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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

4. Dezember 2019

Äthiopien: Birhane und ihre Kinder

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein Beispiel dafür, wie der KNH-Selbsthilfegruppen-Ansatz Menschen dabei unterstützt, sich aus eigener Kraft eine Zukunft aufzubauen.

Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)
Birhane Niguse: „Die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. (Foto: CoSAG)

Birhane Niguse lebt in Fiche in der äthiopischen Verwaltungsregion Oromia. Nach dem Tod ihrer Schwester nahm sie ihre acht Nichten und Neffen von heute auf morgen mit in die Familie auf. Dabei war das Überleben vorher schon hart genug: Manchmal gab es nicht genug zu essen für alle, als Bett diente der blanke Lehmboden des Hauses und Birhane hatte keinerlei Ersparnisse. Für eine alleinstehende Frau, die in bedrückender Armut lebte, war die Aufnahme von acht Kindern eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

„Licht der Liebe“: Eine Selbsthilfegruppe als Starthilfe

Die Wende kam 2011, als Birhane der Selbsthilfegruppe Birhan Fiker („Licht der Liebe“) beitrat. In der Gemeinschaft mit anderen Frauen, die genauso arm waren wie sie, lernte sie, wie man mit geringen Mitteln ein kleines eigenes Geschäft aufbaut sowie Geld und Kleinkredite verwaltet.

„Ich hatte einen Traum und wusste, dass ich Kraft und Ausdauer habe. Aber erst die Selbsthilfegruppe hat mich dazu gebracht, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. Dadurch habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen.“

Birhane Niguse

Genau wie die anderen Frauen der Gruppe zahlte sie in regelmäßigen Abständen kleineund kleinste Geldbeträge in die gemeinsame Kasse ein. Aus dieser Kasse werden bei Bedarf Kredite an die Mitglieder ausgezahlt. Ihr erstes Darlehen nahm Birhane gleich 2011 auf. Mit den gerade mal 70 Birr (umgerechnet ca. vier Dollar), füllte sie ihren kleinen Hausladen auf. Der Gewinn, den sie damit machte, ermutigte sie, weitere Kredite aufzunehmen und damit nacheinander drei Kühe zu kaufen. Die Milch verkaufte sie oder verarbeitete sie weiter zu Butter. So erhöhte sie beständig das Familieneinkommen und zahlte die Kredite ohne Probleme zurück. Mit einem weiteren Darlehen kaufte sie Schafe für die Zucht. Mittlerweile sind daraus elf geworden, die mitsamt den Kühen auf Weideland grasen, das sie mit ihrem jüngsten Selbsthilfegruppen-Darlehen erworben hat.

Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)
Eine Selbsthilfegruppe in Äthiopien bei der Planung (Foto: CoSAG)

Dank Birhanes Erfolg können die Kinder studieren

In den acht Jahren ihrer Mitgliedschaft in der Selbsthilfegruppe hat Birhane sechs Kredite für insgesamt erstaunliche 50.000 Birr (ca. 1.660 Dollar) aufgenommen. Damit konnte sie nicht nur ihren Laden auf Erfolgskurs bringen, mit der Viehhaltung hat sie auch ein neues und gewinnbringendes Geschäftsfeld aufgetan. Vor der Gründung der Selbsthilfegruppe wäre das nicht möglich gewesen. Da waren die Dorfbewohner gezwungen, Kredite von einem lokalen Geldverleiher aufzunehmen, der Wucherzinsen von bis zu 15 Prozent verlangte.

Heute ist Birhane Sekretärin ihrer Selbsthilfegruppe und strahlt das Vertrauen aus, das die finanzielle Sicherheit bietet. Weil sie so erfolgreich gewirtschaftet hat, lebt sie in einem renovierten Haus (einschließlich Kühlschrank) und kann ihrer Familie Lebensbedingungen bieten, von denen sie vorher nicht einmal zu träumen wagte.

Das Wichtigste ist jedoch für sie, dass ihre Nichten und Neffen jetzt eine gute Schulbildung erhalten und sogar studieren können. Sie kann es sich sogar leisten, ein wenig zu feiern: Kürzlich verkaufte sie eine ihrer Kühe, um damit das Fest für den Universitätsabschluss ihrer Nichte zu bezahlen. Dafür ist sie sehr dankbar.

