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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

27. Januar 2020

Globale Ungleichheit wächst weiter: UNDESA-Bericht

Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tragen und höheren Risiken ausgesetzt sind. (Foto: Manipadma Jena)
Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tragen und höheren Risiken ausgesetzt sind. (Foto: Manipadma Jena)

Mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung leben derzeit in Teilen der Welt, in denen die Einkommensungleichheit zugenommen hat. Dies geht aus dem World Social Report 2020 der Abteilung für Wirtschaft und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen (DESA) hervor. Er identifiziert zudem die vier „Megatrends“, die diese Ungleichheit beeinflussen: technologische Innovation, Klimawandel, Urbanisierung und internationale Migration.

„Der Bericht unterstreicht, dass diese Megatrends für eine gerechtere und nachhaltigere Welt genutzt werden können, oder – außer Acht gelassen – uns weiter trennen werden“, so Elliott Harris, Chefvolkswirt und stellvertretender Generalsekretär für wirtschaftliche Entwicklung bei DESA. Er betont, dass ein Gleichtgewicht zwischen den Ländern insbesondere durch die derzeitige Klimakrise verlangsamt wird, die generell „ein großes Hindernis für die Verringerung der Armut darstellt.“ Indigene Gemeinschaften sind nach wie vor die Hauptbetroffenen, da sie überdurchschnittlich unter den Folgen der klimatischen Veränderungen zu leiden haben und höheren Risiken ausgesetzt sind. Er betont außerdem, dass „sich diese auch auf die Ungleichheit zwischen den Generationen auswirkt.“

Technologische Innovation, digitale Zweiteilung

Im Bereich technologischer Innovationen betont Harris, dass dieser Fortschritt „die Lohnungleichheit nach oben treibt. Denn trotz seiner immensen Aussichten schafft er Gewinner und Verlierer, und sein rasantes Tempo bringt zusätzliche neue Herausforderungen mit sich“, so der Ökonom. Diese „digitale Kluft“ entsteht vor allem durch den Zugang zu Technologie und technologischen Geräten (oder deren Fehlen). Dem Bericht zufolge haben fast 90 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten Zugang zum Internet, während es in den Entwicklungsländern nur 19 Prozent sind. Laut den Daten des U.N.-Komitees für Entwicklungspolitik (CDP) aus dem Jahr 2018 sind vor allem afrikanische Staaten betroffen. Und das obwohl der Kontinent für sein massives technologisches Wachstum gelobt wird. In einem PwC-Bericht über Afrika heißt es: „Disruptive Innovation verändert das wirtschaftliche Potenzial Afrikas, schafft neue Zielmärkte und beispiellose Wahlmöglichkeiten für Verbraucher.“ Das wirft dann aber die Frage auf, wie die technologische Kluft die Ungleichheit in diesen Ländern aufrechterhält. Harris bestätigt dieses Wachstum, betont jedoch, dass jene Länder, die hinterherhinken, viel „Nachholbedarf“ haben. „Aufgrund des raschen Fortschritts ist die Zeit, die für den Aufbau einer digitalen Infrastruktur benötigt wird, jene Zeit, in der die Industrieländer ihrerseits immer schneller vorankommen“, so der Chefvolkswirt. „Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer“, sagt er und fügt die hypothetische Rechnung hinzu, dass in einem Industrieland bereits 8G zur Verfügung stehen, wenn in einem Entwicklungsland gerade mal 5G genutzt werden. „Es ist gemeinsames, auf einander abgestimmtes Engagement nötig, um wirklich schnell aufzuholen“, sagt er, „wir brauchen einen großen Sprung; wir können nicht in dem bisherigen Tempo voranschreiten.“

Ein Teufelskreis?

Der Bericht hebt eine weitere Beobachtung hervor: „Disparitäten in Gesundheit und Bildung machen es für die Menschen schwierig, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen, was zur Übertragung von Benachteiligungen von einer Generation zur nächsten führt“. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der die Welt eine wachsende massive Flüchtlingsbevölkerung hat. Die U.N. Refugee Agency (UNHCR) gibt an, dass die derzeitige Flüchtlingskrise mit insgesamt 70,8 Millionen Menschen, die gewaltsam vertrieben wurden, „beispiellos“ ist. Für jene, die auf der Flucht bleiben, ist der Zugang zu Gesundheitsystem und Bildung eine große Herausforderung. Dies wiederum erschwert das Ausbrechen aus des Armutszyklus und hält somit die Kluft zwischen Arm und Reich aufrecht. Laut Harris ist dieser Teufelskreis „ein sehr ernstes Problem, das wir haben. Erschwerdend kommt hinzu, dass sich das Flüchtlingsaufkommen häufig auf Orte konzentriert, die nicht über ausreichende Ressourcen für die Versorgung von Flüchtlingen verfügen, und daher sehr auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft angewiesen sind.“ Er fügt hinzu, dass „es relativ weniger schwierig ist, Hilfe zu Beginn der Krise zu mobilisieren.“ Die große Herausforderung liegt in der Fortsetzung der Unterstützung, die notwendig ist, da sich viele Flüchtlinge jahrelang in Lagern befinden. Gleichzeitig lobt er die Bemühungen der Aufnahmeländer, ihr Bestes bei der Versorgung der Flüchtlinge zu geben, und fügt hinzu, dass die internationale Gemeinschaft die Verantwortung habe, „diese Aufnahmeländer zu stärken und ihnen zu helfen“.

Stammesfrauen treffen sich auf dem Boipariguda-Wochenmarkt im Koraput District im indischen Bundesstaat Odisha, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen und zu verkaufen. Indigene Gemeinschaften bleiben im Zentrum der vom Klimawandel Betroffenen, da sie die Hauptlast der Krise überproportional tra[...]

