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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

27. Januar 2022

Chiles Kinderarbeiter in Zeiten der Pandemie

Phasen globaler Krisen waren schon immer ganz schlechte Zeiten für Kinderrechte. Die dramatisch gestiegene Zahl an Kinderarbeiter*innen ist nur ein Indiz dafür. Die spürbare Verschlechterung ihres Alltags ein weiteres. Denn dass Familien auf die informellen Arbeit ihrer Töchter und Söhne angewiesen sind, war schon vor Corona der Fall. Doch mit dem Wegfallen der Schulen als zumindest temporären Schutzräumen müssen die rund 160 Millionen arbeitenden Mädchen und Jungen jetzt länger und vielfach unter schlechteren Bedingungen arbeiten. Dadurch ist ihr Recht auf Bildung ist stärker gefährdet als zuvor. Genauso wie ihre Zukunft.

COVID-19 zwingt mehr Kinder zur Arbeit

Aktuell sehen sich weltweit rund 160 Millionen bzw. eines von zehn Kindern zwischen fünf und 17 Jahren gezwungen zu arbeiten. 8,4 Millionen mehr als noch vor vier Jahren. Fast die Hälfte von ihnen ist dabei ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen ausgesetzt. Das setzt Gesundheit, Sicherheit, Ausbildung und persönliche Entwicklung dieser Kinder aufs Spiel. Dabei erfassen die jüngsten Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) lediglich die Anfangsphase der COVID-19-Pandemie. Schätzungen gehen davon aus, dass bis Ende 2022 weltweit weitere neun Millionen Mädchen und Buben in Kinderarbeit gedrängt werden könnten. Dabei sieht das Ziel 8.7 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung vor, jegliche Form von Kinderarbeit bis 2025 zu beseitigen.

Keine Zeit zum Spielen. Corona hat die nach wie vor traurige Realität für rund 160 Mio Kinderarbeiter:innen weltweit verschlechtert (wie hier in einem Steinbruch in Guatemala, Foto: Kindernothilfe)
Keine Zeit zum Spielen. Corona hat die nach wie vor traurige Realität für rund 160 Mio Kinderarbeiter:innen weltweit verschlechtert (wie hier in einem Steinbruch in Guatemala, Foto: Kindernothilfe)
Jobverlust und Schulschließungen erklären den bitterer Rückschlag

Seit Beginn der Pandemie sind (extreme) Armut und damit Hunger in vielen Ländern stark gestiegen. Das Einkommen der Eltern reicht selten bis gar nicht, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Deshalb müssen immer mehr Kinder mit ihrer informellen Arbeit zum Lebensunterhalt beitragen. Corona-bedingter Erwerbsverlust der Erwachsenen und Schulschließungen haben die Hemmschwelle weiter sinken lassen. Der ILO-Bericht sieht dabei speziell diejenigen Mädchen und Buben gefährdet, die bereits vor der Pandemie als Kinderarbeiter*innen tätig waren. Denn Schulen haben ihnen zumindest temporäre Schutzräume ermöglicht. Jetzt müssen sie länger und vielfach unter schlechteren Bedingungen arbeiten. Und werden in vielen Fällen in die schlimmsten Formen von Kinderarbeit gezwungen.

Chile: Heimlich Verschlechterung für Kinderarbeiter*innen

Das Schwellenland Chile erlebt bereits seit Oktober 2019 und dem Beginn der landesweiten Revolte gegen das neoliberale Wirtschafts-, Finanz- und Politiksystem den extremsten Niedergang seit Jahrzehnten. Nicht erst als Folge der Pandemie befindet sich der 31. OECD-Mitgliedsstaat in einem sozialen und wirtschaftlichen Abwärtsstrudel. Was arbeitende Kinder dabei als Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen erleben, manifestiert sich eher im Schatten. Leise und von der Öffentlichkeit im Land kaum wahrgenommen. Sechs Mädchen und Buben im Alter zwischen zehn und 15 Jahren aus der Hafenstadt Coronel in Südchile und der Nordperipherie der Hauptstadt Santiago de Chile schildern, wie sie ihren veränderten Alltag und ihre Arbeitssituation erleben.

Vor der Pandemie kamen die Mädchen und Jungen nach der Arbeit ins Zentrum des Kindernothilfe-Projektpartners Protagoniza, um den Unterrichtsstoff aufzuarbeiten. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Vor der Pandemie kamen die Mädchen und Jungen nach der Arbeit ins Zentrum des Kindernothilfe-Projektpartners Protagoniza, um den Unterrichtsstoff aufzuarbeiten. (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Antonio ist Fischer

Seit er acht Jahre alt ist, fischt der 13-Jährige im Golfo de Arauco vor der Küste von Coronel. Und zwar immer spätabends, denn dann ist Flut. Dafür muss er sich an den Marine-Soldaten, die den Strand kontrollieren, vorbeischleichen. Sonst kommt er nicht zu seinem kleinen Boot und kann nicht unbemerkt hinausrudern.

Wandbild von Antonio auf einer Mauer in der Población Salvador Allende (Foto: Benjamin aus dem Projekt Protagoniza)
Wandbild von Antonio auf einer Mauer in der Población Salvador Allende (Foto: Benjamin aus dem Projekt Protagoniza)

„Wegen Corona gibt es Ausgangssperren. Deshalb darf ich mich auch nicht von den Pacos (Polizisten) auf dem Weg zum Strand erwischen lassen. Manchmal, wenn starker Wind weht und die See rau ist, muss ich abbrechen und unverrichteter Dinge zurückkehren. An guten Tagen kann ich die Fische, die ich gefangen habe, direkt am Strand verkaufen. Was ich nicht loswerde, bringe ich nach Hause mit. Dann haben wir wenigstens etwas zu essen. Mit dem Schulunterricht online klappt es nicht immer. Wegen der Arbeit am späten Abend bin ich oft am anderen Morgen noch sehr müde.“

Carlos will den Anschluss in der Schule nicht verlieren

Aber der 13-Jährige muss auf dem Markt in Coronal mithelfen, weil seine Familie das Geld dringend braucht. Jeden Tag erlebt er, wie sich die Leute, die auf den Markt kommen, einschränken müssen. Um jedes Kilo Kartoffeln wird gefeilscht. Oft werden nur ganz kleine Mengen eingekauft, für mehr reicht es einfach nicht. Das war vor Corona anders. Aber hier in Coronel haben so viele Erwachsene die Arbeit verloren, vor allem auch, weil unten am Hafen nichts mehr los ist. Als die Regierung wochenlange Quarantänen verhängte, wurde den Arbeitern einfach gekündigt. Jetzt versuchen die Leute, irgendetwas anderes zu tun, um ein bisschen Geld zu verdienen. Aber wenn kaum jemand etwas zum Ausgeben hat, ist das schwierig.

