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KINDERNOTHILFE-BLOG

Wir informieren Sie über unsere Projekte und teilen Alltagsgeschichten und persönliche Erfahrungen der Kinder und ihrer Familien. Ausserdem berichten wir über Themen wie Kinderarbeit, Kinderrechte und Kindesschutz sowie aktuelle Trends in der Entwicklungszusammenarbeit.

Viel Spaß beim Lesen!

15. April 2021

Das brasilianische Drama

Vor nicht allzu langer Zeit galt Brasilien als siebtstärkste Wirtschaftskraft in der Weltgemeinschaft als gefragter internationaler Partner. Der damalige Präsident Lula da Silva engagierte sich zudem für die Armutsbekämpfung im eigenen Land sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den demokratischen Prozessen: Brasilien konnte sehenswerte Erfolge aufweisen. Mehr als ein Jahrzehnt später, nach der bislang zweijährigen Amtszeit des ultrarechten Staatschefs Jair Bolsonaro, ist davon nicht viel übriggeblieben.

Indigener Häuptling mit Mundnasenschutz – es scheint, als würde Brasilien derzeit seine indigenen Völker zum Schweigen bringen. (© Kanaytô Xakriabá)
Indigener Häuptling mit Mundnasenschutz – es scheint, als würde Brasilien derzeit seine indigenen Völker zum Schweigen bringen. (© Kanaytô Xakriabá)

Heute ist die Arbeitslosigkeit in Brasilien so hoch wie nie zu vor, die einheimische Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Trotz der inzwischen mehr als 330.000 Covid-19 Toten hält die populistische Regierung weiter an ihrer Politik der Verharmlosung und des Nicht-Hinsehen-Wollens fest. Bei so viel Ignoranz und Starrköpfigkeit wundert es kaum, dass das südamerikanische Land inzwischen auf Platz zwölf der Rangliste der führenden Volkswirtschaften abgerutscht ist (Quelle Austin Rating). Auch in anderen Statistiken zeichnen sich erschreckende Entwicklungen ab: Im HDI, dem Index für die Einhaltung von Menschenrechten, ist Brasilien auf Platz 84 zurückgefallen, im Gini-Koeffizienten, der die Einkommensgleichverteilung misst, befindet sich das Land nur noch auf Platz 150 von 159 erfassten Staaten. Das einst gepriesene brasilianische Gesundheitssystem ist in Corona-Zeiten aufgrund der kopflosen Führung des Staatschefs und seiner Marionetten als Minister weitgehend zusammengebrochen. Statt Empathie für die Millionen Infizierten und Tausenden Hinterbliebenen von Covid-19 Opfern demonstriert der Präsident immer wieder seine Gefühlslosigkeit mit Sprüchen wie „Ich bin doch kein Bestatter“ oder „Wie lange wollen Sie noch weinen?“.

Indigene vor selbst errichteter Covid 19-Absperrung. So versuchen sie, sich selbst gegen, das Virus zu schützen. (© Agoho Pataxo)
Indigene vor selbst errichteter Covid 19-Absperrung. So versuchen sie, sich selbst gegen, das Virus zu schützen. (© Agoho Pataxo)

Management des Hasses

„Psychoanalytiker sehen in seiner knallharten Haltung ein politisches Kalkül und ein Management des Hasses“ schreibt Brasiliens größte Tageszeitung „Folha de São Paulo“ auf ihrer Titelseite der Ostersonntagsausgabe. Die Journalistin Eliane Brum von „El Pais“ geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bolsonaro macht aus dem brasilianischen Volk menschliche Versuchskaninchen“. Und auch der Leiter der Pastoral für Obdachlose, Pater Julio Lancellotti, geht in einem offenen Brief hart mit der aktuellen Regierung ins Gericht und schreibt: „Brasilien ähnelt einer Gaskammer, es ist wichtig, dass sich Organisationen und Bewegungen für das Leben und gegen einen Völkermord einsetzen“.

