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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

17. Juni 2020

Südafrika: Quarantäne für Wohnungslose

Südafrika versucht die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie unter anderem durch die geordnete Unterbringung von Obdachlosen einzudämmen. Drogentherapie, Gesundheitsuntersuchungen, sanitäre Anlagen: Nach außen hin bieten die Einrichtungen für die Schutzsuchenden viele Vorteile. Doch unsere Partnerorganisation Youth For Christ (YFC) berichtet von besorgniserregenden Entwicklungen.

Quarantäneheim für Wohnungslose in Südafrika (Foto: KNH Partner)
Quarantäneheim für Wohnungslose in Südafrika (Foto: KNH Partner)

Insbesondere Obdachlose leiden in Südafrika drastisch unter der COVID-19-Pandemie. Gründe dafür gibt es genug: Vorerkrankungen, beschränkter Zugang zu sanitären Einrichtungen, kein Geld für Hygiene-Produkte. In Südafrika leben Hunderttausende auf den Straßen. Ohne feste Unterkunft versuchen sie, durch Betteln über die Runden zu kommen. Der 18-jährige Lorean ist einer von ihnen. (Name geändert)

Warmes Heim, kalter Entzug

Aktuell verbringt Lorean seine Nächte nicht mehr auf den Straßen von Pietermaritzburg. Gemeinsam mit vielen weiteren Männern, Frauen und Jugendlichen bekam er ein Dach über dem Kopf „geschenkt“ – vorübergehend jedenfalls. Als Teil der Pandemie-Strategie lesen die Behörden in Südafrika Obdachlose auf und bringen sie in temporären Einrichtungen unter. Das Ziel: die Eindämmung einer massenhaften und unkontrollierten Verbreitung des Erregers.

Ein Dach über dem Kopf – aber mit festen Regeln des Zusammenlebens (Foto: KNH Partner)
Ein Dach über dem Kopf – aber mit festen Regeln des Zusammenlebens (Foto: KNH Partner)

Zugleich bedeutet diese meist unfreiwillige Unterbringung für viele Bewohnerinnen und Bewohner auch einen kalten Entzug. Drogen sind in Südafrika ein weit verbreitetes Problem – insbesondere Kinder, die auf der Straße leben, sind betroffen. Viele fürchten sich regelrecht vor den Einrichtungen, weil sie wissen, was dort auf sie zukommt. Mit den Worten „Mein Herz war sehr schwer“ beschreibt Lorean die Ankunft in der Einrichtung.

Corona in Südafrika: Quarantäne als Neuanfang

Und dennoch: Der Grundgedanke ist gut. Aktuell leben 317 Männer zwischen 16 und 37 Jahren in den Schutzräumen. In den weiblichen Unterkünften sind es mittlerweile 58. Ihre Versorgung ist gesichert: Drei Mahlzeiten erhalten die Bewohner jeden Tag. Auch die sanitären Einrichtungen funktionieren, für die Frauen steht sogar heißes Wasser zur Verfügung.

Die Obdachlosen im Quarantäneheim in Pietermaritzburg stehen Schlange bei der Essensausgabe (Foto: KNH Partner)
Die Obdachlosen im Quarantäneheim in Pietermaritzburg stehen Schlange bei der Essensausgabe (Foto: KNH Partner)

Täglich kommen Gesundheitsbeamte und Ärzte in die Einrichtungen und untersuchen die Bewohner auf mögliche Krankheiten. Mögliche Anzeichen einer Ansteckung sollen somit frühzeitig erkannt werden. Damit leisten die hier Festgesetzten ihren Beitrag zur Reduzierung der Fallzahlen in Südafrika. Auch Lorean sieht die Vorteile. Er spricht davon, dass es „keine Probleme mit Drogen mehr gibt“, und versteht den Aufenthalt in der Einrichtung als einen Neuanfang.

Berichte von Gewaltanwendung

Trotzdem gibt es Anlass zur Beunruhigung. Unsere Partnerorganisation Youth For Christ (YFC) ist eine der NGOs in Südafrika, die bis zu vier Mal in der Woche Zugang zu den Einrichtungen haben. In regelmäßigen Meetings tauschen sie sich mit den Jugendlichen über ihre Situation und die Zustände in den Unterkünften aus.

Die Berichte der letzten Wochen waren erschreckend: Die Frauen erzählten von sexueller Ausbeutung durch die örtlichen Sicherheitskräfte. Auch die Suchtpatienten leiden, sämtliche Medikamente wurden abgestellt. Die Entzugserscheinungen trieben viele zur Flucht, die die Sicherheitskräfte jedoch verhinderten – und dabei nicht zimperlich mit den Betroffenen umgingen.

