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KINDERNOTHILFE-BLOG

Hier geben die RedakteurInnen der Kindernothilfe regelmäßig einen kleinen Einblick in unsere Welt. Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

Macht Schule in Pakistan Spaß?

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreicht.

Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: Sparc)

Pakistan: Ein neuer Zugang zu Bildung (Foto: SPARC)

„Hey, Mariam, nimm mich mit, ich möchte auch schaukeln!“ Ayesha und Mariam stürmen aus dem Schulgebäude der Mädchenschule Gheba in Haripur, einer Stadt in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Sie ist eine von 60 pakistanischen Volksschulen, die am Programm „Learning is fun“ (Lernen macht Spaß) teilnehmen. Seit vier Jahren engagiert sich die pakistanische Organisation SPARC (Society for the Protection of the Rights of the Child) im Nordwesten Pakistans, um die Schulsituation an den Volksschulen zu verbessern und eine kinderfreundliche Lernumgebung zu schaffen. „Früher sind wir nicht gerne in die Schule gegangen“, berichten Mariam und Ayesha. „Die Lehrer haben uns angeschrien, der Unterricht war langweilig, und wir hatten kaum Bücher.“

Abwechslungsreicher, kinderfreundlicher Unterricht

Die Situation im Bildungsbereich in Pakistan ist prekär: Nur 41 Prozent der Kinder im Volksschulalter gehen auch tatsächlich in die Schule, Mangel an qualifizierten Lehrern, unzureichendes Lehrmaterial und die Benachteiligung von Mädchen kennzeichnen das Bildungssystem. Durch das Engagement von SPARC haben die Lehrer alternative Lehrmethoden kennengelernt und wissen, dass es auch ohne Gewaltanwendung möglich ist, die Schüler zur Ordnung zu rufen und den Lernstoff zu vermitteln. Schulungen und regelmäßige Beratungen durch die Mitarbeiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation bilden die Grundlage für die Lehrer, ihren Unterricht abwechslungsreicher und kinderfreundlich zu gestalten. Als Hilfestellung wurde etwa ein Zusatzmodul für die Lehrerausbildung entwickelt – es leitet die Pädagogen an, wie sie die Mädchen und Buben verstärkt in die Unterrichtsgestaltung einbinden und das Unterrichtsklima verbessern können. Auch kreative Ideen und Anregungen zur Gestaltung einzelner Unterrichtsstunden werden vermittelt. „Anfangs war es sehr ungewohnt, dass wir Kinder das Material für den Unterricht selbst mitgestalten können“, erläutert Mariam. „Manchmal spielen wir auch Theater und machen Sketche, um Dinge zu lernen und besser zu verstehen.“

Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor

Pakistan: Verbesserung der schulischen Infrastruktur als Erfolgsfaktor

Zur Verbesserung der Schulsituation ist auch eine entsprechende Infrastruktur erforderlich. So hat SPARC alle 60 Projektschulen besucht und aufgelistet, was bei der Ausstattung noch fehlt. Nach drei Jahren verfügen nun alle Schulen über eine ausreichende Anzahl an Tischen und Bänken, die Klassenräume sind mit Material ausgestattet. Zeichenfiguren lachen die Schüler von den gestrichenen Wänden an. Es stehen Trinkwasser und Toiletten zur Verfügung. Das Größte für die Kinder aber ist der Schulhof: Wippe, Schaukel und andere Kleingeräte machen die Pausen zum Highlight der Schultage.

Herausforderung „Gewaltfreies Unterrichtsmodel“

Auch für die Lehrer war die Umstellung anfangs eine Herausforderung, wie die Programm-Koordinatorin Asiya Arif berichtet. „Insbesondere den älteren Lehrern ist es schwergefallen, sich auf diese Veränderungen einzulassen. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie sie Kinder erziehen sollen, ohne ihnen zu drohen und sie auch gelegentlich zu schlagen.“ Inzwischen wird das gewaltfreie Unterrichtsmodell gut angenommen und kommt auch bei den Eltern gut an. In Eltern-Lehrer-Komitees unterstützen sie die Lehrer und engagieren sich in der Schule. Dazu gehört auch der Umgang mit Beschwerden. Gesammelt werden diese in jeder Schule in einer Beschwerde-Box, die zentral im Schulgebäude angebracht ist. Sie wird regelmäßig geleert, und die Fälle werden vom Komitee diskutiert. Lehrer, Eltern und Schüler sprechen anschließend über Maßnahmen, die zur Verbesserung der Situation führen sollen.
Kommt es zu Meldungen über die Verletzung von Kinderrechten, hilft SPARC bei der Aufklärung, unterstützt das Opfer und dessen Familie und leistet Rechtsbeihilfe. Durch die Schulungen der Lehrer ist die Zahl der Gewaltanwendungen in den Projektschulen erfreulicherweise rückläufig, wie die soeben durchgeführte Evaluierung des Projektes bestätigt. Lehrer jedoch, die noch nicht mit dem neuen Unterrichtsmodell vertraut sind, neigen weiterhin dazu, Gewalt anzuwenden.

Der Erfolg gibt ihnen Recht

Pakistan: Schule macht Spaß! (Foto: Sparc)

Pakistan: „Lernen macht Spaß“ (Foto: SPARC)

Es hat sich unter den Eltern herumgesprochen, dass die 60 Schulen in den Distrikten Haripur und Abbottabad kinderfreundlicher geworden sind. Dies wird vor allem auch deutlich an der Steigerung der Einschulungsquoten um durchschnittlich zehn bis 30 Prozent im Vergleich zum Projektbeginn vor vier Jahren. Davon profitieren insbesondere die Mädchen. 2017 wurden mit 1.248 Schülerinnen fünfmal so viele Mädchen eingeschult wie 2014 mit 256 Einschulungen. Das Projekt „Lernen macht Spaß“ leistet so einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildungssituation in der politisch instabilen Region, und die gute Kooperation des pakistanischen Partners der Kindernothilfe mit den regionalen Bildungsministerien stellt auch nach dem Ende des Projektes seine Nachhaltigkeit sicher.

