Spendenshop Suche
Jetzt spenden Pate werden

KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

29. Mai 2020

Corona in Chile – Die Pandemie läuft aus dem Ruder

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierenden sozialen und ökomischen Folgen der Pandemie auseinandersetzen, steht den Menschen in Lateinamerika der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem gefährlichen Virus erst noch bevor. Scheinbar unaufhaltsam entwickelt sich der Subkontinent zum weltweit gefährlichsten Corona-Krisenherd. Das Epizentrum ist dabei ganz eindeutig Brasilien mit (Stand 28.05.2020) bereits 414.661 positiv auf Covid-19 Getestete, 25.697 Menschen sind an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Das am zweitheftigsten betroffene Land auf dem Subkontinent ist Peru (135.905 Infizierte, 3.983 Tote), gefolgt von Chile (82.289 Infizierte, 841 Verstorbene), Mexiko (78.023 bestätigte Infizierte, 8.597 Todesfälle), und schließlich Ecuador (38.103 Infizierte, 3.275 Tote). Am Beispiel des Kindernothilfe-Partnerlands Chile wird deutlich, welche verheerenden, existenzbedrohenden Auswirkungen die Pandemie für die Menschen in den Armenvierteln, für die Demokratiebewegung im Land und das Ringen der Zivilgesellschaft um einen neuen Verfassungsrahmen –  sowie für die Kinderrechte hat.

Corona Grafik aus Santiago de Chile
Corona Grafik aus Santiago de Chile

Darüber sprachen wir mit José Horacio Wood, dem Direktor der chilenischen Kindernothilfe-Koordinationsstruktur Fundación ANIDE. Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.

Kindernothilfe: Die verzweifelten Hunger-Proteste der Menschen aus Armenvierteln im Süden von Santiago haben es in der zurückliegenden Woche sogar in die Abendnachrichten in Europa geschafft. Wie konnte es zu einer solchen Zuspitzung der Krise kommen?

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger all die Strukturprobleme, mit denen die chilenische Gesellschaft seit dem Ende des Pinochet-Regimes kämpft und die in der Endphase des vergangenen Jahres nie dagewesene Massenproteste auslösten, noch einmal massiv verstärkt. Die Virus-Infektion traf uns in einem wirklich kritischen Moment, in einer Situation des kompletten Vertrauensverlustes gegenüber der Regierung und ihren Institutionen. Und gerade zu Beginn dieser Krise gab es dann auch noch zahlreiche, fatale Fehlentscheidungen: Da wurden die großen Einkaufszentren mit täglich Zehntausenden Besuchern viel zu lange offen gehalten, nur, um ja keine Umsatzeinbußen zu riskieren. Auf der anderen Seite wurden die Menschen gezwungen, dicht an dicht gedrängt, endlose Schlangen vor Supermärkten und Banken zu bilden. Anders als in Europa gab es keine massiven Kampagnen, um auf das Ansteckungsrisiko mit dem Virus und auf die Möglichkeiten, sich zu schützen, hinzuweisen.

Und als es dann Quarantäne-Verfügungen erlassen wurden, wirkten sie eher willkürlich, politisch motiviert, um die Menschen in den Stadtteilen, in denen es Ende 2019 die heftigsten Proteste gegen die Piñera-Regierung gegeben hatte, zu disziplinieren. Der Präsident und die zuständigen Minister verwickelten sich unablässig in Widersprüche. Eine klare Strategie, wie mit dieser Katastrophe umzugehen ist, war nicht zu erkennen. Deutlich wurde nur Eines: Es ging und geht den Regierenden ausschließlich darum, die Interessen der Unternehmen im Land zu sichern. Und in den zurückliegenden beiden Wochen sind die Infektionszahlen dann geradezu explodiert, zuletzt mit bis zu 5000 neuen Fällen jeden Tag – und zwar vor allem in den armen Kommunen an der Peripherie von Santiago.

Jetzt steht der Winter mit den üblichen Erkältungs- und Grippewellen vor der Tür. Das wird in diesem Jahr eine ganz schwere Zeit, die das öffentliche Gesundheitssystem sehr schnell an seine Grenzen bringt. Viele Expertinnen und Experten fürchten deshalb, dass Chile den Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht hat.  

Kindernothilfe: Wie geht es den Familien aus dem Umfeld der von ANIDE und Kindernothilfe geförderten Projekte in diesen Wochen?