Es war Leonardo Ulreich Steiner, der deutschstämmige Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemalige Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, der das Drama von Brasilien in einem Live-Interview an das Onlineportal „Tutameia“ auf den Punkt brachte: „Dem Präsidenten (Bolsonaro, Anm. d.Red.) ist seine Menschlichkeit verloren gegangen“. Mit diesem einen Satz sprach er Millionen von Brasilianerinnen und Brasilianern aus der Seele. Neben der Pandemie ist es die zunehmende Armut, die der brasilianischen Bevölkerung immer mehr zusetzt. Laut Untersuchungen der Getulio-Vargas-Stiftung befanden sich im Monat Januar 2021 ca. 12,8 % der Bevölkerung, in etwa 27 Millionen Brasilianern, mit einem Einkommen von 1,30 Euro pro Tag an der absoluten Armutsgrenze. In einer Onlinekonferenz zwischen der brasilianischen Bischofskonferenz und europäischen Hilfswerken berichteten Bischöfe aus allen Landesteilen von einer bisher ungekannten Hungerkrise.

Leonardo Ulrich Steiner, deutschstämmiger Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemaliger Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz. (Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© CC BY 3.0)
Leonardo Ulrich Steiner, deutschstämmiger Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemaliger Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz. (Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© CC BY 3.0)

Illegale Goldgräber“ von der Regierung nicht verurteilt

In einer Zeit, in der ein Teil der Bevölkerung ums nackte Überleben kämpft, dringen im Schatten der Dunkelheit und des Lockdowns immer mehr illegale Siedler und Goldgräber in die brasilianischen Schutzgebiete ein. Dort brandroden sie, um im Boden nach Gold graben zu können und richten schwere Verwüstungen an. Das Institut für Weltraumforschung INPE verzeichnete im Pandemiejahr 2020 insgesamt 89.602 Brandherde, das sind sogar noch mehr Feuerausbrüche, als in dem uns allen in Erinnerung gebliebenen Vorjahr. Dass bei den Bränden Brasilliens Feuchtbiotop des Pantanals zu einem großen Teil von den Flammen verschlungen wurde, hat die Weltpresse in Corona-Zeiten größtenteils übersehen.

Auch die Gewalt gegen die Bewohner in diesen ländlichen Gebieten nimmt laut Landespastoral der CPT zu, Misereors langjähriger Projektpartner gilt hier als Brasiliens zuverlässigste Informationsquelle. CPT registrierte im Jahr 2020 insgesamt 178 Angriffen auf indigene und andere traditionelle Gebiete: ein neuer Höhepunkt an Gewalt. Besonders hart getroffen von den illegalen Angriffen ist das indigene Volk der Yanomami in Nordbrasilien. Nach Berichten der „Indigenen-Pastoral Boa Vista“ sollen sich mehr als 20.000 Goldgräber im Gebiet der Yanomami aufhalten. Unter Einsatz großer Mengen an Quecksilber verseuchen sie das Fluss- und Grundwasser in dem Tausende Quadratkilometer großen Gesamtgebiet und verursachen dadurch in der Region nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine ökologische Tragödie. Etwa 1.500 Kilometer weiter südöstlich, in der Kleinstadt Jacareacanga, griffen unmittelbar vor Ostern illegale Goldgräber den Sitz der Wakoborûn an, so nennt sich der Frauenverband der Munduruku, und plünderte dessen Büros. Misereor-Bischof Stefan Burger und Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel hatten dem indigenen Volk der Munduruku während der Fastenkampagne im Jahr 2016 einen Besuch abgestattet.

Auch Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles reiste im vergangenen Jahr in diese Region. Statt mit den Munduruku zu sprechen, flog Salles in einer Nacht- und Nebelaktion mit einer Militärmaschine direkt zu den illegalen Goldgräbern, die im Territorium der Munduruku Rohstoffe und sonstiges plündern. Dort hinderte er zunächst die Umweltpolizei IBAMA daran, die schweren Gerätschaften der Eindringlinge zu konfiszieren. Anschließend soll Salles die Goldgräber in die Hauptstadt geflogen haben. Gegen den Vorfall läuft derzeit ein Verfahren auf Bundesebene. Allerdings ist kaum mit schwerwiegenden Konsequenzen für den „Anti-Umweltminister“ zu rechnen.

Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© ISA)
Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. (© ISA)

Bedrohliche Gesetzesvorlage für Indigene

Ebensowenig wird erwartet, dass der Angriff der Goldschürfer auf die Munduruku-Frauen größere Konsequenzen nach sich zieht: Wie bei so vielen anderen Gewalttaten gegen Indigene wird er wohl als Bericht auf einem Blatt Papier in Aktenordnern verschwinden. Gleichzeitig droht sich die Lage der indigenen Völker um ein Vielfaches zu verschlechtern, wenn in den Unterausschüssen des Parlaments in Kürze der von Bolsonaro priorisierte und von Menschenrechtsorganisationen scharf verurteilte Gesetzesentwurf PL 191/2020 behandelt wird: Die umstrittene Gesetzesvorlage sieht vor, Energie- und Bergbaukonzernen einen freien Zutritt zu den indigenen Schutzgebieten zu verschaffen, indem sie den indigenen Völkern ihre Vetorechte beziehungsweise ihre Mitspracherechte entzieht.

„Der Gesetzesentwurf PL 191 verstößt gegen die brasilianische Verfassung. Es ist der Versuch von Politikern und Wirtschaftsbossen, sich die Bergbaureichtümer des Landes anzueignen und die nationale Souveränität Brasiliens in Gefahr zu bringen“, erklärt der Präsident des Indigenenmissionsrats CIMI, Erzbischof Roque Paloschi. Und weiter: „Unsere größte Sorge ist die Zerstörung des Planeten, dem sogenannten Gemeinsamen Haus. Eine Freigabe der indigenen Gebiete für den Bergbau würde die Invasion in indigene Gebiete, die Zerstörung des Waldes und die Vernichtung ganzer indigener Gemeinden mit sich bringen“.

In den brasilianischen Parlamenten macht sich unterdessen neben dem Bolsonaro-Clan auch der frisch gewählte Präsident des brasilianischen Unterhauses, Arthur Lira, für den Gesetzentwurf stark. Es besteht die Gefahr, dass sowohl das Unterhaus als auch der Senat den Entwurf annehmen. Bei so viel Druck auf indigene Territorien scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Hüter des Waldes dem Druck auf ihre Gebiete nicht mehr standhalten. Schon jetzt strömen jährlich immer mehr indigene Familien aus purer Not in städtische Randgebiete.

Neben so vielen schlechte Nachrichten, zum Schluss auch noch eine gute Meldung: Denn während Sie diesen Artikel lesen, bewegen sich in ganz Brasilien unzählige freiwillige Helferinnen und Helfer kirchlicher Einrichtungen und Basisbewegungen in Elendsvierteln und auf unwegsamen Straßen. Selbstlos und risikobereit kümmern sie sich mit Lebensmittelpaketen, Hygienemitteln und Medikamenten um jene Menschen, die ohne Hilfe von außen in den Abgrund stürzen würden. Neben den unermüdlichen medizinischen Kräften sind diese Freiwilligen die wahren Helden Brasiliens, in einem Kampf, den die Bolsonaro-Regierung nie angenommen hat.

Vor nicht allzu langer Zeit galt Brasilien als siebtstärkste Wirtschaftskraft in der Weltgemeinschaft als gefragter internationaler Partner. Der damalige Präsident Lula da Silva engagierte sich zudem für die Armutsbekämpfung im eigenen Land sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger[...]

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11. April 2021

Maruya: Rezept für gebratene Bananen

Eine der am häufigsten angebauten Früchte auf den Philippinen sind Bananen – in ganz vielen verschiedenen Sorten. Kein Wunder also, dass sie die Hauptzutat vieler Meriendas (Nachspeisen) sind. Maruya, gebratene Bananen, sind bei den Kindern in unseren Projekten besonders beliebt und in der Zubereitung ganz einfach.

Maruya
Maruya
Zutaten:
  • 10 harte Bananen
  • 1 Tasse Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • etwas Salz
  • 2 Eier
  • 1 Dose Kondensmilch
  • etwas Öl
  • etwas Zucker
Zubereitung:
  • Die Bananen längs durchschneiden,
  • Mehl, Backpulver und 1 Messerspitze Salz in einer Schüssel mischen,
  • Eier mit ½ Tasse Kondensmilch mixen und langsam unter das Mehl mischen,
  • Öl in einer tiefen Pfanne/im Wok erhitzen,
  • Bananenhälften in den Teig tauchen und braten oder frittieren, bis sie goldbraun sind,
  • auf Küchenpapier abtropfen lassen,
  • in Zucker wälzen und heiß servieren.