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die in die Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen – und hat dadurch schon viel erreich[...]

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26. August 2019

Jungunternehmer in Lima: erste Erfolge

Dr. Ilse Kreiner aus Perchtoldsdorf bei Wien ist seit Jahren ehrenamtlich für die Kindernothilfe unterwegs. Ende letzten Jahres hielten sie und ein Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation Aynimundo Workshops für motivierte junge Menschen mit sehr geringem Einkommen in Lima/Peru ab. Jetzt ist sie wieder vor Ort und hat sechs der Teilnehmerinnen getroffen, die ihr Unternehmen mittlerweile gut aufgestellt haben.

Ilse Kreiner bei Aynimundo: Mit C-Maria Ramos, von der T-shirt und Gilet in Handarbeit stammen (Foto: Ilse Kreiner)

Ilse Kreiner bei Aynimundo: Mit C-Maria Ramos, von der T-shirt und Gilet in Handarbeit stammen (Foto: Ilse Kreiner)

Maria Ramos produziert z.B. vor allem T-Shirts und verkauft sie über das Internet. Ich habe auch gleich eines mit einer großen Sonne darauf gekauft. Eines Tages haben wir für ihren Internetauftritt Werbefotos gemacht – Benetton hätte es nicht besser hinbekommen. Den Namen der Produktlinie hat Marias 18-jährige Tochter ausgesucht: „Love yourself“! Sehr passend, finde ich.

Besonders freue ich mich über die Damen Yolanda, Luz und Corina, die teilweise nach selbst entwickelten Rezepten Kuchen und andere Süßigkeiten, aber auch kleine Snacks herstellen und verkaufen. Luz hat für mich und meine Aynimundo-Kollegen einen Schokokuchen nach österreichischem Rezept gebacken. Vielleicht lässt sich daraus ja auch ein Geschäftsmodell entwickeln.

Frauenpower in Südamerika

Als ein besonderes Highlight meiner Arbeit hier im Projekt sehe ich den Beginn einer Arbeitsgemeinschaft von Luz, Corina und Yolanda. Frauenpower in Südamerika – ich finde das toll! Zuerst muss aber Vertrauen auf und die Angst vor dem Verlust der Unabhängigkeit abgebaut werden. Als  identitätsstiftende Aktion haben wir gerade den Import von Manjar Blanco aus Cajamarca initiiert. Die ersten 10 kg sind kürzlich eingetroffen. Da man hier dieses süße Milchprodukt liebt, wird es sicher leicht zu verkaufen sein, zumal wir Jhonatan, unser Verkaufsgenie, als Mitarbeiter gewinnen konnten – viel Glück dabei!

Da mein Aufenthalt im Projekt Aynimundo nun bald zu Ende geht, möchte ich auch noch den emotionalen Aspekt meiner Freiwilligentätigkeit ansprechen. Im Laufe von mehr als fünf Monaten hatte ich die Freude, sehr viele sehr nette und sehr engagierte Menschen kennenzulernen. Da Aynimundo primär mit Menschen mit Behinderung und auch sonst benachteiligten Familien arbeitet, habe ich viele traurige Schicksale kennengelernt. Eines Tages hat mir die 32-jährige Corina ihre Lebensgeschichte erzählt.

Corinas Geschichte

Ilse Kreiner bei Aynimundo: Corina und ihr Sohn (Foto: Ilse Kreiner)

Ilse Kreiner bei Aynimundo: Corina und ihr Sohn (Foto: Ilse Kreiner)

Die junge Frau stammt aus einer “bildungs-fernen” Familie, wollte trotzdem aber immer nur lernen, sei es in der Schule, in Gratiskursen oder in unbezahlten Praktika – für eine richtige Ausbildung fehlte das Geld, und eine Anstellung war nicht zu bekommen. Weil sie etwas Kreatives machen wollte und gerne Süßes isst, fing sie früh an, eigene Rezepte zu kreieren. Der spätere Weg war also ziemlich klar.

Im Jahr 2012 kam ihr Sohn mit einem extrem seltenen Gendefekt zur Welt, der seine sprachlichen und motorischen Fähigkeiten sowie das Sozialverhalten stark negativ beeinflusst. Es gibt keine Erfahrungen mit der Krankheit, und für Genanalysen fehlt das Geld. Vom Vater des Kindes und der eigenen Familie  wurde die Behinderung zuerst geleugnet und später die Therapien als Geldverschwendung abgelehnt. Mit der ihr eigenen Beharrlichkeit fand Corina Möglichkeiten, ihrem Sohn die Therapien zu ermöglichen, auch indem sie selbst zur Therapeutin wurde.

Vor etwa zwei Jahren kam Corina mit Aynimundo in Kontakt, wo ihr Sohn kostenlose Therapien und sie selbst psychologische Betreuung erhielt. Der Junge macht langsam Fortschritte, was das Sozialverhalten und die sprachliche Ausdrucksfähigkeit betrifft. Das und die mittlerweile fixe Anstellung in einer Großbäckerei gab Corina die Ruhe, ihre alte Idee wieder aufzugreifen, später ein eigenes Geschäft zu gründen, das sie dann an ihren Sohn übergeben können wird.

Im November 2018 kam dann der Aynimundo-Kurs für Jungunternehmer. Das war die Geburtsstunde der “Repostería Macori”, einer Kombination von ihrer beider Namen. Sie sagte: ”Man muss die Gelegenheit ergreifen, wenn sie sich bietet.” Herzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung und alles Gute für die Zukunft, Corina!