José Horacio Wood: Es ist wie überall auf der Welt: Diejenigen mit den geringsten Einkommen tragen die schwerste Last! Die Armen verfügen über keinerlei finanzielle Reserven, um diese Quarantäne-Wochen durchzustehen. Bereits in der ersten Phase des Jahres – noch vor dem Ausbruch der ersten Infektionswelle – ist die Arbeitslosigkeit im Land ja bereits deutlich angestiegen. Die Leute schlitterten vielfach bereits hochverschuldet in diese Krise. Durch die Schließung der kleinen Geschäfte und Märkte sind dann zehntausende Jobs von einem Tag auf den anderen weggefallen. Und auch diejenigen, die eigentlich zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie eine Festanstellung hatten, sind nicht sehr viel besser dran, weil es in Chile ja keine Lohnfortzahlung gibt, Und die Mittel aus den Arbeitslosenversicherungsfonds sind bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die Folge: Jetzt fehlt es einfach an Allem! Deshalb diese verzweifelten Protestaktionen in den Armenvierteln! Dazu kommt, dass es in den viel zu kleinen Wohnungen extrem schwer ist, Quarantäne zu halten, von den Abstands- und Hygieneregeln ganz zu schweigen … 

Kindernothilfe: Und wie erleben die Kinder in den Armenvierteln den lockdown?      

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat die extreme Ungleichheit etwa beim Zugang auf Bildung noch einmal auf eklatante Weise bloßgelegt: Kinder aus Armenvierteln haben keine Möglichkeit, sich Tablets zu beschaffen, um eventuelle online-Angebote ihrer Schule wahrnehmen zu können. Und auch die Internet-Verbindungen sind völlig unzureichend, mal ganz davon abgesehen, dass es in den engen, kleinen Behausungen einfach auch keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, um Schulaufgaben erledigen zu können. Die Monate mit der Virus-Infektion reißen die Bresche zwischen den Wohlhabenden und Privilegierten in diesem Land – und denjenigen, denen es an Allem fehlt, noch weiter auf.

Die allergrößten Sorgen bereiten uns dabei die Kinder aus haitianischen Familien und anderen, in den zurückliegenden Monaten nach Chile Geflüchteten. Hier haben die Erwachsenen bereits vor der Pandemie mehr schlecht aus recht mit Gelegenheitsjobs versucht, über die Runden zu kommen. Jetzt ist die Lage dieser Menschen einfach nur noch zum Verzweifeln.        

Ein weiteres Thema, das uns – zusammen mit anderen Kinderrechts-Verteidigerinnen und –Verteidigern – allergrößte Sorgen macht, ist die Entwicklung der Fallzahlen von häuslicher Gewalt und von Missbrauch von Kindern. Bereits vor Corona hat Chile in Lateinamerika immer einen beschämenden Spitzenplatz in den Gewalt- und Missbrauchs-Statistiken eingenommen. Jetzt, während dieser langen Quarantäne-Wochen, funktionieren Alarm-, Schutz- und Auffangsysteme noch prekärer. Kinder, die misshandelt werden, haben so gut wie keine Chance, Hilfe zu erhalten. Sie müssten es ja irgendwie bis zu einer Polizeiwache schaffen – und das ist bei einem kompletten lockdown völlig ausgeschlossen. Vermutlich werden wir erst in einigen Monaten einschätzen können, welche Katastrophen sich da in vielen Familien abgespielt haben.

Kindernothilfe: In einigen internationalen Medien war in den zurückliegenden Wochen immer von  erneuten Skandalen rund um den staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME die Rede. Um was ging es da?

José Horacio Wood: Ende April, also bereits mitten in der Corona-Krise, erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass in Hualpén, ganz in der Nähe von Talcahuano und Concepción, also einer Region, in der Kindernothilfe-Partner seit vielen Jahren engagiert sind, die Direktorin eines SENAME-Heimes – unterstützt von zwei Mitarbeitenden – Kinder in Alter von sechs und acht Jahren nicht nur selbst sexuell missbraucht, sondern ihre kommerzielle sexuelle Ausbeutung durch Dritte organisiert hatte – und das über einen relativ langen Zeitraum hinweg, ohne, dass irgendjemand den betroffenen Kindern zu Hilfe gekommen wäre. Als Kinderrechtsorganisation gelangen wir in Chile immer an den gleichen Punkt: Das beschämende Desinteresse der Verantwortlichen und das Fehlen jeglichen politischen Willens, um in diesem Land endlich eine kohärente Kindesschutzpolitik zu implementieren und ein entsprechendes Kinderrechtsstatut zu verabschieden, macht aus derartigen Einzelereignissen immer auch ein Systemversagen. Und unsere Befürchtung ist, dass unter dem existentiellen Druck und Stress, den die Corona-Pandemie für die meisten Erwachsenen verursacht, die Kinder und ihre Rechte weiter in den Schatten gedrängt werden.

Kindernothilfe: Hat das auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie der Protestbewegung in Chile, die seit dem Oktober 2019 Hundertausende mobilisierte, um eine neue Verfassung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzufordern, im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abschnürt?

