mit einem Flüchtlingskind im Flüchtlingslager in Bar Elias, Libanon (Foto: epd-Bild/Sebastian Drescher)

Beirut (epd). Mohammed al Mohammed steht vor seinem Zelt und blickt auf die Bergkette im Osten. Dahinter liegt Syrien, die Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Er ist Mitte 50 und lebt seit fünf Jahren mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem Flüchtlingslager in Bar Elias, einer Kleinstadt in der Bekaa-Ebene im Libanon. „Wenn ich könnte, würde ich sofort zurück. Selbst wenn ich laufen müsste“, sagt der ehemalige Fabrikarbeiter.

Im Libanon kommen solche Aussagen gut an. Das kleine Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern hat mehr als eine Million Syrer aufgenommen. Doch libanesische Politiker beklagen, die Flüchtlinge überlasteten die Infrastruktur und drückten die Löhne. Im April forderte der christliche Präsident des Libanons, Michel Auon, die Syrer dazu auf, schnellstmöglich in ihre Heimat zurückzukehren.

Letzte Hochburg der Rebellen

Rund 50.000 Syrer sind offiziellen Angaben zufolge 2018 zurückgekehrt, teils auf eigene Faust, teils unterstützt von libanesischen Behörden. Mohammed ist noch da: „Uns bleibt nichts anderes übrig, als hier auszuharren.“ Die Familie stammt aus Idlib. 2014 seien sie zwischen die Kriegsfronten geraten und über Aleppo in den Libanon geflohen, erzählt er. Heute wird in Idlib wieder gekämpft, die Provinz gilt als letzte Hochburg der Rebellen. Hunderttausende haben die Stadt aus Angst vor Kämpfen und Luftangriffen in den vergangenen Wochen verlassen.

Auch viele Syrer aus Regionen, die wieder unter Kontrolle des Regimes von Baschar al-Assad sind, sehen noch keine Grundlage für eine sichere Rückkehr. Das belegt ein Bericht der Hilfsorganisation Sawa mit Sitz in Beirut, die Anfang des Jahres Syrer aus 25 Flüchtlingslagern befragt hat. Viele Männer befürchten demnach, in Syrien entweder zum Militärdienst eingezogen oder inhaftiert zu werden. Auch die Angst vor Kriminalität und wirtschaftlicher Not schreckt viele ab. Rund 65 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Häuser zerstört seien.

Von der Welt im Stich gelassen

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR unterstützt die individuelle Rückkehr, sieht die Voraussetzungen für eine Umsiedlung großer Gruppen aber nicht erfüllt. Auch Bernhard Hillenkamp, Leiter des Libanon-Büros des Forums Ziviler Friedensdienst, hält es für unrealistisch, dass in naher Zukunft viele Menschen zurückkehren werden. Zugleich versuche die libanesische Regierung zu verhindern, dass sich die Syrer im Libanon integrierten: „Es soll nicht so laufen, wie bei den Palästinensern, die vor Jahrzehnten aus Israel in den Libanon geflohen sind und noch immer da sind“, erklärt er.

Für viele Syrer ist es im Libanon schwer, sich über Wasser zu halten. Sie dürfen nur in der Landwirtschaft, als Putzhilfen und im Baugewerbe arbeiten, die Löhne sind gering. Rund zwei Drittel der Flüchtlinge leben unterhalb der Armutsgrenze, die meisten sind verschuldet. Unterstützung erhalten die Familien in Bar Elias von der syrisch-libanesischen Organisation Basmeh & Zeitouneh, die auch vom Forum Ziviler Friedensdienst unterstützt wird. Ansonsten fühlen sie sich von der Welt im Stich gelassen. „Das UNHCR hat uns zwar registriert, aber wir erhalten keine Hilfe mehr“, erklärt Mohammed.

„Ich weiß nicht, wie ich das bezahlen soll“

Eine Sprecherin des UNHCR im Libanon bestätigt, dass nur noch jede fünfte registrierte Flüchtlingsfamilie im Libanon die monatliche Bargeldhilfe von umgerechnet 155 Euro erhält. Dem Hilfswerk fehlt es seit Jahren an Geld. Auch für 2019 hätten die internationalen Geber erst 20 Prozent der nötigen 500 Millionen Euro für die Hilfe im Libanon zugesagt.

Viele syrischen Flüchtlinge sehen sich indes von libanesischen Behörden bedrängt. Medienberichten zufolge ließen sie in jüngster Zeit syrische Läden und vereinzelt informelle Camps schließen. Auch Mohammed fürchtet um seine provisorische Behausung. Rund 50 Familien leben in dem Lager in einfachen Zelten. Der private Eigentümer des Grundstücks habe vor kurzem die jährliche Miete pro Parzelle von 650 auf 1.000 US-Dollar (rund 900 Euro) angehoben, erklärt Mohammed. „Ich weiß nicht, wie ich das bezahlen soll.“ Wegen eines Arbeitsunfalls könne er nicht arbeiten. Er habe noch nicht einmal Geld, um seine Frau wegen ihrer kaputten Bandscheiben zum Arzt zu schicken.

Das Leben syrischer Flüchtlinge im Libanon ist hart, ein ständiger Kampf gegen das Elend. Dazu die Angst, zur Rückkehr gezwungen zu werden. Denn in Syrien ist immer noch Krieg. Beirut (epd). Mohammed al Mohammed steht vor seinem Zelt und blickt auf die Bergkette im Osten. Dahinter liegt Sy[...]

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