Unser Partner setzt sich für bessere Wohnbedingungen ein

YFC bemüht sich vor Ort um eine Verbesserung der Zustände in den Unterkünften. Erste Fortschritte gibt es bereits: Die Anzahl der männlichen Sicherheitskräfte in den Unterkünfte für Frauen wurde reduziert, dadurch hat die Gewalt durch das Wachpersonal deutlich abgenommen. Im Gespräch mit unseren Partnern von YFC hat Lorean weitere Verbesserungsvorschläge gemacht: Er wünscht sich mehr Mitspracherecht in Bezug auf die Zustände in den Einrichtungen. Dabei denkt er an Foren, in denen sich die Jugendlichen austauschen und gemeinsam über mögliche Verbesserungen beratschlagen können. YFC unterstützt das nach Kräften.

Südafrika versucht die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie unter anderem durch die geordnete Unterbringung von Obdachlosen einzudämmen. Drogentherapie, Gesundheitsuntersuchungen, sanitäre Anlagen: Nach außen hin bieten die Einrichtungen für die Schutzsuchenden viele Vorteile. Doch unsere Partnero[...]

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10. Juni 2020

Corona in Indien: Hunger und Verzweiflung im Armenviertel

Die Corona-Pandemie trifft vor allem Indiens arme Bevölkerungsteile besonders stark. Sie leiden unter den massiven gesundheitlichen, aber auch wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Hunger, Arbeitslosigkeit, Angst und Perspektivlosigkeit bestimmen den Alltag. Im Armenviertel Bhalswa Dairy der Hauptstadt Neu-Delhi hilft unsere Partnerorganisation Deepti Foundation den Betroffenen. Wie erleben sie die Corona-Krise?

Corona im Armenviertel in Neu Delhi: Hunger und Verzweiflung (Foto: KNH Partner)
Corona im Armenviertel in Neu Delhi: Hunger und Verzweiflung (Foto: KNH Partner)

„Die Menschen hier leben in Angst. Sie wissen nicht, wie sie sich und ihre Kinder ernähren sollen“, berichtet Father Santhosh, Direktor der Deepti Foundation, „das ganze Gebiet ist von Armut betroffen“. Über 1000 Familien unterstützt die Organisation mittlerweile in Bhalswa Dairy. Zunächst hatten sie sich erst einmal auf die Familien konzentriert, die sie von ihrer bisherigen Arbeit kannten, aber es wurden immer mehr Bedürftige, die nach Hilfe gefragt haben. Fast täglich verteilen die Mitarbeitenden seit Mitte April große Pakete mit wichtigen Nahrungsmitteln: zehn Kilogramm Reis, fünf Kilogramm Weizenmehl, zwei Kilogramm Dal, ein Kilogramm Zucker und ein Kilogramm Salz gibt es für die Familien. „Eine Tüte reicht für ungefähr zehn Tage“, sagt Father Santhosh.

Lebensmittel für Bedürftige

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Mitarbeitenden von Deepti Foundation vor Ort helfen können. Denn auch in Indien hat die Regierung einen Lockdown veranlasst und sie mussten sich um eine Bescheinigung bemühen, die ihnen es erlaubt, „draußen“ helfen zu dürfen.

Masken sollen eine Ausbreitung des Virus im Armenviertel rund um die Mülldeponie vermeiden (Foto: KNH Partner)
Masken sollen eine Ausbreitung des Virus im Armenviertel rund um die Mülldeponie vermeiden (Foto: KNH Partner)

Zunächst haben die Helfer 5000 Gesichtsmasken gekauft und in Bhalswa Diary verteilt. „Als wir dort angekommen sind, haben wir die erbärmliche Situation der Menschen gesehen. Das gesamte Viertel ist stark von Covid-19 und der Pandemie betroffen“, erzählt der Direktor. „Viele Menschen kamen dann auf uns zu und haben um Hilfe und Essen für ihre Familien gebeten“, sagt er weiter. Denn obwohl die Regierung eine Art Gemeinschaftsküche für die Menschen dort eingerichtet hat, gehen viele Einwohner mit leeren Händen und Bäuchen wieder zurück. „Sie haben keinerlei Ersparnisse, um sich in der Corona-Krise ernähren zu können“, weiß Santhosh.

Aufklärung zu den Schutzmaßnahmen

Die Folgen der Pandemie: 80 Prozent der Menschen sind bereits arbeitslos. Nun stehen sie ohne Einkommen da und wissen oft nicht weiter. Dazu kommt das Gefühl des Bedrohtseins: „Eltern haben Angst um das Leben ihrer Kinder“, so Santosh. Nicht alle haben Gesichtsmasken, um das Virus einzudämmen. „Das Grundrecht eines Kindes auf Überleben steht auf dem Spiel“, betont unsere Partnerorganisation Deepti Foundation. Deswegen machen die Mitarbeitenden vor Ort Umfragen, um so besonders Bedürftige ausfindig zu machen und die Hilfe zu koordinieren.