José Horacio Wood: Ganz klar, jede Form von zivilgesellschaftlichem Engagement hat es in diesen Zeiten extrem schwer! Aber die Protestbewegung gibt es trotzdem weiterhin: Trotz Corona arbeiten die Asambleas Territoriales, die Bürger- und Stadtteilorganisationen für Demokratie und den verfassungsgebende Prozess, weiter – und zwar mit Hilfe des Internets und lokaler Radios. Die Regierung feiert es als Erfolg, zuletzt größere Proteste und die Präsens vieler Menschen auf der Straße mit massiver Repression und exzessiver Gewalt unterbunden zu haben. Und natürlich kam es Präsident Piñera zupass, die Volksabstimmung über die Einleitung eines verfassungsgebenden Prozesses, die am 26. April hätte stattfinden sollen, um ein halbes Jahr, auf den 25. Oktober,  verschieben zu können. Die Pandemie dient der Regierung als perfekter Vorwand für Repression und eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen, die unter den Bedingungen von Quarantäne und Ausgangssperren kaum öffentliche Aufmerksamkeit erlangen.   

Kindernothilfe: Noch einmal zurück zu den Projekten, den Kindern und Jugendlichen: Was können die Kindernothilfe-Partner in Chile, was kann ANIDE in dieser Situation tun, um den Kindern und ihren Familien beizustehen?       

José Horacio Wood: Die Teams der Kindernothilfe-Partnerprojekte in Chile arbeiten seit dem Bekanntwerden der ersten Infektionsfälle in Chile und den von der Regierung verhängten Quarantäne-Maßnahmen, die am 15. Mai ja noch einmal verschärft und jetzt auf das komplette Stadtgebiet von Santiago ausgedehnt wurden, unter extrem erschwerten Rahmenbedingungen. Ein „normaler“ Projektbetrieb mit der ständigen physischen Präsenz von Kindern und Jugendlichen ist nirgendwo mehr möglich. Aber die Kolleginnen und Kollegen entwickeln ein beeindruckendes Engagement, viel Enthusiasmus und Kreativität, um mit den Kindern und ihren Familien im Kontakt zu bleiben. Das geschieht derzeit vor allem über das Handy, Anrufe zu Hause und – soweit möglich – durch die intensive Nutzung elektronischer Medien – etwa durch Video-Botschaften.

Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die Lage in den Armenvierteln, bei den Familien der Kinder, spitzt sich jeden Tage weiter zu.

Trotzdem versuchen wir gegenzuhalten: Vor einigen Tagen haben wir mit allen Mitarbeitenden aus den Projekten und der Kinderrechtsexpertin Monica Contreras eine große Videokonferenz organisiert, der wir den Titel gegeben haben: „Wie können wir Kinderrechts-Garanten in Zeiten der Pandemie sein?“. Dabei haben wir gelernt, dass es gerade jetzt ganz dringend darauf ankommt, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erleben sie die Quarantäne, was wünschen sie sich an Beistand und Unterstützung? Worauf müssten nach ihrer Meinung Kinderrechtsorganisationen gerade jetzt mit aller Vehemenz hinweisen?

Kindernothilfe: Gibt es denn auch die Möglichkeit, in Not geratene Familien ganz praktisch zu unterstützen? Und wie könnte diese Hilfe aussehen?

José Horacio Wood: Bereits seit Wochen, seit den ersten lockdown und Quarantäne-Maßnahmen, versorgen die Kolleginnen und Kollegen aus den Projektteams Familien in besonders kritischen Situationen mit Lebensmittelpaketen – aber auch mit Seife, Waschpulver, Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln. Am Freitag vergangener Woche organisierten wir eine Telefonkonferenz, in der alle Kindernothilfe-Partner über die verschiedenen Initiativen und Aktionen vor Ort berichteten. Dabei kamen Details über die verzweifelte Lage in einigen Armenvierteln zur Sprache, die ansonsten hier nie an die Öffentlichkeit gelangen: In ganz vielen Familien gibt es seit Wochen überhaupt nichts Warmes mehr zu essen, weil den Menschen schlicht das Geld fehlt, um Propangasflaschen zum Kochen zu kaufen! Deshalb haben einige der Teams begonnen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern zusätzlich durch die Verteilung von Gasflaschen zu unterstützen.       

Kindernothilfe: Und wie geht das kleine ANIDE-Team in Santiago mit all diesen extremen Herausforderungen durch die Pandemie um?

José Horacio Wood: Wir arbeiten an den allermeisten Tagen von zu Hause aus. Für uns, aber auch die kompletten Projektteams, ist das eine völlig neue Erfahrung, zum Teil extrem anstrengend, psychisch und physisch belastend, mit langen Arbeitstagen am Telefon, in Videokonferenzen. Aber wir spüren, wie wichtig der ständige digitale Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Bündnispartnern, wie dem Bloque por la Infancia, dem zivilgesellschaftlichen Kinderrechts-Netzwerk in Chile, ist. Und wir lernen jeden Tag dazu, ermutigen uns gegenseitig, helfen uns – wie man in Chile sagt – immer wieder, „die Batterien aufzuladen“.   