„Das alles habe ich der Selbsthilfegruppe zu verdanken!“

Birhane Niguse

Was tun, wenn deine Schwester stirbt und du plötzlich acht Kinder mehr zu versorgen hast? Birhane Niguse, die in ihrem Dorf zu den Ärmsten der Armen gehörte, hat das schier Unmögliche geschafft und kann ihrer Familie heute sogar einen gewissen Wohlstand bieten. Ihre Geschichte ist zugleich ein B[...]

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27. November 2019

Haiti: Überleben als heroischer Akt

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview.

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen auf dem Subkontinent erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie seit den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gegeben hat: Unruhen und Massenproteste in Bolivien, Chile, Venezuela, Honduras, Nicaragua, Puerto Rico, Ecuador, Peru – zuletzt Kolumbien – und eben Haiti. So unterschiedlich die jeweiligen Ursachen sind – Wut über extreme Ungleichheit, Empörung gegenüber schamloser, systemischer Korruption und Machtmissbrauch, bis hin zum offenen Verfassungsbruch, Protest gegen exzessive Polizeigewalt und die Verweigerung politischer Rechte –, so verheerend sind die Folgen für die direkt betroffenen Menschen, die Auswirkungen vor allem auch auf den Alltag von Kindern. In keinem lateinamerikanischen Land stellt sich die Lage dabei so katastrophal dar wie in Haiti – und gibt es gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit.

In Haiti reißen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident Jovenel Moïse nicht ab, bei denen es im Kern um die Anschuldigung geht, dass er, seine Leute und sein Vorgänger Martelli Hunderte Millionen US-Dollar aus dem Petrocaribe-Hilfsfonds unterschlagen haben. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass bereits über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da, ihren Alltag zu hinzubekommen?

Caridade: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu Essen zu kommen, irgendwie Wasserflaschen zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden… Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fußgänger beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen - wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)
Haitis Bevölkerung hat schon mehrfach der Hoffnungslosigkeit trotzen müssen – wie nach dem verheerenden Hurrikan 2016 (Foto: Jürgen Schübelin)

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt, das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250.000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt „Matthew“ Ende September 2016. Jedes Mal haben sich die Haitianerinnen und Haitianer gegen die Zerstörungen und die Hoffnungslosigkeit aufgebäumt. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Caridade: Das Erdbeben von vor zehn Jahren zerstörte Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Und auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt ist es das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen, das leidet. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgendwo mehr funktionieren die Strukturen. Die Straßenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

Was ist dabei das größte Problem?

Caridade: Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet, die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Straßen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil – wiegesagt – die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert.

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Caridade: Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die seit Anfang September zu beklagen sind, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt und stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Kinder können seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen, weil auf den Straßen gekämpft wird (Foto: Jürgen Schübelin)

Die UN haben im Oktober 2017 die Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat…

Caridade: Das sehen wir auch so! Es zirkulieren große Mengen Waffen im Land. Und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebrachte haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem, die daran beteiligt sind, die Menschen an den Straßenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung von Jovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber Niemandem rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6097 Frauen in 314 Gruppen und – konservativ gerechnet – mindestens 11.300 Kindern – das von seiner Reichweite her größte Kindernothilfe-Projekt in Haiti. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Caridade: Natürlich ist an ein normales Funktionieren der „groupes d’entraides“ – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen größeren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert und versuchen, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilfte ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)
Die Selbsthilfegruppe stärkt den Zusammenhalt der Frauen und hilft ihnen im täglichen Überlebenskampf (Foto: Jessica Obert)

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Caridade: Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber ein Problem besteht derzeit darin, dass ja in allen Gruppen und den 15 „Cluster Level Associations“ (CLAs) mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht große Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch, das heißt, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, sind weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig – wie irgend möglich – weiter zu treffen.

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Graswurzel-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Caridade: Doch, genau darum geht es! Die „groupes d’entraides“ schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs, das Alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive: Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.

………………………………………..

Marie Caridade Valcourt ist Haitianerin, von ihrer ersten Ausbildung her Sozialarbeiterin, mit einem Masterstudium in Strategie-Management und nachhaltiger Entwicklung. Seit sechs Jahren koordiniert sie das Kindernothilfe-Selbsthilfe-Gruppen-Programm in Haiti (84993) und ist in dieser Funktion Teil des KNH-Haiti-Teams in Port-au-Prince. Seit dem Start des SHG-Programms in dem Karibikstaat 2011 haben die Frauen aus den 314 Gruppen ein Kapital von 183.905 Euro aufgebaut – und Darlehen über 476.150,00 Euro vergeben.