Mit einem Sicherheitsabstand bekommen die Menschen am Bhalswa Müllberg Grundnahrungsmittel von Helfern überreicht (Foto: KNH Partner)
Mit einem Sicherheitsabstand bekommen die Menschen am Bhalswa Müllberg Grundnahrungsmittel von Helfern überreicht (Foto: KNH Partner)

„Bei der Verteilung der Food-Kits achten wir darauf, dass die Abstandsregeln eingehalten werden und die Menschen Schutzmasken tragen“, betont Father Santhosh. Denn auch Aufklärung gehört zu ihren Aufgaben. Viele Menschen wissen nicht, welche Schutzmaßnahmen es gibt und wie sie mit dem Virus umgehen müssen. Sofern sich mehrere Menschen versammeln, ruft die Organisation die Polizei aus Delhi zur Hilfe. Der Direktor berichtet: „Sie helfen uns immer. Auch wenn sie einen Hilferuf von bedürftigen Menschen erreicht, informieren sie uns und wir wenden uns direkt an die Menschen und können ihnen helfen.“

Die Corona-Pandemie trifft vor allem Indiens arme Bevölkerungsteile besonders stark. Sie leiden unter den massiven gesundheitlichen, aber auch wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Hunger, Arbeitslosigkeit, Angst und Perspektivlosigkeit bestimmen den Alltag. Im Armenviertel Bhalswa Dairy der Haupts[...]

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4. Juni 2020

SDGs sind relevanter als je zuvor

Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, Präsident der Republik Ghana, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg zeigen die Bedeutung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) in Zeiten der Corona-Pandemie auf.

SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen Foto: Welthaus Bielefeld)
SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Foto: Welthaus Bielefeld)

Unsere heutige Welt hat es mit einer Krise von monumentalem Ausmaß zu tun. Das aggressive, neuartige Coronavirus verursacht weltweit Chaos, zerstört Leben und entzieht Existenzgrundlagen. Der unmittelbaren Preis der Pandemie, der Verlust von Menschenleben, ist erschreckend. Die langfristigen Auswirkungen auf Weltwirtschaft, individuelle Lebensbedingungen und nachhaltige Entwicklung sind jedoch nicht weniger alarmierend. Der Internationale Währungsfonds geht von einer globalen Rezession aus, und obwohl das Gesamtausmaß der ökonomischen Folgen der Krise derzeit noch schwer vorherzusagen ist, gehen vorläufige Schätzungen bereits jetzt von 2 Billionen US-Dollar aus.

Durch die Corona-Pandemie wurden grundlegende Schwächen in unserem globalen System aufgedeckt und schonungslos aufgezeigt, wie die Verbreitung von Armut, schwache Gesundheitssysteme, mangelnde Bildung und vor allem suboptimale globale Zusammenarbeit eine Krise noch weiter verschärfen. Wenn jemals Zweifel bestand, dass es gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen gilt, hat die aktuelle Pandemie diesen mit Sicherheit zerstreut. Im Gegenteil, sie hat die dringende Notwendigkeit globaler Maßnahmen in den Vordergrund gerückt, um die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, unseren Planeten zu schützen und eine gerechtere und sicherere Welt aufzubauen. Schließlich sind wir in einer solchen Krise nur so stark wie das schwächste Glied.

Darum geht es in den SDGs, dem globalen Grundsatzpapier zur Beendigung von Armut, zum Schutz unseres Planeten und zur Sicherung von Wohlstand. Doch der plötzliche Schock durch das neuartige Coronavirus hat das Engagement der einzelnen Staaten, ihre Umsetzung voranzutreiben, in den Hintergrund gedrängt.

Jetzt, wo die Welt mit der Eindämmung des Virus und seiner verheerenden Folgen konfrontiert ist, definieren die Länder ihre Prioritäten neu und verteilen Ressourcen zugunsten der Pandemie-Bekämpfung um. Denn aktuell geht es vorrangig darum, Leben zu retten und in diesem Sinne der Forderung der Vereinten Nationen nach unmittelbarer Stärkung der Gesundheitssysteme nachzukommen. Nur durch ein globales, gemeinsames Engagement können die weitere Ausbreitung des Virus unterdrückt, die Pandemie eingedämmt und die Menschen, insbesondere die gefährdeten Gruppen der Frauen, Kinder und Jugendlichen und Niedriglohnarbeiter, geschützt und die Weltwirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Was wir uns aber auch in diesen entscheidenden Zeiten nicht leisten können, ist der Abzug von Ressourcen von vorrangigen SDG-Maßnahmen und eine Entkoppelung der Reaktion auf die Pandemie von diesen. Denn die Umsetzung der SDGs ist langfristig für eine solide Grundlage und einen gerüsteten Umgang mit globalen Gesundheitsrisiken und neu auftretenden Infektionskrankheiten essentiell. Das Erreichen des Nachhaltigen Entwicklungszieles Nummer 3 zielt auf die Stärkung der Fähigkeit der einzelnen Länder zu Frühwarnung, Risikominderung und Management nationaler und globaler Gesundheitsrisiken ab. Diese Pandemie hat die Krise in den globalen Gesundheitssystemen offensichtlich aufgedeckt. Und obwohl es die Aussichten für eine globale Gesundheit bis 2030 ernsthaft untergräbt, hat es kritisch weitreichende Auswirkungen auf alle anderen SDGs. Die sich abzeichnenden Beweise für die breiteren Auswirkungen der Krise auf unser Streben nach Erreichung der SDGs müssen für alle beunruhigend sein. Die UNESCO schätzt, dass rund 1,25 Milliarden Studenten von dieser Pandemie betroffen sind, was eine ernsthafte Herausforderung für die Erreichung des SDG-Ziels 4 darstellt. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) könnten rund 25 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie informell beschäftigt sind und während dieser Pandemie am meisten unter mangelndem Sozialschutz leiden.