„Meine Eltern haben sich mit Corona angesteckt. Wir mussten einen ganzen Monat mit allen im Haus bleiben, niemand durfte raus. Am Ende haben wir die Nachbarn um Hilfe gebeten, weil wir überhaupt nichts mehr zu essen hatten. Das war eine ganz schlimme Zeit. Zum Glück sind jetzt alle wieder gesund.“

Mario versucht, sich mit Maske und Handschuhen zu schützen

Um 6 Uhr in der Früh geht es für den 14-Jährigen los: Aufbauen, Obstkisten schleppen, den Stand herrichten. Abends so gegen 17 Uhr ist er fertig. An guten Tagen kann er mit seiner Arbeit auf dem Markt in Coronal rund 10.000 Pesos (11 Euro) verdienen. „Und die brauchen wir zu Hause wirklich dringend.“

Wenn die Regierung Lockdowns anordnet, muss er trotzdem raus. „Was mir Angst macht, ist, dass viele Leute immer noch nicht verstanden haben, wie gefährlich Corona ist. Wir haben vor dem Marktstand ein Seil gespannt, damit die Kunden nicht zu nahekommen. Trotzdem kommen ständig Leute ohne Masken auf den Markt und halten keinen Abstand.“

Abends nach der Arbeit versucht der 14-Jährige, den Schulunterricht des Tages auf dem Handy anzuschauen. „Das schaffe ich aber nicht immer, weil ich einfach zu ausgepowert bin.“ So geht es ganz vielen aus Marios Klasse.

Bernadita sehnt ihr altes Leben zurück
Bernadita geht es wie vielen Kinderarbeiter:innen in Coronel: Die Corona-Pandemie hat es noch schwerer gemacht, Arbeit und Schule unter einen Hut zu bringen (Foto: Victor Zavaleta Carbajal)
Bernadita geht es wie vielen Kinderarbeiter*innen in Coronel: Die Corona-Pandemie hat es noch schwerer gemacht, Arbeit und Schule unter einen Hut zu bringen (Foto: Benjamin aus dem Projekt Protagoniza)

Die Eltern der 15-Jährigen haben durch Corona ihre Arbeit verloren. Wie so viele andere auch in Chile. Deshalb haben sie anfangen, zu Hause Brot zu backen und dann zu verkaufen. Das ist jetzt Bernaditas Arbeit. Außerdem arbeitet sie – wenn das Internet funktioniert – in den sozialen Netzwerken, um irgendwelche Dinge, vor allem Kleidung, aber auch Haushaltsgegenstände zu verkaufen. „Da geht ganz schön viel Zeit drauf, und der Verdienst ist oft sehr gering. Trotzdem kenne ich viele andere Kinder, die ebenfalls angefangen haben, ständig irgendetwas zu verkaufen.“

Mit dem Online-Unterricht und der Schule tut sie sich schwer. Seit fast anderthalb Jahren gibt es keinen Unterricht im Klassenzimmer mehr. Ganz viele ihrer Schulkamerad*innen haben keine guten Handys oder Laptops, um dem Unterricht folgen zu können. Außerdem fällt der Strom oft aus oder das Internet ist zu schwach.

Jeancarlo tanzt den chilenischen Nationaltanz „Queca“

Er kommt aus Peru. Er lebt mit seiner Mutter und seinem Bruder in Vivaceta im Stadtteil Indendencia, Santiago. Die alleinerziehende Frau arbeitete viele Jahre illegal als Hausangestellte puerta adentro (also ohne abends nach Hause zurückkehren zu dürfen) für eine chilenische Familie. Als Corona ausbrach, wurde sie sofort entlassen. „Für uns begann im März 2020 ein Albtraum. Wir hatten ganz schnell nichts mehr zu essen. Nur durch die ollas comunes (Suppenküchen) und die Lebensmittel- und Hygienepakete kamen wir irgendwie über die Runden.“

Jeancarlo hat eine neue Geldquelle entdeckt: „Queca“ (Foto: Victor Zavaleta Carbajal)
Jeancarlo hat eine neue Geldquelle entdeckt: „Queca“ (Foto: Victor Zavaleta Carbajal)

Dann fingen Jeancarlo, sein Bruder und seine Mutter an, Kunsthandwerk herzustellen. Die Kunstledergegenstände verkaufen sie dann auf der Straße. Der Bursche zieht mit einem kleinen Wägelchen los und bietet den Leuten ihre Waren an, die sie zu Hause angefertigt haben. Manchmal ergattert er auch einen Job auf einer Baustelle. Oder er tanzt für eine kleine Spende mit einer Freundin vor der Markthalle. „Mir hilft es, zu arbeiten und so meine Mutter unterstützen zu können.“

Was die Schule anbelangt, hatte der Bub das Glück, dass seine Mutter, als sie noch Geld verdiente, einen gebrauchten Computer kaufen konnte. „So schaffe ich es an einigen Tagen, beim Online-Unterricht dabei sein. Ich schätze mal, dass wir nur noch die Hälfte der Kinder aus unserer Klasse sind, der das gelingt. Aber ich würde mir so wünschen, einen etwas besseren Computer zu haben.“

Sahory arbeitete am Fischstand, jetzt kocht sie

Morgens um 7 Uhr ging es los. Gegen 18 Uhr war sie fertig. Mit acht Jahre alt fing die heute 15-Jährige an, ihrer Mutter am Fischstand zu helfen. Sie nahme die Fische aus, bediente Kunden und kassierte. Lohn bekam sie dafür keinen, denn der Marktstand war von ihrem Onkel gepachtet. Da in den schlimmsten Phasen der Corona-Pandemie deutlich weniger Leute auf den Markt kamen und weniger Geld für Fisch ausgaben, waren die wirtschaftlichen Verluste heftig. Auch weil die Standmiete nicht gesenkt wurde. „Ganz schlimm aber wurde es, als sich meine Mutter mit Corona und danach mit einer schweren Lungenentzündung ansteckte. Da konnten wir nicht mehr auf den Markt.“ Seitdem beginnen Mutter und Tochter um sechs Uhr in der Früh, zu Hause peruanisches Essen zuzubereiten. Sahory zieht dann los und versucht, das Essen auf der Straße zu verkaufen.