Im krisengebeutelten Haiti stehen die Menschen unter Dauerstress, denn die Unruhen lassen nicht nach. Wie sie unter diesen Umständen dennoch ihr tägliches Überleben schaffen, beleuchtet die nationale Koordinatorin des Kindernothilfe-SHG-Programms in Haiti, Marie Caridade Valcourt im Interview. [...]

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20. November 2019

Kindertraum? Kinderrecht!

Was braucht ein Kind, um ein gutes Leben führen zu können? Auf diese Frage gibt es eine klare Antwort. Nämlich gewaltfreie Erziehung, Bildung, Freizeit und alles, was es schützt, stärkt und beteiligt. Und noch eine weitere: jemanden, der darauf schaut, dass dieses Recht gewahrt wird, immer und überall.

Kinder haben ganz besondere Rechte (Foto: Malte Pfau)
Kinder haben ganz besondere Rechte (Foto: Malte Pfau)

Vor 30 Jahren bewertete man das „Wohl des Kindes“ und seine besonderen Bedürfnisse weltweit sehr unterschiedlich. Die große Armut in Südindien rechtfertigte Kinderarbeit und Kinderehen waren sozial akzeptiert. In den gewaltgeprägten Slums in Bolivien wurden Kinder als schwächstes Glied der Gesellschaft auf keine besondere Weise vom Staat geschützt. In Malawi galten körperlich und geistig beeinträchtigte Söhne und Töchter als Schande und mussten von ihrer Umwelt abgeschottet werden. Währenddessen verfolgte man in der westlichen Welt eine eher antiautoritäre und Kind fokussierte Haltung, die Chancengleichheit für Mädchen und Buben zu verwirklichen suchte.

Die UN-Kinderrechte sind kein Traum

Am 20. November 1989 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-Kinderrechtskonvention – und legte damit fest, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sondern Menschen, die besonderen Schutz, besondere Förderung und besondere Beteiligung brauchen. In diesem Sinne sind sie alle gleich – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, etc. – und haben alle den gleichen Anspruch auf die Wahrung ihrer ganz besonderen Rechte.

Kinder haben ganz besondere Bedürfnisse. (Foto: Kindernothile)
Kinder haben ganz besondere Bedürfnisse. (Foto: Kindernothile)

Das von allen Ländern – mit Ausnahme der USA – unterzeichnete Menschrechtsabkommen trat am 4. September 1990 in Kraft und formuliert die Kinderrechte verbindlich in 54 Artikel. Österreich ratifizierte sie am 26. Jänner 1990 und verpflichtet sich dadurch, die Rechte der Mädchen und Buben national umzusetzen. Seitdem wurde dieser starke völkerrechtliche Rahmen zur weltweiten Verbesserung der Lebenssituation von Kindern durch Zusatzprotokolle ergänzt und gefestigt, wie im Bereich des Schutzes von Kindern in bewaffneten Konflikten, Prostitution und Pornographie. Zuletzt im November 2011 durch das dritte Fakultativprotokoll über das Individualbeschwerdeverfahren für Kinder, das eine einzigartige Möglichkeit zur Thematisierung und verbesserten Durchsetzung der Kinderrechte bietet. Österreich zählte 2012 zu den Erstunterzeichnenden, seither ist seine Ratifikation aber weiterhin ausständig.

Für viele ist ein Traum in Erfüllung gegangen

In den letzten 30 Jahren hat sich einiges getan. In unterschiedlichsten Teilen der Welt konnten kleinere und größere Veränderungen erzielt werden, um Kindern und Jugendlichen tatsächlich zu den ihnen zustehenden Rechten zu verhelfen. So haben die Mädchen und Buben heute bessere Lebens- und Entwicklungschancen als jede Generation zuvor.