Es ist zu befürchten, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. In vielen Teilen der Welt werden die Pandemie und ihre Auswirkungen durch mangelndes sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen (SDG-Ziel 6), schwaches Wirtschaftswachstum und unzureichend menschenwürdige Arbeitsplätze (SDG-Ziel 8), Ungleichheiten (SDGs Ziel 10) und vor allem Armut (SDGs Ziel 1) und Ernährungssicherheit (Ziel 2) verschärft. Die Weltbank schätzt, dass die Krise zusätzlich rund 11 Millionen Menschen in die Armut treiben wird.

Während sich unsere Welt bemüht, den Herausforderungen der Pandemie Stand zu halten, sollten wir die Krise als Chance nutzen und die zur Erreichung der SDGs erforderlichen Maßnahmen vorantreiben. Die Solidarität und die Bereitschaft zu schnellen, effektiven Schritten, die wir in der aktuellen Situation beobachten können, müssen auch bei der Umsetzung der Ziele zum Tragen kommen. Die Konjunktur- und Entschädigungspaketen, die zur Bewältigung der Pandemie zur Verfügung gestellt werden, machen deutlich, dass die Welt, wenn es wirklich darauf ankommt, über die Ressourcen verfügt, um brennende und existenzielle Probleme zu bewältigen. Die SDGs sind eine solche Aufgabe. Was dringend benötigt wird, ist ein verstärkter politischer Wille und Engagement, denn Wissen, Kapazität und Innovation sind vorhanden. Wenn wir ehrgeizig genug sind, können wir alle Ressourcen aufbringen, die für die erfolgreiche Umsetzung der Ziele erforderlich sind.

Dank des Solidaritätsgeistes konnten Regierungen, Unternehmen, multilaterale Organisationen und die Zivilgesellschaft in kürzester Zeit Milliarden und in einigen Fällen Billionen aufbringen, um die Bemühungen zur Bekämpfung dieser Pandemie zu unterstützen. Wenn wir dem Kampf gegen Armut, Hunger, Klimawandel und allen anderen Zielen die gleiche Bedeutung und Dringlichkeit beimessen, sind wir für den Erfolg dieser SDG-Dekade gut gerüstet. In unserem Versuch, auf die Folgen dieser brutalen Pandemie zu meistern und den globalen Wohlstand wiederherzustellen, müssen wir uns darauf konzentrieren, die zugrunde liegenden Faktoren im Kontext der Ziele für nachhaltige Entwicklung anzugehen. Obwohl einige bereits erzielte SDG-Fortschritte durch die aktuelle Situation gelitten haben, darf das weltweite Engagement nicht beeinträchtigt werden. Ganz im Gegenteil sollten sich die Bemühungen der Staatengemeinschaft beschleunigen und vertiefen, um sich besser zu erholen und eine gesündere, sicherere, gerechtere und wohlhabendere Welt aufzubauen, die zur Vermeidung künftiger Pandemien erforderlich ist.

* Nana Addo Dankwa Akufo-Addo ist Präsident der Republik Ghana und Co-Vorsitzender der Eminent Group of Advocates des UN-Generalsekretärs für Nachhaltige Entwicklunsgziele. Erna Solberg ist norwegische Premierministerin und Co-Vorsitzende der Eminent Group des UN-Generalsekretärs von Anwälten für Nachhaltige ENtwicklungsziele.

Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, Präsident der Republik Ghana, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg zeigen die Bedeutung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) in Zeiten der Corona-Pandemie auf. SDGs: Die nachthaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Foto: Welthaus Bielef[...]

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29. Mai 2020

Corona in Chile – Die Pandemie läuft aus dem Ruder

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierenden sozialen und ökomischen Folgen der Pandemie auseinandersetzen, steht den Menschen in Lateinamerika der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem gefährlichen Virus erst noch bevor. Scheinbar unaufhaltsam entwickelt sich der Subkontinent zum weltweit gefährlichsten Corona-Krisenherd. Das Epizentrum ist dabei ganz eindeutig Brasilien mit (Stand 28.05.2020) bereits 414.661 positiv auf Covid-19 Getestete, 25.697 Menschen sind an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Das am zweitheftigsten betroffene Land auf dem Subkontinent ist Peru (135.905 Infizierte, 3.983 Tote), gefolgt von Chile (82.289 Infizierte, 841 Verstorbene), Mexiko (78.023 bestätigte Infizierte, 8.597 Todesfälle), und schließlich Ecuador (38.103 Infizierte, 3.275 Tote). Am Beispiel des Kindernothilfe-Partnerlands Chile wird deutlich, welche verheerenden, existenzbedrohenden Auswirkungen die Pandemie für die Menschen in den Armenvierteln, für die Demokratiebewegung im Land und das Ringen der Zivilgesellschaft um einen neuen Verfassungsrahmen –  sowie für die Kinderrechte hat.