Eine der am häufigsten angebauten Früchte auf den Philippinen sind Bananen – in ganz vielen verschiedenen Sorten. Kein Wunder also, dass sie die Hauptzutat vieler Meriendas (Nachspeisen) sind. Maruya, gebratene Bananen, sind bei den Kindern in unseren Projekten besonders beliebt und in der Zuber[...]

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5. April 2021

Corona und die Kinder der Armut

Die Corona-Pandemie trifft weltweit die Kinder am härtesten, die ohnehin schon in großer Armut leben. Die Zahl der Hungernden wächst und die Situation von Kinderarbeitern verschlechtert sich.

Maria träumt von einem kleinen Laden, sie möchte Wassereis verkaufen, philippinische Süßigkeiten und Pommes Frites – „um meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“. Die 15-Jährige von den Philippinen hat ihren Traum aufgezeichnet, so ist er greifbarer – in einer Zeit, in der gar nichts mehr greifbar, nichts mehr planbar ist. „Ich wünschte, ich könnte mit dem Verkauf dieser Dinge Geld verdienen, um meiner Familie zu helfen.“

Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.
Maria von den Philippinen hat ihren Traum gezeichnet: einen kleinen Laden, um Geld zu verdienen und „meiner Familie zu helfen, besonders in der Pandemie“.

Corona hat Kinder auf der ganzen Welt in große Not gestürzt – vor allem die, die schon vorher in extremer Armut gelebt haben. „Die Covid-19-Pandemie hat starken Einfluss auf das Leben von Kindern und Jugendlichen weltweit und wirkt sich negativ auf Grundrechte wie das Recht auf Bildung, Gesundheit und Nahrung aus.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Kindernothilfe, die 2020 in Zusammenarbeit mit sechs lokalen Kinderrechtsorganisationen aus Bolivien (PASOCAP), Guatemala (CEIPA), Indonesien (PKPA), Kenia (WCY), den Philippinen (Kaugmaon) und Sambia (JCM) umgesetzt wurde. Mittels Befragungen, Zeichnungen – wie eben der von Maria – und Texten wurden über mehrere Monate hinweg Ansichten, Erfahrungsberichte und Botschaften von arbeitenden Kindern und Jugendlichen und ihren Familien zusammengetragen.

In vielen Ländern gelten Lockdowns und Ausgangssperren – und das schon seit vielen Monaten. Die dramatische Folge: In den ohnehin schon von großer Armut betroffenen Familien ist das Einkommen weiter gesunken. Einige Eltern hatten zuvor mehr als eine Einkommensquelle, doch die Pandemie hat dazu geführt, dass sie entweder arbeitslos geworden sind oder ihr Einkommen um bis zu 50 Prozent geschrumpft ist. Für die Familien bedeutet das vor allem eines: Sie haben nicht mehr genug zu essen.

Der Hunger ist allgegenwärtig

„Ich habe Angst, Corona zu bekommen und zu verhungern, weil es kein Essen gibt“, schreibt eine 15-jährige Haushaltshilfe aus Kenia im Rahmen der Studie. „Wenn wir Arbeit haben, haben wir gutes Essen. Aber wenn nicht, dann essen wir einfach alles, was wir kriegen können oder lassen Mahlzeiten aus“, berichtet ein 16-jähriger Müllsammler von den Philippinen. Und eine elfjährige Haarflechterin aus Sambia lässt ihre Verzweiflung durchklingen: „Das wenige Geld, das wir hatten, haben wir schon immer für Essen ausgegeben. Jetzt aber sind wir komplett von meinem Onkel abhängig, der nicht einmal seine eigenen Grundbedürfnisse abdecken kann.“

Laut Welternährungsprogramm besteht für mindestens 346 Millionen Kinder weltweit, für die zuvor Mahlzeiten in der Schule eine verlässliche tägliche Nahrungsquelle waren, aufgrund der Coronakrise jetzt große Gefahr für Mangelernährung und andere Erkrankungen. Zentrale Erkenntnis der Kindernothilfe-Studie: Die Ernährung arbeitender Kinder und ihrer Familien hat sich durch die Pandemie wesentlich verschlechtert. Kindernothilfe-Partnerorganisationen berichten von Kindern, die wochenlang nur Reis zu sich nehmen oder Gemüse von Plantagen stehlen, um etwas zu essen zu haben.