Kinder brauchen besondere Fürsorge. (Foto: Manfred Fesl)
Kinder brauchen besondere Fürsorge. (Foto: Manfred Fesl)

Seit der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention wurden in vielen Ländern die nötigen staatlichen Rechtsgrundlagen geschaffen beziehungsweise verbessert, die ein gesundes und sicheres Aufwachsen sowie eine kindgerechte Entwicklung ermöglichen (sollen). So konnte das Risiko, vor dem fünften Lebensjahr zu sterben, weltweit halbiert, das Risiko, als Kind an einem gewaltsamen Tod zu sterben, um 20% gesenkt und das Risiko, statt lernen arbeiten zu müssen, um 70% verringert werden. 92% aller Kinder haben Zugang zu Grundbildung (2018) – damit kann trotz zunehmender Weltbevölkerung die historisch größte Anzahl von Kindern eingeschult werden. Die Bildungsausgaben pro Kopf haben sich in 30 Jahren um 20% erhöht. Erfolgreiche Armutsbekämpfung für Kinder wird durch den Rückgang der Anzahl arbeitender Kinder um 1/3 seit 1990 durch Schutzgesetze und bessere Lebensperspektiven der Familien deutlich.

Außerdem wurde Mädchen und Buben vielerorts der Zugang zum Justizsystem ermöglicht sowie den Kinderrechten allgemein ein größeres Augenmerk auf politischer Ebene eingeräumt. Auch konnte eine weltweite Bewusstseinssteigerung erreicht werden, was sich unter anderem an zusätzlichen Ausgaben für die Entwicklungschancen von Kindern in staatlichen Haushalten messen lässt.

Damit Kinderrechte kein Traum bleiben

Bis zur konsequenten Verwirklichung und Wahrung der Kinderrechte ist es aber noch ein weiter Weg: Immer noch leben eine Milliarde Mädchen und Buben in Armut. Mehr als 171 Millionen werden ausgebeutet, über 200.000 in Kriegen und Konflikten eingesetzt.

Und obwohl die Meinung von Kindern und Jugendlichen bei gesellschaftspolitischen Entscheidungen etwas mehr berücksichtigt wird, ist gerade die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen eine der größten Herausforderungen. Bis alle Kinder sich überhaupt über ihre Rechte informieren können und zu allem, was sie betrifft, miteinbezogen werden, ist noch ein weiter Weg.

Kinder beteiligen: Kinder malen ihre Wünsche auf das neue Gebäude. (Foto: Fabian Strauch)
Kinder beteiligen: Kinder malen ihre Wünsche auf das neue Gebäude. (Foto: Fabian Strauch)

Anlässlich des heurigen Jubiläums der Kinderrechte hat die Kindernothilfe eine weltweite Studie zu „30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention“ durchgeführt. Das Ergebnis: Kinder müssen stärker beteiligt werden – Kinderrechte und Schutz vor Gewalt sind die wichtigsten Themen.

Studie der Kindernothilfe zu 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

Was braucht ein Kind, um ein gutes Leben führen zu können? Auf diese Frage gibt es eine klare Antwort. Nämlich gewaltfreie Erziehung, Bildung, Freizeit und alles, was es schützt, stärkt und beteiligt. Und noch eine weitere: jemanden, der darauf schaut, dass dieses Recht gewahrt wird, immer und [...]

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11. November 2019

Wenn Ehe zum Gefängnis wird

In Kaschmir, nördlich von Indien, gibt es tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft werden. Das Leben, das dann auf sie wartet, ist von Einschränkungen bestimmt und gleicht nicht selten einem Gefängnisaufenthalt.

Ein häufiger Hilferuf von Frauen in Kaschmir: Stoppt die Gewalt gegen Mädchen (Foto: Stella Paul/IPS)
Ein häufiger Hilferuf von Frauen in Kaschmir: Stoppt die Gewalt gegen Mädchen (Foto: Stella Paul/IPS)

Haseena Akhtar lebte mit ihren Eltern und beiden Schwestern im ostindischen Westbengalen in Ostindien. Sie war erst 13 Jahre alt, als eine Heiratsvermittlerin ihren Eltern sagte, dass sie eine Menge Geld verdienen könnten, wenn sie ihre Tochter einen Kashmiri-Mann verheiraten ließen. Da die Familie in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebte und die Verheiratung ihrer Töchter traditionsgemäß mit fast unerschwinglichen Kosten verbunden gewesen wäre, stimmten sie der Ehe mit dem dreimal älteren Unbekannten zu und ließen Akhtar mit der Heiratsvermittlerin ziehen.