Die Corona-Pandemie verschlechterte Sahorys Arbeitsalltag am Fischstand (Foto: Kindernothilfe Partner)
Die Corona-Pandemie verschlechterte Sahorys Arbeitsalltag am Fischstand (Foto: Victor Zavaleta Carbajal)

„Ich spüre, dass sich die Stimmung im Land massiv verändert hat: Schon am Fischstand fiel mir auf, wie schlecht es vor allem älteren Menschen geht. Sie haben nur noch ganz wenig im Geldbeutel und die größte Angst, sich mit Corona anzustecken. Und als die Regierung dann für kurze Zeit Lebensmittelkartons verteilte, war das das pure Chaos. Leute, die wussten, dass wir so viele Jahre an einem Fischstand gearbeitet hatten, klopften immer wieder bei uns an. Sie bettelten um etwas zu essen, auch als wir selbst schon nichts mehr hatten. Das hat uns sehr traurig gemacht.“

Was die Schule anbelangt, konnte das Mädchen dem Online-Unterricht nicht folgen. Sie hatte große Schwierigkeiten und fühlte sich durch die komplizierte Situation zu Hause extrem gestresst. Dazu kam, dass der Online-Unterricht in ihrer Schule monatelang nicht reibungslos funktionierte. Sahory hatte zunächst gar keinen Computer, erst sehr viel später lieh ihr die Schule dann doch ein Tablet. Trotzdem hat ihre Familie jeden Peso gespart, um das Internet bezahlen zu können. Dank des Teams im Projekt schaffte sie es mit anderen Kindern zusammen, zumindest einen Teil des Unterrichtsstoffs aufzuholen und Lücken zu schließen.

Sahory musste lernen, sich zu verteidigen

„Was mir insgesamt auffällt, ist, wie der Rassismus in Chile durch Corona noch brutaler geworden ist. Die chilenische Gesellschaft war immer schon sehr rassistisch, feindlich und aggressiv gegenüber denjenigen, die aus ärmeren Ländern hierherkommen. Die Angst unter uns Immigranten hat zugenommen.“

Aber das hatte das junge Mädchen schon vor der Pandemie in der Schule gespürt. Da gab es Mobbing und sehr viel Diskriminierung gegnüber Schüler*innen mit dünklerer Hautfarbe. Am brutalsten würde mit Menschen aus Haiti umgegangen, die meist keine Dokumente besitzen. Was sie selbst anlangte, musste sie lernen, sich zu verteidigen. Sie suchte nach klugen Strategien, um sich vor dem Rassismus in ihrem Umfeld zu schützen und sich durch aggressive Sprüche und Gesten nicht verletzten zu lassen. „Das wichtigste ist, keine Angst zu zeigen – auch nicht gegenüber der Polizei bei Kontrollen auf der Straße. Deshalb interessiere ich mich sehr für meine Rechte. Mein großer Traum wäre, entweder Sozialarbeiterin oder Anwältin zu werden.“

Jugendgruppe aus dem Projekt Niñas y Niños sin Fronteras (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Jugendgruppe aus dem Projekt Niñas y Niños sin Fronteras (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Danksagung: Ganz herzlichen Dank an Antonio, Mario, Bernadita und Carlos aus Coronel – sowie Jeancarlo und Sahory aus Santiago für ihre Beiträge – sowie den beiden Sozialarbeitern Alejandro Gutiérrez und Amanda Bélen aus dem Protagoniza-Team – genauso wie der Pädagogin und Anwältin María Elena Vásquez Rodríguez vom Kindernothilfe-Projekt Niñas y Niños sin Fronteras für die Kindesschutz-Begleitung der hier dokumentierten Gespräche und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE für die logistische Vorbereitung der Online-Interviews.

Phasen globaler Krisen waren schon immer ganz schlechte Zeiten für Kinderrechte. Die dramatisch gestiegene Zahl an Kinderarbeiter*innen ist nur ein Indiz dafür. Die spürbare Verschlechterung ihres Alltags ein weiteres. Denn dass Familien auf die informellen Arbeit ihrer Töchter und Söhne angewi[...]

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21. Januar 2022

Haiti: Ein Land inmitten von Krisen und Chaos

Vor 12 Jahre erschütterte das schwerste Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas Haiti nachhaltig. Seitdem sucht man Ruhe und Stabilität im krisengebeutelten Karibikstaat vergeblich. Kriminelle Banden haben die Kontrolle über die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince übernommen und bedrohen das Leben aller. Elmide Osse Pierre, unsere Mitarbeiterin vor Ort, berichtet von der aktuellen Situation im Land.

Haiti nach dem Hurrikan Matthew (Foto: Kindernothilfe-Partner)
Haiti nach dem Hurrikan Matthew (Foto: Kindernothilfe-Partner)

Staatliche Strukturen zusammengebrochen

In den letzten fünf Jahren war Haiti Schauplatz verschiedener sozio-politischer und wirtschaftlicher Spannungen. Die ohnehin prekären Lebensbedingungen verschlechterten sich in dieser Zeit. Die Regierung wurde daraufhin zur Zielscheibe der Opposition, die in 2018 und 2019 teilweise sehr gewalttätig vorging und in mehreren Fällen zu einer fast vollständigen Blockade der Regierungsarbeit führte. In 2021 kam es dann zu einem Zusammenbruch der staatlichen Institutionen, die ein letztes Bollwerk der Demokratie darstellten. Das Parlament umfasste nur noch ein Drittel seines Senats. Zahlreiche Stellen im Justizsystem waren nicht besetzt. Behörden der öffentlichen Verwaltung wurden für persönliche Zwecke unterworfen. Als am 7. Juli 2021 der Präsident der Republik in seiner Privatresidenz ermordet wurde, vervollständigte sich das düstere Bild. Entführungsfälle und Konflikte zwischen bewaffneten Banden eskalieren unter den hilflosen Augen einer machtlosen Nationalpolizei. Es herrscht das totale Chaos.

Flucht als einziger Ausweg

Aktuell belegt Haiti den 168. Platz von 180 Ländern mit der höchsten Korruption. Das Land versinkt in bösartiger Gewalt. Banden beherrschen alle Viertel im Stadtgebiet und in den angrenzenden Gebieten, während die Mittelschicht und wirtschaftliche Elite des Landes immer weiter enteignet werden. Migration ist zur einzigen Zuflucht für junge Menschen und ihre Familien geworden. Sie wollen aus einem Land fliehen, in dem sie glauben, dass ihre Träume niemals in Erfüllung gehen werden. Zu den beliebtesten Zielen gehören das amerikanische Eldorado, Kanada, Mexiko, Chile, Brasilien und die Dominikanische Republik.  Daher wird Haiti auch als „failed state“ bezeichnet. Die derzeitige Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, ein neues Kabinett zu bilden, die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen, die Verfassung zu reformieren und allgemeine Wahlen abzuhalten. Die beiden letztgenannten Ziele wurden bereits vom verstorbenen Präsidenten gesetzt.