Dr. Ilse Kreiner aus Perchtoldsdorf bei Wien ist seit Jahren ehrenamtlich für die Kindernothilfe unterwegs. Ende letzten Jahres hielten sie und ein Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation Aynimundo Workshops für motivierte junge Menschen mit sehr geringem Einkommen in Lima/Peru ab. Jetzt i[...]

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14. August 2019

Im Sinne der Kinderrechte: Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsbürgerschaft!

Art. 7 und 8 der UN-Kinderrechtskonvention schreiben fest, dass jedes Kind das Recht auf Staatsangehörigkeit und Identität hat. Trotzdem ist das Problem der Staatenlosigkeit im südostasiatischen Länderdreieck Thailand –Laos –Myanmar nach wie vor besonders stark verbreitet. Speziell die Situation von Kindern ohne Dokumente und Nachweise ist eine oft Tragische. 

Gai erzählt von seinem Weg zu einer thailändischen Staatsbürgerschaft (Foto: Baan Doi)

Gai erzählt von seinem Weg zu einer thailändischen Staatsbürgerschaft (Foto: Baan Doi)

Gai (Name geändert) wurde in Mae Sai in Thailand geboren. Seine Mutter stammte aus China und war während der politischen Unruhen im Süden von China illegal nach Thailand eingewandert. Den Vater hatte die Mutter später als unbekannt angegeben. Da sie ihren Sohn zuhause zur Welt brachte, wurde seine Geburt bei den thailändischen Behörden nicht registriert. Obwohl in Thailand geborgen, war er staatenlos. Er besaß keine Geburtsurkunde, keinen Reisepass, keinerlei Dokumente, die seine Identität hätten nachweisen können. Somit hatte Gai zunächst keine Möglichkeit, die thailändische Staatbürgerschaft zu erlangen. Im Alter von neun Jahren bekam er eine Aufenthaltsbewilligung. Damit durfte er sich im Bezirk Mae Sai aufhalten und mit anderen Thai Kindern die staatliche Schule besuchen. Wenn er sich außerhalb von Mae Sai bewegen wollte, musste er dafür eine Bewilligung beantragen. Außerdem hatte er als Staatenloser keinen Anspruch auf medizinische Versorgung und Sozialleistungen. Als Kind dachte Gai nicht viel darüber nach. Er wusste, dass er keine thailändische Staatbürgerschaft hatte, aber nicht, was dies genau bedeutete. Gai war immer ein sehr guter und fleißiger Schüler. Die Lehrer unterstützten ihn daher, eine Staatsbürgerschaft zu beantragen, denn nur so hatte er die Chance auf eine gute höhere Ausbildung. Mit viel Unterstützung seitens der Lehrer und der Beharrlichkeit von Gai schafft er es als einziger Schüler ohne thailändische Staatsbürgerschaft, das Gymnasium der Stadtgemeinde in Chiang Rai zu besuchen. Sein großer Traum war es Lehrer zu werden. Zu dem Zeitpunkt,  zu dem er das Gymnasium abgeschlossen hatte, war es aber nur für Thailänder möglich, ein Lehramtsstudium zu absolvieren. Gai studierte deshalb zunächst Mathematik. Im Jahr 2008 kam es dann zu einer Gesetzesnovellierungen, die es in Thailand geborenen Kindern erlaubte, die Staatsbürgerschaft zu beantragen —allerdings nur mit einem Bachelor-Abschluss in der Hand. Das war Gais Chance! Er machte daraufhin das Lehramtsstudium an der Universität Phayao, wo es die Möglichkeit auch für Nicht-Thailänder gab. Ob er ohne Staatsbürgerschaft eine Stelle als Lehrer nach dem Studium bekommen würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Das hinderte den zielstrebigen jungen Mann allerdings nicht daran, seine Ausbildung gewissenhaft und erfolgreich zu absolvieren. Danach kam es wie befürchtet. Gai fand keine fixe Arbeit, dafür aber eine Praktikumsstelle an einer Schule in Mae Sai. Jetzt nahm Gai seine Zukunft nochmals selber in die Hand: Als erstes galt es zu beweisen, dass er in Thailand geboren wurde. Dazu mussten Zeugen beigebracht und ein DNA Test gemacht werden. Allein dieser kostete umgerechnet über 500 Euro. Für viele staatenlose Familien ein Vermögen, das sie nicht aufbringen können, und daher an dieser Stelle aufgeben. Auch wenn sie das Recht hätten, eine Staatsbürgerschaft zu beantragen, können sie es einfach nicht finanzieren. Gai hatte zum Glück die finanziellen Mittel, musste aber fünf Monate auf seine DNA Testergebnisse warten. Dann erst konnte der offizielle Antrag gestellt werden. Nochmals war viel Geduld gefragt. Ganze zwei Jahre musste Gai warten bis alles von offizieller Seite bearbeitet und genehmigt war und er endlich seine thailändische Identitätskarte in den Händen halten konnte. Und danach bekam er auch seinen lang ersehnten Job als Lehrer. Obwohl Gai in Thailand geboren wurde, erhielt er erst mit 26 Jahren dank der Unterstützung von verschiedenen Seiten, viel Beharrlichkeit und Geduld die thailändische Staatsbürgerschaft. Nach vielen Jahren Diskriminierung und Entbehrungen konnte er letztendlich seinen Traum, Lehrer zu werden, verwirklichen.