Das junge Mädchen landete in Kaschmir – der Binnenregion im Norden Indiens, die in den letzten 30 Jahren zum Synonym von Gewalt und Konflikten geworden ist. Die Heiratsvermittlerin brachte Akhtar in einen alten Teil Srinagars, der Hauptstadt der Region, und wurde mit einem behinderten Kashmiri-Mann mittleren Alters verheiratet. „Das war in keiner Weise eine Ehe. Das war reine Geldmacherei. Ich wurde an einen Mann verkauft, der in Kaschmir keine Braut für sich finden konnte, weil sein rechtes Bein nach einer Bombenexplosion amputiert worden war“, erzählt die mittlerweile 20-Jährige.

Zu viele Töchter und keine Söhne

Ein Jahr nach der Heirat brachte Akhtar ein Mädchen zur Welt. Und dann noch drei weitere Töchter und konnte so das brennende Verlangen sowohl ihres Mannes als auch ihrer Schwiegereltern nach einem Sohn und einem Enkel nicht erfüllen. Mit 18 Jahren war sie Mutter von vier Töchtern, und die Beziehungen zu ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern hatten sich verschlechtert. „Ich war nichts als eine Sexsklavin für meinen Ehemann, der wollte, dass ich einen Jungen zur Welt brachte. Da das nicht geschah, wurde ich zuerst verspottet, dann geschlagen und dann zusammen mit meinen Töchtern aus dem Haus gezerrt“, sagte Akhtar. Einer der Nachbarn griff ein, gab ihr Schutz und bot an, mit ihrem Mann und seiner Familie zu sprechen. Auch eine Freiwilligenorganisation kam ihr zu Hilfe und unterstützte sie dabei, eine Stelle als Reinigungskraft in einer privaten Firma zu finden. Sie verdiente 100 Dollar im Monat. Da die Bemühungen, die Situation mit ihren Schwiegereltern zu bereinigen, scheiterten, zahlte Akhtars Ehemann ihr 550 USD und ließ sie scheiden. Mit dem mageren Einkommen und ihren vier zu unterstützenden Töchtern wirkt der Weg für Akhtar voller Hürden. „Ich weiß nicht, was ich tun und wohin ich gehen werde. Ich frage mich manchmal, warum arm zu sein dich für alle Arten von Ausbeutung anfällig macht “, sagte sie.

Weit verbreitet und sozial akkzeptiert

Akhtars Geschichte ist kein trauriges Einzelschicksal. Es gibt tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft wurden und heute ein Leben führen, das eher einem Gefängnisaufenthalt gleichkommt. Dominiert von Gewalt und Militanz ist Kaschmir zu einem Umschlagplatz für Menschenhändler geworden.

Bei dem drei Jahrzehnte dauernden Aufstand gegen die indische Herrschaft sind mindestens 100.000 Menschen ums Leben gekommen, und haben nach offiziellen Angaben in den letzten 30 Jahren durchschnittlich 1.500 Menschen pro Jahr getötet. Doch der Konflikt hat nicht nur unzählige Todesopfer gefordert, viele Folteropfer und traumatisierte Kriegsveteranen haben im traditionell heiratsfähigen Alter zwischen 25 und 35 Jahren nicht geheiratet. Inzwischen viel älter, wenden sich diese abgelehnten Bräutigame an Heiratsvermittler, die ihnen junge, nicht einheimische Frauen beschaffen, die sie heiraten können – alles für den Preis von nur ein paar tausend Dollar. Aabid Simnanni, ein bekannter Gelehrter und Sozialarbeiter, der eine Organisation leitet, die sich auf den Menschenhandel in Kaschmir konzentriert, berichtet, dass ein Großteil der Ehen zwischen Männern aus Kaschmir und nicht einheimischen Frauen im Teenageralter aufgrund der generationsbedingten und kulturellen Unterschiede dramatisch enden. „Neben der großen Generationenkluft gibt es die kulturellen, sprachlichen und viele andere Barrieren, die für eine erfolgreiche Ehe überwunden werden müssten.“, so Simnanni. Seine Organisation hat in den letzten fünf Jahren Frauen dabei geholfen, rechtliche und finanzielle Hilfe zu erhalten, aber „es sei eine Herkulesaufgabe, diese Praxis zu beenden“.