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20. Januar 2020

Klimawandel verschärft das Risiko der Kinderehe

Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)
Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny)

Filomena (15), eine Fischerstochter aus einem Dorf in der Provinz Nampula in Mosambik wurde mit einem 21-jährigen Mann aus demselben Dorf verheiratet. Denn obwohl ihr Vater Antonio (50) der Meinung war, dass sie noch zu jung für eine Ehe war, konnte er das Angebot für seine Tochter nicht auszuschlagen: 2000 Mozambican Metical (kanpp 29 Euro) und das Versprechen, dass Filomena auch nach der Eheschließung ihr Ausbildung fortsetzen dürfte. Der 6fache Familienvater, der seit Mitte der 90er Jahre in der Fischerei tätig ist, hat dramatische Geschäftseinbußen als Folge veränderter klimatischer Bedingungen zu beklagen: „Wir sehen, dass es zu heiß ist. Wir reden darüber und sind uns alle einig, dass es aufgrund der hohen Temperaturen schwierig ist, genügend Fisch zu fangen. In den Gegenden, in denen wir früher unterwegs waren, steigt der Meeresspiegel und die Wellen sind viel stärker.“ Filomena ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater der frühen Verheiratung nicht zugestimmt hätte, wenn sein Fischereigeschäfte gut laufen würden.

Ein unausweichlicher Zusammenhang

Die Kinderehe ist ein globales Problem, das viele verschiedene sozioökonomische Gründe hat. Es zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass sich der bereits bestehende weltweite Trend der Kinderehe aufgrund des Klimawandels weiter verschärft.

Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)
Wüstenboden in Äthiopien (Foto: Angelika Böhling)

Der Klimawandel führt zu steigenden Temperaturen, sich verändernden Niederschlagsmustern und zunehmenden Extremereignissen. Menschen, die von natürlichen Ressourcen, Viehbestand, Fischerei und Landwirtschaft leben, sind folglich am stärksten betroffen.

In Simbabwe ist extreme Dürre eines der am häufigsten durch den Klimawandel verursachten Phänomene. „Nach der Dürre kämpfte Emmanuel darum, seine Familie zu ernähren. Daraufhin stimmte er einer Mitgift von ein paar Ziegen für seine 15-jährige Tochter zu. Es bedeutete, einen Mund weniger zu füttern und Nahrung und Vieh für den Rest der Familie zu haben“, heißt es in einem UNICEF-Bericht, der sich der Frage widmet, wie der Klimawandel das Leben und die Zukunft unserer Kinder gefährdet und wie wir Klimarisiken in Politik und Dienstleistung integrieren müssen.

Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)
Die Flutkatastrophe in Kerala, Indien, forderte zig Nutztieropfer. (Foto: KNH Partner)

Ebenso ist in Kenia ein dramatischer Anstieg der Kinderheirat aufgrund schwerer Dürreperioden zu verzeichnen. Denn aufgrund der alarmierenden Schrumpfung des Viehbestands wird der Kinderheirat im Austausch mit Ziegen immer häufiger durchgesetzt wird.

Die AMREF Health Africa (Stiftung für Medizin und Forschung in Afrika), die größte gemeinnützige Organisation für das Gesundheitswesen in Afrika, möchte Eltern dazu bewegen, sich gegen die Verheiratung ihrer Töchter zu entscheiden und sie weiter in die Schule zu schicken. „Denn wenn sie mit der Schule fertig sind, werden sie einen Job bekommen und können dir mehr als vier Ziegen kaufen.“Stattdessen verheiratet die Mehrheit der Eltern im von Armut betroffenen Südsudan ihre Töchter im Gegenzug für Vieh im Rahmen des Bieterverfahrens. „Wer mit der höchsten Anzahl Kühe bietet, nimmt das Mädchen“, so Dorcas Acen von CARE.

"Eine Tochter für ein paar Ziegen." (Foto: Christian Nusch)
„Eine Tochter für ein paar Ziegen.“ (Foto: Christian Nusch)

In südasiatischen Ländern verheiraten Familien, die aufgrund der Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren, Flusserosion und Stürmen mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert sind, ihre Töchter. Laut Heather Barr von Human Rights Watch (HRW) ist der Klimawandel einer der Hauptgründe, die Mädchen in südasiatischen Ländern dazu zwingen, vor dem 18. Lebensjahr zu heiraten. Besonders dramatisch gestaltet sich die Situation in den ohnehin sehr armen Gebieten, die zudem überproportional stark von Naturkatastrophen betroffen sind. „Viele der Familien hatten bereits vor der Katastrophe nicht genug zu essen. Überschwemmung oder Wirbelsturm drängten sie in einen fast unüberwindbaren Überlebenskampf, der ihnen keinen anderen Ausweg ließ, als ihre Familiengröße zu reduzieren, indem sie Ehen für junge Töchter arrangierten.“

Kinderehe weltweit

Aktuelle UNICEF-Daten zeigen, dass 59% der Mädchen in Bangladesch mit 18 und 22% mit 15 verheiratet sind, während nur 4% der Buben vor dem 18. Lebensjahr heiraten. Dies ist die höchste Rate in Asien und auch eine der höchsten auf der ganzen Welt. Auch wenn Kinderehen in den letzten zehn Jahren weltweit zurückgegangen sind*, sind sie nach wie vor weit verbreitet. Weltweit wird alle 2 Sekunden ein Mädchen verheiratet, und die Gesamtzahl der in ihrer Kindheit verheirateten Mädchen beläuft sich auf 12 Millionen pro Jahr.

Eines der in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDG 5.3) festgelegten Ziele ist die Beendigung der Kinderheirat bis 2030, ohne jedoch die Fortschrittsrate zu erhöhen werden allerdings bis 2030 „mehr als 150 Millionen zusätzliche Mädchen vor ihrem 18. Geburtstags heiraten.“

Der Plan adressiert den Zusammenhang zwischen Klimawandel bzw. Naturkatastrophen (und andere Katastrophen wie Konflikte, Vertreibungen, etc.) und Eheschließung von Kindern, und umfasst Maßnahmen zur Minderung dieses Risikos.