Die Seele leidet

Dazu mischt sich bei vielen Jugendlichen das schlechte Gewissen: „Seit Corona arbeite ich nicht mehr. Ich kann nicht helfen, meine Familie zu versorgen und kann nicht kaufen, was wir daheim brauchen“, bringt ein 15-jähriger Grabsteinreiniger von den Philippinen seine Sorgen auf den Punkt.

Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)
Die Pandemie hat zu einem drastischen Anstieg der häuslichen Gewalt geführt. (© Lars Heidrich)

Durch die Pandemie leiden auch die Seelen der Kinder. In Kenia wird ein Anstieg der Suizidrate bei arbeitenden Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Viele der Befragten müssen noch schwerere Arbeit leisten und sind von ausbeuterischer Kinderarbeit bedroht. Von den Philippinen häufen sich Berichte über Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung werden. Und aus Bolivien meldet der Kindernothilfe-Projektpartner PASOCAP einen Anstieg häuslicher Gewalt. „Ich höre meine betrunkene Mutter und wie meine Großeltern mit ihr streiten, weil sie nicht aufhört zu trinken“, erzählt ein elfjähriger Feldarbeiter aus Guatemala. Vor der Pandemie waren alle Familienmitglieder durch Arbeit, Schule oder andere auswärtige Verantwortungen eingespannt. Durch die viele Zeit zu Hause steigt auch die Gefahr der Konflikte.

Keine Schule mehr

„Ich habe aufgehört, zur Schule zu gehen. Man ist einfach die ganze Zeit daheim“, schreibt eine elfjährige Straßenverkäuferin aus Sambia die Situation auf den Punkt. Nach offiziellen Angaben sind etwa 1,6 Milliarden schulpflichtige Kinder in mehr als 190 Ländern von den Schulschließungen durch die Corona-Pandemie betroffen. Unter ihnen ein hoher Anteil von Mädchen, die vielleicht nie mehr in ihre Klassen zurückkehren werden.

Diese Entwicklung bestätigt auch die Kindernothilfe-Studie. Durch fehlende technische Möglichkeit haben viele Kinder kaum Zugang mehr zu Bildung. Distanzunterricht ist gerade in den ärmsten Regionen der Welt schlicht unmöglich. „Beim Homeschooling geben uns die Lehrer unsere Hausaufgaben übers Internet. Leider haben meine Eltern und ich kein Geld für mobile Daten. Deshalb gehe ich zu einer Bäckerei in der Nachbarschaft, um vom Parkplatz aus das kostenlose WLAN zu nutzen“, berichtet ein 16-jähriges Mädchen aus Indonesien. Computer, Smartphones oder Internetanschluss können sich viele Familien nicht leisten – wenn es sie denn überhaupt gibt. „Wir bekommen keinen Unterricht, weil die Gemeinde keinen Computer hat“, klagt ein 12-jähriger Textilarbeiter aus Guatemala. Und ein Bäckergehilfe aus seinem Nachbarort ergänzt: „Meine Arbeit hat wenigstens geholfen, die Schulgebühren zu zahlen.“ Viele Eltern können dieses Geld nun nicht mehr aufbringen.

Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)
Die weltweiten Schulschließungen betreffen 1,6 Milliarden Kinder. (© Kindernothilfe-Partner)

Tatsächlich schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, dass mittlerweile mehr als 463 Millionen Kinder weltweit für schulische Bildung nicht mehr erreichbar sind. Ein Teufelskreis: Denn ohne einen Schulabschluss bleibt nur die Arbeit in ausbeuterischen Verhältnissen. „Wir gehen jetzt täglich mit meiner Mutter zur Arbeit. Sie ist Maurergehilfin und ich arbeite mit ihr. Wir nehmen auch meinen achtjährigen Bruder mit, weil er nicht alleine zu Hause bleiben kann“, erzählt eine Zehnjährige aus Guatemala. So sind alle Tage gleich. Und abends sei sie dann immer „sehr müde“.