Baan Doi - Kinderhaus am Schönen Berg: Hier finden staatenlose Waisenkinder ein neues Zuhause (Foto: Jakob Studnar)

Baan Doi – Kinderhaus am Schönen Berg: Hier finden staatenlose Waisenkinder ein neues Zuhause (Foto: Jakob Studnar)

Baan Doi – das Kinderhaus am Schönen Berg: Ein Ort der Hoffnung für staatenlose Kinder

BAAN DOI ist eine von wenigen Organisationen in der Provinz Chiang Rai, die sich auch um Kinder kümmert, die keine thailändische Staatsbürgerschaft haben. Vor allem in den Bergen der nord-thailändischen Provinz Mae Hong Son leben ethnische Minderheiten, die aufgrund ihrer Herkunft staatenlos sind. Rund 500.000 von ihnen besitzen keine Dokumente, die beweisen, dass sie oder ihre Eltern in Thailand geboren wurden. Zudem kommen Einwanderer aus Laos und Myanmar, die aufgrund der politischen oder wirtschaftlichen Situation ihre Heimatländer verlassen haben. Menschen, die keine thailändischen Bürger sind und weder auf die normalen Dienstleistungen noch die Unterstützungen des Staates hoffen können, sind meist von extremer Armut und Hoffnungslosigkeit betroffen. Zudem sind ihre Rechte auf Bildung, medizinische Versorgung und Sozialleistungen eingeschränkt. Auch hier setzt BAAN DOI an und unterstützt aktuell 46 Familien im Familienförderprogramm. Damit ist garantiert, dass die Kinder eine Schulausbildung bekommen und medizinisch versorgt sind. Die BAAN DOI MitarbeiterInnen kümmern sich außerdem darum, dass die Kinder zu den notwendigen Dokumenten kommen, um eine thailändische Staatsbürgerschaft beantragen zu können. Dies ist mit viel Aufwand und Hürden verbunden, aber es ist das Recht jedes Kindes und eine wichtige Voraussetzung für seine positive Zukunft. Was es bedeutet staatenlos zu sein, und mit welchem Aufwand die Beantragung einer Staatsbürgerschaft verbunden ist, zeigt das Beispiel von Gai.

Art. 7 und 8 der UN-Kinderrechtskonvention schreiben fest, dass jedes Kind das Recht auf Staatsangehörigkeit und Identität hat. Trotzdem ist das Problem der Staatenlosigkeit im südostasiatischen Länderdreieck Thailand –Laos –Myanmar nach wie vor besonders stark verbreitet. Speziell die Situa[...]

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22. Juli 2019

Chile und die Rechte der Kinder: Eine offene Wunde

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche – mit Kindern und Jugendlichen als Opfer. David Ordenes, 69, Direktor der Nichtregierungsorganisation La Caleta, Sozialpädagoge, Lehrer und einer der renommiertesten chilenischen Kinderrechtsspezialisten, besuchte im Sommer verschiedene Partnerorganisationen in Europa. Anderthalb Tage lang machte er auch bei der Kindernothilfe Station. Im Gespräch ringt er um einen differenzierten Blick auf das Chile unter der Hochganzpolitur.

KNH: Was ist denn da so gründlich schiefgegangen, dass es in Chile – anders als in den meisten lateinamerikanischen Nachbarländern – auch 29 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur – noch immer kein umfassendes Kinder- und Jugendrechte-Schutz-Gesetz gibt?

David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)

David Ordenes, Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (Foto: Lorenz Töpperwien)

David Ordenes: Das werden wir auch immer wieder von unseren Kollegen aus der Region gefragt. Dieses Thema ist eine offene Wunde für alle, die seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ohne Erfolg für dieses Gesetz kämpfen. Denn ein solches legales Rahmenwerk würde die Politik in Chile grundlegend verändern. Es ginge nicht mehr darum, dass staatliche Institutionen nach Gutdünken mal hier, mal da – für die eine oder andere Spezialgruppe – etwas an Wohlwollen und ein bisschen finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Würde es in unserem Land eine einklagbare Rechtsgrundlage für die in der UN-Kinderrechtskonvention garantierten Rechte von Mädchen und Jungen geben, wäre die Konsequenz zwangsläufig eine völlig andere Bildungs- und Gesundheitspolitik und damit das Ende des ungezügelten Geschäftemachens mit Bildung und Gesundheit. Doch genau dazu sind viele Parlamentarier und andere, die politisch Verantwortung tragen, nicht bereit. Zahlreiche Abgeordnete sind als Personen – oder über ihre Familien – geschäftlich in Privatschulen, Privat-Unis oder im kommerziellen Gesundheitsbereich engagiert. Sie haben deshalb nicht das geringste Interesse, die Rahmenbedingungen für diese höchst lukrativen Geschäftsfelder zu verändern.

KNH: Was können denn Nichtregierungsorganisationen, die verschiedenen Akteure aus der Zivilgesellschaft, die von dieser schmerzhaften Lücke bei den rechtlichen Rahmenbedingungen Betroffenen tun? Gibt es in dieser ungleichen Auseinandersetzung überhaupt irgendeine Chance?

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordes:  Ja, die gibt es! Wir sehen in diesen Wochen wieder, auf welche breite gesellschaftliche Unterstützung etwa die Lehrerinnen und Lehrer aus den chronisch unterfinanzierten und vernachlässigten öffentlichen Schulen, die für eine gerechtere Bezahlung streiken, stoßen – oder wie sehr die diversen Proteste der Schülerinnen und Schüler – und der Studierenden, die es in Chile in den vergangenen Jahren gegeben hat – den Nerv dieser Gesellschaft treffen, sich Menschen aller Generationen mit dem Recht auf Bildung identifizieren. Chile ist kein armes Land. Die Ressourcen, um allen Kindern und Jugendlichen eine Bildung mit Qualität zu ermöglichen, die diesen Namen auch verdient, gäbe es. Nur fehlt es komplett am politischen Willen, um endlich am Grundübel, der unerträglichen sozialen Ungerechtigkeit, etwas verändern zu wollen. Wir haben 2012 ein Netzwerk von Organisationen aus dem Kinder- und Jugendrechtsbereich gegründet, das wir Movimiento Movilizándonos nennen (frei übersetzt: „Bewegung, derer, die wir uns mobilisieren“). Bei allen unseren Aktionen in der Öffentlichkeit erleben wir sehr viel positive Resonanz. Ganz viele Menschen in diesem Land wollen wirklich etwas verändern!