———————————————————-

José Horacio Wood (58) ist Anthropologe. Seit 1995 arbeitet er bei der Fundación ANIDE, der Kindernothilfe-Partner- und Koordinationsstruktur in Chile. Im Jahr 2001 wurde Wood vom Vorstand dieser ökumenischen Stiftung zum ANIDE-Direktor berufen. Chile war 1969 das erste Land in Lateinamerika, in dem sich Kindernothilfe engagierte.  

Während sich in fast ganz Europa – inzwischen sogar in der Russischen Föderation – die Kurven mit den SARS-CoV-2-Neuinfektionen langsam abflachen und in vielen Staaten die Quarantäneregeln nach und nach gelockert werden, sich Regierungen und Gesellschaften immer intensiver mit den gravierende[...]

weiterlesen

Wir sind nur so stark wie die Schwächsten unter uns: eine Meinung

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sich auf die moralischen, humanitären Aspekte zu berufen.

Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar Foto: Kindernothilfepartner)
Desinfektionsmittel sind vielerorts Mangelware und kostbar. (Foto: Kindernothilfepartner)

Sind wir alle gleich?

Als das COVID-19-Virus innerhalb weniger Wochen von Wuhan, China, um die halbe Welt durch Europa, Amerika und darüber hinaus reiste, gab es uns den Beweis, wie eng wir alle miteinander verbunden sind – falls dieser jemals nötig war. Nicht nur unsere globalisierten Volkswirtschaften sind voneinander abhängig, sondern wir selbst sind eine Menschheit, die einen Planeten teilt. Und doch scheinen wir es allzu oft zu vergessen, wenn wir unbedacht auf irreführende Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ verweisen. Nehmen wir zum Beispiel die Unterscheidung zwischen reichen und armen Ländern oder, wie Ökonomen es ausdrücken, zwischen den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und den am wenigsten entwickelten Ländern. Wenn es um COVID-19 geht, ist das einzige was zählt, ob wir krank oder gesund sind, unabhängig von wirtschaftlichem Status oder geografischer Lage.

Aber natürlich kann nicht behauptet werden, dass es keine Unterschiede gibt. In der Tat hat uns das Virus gezeigt, dass es etwas ausmacht, wer und wo wir sind. Ob Dharavidweller in Mumbai, afroamerikanische Fleischverarbeiterin in Chicago, Mitglied der First Nations in Nordkanada, Rohingya-Flüchtling in Myanmar, Pensionist in einem britischen Wohnheim, Insassin in einem südamerikanischen Gefängnis oder medizinische Fachkraft in einem Krankenhaus irgendwo auf der Welt. Es macht den Unterschied: zwischen infiziert oder nicht, zwischen Zugang zu Tests oder nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit. COVID-19 ist eine Herausforderung, vor der wir alle stehen, aber unsere Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind innerhalb und zwischen den Ländern unterschiedlich.

Menschen in Entwicklungsländern sind am stärksten gefährdet. Während regelmäßiges und gründliches Händewaschen für viele von uns Teil des täglichen Lebens ist, ist es für viele mehr aber nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Der jüngst veröffentlichte Fortschrittsbericht der UN-SDGs besagt, dass 2 von 5 Menschen weltweit keine einfache Handwaschanlage mit Wasser und Seife zu Hause haben. In den am wenigsten entwickelten Ländern ist es weniger als einer von drei Menschen (28 Prozent). Das bedeutet, dass weltweit schätzungsweise 3 Milliarden Menschen ihre Hände zu Hause immer noch nicht richtig waschen können und daher der grundlegendsten und wirksamsten Präventionsmaßnahme gegen COVID-19 beraubt sind. Darüber hinaus stellt extreme Armut eine Geißel dar, die Entwicklungsländer am meisten belastet. Laut Weltbank birgt COVID-19 das große Risiko, weitere 40-60 Millionen Menschen in extreme Armut zurückzudrängen. Dies wäre ein tragischer Rückschritt im jahrzehntelangen Kampf gegen die globale Armut. Für Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften bereits unter den Folgen niedriger Rohstoffpreise, Abzug ausländischen Kapitals und geschwächter Währungen leiden, wirkt sich COVID-19 fast unumgänglich auf die Lebensmittelpreise aus und birgt somit potenziell schädliche Auswirkungen auf die Ernährung der am stärksten gefährdeten Personen.

Wissen, wie es geht

In Zeiten von Corona können es sich fortgeschrittene Volkswirtschaften nicht leisten, die Entwicklungsländer sich selbst zu überlassen. In mehreren großen Schwellenländern und Dutzenden kleinerer Volkswirtschaften besteht die reale Möglichkeit, wenn nicht sogar Wahrscheinlichkeit für massive Finanzkrisen. Dies würde nicht nur Versuche vereiteln, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Es könnte eine schwer reversible soziale Instabilität auslösen und bestehende humanitäre Krisen verschärfen.