Hier versucht die Kindernothilfe, die größte Not zu lindern. Mit Lebensmittelpaketen, medizinischer Versorgung, Hygieneschulungen und Hausbesuchen, die unter strengen Corona-Vorschriften möglich sind, werden die Familien in den Projektgebieten betreut. Um den Weg durch diese Pandemie zumindest ein wenig zu erleichtern.

Die Corona-Pandemie trifft weltweit die Kinder am härtesten, die ohnehin schon in großer Armut leben. Die Zahl der Hungernden wächst und die Situation von Kinderarbeitern verschlechtert sich. Maria träumt von einem kleinen Laden, sie möchte Wassereis verkaufen, philippinische Süßigkeiten [...]

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24. März 2021

Eine Insel, zwei Welten

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten.

Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind meist Tagelöhner*innen, die in der Landwirtschaft, auf dem Bau und als Haushaltshilfen arbeiten oder sich als fliegende Händler:innen verdingen. In der Dominikanischen Republik verdienen sie noch immer mehr als daheim, wo es kaum Arbeit gibt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und zudem derzeit Schauplatz politischer Kontroversen zwischen Regierung und Opposition, die sich oft in gewaltsamen Protesten niederschlagen.

Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon im für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)
Das Grenztor zwischen der haitianischen Stadt Ounaminthe und Dajabón in der Dominikanischen Republik musste schon immer für Haitianer geöffnet werden, die auf dem binationale Markt Grundnahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu einem fairen Preis kaufen wollten. (© Jürgen Schübelin)

In den Grenzverkehr zwischen den ungleichen karibischen Nachbarländern mischen sich nach Ansicht der dominikanischen Regierung allerdings zunehmend Kriminelle, die mit Entführungen, Diebstählen oder Drogenhandel zu tun haben. Daher will Präsident Luis Abinader eine Mauer oder einen Zaun entlang der knapp 400 Kilometer langen Grenze bauen. „Wir wollen der illegalen Einwanderung, dem Drogenhandel und dem Schmuggel gestohlener Fahrzeuge ein Ende setzen. Seit langem leiden wir unter diesen Problemen“, sagte Abinader Ende Februar. Derzeit sind gerade mal gut 20 Kilometer der Grenze mit einer Art Zaun gesichert.

In der Dominikanischen Republik mit ihren knapp elf Millionen Einwohner*innen leben nach offiziellen Schätzungen knapp 800.000 haitianische Eingewanderte und Geflüchtete. Nur sehr wenige haben eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Massenabschiebungen sind an der Tagesordnung. Seit Beginn des Jahres hat die dominikanische Armee rund 40.000 Haitianer*innen aufgegriffen, die versuchten, ohne Papiere über die grüne Grenze in die Dominikanische Republik zu gelangen.

Der Bau des Grenzwalls zwischen den beiden Staaten, die sich die Insel Hispaniola teilen, soll in der zweiten Jahreshälfte beginnen und binnen zwei Jahren fertiggestellt sein. Abinader denkt dabei offenbar an eine Hightech-Sicherung; Bewegungssensoren, Radargeräte und Infrarotkameras sind geplant. Veranschlagte Kosten: 100 Millionen Dollar.

In der Bevölkerung halten viele nichts davon

Fachleute sind entsetzt, die dominikanische Bevölkerung zum Teil verständnislos. „Solange unsere Regierung nicht mal die Krankenhäuser zu Ende baut und der Gesundheitssektor dahinsiecht, sollen sie kein Geld in eine Mauer nach Haiti stecken“, erzürnt sich eine Einwohnerin von Dajabón, einer dominikanischen Grenzstadt im Norden des Landes.

Die karibische Mauer auf Hispaniola solle dem Beispiel der Trump’schen Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko folgen, was „sehr schlecht ankommt“, kritisiert der Soziologe Juan Miguel Pérez von der Universität UASD in der Hauptstadt Santo Domingo. Aber die Haitianer*innen müssten in der Dominikanischen Republik traditionell als „Sündenbock“ für alles herhalten, was in dem Land schlecht laufe. Mit dem Plan einer Grenzbefestigung würde der Mitte-Links-Präsident eine Konzession an die konservativsten Kreise seines Landes machen.