KNH: Hier in Europa sind es zuletzt vor allem die Fridays for Future-Proteste mit Millionen von Schülerinnen und Schülern gewesen, die die Klimakrise als reale Bedrohung der menschlichen Zivilisation verstehen und von der Politik wirksame Maßnahmen einfordern, um die Zie­le des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens ein­zu­hal­ten und die glo­ba­le Er­wär­mung auf un­ter 1,5° Cel­si­us zu be­gren­zen. Spielt dieses Thema für Jugendliche in Chile ebenfalls eine Rolle?

David Ordenes: Eine Fridays for Future-Bewegung gibt es in Chile noch nicht, aber in den zurückliegenden Jahren waren es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die für die ökologischen Kinderrechte auf die Straße gegangen sind. Chile ist eines der Länder auf dieser Welt, in dem der Klimawandel in seinen brutalen Konsequenzen für alle erkennbar und spürbar wird. Die Zerstörung der Umwelt durch die ungebremste Verschwendung kostbarer Wasserressourcen für gigantische Bergbauprojekte, eine industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und extensivem Pestizid- und Herbizid-Einsatz, gewaltige Müllprobleme und Uralt-Kohlekraftwerke, die für Anwohner das Leben zur Hölle machen: Darunter leiden die Menschen schon jetzt, nicht erst in der nächsten Generation!

KNH: Ausgerechnet die chilenische Regierung richtet vom 2. bis 13. Dezember in Santiago die 25. UN-Klimakonferenz (COP25) aus, nachdem Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro kurzerhand die Weltgemeinschaft für dieses Kyoto- und Kattowitz-Nachfolgetreffen wieder ausgeladen hat. Was planen die chilenischen Kinderrechts-Organisationen rund um diese Konferenz?

David Ordenes: Es wird ein Zelt der Nichtregierungsorganisationen in unmittelbarer Nähe des Tagungszentrums in Cerrillos, im Süden von Santiago, geben. Die Kinder und Jugendlichen aus den verschiedenen Organisationen unseres Netzwerks werden mit ganz unterschiedlichen Aktionen auf ihr Engagement und ihre Forderungen aufmerksam machen, etwa auf ihre Initiativen zum Müllrecycling und zur Vermeidung von Plastikabfällen. Aber es wird auch um Themen gehen, bei denen Chile und Europa gleichermaßen involviert sind: So entstehen derzeit in der Atacama-Wüste im Norden Chiles gigantische Anlagen zum Lithium-Abbau, weil dieses Alkalimetall unverzichtbar für den Ausbau der Elektromobilität – mobilen und stationären Stromspeichern – in den industrialisierten Ländern ist. Dafür werden unwiederbringlich die kostbaren Süßwasserreserven einer ganzen Region und damit die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen zerstört. Es sind transnationale Konzerne, die kaum Steuern zahlen, die hier aber mit Billigung und Unterstützung durch die chilenische Regierung eine weitere ökologische Katastrophe anrichten. Wir wollen mit den Kindern und Jugendlichen während der COP25 auf diese Situation aufmerksam machen und deutlich werden lassen, welche Kosten etwa der Boom der Elektromobilität im Norden für die Menschen in den betroffenen Regionen im Süden hat.

KNH: Ein anderes Thema, das in den zurückliegenden Monaten in Chile für Aufmerksamkeit sorgte, war der Mord an dem jungen Mapuche Camilo Catrillanca, der am 14. November 2018 von Mitgliedern einer Spezialeinheit der Polizei durch einen Kopfschuss getötet wurden. Camilo hatte vor einigen Jahren an einem auch von Kindernothilfe unterstützten Projekt zur Eindämmung von Gewalt gegen Mapuche-Kinder mitgewirkt. Hat dieser Mord vom 14. November etwas in der Öffentlichkeit und bei den politisch Verantwortlichen verändert?

Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

Noch immer fehlt es an einem umfassenden Kinderrechteregelwerk in Chile (Foto: Katrin Weidemann)

David Ordenes: Nicht wirklich. Noch immer schikaniert die Polizei Mapuche-Kinder aus indigenen Gemeinden in der Region um Temuco und Ercilla auf dem Weg zur Schule. Die Repression gerade gegen Jugendliche, die sich an in der Öffentlichkeit gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Mapuche wehren, geht unvermindert weiter. Um den Mord an Camilo Catrillanca zu kaschieren und Spuren zu verwischen, wurde ein 15jähriger Junge, Maikol, den die Polizisten ebenfalls mit ihren Schüssen schwer verletzt hatten, verhaftet und der Familie tagelang der Zugang zu ihm verweigert. Es gibt in Chile, wenn es um Übergriffe und exzessive Gewalt durch die Polizei geht, definitiv keinen funktionierenden Rechtsstaat. Unsere Gesellschaft leidet noch immer unter den Spätfolgen der Pinochet-Diktatur: Die oktroyierte Verfassung von 1980 mit ihrem autoritären Gesellschaftsbild, kombiniert mit Marktradikalismus und dem Prinzip der bewussten Zerschlagung jeglicher sozialstaatlicher Verantwortung prägen dieses Land und das Zusammenleben in Chile bis heute. Dem Militärregime ist es gelungen, das Leben der Menschen zu merkantilisieren. Wir haben als Kinderrechts-Netzwerk den chilenischen Staat wegen der Brutalität der bewaffneten Polizeieinsätze gegen Jugendlichen – nicht nur Mapuche, sondern etwa auch die für ihre Rechte demonstrierenden Schülerinnen und Schüler – und der dabei unter dem Vorwand, doch nur „Verbrechensprävention“ zu betreiben, begangenen Menschenrechtsverletzungen immer wieder angezeigt. Chile verstößt systematisch und fortdauernd gegen den Artikel III der UN-Kinderrechtskonvention, in dem es um das in allen Belangen „vorrangige Berücksichtigen des Kindeswohl“ durch Institutionen und Behörden geht. Kindernothilfe hat uns bei diesen Vorstößen und Inzidenz-Anstrengungen immer wieder auch finanziell unterstützt. Aber wir brauchen einfach noch deutlich mehr internationale öffentliche Aufmerksamkeit für das, was in diesem Land vor sich geht.