Es gibt Hoffnung

Barr appelliert an die betroffenen Regierungen, die für die Bekämpfung des Klimawandels und Naturkatastrophenschutz zuständigen Stellen an der Entwicklung und Umsetzung des nationalen Aktionsplans zur Beendigung der Eheschließung von Kindern bis 2030 zu beteiligt. Sie fordert die Regierungen außerdem auf, den Schutz vor Kinderehe in alle Regierungspläne zur Reduzierung des Katastrophenrisikos und Klimaschutzmaßnahmen mit einzubeziehen.

Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)
Umweltschutz-Fortschritte sollen das Risikio der Kinderehen reduzieren. (Foto: Jürgen Schübelin)

Aber auch auf individueller Ebene ist Initiative gefragt: „Wenn wir kleine Schritte unternehmen, wie zum Beispiel das Bewusstsein der Einzelpersonen und der Gemeinschaft zu stärken, um die gängigen Best Practices zum Schutz der Umwelt anzuwenden, könnte dies den Fortschritt der größeren Veränderungen, die wir auf globaler Ebene sehen wollen, dramatisch beschleunigen.“

So wie Smriti (19) aus dem Bezirk Barisal in Bangladesch, die mit YouthNet for Climate Justice zusammenarbeitet. Die junge Frau ist in ihrer Gemeinde unterwegs, um ein Bewusstsein für die globale Erwärmung und den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kinderehe-Risiko. „Es ist schwer, Leute zu finden, um darüber zu sprechen, aber oft gehe ich in einen Teeladen oder halte eine Gruppe von Leuten auf und engagiere sie auf diese Weise.“

* Die größten Fortschritte wurden in Südasien beobachtet, wo das Risiko, dass ein Mädchen im Kindesalter heiratet, von etwa 50% auf 30% gesunken ist.

Jährlich werden nach wie vor rund 12 Mio Mädchen verheiratet. (Foto: Christian Herrmanny) Filomena (15), eine Fischerstochter aus einem Dorf in der Provinz Nampula in Mosambik wurde mit einem 21-jährigen Mann aus demselben Dorf verheiratet. Denn obwohl ihr Vater Antonio (50) der Meinung war, [...]

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8. Januar 2020

Haiti 10 Jahre nach der Erdbebenkatastrophe

Auch zehn Jahre danach fehlen immer noch Worte, um die entsetzlichen Wunden zu beschreiben, die die verheerendste Katastrophe Lateinamerikas am 12. Jänner 2010 um exakt 16:53 Uhr gerissen hat. (Foto: Jürgen Schübelin)

Es war 16:53 Uhr, als in der dichtbesiedelten Hauptstadtregion von Haiti am 12. Januar 2010 die Erde bebte. Keine Katastrophe in der an Desastern reichen Geschichte Nord- und Südamerikas forderte derartig viele Menschenleben (laut UN-Angaben mehr als 230.000), machte so viele Personen (1,85 Millionen) obdachlos und richtete in dem mit Abstand ärmsten Land des Kontinents großflächig derartige Verwüstungen an.

Für die Kindernothilfe begann wenige Stunden nach dem Beben die umfangreichste und zugleich komplexeste Humanitäre-Hilfe-Kooperation in ihrer 60-jährigen Geschichte. Am Ende waren es mehr als 17 Millionen Euro an Spenden und Unterstützungsmittel, die für den Wiederaufbau von insgesamt 13 Schulen und zahlreiche weitere Projekte mobilisiert werden konnten.

Der Versuch einer Bilanz von Lateinamerikareferatsleiter Jürgen Schübelin

Der Anruf aus Duisburg kam am 12. Januar 2010, spätnachts, am gefühlt entferntesten Ort Südamerikas auf fast 4.000 Meter Höhe, im Urlaub mit der Familie im Lauca-Parinacota-Nationalpark im äußersten Nordosten Chiles. Am Telefon Dietmar Roller, damals Kindernothilfe-Vorstand für die Programm- und Projektarbeit. Er sagte nur ganz wenig: „In Haiti hat es ein schweres Erdbeben gegeben, offenbar mit Tausenden von Toten, und wir können keinen Kontakt zu unserem Team im Kindernothilfe-Büro in Port-au-Prince herstellen. Wir wissen nicht, ob die fünf Kollegen am Leben sind … Du bist von uns allen am nächsten dran. Versuch bitte, dich dorthin durchzuschlagen…“

Bilder der Verwüstung: Die Hängen von Carrefour Feuilles (Foto: Jürgen Schübelin)
Bilder der Verwüstung: Die Hängen von Carrefour Feuilles (Foto: Jürgen Schübelin)

Leichter gesagt als getan: Am Ende gelang das nur nach einer komplizierten, langen Odyssee auf dem Umweg über die Dominkanische Republik. Das US-Militär hatte den Flughafen von Port-au-Prince wenige Stunden nach dem Beben, außer für eigene Maschinen, komplett gesperrt. Die erste komplexe Herausforderung bestand deshalb zunächst darin, ein 20-köpfiges Ärzte- und Helferteam, das mit einem AirBerlin-Sonderflug zusammen mit einer Gruppe von Journalisten und 30 Tonnen an Hilfsgütern im dominikanischen Badeort Puerto Plata gelandet war, sicher nach Haiti zu lotsen. Von dort hatten wir nach bangen 72 Stunden endlich erfahren, dass die Kollegen vor Ort am Leben waren, sich leichtverletzt aus dem kleinen Kindernothilfe-Büro, in dem eine Mauer eingestürzt war, hatten befreien können. Aber das war dann auch schon das Ende der guten Nachrichten.