Massive Bandengewalt legt das öffentliche Leben Haitis weitgehend lahm (Foto: Kindernothilfe)
Massive Bandengewalt legt das öffentliche Leben Haitis weitgehend lahm (Foto: Kindernothilfe)

Pandemische Lage verschärft die Situation

Die ersten Covid-19-Fälle tauchten im März 2020 in Haiti auf. Am 24. November 2021 belief sich die Gesamtzahl der Infektionsfälle in Haiti auf 24.950, darunter 719 Todesfälle. Wie in anderen Ländern der Welt wird auch in Haiti die Bevölkerung aufgefordert, sich impfen zu lassen. Jedoch zeigt die Bevölkerung kein großes Interesse daran. Das mag auch an dem vergleichsweise späten Start der Impfkampagne im Juli 2021 liegen. Haiti befindet sich bereits in der vierten Welle von Covid-19 (Beginn 20. September 2021), die zu bereits 3353 Fälle und 109 Todesfälle geführt hat. Bis zum 1. Januar 2022 waren jedoch erst insgesamt 75.028 Personen vollständig geimpft. Also nur 0,7 % der gesamtem Bevölkerung des Karibikstaates.

Nur wenige Haitianer*innen sind gegen Corona geimpft (Foto: Kindernothilfe)
Nur wenige Haitianer*innen sind gegen Corona geimpft (Foto: Kindernothilfe)

Hunderttausende Kinder haben keinen Zugang zu Bildung

Angesichts der allgemeinen Notlage im Land bleiben viele Grundrechte außen vor. Auch der Bildungssektor ist davon betroffen. Die Zahlen sind alarmierend. Bis 2021 sind mehr als 80 % der Grundschulen nicht staatlich und werden gleichzeitig von mehr als 80 % aller Schüler besucht. Einer Studie aus 2017 zufolge gehen über 320.000 6- bis 14-Jährige nicht zur Schule. Rund 160.000 Kinder im Alter von 15 bis 11 Jahren besuchen keine Schule. Insgesamt sind fast 500.000 Kinder im Alter von 5-18 Jahren vollständig vom haitianischen Schulsystem ausgeschlossen.  Und etwa eine Million Kinder laufen Gefahr, das System zu verlassen, ohne ihre Schulausbildung abzuschließen.In einem solchen Kontext werden bestimmte Rechte völlig ignoriert, da sich die Prioritäten auf andere Bereiche konzentrieren. Der Bildungssektor ist von dieser Regel nicht ausgenommen. Die Zahlen sind alarmierend. Bis 2021 sind mehr als 80 % der Grundschulen nicht staatlich und werden von mehr als 80 % aller Schüler besucht. Einer Studie zufolge, die 2017 im Erhebungszeitraum von 2011 bis 2015 durchgeführt wurde, gehen über 320.000 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren nicht zur Schule, rund 160.000 Kinder im Alter von 15 bis 11 Jahren besuchen keine Schule. Insgesamt sind fast 500.000 Kinder im Alter von 5-18 Jahren vollständig vom haitianischen Schulsystem ausgeschlossen.  Und etwa eine Million Kinder laufen Gefahr, das System zu verlassen, ohne ihre Schulausbildung abzuschließen.

Die Krise ist vielschichtig

Am 14. August 2021 erlebte der krisengebeutelte Karibikstaat ein weiteres tragisches Erdbeben. Mit einer Stärke von 7,2 auf der Richterskala erschütterte es die südlichen Departements Nippes, Sud und Grande’Anse. Das Erdbeben ereignete sich um 8:30 Uhr (Ortszeit) 12 km vor der Stadt Saint-Louis-du-Sud, die etwa 160 km von der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince entfernt liegt. Dieses schreckliche Ereignis forderte mehr al 2200 Todesopfer, zusätzlich zu den über 12.000 Verletzten. Zahlreiche Gebäude, in denen Schulen, Kirchen, Geschäfte und Familien untergebracht waren, stürzten bei dem gewaltigen Beben ein. Hunderte Bewohner waren dadurch unter Betonplatten gefangen.

Ein Mädchen am Bett seiner verletzten Mutter im Hospital Général in Les Cayes; der Vater wurde bei dem Erdbeben getötet, der Bruder ist ebenfalls schwer verletzt (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)
Ein Mädchen am Bett seiner verletzten Mutter im Hospital Général in Les Cayes; der Vater wurde bei dem Erdbeben getötet, der Bruder ist ebenfalls schwer verletzt (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

UNICEF schätzt, dass 1,2 Millionen Menschen, darunter 540.000 Kinder, von dem Erdbeben betroffen waren. Viele Kinder müssen auch heute noch mit ihren Familien im Freien übernachten und starke Nachbeben versetzten die Bevölkerung über Monate in Panik. Das Erdbeben hat die Verletzlichkeit dieser Kinder, die oft schon unter extremer Armut, Hunger und Gewalt litten, zusätzlich verstärkt.

Vor 12 Jahre erschütterte das schwerste Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas Haiti nachhaltig. Seitdem sucht man Ruhe und Stabilität im krisengebeutelten Karibikstaat vergeblich. Kriminelle Banden haben die Kontrolle über die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince übernommen und bed[...]

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8. Januar 2022

Corona-Pandemie: Weitere 100 Millionen Menschen in der Armut

Die Vereinten Nationen haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die extreme Armut bis zum Jahr 2030 zu beseitigen. Eine Reihe globale Probleme, wie die Coronavirus-Pandemie, anhaltende militärische Konflikte und die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels gefährden den Erfolg.

Schätzungen gehen davon aus, dass aktuell mehr als 700 Millionen Menschen weltweit in Armut leben und mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen müssen. Das sind 100 Millionen mehr als noch 2020, der erste Anstieg seit 20 Jahren und eine direkte Folge der Pandemie, so der Weltbankbericht vom Oktober 2021. Fast 25 Jahre lang war die extreme Armut – das erste der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen – stetig zurückgegangen. Nun hat das Bestreben, die Armut zu beenden, zum ersten Mal seit einer Generation einen Rückschlag erlitten, heißt es in dem Bericht.

Vor allem für die indigene Bevölkerung in Guatemala und Honduras ist der Klimawandel mehr als nur ein Umweltproblem. (Foto: Jakob Studnar)
Vor allem für die indigene Bevölkerung in Guatemala und Honduras ist der Klimawandel mehr als nur ein Umweltproblem. (Foto: Jakob Studnar)

Multidimensionale Armut

Sir Richard Jolly vom Institute of Development Studies in Sussex, Großbritannien, ist ein „Fan“ des UNDP Human Development Report. „Für mich ist die multidimensionale Armut ein realistischerer und relevanterer Indikator.“ Er berücksichtigt die Lebenserwartung, den Zugang zu Bildung und das Einkommen der ärmeren Bevölkerungsschichten, also derjenigen, die unter einem Armutsmaß oder dem Medianeinkommen liegen. Zum Beispiel die Anzahl und der Prozentsatz der Bevölkerung, die in vielen Ländern weniger als 10.000 Dollar zur Verfügung haben, in einigen Ländern, insbesondere in Afrika, sogar weniger. Auch wenn die Armut nach Einkommensmaßstäben zunehme, sei ein mehrdimensionales Maß viel besser, so der Experte.