Corona Grafik aus Santiago de Chile
Corona Grafik aus Santiago de Chile

Darüber sprachen wir mit José Horacio Wood, dem Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Koordinationsstruktur Fundación ANIDE. Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.

Kindernothilfe: Die verzweifelten Hunger-Proteste der Menschen aus Armenvierteln im Süden von Santiago haben es in der zurückliegenden Woche sogar in die Abendnachrichten in Europa geschafft. Wie konnte es zu einer solchen Zuspitzung der Krise kommen?

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger all die Strukturprobleme, mit denen die chilenische Gesellschaft seit dem Ende des Pinochet-Regimes kämpft und die in der Endphase des vergangenen Jahres nie dagewesene Massenproteste auslösten, noch einmal massiv verstärkt. Die Virus-Infektion traf uns in einem wirklich kritischen Moment, in einer Situation des kompletten Vertrauensverlustes gegenüber der Regierung und ihren Institutionen. Und gerade zu Beginn dieser Krise gab es dann auch noch zahlreiche, fatale Fehlentscheidungen: Da wurden die großen Einkaufszentren mit täglich Zehntausenden Besuchern viel zu lange offen gehalten, nur, um ja keine Umsatzeinbußen zu riskieren. Auf der anderen Seite wurden die Menschen gezwungen, dicht an dicht gedrängt, endlose Schlangen vor Supermärkten und Banken zu bilden. Anders als in Europa gab es keine massiven Kampagnen, um auf das Ansteckungsrisiko mit dem Virus und auf die Möglichkeiten, sich zu schützen, hinzuweisen.

Und als es dann Quarantäne-Verfügungen erlassen wurden, wirkten sie eher willkürlich, politisch motiviert, um die Menschen in den Stadtteilen, in denen es Ende 2019 die heftigsten Proteste gegen die Piñera-Regierung gegeben hatte, zu disziplinieren. Der Präsident und die zuständigen Minister verwickelten sich unablässig in Widersprüche. Eine klare Strategie, wie mit dieser Katastrophe umzugehen ist, war nicht zu erkennen. Deutlich wurde nur Eines: Es ging und geht den Regierenden ausschließlich darum, die Interessen der Unternehmen im Land zu sichern. Und in den zurückliegenden beiden Wochen sind die Infektionszahlen dann geradezu explodiert, zuletzt mit bis zu 5000 neuen Fällen jeden Tag – und zwar vor allem in den armen Kommunen an der Peripherie von Santiago.

Jetzt steht der Winter mit den üblichen Erkältungs- und Grippewellen vor der Tür. Das wird in diesem Jahr eine ganz schwere Zeit, die das öffentliche Gesundheitssystem sehr schnell an seine Grenzen bringt. Viele Expertinnen und Experten fürchten deshalb, dass Chile den Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht hat.  

Kindernothilfe: Wie geht es den Familien aus dem Umfeld der von ANIDE und Kindernothilfe geförderten Projekte in diesen Wochen?

José Horacio Wood: Es ist wie überall auf der Welt: Diejenigen mit den geringsten Einkommen tragen die schwerste Last! Die Armen verfügen über keinerlei finanzielle Reserven, um diese Quarantäne-Wochen durchzustehen. Bereits in der ersten Phase des Jahres – noch vor dem Ausbruch der ersten Infektionswelle – ist die Arbeitslosigkeit im Land ja bereits deutlich angestiegen. Die Leute schlitterten vielfach bereits hochverschuldet in diese Krise. Durch die Schließung der kleinen Geschäfte und Märkte sind dann zehntausende Jobs von einem Tag auf den anderen weggefallen. Und auch diejenigen, die eigentlich zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie eine Festanstellung hatten, sind nicht sehr viel besser dran, weil es in Chile ja keine Lohnfortzahlung gibt, Und die Mittel aus den Arbeitslosenversicherungsfonds sind bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die Folge: Jetzt fehlt es einfach an Allem! Deshalb diese verzweifelten Protestaktionen in den Armenvierteln! Dazu kommt, dass es in den viel zu kleinen Wohnungen extrem schwer ist, Quarantäne zu halten, von den Abstands- und Hygieneregeln ganz zu schweigen … 

Kindernothilfe: Und wie erleben die Kinder in den Armenvierteln den lockdown?      