Bilder, die sich für immer ins Gedächtnis einbrennen

Die Bilder von der Ankunft unserer Gruppe in Port-au-Prince wenige Tage nach dem Beben werden ein ganzes Leben lang bleiben: zehntausende, völlig erschöpfte, staubbedeckte Menschen auf den kaum passierbaren, von Schutt übersäten Straßen; viele von ihnen mit bloßen Händen und um den Mund gebundenen Tüchern zwischen den Trümmern eingestürzter Häuser noch immer auf der Suche nach Angehörigen oder irgendwelchen Habseligkeiten; der penetrante, süßliche Gestank nach Leichen – oder dem, was unter Mauern und heruntergebrochen Betonplatten von den Körpern übriggeblieben war; der verzweifelte Versuch der Menschen, an Wasser, an Essen zu kommen; endlose Schlangen, von schwerbewaffneten US-Soldaten bewacht, überall dort, wo irgendetwas verteilt wurde…   

Foto: Jürgen Schübelin
Foto: Jürgen Schübelin

Bis heute ist es noch immer nicht möglich, die präzise Zahl der Todesopfer zu benennen. In den Monaten nach dem Beben sprachen die Vereinten Nationen von mehr als 230.000 verstorbenen Menschen. Etwa genauso viele wurden schwer verletzt, und in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince sowie den Nachbarkommunen Carrefour, Léogâne und Jacmel hatten fast zwei Millionen Menschen ihr Zuhause verloren.

Schweres Erdbeben trifft auf extreme Armut

Von der Magnitude, der Stärke der seismischen Erschütterung auf der Richterskala, her, war das Beben mit 7,0 – andere Quellen sprechen von 7,2 – nicht einmal besonders extrem. Aber in seiner Kombination mit extremer Armut, einer nicht vorhandenen Zivilschutzstruktur und vor allem der Art und Weise, wie die Menschen in den bidonvilles, den Armenvierteln, ihre Häuser ohne ausreichende Armierungen, mit Baumaterialien in schlechter Qualität viel zu dicht aufeinander und ohne Fluchtwege errichtet hatten, verursachte das Goudougoudou, wie dieses Jahrhundertbeben im haitianischem Kreyòl genannt wird, eine derartig zerstörerische Wucht, dass sich das Land davon bis heute nicht erholt hat. Deutlich wird das beim Blick auf den IHDI (den Index für menschliche Entwicklung, der den Faktor „Ungleichheit“ miteinbezieht – in seiner aktuellsten Version von 2018): Hier rangiert Haiti als eines der zehn ärmsten Länder der Welt. 80 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, die Hälfte sogar mit weniger als einem Dollar.

10. Januar 2011: Schulbetrieb in Carrefour 2 Tage vor der Grundsteinlegungen für eine neue, erdbebensichere Schule. (Foto: Benjamin Weinkauf)
10. Januar 2011: Schulbetrieb in Carrefour 2 Tage vor der Grundsteinlegungen für eine neue, erdbebensichere Schule. (Foto: Benjamin Weinkauf)

Dass bei der Erdbebenkatastrophe auch 80 Prozent aller Schulgebäude in den von dem Beben betroffenen Teilen des Landes zerstört wurde, war die Tragödie in der Tragödie. Im Fall der Kindernothilfe traf es neun der zehn in Haiti unterstützten Schulen, die unter der Wucht des Bebens einstürzten oder unrettbar beschädigt wurden, darunter auch alle von den Eltern selbst errichteten Schulen in den Bergen südlich von Rivière Froide. „Wir konnten gar nicht anders“, erinnert sich Alinx Jean-Baptiste, damals Leiter des Kindernothilfe-Büros in Port-au-Prince, an diese dramatische Zeit nach dem Jahrhundertdesaster, „wir mussten alle unsere Energie darauf verwenden, um mitzuhelfen, diese Infrastruktur wiederherzustellen.“

Der erste Schulunterricht bereits einen Monat nach dem Beben

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem Engagement nach der Tsunami-Katastrophe rund um den Indischen Ozean 2004 oder auch dem Peru-Erdbeben vom 15. August 2007, bestand die erste Aufgabe jedoch zunächst darin, über sogenannte Kinderzentren sichere Räume für Mädchen und Jungen zu schaffen, die durch das Desaster traumatisiert worden waren und sich beim Kampf der Erwachsenen um das eigene Überleben extremen Gefährdungen ausgesetzt sahen. Der erste Child Friendly Space (CFS), das erste Kinderzentrum, startete acht Tage nach dem Beben auf dem Areal des schwer beschädigen Collège Véréna, jener Schule, mit der 1973 die Kindernothilfe-Arbeit in Haiti begonnen hatte. Am Ende waren es dann 28 derartiger Kleinprojekte, geographisch verteilt über fast das gesamte Katastrophengebiet, die der Arbeit mit Tausenden Kindern eine Struktur und ein Gesicht gaben. In einer zweiten Phase folgte die Organisation von Notschulprogrammen. Erneut war es der Partner Heilsarmee, mit dem genau einen Monat nach dem Erdbeben, Mitte Februar 2010, in den Ruinen des Collège Véréna der erste Unterrichtsbetrieb gestartet werden konnte.