KNH: Bei einem Thema fehlte es in den zurückliegenden Jahren allerdings nicht an Aufmerksamkeit für das, was sich da Chile abspielte: Dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche oder Laien im kirchlichen Dienst mit inzwischen mindestens 178 namentlich bekannten Opfern. Warum hat es so lange gedauert, bis sich die chilenische Justiz jetzt endlich ernsthaft mit diesen Verbrechen beschäftigt?

David Ordenes: Nicht nur die Justiz hat hier versagt. In den Machtstrukturen der Kirche wurde jahrelang alles getan, um die Opfer nicht zu Wort kommen zu lassen oder ihre entsetzlichen Leidenserfahrungen schlicht zu negieren, die Täter zu schonen und die Missbrauchsfälle zu relativieren. Auch dort, wo es in anderen Institutionen, wie dem staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME (Servicio Nacional de Menores) und seinen Heimen im ganzen Land zu brutaler Gewalt, sexuellem Missbrauch und – verteilt über vier Jahrzehnte – auf inzwischen wohl über 1400 Todesfälle mit Kindern und Jugendlichen gekommen ist, gab es jahrelang entweder gar kein oder kaum gesellschaftliches Interesse, um den Berichten von Insidern und Betroffenen Glauben zu schenken. In einem Land, in dem Regierenden und politisch Verantwortlichen über Jahrzehnte hinweg den Kinderrechten und dem Kindesschutz so wenig Priorität einräumen – und stattdessen aktiv verhindern, diese Rechte auch zu garantieren, sind diese entsetzlichen Dinge, die hier Kindern von Erwachsenen angetan wurden und werden, immer auch ein Systemproblem.

KNH: Neben den Mapuche-Kindern und –Jugendlichen, welche anderen Gruppen bereiten Kinderrechts-Organisationen in Chile die meisten Sorgen?

David Ordenes: Eindeutig die Situation der Mädchen und Jungen aus Haiti: Die chilenische Statistikbehörde INE geht davon aus, dass in den zurückliegenden Jahren etwa 180.000 Menschen aus Haiti auf der Flucht vor extremer Armut und Gewalt – zum Teil auch durch organisierten kriminellen Menschenschmuggel – nach Chile kamen. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Die Situation dieser Menschen – und vor allem der Kinder – ist zu einem großen Teil schlicht katastrophal. Die allermeisten der Immigranten aus Haiti leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden als Billigst-Arbeitskräfte ausgebeutet – und sind Opfer eines unverhohlenen Rassismus und einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit. In vielen Projekten, die zu unserem Netzwerk gehören, machen die Mädchen und Jungen aus Haiti inzwischen rund ein Drittel der beteiligten Kinder aus. Die chilenische Regierung unternimmt so gut wie nichts, um die Rechte dieser Menschen zu schützen. Es sind wieder einmal die Nichtregierungsorganisationen, aber auch Kirchengemeinden und die Nachbarn in den Armenvierteln, die sich engagieren, die solidarisch sind. Auch dieses Thema bedarf dringend mehr internationaler Aufmerksamkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen und Institutionen in Europa wieder deutlich intensiver nach Lateinamerika blicken – und etwas weniger auf sich selbst. Das ist für unsere Arbeit unverzichtbar!

 

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David Ordenes ist Direktor der chilenischen Nichtregierungsorganisation La Caleta (frei übersetzt: „Die Schützende Bucht“), mit der Kindernothilfe fast zwei Jahrzehnte engagierte Kooperation verbinden. Er wirkte als Vertreter der Zivilgesellschaft und des Netzwerkes der chilenischen Kinder- und Jugendrechtsorganisationen (Red ONGs Infancia y Juventud – Chile), einem ebenfalls von Kindernothilfe unterstützten Bündnis, während der gesamten zweiten Amtszeit von Präsidentin Michelle Bachelet (2014 – 2018) im von der Regierung einberufenen Nationalen Kinderrechtsrat (Consejo de la Infancia) mit.  

Die Fragen stellte Jürgen Schübelin, Referatsleiter der Kindernothilfe für Lateinamerika und die Karibik

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der ka[...]

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Von Fahrrädern, Kühen und Bananen: Ein „Reisebericht“ aus Ruanda

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben sie aus eigener Kraft ihr Leben nachhaltig verändert. Fünf Erfolgsgeschichten aus Ruanda.

Das Fahrrad sieht nicht so aus, als könnte es noch einen Meter weit fahren. Verrostete Räder und Kette, fehlender Sitz, mit Ersatzteilen ergänzte Lenker. „Ich kann alles reparieren“, lacht Gilbert mit Blick auf den alten Drahtesel, der vor ihm im Sand lehnt. Nur 15 Minuten später steigt der 18-jährige Fahrradmechaniker auf das Rad auf und fährt einige Runden vor der neugierigen Zuschauermenge, stolz und demonstrativ. Er hat bewiesen, dass er sein Handwerk versteht.