Agenda 2030

Die Beseitigung der Armut steht im Mittelpunkt der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und ist das erste der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Trotzdem nehmen Armut und Hunger nach Jahrzehnten des Fortschritts wieder zu. Laut UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat die Pandemie Herausforderungen wie strukturelle Ungleichheiten, unzureichende Gesundheitsversorgung und das Fehlen eines universellen Sozialschutzes sowie den hohen Preis, den die Gesellschaften dafür zahlen müssen, „offengelegt“.

In 2022 werden unsere Hoffnungen für die Zukunft auf die Probe gestellt werden: durch die Verschärfung der Armut und die zunehmende Ungleichheit, durch die ungleiche Verteilung von COVID-Impfstoffen, durch Klimaverpflichtungen, die ihre Ziele verfehlen, und durch anhaltende Konflikte, Spaltungen und Fehlinformationen. „Dies sind nicht nur politische Tests. Es sind moralische und lebenspraktische Tests. Und es sind Tests, die die Menschheit bestehen kann – wenn wir uns verpflichten, das Jahr 2022 zu einem Jahr der Erholung für alle zu machen.

Antonio Guterres

Globale Armut und Ungleichheit

Vicente Paolo Yu, vom Third World Network, sieht den Rückschlag im Kampf gegen die weltweite Armut durch die Covid-Pandemie im Jahr 2020 verantwortlich für die verschärften Auswirkungen anderer Krisen wie Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Entwicklungsgefälle auf die Armen in der Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern. „Globale Armut und Ungleichheit zwischen und in allen Ländern, der Klimawandel, der Verlust der biologischen Vielfalt und ungleiche Reaktionen auf Pandemien gehören zu den gegenwärtigen Ergebnissen historischer Ungerechtigkeiten gegenüber dem Globalen Süden, die im Namen der westlichen Zivilisation und der Globalisierung begangen wurden“, so der Jurist und Ökonom. „Die Vergangenheit ist Teil unserer Gegenwart, die unsere Zukunft prägt. Diese Krisen sind miteinander verknüpft und können nicht durch vereinzelte Bemühungen oder in Silos wirksam bekämpft werden.“

Existenz- und Ernährungssicherung in Burundi: Eine Mutter versorgt ihr Kind mit Nahrung. (Foto: Kindernothilfepartner)
Existenz- und Ernährungssicherung in Burundi: Eine Mutter versorgt ihr Kind mit Nahrung. (Foto: Kindernothilfepartner)

Globale Armut und Ungleichheit bestehen nicht, weil die Menschen in ihren eigenen Häusern und Gemeinden nicht hart arbeiten, sondern weil die Art und Weise, wie das globale Wirtschafts-, Finanz- und Handelssystem aufgebaut ist, es armen Völkern und Ländern erschwert, aus der Armut herauszukommen, argumentierte er. Die Entwicklungsländer, denen es in jüngster Zeit gelungen sei, die Armut zu verringern, seien diejenigen gewesen, die eine vielfältige Entwicklungspolitik betrieben hätten, sagt Yu. Armut und Ungleichheit sind also keine natürlichen Phänomene, sondern werden durch die Handlungen und Entscheidungen menschlicher Gesellschaften hervorgerufen. Sie können auch durch menschliche Entscheidungen wieder rückgängig gemacht werden, ergänzt er.

Wenn es nicht gelingt, an allen Fronten gemeinsam als menschliche Gemeinschaft gegen Armut und Ungleichheit und ihre verschiedenen Erscheinungsformen bei den Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels, des Verlusts der biologischen Vielfalt und der Bekämpfung von Pandemien vorzugehen, führt dies zur Verweigerung menschlicher Wahlmöglichkeiten und Chancen, zu Menschenrechtsverletzungen und zu mehr menschlicher Unsicherheit, Machtlosigkeit und Ausgrenzung für die Menschen, ihre Gemeinschaften und ihre Länder.

Vicente Paolo Yu

Die Bekämpfung dieser Probleme muss durch eine breit angelegte und systematische Anstrengung in der ganzen Welt erfolgen, die sich auf ein tiefes Gefühl der Dringlichkeit und ein Verständnis von Gleichheit und Gerechtigkeit als öffentliche Güter stützt, indem miteinander verknüpfte Maßnahmen in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Umwelt ergriffen werden. Es geht darum, die Bedingungen für Menschenwürde und ein menschenwürdiges Leben für alle zu schaffen, anstatt auf Almosen von den Reichen zu hoffen, fügt er hinzu. „Das Fortbestehen tiefer Armut und Ungleichheit für viele Menschen auf der ganzen Welt, verschärft durch die Klima-, Biodiversitäts- und Pandemiekrise, ist Ungerechtigkeit im großen Stil – vor allem, wenn man es mit den technologischen und industriellen Fortschritten und der Kapitalakkumulation einiger weniger vergleicht“.

SDG#1 "Keine Armut" weltweit zu erreichen ist in weitere Ferne gerückt (© Jakob Studnar)
SDG#1 „Keine Armut“ weltweit zu erreichen ist in weitere Ferne gerückt (© Jakob Studnar)

Es verstößt gegen alle Glaubensgrundsätze und den guten Willen der Menschen, sich zu weigern, gegen die Ungerechtigkeit der Armut vorzugehen. Wir sollten nicht einfach wegschauen und zur Nächstenliebe aufrufen. Wir müssen mit Mut und Überzeugung handeln, um Ungerechtigkeit zu korrigieren, Unrecht zu beseitigen und die Befreiung von Armut und Ungleichheit zu erreichen

Vicente Paolo Yu

Die Vereinten Nationen haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die extreme Armut bis zum Jahr 2030 zu beseitigen. Eine Reihe globale Probleme, wie die Coronavirus-Pandemie, anhaltende militärische Konflikte und die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels gefährden den Erfolg. Schätzungen ge[...]

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Wahlen in Chile: Ein Moment für die Geschichtsbücher

Mit Chiles neuem Präsidenten Gabriel Boric lebt die Hoffnung auf eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung.