Und die Polizei greift nicht ein, denn die Frauen sind legal verheiratet

Der Polizei in Kaschmir ist es fast unmöglich geworden, Menschenhändler zu fassen. Das Opfer ist normalerweise per Gesetz mit dem Mann verheiratet, und es ist schwierig, das Alter des Opfers zu bestimmen, da die Dokumente bereits von den Heiratsvermittlern gefälscht wurden. Es gibt kaum Aufzeichnungen über die Anzahl der nach Kaschmir gehandelten Bräute, da die Praxis in Kaschmir gesellschaftlich anerkannt ist. „Die Hochzeit findet in einem hellen Tageslicht statt. Obwohl es ein offenes Geheimnis ist, dass diese Mädchen von ihren Eltern für eine hübsche Summe verkauft werden, ist die Beziehung, in die sie geraten, absolut legitim und legal im Einklang mit dem Gesetz.“

Meine Ehe – mein Gefängnis

Vor vier Jahren wurde die 14-jährige Ulfat Bano aus dem nordindischen Bundesstaat Bihar von ihrer entfernten Cousine, die selbst mit einem Kashmiri verheiratet war, nach Kaschmir gebracht. Bano’s Familie erhielt ungefähr eintausend Dollar und die Zusicherung, dass sie in eine gute Familie heiraten würde. Hier wurde sie einem 50-jährigen Mann übergeben. „Ich war schockiert, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er war älter als mein Vater und ich war gewaltsam mit ihm verheiratet. Ich hatte keine andere Wahl “, sagte Bano. Ihr Ehemann war Anfang der neunziger Jahre gefoltert worden, sein linkes Auge war verletzt und er konnte jahrelang keine Frau vor Ort finden, die ihn heiratete. Seine Familie wandte sich an Banos Cousine und bat sie, eine Braut für ihren Sohn zu finden. Heute ist Bano Mutter einer dreijährigen Tochter und eines zweijährigen Sohnes und sehnt sich jeden Tag nach Zuhause. In den vier Jahren seit ihrer Heirat durfte sie kein einziges Mal nach Bihar zurückkehren, um ihre Familie zu besuchen. „Kaschmir ist für mich nichts anderes als ein Gefängnis. Wozu ist dieses Leben gut, wenn du deine Eltern nicht sehen und ein paar Momente der Freude mit ihnen teilen kannst? Mein Mann befürchtet, dass ich nicht zu ihm zurückkehren würde, wenn er mir erlaubt, meine Eltern zu treffen. Er hat wahrscheinlich recht.“

Das Global Sustainability Network (GSN) verfolgt das Ziel Nr. 8 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf Ziel 8.7, das sofortige und wirksame Maßnahmen zur Beseitigung der Zwangsarbeit, zur Beendigung der modernen Sklaverei und des Menschenhandels sowie zur Gewährleistung des Verbots und der Beseitigung des Menschenhandels ergreift schlimmste Formen der Kinderarbeit, einschließlich Rekrutierung und Einsatz von Kindersoldaten, und bis 2025 Beendigung der Kinderarbeit in all ihren Formen “. Die Ursprünge des GSN beruhen auf den Bemühungen der am 2. Dezember 2014 unterzeichneten Gemeinsamen Erklärung der Religionsführer. Religionsführer verschiedener Glaubensrichtungen haben sich versammelt, um zusammenzuarbeiten, um „die Würde und die Freiheit des Menschen gegen die extremen Formen der Globalisierung zu verteidigen Gleichgültigkeit, wie Ausbeutung, Zwangsarbeit, Prostitution, Menschenhandel “und so weiter.

In Kaschmir, nördlich von Indien, gibt es tausende junge Frauen, die im Teenageralter von ihren Eltern an ältere Männer verkauft werden. Das Leben, das dann auf sie wartet, ist von Einschränkungen bestimmt und gleicht nicht selten einem Gefängnisaufenthalt. Ein häufiger Hilferuf von Frauen [...]

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22. Oktober 2019

Chile im Zeichen der Gewalt

Einige wenige Tage reichten aus, um das über drei Jahrzehnte lang propagierte Image vom vermeintlich stabilen lateinamerikanischen Vorzeigeland zerbersten zu lassen: In Santiago und allen anderen größeren chilenischen Städten patrouilliert wieder das Militär – das hatte es zuletzt 1987, zu Zeiten der Pinochet-Diktatur, gegeben. Doch die Wut der Menschen hat tiefe Wurzeln.