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert ist Teil des Jugend-Fahrradreperatur-Trupps (Foto: Kindernothilfe)

Noch vor einigen Monaten konnte Gilbert keine Fahrräder reparieren. Er hatte auch sonst nicht viel zu tun, trieb sich auf den Straßen herum, bettelnd und immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. „Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen“, bedauert der 18-Jährige. „Ich konnte mir auch kein Gewand kaufen, da ich gar kein Geld hatte.“ Doch im Rahmen eines Kindernothilfe-Projekts nahm der Jugendliche – so wie hunderte andere arbeitslose Schulabbrecher in seiner Gemeinde im ländlichen Süden Ruandas – an so genannten Community Based Trainings teil. An Schulungen für Jugendliche, die sich an den lokalen Bedürfnissen in den jeweiligen Gemeinden orientieren. Soll heißen: Die Dorfbewohner überlegen und definieren gemeinsam mit den Projektverantwortlichen, welche Berufsgruppen in ihrer Region fehlen und besonders nachgefragt sind. Friseure, Schneider, Bäcker oder eben Fahrradmechaniker. Ein solches Training ist oft die einzige Chance für die Schulabbrecher, jemals gut für sich selbst und ihre Familien sorgen zu können.

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: "Ich kann alles reparieren!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Gilbert präsentiert stolz sein Können: „Ich kann alles reparieren!“ (Foto: Kindernothilfe)

Gilbert lernte, Fahrräder zu reparieren – die wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel in Ruanda. Mittlerweile betreibt er mit vier anderen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren einen eigenen Stand auf dem Marktplatz. Jeder hat sich sein eigenes Werkzeug angeschafft, hat eigene Ersatzteile und repariert auch – bei Bedarf – andernorts. Doch beim Marktstand, das wissen auch die Bewohner der Gemeinde, ist immer jemand anzutreffen, der einen noch so lädierten Drahtesel wieder fahrtüchtig machen kann. Seine neue, farbenfrohe Hose, die er mit dem selbstverdienten Geld angeschafft hat, präsentiert Gilbert jedenfalls mit großem Stolz.

Schulabbrecher haben wieder Hoffnung

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Patrick bäckt täglich 100 Mandazi-Brötchen und finanziert sich so sein Leben. (Foto: Kindernothilfe)

Einmal ums Eck, in einem unscheinbaren Innenhof, werden gerade Mandazi-Brötchen gebacken. Dieses Krapfen-ähnliche Gebäck wird in ganz Ruanda gerne gegessen. Auch hier sind jugendliche Schulabbrecher am Werk, deren Ausbildung im Rahmen des Kindernothilfe-Projekts finanziert wurde. In Riesenschüsseln wird der Teig gerührt, geknetet, ausgerollt, dann zu kleinen Täschchen geformt und in reichlich Fett über der offenen Feuerstelle herausfrittiert. 100 Brötchen pro Tag können die Mädchen und Buben pro Tag ab Hof verkaufen – was einem Einkommen von 10.000 Ruanda-Franc (umgerechnet rund 10 Euro) entspricht. Einen Teil davon darf jeder der Bäcker selbst behalten, der Rest wird in Öl, Mehl, Germ, Zucker und Backpulver reinvestiert oder gespart. „Hier habe ich eine neue Familie gefunden“, erzählt Patrick, einer der Mandazi-Bäcker. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Bettelei und Kriminalität waren für das Straßenkind bisher traurige Realität. „Mit meinem neuen Können aber bin ich sicher, dass ich eine gute Zukunft mit einem regelmäßigen Einkommen vor mir habe.“ Schon bald wollen sich Patrick und die übrigen Mandazi-Profis des kleinen Hinterhofs eine bessere Ausstattung an Töpfen und Schüsseln leisten. Denn bisher wird noch mit den von den Frauen der Selbsthilfegruppen der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kochutensilien gearbeitet.

Verbesserungen für alle

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Jetzt hat Delphine Milch für ihre Kinder (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mit Hilfe eines Kredits der SHL konnte Delphine eine Kuh bezahlen. (Foto: Kindernothilfe)

Apropos Selbsthilfegruppen: Mehr als 400 solcher Gruppen wurden im Rahmen des Projekts allein in den vergangenen zwei Jahren in der Region rund um Huye im südlichen Ruanda gegründet. Tausende Frauen treffen sich in Gruppen zu je 15 bis 20 Mitgliedern wöchentlich, um gemeinsam zu sparen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten – in den ersten Monaten noch angeleitet von Mitarbeitern des Kindernothilfe-Projektpartners AEE. Die Liste der Erfolge, von denen die Selbsthilfegruppen berichten können, ist beeindruckend: So besitzen die Frauen nun fast alle einen eigenen Küchengarten, wodurch sich die Abhängigkeit von Einkäufen auf dem Markt verringert und die Ernährungssituation der Kinder deutlich verbessert hat. Für alle Mitglieder der Selbsthilfegruppen wurden mit dem gemeinsam gesparten Geld Matratzen angeschafft – „wir schlafen jetzt viel besser. Und hygienischer ist es auch, als am Boden zu liegen“, lacht Delphine.