Auch noch zwei Tage nach der historischen Stichwahl um das Präsidentenamt in Chile – und der Entscheidung zwischen dem rechtsnationalen Pinochet-Verteidiger José Antonio Kast und dem ehemaligen Anführer der Studierendenproteste im Jahr 2011 und heutigen Parlamentsabgeordneten Gabriel Boric – überschlagen sich die Medien mit Superlativen: Noch nie wurde in dem lateinamerikanischen Land ein so junger Politiker (35) zum Präsidenten gewählt. Und noch nie seit dem Ende des Militärregimes fiel das Ergebnis einer Stichwahl so eindeutig aus: 55,9 % für Boric, 44,1 % für seinen Gegenkandidaten Kast. Der Abgeordnete aus Punta Arenas, der südlichsten großen Stadt Chiles, der im Kongress in Valparaíso bislang die Region Magallanes und die chilenischen Antarktis vertrat, erhielt so viele Stimmen wie noch kein anderer Kandidat jemals vor ihm. Und noch nie hatten sich, seit in Chile die Wahlpflicht abgeschafft wurde, so viele Menschen an einer Abstimmung beteiligt, wie an diesem Sonntag, fast 57 %. Bei der Wahl seines Vorgängers, Sebastian Piñera – vor vier Jahren – waren es rund zehn Prozent weniger gewesen.

Cecilia Galleguillos am Plebiszit-Tag, 25.10.2020, bei der Abstimmung im Santiagoer Stadtteil Peñalolén. (Foto: Ximena Galleguillos)
Die Wahlbeteiligung war überwältigend (Foto: Ximena Galleguillos)

Doch viel entscheidender als all diese Statistiken ist die politische Wirkung dieser Wahl, die mittlerweile von vielen Kommentator*innen als die wichtigste seit dem historischen Plebiszit vom 5. Oktober 1988 bezeichnet wird, als eine Mehrheit mit ihrem Votum gegen eine weitere Amtszeit Pinochets stimmte und damit das Ende des Militärregimes einläutete. Gabriel Boric, der für das Bündnis „Apruebo Dignidad“ („Ich stimme für die Würde“), das auch von zahlreichen Organisationen aus der chilenischen Zivilgesellschaft unterstützt wurde, antrat, verpflichtete sich in seinem Wahlkampf, alles zu unternehmen, um den verfassungsgebenden Prozess und das Ringen um eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung zu unterstützen. Sein Gegenkandidat José Antonio Kast, der immer wieder betonte, wie sehr er sich dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro – sowie Donald Trump verbunden fühle, hatte während seiner Kampagne versprochen, den Beschlüssen der verfassungsgebenden Versammlung entschiedenen Widerstand entgegenzubringen und die „alte Ordnung“ im Land wiederherzustellen.

Ein ganz wichtiges Thema während des Wahlkampfs in Chile bildete der Umgang mit Migrant*innen: José Antonio Kast warb für eine extrem restriktive Politik gegenüber vor Gewalt und extremer Armut Geflüchteter. Er versprach, entlang der Grenze zu Peru und Bolivien ein unüberwindbares System aus tiefen Gräben und Hindernissen zu errichten sowie Zehntausende Menschen aus Haiti und Venezuela, die sich ohne gültige Aufenthaltspapiere in Chile befinden, außer Landes zu schaffen. Gebriel Boric setzte sich hingegen für die strikte Einhaltung der internationalen Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen, denen auch das südamerikanische Land beigetreten ist, ein.

Die Oktober-Aufstände 2019 (Foto: Jürgen Schübelin)
Die Chilen*innen gehen seit Jahren für Wandel auf die Straße! (Foto: Jürgen Schübelin)

Seit dem Beginn der sogenannten „Transición“ (des Übergangs vom Militärregime zu einem demokratischen System im Jahr 1990) hatte Chile keinen derart aufgeheizten, polarisierenden Wahlkampf erlebt wie in den Wochen vor diesem 19. Dezember. Vor allem die Kampagne von José Antonio Kast mit Fake News, offenem Rassismus, der Diffamierung der Frauenrechts- und der LGBTQ-Bewegung sowie der Verheißung von der Rückkehr zu einer autoritären Gesellschaftsordnung sorgte für ein extrem angespanntes Klima. Mit welch harten Bandagen Interessengruppen, die wie auch immer einen Wahlsieg von Boric verhindern wollten, kämpften, machte José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partner-Organisation Fundación ANIDE, am Wahlsonntag deutlich, als er ein selbstgedrehtes Video teilte. Darauf protestieren aufgebrachte Bürger vor einem Depot eines Omnibusunternehmens, das auf Konzessionsbasis für den öffentlichen Nahverkehr in den Armenvierteln im Süden der Hauptstadt Santiagos zuständig ist, sich aber weigerte, mit seinen Fahrzeugen den öffentlichen Linienverkehr zu bedienen. Die Folge: Möglicherweise Tausende Wahlberechtigte wurden daran gehindert, ihre jeweiligen Wahllokale zu erreichen. Auch wenn die amtierende Regierung unter Präsident Piñera bestritt, dass es eine derartige Boykott-Strategie zur Verhinderung der Stimmabgabe von Menschen aus den ärmeren Teilen Santiagos geben würde, waren die sozialen Medien am Wahltag und danach voll von einschlägigen Erfahrungsberichten Betroffener.

Die Erleichterung darüber, dass dennoch die Wahl eines Rechtsautokraten – und damit das Ende des im Oktober 2019 mit spontanen Massenprotesten begonnenen demokratischen Aufbruchs in Chile („El Despertar Chileno“) – hatten abgewendet werden können, brach sich in der Nacht von Sonntag auf Montag in Spontankundgebungen Hunderttausender im ganzen Land Bahn. José Horacio Wood schrieb, nachdem das vorläufige amtliche Endergebnis feststand, nach Duisburg: „Das war ein Wahlergebnis gegen alle Widerstände! Den Ausschlag gab, dass sich die Menschen nicht von der Angstmache haben lähmen lassen.“ Die Kindernothilfe-Partnerorganisationen in Chile erhoffen sich von der zukünftigen Regierung und der neuen Verfassung, über die Mitte des kommenden Jahres in einem Volksentscheid abgestimmt wird, substantielle Fortschritte vor allem beim Blick auf die Kinderechte und dem Schutz von Kindern vor Gewalt. Wichtig sind aber die Themen Bildungsgerechtigkeit, Zugang zu einer besseren öffentlichen Gesundheitsversorgung – sowie den Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. 

Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Jürgen Schübelin)
Auf dem Weg zu Kindes- und Jugendschutzgesetzen in Chile (Foto: Jürgen Schübelin)

Am 11. März 2022 wird die neue Regierung unter Gabriel Boric die seines extrem unpopulären Vorgängers, des Multimilliardärs Sebastian Piñera, ablösen. Das Bündnis „Apruebo Dignidad“ verfügt in keiner der beiden Parlamentskammern über eine eigene Mehrheit – und wird sich deshalb um Allianzen mit anderen demokratischen Kräften im Kongress bemühen müssen. Aber zumindest – und das ist aus Sicht der Kindernothilfe-Partner vor Ort die gute Nachricht aus Chile – wird der Befreiungsprozess aus den Fesseln des extremsten neoliberalen Systems der Welt und der autoritären Verfassung des Pinochet-Staates weitergehen können.