Angesichts dessen müssen Unterstützung und Schutz der Entwicklungsländer im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Staates liegen. Das weltweite multilaterale System ist auf mehrdimensionale Herausforderungen ausgelegt und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung: die WHO, um die Pandemien unter Kontrolle zu halten, die FAO, um den Bedarf an Lebensmittelimporten und Engpässen bei der Lebensmittelversorgung zu ermitteln, der IWF, um die benötigten Mittel unverzüglich zu finanzieren, die Welt Bank zum Wiederaufbau usw. Was jetzt benötigt wird, ist eine angemessene dringende internationale Finanzierung, verbunden mit eindeutiger politischer Unterstützung. Es braucht einen „Pandemie-Marshall-Plan“ für Entwicklungsländer. Dieser könnte möglicherweise in Form eines massiven Finanzspritze des IWF genau das bewirken, was die Fed in den USA oder die EZB in Europa getan haben, um Liquidität zu fördern, Staatsschulden zu koordiniern und so das Risiko einer Finanzkrise zu vermeiden.

Es ist wahr, dass COVID-19 keine Grenzen kennt und keine Unterschiede macht, wenn es zuschlägt. Aber die Länder sind nicht gleichermaßen dafür gerüstet, und es hätte fatale Folgen, wenn Unterschiede zwischen den Nationen eine kollektive Krisenbewältigung bremsen würden. In diesem Sinne ist es eine ultimative globale Herausforderung, vor der wir stehen – hochindustrialiserte wie auch wenig entwickelte Länder. Die Welt braucht das multilaterale System wie nie zuvor: Denn wir sind eng miteinander verbunden und nur so stark wie die Schwächsten unter uns.

David Nabarro, Sonderbeauftragter der WHO für COVID-19, und der Ökonom Joe Colombano beleuchten, warum es in der aktuellen Corona-Pandemie im politischen und wirtschaftlichen Interesse jedes Landes liegt, Entwicklungsländer zu schützen und vor dem Schlimmsten der Krise zu bewahren. Auch ohne sic[...]

weiterlesen
22. Mai 2020

Zyklon Amphan – Zerstörung unerwarteten Ausmaßes

Inmitten der durch die aktuelle COVID-19-Pandemie erforderlichen sozialen Distanzierungsmaßnahmen sind die Küstenregionen in Indien und Bangladesch durch den rekordverdächtigen Zyklon Amphan seit Mittwoch einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Mit anhaltenden Windgeschwindigkeiten von 270 km/h ging der Wirbelsturm im Nordindischen Ozean am Nachmittag des 20. Mai im indischen Digha, 187 km südlich von Kalkutta, an Land und ist jetzt bereits stärker als der Superzyklon Fani von 1999.

Zyklon Amphan verwüstete Küstenregionen in Indien und Bangladesch (Foto: Kindernothilfepartner)
Zyklon Amphan verwüstete Küstenregionen in Indien und Bangladesch (Foto: Kindernothilfepartner)

Katastrophale Folgen

Während der vierstündigen Landung im indischen Bundesstaat Westbangalen entstand eine lange Spur der Verwüstung. Bäume wurden entwurzelt, Lehmhäuser und Stromkabeln zerstört. Auch im angrenzenden Odisha führten Sturm und starke Regenfälle zu verheerenden Schäden. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem Indien immer noch darum kämpft, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Der Bundesstaat Westbengalen, der sich auf dem direkten Weg des „extrem stark“ eingestuften Zyklons befand, verzeichnet derzeit 2.961 Corona-Infizierte und 250 Todesfälle. Darüber hinaus hat der Staat mit Hunderttausenden von Gastarbeitern zu kämpfen, die nach Hause zurückgekehrt sind, um den Schwierigkeiten des 55-tägigen Lockdowns zu entkommen. „Wir kämpfen gegen drei Herausforderungen: das Coronavirus, der Ankunft von Lakhs (Hunderttausenden) von Migranten und dem Zyklon Amphan“, sagte Westbengalens Chief Ministerin Mamata Banerjee bei einer Online-Pressekonferenz am 20. Mai. Laut Banerjee waren die Auswirkungen auf den Staat insgesamt katastrophal. „Die Auswirkungen sind katastrophal. Es wird 10-12 Tage dauern, um das tatsächliche Ausmaß zu beurteilen, aber es werden Schäden in Millionenhöhe sein. Häuser, Straßen, Flussufer – alles wurde getroffen“.

Wir sind schockiert. Wir haben keine Verwüstung in einem solchen Ausmaß erwartet

Mamata Banerjee , Westbengalens Chief Ministerin

Nach Angaben des Meterologischen Dienstes in Kalkutta betrug die höchste Geschwindigkeit von Amphan in Westbengalens Hauptstadt 133 km/h.