In sogenannten Childfriendly Spaces bekommen Kinder einen sicheren Ort, ihr Trauma zu verarbeiten. (Foto: Erhard Stückrath)
In sogenannten Childfriendly Spaces bekommen Kinder einen sicheren Ort, ihr Trauma zu verarbeiten. (Foto: Erhard Stückrath)

Rechnen mit Mango-Kernen

Die extrem prekären Bedingungen dieser Monate, das Fehlen von Material, von Infrastruktur – gearbeitet wurde mit den Kindern unter Zeltplanen oder manchmal auch nur im Schatten eines Mangobaumes – brachten eine erstaunliche Kreativität und pädagogischen Erfindungsreichtum hervor, der den Kindern in Erinnerung geblieben ist. „Wir haben mit Steinchen und Mango-Kernen gerechnet und mit Kreide auf einer dunklen Zeltplane gemalt und geschrieben“, erinnert sich die heute 17-jährige Céline, die damals in Léogâne täglich in eines dieser CfS zum Essen, Spielen und zum Lernen kam. Nicht alles von diesem Reichtum an Improvisationskunst und kreativer Pädagogik konnte in die nächste Phase gerettet werden, als es nach und nach darum ging, die Infrastruktur-Bedingungen zu schaffen, um wieder regulären Schulbetrieb zu ermöglichen und dafür auch die bürokratischen Vorgaben des haitianischen Bildungsministeriums zu erfüllen. Hier kollidierten zwei Welten: Ein Staat, der in den zurückliegenden Jahrzehnten nie in der Lage gewesen war, das in der Verfassung des Landes und in zahlreichen internationalen Konventionen, die Haiti ratifiziert hatten, verbriefte Recht von Kindern auf Bildung umzusetzen und stattdessen diese Aufgabe mehrheitlich privaten Schulträgern überlies; auf der anderen Seite ein extrem starres Korsett für Lehrpläne und eine am französischen Bildungssystem orientierte Unterrichtsstruktur, die wenig Raum für Kreativität, die Stärkung sozialer Fähigkeiten der Kinder und das, was man life skills, (Über)Lebenskompetenzen, nennt, lässt. Demgegenüber wollten die Kindernothilfe und ihre Partner die historische Chance des Neubeginns nach der Katastrophe nutzen, um mit anderen Unterrichtsformen und der Einbeziehung neuer Themen – etwa zur ökologischen Nachhaltigkeit, sehr viel mehr praktischen Fertigkeiten und vor allem der Stärkung der Kinderrechte – die Mädchen und Jungen in den Projekten besser auf die Lebenswirklichkeit nach der Schule vorzubereiten.

Juni 2015: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, berichtet vom Wiederaufbau in Haiti. Nach dem schweren Erdbeben 2010 hat die Kindernothilfe in abgelegenen Bergregionen des Karibikstaates Schulen wieder aufgebaut, unter anderem in Daveau.

Unterricht ohne schlagende und brüllende Lehrer

Zehn Jahre danach sind auf diesem steinigen Weg einige wichtige Etappen geschafft: Im Rahmen einer engen Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Quisqueya-Universität gelang dem Kindernothilfe-Partner AMURT der Aufbau eines Modellprogramms für Hunderte von Grundschullehrerinnen und -lehrer, die nie zuvor eine pädagogische Ausbildung erhalten hatten. In ganz vielen öffentlichen Schulen, auch in abgelegenen ländlichen Départments, wurden die Lernerfahrungen aus der Arbeit mit den Kinderzentren nach dem Erdbeben aufgegriffen. Hier gibt es keinen Frontalunterricht mehr, kein Gebrüll von Lehrern und keine Schläge, hier eignen sich Kinder, angereichert mit ganz vielen spielerischen Elementen, Wissen und Selbstbewusstsein an.

Schule in Leveque bei Cabaret (Foto: Juergen Schuebelin)
Schule in Leveque bei Cabaret (Foto: Juergen Schuebelin)

Heute leitet Pierre-Hugue Augustin, ein junger Sozialwissenschaftler, das Kindernothilfe-Büro in Port-au-Prince. Seine Bilanz dieser zehn Jahre, die seit der Erdbebenkatastrophe vergangen sind, fällt eindeutig aus: „Es ist uns gelungen, neun zerstörte Schulen, teilweise unter schwierigsten Bedingungen, wiederaufzubauen und zusätzlich vier neue Bildungszentren zu errichten.“ An allen Vorhaben waren und sind Kinder, Eltern und Nachbarn intensiv beteiligt. „Unsere Strategie war es immer, einen nachhaltigen Beitrag zu leisten. Diese Schulen“, ist sich Pierre-Hugue sicher, „wird es auch in 20, 30 Jahren noch geben. Sie werden durch die Generationen von Kindern, die hier gemeinsam lernen und Selbstbewusstsein tanken, dazu beitragen, das Gesicht ganzer Armenviertel und ganzer Dörfer zu verändern.“ Aber – und auch das ist für Pierre-Hugue Augustin und das Kindernothilfe-Team vor Ort eine der Lernerfahrungen dieser zurückliegenden zehn Jahre: „Wir brauchen dringend einen funktionierenden, engagierteren Staat, gute öffentliche Krankenhäuser, viel mehr staatliche Schulen – endlich ausreichend Mittel für Bildungsinvestitionen. Nur so kann die extreme Armut in Haiti überwunden werden.“

Bilanz der Kindernothilfe-Arbeit seit 2010

Und worin liegt für die Kindernothilfe insgesamt die wichtigste Lernerfahrung aus diesen intensiven, ereignisreichen zehn Arbeitsjahren seit 2010 in Haiti? Überdeutlich wurde, von welch geradezu existentieller Bedeutung in humanitären Krisen- und Extremsituationen ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für humanitäre Hilfseinsätze beschäftigen, müssten das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre-Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Das Erdbeben in Haiti vor zehn Jahren zeigte überdeutlich, wie extrem verletzlich und gefährdet Kinder und Jugendliche im Gefolge von derartigen Katastrophen sind und wie dringend notwendig es gerade der konsequenten Perspektive und Instrumente der Kinderrechte bedarf, um ihren Bedürfnissen und ihrem Schutz Priorität einzuräumen.

Haiti: In der wieder aufgebauten Ecole Saint Francois de Salle ist Lernen wieder möglich. (Foto: Jürgen Schübelin)
Haiti: In der wieder aufgebauten Ecole Saint Francois de Salle ist Lernen wieder möglich. (Foto: Jürgen Schübelin)

Zum Schluss eine knappe Bilanz in Zahlen: Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und den Aufbau des Selbsthilfegruppen-Programms. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet.

Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschultraktes des Collège Verena in Delmás. Ermöglicht haben all das Zehntausende von Einzelspenderinnen und -spendern, Institutionen und Unternehmespartner der Kindernothilfe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg in einem atemberaubenden Kraftakt, für den wir bis heute unendlich dankbar sind.

Auch zehn Jahre danach fehlen immer noch Worte, um die entsetzlichen Wunden zu beschreiben, die die verheerendste Katastrophe Lateinamerikas am 12. Jänner 2010 um exakt 16:53 Uhr gerissen hat. (Foto: Jürgen Schübelin) Es war 16:53 Uhr, als in der dichtbesiedelten Hauptstadtregion von Haiti am[...]

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8. Januar 2020

Verkauft und ausgebeutet – arbeitende Kinder in fremden Haushalten

In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)
In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau)

Neugierige Blicke begleiten uns, als wir in der Mittagshitze durch das ein Labyrinth aus engen Gassen in dem kleinen und staubigen Straßendorf Kuch im Norden Äthiopiens laufen. Wir sind mit einer Familie verabredet, die laut den Informationen unserer Partnerorganisation Facilitator for Change ein gekauftes Mädchen als Haushaltshilfe beschäftigen soll. Der Handel mit Kindern als billige Arbeitskräfte ist in Äthiopien nach wie vor verbreitet. Und das obwohl auch hier Kinderhandel und Kinderarbeit verboten sind.

Die Häuser an, denen wir vorbeilaufen, sind typisch für Äthiopien aus Holz mit lehmverputzen Wänden. Ich hätte jedenfalls gedacht, dass die Familie, die wir treffen wollen, wohlhabender sein müsste. Schließlich kann sie sich ein Haushaltsmädchen leisten. Dies soll jedoch nur eines von vielen Vorurteilen bleiben, die ich an diesem Tag noch revidieren muss. Ein weiteres ist die Vorstellung von der Person, die uns empfängt, als wir schließlich die einfache Lehmhütte in den verwinkelten Gassen gefunden haben. Die Frau des Hauses wirkt jedenfalls sehr freundlich und offen. Und so jemand kauft Kinder, um sie danach als Haushaltssklaven auszubeuten?

Bereitwillig werden wir in die kleine Hütte gebeten, wo ganz nach der äthiopischen Tradition erst einmal eine Kaffeezeremonie stattfindet. In der Ecke sitzt ein sehr junges und schüchternes Mädchen, das ich für die Tochter der Frau halte. Abeba* geht in den Nebenraum und kommt mit Tassen für uns zurück. Sie ist höchsten sechs Jahre alt.

Mithilfe des Dolmetschers erklären wir der Frau noch einmal, warum wir hier sind. Sie nickt und sagt, dass wir jetzt gerne mit den Fotos und Filmaufnahmen beginnen können. Es entsteht eine kurze Verwirrung. Wir versuchen noch einmal klar zu machen, dass wir nicht sie filmen und fotografieren wollen, sondern das Mädchen, das bei ihr beschäftigt sein soll. Nur langsam wird mir klar, dass Abeba dieses Mädchen ist. Ich wusste, dass das Mädchen jung sein soll, aber nicht, dass sie noch so jung ist.

Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)
Viele Mädchen in Äthiopien müssen als Haushaltssklaven für ein Dach über dem Kopf schwer arbeiten. (Foto: Malte Pfau)

Langsam beginnt sie mit den Möglichkeiten einer Sechsjährigen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hatte vorher bei ihrer Großmutter gelebt. Von ihrer Mutter spricht sie nur kurz. Auch einen Vater scheint es in ihrer Welt nie gegeben zu haben. Als der Großvater starb, konnte die Großmutter sie nicht mehr ernähren. So landete Abeba bei der Familie in Kuch. Wie genau, ob die Großmutter dafür Geld bekommen hat und ob eine Rückkehr zu ihrer Familie vereinbart wurde, weiß sie nicht. Die Frau sagt, dass sie eine gute Christin ist. Deshalb hätte sie Abeba aufgenommen. Andererseits sagt sie uns ganz offen, dass zwei ihrer drei leiblichen Kinder in die Schule gehen, Abeba aber zu Hause bleiben muss, um sich um das jüngste Kind und den Haushalt zu kümmern. Einen Widerspruch zur zuvor geäußerten christlichen Nächstenliebe scheint sie in dieser Ungleichbehandlung nicht zu sehen. Vielmehr wird klar, dass Abeba sich das Dach über dem Kopf und die warme Mahlzeit verdienen muss.

Kinderhandel als Win-win-Situation

Worku Asenegr von unserer Partnerorganisation Facilitator for Change (FC) erläutert mir, dass viele Familien in dem Kinderhandel nach wie vor eine Win-win-Situation für beide Seiten sehen. Eltern finden in ihrer existentiellen Not oft keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder an wohlhabendere Familien zu verkaufen. Diese Praxis ist seit vielen Jahren Normalität und mit dem Irrglauben verknüpft, dass man den Kindern so etwas Gutes tun kann. Immerhin ist bei den neuen „Besitzern“ des Kindes Nahrung und Unterkunft vermeintlich gesichert. Diese verkauften Kinder werden Qenjas genannt, und mitnichten ist dieses System der ausbeuterischen Kinderarbeit förderlich für die Mädchen und Jungen, die für fremde Familien schuften müssen, ohne eine Chance auf Bildung. Ob auch Abeba eine Qenja ist oder wirklich aus christlicher Nächstenliebe aufgenommen wurde? Mir wird klar, dass es bei dieser Thematik nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern viele Graubereiche. Vielleicht ist gerade deshalb die Arbeit im Haushalt nicht nur in Äthiopien eine kaum wahrgenommene Form der Kinderarbeit, die vor allem Mädchen betrifft. Da die Arbeit in der Regel versteckt und hinter geschlossenen Türen stattfindet, gibt es keine Zahlen über das Ausmaß dieses Problems. Die International Labour Organization (ILO) geht davon aus, dass es die häufigste Beschäftigungsform für Mädchen unter 16 Jahren weltweit ist. Im Englischen werden Kinder, die in fremden Haushalten arbeiten, als „child domestics“ bezeichnet. Im Deutschen entspricht die Bezeichnung Dienstbotin oder Dienstbote am ehesten diesem Begriff. Unter diese Kategorie fällt nicht die Arbeit im Haushalt der eigenen Familie, wie zum Beispiel auf Geschwister aufzupassen, Tiere versorgen, putzen oder andere Tätigkeiten. Mit diesen Arbeiten tragen die Kinder zu den familiären Aufgaben bei und erlernen elementare Fertigkeiten. Am Schulbesuch werden sie dadurch nicht gehindert.

Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)
Abeba aus Äthiopien muss in und für eine fremde Familie schuften. (Foto: Malte Pfau)

Dagegen leben und arbeiten child domestics unter ausbeuterischen Bedingungen in Privathaushalten. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Die meisten werden wie Abeba nicht für ihre Arbeit entlohnt. Freie Tage oder Ferien werden oft verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Die Mädchen sind vielen Risiken ausgesetzt, wie mir Daniel Gizaw von unserer Partnerorganisation OPRIFS erzählt. Er leitet ein Schutzhaus für Straßenmädchen in Bahir Dar. „Viele Mädchen, die im Schutzhaus einen sicheren Aufenthaltsort finden, waren selbst vorher Qenjas im ländlichen Raum und wurden von ihren Besitzern so schlecht behandelt, dass sie sich für die Flucht entschieden haben. Oft werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Zukunftsperspektive in den Städten, wo sie häufig auf der Straße landen. Viele Mädchen im Schutzhaus sind aber auch vor einer drohenden Frühverheiratung oder von ihren Ehemännern davon gelaufen.“

Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)
Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw von OPRIS (Foto: Malte Pfau)

Die Bewohnerinnen sind im Durchschnitt zwölf Jahre alt. Neben einem Bett, Essen und Sicherheit vor der Straße bekommen sie auch Schul- und Handwerksunterricht. Langfristig ist aber eine Zusammenführung mit den Herkunftsfamilien geplant. Dies klappt natürlich nicht immer. Dann sollen die Mädchen aber zumindest genug gelernt haben, um selbst für sich sorgen zu können. Ich bin sehr angetan von den engagierten Mitarbeitern und der ruhigen und angenehmen Atmosphäre im Schutzhaus. Wenn man die vielen Straßenkinder sieht, die sich außerhalb der schützenden Mauern durchschlagen müssen, wird jedoch auch klar, wie groß die Aufgabe ist, vor denen Daniel Gizaw und seine Mitarbeitenden stehen. Eine Aufgabe, die vor allem durch Praktiken wie den Kinderhandel oder die Frühverheiratung immer neue Nahrung erfährt.

Wege aus der Sklaverei

Doch wie kann Kindern wie Abeba überhaupt geholfen werden? Wie lässt sich sicherstellen, dass Abeba später nicht selbst als Straßenkind in Addis Abeba oder Bahir Dar landet? Dass es überhaupt möglich ist, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, zeigt die Geschichte von Bosena Dememe. Die 38-jährige Frau stammt aus ärmlichen Verhältnissen und war selbst früher ein Qenja-Kind. Sie heiratete, bekam einen Sohn, Simachew, konnte aber nach der Scheidung und einem weiteren Kind die Familie nicht mehr alleine versorgen. Sie beschloss daher, den damals achtjährigen Simachew an einen Bauern zu verkaufen. Das war im Jahr 2013. Im November 2014 schloss sich Bosena im Ort der von FC initiierten Selbsthilfegruppe an. Die Gruppe hat strenge Kindesschutzregeln und forderte Bosema auf, ihren Sohn zurückzuholen. Bosema hatte aber immer noch Angst, nicht für ihre Kinder sorgen zu können. „Mit dem ersten Kredit aus der Selbsthilfegruppe habe ich Hühner für eine Hühnerzucht angeschafft“, erzählt sie stolz. „In den Schulungen habe ich gelernt, wie ich die Eier gewinnbringend verkaufen kann.“ Bald verdiente sie genug Geld, um Simachew zurückzuholen. Bereits Anfang 2015 war Bosenas Sohn wieder zu Hause.

Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)
Bosena Dememe vor ihrem Haus mit ihren beiden Kindern. Simachew (rechts) ist mittlerweile 14 Jahre alt und möchte nach der Schule Medizin studieren. (Foto: Malte Pfau)

Heute hat Bosena neben der Hühnerzucht auch ein kleines Feld und ist in der Lage, ihren Lebensunterhalt und die Schulmaterialen für ihre Kinder selbstständig zu bestreiten.

Der Alltag von Kinderarbeitern in Äthiopien. (Malte Pfau)

*Name von der Redaktion geändert

In Äthiopien ist der Handel mit Kindern nach wie vor sehr verbreitet. (Foto: Malte Pfau) Neugierige Blicke begleiten uns, als wir in der Mittagshitze durch das ein Labyrinth aus engen Gassen in dem kleinen und staubigen Straßendorf Kuch im Norden Äthiopiens laufen. Wir sind mit einer Familie v[...]

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18. Dezember 2019

Ein Jahr der humanitären Not

2019 gerieten dramatisch mehr Menschen in humanitäre Not als von den Vereinten Nationen erwartet, so der aktuelle Global Humanitarian Overview (GHO) 2020-Bericht.