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat die extreme Ungleichheit etwa beim Zugang auf Bildung noch einmal auf eklatante Weise bloßgelegt: Kinder aus Armenvierteln haben keine Möglichkeit, sich Tablets zu beschaffen, um eventuelle online-Angebote ihrer Schule wahrnehmen zu können. Und auch die Internet-Verbindungen sind völlig unzureichend, mal ganz davon abgesehen, dass es in den engen, kleinen Behausungen einfach auch keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, um Schulaufgaben erledigen zu können. Die Monate mit der Virus-Infektion reißen die Bresche zwischen den Wohlhabenden und Privilegierten in diesem Land – und denjenigen, denen es an Allem fehlt, noch weiter auf.

Die allergrößten Sorgen bereiten uns dabei die Kinder aus haitianischen Familien und anderen, in den zurückliegenden Monaten nach Chile Geflüchteten. Hier haben die Erwachsenen bereits vor der Pandemie mehr schlecht aus recht mit Gelegenheitsjobs versucht, über die Runden zu kommen. Jetzt ist die Lage dieser Menschen einfach nur noch zum Verzweifeln.        

Ein weiteres Thema, das uns – zusammen mit anderen Kinderrechts-Verteidigerinnen und –Verteidigern – allergrößte Sorgen macht, ist die Entwicklung der Fallzahlen von häuslicher Gewalt und von Missbrauch von Kindern. Bereits vor Corona hat Chile in Lateinamerika immer einen beschämenden Spitzenplatz in den Gewalt- und Missbrauchs-Statistiken eingenommen. Jetzt, während dieser langen Quarantäne-Wochen, funktionieren Alarm-, Schutz- und Auffangsysteme noch prekärer. Kinder, die misshandelt werden, haben so gut wie keine Chance, Hilfe zu erhalten. Sie müssten es ja irgendwie bis zu einer Polizeiwache schaffen – und das ist bei einem kompletten lockdown völlig ausgeschlossen. Vermutlich werden wir erst in einigen Monaten einschätzen können, welche Katastrophen sich da in vielen Familien abgespielt haben.

Kindernothilfe: In einigen internationalen Medien war in den zurückliegenden Wochen immer von  erneuten Skandalen rund um den staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME die Rede. Um was ging es da?

José Horacio Wood: Ende April, also bereits mitten in der Corona-Krise, erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass in Hualpén, ganz in der Nähe von Talcahuano und Concepción, also einer Region, in der Kindernothilfe-Partner seit vielen Jahren engagiert sind, die Direktorin eines SENAME-Heimes – unterstützt von zwei Mitarbeitenden – Kinder in Alter von sechs und acht Jahren nicht nur selbst sexuell missbraucht, sondern ihre kommerzielle sexuelle Ausbeutung durch Dritte organisiert hatte – und das über einen relativ langen Zeitraum hinweg, ohne, dass irgendjemand den betroffenen Kindern zu Hilfe gekommen wäre. Als Kinderrechtsorganisation gelangen wir in Chile immer an den gleichen Punkt: Das beschämende Desinteresse der Verantwortlichen und das Fehlen jeglichen politischen Willens, um in diesem Land endlich eine kohärente Kindesschutzpolitik zu implementieren und ein entsprechendes Kinderrechtsstatut zu verabschieden, macht aus derartigen Einzelereignissen immer auch ein Systemversagen. Und unsere Befürchtung ist, dass unter dem existentiellen Druck und Stress, den die Corona-Pandemie für die meisten Erwachsenen verursacht, die Kinder und ihre Rechte weiter in den Schatten gedrängt werden.

Kindernothilfe: Hat das auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie der Protestbewegung in Chile, die seit dem Oktober 2019 Hundertausende mobilisierte, um eine neue Verfassung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzufordern, im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abschnürt?

José Horacio Wood: Ganz klar, jede Form von zivilgesellschaftlichem Engagement hat es in diesen Zeiten extrem schwer! Aber die Protestbewegung gibt es trotzdem weiterhin: Trotz Corona arbeiten die Asambleas Territoriales, die Bürger- und Stadtteilorganisationen für Demokratie und den verfassungsgebende Prozess, weiter – und zwar mit Hilfe des Internets und lokaler Radios. Die Regierung feiert es als Erfolg, zuletzt größere Proteste und die Präsens vieler Menschen auf der Straße mit massiver Repression und exzessiver Gewalt unterbunden zu haben. Und natürlich kam es Präsident Piñera zupass, die Volksabstimmung über die Einleitung eines verfassungsgebenden Prozesses, die am 26. April hätte stattfinden sollen, um ein halbes Jahr, auf den 25. Oktober,  verschieben zu können. Die Pandemie dient der Regierung als perfekter Vorwand für Repression und eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen, die unter den Bedingungen von Quarantäne und Ausgangssperren kaum öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.   

Kindernothilfe: Noch einmal zurück zu den Projekten, den Kindern und Jugendlichen: Was können die Kindernothilfe-Partner in Chile, was kann ANIDE in dieser Situation tun, um den Kindern und ihren Familien beizustehen?       