Zyklon Amphan trifft die ohnehin schwer Covid-19 gebeutelten Küstenregionen in Indien und Bangladesch mit unerwartetem Ausmaß Foto: Kindernothilfepartner)
Zyklon Amphan trifft die ohnehin schwer Covid-19 gebeutelten Küstenregionen in Indien und Bangladesch mit unerwartetem Ausmaß (Foto: Kindernothilfepartner)

Massive Evakuierungen in Bangladesch

Inmitten seines intensiven Kampfes gegen die Coronavirus-Pandemie startete Bangladesch eine massive Evakuierungsoperation, um seine Bürger und sein Vieh im Küstengebiet zu schützen. Bis Mittwochabend wurde fast 2,4 Millionen Menschen und über eine halbe Million Tiere in den Küstenbezirken Khulna, Satkheera, Jessore, Rajbadi und Sirajganj in Sicherheit gebracht. Lokale Schulen wurden als Notunterkünfte eingerichtet. Angesichts der steigenden Zahl von COVID-19-Fällen hat der Zyklon den harten Kampf des Landes, in dem es bereits 27.000 bestätigten Fälle und über 350 Toten gibt, weiter erschwert. „Zyklon Amphan wird die Situation unserer Bevölkerung, die ohnehin schwer unter der COVID-19-Pandemie, der Isolation und sozialen Distanzierung zu leiden hat, weiter verschärfen. Denn obwohl Bangladesch über ein effizientes System von Zyklonschutzräumen verfügt, haben die meisten betroffenen Küstengemeinden Angst, in diese Schutzräume zu ziehen, da es dort fast unmöglich sein wird, soziale Distanzierungsnormen zu praktizieren“, so Sohanur Rahman von YouthNet für Klimagerechtigkeit in Bangladesch.

Die Folgen des Klimawandels im Indischen Ozean

Der Klimawandel erhöht den Schaden, den Zyklone wie Amphan auf verschiedene Weise verursachen, einschließlich steigender Meeresoberflächentemperaturen und steigender Meeresspiegel, zunehmender Regenfälle während des Sturms und schnellerer Zunahme von Stürmen. Aufgrund des Klimawandels sind weltweit stärkere Wirbelstürme häufiger geworden, und die Stärke von Wirbelstürmen, die Länder am Nordindischen Ozean betreffen, hat mit der Erwärmung des Planeten zugenommen. Auch der Meeresspiegel im Nordindischen Ozean ist in den letzten Jahren schneller gestiegen als an anderen Orten. Laut einer Studie könnten Indien und Bangladesch bis 2050 dramatische jährliche Überschwemmungen an der Küste erleben, von denen 36 Millionen Menschen in Indien und 42 Millionen in Bangladesch betroffen sind.

Inmitten der durch die aktuelle COVID-19-Pandemie erforderlichen sozialen Distanzierungsmaßnahmen sind die Küstenregionen in Indien und Bangladesch durch den rekordverdächtigen Zyklon Amphan seit Mittwoch einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Mit anhaltenden Windgeschwindigkeiten von 270 km/h ging[...]

weiterlesen
18. Mai 2020

Merima lernt lesen und schreiben

Merimas besucht die erste Klasse in Santa Barbara und ihre Augen strahlen, denn sie kann endlich lesen, schreiben und rechnen! Das war nicht immer so! Denn für viele Mädchen und Buben in Guatemala ist eine gute Schulbildung leider alles andere als selbstverständlich. Wie überall auf der Welt, wo der Alltag von bitterer Armut geprägt ist, hat die Bildung der Kinder für viele Eltern, die oft selbst nie eine Schule besucht haben, keinen großen Stellenwert. Statt zu lernen müssen schon die Kleinen ihren Beitrag im täglichen Kampf ums Überleben leisten.

Merima darf endlich lesen und schreiben lernen! (Foto: James Rodriguez)
„Wenn ich groß bin, will ich frei sein!“ (Foto: James Rodriguez)

Guatemala gehört mit mehr als der Häfte seiner Einwohner unter der Armutsgrenze zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Gerade im Hochland, wo ein Großteil der indigenen Bevölkerung lebt, ist die Armut erschreckend allgegenwärtig: In den ländlichen Regionen gibt es kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung und die hygienischen Bedingen sind teilweise äußerst prekär. Fast die Hälfte der Kinder leidet unter Mangelernährung und auch familiäre Gewalt und Missbrauch sind keine Seltenheit.