In den Augen von Menschenrechtler:innen ist das Projekt ein Rückschritt für die gesamte Insel. Die Mauer verschärfe die „permanente Verfolgung“ der Menschen aus Haiti, sagt William Charpentier, Koordinator der dominikanischen Nichtregierungsorganisation Menamird. Es sei bedauerlich, dass die neue Regierung nicht mal „die minimale Würde und die Rechte der Migranten“ respektiert. Die Mauerpläne befeuerten „Ressentiments und Rassismus“.

Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer - in Haiti Río Masacre (!) genannt - soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)
Unmittelbar am dominikanischen Dajabón-Ufer – in Haiti Río Masacre (!) genannt – soll ein Grenzzaun, bzw. eine Grenzmauer errichtet werden. (© Jürgen Schübelin)

Eine tiefsitzende Abneigung gegen die Menschen aus dem Nachbarland ist sozusagen Bestandteil der kollektiven DNA der Dominikaner*innen. Sie ist zum Teil historisch bedingt, aber auch Ergebnis jahrzehntelanger Politik. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht im Wahlkampf versprochen hätte, die Einwanderung aus Haiti zu stoppen.

Haiti und die Dominikanische Republik trennt viel – die komplizierte Kolonialgeschichte, die Sprache, die Armut und eben auch die Einwanderung. Haitianer*innen haben in den vergangenen Jahren auf der dominikanischen Seite der Insel immer ihr wirtschaftliches Heil gesucht. Während die Dominikanische Republik durch den Tourismus, die Lohnveredelungsbetriebe für US-Unternehmen und auch durch die Migration von Millionen Dominikaner:innen in die Vereinigten Staaten zu einem bescheidenen Wohlstand kam, hat Haiti den Weg aus dem Teufelskreis aus Armut, politischer Instabilität und Wirtschaftskrise nie gefunden. Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben von 2010 haben auch ihren Teil zu der deprimierenden Situation in der früheren französischen Kolonie beigetragen.

Die Dominikanische Republik will an der Grenze zu Haiti eine Mauer bauen – angeblich um Kriminelle abzuhalten. Jeden Morgen, wenn die Tore an den vier Grenzpunkten zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik geöffnet werden, strömen Tausende Menschen aus Haiti in das Nachbarland. Es sind [...]

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Sauberes Trinkwasser: für Milliarden Menschen unzugänglich

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit.

Die Zahlen sind schockierend: nach aktuellen Schätzungen haben rund 2,2 Milliarden Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. 4,2 Milliarden leben ohne grundlegende sanitäre Einrichtungen. Davon hat rund die Hälfte keine eigene, anständige Toilette und zwei Drittel keine Möglichkeit, die Hände zu waschen. Und das inmitten einer weltweiten Pandemie. In einer hochtechnisierten Welt ist dies eine schwer vorstellbare Realität – mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Betroffenen.

Wasser ist Leben, Nachhaltigkeit und Empowerment

Jedes Lebenwesen und jedes Ökosystem auf unserem Planeten ist auf Wasser angewiesen. Auch unser gesamtes Wirtschafts- und landwirtschaftliches System, unsere gesamte Versorgungsstruktur ist von Wasserressourcen abhängig.

In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)
In vielen benachteiligten Regionen gibt es keine gesicherte Trinkwasserversorgung. (© Kindernothilfe)

Sichere Trinkwassersysteme und angemessene sanitäre Einrichtungen sind unerlässlich, um ein nachhaltiges Wachstum von Städten und Gemeinden zu gewährleisten. Ohne die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse wird unsere Fähigkeit, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Arbeitsplätze und Lebensgrundlagen zu schaffen, leiden.

Weltweit scheinen wir uns fast an die Tatsache gewöhnt zu haben, dass Frauen und Mädchen jeden Tag bis zu 200 Millionen Stunden damit verbringen, durchschnittlich sechs Kilometer zu laufen, um Wasser zu holen. Sie spielen damit eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung, dem Management und dem Schutz von Wasser. Doch genau diese Aufgabe bedeutet für viele von ihnen ein Hindernis für den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder Arbeit. Dadurch werden ihre Zukunftsperspektiven und Entwicklungschancen stark eingeschränkt.

Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)
Wasserversorgung ist in vielen armen Ländern Frauensachen. (© KNH Partner)

Es gibt unzählige Beispiele, wo der Mangel an Wasser oder sanitärer Versorgung Auswirkungen auf Menschen auf der ganzen Welt hat. Aber das offensichtlichste und aktuellste ist die laufende COVID-19-Pandemie.
Milliarden von Menschen stehen dieser Pandemie ohne grundlegende Handwaschmöglichkeiten gegenüber. Gesundheitsdienstleister in einigen der am wenigsten entwickelten Länder haben kein fließendes Wasser zur Verfügung. Diese Tatsache ist in einer Zeit, die von Überfluss und Innovationen geprögt ist, nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil, der globalen Ungleichheit kann und muss zum Handeln anspornen.

Wasser für nachhaltige Entwicklung

Das Erreichen und die Gewährleistung von „Wasser und sanitärer Versorgung für alle“ (SDG 6) wäre ein Gewinn für alle Beteiligten. Wasser ist ein Menschenrecht und ein Wirtschaftsgut. Aber auch ein SDG-Beschleuniger, der den Fortschritt bei jedem anderen Nachhaltigen Entwicklungsziel erleichtert. Daher müssen sich die globalen Bemühungen an einem nachhaltigen und integrierten Wassermanagement ausrichten.

Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)
Wasser zum Händewaschen ist keine Selbstverständlichkeit. (© Kindernothilfe-Partner)

Es bedarf greifbarer, konkreter Maßnahmen für Menschen auf der ganzen Welt. Dazu zählen die finanzielle Unterstützung von Aktivitäten im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung und der verstärkte Aufbau von entsprechenden Kapazitäten. Dabei sind Länder in besonderen Situationen zu berücksichtigen und zu priorisieren, insbesondere LDCs, LLDCs und SIDS. Außerdem muss alles unternommen werden, um diejenigen zu unterstützen, die die Hauptlast des Wassermangels tragen: Frauen und Mädchen.

Nationale Regierungen allein können die 2030-Agenda nicht erreichen, und ein starkes Engagement aller Stakeholder ist für die Erreichung der SDGs unerlässlich. Daher ist es wichtig, Akteuren aus verschiedenen Sektoren – von der Zivilgesellschaft über die Wissenschaft bis hin zum Privatsektor – die Möglichkeit zu geben, sich in vollem Umfang zu beteiligen. Gerade junge Menschen und Grassroot-Organisationen können aufgrund ihrer Unmittelbarkeit, Flexibiltät und Agilität wertvolle Treiber in diesem Prozess sein, in dem es auch darum geht, neue Technologien und Ansätze zur Stärkung wasserbezogener Ziele und Aktivitäten einzuführen.

Wasser ist nicht nur Flüssigkeit in einer Flasche … seine An- oder Abwesenheit bedeutet so viel mehr. Es geht um Würde. Es geht um Möglichkeiten. Es geht um unsere Gesundheit und unsere Fähigkeit zu überleben. Und es geht um Gleichheit.

Volkan Bozkir

Weltwassertag 2021: „Wertschätzung von Wasser“

1993 hat die UNESCO den 22. März zum Weltwassertag erklärt, um auf die Bedeutung von Wasser als zentrale Lebensgrundlage aufmerksam zu machen. Unsere eigene persönliche Wertschätzung diese überlebenswichtigen Ressource hat sich während der Covid-19-Pandemie drastisch gezeigt. Diejenigen von uns, die einen Wasserhahn haben, haben fleißig das Händewaschen mit Wasser und Seife verstärkt. Gleichzeitig haben 2,5 Milliarden damit zu kämpfen, überhaupt Zugang zur täglichen Grundmenge zu haben.

Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)
Ohne Wasser kein Leben (© Jakob Studnar)

* Aus der Rede Volkan Bozkir, Präsident der 75. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen, vom 18. März zur Umsetzung der wasserbezogenen Ziele und Vorgaben der 2030-Agenda.

2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch bleibt einem Drittel der Weltbevölkerung dieses Grundrecht nach wie vor verwehrt. Und damit des Recht auf Gesundheit. Die Zahlen sind schockierend: nach aktuelle[...]

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