Panzer und Soldaten sollen die Gewalt in Chile unter Kontrolle bringen (Foto: Jürgen Schübelin)
Panzer und Soldaten sollen die Gewalt in Chile unter Kontrolle bringen (Foto: Jürgen Schübelin)

Fünfzehn Menschen starben, Hunderte wurden verletzt und über 2500 Personen seit dem Freitag, 18. Oktober, im Zusammenhang mit den heftigsten Protesten, die es in Chile in den zurückliegenden Jahrzehnten gegeben hat, verhaftet. Die Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten und Multimilliardärs Sebastian Pinñera verhängte am Freitag über die Hauptstadt Santiago den Ausnahmezustand, der inzwischen auch auf zahlreiche andere Städte im Land ausgeweitet wurde. Erstmals seit dem Ende der Pinochet-Diktatur (1973 – 1990) wurde in Santiago der Einsatz des Militärs zu „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“ angeordnet, Schützenpanzer patrouillieren in der Innenstadt. Bereits für die dritte Nacht in Folge wurde von Montag auf Dienstag eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Gewalt steht an der Tagesordnung (Foto: Jürgen Schübelin)
Gewalt steht an der Tagesordnung (Foto: Jürgen Schübelin)

Gewaltsame Proteste und friedliche Demonstrationen

Auslöser für die erbitterten Proteste war in der zurückliegenden Woche die zweite Preiserhöhung in diesem Jahr bei den Tarifen für das Santiagoer Metro- und Bussystem – sowie ein zehnprozentiger Aufschlag auf die Strompreise – gewesen. Was zunächst mit der spontanen Aktion von Schülern und Studenten begann, die die Drehkreuze in den Metrostationen einfach – ohne zu bezahlen – übersprangen, entwickelte sich im Verlauf des Freitags zu massiven und gewalttätigen Protesten mit der Verwüstung und Zerstörung  von über 40 Metrostationen, brennenden U-Bahnzügen und Bussen – sowie zahlreichen geplünderten Geschäften und Supermärkten.  

Den augenfälligen Kontrast zu diesen Ausschreitungen und dem nach Einschätzung mehrerer chilenischer Analysten gezielt orchestrierten Verwüstungen, die sich vor allem auf die ärmeren Stadtteile Santiagos – sowie einige Mittelschichtsviertel der Hauptstadt – konzentrierten, aber die Stadtbezirke der Reichen und Wohlhabenden kaum tangierten, bildeten seit dem Wochenende zahlreiche friedlich verlaufende Demonstrationen mit Zehntausenden von Teilnehmenden im ganzen Land.

Die friedlichen Demonstranten gingen trotz massiver Polizei- und Militärpräsenz auf die Straße, um gegen die extreme soziale Ungleichheit in Chile, die auch im Vergleich zu Europa sehr hohen Lebenshaltungskosten – bei niedrigen Löhnen – und die völlig unzureichenden Renten zu protestieren. Darüber hinaus ging es bei den Kundgebungen – wie bereits bei den vorausgegangenen Protestwellen von 2011 und 2015 – erneut um den katastrophalen Zustand des öffentlichen Bildungssystems und des unterversorgten Gesundheitswesens – sowie um die auch im internationalen Kontext extrem hohen Studiengebühren der Universitäten – mit der Konsequenz der chronischen Überschuldung vor allem von Mittelschichtsfamilien, um das in Chile endemische Problem von Machtmissbrauch durch Wirtschaftsunternehmen und den Finanzsektor – und nicht zuletzt um Korruption und Nepotismus in der derzeitigen Regierung und zwar vor allem in der Polizei und den Streitkräften.

Wasserwerfereinsatz in Chile: Das Bild entstand bei Schülerprotesten im Jahr 2011, die sich gegen das ungleiche Bildungssystem in Chile richteten (Foto: Jürgen Schübelin)
Wasserwerfereinsatz in Chile: Das Bild entstand bei Schülerprotesten im Jahr 2011, die sich gegen das ungleiche Bildungssystem in Chile richteten (Foto: Jürgen Schübelin)