Der tropische Wirbelsturm Idai landete am 14. und 15. März und zerstörte Berichten zufolge rund 90 Prozent von Beria, der Hauptstadt der Provinz Sofala in Mosambik. Ein Großteil der Betroffenen lebte während der Wiederaufbauarbeiten in provisorischen Lagern. (Foto: Andre Catuera / IPS)

Der Bericht, der Anfang Dezember vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) veröffentlicht wurde, identifizierte Klimawandel, unvorhergesehene Ausbreitung von Infektionskrankheiten und regionale Konflikte als die drei Hauptursachen, die Millionen von Menschen 2019 in den humanitären Notstand gedrängt haben.

Zu Beginn des Beobachtungszeitraumes des GHO Anfang 2019 erreichten Katastrophenhilfe-Maßnahmen rund 93,6 Millionen der 131,7 Millionen Bedürftigen. Bis November 2019 waren die Zahlen auf dramatische 117,4 Millionen bzw. 166,5 Millionen gestiegen.

Klimawandel

„Klimaschocks, die unerwartete Ausbreitung von Infektionskrankheiten und die Auswirkungen von langwierigen und sich häufig verschärfenden Konflikten haben in diesem Jahr zu einem beispiellosen Bedarf geführt“, sagte Zoe Paxton, Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfe. „Der aktuelle Stand der Geopolitik führt dazu, dass Konflikte immer länger und intensiver werden. Zudem wird das humanitäre Völkerrecht in kriegerischen Auseinandersetzungen zunehmend missachtet “, so Paxton weiter. Auch fügte sie hinzu, dass Kriegsopfer vielschichtigen Belastungen ausgesetzt sind, die einen „normalen“ Alltag unmöglich machen: Vertreibung, Hunger, psychosoziales Trauma sowie Verlust von Lebensunterhalt, Ausbildungsmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung. „Das ist zusätzlich zu den direkten Auswirkungen von Kämpfen, Bombenangriffen und anderen Gewalttaten, die sich auf ihre physische Sicherheit auswirken“, sagte sie.

Der Klimawandel mit seinen immer häufiger auftretenden Dürreperioden, Überschwemmungen und tropischen Wirbelstürmen stellt das wohl brisanteste Problem in diesem Zusammenhang dar. Laut Paxton sind die ohnehin bereits armen und schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen davon überproportional betroffen. „Elf der 20 am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder haben in den vergangenen sieben Jahren um humanitäre Hilfe angesucht“, bezifferte sie diese prekäre Entwicklung. „Wir müssen die durch klimatische Veränderungen erfoderlichen Maßnahmen als Teil der humanitären Hilfe besser priorisieren.“

Darüber hinaus seien ein langsames Wirtschaftswachstum und die nationale Verschuldung maßgebliche Faktoren für den Bedarf an humanitärer Hilfe, so Paxton. 2019 seien fast 60 Millionen Menschen, die Katastrophenunterstützung benötigten, aus 12 der 33 Länder gekommen, „die sich in einer Schuldenkrise befinden oder von einer solchen bedroht sind“, sagte sie.

Mentale Gesundheit

Eines der anderen dringenden Probleme, die in dem Bericht auftauchten, ist die Sorge um die psychische Gesundheit der Bedürftigen. Der Bericht besagt, dass einer von fünf Menschen in Konfliktgebieten an einer psychischen Erkrankung leidet.

Die Zunahme von „heftigen Konflikten“ – von 36 im letzten Jahr auf 41 in diesem Jahr – verschärfte Probleme wie Hunger, sexuelle Gewalt und Verlust des Lebensunterhalts. Gleichzeitig wuchs die Besorgnis um die psychische Gesundheit der Menschen in humanitärer Not. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom Juni wird von etwa 11 Prozent der Menschen, die in den letzten 10 Jahren in Konflikten gelebt haben, eine mittelschwere oder schwere psychische Erkrankung erwartet.

Obwohl die psychische Gesundheit der Betroffenen im Bericht thematisiert wird, ist sie in einigen Regionen immer noch nicht oder nur unzureichend dokumentiert. In Afghanistan heißt es beispielsweise in dem Bericht, dass „mindestens 11 Prozent der Bevölkerung eine körperliche Behinderung aufweisen, während eine unbekannte Anzahl von Menschen aufgrund andauernder Konflikte an psychischen Problemen leidet“.

Wie so oft in Humanitären Notsituationen sind Kinder am stärksten betroffen. Der Bericht schätzt, dass 24 Millionen Kinder, die derzeit in Konflikten leben, unter verschiedenen psychischen Erkrankungen leiden, die entsprechende Unterstützung benötigen würden. Es bleibt jedoch eine Herausforderung, diesen Bedarf zu decken.

„Obwohl der Schwerpunkt zunehmend auf der psychischen Gesundheit liegt, hat die überwiegende Mehrheit der Überlebenden keinen Zugang zu medizinischer Versorgung“, sagte Dr. Mark van Ommeren, Autor einer Analyse von psychischen Störungen in Konfliktsituationen. „Ob Unterstützung zur Verfügung gestellt wird oder nicht, hängt oft von den Schwerpunkten der Geberorganisationen bzw. der Organisationen vor Ort ab.“

In seinem Vorwort identifizierte der stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und die Koordinierung der Soforthilfe, Mark Lowcock, die Bedeutung der Bewältigung von seelischen Traumata als Problem. „Wir verstehen zunehmend die Notwendigkeit, mit mentalen Traumata und der körperlichen Gesundheit der Menschen umzugehen“, schrieb er. „Wir begegnen immer mehr Krisen, indem wir vorausschauende Maßnahmen ergreifen.“

2019 gerieten dramatisch mehr Menschen in humanitäre Not als von den Vereinten Nationen erwartet, so der aktuelle Global Humanitarian Overview (GHO) 2020-Bericht. Der tropische Wirbelsturm Idai landete am 14. und 15. März und zerstörte Berichten zufolge rund 90 Prozent von Beria, der Hauptsta[...]

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