So auch in Merimas Heimatdorf Santa Barbara, wo viele Kinder am Feld mitarbeiten müssen, um den Lebensunterhalt ihrer Familien zu verbessern. Für die Schule bleibt da wenig Zeit. Und wenn doch, dann fehlt es den Schülern an einfachen Grundlagen: „Es dauert drei bis vier Monate, bis die Kinder eine Weile stillsitzen oder sich auf eine Sache konzentrieren können“, weiß Debora Velasquez, Schulleiterin an Merimas Schule. Da für die meisten Kinder die Schulzeit nach wenigen Jahren schon wieder endet, kommt Bildung zu kurz. Aber Mädchen und Buben, die nie ordentlich Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt haben, können der Armutsspirale kaum entkommen. Sie enden oft – wenn sie überhaupt Arbeit finden – als schlecht bezahlte Tagelöhner oder wie Merimas Vater als illegale Arbeiter im Ausland, was ihnen auch als Erwachsenen wieder nur ein mehr schlechtes als rechtes Überleben erlaubt.

Jedes Kind hat das Recht auf Bildung und Zukunft

Kinder wollen das Leben entdecken, Lesen lernen, von Berufen träumen, eine Perspektive haben, in Frieden und Freiheit aufwachsen – und sie haben jedes Recht dazu! Kinder haben Rechte, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in der UN-Kinderrechtskonvention bereits vor mehr als 30 Jahren festgeschrieben wurden. Dazu zählen unter anderm das Recht auf Bildung, auf Teilhabe, auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung sowie auf Schutz vor Gewalt.

Doch weltweit werden immer noch viel zu vielen Kindern und Jugendlichen ihre Kinderrechte verwehrt: Kindern, die nicht zur Schule gehen können. Kindern, die unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen. Kindern, die auf der Straße leben. Kindern, die keine Zukunftsperspektive haben. Ausbeuterische Kinderarbeit, Kinderhandel, Gewalt und Missbrauch bestimmen stattdessen das Leben vieler Mädchen und Buben. Schlimmste Kinderrechtsverletzungen, die nach wie vor in vielen Ländern tagtäglich passieren und gravierende Folgen für das weitere Leben dieser Kinder haben.

Ein Schulbesuch, der Kinderaugen leuchten lässt

Mit der lokalen Partnerorganisation Sadegua setzen wir uns in der Region rund um Santa Barbara für die Verwirklichung der Kinderrechte ein – Schutz vor Gewalt und Missbrauch, medizinische Versorgung und genug zu Essen, Schulbildung – ein. Merima wird in ihrem Recht, zur Schule zu gehen, durch umfassend geschulte Lehrer (inkl. zu Kinderrechten und Fördermöglichkeiten von Kindern mit Behinderungen) und mit qualitativ hochwertigem Unterrichtsmaterial in kinderfreundlicher Lernumgebung unterstützt. Außerdem haben ihre Eltern in Workshops erfahren, wie wichtig Schulbildung für die Zukunft ihrer Tochter ist, was Kinderrechte bedeuten, wie sie Merimas Gesundheit fördern sowie Anzeichen von Gewalt und Missbrauch erkennen können. Das kleine Mädchen selbst kann im Schulparlament das Schulleben aktiv mitgestalten.

Jedes Kind hat das Recht auf Bildung. (Foto: James Rodriguez)
Laut Velasquez verlieren die Kinder wichtige Zeit, „wenn sie nicht schon früh ihre motorischen und geistigen Fähigkeiten entwickeln können.“ (Foto: James Rodriguez)

Merima wurde im Kindernothilfe-Projekt durch das Sadegua-Team in den letzten zwei Jahren gut auf die Schule vorbereitet. „Kaum ein Kind kann einen Stift halten, wenn es zu uns in die Schule kommt“, sagt Schulleiterin Debora Velasquez. Mit Malen, Kneten und Basteln werden sie nun kindgerecht gefördert. Inzwischen kann sie sich auf den Unterricht konzentrieren und übt fleißig für die Schule. Sie freut sich wie eine Schneekönigin endlich lernen zu dürfen und so später einmal die Möglichkeit zu haben, ihre großen Pläne für die Zukunft verwirklichen zu können. Aber das ist für viele andere Kinder aus ärmsten Verhältnissen nicht selbstverständlich.

Merimas besucht die erste Klasse in Santa Barbara und ihre Augen strahlen, denn sie kann endlich lesen, schreiben und rechnen! Das war nicht immer so! Denn für viele Mädchen und Buben in Guatemala ist eine gute Schulbildung leider alles andere als selbstverständlich. Wie überall auf der Welt, wo[...]

weiterlesen

Eine Zukunft für Kinder?

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtige Ungleichheiten und aggressive Marketingpraktiken für Fast Food, stark zuckerhaltige Getränke, Alkohol und Tabak würden die Gesundheit und Zukunft von Kindern weltweit gefährden, heißt es in dem im Februar veröffentlichten Bericht.

Ökologische Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sind Grundvoraussetzungen, um Kindern ein sicheres Aufwachsen mit Zukunftsperspektive zu ermöglichen.