„Jahrelang aufgestaute Wut“

José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation ANIDE, schrieb am Wochenende: „Was wir hier gerade erleben, ist der kollektive Ausbruch einer jahrelang aufgestauten Wut gegenüber dem ständigen Missbrauch und der perfiden Dauer-Manipulation, denen wir in diesem Land mit seinem extrem ungerechten Wirtschafts- und Sozialsystem ausgesetzt sind. Am 18. Oktober war die Geduld der Chileninnen und Chilenen gegenüber der Gewalt, die von diesem neoliberalen Modell seit den Zeiten der Pinochet-Diktatur ausgeht, einfach aufgebraucht!“

Größte Sorge bereitet indes den Menschenrechtsorganisationen im Land die exzessive Brutalität, mit der Polizeikräfte, aber auch Militärs gegen Protestierende vorgehen. Der größte Teil der in Krankenhäusern behandelten schweren Verletzungen geht auf den Schusswaffeneinsatz durch Polizei und Militär zurück. Das Nationale Chilenische Institut für Menschenrechte (INDH) informierte in der Nacht zum 22. Oktober darüber, dass sich unter den Verhafteten auch 131 Kinder befinden würden. Beim INDH angezeigt wurden seit dem Wochenende auch mehrere Fälle, in denen Polizisten Schülerinnen und Schüler – sowie Studierende nach den Verhaftungen zwangen, sich nackt auszuziehen. In den verschiedenen sozialen Medien in Chile ist inzwischen von zahlreichen Fällen von Folter und brutalen Misshandlungen in Polizeiwachen die Rede.

„Die Kinder haben große Angst“

Die von Kindernothilfe unterstützten Projekte in Chile, so José Horacio Wood in seinem Bericht weiter, konnten zum Wochenbeginn ihre Arbeit nur sehr eingeschränkt – und dann auch lediglich mit den Mitarbeitenden, die in unmittelbarer Umgebung der Projekte wohnen – aufnehmen. Da die Versorgung der Kindergärten mit Lebensmitteln nicht möglich war, konnten für die Mädchen und Jungen keine Mahlzeiten zubereitet werden. Mehrere Partner verteilten Notrationen mit Nahrungsmitteln an Familien, die keinerlei eigene Vorräte mehr zu Hause hatten. Im Armenviertel La Victoria brannten in unmittelbarer Nähe des Projektes Barrikaden und kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizeispezialkräften und Jugendlichen: „Die Kinder haben große Angst“, schrieb José Horacio Wood, „sie verstehen nicht, was vor sich geht. Aber auch unter den Erwachsenen, in den Familien herrscht Panik.“ In dem mit Migrantenkindern arbeitenden Projekt „Niñas y Niños sin Fronteras“ im Stadtteil Independencia (Nord-Santiago) wurde ein Junge in einer Polizeiaktion – ohne Begründung – verhaftet und auf einer Wache misshandelt. Die Projektverantwortlichen dokumentierten die Blutergüsse und Verletzungen des Kindes und prüfen die Möglichkeit, Strafanzeige zu stellen. „Aber das wird sehr schwierig“, schreibt José Horacio Wood lakonisch.

Für die gesamte Woche haben in vielen chilenischen Städten Gewerkschaften, Schüler, Studierende, Nachbarschaftsorganisationen und Berufsverbände zu Streiks und weiteren Widerstandsaktionen und Protesten aufgerufen, während die Regierung einerseits die in der vergangenen Woche verfügten Metro-Fahrpreis-Erhöhungen zurücknahm, aber andererseits die nächtlichen Ausgangssperren weiter verlängerte – und Präsident Piñera in einer Fernansprache behauptete: „Es herrscht Krieg in Chile“.

Inzwischen äußerte sich Piñera etwas differenzierter, erklärte, die Botschaft der Protestierenden „verstanden zu haben“, kündigte verschiedene Reformen und Maßnahmen an, wie die moderate Erhöhung des Mindestlohns und der Kleinstrenten sowie eine Rücknahme der verhängten Strompreissteigerungen, was aber bislang nicht zu einem Abflauen der täglichen Demonstrationen geführt hat. José Horacio Wood formuliert in seiner Email an Kindernothilfe lakonisch: „Die Leute haben nach 30 Jahren ein für alle Mal genug!“

Einige wenige Tage reichten aus, um das über drei Jahrzehnte lang propagierte Image vom vermeintlich stabilen lateinamerikanischen Vorzeigeland zerbersten zu lassen: In Santiago und allen anderen größeren chilenischen Städten patrouilliert wieder das Militär - das hatte es zuletzt 1987, zu Zeit[...]

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