José Horacio Wood: Die Teams der Kindernothilfe-Partnerprojekte in Chile arbeiten seit dem Bekanntwerden der ersten Infektionsfälle in Chile und den von der Regierung verhängten Quarantäne-Maßnahmen, die am 15. Mai ja noch einmal verschärft und jetzt auf das komplette Stadtgebiet von Santiago ausgedehnt wurden, unter extrem erschwerten Rahmenbedingungen. Ein „normaler“ Projektbetrieb mit der ständigen physischen Präsenz von Kindern und Jugendlichen ist nirgendwo mehr möglich. Aber die Kolleginnen und Kollegen entwickeln ein beeindruckendes Engagement, viel Enthusiasmus und Kreativität, um mit den Kindern und ihren Familien im Kontakt zu bleiben. Das geschieht derzeit vor allem über das Handy, Anrufe zu Hause und – soweit möglich – durch die intensive Nutzung elektronischer Medien – etwa durch Video-Botschaften.

Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die Lage in den Armenvierteln, bei den Familien der Kinder, spitzt sich jeden Tage weiter zu.

Trotzdem versuchen wir gegenzuhalten: Vor einigen Tagen haben wir mit allen Mitarbeitenden aus den Projekten und der Kinderrechtsexpertin Monica Contreras eine große Videokonferenz organisiert, der wir den Titel gegeben haben: „Wie können wir Kinderrechts-Garanten in Zeiten der Pandemie sein?“. Dabei haben wir gelernt, dass es gerade jetzt ganz dringend darauf ankommt, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erleben sie die Quarantäne, was wünschen sie sich an Beistand und Unterstützung? Worauf müssten nach ihrer Meinung Kinderrechtsorganisationen gerade jetzt mit aller Vehemenz hinweisen?

Kindernothilfe: Gibt es denn auch die Möglichkeit, in Not geratene Familien ganz praktisch zu unterstützen? Und wie könnte diese Hilfe aussehen?

José Horacio Wood: Bereits seit Wochen, seit den ersten lockdown und Quarantäne-Maßnahmen, versorgen die Kolleginnen und Kollegen aus den Projektteams Familien in besonders kritischen Situationen mit Lebensmittelpaketen – aber auch mit Seife, Waschpulver, Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln. Am Freitag vergangener Woche organisierten wir eine Telefonkonferenz, in der alle Kindernothilfe-Partner über die verschiedenen Initiativen und Aktionen vor Ort berichteten. Dabei kamen Details über die verzweifelte Lage in einigen Armenvierteln zur Sprache, die ansonsten hier nie an die Öffentlichkeit gelangen: In ganz vielen Familien gibt es seit Wochen überhaupt nichts Warmes mehr zu essen, weil den Menschen schlicht das Geld fehlt, um Propangasflaschen zum Kochen zu kaufen! Deshalb haben einige der Teams begonnen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern zusätzlich durch die Verteilung von Gasflaschen zu unterstützen.       

Kindernothilfe: Und wie geht das kleine ANIDE-Team in Santiago mit all diesen extremen Herausforderungen durch die Pandemie um?

José Horacio Wood: Wir arbeiten an den allermeisten Tagen von zu Hause aus. Für uns, aber auch die kompletten Projektteams, ist das eine völlig neue Erfahrung, zum Teil extrem anstrengend, psychisch und physisch belastend, mit langen Arbeitstagen am Telefon, in Videokonferenzen. Aber wir spüren, wie wichtig der ständige digitale Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Bündnispartnern, wie dem Bloque por la Infancia, dem zivilgesellschaftlichen Kinderrechts-Netzwerk in Chile, ist. Und wir lernen jeden Tag dazu, ermutigen uns gegenseitig, helfen uns – wie man in Chile sagt – immer wieder, „die Batterien aufzuladen“.   

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José Horacio Wood (58) ist Anthropologe. Seit 1995 arbeitet er bei der Fundación ANIDE, der Kindernothilfe-Partner- und Koordinationsstruktur in Chile. Im Jahr 2001 wurde Wood vom Vorstand dieser ökumenischen Stiftung zum ANIDE-Direktor berufen. Chile war 1969 das erste Land in Lateinamerika, in dem sich Kindernothilfe engagierte.  

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierende[...]

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Wir sind nur so stark wie die Schwächsten unter uns: eine Meinung

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sich auf die moralischen, humanitären Aspekte zu berufen.

Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar Foto: Kindernothilfepartner)
Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar. (Foto: Kindernothilfepartner)

Sind wir alle gleich?

Als das COVID-19-Virus innerhalb weniger Wochen von Wuhan, China, um die halbe Welt durch Europa, Amerika und darüber hinaus reiste, gab es uns den Beweis, wie eng wir alle miteinander verbunden sind – falls dieser jemals nötig war. Nicht nur unsere globalisierten Volkswirtschaften sind voneinander abhängig, sondern wir selbst sind eine Menschheit, die einen Planeten teilt. Und doch scheinen wir es allzu oft zu vergessen, wenn wir unbedacht auf irreführende Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ verweisen. Nehmen wir zum Beispiel die Unterscheidung zwischen reichen und armen Ländern oder, wie Ökonomen es ausdrücken, zwischen den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und den am wenigsten entwickelten Ländern. Wenn es um COVID-19 geht, ist das einzige was zählt, ob wir krank oder gesund sind, unabhängig von wirtschaftlichem Status oder geografischer Lage.