A future for the world’s children? (WHO, UNICEF, The Lancet)

Es wurden vier Schlüsselbereiche geprüft und für jeden entsprechende Empfehlungen abgegeben: Frühzeitige Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Kindern; Reduktion von Treibhausgasen als Mittel zum Schutz der Zukunft von Kindern; das Problem des „kommerziellen Schadens“ für Kinder; und die Schlüsselrolle, die Regierungen bei der Gewährleistung von Fürsorge und Schutz aller Kinder spielen sollten. Eine der wichtigsten Beobachtungen wurde im Zusammenhang mit dem Klimawandel gemacht, für den bestimmte Teile unserer Gesellschaft verantwortlich zeichnen. „Während die ärmsten Länder der Welt prinzipell noch einen langen Weg vor sich haben, um ein gesundes Aufwachsen von Kindern entsprechend fördern zu können, bedrohen die Industrienationen die Zukunft aller Kinder durch klimaschädliche Schadstoffbelastung.“ Laut Anthony Costello, Professor für globale Gesundheit und nachhaltige Entwicklung am University College London, gibt es eine Vielzahl von Gegensteuerungsmaßnahmen, die wohlhabendere Länder ergreifen können. Dazu zählen die Streichung von Subventionen für fossile Brennstoffe aus Öl, Gas und Diesel, für die Regierungen mehr als 5 Billionen US-Dollar pro Jahr ausgeben und das obwohl erneuerbare Energien ohnehin billiger und wirtschaftlicher sind als fossile Brennstoffe. Auch die Förderung von Elektromobilität und öffentlichem Verkehr könnten einen wesentlichen Beitrag leisten. Weiteres Potenzial sieht Costello in der Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten, unter anderem durch die Förderung einer gesünderen, weniger auf rotem Fleisch und Milchprodukten basierenden Ernährung, durch drastische Reduktion der Lebensmittelverschwendung genauso wie durch verstärkten Konsum von lokal und ökologisch nachhaltig produzierten Lebensmitteln. So sollte der Übergang zu einem kohlenstoffärmen Lebenswandel möglich werden.

Eine weitere wichtige Beobachtung in dem Bericht betrifft die ernsten Folgen der „Kommerzialisierung“, denn „das Gewinnmotiv des Wirtschaftssektors birgt viele Bedrohungen für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern, nicht zuletzt durch Umweltschäden, die durch die nicht regulierte Industrie verursacht werden.“ Mädchen und Buben auf der ganzen Welt seien enormem Werbeeinfluss ausgesetzt und Unternehmen würden mit aggressiven Marketingtechniken ihre Entwicklungsanfälligkeit ausnützen sowie mit Produkten ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen. In manchen Ländern werden Kinder und Jugendliche mit mehr als 30.000 Werbeanzeigen im Fernsehen pro Jahr bombardiert. Jene für Fast Food und stark zuckerhaltige Getränke fördern den Konsum ungesunder Lebensmittel, wodurch Übergewicht und Fettleibigkeit zunehmen. So sind heute elf Mal mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig als noch vor 45 Jahren. Durch den negativen Einfluss auf das Kindeswohl müssen genau diese kommerziellen Unternehmen in die Pflicht genommen werden, selbst wenn sie für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum unabdingbar sind. Kinder müssten vor „süchtig machenden oder ungesunden Waren“ wie Fastfood, Alkohol, Tabak, Glücksspiel und soziale Medien geschützt werden.

Klimawandel, Übergewicht und schädliche Werbe- und Marketingpraktiken führen dazu, dass Kinder Gefahren ausgesetzt sind, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar schienen. Deshalb sind tiefgreifende Veränderungen nötig: Jede Regierung muss die Rechte von Kindern ins Zentrum ihrer Politik stellen und ihr Wohlergehen zum Maßstab ihres Handelns machen.

Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin

Forderungen der Expertenkommission

  • signifikante Reduktion des CO2-Ausstoßes, um Kindern eine Zukunft zu ermöglichen;
  • Fokusierung aller Maßnahmen zur Verwirklichung der nachhaltigen Entwicklungsziele auf Kinder und Jugendliche;
  • neue politische Initiativen und verstärkte Investitionen in Kindergesundheit und die Umsetzung der Kinderrechte;
  • Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen relevanten politischen und gesellschaftlichen Prozessen;
  • strengere Regulierung schädlicher Werbemaßnahmen auf nationaler Ebene und Ergänzung der UN-Kinderrechtskonvention um ein neues Zusatzprotokoll.

Eine Zukunft für die Kinder der Welt? Aktuell wäre keine Nation der Welt in der Lage, Kindern Sicherheit, Gesundheit und angemessenes Umfeld zu gewährleisten, lautet das Fazit von WHO, UNICEF und The Lancet. Klimawandel, ökologische Zerstörung, Bevölkerungsmigration, Konflikte, allgegenwärtig[...]

weiterlesen