Mit Chiles neuem Präsidenten Gabriel Boric lebt die Hoffnung auf eine demokratische, geschlechtergerechte, rechtsstaatliche, sozial gerechtere, die Umwelt und die Minderheiten im Land schützende Grundordnung. Auch noch zwei Tage nach der historischen Stichwahl um das Präsidentenamt in Chil[...]

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9. Dezember 2021

„Time to Talk!“: Arbeitende Kinder über Kinderarbeit

Das Jahr 2021 wurde zum internationalen Jahr gegen Kinderarbeit ausgerufen. Weltweit haben viele Politiker*innen, Organisationen und Verbände dieses Thema aufgegriffen. Aber was sagen die Betroffenen selbst, die arbeitenden Kinder? Unsere Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Lea Kulakow berichtet von durchgeführten Kinderbefragungen und gegründeten Kinder-Komitees. Und sie stellt die Ergebnisse der „Time to Talk!“-Kampagne und die Forderungen der arbeitenden Kinder vor.

Der Einsatz der Kindernothilfe gegen Kinderarbeit

Die Kindernothilfe wurde gegründet, um mit Spendengeldern Kinder im Globalen Süden zu unterstützen. Ausgehend von Kinderpatenschaften in Indien entwickelten sich verschiedenste Projekte weltweit. Seit wann setzt sich die Kindernothilfe aktiv gegen Kinderarbeit ein?

Lea Kulakow: Eigentlich von Anfang an. Schon die ersten Patenschaften in Indien sollten Kinder vor Armut schützen und ihnen Bildung ermöglichen. Das sind wichtige Faktoren, um Kinderarbeit vorzubeugen. Armut und fehlendes Einkommen sind noch immer die häufigsten strukturellen Ursachen von Kinderarbeit. Deshalb setzt die Kindernothilfe bis heute auf diese Präventionsarbeit. Im Jahr 1998 gab es dann die „Global March“-Initiative. Dabei lag der Fokus auf dem Recht auf Schutz vor ausbeuterischer Kinderarbeit. Mittlerweile unterstützt der Kindernothilfe-Verbund weltweit rund 80 Projekte, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen. Und auch in der Advocacy-Arbeit ist das Thema Kinderarbeit eines unserer Kernthemen.

Die „Time to Talk!“-Kampagne für mehr Kinderbeteiligung beim Thema Kinderarbeit muss zunächst gründlich durchdacht, besprochen und geplant werden.
Die „Time to Talk!“-Kampagne für mehr Kinderbeteiligung beim Thema Kinderarbeit muss zunächst gründlich durchdacht, besprochen und geplant werden.

Unsere Kampagne zur Kinderbeteiligung „Time to Talk!“

Kinderarbeit ist ein komplexes Problem, das kontext-spezifische Lösungen benötigt. Arbeitende Kinder kennen dabei ihre eigene Situation am besten. Sie sollten daher unbedingt bei Gesprächen rund um Kinderarbeit mitreden. Aus diesem Grund haben die Kindernothilfe und terre des hommes die Kampagne „Time to Talk!“ ins Leben gerufen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Lea Kulakow: 2013 war die Kindernothilfe an der „Globalen Konferenz zur nachhaltigen Abschaffung von Kinderarbeit“ in Brasilien beteiligt. Die Konferenz wird alle vier Jahre von der Internationalen Arbeitsorganisation ausgerichtet. Damals zeigte sich, dass sich fast alle Staaten für dieses Thema interessieren und etwas dagegen tun wollen. Vertreter:innen von Regierungen und Ministerien diskutierten Lösungsansätze für ausbeuterische Kinderarbeit. Arbeitende Kinder und Jugendliche selbst kamen aber nicht zu Wort. Dabei haben sie nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention ein Recht darauf, bei allen sie betreffenden Themen und Belangen mitzureden. Um dieses Recht auf Partizipation arbeitender Kinder und Jugendlicher zu stärken, wurde das Projekt „Time to Talk!“ ins Leben gerufen.

Zur Befragung der arbeitenden Kinder wurden kindgerechte und partizipative Methoden genutzt, wie etwa Spiele, Zeichnungen und Body Mapping.
Zur Befragung der arbeitenden Kinder wurden kindgerechte und partizipative Methoden genutzt, wie etwa Spiele, Zeichnungen und Body Mapping.

Kinder berichten von ihren Erfahrungen und Bedürfnissen

„Time to Talk!“ möchte die Sicht der Kinder auf Kinderarbeit abbilden. Mädchen und Jungen sollten dabei gezielt von ihren alltäglichen Erfahrungen und ihren Bedürfnissen berichten. Weltweit erzählten uns also arbeitende Kinder von ihren Herausforderungen und ihren Wünschen und Träumen. Wie lief diese Befragung ab?

Lea Kulakow: An der Befragung haben rund 1.800 Kinder aus weltweit 36 Ländern teilgenommen. Im Vorfeld wurden dafür kinderfreundliche Befragungsmethoden entwickelt, damit es den Kindern und Jugendlichen leichter fällt, über ihre Erfahrungen und ihre Arbeit zu sprechen. Diese Methoden wurden zunächst gemeinsam mit beratenden Kinder-Komitees ausprobiert und verbessert, bis alle damit einverstanden waren. Dann haben über 50 lokal verankerte Partnerorganisationen die Befragungen durchgeführt. Sie haben mit den Kindern über ihre Arbeit sowie über Herausforderungen, Motivationen und Verbesserungsvorschläge gesprochen. Danach wurden die Ergebnisse analysiert und in einem großen globalen Bericht veröffentlicht.

Die Kinder-Komitees werden aktiv

Im Rahmen von „Time to Talk!“ wurden in 12 Ländern beratende Kinder-Komitees gegründet. Die darin beteiligten Kinder hatten die Möglichkeit, die Befragung und die Datenanalyse aktiv mitzugestalten. Welche Rolle spielen diese Kinder-Komitees heute?

Lea Kulakow: Die Kinder-Komitees haben sich weiterhin getroffen und die Ergebnisse der globalen Befragung diskutiert und geprüft. Auf Grundlage der Empfehlungen und Botschaften der 1.800 befragten Kinder und Jugendlichen haben sie eigene Aktionen veranstaltet. Dazu gehören Theateraufführungen, Demonstrationen oder Gespräche mit politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Weitere Aktionen waren Festivals, Radio-Sendungen, Fernsehauftritte und Poster-Aktionen. Die Kinder-Komitees haben dabei selbst entschieden, wen sie wie und mit welcher Botschaft adressieren möchten. Die Aktionen unterschieden sich je nach Kontext, politischer Situation und Ort des Kinder-Komitees. Unsere lokalen Partnerorganisationen haben die Kinder-Komitees beim Planen und Umsetzen der Aktionen unterstützt. Gemeinsam haben sie auch Risiken und Erwartungen besprochen.