Aber natürlich kann nicht behauptet werden, dass es keine Unterschiede gibt. In der Tat hat uns das Virus gezeigt, dass es etwas ausmacht, wer und wo wir sind. Ob Dharavidweller in Mumbai, afroamerikanische Fleischverarbeiterin in Chicago, Mitglied der First Nations in Nordkanada, Rohingya-Flüchtling in Myanmar, Pensionist in einem britischen Wohnheim, Insassin in einem südamerikanischen Gefängnis oder medizinische Fachkraft in einem Krankenhaus irgendwo auf der Welt. Es macht den Unterschied: zwischen infiziert oder nicht, zwischen Zugang zu Tests oder nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit. COVID-19 ist eine Herausforderung, vor der wir alle stehen, aber unsere Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind innerhalb und zwischen den Ländern unterschiedlich.

Menschen in Entwicklungsländern sind am stärksten gefährdet. Während regelmäßiges und gründliches Händewaschen für viele von uns Teil des täglichen Lebens ist, ist es für viele mehr aber nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Der jüngst veröffentlichte Fortschrittsbericht der UN-SDGs besagt, dass 2 von 5 Menschen weltweit keine einfache Handwaschanlage mit Wasser und Seife zu Hause haben. In den am wenigsten entwickelten Ländern ist es weniger als einer von drei Menschen (28 Prozent). Das bedeutet, dass weltweit schätzungsweise 3 Milliarden Menschen ihre Hände zu Hause immer noch nicht richtig waschen können und daher der grundlegendsten und wirksamsten Präventionsmaßnahme gegen COVID-19 beraubt sind. Darüber hinaus stellt extreme Armut eine Geißel dar, die Entwicklungsländer am meisten belastet. Laut Weltbank birgt COVID-19 das große Risiko, weitere 40-60 Millionen Menschen in extreme Armut zurückzudrängen. Dies wäre ein tragischer Rückschritt im jahrzehntelangen Kampf gegen die globale Armut. Für Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften bereits unter den Folgen niedriger Rohstoffpreise, Abzug ausländischen Kapitals und geschwächter Währungen leiden, wirkt sich COVID-19 fast unumgänglich auf die Lebensmittelpreise aus und birgt somit potenziell schädliche Auswirkungen auf die Ernährung der am stärksten gefährdeten Personen.

Wissen, wie es geht

In Zeiten von Corona können es sich fortgeschrittene Volkswirtschaften nicht leisten, die Entwicklungsländer sich selbst zu überlassen. In mehreren großen Schwellenländern und Dutzenden kleinerer Volkswirtschaften besteht die reale Möglichkeit, wenn nicht sogar Wahrscheinlichkeit für massive Finanzkrisen. Dies würde nicht nur Versuche vereiteln, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Es könnte eine schwer reversible soziale Instabilität auslösen und bestehende humanitäre Krisen verschärfen.

Angesichts dessen müssen Unterstützung und Schutz der Entwicklungsländer im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Staates liegen. Das weltweite multilaterale System ist auf mehrdimensionale Herausforderungen ausgelegt und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung: die WHO, um die Pandemien unter Kontrolle zu halten, die FAO, um den Bedarf an Lebensmittelimporten und Engpässen bei der Lebensmittelversorgung zu ermitteln, der IWF, um die benötigten Mittel unverzüglich zu finanzieren, die Welt Bank zum Wiederaufbau usw. Was jetzt benötigt wird, ist eine angemessene dringende internationale Finanzierung, verbunden mit eindeutiger politischer Unterstützung. Es braucht einen „Pandemie-Marshall-Plan“ für Entwicklungsländer. Dieser könnte möglicherweise in Form eines massiven Finanzspritze des IWF genau das bewirken, was die Fed in den USA oder die EZB in Europa getan haben, um Liquidität zu fördern, Staatsschulden zu koordiniern und so das Risiko einer Finanzkrise zu vermeiden.

Es ist wahr, dass COVID-19 keine Grenzen kennt und keine Unterschiede macht, wenn es zuschlägt. Aber die Länder sind nicht gleichermaßen dafür gerüstet, und es hätte fatale Folgen, wenn Unterschiede zwischen den Nationen eine kollektive Krisenbewältigung bremsen würden. In diesem Sinne ist es eine ultimative globale Herausforderung, vor der wir stehen – hochindustrialiserte wie auch wenig entwickelte Länder. Die Welt braucht das multilaterale System wie nie zuvor: Denn wir sind eng miteinander verbunden und nur so stark wie die Schwächsten unter uns.

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sic[...]

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