Bei ihrem kleinen Häuschen führt die dreifache Mutter aber als erstes zu ihrem ganzen Stolz: einer Kuh. Denn: „Wer eine Kuh hat, der ist reich.“ Mit Hilfe eines Kredits der Selbsthilfegruppe hat Delphine die Kuh bezahlt, bereits zwei Mal konnte sie Kälber auf dem Markt verkaufen – das Geld ist längst zurückgezahlt. Sechs Liter können morgens, vier abends gemolken werden, erzählt Delphine, den Großteil davon verkauft sie auf dem Markt. „Und meine Kinder haben nun täglich Milch zu trinken und bekommen Milchbrei zu essen.“

Mit Getreidesaft zum Stromanschluss

Huye, Ruanda: Geschäftsidee "Sorghumhirse-Saft" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Geschäftsidee „Sorghumhirse-Saft“ (Foto: Kindernothilfe)

Nicht mit Milch, sondern mit Getreidesaft verdient Francoise ihr Geld. Die Grundlage ihrer Geschäftsidee lagert prominent inmitten ihres neuen, Lehm-verputzten Hauses. Bis oben gefüllt ist der Getreidesack – mit getrockneter Sorghumhirse. Gepresst ergibt die Hirse einen gerne getrunkenen Saft, den Francoise an Markttagen verkauft. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die zweifache Mutter in einer der Selbsthilfegruppen mit, hätte selbst nicht gedacht, wie sehr sich in so kurzer Zeit ihr Leben verändern kann, erzählt sie. „Früher habe ich mich geniert, Besucher zu empfangen, jetzt freue ich mich, unser Haus herzuzeigen“, verrät Francoise.

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: "Endlich Strom!" (Foto: Kindernothilfe)

Huye, Ruanda: Francoise hat hart dafür gearbeitet: „Endlich Strom!“ (Foto: Kindernothilfe)

Vier Räume umfasst das Haus, verfügt über getrennte Schlafräume sowie einen Eingangs- und Wohnbereich mit Sitzecke. Zu fünft wohnen sie hier, ihr Mann, ihre beiden Söhne, sie selbst und ihre Mutter. Ihr ganzer Stolz aber ist der Anschluss ans Stromnetz – mit Licht können ihre beiden Buben nun auch abends Hausaufgaben machen und lernen. Francoises Traum ist es nun, nach und nach das Haus zu möblieren.

Aus fünf Bananenstauden wurden 800

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice ist jetzt stolze Bananenplantagen-Besitzerin. (Foto: Kindernothilfe)

Von neuen Möbeln kann Mediatrice bereits berichten. Stolz sitzt sie auf den Pölstern ihrer neuen Sitzbank im Eingangsbereich des kleinen Hauses mit der grünen Tür. Die Selbsthilfegruppe habe ihr Leben verändert, erzählt die 46-Jährige. Woran zuerst niemand so recht glauben wollte, am wenigsten ihr Ehemann. „Wir sind nicht mehr die jüngsten, haben unser ganzes Leben in Armut gelebt. Da ist es schwer zu glauben, dass sich etwas ändern könnte.“ Aber in Wirklichkeit, und das habe die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ihr gezeigt, „braucht dir niemand Geld zu geben. Das Geld liegt in deinem Können. Du muss deine Stärken nur einsetzen“, spricht Mediatrice ein Plädoyer für die Hilfe zur Selbsthilfe.

Kigali, Ruanda: Mediatrice' Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Kigali, Ruanda: Mediatrice‘ Bananenplantage ist mittlerweile Vorzeigeprojekt der Region. (Foto: Kindernothilfe)

Begonnen hat alles mit fünf Bananenpflanzen vor ihrem Häuschen und einigen Schulungen, wie Bananen am besten zu kultivieren sind. Groß und gesund wuchern mittlerweile 800 Stauden in Mediatrices Garten, liebevoll gepflegt von ihr und ihrem Ehemann, der bald selbst gesehen hat, wie sich auch das eigene Leben durch die Treffen der Frauen in den Gruppen verändern kann. Zuletzt wurde ihr Feld zur führenden Bananenplantage der gesamten Region ausgezeichnet, erzählt die achtfache Mutter. Ihr Mann unterstütze sie sehr, sei auch immer wieder in der gesamten Region unterwegs, um Schulungen zu Bananenanbau abzuhalten. Und ihre Bananensetzlinge- und samen werden von der ganzen Gemeinde gerne gekauft. Für die eigene Ernte müsse man inzwischen sogar externe Feldarbeiter beschäftigen, so umfangreich sei diese inzwischen.
Mit dem erwirtschafteten Geld aus dem Verkauf der reifen Bananen konnte die Familie ihr viel zu kleines Haus erst erweitern, dann ans Stromnetz anschließen. Mittlerweile gehen alle der acht Kinder in die Schule, ihr ältester Sohn habe bereits die Universität abgeschlossen, berichtet Mediatrice stolz. „Wenn alle Kinder einen Uni-Abschluss haben, werden wir unser Haus richtig schön einrichten“, so ihr Traum. Priorität aber, und das habe sie im Laufe ihres Engagements bei der Selbsthilfegruppe gelernt, hat eindeutig die Schulbildung ihrer Kinder.

„Unsere Denkweise hat sich extrem verändert, die Selbsthilfegruppen haben das Leben der gesamten Gemeinde verändert“, bringt das Gruppenmitglied die Erfolge des Projekts auf den Punkt. „Wir wissen jetzt, wie man spart, sich Ziele setzt und diese auch erreicht“, betont Mediatrice. „Und wir versuchen nicht mehr alleine, jeder für sich, den Alltag zu meistern. Sondern wir lernen voneinander, helfen einander. Und verbessern Tag für Tag und immer ein Stückchen mehr unsere Zukunft.“

Gilbert ist Fahrradmechaniker, Patrick bäckt 100 Mandazi-Brötchen am Tag, Delphine besitzt nun eine Kuh, Francoise ein neues Haus mit Strom. Und Mediatrice hat die größte und fruchtbarste Bananenplantage der ganzen Region. Sie alle haben eines gemeinsam: Unter Anleitung der Kindernothilfe haben [...]

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