Das Kinder-Komitee bei unserer Partnerorganisation Pasocap in Bolivien wurde aktiv: Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung demonstrierten die Mädchen und Jungen für mehr Schutz vor Gewalt.
Das Kinder-Komitee bei unserer Partnerorganisation Pasocap in Bolivien wurde aktiv: Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung demonstrierten die Mädchen und Buben für mehr Schutz vor Gewalt.

Die Ergebnisse von „Time to Talk!“

Die Befragung im Rahmen von „Time to Talk!“ bot arbeitenden Kindern aus verschiedenen Kontexten einen neutralen Raum, um ihre Perspektiven einzubringen. Das Interesse an der Kampagne war überwältigend. Was sind die zentralen Ergebnisse der Befragung?

Lea Kulakow: Die Ergebnisse und Forderungen der Kinder und Jugendlichen sind so divers und komplex wie die individuellen Lebensrealitäten der Kinder selbst. Spannend ist, dass es trotz der großen Distanzen und regionalen Unterschiede oft auf Gemeinsamkeiten und ähnliche Herausforderungen hinausläuft. In einer Analyse der Kernbotschaften der Kinder-Komitees haben sich unabhängig von der Weltregion fünf wichtige Forderungen herauskristallisiert:

  1. Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für Kinder und auch für Erwachsene
  2. Ein vereinfachter Zugang zu Bildung
  3. Mehr Schutz vor Ausbeutung und Diskriminierung
  4. Eine wirksamere Armutsbekämpfung
  5. Mehr Partizipationsmöglichkeiten bei wichtigen Entscheidungen, die Kinderarbeit betreffen
Drei Jungen in Tansania beteiligen sich an der „Time to Talk!“-Befragung. Über das Body Mapping teilen sie uns ihre Sicht auf Kinderarbeit sowie ihre Wünsche und Forderungen mit.
Drei Jungen in Tansania beteiligen sich an der „Time to Talk!“-Befragung. Über das Body Mapping teilen sie uns ihre Sicht auf Kinderarbeit sowie ihre Wünsche und Forderungen mit.

Die Forderungen der arbeitenden Kinder ernst nehmen

Mit diesen Forderungen bringen arbeitende Kinder also ihre Sicht auf das Thema Kinderarbeit zum Ausdruck. Nun ist es die Aufgabe der weltweiten Politik, die Perspektiven der Kinder ernst zu nehmen. Wer sollte sich unbedingt genauer mit den Ergebnissen der Kampagne und den Forderungen der Kinder auseinandersetzen?

Lea Kulakow: Wir alle. Kinderarbeit ist ein politisches, aber auch gesamtgesellschaftliches Thema. Natürlich trägt die Politik die Hauptverantwortung und muss entsprechende Gesetze formulieren und umsetzen. Aber oft ist Kinderarbeit auch in der Kultur und in Traditionen verankert und wird nicht als problematisch angesehen. Den Familien ist oft nicht klar, wie wichtig Bildung für gute Zukunftsperspektiven ist. Viele Kinder müssen sich daher zwischen Arbeit und Bildung entscheiden – oder stehen vor der großen Herausforderung, beides unter einen Hut zu bringen. Deshalb ist nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft gefragt. Vor allem Menschen im unmittelbaren Umfeld der Kinder, zum Beispiel Eltern, Lehrkräfte und Arbeitgeber*innen. Sie alle müssen die Gefahren und Risiken von Kinderarbeit erkennen und sich für die Rechte der arbeitenden Kinder einsetzen.

Auf „Time to Talk!“ folgt „Dialogue Works“

Seit Oktober 2020 wird die erfolgreiche Idee von „Time to Talk!“ durch die Kampagne „Dialogue Works“ fortgeführt. Sie basiert auf den Ergebnissen und Empfehlungen des Vorgängerprojekts „Time to Talk!“ und knüpft an die Erfolge und Lernerfahrungen an. Welchen Ansatz verfolgt „Dialogue Works“ und wo steht das Projekt heute?

Im Folgeprojekt „Dialogue Works“ treffen sich die Kinder-Komitees weiterhin. Sie sprechen über ihr Umfeld und über Bedingungen, um sicher arbeiten, spielen und leben zu können.
Im Folgeprojekt „Dialogue Works“ treffen sich die Kinder-Komitees weiterhin. Sie sprechen über ihr Umfeld und über Bedingungen, um sicher arbeiten, spielen und leben zu können.

Lea Kulakow: Bei Dialogue Works wird die Arbeit der Kinder-Komitees weitergeführt. Wir haben festgestellt, dass die Komitee-Struktur den Kindern und Jugendlichen einen wichtigen Raum gibt, sich über ihre alltäglichen Probleme und Herausforderungen auszutauschen. Zugleich können sie sich gegenseitig Rat geben und sich unterstützen. Mittlerweile haben wir weltweit über 30 Kinder-Komitees gegründet, die sich regelmäßig treffen und sich austauschen. Die politische Teilhabe spielt dabei eine zentrale Rolle, denn: Diese Kinder möchten mitreden! Sie haben eigene Meinungen und Perspektiven und möchten gehört werden. Dafür planen sie Advocacy-Events mit politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Mit ihnen sprechen sie dann über ihre Situation und ihre Forderungen.

Kinder-Komitees stärken arbeitende Kinder

„Dialogue Works“ soll Kindern mehr Raum geben, um sich besser und institutionalisierter bei lokalen und globalen Diskussionen zu beteiligen. Was ist das Ziel der Kampagne und welche Auswirkungen hat es auf die beteiligten Kinder?

Lea Kulakow: Das Ziel von den Gesprächen rund um „Dialogue Works“ ist, die Situation der arbeitenden Kinder und Jugendlichen konkret zu verbessern. Gleichzeitig steigert die Zusammenarbeit in den Kinder-Komitees aber auch das Selbstbewusstsein und die Kommunikationsfähigkeit der Kinder. Sie wissen jetzt viel mehr über Kinderrechte und politische Prozesse. Übrigens ist es mindestens genauso wichtig, dass Erwachsene lernen, Kindern und Jugendlichen richtig zuzuhören. Sie müssen bereit sein, ein Stück Verantwortung abzugeben. Auch daran arbeiten wir in den nächsten Jahren intensiv! Zum Beispiel auf der nächsten Weltkonferenz zu Kinderarbeit im Mai 2022. Hier werden die Stimmen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen hoffentlich endlich gehört!

Das Jahr 2021 wurde zum internationalen Jahr gegen Kinderarbeit ausgerufen. Weltweit haben viele Politiker*innen, Organisationen und Verbände dieses Thema aufgegriffen. Aber was sagen die Betroffenen selbst, die arbeitenden Kinder? Unsere Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Lea Kulakow berichtet vo[...]

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